Blume & Ince 39: Gebirge, Demokratie und die Gefahr des Faschismus

Bin immer noch ganz geflashed, dass Inan in sein neues Familienheim ein wundervolles, rot-schwarzes Studio für unseren Podcast und Vodcast “Blume & Ince” gebaut hat! Also brachte ich ihm als Dankeschön und Anerkennung das großartige “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” (1944) vom größten Erkenntnistheoretiker Karl Popper (1902 – 1994) mit, in dem sich Popper an unfassbar vielen Themen, vor allem aber an Platon, Marx und Hegel abarbeitet. “Die offene Gesellschaft” gilt mit Zentralthesen wie der Falsifikation, dem Toleranzparadox und der Ablehnung des Historizismus als “das” Grundlagenwerk des Liberalismus. Die darin überraschende Kreuz-Metapher wurde von mir u.a. in “Rückzug oder Kreuzzug?” (2021) aufgegriffen. 

Im Blume & Ince-Aufnahmestudio überreicht Dr. Michael Blume dem Prof. Dr. Inan Ince den Doppelband von Karl Popper "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (1944).

Als Dank und Anerkennung gab es den Popper-Doppelband für Prof. Dr. Inan Ince. Screenshot: Michael Blume

Für die nächsten beiden Folgen haben wir uns vorgenommen, zunächst Karl Marx (1818 – 1883) in Folge 40 und dann Popper in Folge 41 zu lesen und zu diskutieren!

In dieser Folge 39 von “Blume & Ince” ging es aber weiter mit der Gebirgsregionen-Medienthese, die ich am EUSALP-Alpenraum entwickelt hatte und ihrem Gegenstück, der Flussebenen-Medienthese. Ich erläuterte vor allem auf Basis der evolutionären Spieltheorie, warum sich in Gebirgsregionen föderale, aber leider auch häufig verschwörungsgläubige Gesellschaften entwickeln, in weiten Flussebenen wie Berlin, London, Paris, Beijing, Washington usw. aber zentralistische und häufig imperialistische Regierungsformen.

Schließlich gehen wir zu den drei Demokratieformen über, da mir der Zustand unserer europäischen und vor allem bundesdeutschen Demokratie sehr große Sorgen macht.

Hier die drei Demokratieformen in der Reihenfolge meiner Einschätzung:

  1. Die parlamentarische Konsensdemokratie, wie sie auch unser Grundgesetz vorsieht, die beste Regierungsform. Leider wurde sie seit dem ersten Parteien – Koalitionsvertrag von 1961 sukzessive umgedeutet und mit dem Grundgesetz widersprechenden Regelungen wie Koalitionsausschüssen, Fraktionsdisziplin und der Verlagerung sowohl der realen Gesetzgebung wie auch der parlamentarischen Kontrolle vom Bundestag in die Bundesregierung faktisch abgeschafft.
  2. Die in der Schweiz praktizierte Konkordanzdemokratie, die mit unserem Grundgesetz ebenfalls vereinbar wäre, aber nach meiner – und auch Inans – Auffassung auch erhebliche Nachteile wie Behäbigkeit und fehlende Opposition mit sich bringt, auch durch Volksabstimmungen ergänzt werden müsste.
  3. Die in den USA, aber auch in Europa um sich greifende Parteien – Konkurrenzdemokratie, in der die Parlamente faktisch entmachtet sind und Politik nur noch von einer Handvoll Leute rund um den Regierungschef (die Exekutive) entschieden wird. Ich halte die Konkurrenzdemokratie für frustrierend, auf taktische Kurzsicht getrimmt und vor allem für instabil. Entsprechend deutlich plädiere ich dafür, dass sich die Bundesrepublik Deutschland – und nicht zuletzt deren Medien als “vierter Gewalt” – wieder auf das Grundgesetz und die darin angelegte Konsensdemokratie besinnen sollte. 

Links der neunseitige Bundes-Koalitionsvertrag von 1961, rechts der 2025 geschlossene Bundes-Koalitionsvertrag von 2025 mit 144 Seiten.

Mit dem Adenauer-Mende-Koalitionsvertrag von 1961, der in der politischen Notlage nach dem Berliner Mauerbau entstand, wurde der deutsche Bundestag auf neun Seiten faktisch gleichgeschaltet und entmachtet. Der Union – SPD – Koalitionsvertrag von 2025 umfasst bereits 144 Seiten und wird schon wenige Wochen nach der Regierungsbildung als umstritten wahrgenommen. Foto: Michael Blume

Wir wünschen Euch also viel Freude bei dieser etwas politikwissenschaftlichen Folge 39 von Blume & Ince auf podigee, auf allen gängigen Streaming-Anbietern und als Vodcast / Videocast auch auf YouTube:

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

27 Kommentare

    • Danke, @Tilmann Schneider

      Ich fürchte nicht, da die Mitglieder des Bundestages (MdB) ja de jure weiterhin alle Rechte haben. Sie „verabschieden“ ja weiterhin die Gesetze und Haushalte, wählen die Gremien usw. – ihre Unterwerfung unter Koalitionsverträge und -ausschüsse ist „freiwillig“. Eine aufrechte, demokratische Haltung lässt sich jedoch nicht juristisch erzwingen…

  1. Gönnen Sie sich den Spaß, besorgen Sie sich ein T-Shirt mit spiegelverkehrter Aufschrift für den Podcast. Ich fänd’s lustiger, als dem Herrn Ince eines zu besorgen.

    Um mal zum Ende vorzugreifen – mir deucht, Deutschland wird von lupenreinen Demokraten regiert. Ich sag’s ja immer, was die Anderen laut machen, machen wir leise, aber wir machen’s auch. Wenn in Polen, USA, Russland, Ungarn, die Parlamente entmachtet werden, sagt mir der Trend allein – ich muss nicht überprüfen, ob es auch hier passiert, sondern wie.

    Wenn ein Berufsphilosoph jemand ist, der sich für etwas bezahlen lässt, was sowieso alle machen, braucht er für den Job nur ein paar Ohren und Stift und Papier, um Rechnungen auszustellen. Philosophie kann sehr viel mit Populismus zu tun haben, den Leuten nach dem Mund zu reden – man labert so lange Zeugs, bis man etwas findet, wofür einem die Leute ein Bier ausgeben, dann bleibt man dabei.

    Der Unterschied zwischen einem großen Philosoph und Prinzessin Trump liegt vielleicht nicht so sehr in der Intelligenz oder Technik, sondern im Charakter. Das Volk entscheidet, ob es eine Narkose will oder ein Aufputschmittel, und so sucht sich jede Zeit die Philosophen, für die sie reif ist. Speed, Ecstasy, LSD, Popper?

    # Al Kaida war kein Aufstand gegen den Sieg des Neoliberalismus, sondern dessen Symptom. Sich selbst die Taschen vollstopfen und die große Freiheit nur für sich selbst zu verlangen, während man die Lasten und Pflichten auf alle anderen abwälzt, ist nun mal ein Raubüberfall, da sind Krieg und Gewalt die logische Folge. Wenn Sie dann mit Gewalt den Deckel auf einen Kessel drücken wollen, den Sie gleichzeitig emsig aufheizen, bauen Sie einen gewaltigen Deckel, der aus dem Ganzen eine gewaltige Bombe macht.

