Blume & Ince 40: Dialog zu Karl Marx und Friedrich Engels

Seitdem ich noch vor der Einschulung während einer schmerzhaften Zeit im Krankenhaus das Lesen lernte, wandere ich gerne durch die Welt der Texte. Doch um ein Thema wirklich zu verstehen, muss ich mit jemandem darüber sprechen. Der Podcast- und inzwischen auch Videocast-Dialog mit Prof. Dr. Inan Ince bedeutet mir auch deswegen viel. Als ich die Einführungsrede für die Wasserextreme-Tagung heute in Stuttgart-Hohenheim schrieb, wirkte auch Folge 2 (!) zu Wasser & Werten aus Blume & Ince nach.
Für die Folgen 40 und 41 haben Inan & ich uns zwei bzw. vier Denkende vorgenommen, die in unserer Biografie eine große und jeweils unterschiedliche Rolle gespielt haben: Inan entstammt einer türkisch-linksorientierten Familie und wuchs in Berlin auf, wo Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) noch einen guten Klang hatten. Meine Eltern waren dagegen der DDR entkommen und hatten den Marxismus-Leninismus als ideologischen Zwang und als praktisch gescheitert erlebt.
Würde uns ein sachlicher, ehrlich interessierter Dialog dazu gelingen?
Wir haben es versucht – und genossen.
In der Folge 40 von Blume & Ince diskutierten wir im neuen Studio (“Staffel 2”) über “Karl Marx, Friedrich Engels & das preußische Patriarchat”. Screenshot: Michael Blume
Und wollen dann in der nächsten Folge 41 über den erkenntnistheoretischen Liberalen Karl Popper (1902 – 1994) und den Rechtsliberalen, fast Libertären Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) sprechen. In Folge 42 wollen wir dem Hörerwunsch nachkommen, über die Gefahren von KI zu sprechen.
Hier also Folge 40 von Blume & Ince “Marx, Engels & das preußische Patriarchat” auf podigee und hier auf YouTube:
Auch bei allen gängigen Podcast-Anbietenden findet Ihr “Blume & Ince”. Wir übernehmen weiterhin gerne alle Kosten – und wollen keine Spenden und keine andere Bezahlung als Euer Interesse und Eure Rückmeldungen. Denn soviel wir auch lesen – verstehen tun wir erst im Dialog.

Während ich diese hochinteressante Folge angehört habe, hatte ich ein aktuelles Bild vor Augen. Unternehmenschefs im Kanzleramt.
Was sollen junge Menschen aus diesem Bild mitnehmen? So falsch es sein mag, Lösungen bei Marx zu suchen, so sehr verstehe ich das angesichts des genannten Fotos. Frauen sind auf diesem Bild absolut unterrepräsentiert. Frauen kämpfen schon seit Jahrhunderten um Gleichberechtigung und Anerkennung. Die Werke von Komponistinnen oder Malerinnen wurde nicht als gleichwertig anerkannt. Und die Botschaft des erwähnten Fotos ist unmissverständlich: Frauen – ihr habt keine Chance.
Sehr gut fand ich den Hinweis, dass Marx und Engels Kinder ihrer Zeit waren. Das wird häufig vergessen. Oder man misst bewusst mit heutigen Maßstäben.
Es fällt schwer, Werk und Person voneinander zu trennen. Richard Wagner ist ein Beispiel dafür. Seine Diffamierung jüdischer Komponisten hat massiv geschadet. Wer die Musik Wagners liebt, wird sich auch mit der Person auseinandersetzen.
Insgesamt drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir uns historisch noch viel zu wenig mit der Zeit des 19. Jahrhunderts beschäftigen. Das gilt auch für die 1950er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Immer noch überwiegt die Vorstellung, dass es eine Zeit mit “Sissi-Zuckerguss” war. Aber das stimmt ja so nicht. In der deutschen Filmindustrie wurden auch Filme wie “Des Teufels General” gedreht. Bereits 1955 waren die Ereignisse vom 20. Juli 1944 Inhalt zweier Filme. “Der 20. Juli” von Falk Harnack und “Es geschah am 20. Juli” von G.W. Pabst.
Eine Frage stelle ich noch: Wenn in unserer Zeit die Antworten auf wirtschaftliche Themen nicht mehr bei Marx gefunden werden, gilt dann das Prinzip des “Manchester-Kapitalismus”? Denn der hätte ja dann letztlich doch über Marx gesiegt. Unternehmensvorstände im Kanzleramt – es wäre ein Zeichen der Parität, würde ein solches Foto mit dem Kanzler auch mit den Spitzen der Gewerkschaften erscheinen. Viel Hoffnung habe ich da nicht.
Lieben Dank für Ihr Interesse & Ihre Nachfrage, @Marie H.
Zwischen Marx & Marxismus einerseits und Smith & Manchester-Kapitalismus andererseits bestehe ich post-dualistisch auf der Perspektive einer Frau: „Jenseits von Markt und Staat“ von Elinor Ostrom (1933 – 2012):
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/
Entsprechend würde ich auch Wirtschaftspolitik immer vielfältig ausrichten und keineswegs nur auf die Großindustrie fokussieren. Gerade auch Baden-Württemberg ist ein Land des Mittelstandes, der Bildung, kommunalen Energie- und Wasserverbände usw.
Interessant finde ich jedoch, dass inzwischen selbst große Konzerne für die Fortsetzung der Energiewende plädieren:
Der Energieversorger Vattenfall warnt vor einer verlangsamten Energiewende und dringt auf die konsequente Abkehr von fossilen Energieträgern. Robert Zurawski, Chef von Vattenfall Deutschland, sagt der “Süddeutschen Zeitung” (SZ): “Europa bleibt nur wettbewerbsfähig, wenn es fossile Energie hinter sich lässt. Nicht umgekehrt.”
https://www.n-tv.de/politik/Vattenfall-Chef-widerspricht-Wirtschaftsministerin-Reiche-article25912750.html
Erneuerbare Energien sind Friedens- und auch Wohlstandsenergien, zumal die Wertschöpfung nicht an Ressourcenfluch-Regime abfließt.
Das Foto dieser Versammlung vor dem Kanzleramt hat mir (einem alten weißen Mann) fast die Haare zu Berge stehen lassen. Da habe ich den Eindruck, dass man die beiden Frauen vor der Aufnahme schnell noch nach vorne geschickt und sie an den Seiten zum Einrahmen drapiert hat. Das hat aber nicht gereicht, um bei mir den Eindruck zu verhindern, dass hier die Folgen von mehr als 40 Jahren Ignoranz (oder noch mehr – seit wann steht noch mal Artikel 3 Absatz 2 im Grundgesetz?) in den obersten Etagen der Wirtschaft nur allzu überdeutlich demonstriert wird.
Gerade die sollen jetzt dem Land den Weg in die Zukunft weisen? Irgendwie hab ich da so gewisse Zweifel.
Dazu passt auch die Ablehnung einer Kandidatin für das Verfassungsgericht…
Und sonst:
Musk, Bezos, Zuckerberg… – wo sind die Milliardärinnen?
Egal wo, nur Machos!
Soziologisch, politisch, ökonomisch und gerade psychologisch sind für mich drei Begriffe zentral: Anspruch, Rechtfertigung und Berechtigung.
Egal ob es sich um dem Anspruch nach wissenschaftlichen Theorien handelt, nach Sicherheit, Nahrung und Bedürfnisbefriedigung, Ableitungen daraus werden immer gerechtfertigt. Ob sie stimmen oder nicht, es also um wahr oder unwahr geht, spielt nach Maren Urner eine untergeordnete im politischen Spiel. Auch persönlich spielt die Meinung, trotz wenig Ahnung, manchmal mehr als Erkenntnis.
Egoismus geht vor Altruismus.
Berechtigung ist in der Folge die Frage der Macht und des Machtinstrumentes.
Was berechtigt mich zu fordern und was gibt jemandem das Recht, Absolution für Handlungen zu erteilen.
Zentrale aktuelle Fragen zu Identität, Ideologie, Theorie und Ideengeschichte.
Was nehme ich her, argumentiere, um Durchsetzung möglich zu machen?
Zugegeben, es hätte auch zum Artikel ‘Dualismus und Demokratie’ gepasst, aber es passt auch hier.
Es sind die immer wiederkehrenden drei Grundbegriffe, die individuell und gesellschaftlich Bedeutung haben; ständiges Hinterfragen.
Insofern habe ich etwas zu GWG- Geld/Ware/Geld und Aktualität vermisst.
Danke für das Interesse und der Mitteilung Ihrer Gedanken, @Mussi, die ich leider nur teilweise nachvollziehen kann.
Zu Geld und Vertrauen gibt es auf “Blume & Ince” eine frühe Podcast-Folge “Was ist eigentlich Geld”, ein Videocast wurde es ja erst später:
https://blumeundince.podigee.io/4-new-episode
Über die gerade erschütterte Praxis des Petrodollar hatte ich neulich einen Vlogpost gemacht:
https://www.youtube.com/shorts/s6XvhTNg68Y
Interessant ist aber auch, dass Donald Trump gerade den wankenden US-Dollar mit Krypto-Stablecoins verbunden hat:
Vergangene Woche unterzeichnete US-Präsident Donald Trump den „Genius Act“. Das Gesetz schreibt den Anbietern von Stablecoins in den USA vor, dass sie ihre Token ausschließlich in Dollar und mit liquiden Mitteln wie Bargeld oder kurzfristigen US-Staatsanleihen unterlegen müssen. Außerdem müssen sie die Zusammensetzung ihrer Reserven monatlich offenlegen.
https://www.focus.de/finanzen/boerse/staatsschulden-wie-trump-die-krypto-szene-zu-seinem-komplizen-macht_d24ca4d9-8f31-4433-9dce-880581417141.html
Dies erzeugt zwar kurzfristig eine Nachfrage nach Dollars und vor allem US-Staatsanleihen, was deren Zinsen senkt. Es könnte jedoch im Fall einer Krise diese auch verschärfen – wenn Stablecoin-Anbieter Dollars verausgaben und Staatsanleihen wiederum verkaufen müssten.
Unsere Kritik an den Krypto-Bubbles finden Sie u.a. in Folge 17: “BitCoin bis JesusCoin – Begründen Blockchain-Kryptowährungen Verschwörungssekten?”
https://blumeundince.podigee.io/19-krypto-geld
Ihnen Dank für das Interesse und alles Gute!
… „eigl schade um die vielen seltenen Erden, die für Stahlknilche aufgebracht werden sollen, um deren blutigen Grund zu übertünchen: „homo sapiens sapientia“…
allein die Vorstellung könnte ein Gruselkabinett zur Puppenstube modelliern“ …
(aus „Metamorphosen des Komischen“, Bibliothek der ungeschriebenen Bücher, Jorge Louis Borges(
„sage
von einem
den Satz
von anderen
einen Gedanken“
mentalsports verabschiedet sich mit besten Wünschen sowie mit
freundlichen Grüssen
“Dialog
Nur zwei braucht es
ernsthaftes Zuhören,
verständliches Sprechen,
dann tritt das Dritte hinzu.
Doch es ist scheu,
Geschwurbel vertreibt es.”
Ihnen von Herzen alles Gute, @mentalsports
Ein Gespräch übers Anbauen von Kartoffeln, in denen sehr viele philosophische Fachbegriffe und viele Gedanken über das Verteilen von Kartoffeln vorkommen, aber keine einzige Kartoffel…
Ist ein Problem der Wirtschaftsphilosophie – sehr viele Kartoffeln füttern sehr viele Philosophen durch, wenn es gerade Kartoffeln regnet und sie nicht gebraucht werden, um in Kartoffeläckern zu schuften. Die letzten 500 Jahre sind ein Produkt moderner Technologie – sie knackte bislang unzugängliche Ressourcen der Welt, so konnten wir alles über Wirtschaft vergessen, was das Mittelalter noch wusste und jeder Schrebergärtner noch weiß, und wieder zu Jägern und Sammeln werden, mit Firmen, die als Nomaden umherstreifen.
Sehr viele Leute haben Recht, wenn sie es nicht beweisen müssen. Auch Linke auf Mastodon. Am Ende geht dann doch Probieren über Debattieren – Sie brauchten 1000 Theorien, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass eine richtige dabei ist, aber 999 sind auch dann Schwund, und deswegen bleiben Sie um Gottes Willen bei Debatten, wenn alle glücklich werden sollen, gehen aber zur praktischen Testreihe über, wenn Sie praktische Probleme zu lösen haben, denn 999 satte Loser sind immer noch besser als 999 Leichen, die Verteilungskämpfe verloren haben oder in selbst gebrauten Katastrophen umgekommen sind.
So gesehen, ist es logisch, dass Russland lange vor Großbritannien gefallen ist: Der Kommunismus des Ostens hatte weniger Ressourcen, um konkurrieren zu können, schraubte er die Uhr in fortschrittlichere Zeiten zurück und führte Feudalwesen und Leibeigenschaft wieder ein. Er wirtschaftete schlauer, aber er musste eben ackern, deswegen hatte er keine Chance gegen den Westen, wo das Manna vom Himmel regnete, weil er fast alle Ressourcen der Welt zum Verschwenden hatte. Das Manna ist alle, das Spiel ist wieder offen.
Marx war einfach seiner Zeit voraus, und das ist auch gut so (für uns, nicht für die Teilnehmenden) – nach 500 Jahren unbekümmert plünderndes Nomadenleben steht uns eine neolithische Revolution ins Haus, ab zurück zum Ackerbau. Da ist es schon gut, das erste, unbedarfte Experiment hinter sich zu haben. Die ersten Raketen der NASA sind ja auch explodiert.
Marx war für mich der Typ, der sehr gut mit dem Finger auf den Rauch zeigen konnte, aber ein mieser Feuerwehrmann. Wir sollten uns alle zusammentun, um das Feuer zu löschen, boah ey. So weit war ich auch schon. Nur, wenn wir’s versuchen, kommt zunächst ein „Null Bock!“ im Chor heraus und alle gehen nach Hause, bis das Feuer die ganze Stadt erfasst, danach gibt’s drei, die gemeinsam löschen, hundert, die jeder für sich löschen, der Rest ist mit Plündern, Zündeln und Panik beschäftigt, und das allgemeine Brüllen und Jammern wird nur vom Heulen des Bürgermeisters aus den Lautsprechern übertönt: „Arbeitet mehr und gebt mir euer GEEELD!“
Das heißt, damit eine Feuerwehr draus wird, braucht es eine Organisation, bei der einer den Boss macht und ein paar die Aufseher, und die werden erst mal versuchen, die Feuerwehr dazu zu kriegen, alle Häuser zu plündern, und da wäre es doch sehr schade, wenn das Feuer ausgehen würde – lieber hält man es am Kokeln und gibt Juden und Hexen die Schuld, dann kann man die Steuern erhöhen, um die wachsende Gefahr zu bekämpfen. Indem man sich ein paar goldene Paläste hinstellt und die Bücher verbrennt, die einem ins Handwerk pfuschen natürlich. Endet wie oben, dauert nur länger.
Der Kommunismus ist ein Kapitalismus, bei dem freie Unternehmer Apparatschiks heißen, privates Unternehmertum Korruption, Löhne und Gehälter Schmiergelder, aber es leben auch alle davon. Der Kapitalismus ist ein Feudalismus, bei dem die Feudalherren freie Unternehmer heißen, die Felder Firmen, der Zehnte Profit, man die Bauern ihre Gehälter nicht gleich an der Quelle aufessen lässt, sondern sie erst kassiert und dann zurückgibt, und man bislang so viele Bauern zu Verfügung hatte, dass es sich nicht lohnte, die Verantwortung für die Leibeigenen zu übernehmen, sodass man auf Wegwerf-Tagelöhner auswich. Die Unterschiede wurden von den Ressourcen geschaffen, die man zur Verfügung hatte – es gibt nur ein Wirtschaftssystem, und jeder Versuch, dabei mehr als nur Details zu ändern, führt so lange zum Scheitern, bis wir wieder Großbauernhof spielen.
Dennoch sind diese Details immens wichtig. Macht ja einen Unterschied, ob man Sklave des Staates ist oder Aktionär, ob man einen Betriebsrat wählen kann oder den Bossen hilflos ausgeliefert ist, ob man Sozialleistungen bekommt, oder nach Gebrauch weggeworfen wird.
Sozialismus lernen Sie nicht von Marx und nicht von den Sowjets, sondern von kapitalistischen Firmen – die haben die meiste Erfahrung mit der demokratischen Personalführung in einem System, das seine Brötchen als Kooperative verdient und dann umverteilt. Von den Sowjets lernen Sie, was man dabei alles falsch machen kann, aber Sie haben auch unzählige Firmen als Petrischalen, in denen das faire Zusammenspiel zwischen Führung, Betriebsrat und Arbeiterschaft klappt, ohne dass sie die Firma in Stücke reißen, statt sie zum Broterwerb zu nützen.