    # Das große Fazit ist, dass sich Gebirgsregionen nach Außen abgrenzen, weil sie schon viel zu viele Nachbarn haben.

    Der Unterschied ist aber nicht so klar, wenn Sie sich Ungarn ansehen: Im Innern ein autoritäres Flachland, nach Außen ein durchgeknalltes Anarcho-Gebirgsland. Das heißt, Sie müssen die Hierarchie-Ebenen einzeln betrachten: Es ist meist so, dass es die Sklavenhalter sind, die am lautesten nach Freiheit schreien, und Föderalisten und Demokraten sind oft frauenverachtende Patriarchen – siehe Kaukasus, Afghanistan und so weiter.

    Im flachen Polen entstanden matriarchale Strukturen, weil die Frauen große Entfernungen, schlechte Straßen und stete Kriege an der Ostgrenze zur Emanzipation nützten – sie sorgten einfach dafür, dass ihre Männer sehr, sehr oft und gern unterwegs waren, sodass sie über Haus und Hof nach Belieben schalten und walten konnten. Auch in anderen patriarchalen Ländern scheint diese Form der Heim-und-Herd-Emanzipation mehr oder weniger fortgeschritten zu sein.

    Und damit wären wir wieder bei Orban, der Xanthippe Europas, der Brüssel heraus ekelt, um mit seinen Sklaven tun zu können, was er will, und nur mit Zickerei mehr und mehr Schuhe, Schmuck und schicke Kleider erpresst, in denen er in seiner Gebirgs-Boudoir-Gummizelle vor dem Spiegel tanzen kann, während er immer mehr zu Jame Gumb mutiert.

    Selbst auf dem Flachland ist jede Stadt ein Gebirge, und in dieser Stadt hat jede Wohnung eine eigene Landkarte und Bevölkerung – die dadurch erweitert wird, dass die Leute auch mal nach draußen gehen und die Räume dort mit einbeziehen. Und die Beziehung, auf die Sie aufmerksam machen, die zwischen Flachland und Gebirge, werden Sie überall wiederfinden – allerdings sind zwischenmenschliche Beziehungen im Detail so kompliziert, dass Sie von einer Sekunde auf die andere in eine komplett andere Landschaft kippen können.

    Dieses Virtuelle sehen Sie auch an demokratischen Parlamenten: Üblicherweise sind es die Nationalisten, die sich selbst neutralisieren, indem sich jeder Riddler oder Penguin so wichtig nimmt wie der Orban vom Berge. Heute haben Sie aber so eine Gebirgsregion voller Kopfjäger-Kriegerstämme aus demokratischen Parteien, und es ist ein großer Faschist, der sich als Anstaltsleiter im Arkham Asylum durchsetzt. Und deswegen jaule ich ständig was von Limes im Osten, denn für so viel Gebirge fehlt Europa zwischen Oder und Ural irgendwie ein Gebirge, und auf Anstaltsleiter Joker Trump oder Bane Putin habe ich auch keinen Bock.

    # Wenn man den Koalitionsvertrag mit dem Mauerbau in Verbindung bringt, wirkt es fast, wie die Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs mit anderen Mitteln: Wie eine einzelne Schlacht, die Deutschen haben sich hinter die Elbe zurückgezogen, einen Augenblick gab es Chaos und Unsicherheit, in der es vielleicht sogar nach Frieden aussah, aber dann bauen sich die Truppen wieder unter autoritären Führern auf. Dieser Krieg zwischen Europa und Asien hört nie auf, und die Chance, ihn durch eine Heirat zwischen EU und Russland zu beenden, haben beide Seiten mit großem Einsatz, Begeisterung und Hingabe vorerst so gründlich vermasselt, dass wir wieder dort sind, wo Hitler und Stalin schon waren.

    Politik kann wie Liebe sein – Sie bekommen alles geschenkt, wonach Sie sich sehnen, und vermasseln es, weil Sie es sich unbedingt mit Gewalt nehmen wollen. Die Deutschen rennen wie die Schweine in Russlands Kartoffeln hinein und trampeln Osteuropa nieder, die Russen denken nur daran, so viele Schweinchen zu verschlingen wie möglich, Osteuropa eint sich nicht, sondern holt die Looney Tunes mit dicken Knarren als Bodyguards mit an Bord. Europa ist wirklich der Gold Standard des bis ins Detail ausgetüftelten Versagens.

    Sie müssen die jetzige GroKo als den deutschen Trump sehen – den totalitären Totentanz der Passé-Popanze, der Herrscher einer Welt, die den Geist aufgegeben hat. Oder spüren Sie hier irgendwo einen anderen Geist, als den kalten Hauch des Todes? Wir haben hier eine riesige Leiche wegzuräumen, sehr viel Verwesung abzuwickeln, bevor es weitergehen kann. Was wir gestern Jobs nannten, ist heute Schnorren. Was wir gestern Staat nannten, ist heute die Räuberhöhle von Ali Baba und den 40 Hotzenplotzen in den Geschmacksrichtungen Ninja Dick und Conan Doof, die Weltordnung ist zu Staub zerfallen, die Ökonomie der letzten 500 Jahre ist plötzlich ökonomisches Analphabetentum, alles, woran wir geglaubt haben, kommt auf den Prüfstand und wird per Reality Checks in Trümmer gehämmert.

    Wir müssen es nicht mögen – wir sind die Bestatter unserer Vergangenheit. Ich bin dafür, es human zu machen, dass sich die alte Welt in Altenheime und Reservate zurückzieht, wo sie die Ruhe findet, die ihr die Realität nicht mehr geben kann, wo ein Schatten von ihr noch erhalten wird, solange die Menschen ihn noch brauchen, wo die Alten sehen können, dass nicht alles in Verzweiflung endet, dass da draußen ihr Erbe weiterlebt, ob ihnen die Art und Weise gefällt oder nicht.

    Wir machen’s nicht, also macht’s die Natur mit großem Drama. Avatare des Todesengels auf allen Thronen, Depressionen, Irrsinn, Agonie, Weltkrieg, Terror, warum kleckern, wenn man klotzen kann? Wenn Sie es nicht schaffen, sich zum Sterben hinzulegen, kippen Sie halt auf die Schnauze, brechen sich vorher noch ein paar Knochen und verrecken winselnd vor Schmerzen, so läuft das Spiel nun mal.

    Jetzt bin ich wieder in mein übliches proto-seniles Predigen abgerutscht, aber ich hab extra nachgeguckt, ist immer noch ein Kommentar zur Groko 0.2 und ihrem verkrampften Winseln und Gesundbeten einer Weltleiche. Es ist nur in eurem Kopf. Ihr müsst das nicht tun. Raus aus der Sekte, und schon bald werdet ihr euch wundern, wieso ihr so viel Kraft auf solche Albernheiten verschwenden konntet.

    Wir leben in der Bizarro-Welt. Trump ist der perfekte Anti-Amerikaner, er verkörpert alles, was uns Hollywood zu verachten gelernt hat. Der Kapitalismus ist Anti-Kapitalismus, der Kapital zu Lügen verbrennt. Unsere Lösungen sind Anti-Lösungen, fast das perfekte Gegenteil von dem, was wir machen sollten. Die Rechtsradikalen sehen die richtigen Fakten, aber ziehen daraus exakt das Gegenteil der richtigen Schlussfolgerungen.