Im Moment steigern wir uns einfach nur in eine globale Massenpsychose hinein, so etwas wie einen religiösen Fanatismus der Allein Seligmachenden Geld-Weltkirche, der wir alle angehören: Wir mehren Hunger und nennen es Brot. Geld, Aktien, sind Forderungen, Versprechen, Wünsche, es ist Wollen, nicht Haben. Das Manna vom Himmel hat das Wissen über Brotbeschaffung überflüssig gemacht, wer das größte, hungrigste Maul hatte, wurde auch am schnellsten fett. Für die Ketzerei gegen das Naturgesetz, dass man von Nichts nicht satt werden kann, wurde der Pixel-und-Konfetti-Midas dazu verdammt, sich selbst aufzufressen.
So gesehen, hat Marx doch irgendwie Recht gehabt, wenn der den Untergang des Kapitalismus vorhersagte. Nur sind Leute sehr motiviert, wenn sie plündern und fressen dürfen, statt zu arbeiten, und werden sehr kreativ, wenn es darum geht, dass es möglichst lange dabei bleibt.
Das mit den Glutaugen ist so eine Sache. Ich bin genauso kaputt wie jeder AfD-Wähler, die gleiche Wut, die aus der gleichen Ohnmacht kommt. Und dennoch finde ich, dass diese Wut an die Rechten verschwendet ist. Denn selbst als aggressiver Miesepeter und Misanthrop kann ich Toleranz, Kooperation, Nächstenliebe, Mäßigung, Mitgefühl predigen – einfach weil selbst der bösartigste Zyniker sich nur der Logik und der Spieltheorie zu beugen braucht, um zu erkennen, dass das die erfolgreicheren Überlebensstrategien sind. Und ich kann von menschlichen Schwächen angepisst sein, ihr Recht auf Schwäche aber auch verteidigen und das Gute im Schlechten suchen, weil es einfach so ist, und ich nicht die Realität verleugnen möchte, nur um mich als Arschloch austoben zu können. Nicht, dass ich keine nette Seite hätte, aber das hat auch jeder AfD-Wähler, den ich kenne.
Die Rechten drücken aufs Gas, die Linken und Zentristen auf die Bremse. Einigt euch auf eine Richtung, die irgendwie Sinn macht und Erfolg verspricht, so ungefähr, glücklich sollen sich alle selber machen, wenn sie an einem Ort angekommen sind, wo das möglich ist. Und gebt endlich Gas.
Warum zum Teufel macht jeder das exakte Gegenteil davon, was er machen müsste, um seine Probleme zu lösen, wie ein trotziges Kind, dem es egal ist, wie selbst es sich schadet, solange es Mami weh tut?
Das moderne Europa hat mich von zwei Sachen geheilt – jeglicher Spur von weißer Überheblichkeit. Und von Mitgefühl mit den Kolonialisierten. Denn viele Völker haben sich genauso grausam und egoistisch selbst vernichtet, wie wir es gerade tun: Haben lieber vor den Mächtigen gekuscht und ihre Nachbarn, die im selben Boot saßen, verraten und verkauft (oft wörtlich, als Sklaven) – ich hab Mitleid mit denen, die ernsthaft versucht haben, zu überleben, nicht mit denen, die genauso auf den Knien um Vernichtung, Versklavung und Völkermord gebettelt haben, wie die Europäer es heute tun. Nicht die Weißen haben die Schwarzen unterjocht, die Starken haben die Schwachen unterjocht, immer und überall, und dass irgendwann die Starken und Schwachen unterschiedliche Hautfarben hatten, lag an verbesserter Transport-Technologie, die Unterjochung über größere Distanzen und Klimazonen hinweg ermöglichte, nicht an Kultur, Zivilisation, Rasse oder ähnlichem Quatsch.
Die Gleichheit aller Menschen – Marx hat sie nicht erfunden. War wohl der Teufel.
Doch dass die Menschen in ihrer Schwäche gleich sind und gerade das ihr Weg zur Erlösung, zur Gleichberechtigung, zur Augenhöhe und Zusammenarbeit ist – den Gedanken hat der Marxismus mit Christentum und Islam gemein.
Ich kann auch nur die internationale Kooperation, die Gleichheit aller Menschen, die kollektive Identität über allen regionalen Identitäten predigen. Warum? Weil die sture Dummheit der Masse eine gewaltige Macht in sich trägt, und diese Macht kann entweder auf ihre Selbstzerstörung gerichtet sein, oder auf ein gemeinsames Ziel. Dieses Ziel kann ein Weltkrieg sein, ein Holocaust, eine hirnrissige Religion. Aber auch auf die Rettung der Welt.
Werkzeuge sind neutral. Wirtschaft ist ein Werkzeug, um Brot auf den Tisch zu bekommen. Wenn Sie sich damit Aua machen, ist das Ihre Entscheidung, nicht die des Werkzeuges.
Nur eine Anmerkung: Die Weidewirtschaft der Eurasischen Steppe funktioniert seit über 8000 Jahren bis heute ökologisch nachhaltig, und das bei kärgsten Ressourcen (… vielleicht darum). Es sind die Ackerbauern, die die Erde verwüsten. Die Wälder roden. Den Boden auslaugen, bis nichts mehr geht, und dann fortziehen, den nächsten Wald zu roden.
@Marx und Marxismus
Es bleibt aber die Frage, wer wie viele Steuern zahlt. Das ist eine Grundfrage dabei, wie man Staat und Wirtschaft gestalten will.
Zunächst ist dies auch eine Frage der Gerechtigkeit. Steuern und Abgaben auf hohes Einkommen und auf Vermögen und Erbschaften sind nun schon eher niedrig.
Dagegen lohnt es sich für viele unqualifizierte Arbeitslose aufgrund teilweise miserabler Löhne nicht, arbeiten zu gehen. Hier sollten Steuern und Zuverdienstregeln zusammen so gestaltet sein, dass es sich eben immer lohnt, arbeiten zu gehen. Es macht keinen Sinn Einwanderer einzuladen, die diese Arbeit dann machen. Es wäre erstmal für die meisten Arbeitslosen sehr hilfreich, wenn die eine Beschäftigung und mehr Geld hätten. Und auch der Staatskasse und den Sozialkassen würde das sehr gut tun.
Eine andere Frage ist für mich schon sehr lange, wie man eine Wirtschaft mit freiwillig deutlich weniger privatem Konsum hinbekommen könnte. Hier fallen ja dann auch weniger Steuern an, man müsste also sehen, wie man das dann dennoch hinbekommt. Mehr Steuern auf Vermögen und Erbschaften einerseits wären dann hilfreich, aber auch deutlich kürzerer Arbeitszeiten bei gleichzeitig weniger Arbeitslosen.
Was noch sehr hilfreich wäre, dass wären sehr viel weniger Mitarbeiter im Öffentlichen Sektor, was mit dem konsequentem Einsatz von KI möglicherweise realisierbar wäre. Und auch umfangreiche Kostensenkungen im Gesundheitsbereich wären zu gebrauchen. Wenn es einfach nur gelänge, überflüssige Behandlungen wegzulassen, dann könnten doch mindestens ein drittel der Kosten im gesamten Gesundheitsbereich vermieden werden.
Wenn man das alles hinbekäme, hätte man doch eine deutlich entspanntere Lebensweise, und eigentlich auch endlich wieder mehr Platz im Leben für Kinder? Und mehr Zeit für Bildung. Und für die Energiewende. Das sind auch alles echte Zukunftsinvestitionen.
Danke, lieber @Tobias
Die Idee, an den eher sozialdemokratischen Ideen von Karl Marx wie der progressiven Einkommenssteuer anzuknüpfen, finde ich gut und spannend!
Gleichwohl gehen doch bei unserer derzeitigen Bundespolitik wiederholte Beschlüsse über Steuersenkungen vor allem für Reiche mit massiven Steigerungen der Gesundheits-, Renten- und Pflegegebühren vor allem für Arbeitende einher. Gleichzeitig wird aber wiederum gefordert, dass sich „Arbeit wieder lohnen“ müsse, um weitere Einschnitte bei Empfängerinnen und Empfängern von Bürgergeld zu rechtfertigen. Das Ganze wird garniert durch bereits riesige und schnell wachsende Steuerausgaben für Renten und Pensionen, um nicht auch noch die älteren Generationen zu verlieren plus einer gigantischen Neuverschuldung etwa für die Aufrüstung auf Kosten kommender Generationen.
Anlässlich einer Tagung gegen Islamfeindlichkeit habe ich gerade vor diesem rechtslibertären Trend der „Entsolidarisierung von oben gegen unten“ sowie der „Verrohung“ gewarnt:
Der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, sagte, nicht nur antisemitische oder muslimfeindliche Äußerungen hätten zugenommen. “Zugenommen haben generell Äußerungen, die andere herabwürdigen.” Dazu gehörten Beschimpfungen von Menschen mit Behinderungen oder von armen oder kranken Personen.
Es gebe eine öffentliche “Verrohung” und eine “Entsolidarisierung von oben gegen unten”, erklärte Blume. Zudem stelle er ein Ausspielen von Religionen gegeneinander fest. Das mache ihm große Sorgen. “Und wenn man das Verbindende betont, wird man angegriffen”, erläuterte Blume mit Blick darauf, dass er Hassmails von unterschiedlichen Seiten bekomme. In dieser Situation sei es “eine dumme politische Strategie”, wenn etablierte Parteien “den Rechtspopulisten nachlaufen”.
https://www.evangelische-zeitung.de/islam-experte-jeder-zweite-hat-antimuslimische-vorurteile
Ein wieder wirklich gerechtes Steuersystem, das auch die steigenden Sozialabgaben berücksichtigt, sehe ich derzeit leider nicht auf der bundespolitischen Agenda.
Wer zu den Senioren/Rentnern gehört, wird leider sehr oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Rentnerinnen und Rentner über ausreichend finanzielle Mittel verfügten.
Dem ist leider nicht so. Vor einigen Tagen habe ich gelesen, dass die sog. Bezahlkarte auch für Menschen mit der staatlichen Grundsicherung im Alter eingeführt werden soll. Obwohl ich selbst davon (noch) nicht betroffen wäre, macht es mir Angst. Ich möchte von keinem Politiker mehr das Wort Menschenwürde hören.
@Tobias Jeckenburger schreibt, man solle auf überflüssige Behandlungen verzichten. Grundsätzlich teile ich diese Meinung. Aber wer entscheidet, was überflüssig ist?
Vielleicht habe ich es übersehen, aber mir kommt der Aspekt der Kinderbetreuung zu kurz. Viele Frauen würden gerne mehr arbeiten, aber es fehlt an Betreuungsplätzen. Außerdem übernehmen immer noch vorwiegend Frauen die Pflege von Angehörigen und arbeiten daher oft nicht in Vollzeitstellen. Die Pflege im Heim ist sehr teuer. Angehörige von pflegebedürftigen Personen sind nach einiger Zeit an der Grenze ihrer psychischen und physischen Belastbarkeit. Darüber wird geschwiegen. Professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, können oder wollen manche nicht. Auch wer selbst eine private Pflegeversicherung abschließen will, kann von den Anbietern abgelehnt werden, wenn auch nur eine geringe Anzahl von Therapiestunden in Anspruch genommen wurden.
Letztlich geht es immer um Menschen, nicht um Schachfiguren.
Lieben Dank für Ihren Kommentar, @Marie H. 🙏
Und, ja, in der digitalen Konkurrenzdemokratie werden längerfristige Probleme fast nicht mehr bearbeitet, sondern verdrängt – und auf Dauer vergrößert.
So las ich gerade auf S. 1 der neuen ZEIT in einem Leitkommentar von Lenz Jacobson:
“Als Folge dieser doppelten Verführbarkeit von Parteipolitik und Medienöffentlichkeit droht in der Aufmerksamkeitsökonomie das demokratische Marktversagen. Die kleinen, spitzen Empörungen rauschen in hoher Frequenz durch, die großen Themen bleiben unbearbeitet. Sie werden abgeschoben in Strukturkommissionen, wie nun bei der Rentenpolitik.“
Ich finde diese m.E. richtig beschriebenen Zustände nicht nur falsch, sondern auch gegen die parlamentarische Konsensdemokratie unseres Grundgesetzes gerichtet. Wir haben mehrere Hundert vom Volk gewählte Abgeordnete im deutschen Bundestag, jeweils mit eigenen Mitarbeitenden, Fraktionsmitarbeitenden und einem wissenschaftlichen Dienst. Zudem könnten sie Fachleute, Verbände und Bürgerräte hören, sich mit Parlamentariern anderer Länder über Demografie, Renten und Pensionen austauschen. Warum genau also soll eine Rentenkommission am gewählten Parlament vorbei nichtöffentlich tagen und dann auch noch die Abgeordneten der Regierungsfraktionen durch Fraktionsdisziplin binden? Unser Bundestag hätte alle Möglichkeiten, mit überparteilichen Debatten, Initiativen und schließlich Gesetzen die Altersversorgung, das Gesundheits- und Pflegesystem ehrlich zu beraten, zu entwickeln, zu stabilisieren!
Seit den Parteien – Koalitionsverträgen von 1961 rutscht unsere Demokratie immer tiefer in die konkurrenzdemokratische Polarisierung, zuletzt beschleunigt durch die Digitalisierung. Beobachte ich.
Vielen Dank.
Kann es sein, dass durch die Einsetzung zB einer solchen Rentenkommission die Verantwortung für eventuelle Fehlentscheidungen von den Abgeordneten auf die Kommission abgewälzt werden können? Als Parlamentarier wäre man ja nur den Experten gefolgt.
Wer selbst Verantwortung übernimmt, wird vielleicht von der Partei nicht wieder nominiert oder von den Wählern nicht mehr gewählt.
Politiker mit Rückgrat und gesundem Selbstbewusstsein sind eh schon Mangelware.
Ja, @Marie H. – und ich beobachte, dass genau dieses kurzfristige Ausweichen unserem Bundestag auf Dauer schadet.
Denn klar können die gewählten Abgeordneten dann auf die von Parteichefs eingesetzten Kommissionen, Koalitionsausschüsse und Vorstände verweisen. Doch damit entmachten sie sich ja selbst und werfen schließlich die Frage auf, wofür wir Hunderte Abgeordnete wählen und bezahlen. Der Parlamentarismus untergräbt sich damit selbst.
Das ist auch der Punkt, der mich am Bundestags-Zögern nach der Anerkennung des IS-Genozides am Ezidentum so verstört.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/
Wenn der Bundestag als Legislative sogar einstimmig den Völkermord anerkennt, dann aber behauptet, nichts für die Verfolgten tun zu können – dann führen sich die Gewählten selbst gegen unser Grundgesetz als machtlos vor. Unsere parlamentarische Demokratie ist durch Parteipolitik tief gesunken – zu tief.
Vielen Dank für Ihren differenzierten Beitrag – Da sind gleich mehrere zentrale Stellschrauben, die für eine zukunftsfähige Gesellschaft entscheidend sind. Bei einigem kann ich gut zustimmen; wenn auch nicht bei allem.
Die Frage, wer wie viele Steuern zahlt, ist ein Kernpunkt jeder politischen und wirtschaftlichen Ordnung. Dass hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften im internationalen Vergleich eher moderat besteuert werden, ist gut belegt. Gleichzeitig erleben viele Menschen mit niedrigen Einkommen, dass sich Arbeit finanziell kaum lohnt. Hier braucht es eine kluge Balance aus Zuverdienstregeln, Mindestlohnpolitik, Renten und gezielter Förderung, damit sich Arbeit nicht nur lohnt, sondern auch soziale Teilhabe möglich wird. Übrigens beschrieb auch Marx schon die Entfremdung von der Arbeit. Aber wie bei vielen Dingen seit seiner Zeit, ist es heute bei weitem nicht mehr derart extrem.
Der Gedanke, dass wir nicht einfach Einwanderung als „Lückenfüller“ für unattraktive Jobs betrachten dürfen, ist wichtig. Eine inklusive Arbeitsmarktpolitik sollte allen Menschen – unabhängig von Herkunft – faire Chancen und Perspektiven bieten, statt strukturelle Probleme zu verschieben. Ein Argumente könnte auch die de facto Erpressung sog. Geringqualifizierter sein. “Mach es, oder ‘die’ machen es”. Einwanderern ist es in jedem Falle nicht übel zu nehmen. Die überwältigende Mehrheit sucht einfach ihr Glück in einer neuen Welt. Genauso wie meine Eltern damals.