    Ob das immer so funktioniert? Zuerst das Negativ, dann entwickeln wir daraus das Positiv? Zuerst die Form, dann der Guss? Ich will die andere Seite des Spiegels sehen, Alice. Die, wo unsere Finsternis helles Licht ist. Ich habe immer den Tod gesucht, aber bis ich den gefunden habe, tät’s Leben auch, der Lifestyle Sterben ist zum Kotzen. Wird’s nicht langsam Zeit für den Kipppunkt?

  2. MENSCHEN.

    Die “Kunst” besteht darin, die passenden Menschen zu finden.

    2021 war sich eine große Mehrheit in der CDU sicher, mit Friedrich Merz die passende Wahl für das Amt des Parteivorsitzenden getroffen zu haben. Die Mitglieder darüber abstimmen zu lassen, finde ich immer noch richtig!

    Was diese Mehrheit sich von Friedrich Merz erhofft hat, war aus meiner Sicht eher diffus. Konservativer zu sein, als in der Ära Merkel. Viele versprachen sich Impulse für die Wirtschaft, z.B. mehr Arbeitsplatzsicherheit. Ich erinnere an den Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg 2021, in dem sich die Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann aus eben diesen Gründen für Friedrich Merz starkmachte.

    Dabei hatte ich oft den Eindruck, dass viele den Führungsstil von Unternehmern etc gerne in der Politik gesehen hätten.

    Darin liegt und lag ein großer Denkfehler: Eine Firma ist – trotz Mitbestimmung – keine Demokratie. Die von der CDU so häufig zitierten Mittelständler werden das sicher bestätigen.

    Sowohl die CDU als auch die SPD waren einmal Parteien, die – wie Sie es ja erwähnen – innerparteilich ein breites Spektrum abbildeten und integrierten.

    In der CDU waren zur gleichen Zeit Persönlichkeiten wie Manfred Rommel und Gerhard Mayer-Vorfelder aktiv.

    Lothar Späth trat 1991 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück, weil er mit Helmut Lohr, Vorstandsvorsitzender von SEL, gemeinsam Urlaub gemacht hatte.

    Heute machen wir eine Vertreterin der Wirtschaft zur Wirtschaftsministerin.

    Da hat sich manches in den Parteien geändert.

    Wenn ich mir anschaue, was die SPD in der jetzigen Regierung an Entscheidungen mitträgt, gibt dies zu schlimmsten Befürchtungen Anlass.

    Ja, Parteien tragen zur politischen Willensbildung bei. Aber dafür müssen sie auch innerhalb der Partei abweichende Meinungen zulassen etc. Die Angelegenheit mit Roderich Kiesewetter bereitet mir daher Sorge. Wieviel innerparteiliche Demokratie gibt es in den Parteien?

    Abschließend noch etwas zum Thema Protestantismus und Obrigkeit. Der württembergische Pietismus wurde von staatlichen und religiösen Obrigkeiten lange Zeit kritisch betrachtet. Es gab immer wieder Verfolgung. Johann Michael Hahn, Johann Jakob Moser oder Samuel Urlsperger.

    Erst im 19. Jahrhundert entstand das Bild, das wir heute von den Pietisten haben. Die tüchtigen, zurückgezogen lebenden Stillen im Lande. Hierzu ein Zitat aus dem Buch: “Das schwäbische Paradies, Pietismus in Württemberg” von Hans-Dieter Frauer.

    “Die Menschen sollten auf Gott vertrauen, ein ehrbares, christliches Leben führen, dankbar für jede Obrigkeit sein und ihr gerne gehorchen…” (S. 116).

    • Vielen Dank, @Marie H. 🙏

      Als ich im Jugendalter der Jungen Union und CDU beitrat, hatten wir mit Helmut Kohl einen christlich-konservativen Kanzler. Aber es gab auch für mich als eher liberal und ökologisch orientierten Christdemokraten mit Menschen wie Klaus Töpfer, Rita Süßmuth, Heiner Geißler, Lothar Späth, Manfred Rommel usw. eine Vielzahl hoch interessanter Menschen, an denen ich mich orientieren konnte. Gerade auch in der Kommunalpolitik erlebte ich wunderbare Menschen wie Erhard und Kirsten Alber, die dann auch bei meiner Taufe in die evangelische Kirche dabei bzw. sogar Patin waren. Auch engagierte Christen wie Willi-Klaus Nawrath, Klaus Andelfinger, Jörg Döpper und die entschieden christlich-soziale Hannelohre Löhr, die sich auch als CDU-Fraktionsvorsitzende in Filderstadt behauptete, waren mir als Junge aus einer Arbeiterfamilie wichtige Vorbilder für ein christlich-demokratisches Bürgertum. In der Konrad-Adenauer-Stiftung erlebte ich als KAS-Stipendiat u.a. Andreas Püttmann als Mentor, der bis heute lesenswerte Analysen schreibt:

      https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/mai/zwischen-christdemokratie-und-rechtspopulismus

      Und der Langzeit-Parteivorsitzende, einstige Ministerpräsident und Bundeskanzler Kohl war klug genug, in jedem Kabinett starke Personen der verschiedenen Flügel zu integrieren und das C nicht als Chiffre für einen schrankenlosen Capitalismus, sondern als christliches Menschenbild für den Zusammenhalt zu verstehen. Als im CDU-Grundsatzprogramm von 1994 die “soziale und ökologische Marktwirtschaft” definiert wurde, war ich begeistert dabei und es bewegt mich bis heute. Auch mit vielen Mitgliedern anderer, demokratischer Parteien verband – und verbindet – mich sehr viel, traten wir doch gemeinsam gegen die damals so genannte “Politikverdrossenheit” ein.

      Klar war ich von der christlich-liberalen und teilweise ökologischen Bundeskanzlerin Angela Merkel begeistert und unterstützte sie auch gerne. Selbstverständlich integrierte auch sie wiederum Christlich-Konservative und Rechte, die damals bereits das C aufzugeben begannen. Noch bei der Bundestagswahl 2013 erreichte die Union unter Merkels Führung sensationelle 41,5 Prozent der Stimmen!

      https://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_2013

      In meiner Wahrnehmung griff damals jedoch auch bereits die Säkularisierung tief in CDU und CSU hinein. Vor allem, aber nicht nur in der Jungen Union entstand der Typus des schneidigen, rechtslibertären Karrieristen, der sich auf fossilen Wirtschaftslobbyismus fokussierte und im Sinne der US-Republikaner “christlich” eher als “konservativ” und staatskritisch definierte. War die Union lange Zeit stolz auf ihre Beiträge zur sozialen und ökologischen Marktwirtschaft gewesen, so galt diesen jungen Aufsteigern die Staatsquote als Maßzahl zum “Sozialismus”. Statt Dein Reich komme hieß es nun immer öfter Mein Reichtum komme – beispielsweise auch bei der fossilen Aserbaidschan-Korruptionsaffäre, die durch schnelle Parteiausschlüsse “entsorgt” statt aufgearbeitet wurde:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Aserbaidschan-Aff%C3%A4re

      Ich nenne diese zunehmend post-christliche und rechtslibertäre Ausrichtung der Union mit Bedauern “Engführung”, da christlich-soziale und christlich-ökologische, aber auch generell landes- und kommunalpolitische Köpfe zunehmend von der Berliner Blase verdrängt, ja verspottet wurden. Statt der breiten Integration einer Volkspartei galt nun die Mär, ein stramm rechtslibertärer Kurs für das Großkapital und gegen Migranten würde die AfD wieder “halbieren” und die Union “zu alter Größe zurückführen”. Sogar starke und erfolgreiche CDU-Ministerpräsidenten werden über die Berliner Hauptstadtpresse abgekanzelt – ohne zu Bedenken, was das mit Millionen kluger Menschen in der eigentlich föderal strukturierten Bundesrepublik Deutschland macht. Das Vertrauen in Volksparteien stirbt leise.

      So finde ich es gar nicht besonders verwunderlich, dass die Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche aus dem Pipeline-geprägten Norden weiterhin fossile Gewaltenergien Erdgas und Erdöl nach Süddeutschland verkaufen will. Mich wundert jedoch, dass ihr niemand mehr offen widerspricht und auch vermeintlich “wirtschaftskompetente” Medien keinen eigenständigen Blick mehr auf die regionale Volkswirtschaft und Wertschöpfung in unserem Land zu haben scheinen. Und so wird aufgeregt über fossile Pipelines und Windstrom-Leitungen diskutiert, aber kaum über die enorme Solar-Erfolgsgeschichte und Energiespeicher-Durchbrüche im Süden. Das eindrucksvolle Video zum bayerischen Energiepreis 2022 zu Wunsiedel hat nach 2 Jahren kaum mehr als zweihundert Abrufe! Der bisher einzige “Like” stammt von mir.

      https://www.youtube.com/watch?v=Pio8IDlzNsk

      Der rechtslibertäre Politik- und Medien-Kurs der Engführung ist nach meiner Einschätzung nicht nur bei der Bundestagswahl 2025 mit kläglichen 28,5 Prozent gescheitert – und ich vermute, dass dies etwa Generalsekretär Carsten Linnemann auch bereits registriert hat. Mit dem Verlust der Flügel und der weiteren Gleichschaltung der Bundestagsfraktionen verlor die Union immer mehr Wählerschichten und erlebte ein gleichzeitiges Anwachsen der AfD “und” der Linken. Die gemeinsame Abstimmung von Union und FDP mit der AfD schadete allen demokratischen Parteien der (früheren) Mitte und beförderte die zunehmend digitale Polarisierung. Klar war ich auch früher nicht mit allem einverstanden, das ist ja unmöglich. Aber zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten loyaler und aktiver CDU-Mitgliedschaft sah ich mich vor die Gewissensfrage gestellt, Entscheidungen des Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten Friedrich Merz öffentlich zu widersprechen.

      https://www.swp.de/baden-wuerttemberg/abstimmung-im-bundestag-es-gibt-viele-in-der-cdu-die-leidennbspnbsp-michael-blume-kritisiert-merz-scharf-77831327.html

      Selbstverständlich wurden mir damals auch “Konsequenzen” angedroht und ich kann mir etwa vorstellen, was die wenigen, mutigen Abgeordneten des deutschen Bundestages (MdB) wie etwa Roderich Kiesewetter auszuhalten hatten. Aber ich habe mich entschieden, die für Mitteleuropa so wichtige, sich aber leider im Niedergang befindende Christdemokratie nicht aufzugeben und mich auch nicht abdrängen zu lassen. Und es ist auch unglaublich zu erleben, wieviel Dankbarkeit und Wertschätzung ich von der Basis, von den verbliebenen Christinnen und Christen, der Kommunalpolitik und nachdenklichen Menschen (Christlich-Liberalen wie auch Christlich-Konservativen!) erlebe. Die Sehnsucht nach der glaubwürdigen Breite einer echten Volkspartei ist noch nicht überall erloschen. Gerade auch die Engagiertesten leiden darunter, dass sie binnen weniger Wochen immer wieder drastische Kursänderungen nachvollziehen sollen, ohne dass darüber noch ernsthaft diskutiert werden darf.

      Bei der Bundes-SPD sehe ich ähnliche Tendenzen einer rechtsdriftenden Engführung – und frage mich ernsthaft, wer in der Berliner Blase ernsthaft glaubt, dass ein gemeinsamer Rechtsdrift von Union, SPD und FDP die zerfallende Parteien – Konkurrenzdemokratie wieder stabilisieren könnte. Vielmehr fürchte ich, dass die Union nur eine weitere “konservative” Partei werden könnte und das bundesdeutsche Parteiensystem damit ebenso zerbröselt wie jenes in Italien, Frankreich, Österreich, den Niederlanden usw. Die Überpersonalisierung weniger Spitzenleute in der Konkurrenzdemokratie beschleunigt nach meiner Beobachtung die Erosion demokratischer Parteien in der Fläche. Kritisch-loyale Flügel vermitteln ja den Eindruck einer stabilisierenden Gewaltenteilung, wogegen in enggeführten Parteien nur noch die Psyche Einzelner zählt und ggf. verunsichert.

      Danke, dass Sie meine Beobachtungen und auch Sorgen angehört sowie gelesen haben, @Marie H. Ich habe mich als Christlich-Ökologischer nie als Bundes- oder gar Parteipolitiker verstanden, aber immer als engagiertes Mitglied einer großen christdemokratischen, föderalen und pro-europäischen Volkspartei. Und ich habe noch weiterhin die Hoffnung, dass Europa aus dem Niedergang der alpinen Konkurrenzdemokratien einerseits und der Stabilität der Schweizer Konkordanzdemokratie andererseits Lehren zieht und etwa die integrative Stärke der parlamentarischen Konsensdemokratie – wie sie das deutsche Grundgesetz vorsieht – wiederentdeckt. Falls dies nicht geschieht und auch meine Partei am Fossilismus zugrunde gehen sollte, dann will ich wenigstens ehrlich und transparent für das große Erbe der europäischen Christdemokratie gekämpft haben.

      Ihnen Dank und herzliche Grüße, @Marie H.!

      • Die Diskussion um Frau von der Leyen verfolge ich interessiert.

        Für ihre klare Haltung und ihre Standhaftigkeit bin ich ihr sehr dankbar.

        In manchen Posts auf Mastodon wird zum Ausdruck gebracht, dass man sie nicht mag. Ich mochte Helmut Kohl nicht besonders, was mich jedoch nicht daran hindert, ihm auch noch posthum Respekt und Anerkennung zu zollen.

        Sie verwenden den Begriff “Engführung”. Das erinnert mich an meine Zeit bei Twitter. Ich folgte damals einigen aus der CDU. Meistens folgten wir uns gegenseitig. Mit einer Followerin kam es wegen der Wahl von Friedrich Merz zum PV zum Bruch. Ich wurde zurechtgewiesen, dass man als Partei geschlossen auftreten müsse und daher Vorbehalte etc nicht mehr geäußert werden dürften. Das löste bei mir Empörung aus. Die Folge war, dass wir uns gegenseitig blockiert haben. Für mich war damit klar, dass es einen offenen und ehrlichen Austausch nicht mehr geben würde, wenn selbst einfache Parteimitglieder hundertprozentige Gefolgschaft und blinden Gehorsam einforderten. Das kam nicht “von oben”.