Besonders spannend ist die Überlegung zu einer Wirtschaft mit weniger privatem Konsum. In der BWL wird das im Kontext der sog. “Suffizienzstrategie” diskutiert. Das stellt tatsächlich unser aktuelles Steuersystem vor Herausforderungen, da es stark auf Konsum (Mehrwertsteuer) und Erwerbsarbeit basiert. Eine mögliche Antwort könnte in einer stärkeren Besteuerung von Vermögen, Kapitalerträgen und Erbschaften liegen – kombiniert mit einer Arbeitszeitverkürzung, die Beschäftigung gerechter verteilt und Lebensqualität erhöht (Stichwort: Work-Life-Balance, mit der so einige Politikerinnen und Politiker ihre Schwierigkeiten haben). Wie Gregor Gysi schon oft sagte: Die Mitte zahlt die Steuern. Die Armen haben nichts und die Reichen schaffen es oft ihr Vermögen geschickt zu verschieben.
Die Vorschläge zur Effizienzsteigerung im öffentlichen Sektor und Gesundheitswesen sind diskussionswürdig. Der Einsatz von KI kann hier ganz sicher helfen – aber nur, wenn er ethisch, sozialverträglich und mit Augenmaß erfolgt. Gerade im Gesundheitsbereich ist Vorsicht geboten: Nicht jede „überflüssige“ Behandlung ist objektiv überflüssig – oft geht es um individuelle Sicherheit, Prävention oder psychosoziale Aspekte. Vom “Klassenkampf” (wenn wir schon mal dabei sind) zwischen Kassenpatienten und Privatversicherten will ich gar nicht erst anfangen.
Im Zweifel sollte lieber eine Untersuchung zu viel erfolgen, als zu wenig, wenngleich sich sogar hier die Geister scheiden.
Mehr Zeit für Kinder, Bildung und die Energiewende – das sind echte Zukunftsinvestitionen. Eine Gesellschaft, die sich diese Ziele setzt, braucht ein Steuersystem, das nicht nur Einnahmen generiert, sondern auch Verantwortung, Teilhabe und Nachhaltigkeit fördert. Jeder Mensch sucht einen Sinn im Leben und wir haben längst verstanden, dass das häufig (aber eben nicht nur) die Arbeit ist.
Herzlichen Dank für die Impulse!
@Michael 24.07. 03:42
„Gleichzeitig wird aber wiederum gefordert, dass sich „Arbeit wieder lohnen“ müsse, um weitere Einschnitte bei Empfängerinnen und Empfängern von Bürgergeld zu rechtfertigen.“
Immerhin hat man ein Problem erkannt. Aber mein Lösungsvorschlag wäre eben eine Anpassung von Steuern und Zuverdienstregeln. Wenn man zugleich insbesondere ganz gut Arbeitsfähigen ein wenig die Unterstützung kürzt, ist das für die Betroffenen dennoch von Vorteil. Die meisten Langzeitarbeitslosen leiden nicht nur unter Armut, sondern oft noch mehr unter Langeweile und Sinnlosigkeit.
Wie groß das Problem ist, kommt noch mal darauf an, wie teuer die Mieten sind, wo man wohnt, und ob noch Kinder im Haushalt leben.
„…plus einer gigantischen Neuverschuldung etwa für die Aufrüstung auf Kosten kommender Generationen.“
Für die fernere Zukunft in 10 oder 20 Jahren kann ich mir gut eine gewisse Zeitenwende vorstellen, in der die KI uns so viel Arbeit abnimmt, dass wir es einfach nicht mehr schaffen, das mit immer neuen Konsum wieder auszugleichen. Wir wären dann in einer schrumpfenden Wirtschaft inmitten von sehr hinreichenden Wohlstand, mit durchaus deutlich weniger Arbeitszeiten. Die bis dahin aufgelaufenen Staatsschulden kann man dann einfach bei Vermögen und Erbschaften eintreiben, ohne dass die Produktivwirtschaft da ein Problem mit hätte.
Insbesondere Arbeitseinsparung in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitsbereich werden hierbei hilfreich sein.
Da hoffe ich nun drauf. Und begrüße die aktuelle Aufrüstung, um einfach sicher zu gehen, dass Putin uns nicht angreift.
@Inan Ince 24.07. 07:27
„Ein Argumente könnte auch die de facto Erpressung sog. Geringqualifizierter sein. “Mach es, oder ‘die’ machen es”. Einwanderern ist es in jedem Falle nicht übel zu nehmen.“
Genau das sollte eben vermieden werden. Zumal auch viele Langzeitarbeitslose wiederum selber Migrationshintergrund haben. Arbeit muss sich lohnen, aber eben mit Zuschüssen und einfach hohen Mindestlöhnen, die auch wirklich durchgesetzt werden.
„Im Zweifel sollte lieber eine Untersuchung zu viel erfolgen, als zu wenig, wenngleich sich sogar hier die Geister scheiden.“
Wenn ich meine private Statistik betrachte, was schon alles an Überflüssigem von Ärzten vorgeschlagen und auch durchgeführt wurde, komme ich durchaus auf ein Drittel weniger Kosten.
„Jeder Mensch sucht einen Sinn im Leben und wir haben längst verstanden, dass das häufig (aber eben nicht nur) die Arbeit ist.“
Was dann eben mindestens genauso wichtig wie Geld und Konsum wäre. Und Investitionen in die Mitwelt oder in mehr Nachwuchs machen unmittelbar ihren eigenen Sinn. Was im konkreten Leben auch unmittelbar ankommt.
@Staatsschulden und Vermögens- und Erbschaftssteuern
Wenn der Staat Schulden macht, leiht er sich doch zunächst mal Geld von Vermögenden. Zuviel davon kann die Inflation anheizen.
Wenn der Staat stattdessen Vermögens- und Erbschaftsteuern eintreibt, verschwindet dasselbe Geld in der Staatskasse als beim Schuldenmachen. Inklusive dem möglichen Inflationseffekt, wenn man es übertreibt.
Genauso kann man recht entspannt sein, und erst mal Schulden machen, und das Geld später mit Vermögens- und Erbschaftsteuern wieder eintreiben. Das muss dann gar nicht nachfolgende Generationen belasten, nur halt die Kontostände bei den Vermögenden. Und die haben meistens immer noch genug.
Wenn sich da zu viel Geld ansammelt, dann kann das doch auch die Wirtschaft lähmen?
@Marie H. 24.07. 17:12
„Tobias Jeckenburger schreibt, man solle auf überflüssige Behandlungen verzichten. Grundsätzlich teile ich diese Meinung. Aber wer entscheidet, was überflüssig ist?“
Praktischerweise die Ärzte selber. Es soll aber nun öfter vorkommen, dass insbesondere manche Maßnahmen sehr viel Gewinn versprechen, und deswegen ohne medizinisch zwingend Grund vorgenommen werden.
Man hat ja jetzt auch versucht, diese Anreize zu reduzieren, indem die Kliniken eine guten Teil der Finanzierung durch das Vorhalten von Leistungen bekommen. Dann müssen sie nicht mehr genug z.B. Knieoperationen durchführen, um Gewinn zu machen.
Mit KI-Unterstützung kann ich mir aber gut vorstellen, dass die Krankenkassen damit sehr effektiv und ziemlich automatisiert die Behandlungen begleiten können, und eben sehr schnell herausfinden, was wirklich sinnvoll ist und was nur Umsatz machen soll.
Letztlich würde das nicht nur Kosten senken, sondern auch Aufwand beim Patienten einsparen, wie sogar manchmal auch gesünder sein.
Zu Materialismus und Idealismus, was ich nie bei Marx und Nachfolgern verstanden habe: Warum sie nie in die Zukunft denken.
Anders als Sie, Herr Blume, finde ich die Zuweisung von Weltanschauungen auf die damaligen sozialen Klassen intuitiv einleuchtend. Im Bild:
Der Fabrikherr steht auf dem Balkon vor seinem Büro in der obersten, der Chefetage des Verwaltungsgebäudes. Und er sieht herunter auf die zahlreichen Fabrikhallen, teils schon geerbt von seinem Vater, teilweise selber errichtet, und denkt für sich, bewundernd und mit Stolz: Oh mein Gott. Das alles hab ich geschaffen. Mein Innovationsgeist war es, meine Kreativität, die richtigen Produkte zu finden, die Marktlücken aufzuspüren, die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen, noch bevor sie selber erahnten, daß sie sie haben würden. Ich habe mir die besten Ingenieure eingestellt, diese Ideen umzusetzen; Händler, die die günstigsten Rohstoffe einkauften; schließlich habe ich mir Arbeiter eingestellt, die das alles an den für sie eingerichteten Maschinen bewerkstelligten. Und demütig denkt er sich: Oh mein Gott! Und so bist auch Du, mein Gott, der große Unternehmer, der die Welt ins Werk gesetzt hat. Der das alles hier wundersam erschaffen hat, und der Du zuletzt uns Menschen geschaffen hast, deine Mitunternehmer zu sein, Mitarbeiter an deinem großen Schöpfungswerk!