        Mir tut das bis heute leid.

  3. Auch ein großes Thema. Was die aktuelle Parteienlandschaft betrifft, so macht mir vor allem Sorge, dass Friedrich Merz sich einerseits entschieden gegen ein AfD-Verbotsverfahren stellt und immer wieder betont, er wolle die AfD “politisch” schlagen; andererseits aber gerade wieder ein Versprechen von ihm einkassiert wurde, das er den Wählern vor der Wahl gegeben hatte (die Senkung der Stromsteuer für ALLE). Der tatsächliche Effekt einer solchen Steuersenkung mag ja gar nicht so groß sein, wird aber doch in den Medien sehr ausgiebig besprochen (um nicht zu sagen überbetont). Wie wird sich das wohl auf die Wähler auswirken, die sich ohnehin benachteiligt fühlen und diesmal die Union gewählt haben, nur um nicht die AfD wählen zu “müssen”? Wie wird sich das auf die Parteienlandschaft wohl auswirken…??!!!

  4. Guten Morgen!

    Eine tolle Folge, vielen Dank!

    @Inan Ince, das ist eine wunderbare kurze und prägnante Zusammenfassung des Falsifikationsprinzips am Anfang! Das merke ich mir für meinen privaten Begriffskatalog.

    @Michael:
    Auf den Punkt:

    „Eigentlich beginnt 1961 die Entmachtung des deutschen Bundestages.“ (43:00)

    Ich finde es auch großartig, wie klar Du zur Verhinderung von Roderich Kiesewetter für das parlamentarische Kontrollgremium Stellung bezogen hast.

    Ich habe zur Gebirgsregionen-Medienthese etwas weiter geforscht, da mich in diesem Zusammenhang insbesondere das Thema Ukraine interessiert hat.

    Ihr habt ausgeführt, dass gerade in Flussebenen die Tendenz besteht, sich einer Obrigkeit aus einem Schutzinteresse zu unterordnen – ein sicherheitspolitischer Aspekt. Mich hat in diesem Zusammenhang die Ukraine interessiert. Der Historiker Timothy Snyder hat eine hervorragende Vorlesungsreihe veröffentlicht, die öffentlich auf der Seite der Yale University zugänglich ist:
    Timothy Snyder: The Making of Modern Ukraine

    Darin (Folge 4), bringt er am Ende des Videos ein Beispiel, das zeigt, warum das Unterwerfen unter eine Autorität – hier dem Christentum – auch aus sicherheitspolitischer Sicht betrachtet werden kann. Die Wikinger, die anfangs als Eroberer von Norden kamen und die Menschen auf ihrem Eroberungszug versklavten, bekehrten sich später zum Christentum. Von da an veränderte sich der Status der Menschen in ihrem Herrschaftsbereich von „Ware“ (die man verkaufen und ausnutzen kann) zu Bürgern, die durch Recht und Gesetz geschützt sind. Diese Transformation bot vermutlich auch Schutz vor anderen (nicht-christlichen) Eroberern. Das bedeutet, sich dem Christentum – einer Obrigkeit – zu unterwerfen, sorgte für Schutz vor Barbaren. Dies geschah auch in der Ebene von Kiew am Fluss Dnipro. Das zeigt meiner Meinung nach sehr gut den sicherheitspolitischen Aspekt der Flussebenen-These, die Du formuliert hast, @Michael.

    Jetzt hat mich aber interessiert, woher diese unglaubliche „demokratische“ oder freiheitsliebende Kraft kommt, die dafür sorgt, dass dieses Land sich seit mehr als zwei Jahren gegen einen übermächtigen Gegner verteidigt, der eine totalitäre Staatsform einführen möchte. Wenn man einen Blick auf die Geografie wirft, gibt es in der Ukraine nirgends eine größere Gebirgsregion (außer am westlichen Rand die Karpaten). Die Ukraine ist im Wesentlichen ein Flächenstaat.

    Daher habe ich, um einen Anfang zu machen, mal Perplexity gefragt, um nach interessanten Aspekten zu suchen. Ich finde, die Antwort bietet eine gute Einordnung der Gebirgsregionen-Medienthese. Darin wird die Grundthese von Dir, @Michael, gut bestätigt, aber darüber hinaus um Aspekte wie historische Erfahrungen ergänzt (im Falle der Ukraine waren das mehrere kollektive traumatische Erfahrungen).

    Frage an Perplexity:
    Michael Blume formuliert die Gebirgsregionen-Medienthese, die besagt, dass Gebirgsregionen demokratische Kräfte begünstigen, während in Fluss-Ebenen eher die Tendenz besteht, dass Menschen sich einer Obrigkeit unterwerfen, um Schutz zu erhalten. Für die Ukraine hat Timothy Snyder ja beschrieben, wie ungefähr 900 n Chr. die Annahme des Christentums durch die Kiewer Rus nicht nur eine religiöse Entscheidung war, sondern auch eine politische und sicherheitsstrategische Entscheidung, die genau diesen Schutz gebracht hat. Wie kann es nun sein, dass in der Ukraine eine sehr starke demokratische Bewegung entstanden ist und das Land sich seit mehr als zwei Jahren gegen die Invasion eines totalitären Staates verteidigt, wenn man die Geografie der Ukraine anschaut: Es gibt dort (bis auf den Westen) fast keine Gebirgsregionen.

    Antwort von Perplexity:

    Die von Michael Blume formulierte Gebirgsregionen-Medienthese besagt, dass in Gebirgsregionen aufgrund der geografischen Bedingungen traditionell eher föderale, basisdemokratische Strukturen entstehen, während in weiten Flussebenen zentralistische und oft autoritäre Systeme dominieren. In Flussebenen, so Blume, neigen Menschen dazu, sich einer Obrigkeit zu unterwerfen, um Schutz vor äußeren Bedrohungen zu erhalten, da offene Landschaften weniger natürlichen Schutz bieten3910.
    Die Ukraine ist tatsächlich ein Land, das – mit Ausnahme des Westens und Nordens – überwiegend aus Ebenen besteht. Historisch gesehen war die Region immer wieder Angriffen und Überfällen ausgesetzt. Die Annahme des Christentums durch die Kiewer Rus um 988 n. Chr., wie von Timothy Snyder beschrieben, war daher auch eine sicherheitspolitische Entscheidung: Durch die Integration in die christliche Welt erhoffte man sich Schutz und diplomatische Anerkennung3.
    Wie erklärt sich nun die starke demokratische Bewegung in der Ukraine heute, trotz der geografischen Voraussetzungen?
    1. Geografie ist kein Determinismus:
    Blume betont selbst, dass geografische Faktoren zwar gesellschaftliche Tendenzen begünstigen, aber nicht allein bestimmend sind. Gesellschaftliche Entwicklungen, politische Kultur, historische Erfahrungen und äußere Einflüsse spielen eine ebenso große Rolle. Demokratische Bewegungen können sich auch in Flussebenen entwickeln, insbesondere wenn andere Faktoren – wie kollektive Erfahrungen von Fremdherrschaft, nationale Identität oder der Wunsch nach Freiheit – stark sind39.
    2. Historische Erfahrung und Identitätsbildung:
    Die Ukraine hat im 20. Jahrhundert massive Erfahrungen mit Totalitarismus, Fremdherrschaft und Unterdrückung gemacht (z.B. Stalinismus, Holodomor, Nationalsozialismus, sowjetische Herrschaft). Diese kollektiven Traumata haben das Bewusstsein für Eigenständigkeit und demokratische Selbstbestimmung gestärkt. Die Maidan-Revolutionen 2004 und 2014 sind Ausdruck einer aktiven Zivilgesellschaft, die sich gegen autoritäre Strukturen auflehnt.
    3. Externe Bedrohung als Katalysator:
    Die anhaltende Bedrohung durch Russland und der Angriffskrieg seit 2022 haben in der Ukraine einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Wunsch nach Unabhängigkeit und Demokratie gefördert. Der Verteidigungskampf gegen einen totalitären Aggressor wird von vielen als Kampf für demokratische Werte und nationale Selbstbestimmung verstanden.
    4. Städtische Zentren als Motoren:
    Auch in Flussebenen können große Städte zu Zentren demokratischer Bewegungen werden. In der Ukraine sind Städte wie Kiew, Lwiw, Odessa und Charkiw wichtige Träger einer aktiven, pluralistischen Zivilgesellschaft.
    5. Medien und Globalisierung:
    Moderne Kommunikationsmittel, internationale Vernetzung und die Unterstützung durch westliche Demokratien wirken geografischen „Vorgaben“ entgegen und fördern demokratische Bewegungen auch in Regionen, die nach der Gebirgsregionen-Medienthese eher zentralistisch geprägt wären.

    Fazit:
    Die Gebirgsregionen-Medienthese beschreibt Tendenzen, aber keine unumstößlichen Gesetze. Die Ukraine ist ein Beispiel dafür, dass historische Erfahrungen, gesellschaftliche Mobilisierung und äußere Bedrohungen die Entstehung und Stärkung demokratischer Bewegungen auch in geografisch „ungünstigen“ Regionen ermöglichen können39.

    1. https://www.youtube.com/watch?v=R-bfPWrnHTk
    2. https://sueden.social/@BlumeEvolution/114806645135456694
    3. https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-39-gebirge-demokratie-und-die-gefahr-des-faschismus/
    4. https://sueden.social/@BlumeEvolution/114804610562131754
    5. https://www.boell-bw.de/de/2022/12/05/dr-michael-blume-gegenstrategien-von-seiten-der-politik-und-den-institutionen
    6. https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1764332386760708248
    7. https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1464872957336039425
    8. https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/themen/beauftragter-gegen-antisemitismus
    9. https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gebirgsregionen-medienthese/
    10. https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/leben-in-bayern/detailansicht-leben-in-bayern/artikel/draussen-brennen-die-fackeln-der-corona-leugner-drinnen-retten-sie-leben.html

    Ende der Antwort von Perplexity.

    Ich finde das eine ganz interessante Einordung.

    Ich freue mich schon auf die nächsten Folgen!

  5. ‘ Die fundamentale Wahl zwischen dialogischer Offenheit und feindeseligem Dialogismus bleibt jedoch für beide Gesellschaftstypen bestehen’

    Genau darauf fusst der Komplementäre Monismus: Überleben und zwar mitweltlich.

    Überleben ist beiden gemeinsam. Wir haben es vergessen. Wer nutzt wen wofür warum? Es ist in Ausnutzen ausgeartet.
    Etwas Utilitarismus zu Gunsten wessen?

    • Ja, @Mussi – das ist erkenntnistheoretisch korrekt und klar formuliert, Danke! 🙏

      Dualistische Menschen erleben die Umwelt und ggf. sogar andere Menschen als beliebig ausbeutbare Ressourcen oder gar als Feinde. Als Überlebensstrategie kommt dabei bestenfalls eine langzeitistische Superyacht oder Mars-Fluchtfantasie heraus.

      Monistische Menschen erkennen dagegen an, dass sie Teil einer Mitwelt und mit allen Mitmenschen verbunden sind. So wächst das dialogische Verständnis von Solarpunk-Arche-Regionen, in denen die Menschen füreinander, für Tiere, Pflanzen und auch für das Wasser als Essenz des Lebens eintreten.

      Danke, dass Sie verstanden und formuliert haben, @Mussi! 🙏💡💧🌈

  6. Jetzt erst zum Reinhören gekommen, aber das Warten hat sich eindeutig gelohnt. 👍 Insbesondere um Kritiker*innen an deiner Parteizugehörigkeit und -treue (wie etwa auch mir, no offense meant) zu verdeutlichen, wo du stehst, wo du eben doch widersprichst (wenn auch ohne ev. gleich sichtbare Erfolge), was du dir erhoffst usw. Auch ist mir nun deine kürzliche Mastodon-Umfrage bezüglich Präferenz von im Norden, respektive Süden beheimateten Medienunternehmen bei jeweils im Norden bzw. im Süden sozialisierten Konsument*innen nun auch, dank der in dieser Folge thematisierten Flussebenen-Gebirgsregionen-Medienthese verständlicher geworden. Vielen Dank!

    • Herzlichen Dank Dir, @Solomon 🙏

      Genau solche kritisch-konstruktiv Zuhörenden wünschen sich Inan & ich, genau das motiviert uns.

      Und Du hast auch völlig Recht: Auch die unterschiedlichen Prägungen der Medienredaktionen in den norddeutschen Flussebenen (z.B. ZEIT, WELT, BILD, taz, SPIEGEL usw., fast immer in Großschreibung) und den süddeutschen Gebirgsregionen (Münchner Merkur, Stuttgarter Zeitung, Badische Neue Nachrichten, Neue Zürcher Zeitung usw., fast immer mit Regionalbezug) erlauben einen Einblick in die Gebirgsregionen-Flussebenen-Medienthese. Danke, dass Du diese Verknüpfung erkannt und vollzogen hast! 🙏

      Im Hinblick auf die peinlich gescheiterten Wahlen zum deutschen Bundesverfassungsgericht habe ich auch im Hinblick auf diese Folge von „Blume & Ince“ via Mastodon gepostet:

      Nach dem aktuellen #Bundesverfassungsgerichtsgesetz , dem #BVerfGG Art. 7a „kann“ übrigens der deutsche #Bundesrat auch #Verfassungsrichtende wählen, 🗳️ wenn der deutsche #Bundestag das nicht innerhalb von drei Monaten hinbekommt. Da sich unser #Parlament durch überzogene #Fraktionsdisziplin & #Konkurrenzdemokratie gerade selbst demontiert, könnten die #Länder das Bundes – Versagen beheben.