Aber der Arbeiter am Fließband denkt sich grummelnd: Du Doof! Wir sind es, die das alles hier erschaffen haben, wir, mit unserer Hände Arbeit, und all deine “Ideen” sind doch nichts als Hirngespinste, Luftgespinste, sie wären nichts ohne unsere Tätigkeit; und wenn wir den Laden hier einmal übernommen haben, dann werden wir dich weiterhin genau so wenig brauchen wie deinen “Gott”.
Aber was ist denn dann? Wo ist die Synthese? Wenn Unternehmer und Arbeiter sich nicht mehr antagonistisch, dialektisch gegenüber stehen, antithetisch, sondern wenn sie in eine Synthese aufgegangen sein werden unternehmerischer, sich selbst und ihre Fabriken verwaltender Arbeiter? Dann können doch Idealismus und Materialismus sich nicht mehr antithetisch gegenüber stehen; der Materialismus als die Weltanschauung der Arbeiterklasse wird sich auch nicht siegreich durchgesetzt haben – Weil es in dieser utopischen kommunistischen Gesellschaft den Arbeiter nicht mehr gibt? Er wird mit den Unternehmern aufgehoben sein im neuen Menschen. Und so müßten sich doch auch Materialismus und Idealismus aufheben – Ja, in was? einen Pantheismus? 🤔
Vielen Dank, @Alubehüteter – und gerne gehe ich auf Ihre Nachfrage(n) ein.
“Anders als Sie, Herr Blume, finde ich die Zuweisung von Weltanschauungen auf die damaligen sozialen Klassen intuitiv einleuchtend.”
Oh, das würde ich so gar nicht sagen: Auch ich halte Karl Marx (1818 – 1883) für einen guten Beobachter der Arbeiterschaft in Rheinpreußen, Paris und London, also im schon weitgehend industrialisierten Europa. Von den Zuständen der entstehenden Arbeiterschaften etwa in Russland oder Indien konnte er jedoch keine Anschauung haben.
Nicht Marx, sondern die ihn verwendenden Vertreter des Marxismus haben dann aus Marxens interessanten, aber unfertigen Thesen eine dualistische Ideologie geformt. Demnach hätte die Kommunistische Revolution durch These, Antithese und Synthese etwa in Großbritannien und Frankreich zur Revolution führen müssen. Tatsächlich aber geschah dies nicht – und als die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung in Russland 1918 nicht zu den von den Bolschewiki erwünschten Ergebnissen führte, ließ Lenin (1870 – 1924) die gewählte Vertretung mit Waffengewalt auflösen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_konstituierende_Versammlung
Die für seine Zeit und mitteleuropäische Industrieregionen durchaus anregende Arbeit von Marx war zu einer dualistischen und gewalttätigen Ideologie umgeformt worden. Das ist es, was mich stört.
Erkenntnistheoretisch halte ich den Hegelschen Dreischritt für sehr viel schwächer als den evolutionären Dreischritt. Perplexity.ai vermag dies zu erklären:
Dr. Michael Blume hält den evolutionären Dreischritt aus **Variation, Selektion und Reproduktion** für erkenntnistheoretisch weiterreichend als den klassischen ideengeschichtlichen Dreischritt **These, Antithese und Synthese**, weil der evolutive Ansatz einen tieferen Einblick in die *tatsächliche Entstehung und Entwicklung von Wissen und Ordnung* gibt. Während der Hegelsche Dreischritt eine idealistische, auf bewusste, zielgerichtete Synthesen gerichtete Modellierung des Denkens bleibt, beschreibt der evolutionäre Dreischritt einen offenen, prozesshaften Mechanismus, bei dem Vielfalt (Variation), Konkurrenz (Selektion) und dauerhafte Weitergabe (Reproduktion) zusammenspielen – oft ohne Plan oder zentrale Steuerung[1].
Blume betont, dass evolutive Prozesse spontan und absichtslos neue Strukturen und Ordnungen hervorbringen können, die menschliche Planung oder Vernunft allein nicht entwerfen könnten. Gerade für das Verständnis von gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Entwicklung – auch im Sinne Poppers kritischer Rationalität – reicht es nicht, Gegensätze bloß zu einer Synthese zusammenzuführen. Vielmehr entstehen erfolgreiche Ideen, Institutionen oder Handlungsweisen durch stetigen Wettbewerb und Anpassung vieler Varianten über die Zeit hinweg, wobei sich nur die am besten geeigneten durchsetzen und weiterverbreiten[1].
Erkennbar wird damit:
– Evolutionäre Prozesse erklären, warum nicht alles Geplante verwirklicht wird, sondern sich oft Unbeabsichtigtes erfolgreich durchsetzt.
– Die Vielfalt und Offenheit des evolutionären Modells vermeidet die Verengung auf bewusste Rationalität oder normative Ideale, wie sie im Dreischritt der These-Antithese-Synthese angelegt ist.
– Erkenntnistheoretisch wird deutlich, warum und wie *Lernen*, *Innovation* und *gesellschaftlicher Wandel* tatsächlich funktionieren: nicht als zielgerichtete Synthese, sondern als iterativer, dynamischer Selektionsprozess[1].
Blume sieht darin einen umfassenderen Rahmen zur Beschreibung realer Entwicklungsdynamiken in Natur, Gesellschaft und Wissenschaft als im mehr statisch-gedachten Schema von These, Antithese und Synthese.
[1] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-der-rationalismus-evolutionaere-prozesse-nicht-ersetzen-und-nicht-einmal-verstehen-kann/
[2] https://pub.ph-noe.ac.at/12/1/PaedfNOE_Band9_OA.pdf
[3] https://www.wolke-verlag.de/wp-content/uploads/2024/08/Roth_Aufs_Spiel_gesetzt_Ebook_2024.pdf
[4] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/FamilieReligionMarktwirtschaftHayekBlume2017.pdf
[5] https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783451827587.pdf
[6] https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/25/8b/d4/oa9783839475942125O3DlUCw3wq.pdf
[7] https://uplopen.com/books/3133/files/a5f41248-e81c-46a4-8c18-a61d46ff12b9.pdf
[8] https://brill.com/downloadpdf/display/title/69459.pdf
[9] https://www.steinbeis-sibe.de/wp-content/uploads/2021/09/SIBE_Festschrift_Faix.pdf
[10] https://www.gdcp-ev.de/wp-content/tagungsbaende/GDCP_Band35.pdf
1.
Als die beiden größten Köpfe ihrer Zeit galten Georg Friedrich Hegel und Graf Henry de Saint-Simon. Letzterer ist nie wirklich in Deutschland angekommen; um so wirkmächtiger wurde einer seiner Meisterschüler, Auguste Comte, der als Begründer der Soziologie gilt. Dreistadiengesetz: Hier hören wir schon Marx’ Einteilung (Dreiteilung) der Menschheitsgeschichte in Sklavenhaltergesellschaft – Feudalismus – “Industrialismus” im Wort Saint-Simons klingeln. Die Sehnsucht war, jemand möge die beiden, den idealistischen Hegel und den eher soziologisch-materialistischen Saint Simon mal miteinander verlöten. Der Clou von Marx: Das geht, indem wir noch die britische Nationalökonomie mit hineinpacken.
Hegel galt seinen Anhängern – so auch Marx – als Vollendung der Philosophie, als der, über den hinaus nichts Größeres mehr gedacht werden kann. (Als Reaktion darauf installierte der Katholizismus übrigens Thomas von Aquin (amtlich!) in diese Position). Aber Marx deutete diese Vollendung durch Hegel zugleich als Ende der Philosophie, nach der etwas Neues kommen solle: Eben eine Synthese aus Philosophie und Nationalökonomie. Nationalökonomie ohne Philosophie ist bloßes Faktengeraffel ohne Geist; Philosophie ohne Ökonomie, ohne Erdung, Halt in der Realität, mit Verlaub, brainfuck. Das ist das Projekt, Hegel vom idealistischen Kopf auf materialistisch-realistische Füße zu stellen. Es gilt, Aufgabe ist, die Realität, wie sie die Ökonomie abbildet – lehrt Saint Simon –, mit Geist zu durchdringen, kurz: zu verstehen.
Die entscheidende Relaistation dafür ist nun Feuerbach und der Begriff der Entfremdung. Nach Hegel schafft Gott die Welt. Er entäußert sich in ihr, prägt sich immer mehr in sie hinein, gibt immer mehr von sich in die Welt. Er entfremdet sich. Um sich selber wieder anzueignen, sich zu verstehen, um sich als den Schöpfer aus seinem Kunstwerk heraus zu verstehen, erschafft er schließlich den Menschen. Schrittweise entsteht in diesem ein Erkenntnisprozeß; das ist die Philosophie- und also (für einen Idealisten) die Menschheitsgeschichte.
Feuerbach dreht das Ganze nun um: Der Mensch erschafft sich Gott nach seinem Ebenbild. Und entfremdet sich so von sich selber. Je mächtiger, je prächtiger der Mensch Gott macht, desto ärmer, verarmter wird er selber. Das ist die Entfremdung.
Auftritt Marx: Aber das alles sind zwar prächtig gedachte, aber so dann doch noch nur Hirngespinste. Wo finden wir denn die Wirklichkeit, die sich hier in den Köpfen reflektiert? In der Entfremdung, und hier ist entscheidend, wörtlich zu lesen: In der Verelendung der Arbeiterklasse. Der Arbeiter gibt immer mehr hin von seiner Arbeit. Bekommt dafür aber nur kargen Lohn. Von dem Gewinn schafft sich der Kapitalist neue Maschinen an, die ermöglichen, die Arbeit noch mehr, noch effizienter auszubeuten. War der Weber auf seinem Heimwebstuhl noch ein Handwerker, der damit seine Familie ernähren konnte, zwang der mechanische Webstuhl auch seine Frau zur Mitarbeit; schließlich mussten auch noch die Kinder unter die Webstühle kriechen, um die Flusen einzusammeln. Der Lohn steigt nicht, er sinkt; das Kapital wird immer mächtiger. Diese Widersprüche, davon waren auch noch Lenin und Trotzki überzeugt, werden um so schreiender, je mehr sich der Kapitalismus entwickelt. Also wird es in den industrialisiertesten, entwickeltesten Ländern zur Revolution kommen, an deren Ende sich die antithetischen Klassen Arbeiter und Kapitalisten aufheben werden zu arbeitenden Unternehmern bzw. unternehmerischen Arbeitern. Das war das große Risiko, das Marx einging, als er über die Philosophie hinaus dachte: Er verband Philosophie mit empirischen Wissenschaften – Und konnte also durch die empirische Entwicklung überholt werden. Das passiert einem Aristoteles zwar auch mit seiner Physik und seiner Biologie, nicht aber mit seiner Philosophie, seiner Metaphysik.
Was ist das denn? Wollte ich eigentlich unter mein “1.” setzen,wie schon früher, und nun? “Antworten auf nicht freigegebende Kommentare sind nicht erlaubt”? Die schaffen es, ihre ohnehin nicht allzu dolle Kommentarfunktion sogar zu verschlechtern? *staun* 😳 Haben Sie, Herr Blume, Admin-Rechte, die Kommentare sinnvoll zu sortieren?
2.
Der entscheidende “Fehler” bei Marx liegt in seiner zentralen, bleibenden ökonomischen Entdeckung: Dem Mehrwert. Bislang war ein ungelöstes Rätsel der Ökonomie: Was ist eigentlich der “gerechte Preis” der Arbeit, was ist Arbeit im Wertschöpfungsprozess wert? Marx zeigt: Die Frage nach dem “Wert” der Arbeit ist falsch gestellt. Der Preis der Arbeit, der Preis, der für die Arbeit bezahlt werden muß, das ist der Preis ihrer Reproduktion. Der Arbeiter erhält so viel Lohn, wie er braucht, um seine Arbeitskraft zu erneuern, also sich zu ernähren und sich zu reproduzieren: also auch seine Kinder zu ernähren. Der Wert der Arbeit für den Kapitaleigentümer aber geht weit über diesen Preis hinaus; das ist der berühmte Mehrwert. Das ist der Gewinn, den der Kapitalist abschöpft. Den er aber zum wenigsten verbraten kann in Eigenkonsum, will er mit der Konkurrenz Schritt halten: Wie sie muß er einen großen Teil des Mehrwertes, des Gewinns neu investieren in noch bessere, noch effizientere Maschinen. Der Arbeiter wird nur mit den Lebenserhaltungs- und reproduktionskosten entlohnt; das Ergebnis seiner Arbeit aber wird investiert in Maschinen, die ihn immer mehr auslutschen, die immer einfacher werden, die schließlich seine ganze Familie, Frau und Kinder, mit in die Arbeit zwingen, damit es zum Leben reicht. So eben kommt es zur von Marx beschriebenen Entfremdung=Verelendung. Die Leitindustrie, die Marx dabei vor Augen hat, war damals aber noch die Textilindustrie (Engels war Textilunternehmer). Und da gilt das alles, in den Sweatshops der “Dritten Welt” tatsächlich bis heute; wir haben die von Marx beschriebene Verelendung ausgelagert. Was Marx aber nicht sehen konnte, das war die zunehmende Komplexität der Industrie. Nach dem Textilhersteller kam der Chemiefacharbeiter und der Stahlarbeiter. Hier reicht es nicht, in seine bloße biologische Reproduktion zu investieren; also Nahrung, Dach über den Kopf, Kohleofen. Hier muß investiert werden in Ausbildung, zuerst Schulbildung, betriebliche Ausbildung, und mehr noch: in lebenslange Fortbildung. Einer, der auch mit dem Kopf arbeitet, braucht mehr Freizeit, da er nicht nur seinen Körper regenerieren muß, sondern auch seinen Kopf freiblasen. Braucht Anregungen über die Arbeit hinaus: Kultur, Bildung, gar Reisen. Muß seine Kreativität woanders schulen und aus-bilden, die er dann wieder in seine Arbeit einbringen kann. Womit Marx schon mal überhaupt nicht hat rechnen können, das ist der ungeheure Reichtum, den Industrie produzieren kann. Ein Sozialhilfeempfänger heute hat Zentralheizung, fließend warmes Wasser; Luxusgüter, die ein Friedrich Engels sich nicht einmal hat erträumen können. (Der musste noch warten, bis die Dienerschaft den Kohleofen auf Betriebstemperatur brachte.) Von Automobilen, Elektrizität mit allem Klimbim bis hin zu Smartphones ganz abgesehen.
In einer solchen Gesellschaft bekommt “Entfremdung” einen ganz anderen, Feuerbach wieder viel näheren Sinn: Der Fließbandarbeiter in einer Automobilfabrik ist seiner Arbeit geistig, intellektuell völlig entfremdet. Er ist nur ein kleines biologisches Rädchen in einem großen, für ihn nicht durchschaubaren Räderwerk. Das schwedisch-sozialdemokratische Volvo erfand daraus den Clou: Es werden Teams gebildet, die von Woche zu Woche am Fließband eine Station weiter rücken. Eine Woche bauen sie den Motor zusammen, die nächste bauen sie den Motor in die Karosserie ein. Die dritte Woche schrauben sie die Räder an und verbinden sie mit dem Lenkrad. Auf diese Weise erlernen sie den gesamten Produktionsprozess, wissen an jeder Stelle, was sie da machen, was zuvor gemacht wurde, wie ihre Arbeit weiterverarbeitet wird. Ein Luxusproblem im Vergleich zur Lage der Arbeiter zu den Zeiten von Marx/Engels.
Ach Herrje. Alles so lange her, daß ich mich damit beschäftigt habe. Ich hoffe, ich habe das einigermaßen verständlich machen können.
Meine Marx-Exegese vorausgeschickt (wesentlich bei viel Vorbildung geprägt durch ein Seminar zu den Philosophisch-ökonomischen Manuskripten in den 90ern bei Professor Baum (höchstkarätiger Kant-Experte)):
Für so evident ich das Konzeption der Evolution selbstverständlich halte, die bloß materialistische Erklärung alleine aus Mutation und Selektion hat mir nie eingeleuchtet. Wie soll sich ein Schmetterling bloß dadurch entwickelt haben? Ich meine – Eine Raupe? Wie viele Raupen haben sich verpuppt, bis daraus einmal ein Schmetterling entschlüpft ist, und wie haben all die Raupen sich auf dem Weg dahin fortpflanzen können, denen das noch nicht gelungen war? In der Ökonomie, aus der Darwin das ja ablas, mag das funktionieren. Wir sehen das gerade in der Internetbranche: Tools, die eigentlich gedacht waren für etwas ganz anderes, werden von der community ganz anders genutzt, ihnen entsprechend angepaßt. Twitter war ursprünglich mal ein öffentlicher messenger. Da wurde gespostet Jo, ich sitze jetzt in der Mensa, heute gibt es Spätzle mit Gulasch, anbei Bohnensalat, hier ein Foto. Aber biologische Evolution; irgend ein Moment der Zielgerichtetheit, ein materielles Äquivalent vergleichbar der Entelechie von Aristoteles oder eben der Hegelschen Dialektisch muß da schon drin sein.