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/114834743516625106

      Das entsprechende Gesetz über das Bundesverfassungsgericht (BVerfGG) findet sich hier, der Passus in Artikel 7a, Absatz 5:

      https://www.gesetze-im-internet.de/bverfgg/BJNR002430951.html

      Noch einmal herzlichen Dank für Dein Interesse und Deine starke Rückmeldung, @Solomon! 🙏🇩🇪🇪🇺🗳️🙌

  7. Hallo Herr Doktor!
    Ich hoffe es ist noch erlaubt so lange nach Ausstrahlen der Folge noch zu kommentieren 😉.
    Eigentlich bin ich ein neuer, stiller Gelegenheitsleser und Hörer Ihrer Beiträge. Aber bei ihre Alpenraummedienthese (und dem Lesen des Seminarbriefs) ist eine Leidenschaft bei mir aus dem Zweiten Bachelorsemester in Politikwissenschaft wiederaufgeflammt. Es deckt sich nämlich sehr mit den Inhalten unserer Seminare zu Vergleichender PoWi und Staatstheorien.
    Ich könnte zwei theoretische Ergänzungen aus dem FF anbieten, von den ich überrascht war sie nicht in ihrem Seminarbrief zu finden – hatte ich sie doch als BA als Einführungstexte bekommen.

    Bitte um Nachsicht für nicht sauber formulierte Hypothesen, Zitate und Quellenbelege- wenn ich das jetzt in der Endphase meiner Abschlussarbeit auch noch in meiner Freizeit mache, werde ich wahnsinnig. 😉

    Das Erste, wären Auszüge aus den Werken des US-Anthropologen James Scott Against the Grain, The Art of Not being Governed und Seeing it like a state. Grob umrissen: die ersten staatsähnlichen Gebilde wie die Hochkulturen haben sich immer in Flusstälern auf Basis von Ackerbau gebildet. Wie schon in Hararis Kurze Geschichte der Menschheit, ging mit dieser Sesshaftigkeit die Möglichkeit zu mehr Kontrolle, Koordination, Gesetzen und Steuerextraktion hervor. Auch Michael Mann geht in seinen History of Social Power-Bänden davon aus, dass sich politische Macht (Organisation, Regeln etc.) immer geografisch verknüpft ist und meist sternförmig ausbreitet. Ein Grund warum nicht selten Hauptstädte im Zentrum eines Staates liegen (mit natürlich zahllosen Ausnahmen). Für Scott geht dieser Ausbreitungsprozess mit einer Homogenisierung (Maße, Sprache, Identität etc.) einher. Am Beispiel Südostasiens (z.B. Myanmars) unterscheidet Scott zwischen Flusstälern mit starker staatlicher Durchdringung und vergleichsweise homogener Sozialstruktur, und den peripheren, bergigen Regionen. Die dortigen Hill People sind ein vielfältiges Sammelsurium aus Ethnien, Sprachen, Kulturen, Wirtschaftsformen und Sozialstrukturen. Laut Scott erschwert das unwegsame Gelände die staatliche Ausbreitung und Durchdringung. Die Regionen sind für den Staat nur schwer „lesbar“. Dadurch dienen periphere Regionen seit jeher als Rückzugsraum vor Gruppen die sich dem Zugriff des Staates entziehen wollen. Diese wehren sich aktiv durch nicht-staatliche Organisation gegenüber dem Zugriff eins oft repressiven Staates in Form von Aufständen, Separationsbewegungen etc. Wichtig: früher gab es noch mehr solcher Regionen, wie Sümpfe, Wälder, Inselarchipele oder Steppen. Technischer Fortschritt hat sie jedoch erschlossen, sodass nur noch die Berge als ultimativer Indikator verbleiben.
    So nennt er auf dem südostasiatischen Subkontinent einen Großraum Zomia der sich von Ostindien über Südchina, Myanmar, Thailand, bis nach Vietnam ausdehnt. Sie werdens sich schon gedacht haben: weitere Beispiele umfassen (Meiner Erinnerung nach) Appalachia, den Alpenraum, der Balkan, Kurdistan, Afghanistan und den Kaukasus.

    Der zweite Begriff stammt aus den Wirrungen der Geopolitik (ich plane immer noch einen Science Slam darüber wie absurd dieses Theoriegebräu ist). Dort gibt es den (laut ChatGPT von Samuel Cohen in Geography and Politics in a World divided) Begriff des Splittergürtels (Shatterbelts). Eine Konfliktzone mit hoher kultureller, ethnischer und religiöser Heterogenität, die in der Einflusszone mehrerer konkurrierender Mächte liegt und historisch gesehen Schauplatz direkter oder indirekter Konflikte ist. Die Heterogenität als angeblicher Splitter vormaliger Imperien, die dort waren.

    Scheinbare Outlier wie Äthiopien, das Inkareich, Brasilien oder die hist. Sahelstaaten (Songhai) lassen sich mit einem anderen Faktor erklären: Malaria. Prof. Alexander De Juan (jetzt Uni Osnabrück) erklärte uns anhand eigener Forschung anhand von Nepal wie Malaria lange die Ausbreitung eines externen Staates in peripheren Regionen verhinderte. Am ersichtlichsten am europ. Kolonialismus in Afrika, der lange auf Sklavenforts und Kontore an der Küste beschränkt war, bis erst spät neue Medikamente das Vordringen ins Landesinnere wie das spätere Belgisch-Kongo ermöglichten.

    Kombiniert ergibt das eine Weltkarte in der sich historisch immer weiter erstarkende Flachland-Polities versuchen auszudehen, bis sie an geografisch unwegsame Zonen stoßen und diese versuchen sich einzuverleiben und sich um diese kloppen.
    Mit ihrer Alpenraum-Medienthese bildet sich in diesen peripheren Zonen eine Kultur von Autonomie, Selbstorganisation, Tradition, Naturverherrlichung, Misstrauen gegenüber Äußerer Beeinflussung etc. Weitere Beispiele die mir dazu einfallen:
    o Schottische Highlands – historische Clanstrukturen, jahrhundertelange Auseinandersetzungen mit England
    o Korsika – Frz. Oder genuesische Kontrolle lag an der Küste und drang lange nicht ins bergige Landesinnere vor
    o Kaukasus – hohe ethnische, kulturelle Vielfalt, Jahrhundertelange Widerstände der Tscherkessen, Tschetschenen gegen russ. Imperialismus
    o Jemen – Jahrhundertelange Dichotomie zwischen der Küste (Aden) und den Bergbewohnern (einfach veranschaulicht hier: https://nebula.tv/videos/reallifelore-why-yemen-is-dying-oman-is-booming )
    o Ostkongo – ständige Konflikte von Milizen in der bergigen Provinz Ostkivu um Ressourcen, Flüchtlinge aus dem Großkonflikt um Hutu-Tutsi
    o Der Balkan – ethnische, konfessionelle Vielfalt, ethnische Spannungen, Bergregionen wie Nordalbanien sind sogar für alternative Wertvorstellungen wie Blutrache bekannt. Präsenz der Muslime sogar als Überbleibsel des Osmanischen Reiches
    o US-Mexikanische Grenzregion – Rückzugsort der letzten indianischen Widerstandskämpfer, Widerstand gegen Mexikanische Verwaltung, klientelistische Eigenverwaltung in Form von lokalen Patrons, heute schwer zu kontrollierende Route für Schmuggel aller Art
    o Neuguinea – Heimat einiger der letzten unkontaktierten Völker, enorme kulturelle Viefalt, Schauplatz jahrzehntelanger indonesischer Durchdringungsversuche auf der Westseite
    o Teile der Ukraine – früher als „Wildes Feld“ bekannte Steppenregion, proto-staatliche Organisation der Saporoger Kosaken, historische Tradition des Anarchismus

    Interessante Parallelen: Neben Biologischer Vielfalt, Ressourcenreichtum und einem Rückzugsraum für Indigene zeigen diese Gebiete eine Tendenz zu kriminalisierten Geschäftsfeldern: Heroinanbau im Goldenen Dreieck und Halbmond, Qatanbau in Jemen, Moonshine in Appalachia, Cocaproduktion in den Bergen Kolumbiens. Aber auch Waffen-, Menschen-, Tierhandel und Schmuggel aller Art. Selbst der saubere Alpenraum hat für mich als eher nördlichen Deutschen eine gewisse Reputation von Kungel, Freunderlwirtschaft und Steuerhinterziehung. Und die berühmte Mafia N’Drangheta oder Cosa Nostra stammen aus den Bergen im Hinterland des Aspromonte oder Siziliens.