Oder. Laufen Sie mal durch eine nicht restaurierte mittelalterliche Burg. Sie laufen sich ständig den Schädel ein. Jede Generation wird 1-3 cm größer als ihre Väter. Warum? Sexuelle Präferenz? Frauen wählen eher einen großen und starken Beschützer? Unsinn. Es sind gerade die kleinen, drahtigen Männer mit dem süßen Knackarsch, auf den die Frauen fliegen. Die laufenden Meter. Jimi Hendrix, Bob Marley, Wolf Biermann, Udo Jürgens.
Warum haben wir Menschen keinen Schwanz mehr, sondern nur noch ein Steißbein? Ok, wäre heute unpraktisch. Aber überlebensentscheidend, oder Fortpflanzung fördernd? Gucky Mausbiber hat jedenfalls noch einen.
Die Diagnose unmenschlicher Arbeitsbedingungen war zu Marx’ Zeit sehr zutreffend. Auch brauchte es offenbar jemanden, der dies auszusprechen wagte und nach Auswegen suchte.
Wie es auch in der Folge zum Ausdruck kommt ist es interessant, welche und wie viele seiner Forderungen seither zumindest in Europa später umgesetzt wurden. Allerdings ohne Revolution und ohne Abschaffung privaten Eigentums.
Wie ist das möglich, da die Arbeiterschaft damals gegenüber den Arbeitgebenden keine Verhandlungsmacht hatte, wie Marx richtig erkannte? Die Ironie scheint mir zu sein, dass Vieles durchaus als Zusammenspiel von These, Anti-These mit Entstehung einer neuen Synthese verstanden werden kann. Für Marx war dies allerdings nicht zu erkennen, denn als “demokratischer Diktator”, wie ihn Zeitgenossen beschrieben, war er offenbar nicht offen für die Anti-These. Außerhalb seiner Familie war Marx ein schwieriger Mensch. Zu seiner Beerdigung sind elf Trauergäste erschienen.
Herzlichen Dank, @Georg 🙏
Und, ja, wir können den Rheinpreußen Karl Marx auch in seiner schwierigen, autoritären Persönlichkeit – bis hin zur Zeugung des dann verleugneten Sohnes Frederick Demuth mit seiner Haushälterin Helena Demuth – noch vor dem erkenntnistheoretischen Hintergrund der autoritären Induktion verstehen: Marx und auch Engels wähnten sich noch (nach Hegel) als Entdecker von vermeintlich überzeitlichen und zugleich säkularen Weltgesetzen und wurden dann zum dogmatischen Marxismus verzweckt. Vom dialogischen Monismus driftete dieser autoritär-induktive Anspruch dann schnell in ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken, einen geradezu sektierischen Dualismus.
Obgleich auch mein persönliches Gesamturteil ihnen gegenüber also kritisch ausfällt, plädiere ich doch dafür, ihr wissenschaftliches wie auch persönliches Verhalten vor dem Hintergrund der rheinpreußischen Prägung in der frühen Industrialisierung zu verstehen. Das Mitleid etwa von Engels gegenüber dem Elend der europäischen Arbeiterschaft war m.E. echt, beide strebten keine fossilen Diktaturen an und es gab auch damals sehr viel schlimmere Leute!
Auch in der neuen Folge zu Karl Popper haben sich Inan Ince und ich daher bemüht, bei aller Wertschätzung nicht unkritisch zu sein:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/
Felo.ai habe ich gebeten, hier einmal die beiden erkenntnistheoretischen Grundpositionen nacheinander zu erläutern, auch zu vergleichen:
Die Begriffe “autoritäre Induktion” und “dialogische Falsifikation” beziehen sich auf unterschiedliche Ansätze in der Erkenntnistheorie, insbesondere in Bezug auf die Gewinnung und Überprüfung von Wissen. Hier sind die wesentlichen Unterschiede:
### **1. Autoritäre Induktion**
– **Definition**: Die autoritäre Induktion basiert auf der Verallgemeinerung von spezifischen Beobachtungen oder Fakten, um allgemeine Aussagen oder Theorien zu formulieren. Dabei wird oft auf die Autorität von Traditionen, Experten oder etablierten Annahmen vertraut.
– **Merkmale**:
– Beobachtungen werden gesammelt und daraus wird eine allgemeine Regel abgeleitet (z. B. “Alle bisher beobachteten Schwäne sind weiß, daher sind alle Schwäne weiß”).
– Es wird davon ausgegangen, dass die bisherigen Beobachtungen repräsentativ für die Gesamtheit sind.
– Kritik: Diese Methode ist anfällig für Fehlschlüsse, da sie keine absolute Sicherheit bietet, dass zukünftige Beobachtungen die Regel nicht widerlegen könnten[3][4].
– **Schwächen**:
– Keine systematische Überprüfung der Gültigkeit der abgeleiteten Regeln.
– Gefahr, dass Autorität oder Tradition unkritisch akzeptiert wird.
### **2. Dialogische Falsifikation**
– **Definition**: Die dialogische Falsifikation ist ein Ansatz, der auf dem Prinzip des Kritischen Rationalismus basiert, wie es von Karl Popper entwickelt wurde. Hierbei werden Theorien durch gezielte Versuche, sie zu widerlegen (Falsifikation), überprüft.
– **Merkmale**:
– Theorien oder Hypothesen werden aufgestellt und durch Experimente oder Beobachtungen getestet.
– Der Fokus liegt darauf, Schwächen oder Widersprüche in einer Theorie zu finden, anstatt sie zu bestätigen.
– Dialogische Komponente: Der Prozess ist offen für Kritik und Diskussion, um die Theorie zu verbessern oder zu verwerfen.
– **Stärken**:
– Fördert wissenschaftlichen Fortschritt durch systematische Prüfung und Verbesserung von Theorien.
– Vermeidet Dogmatismus, da keine Theorie als endgültig wahr angesehen wird.
– **Beispiel**: Die Aussage “Alle Schwäne sind weiß” kann durch die Beobachtung eines schwarzen Schwans falsifiziert werden[6][12].
### Fazit
Die autoritäre Induktion ist ein traditioneller Ansatz, der auf Verallgemeinerung basiert, während die dialogische Falsifikation einen moderneren, kritischen Ansatz darstellt, der auf der Widerlegung von Hypothesen beruht. Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, doch die dialogische Falsifikation wird in der modernen Wissenschaft bevorzugt, da sie systematischer und weniger anfällig für Fehlschlüsse ist.
[1] https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110530278/pdf?licenseType=restricted&srsltid=AfmBOopWZ7qTsxmkGR-EFDKl2P50BWfd3hyFMXQKh_De2cBFPzIm_mkh
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie
[3] https://bne-digital.de/induktion/
[4] https://www.ew.uni-hamburg.de/einrichtungen/ew5/didaktik-physik/projekte-abgeschlossen/bis-2015/2008-2010-hipst/casestudies/23-d-nosmodule
[5] https://www.paul-natterer.de/erkenntnistheorie
[6] https://www.fatum-magazin.de/ausgaben/philosophie-entdecken/vom-wesen-der-dinge/wahre-aussagen-durch-falsifikation.html
[7] https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/90185/9783631715956.pdf?sequence=1&isAllowed=y
[8] https://www.researchgate.net/publication/316360453_Die_Falsifikation_in_den_Sozialwissenschaften
[9] https://d-nb.info/941242277/04
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Rationalismus
[11] https://philarchive.org/archive/SCHZKU-4
[12] https://phaidra.univie.ac.at/open/o:1624671
[13] https://www.philosophie-wissenschaft-kontroversen.de/suche.php?volltext=VsErkenntnistheorie
[14] https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/47698/Juristische_Rechtstheorie_II.pdf?sequence=1&isAllowed=y&save=y
[15] https://hohpublica.uni-hohenheim.de/bitstreams/e695445f-b8cc-4ac7-a57e-a8bd8b8b8afb/download
[16] https://www.researchgate.net/publication/319067280_Konfigurativ-vergleichende_Methoden_und_Qualitative_Comparative_Analysis_QCA