    Dazu werden peripheren Regionen heute oft Opfer extraktiver Industrien (z.B. Kohleabbau in Appalachia), deren ökologische und soziale Kosten-Nutzen asymmetrisch zugunsten der Politischen Zentren gehen. Ich finde die Besonderheit des Alpenraums liegt darin, dass es Ländern wie CH, BaWü, Bayern, Südtirol etc. gelungen ist diesen Dynamiken durch kluge soziale Organisation erfolgreich entgegenzuwirken.

    Für mich wirklich interessant wird’s wenn man versucht sich die historischen Ausmaße der heute trocken gelegten Moore und Marschlandschaften vorzustellen. (1) https://www.thuenen.de/media/ti/Newsroom/Presse/Pressemitteilungen/2023/2023-06-29/2023-06-29_Moorboeden_Kulisse.png (2) https://moorwissen.de/moore-europas.html
    Dann sehen wir mehrere natürliche Grenzen, welche kulturelle Unterschiede zwischen Russland-Polen, aber auch Deutschland-Dänemark oder Deutschland-Niederlande erklären können– obwohl sie geografisch nah beieinander liegen. So betrachtet wären die Städtebünde der Hanse und „Low Countries“ mit ihren unabhängigen parlamentarischen Traditionen eher Leuchttürme umgeben von Gebieten aus beschwerlichem, potenziell krankheitserregenden Marschland. Also den Alpentälern der Schweiz oder versprengten Siedlungen Norwegens gar nicht mal so unähnlich. So ließe sich für mich auch der Niederländische Sonderweg aus Toleranz, Poldern, Pillarisierung und der selbstzerfleischende Sprachkonflikt Belgiens erklären. Die Geografischen Hürden sind weg, aber es lassen sich noch Pfadabhängigkeiten erkennen.

    Für Deutschland können sie mich vielleicht erhellen, inwiefern der Aufstieg Preußens mit der Trockenlegung norddeutscher Landschaften einhergeht (ich bin noch nicht zur Marx-Folge gekommen). Denn Deutschland hat sich, zum zeitgenössischen Schock anderer Mächte, ja blitzartig von einem zerfransten Shatterbelt noch zu Napoleons Zeiten zu einer stark repressiven, noch nie da gewesenen Zentralmacht formiert hat. So wurden die vielfältigen plattdeutschen Dialekte innerhalb von wenigen Generationen durch internen Kolonialismus quasi ausgelöscht. Von den fahrenden Völkern, den Sorben und ihrem Fachgebiet, den jüdischen Gemeinden, mal ganz zu schweigen.
    Ich hoffe ich konnte ein paar neue Impulse zu ihrer Alpenraum-Hypothese liefern. Hat mich auf jeden Fall gefreut mal wieder ein bisschen zu dem Thema rumzunerden.

    Liebe Grüsse an Sie und den Professor
    Ein Gelegenheitsleser

  8. Hallo Herr Doktor,
    Vielen Dank für ihre kurzfristigen Antworten, trotz ihres vollen Terminkalenders. Aber ich bin gespannt ob sie mehr zum Dialog beitragen, als auf alte Blogposts zu verweisen und sich auf Preußen zu fixieren (hör ich da eine Tendenz zum Nord-Süd Dualismus raus, Herr Schwabe?). Außerdem: KI zu arrangieren um ihre eigene Theorie abzufeiern kann ich auch 😉. Ich stimme Chat GPTs Antwort übrigens nicht in dem Determinismus-vorwurf an Sie zu. Ich weiß das die Flussebenen-medienthese komplexer ist. Film ab:
    ________________________________________
    Argumentation zur Falsifikation der Flussebenenthese am Beispiel Niederlande
    A) Kernargument: Nicht Flussebene, sondern „Lesbarmachung“ schafft Zentralmacht
    Blumes Flussebenenthese postuliert: Flussebenen erzeugen Staatsmacht automatisch. Das widerspricht Scott: Moore, Sümpfe und morastige Landschaften galten in Seeing Like a State als klassische „non state spaces“ – schwer kontrollierbar, unlesbar, autark (The Anarchist Library). Gerade erst durch intensive Entwässerung und Politisierung dieser Räume entstand ein legible space, der staatliche Kontrolle, Steuererfassung und Machtentfaltung erlaubte (Studeersnel, Studeersnel).
    Bedeutung für NL:
    • Bis zum 16. Jhdt bestand der Raum der Niederlande großteils aus entlegenen Mooren, Marschlandschaften und fragmentierten Inselgebieten – für eine zentrale Habsburgerkontrolle schwer durchsetzbar.
    • Erst ab dem Großen Polderbau (z. B. Beemster ab 1607) entstand ein handhabbarer, wirtschaftsorientierter Raum, der kapitalistisch nutzbar und steuerbar wurde.
    ________________________________________
    B) Die Elitenstruktur: Polder-Investor:innen als treibende Kraft
    1. Die geoökonomische Umwandlung von sumpfigem, zerstreutem Land in produktive, kartierbare und bewirtschaftbare Polderflächen schuf neue ökonomische Zentren.
    2. Diese waren nicht feudal, sondern kommerziell strukturiert: Die Kontrolle über Infrastruktur, Wasserwirtschaft und Zugang zum Seehandel wurde zur zentralen Quelle von Macht.
    3. Das erzeugte eine neue Klasse von kapitalstarken Investoren, Unternehmern und Stadtregenten, die keine aristokratische Herkunft brauchten, aber funktional wie eine Elite agierten.
    4. Neue kapitalistische Investorenklasse: Bürgerliche Investoren – meist Städter aus Amsterdam, Leiden und Zeeland – kauften Aktienanteile an Poldergesellschaften und profitierten von neu gewonnenem Agrarland (Milch, Flachs, Torf). Sie legten in großem Maßstab Land trocken und erhielten Erträgnisse als Pacht oder Dividende – eine bodenbasierte Rentierschicht.
    5. Handelskompanien (VOC & WIC): Diese städtischen Oligarchien kontrollierten Kolonialhandel über Aktiengesellschaften mit Staatsprivilegien. Gewinne aus Seehandel, Sklaven- und Gewürzhandel wurden reinvestiert in Infrastruktur, Entwässerungsprojekte und Kolonialvorhaben.
    6. Technokratische Wasserbau Elite: Ingenieure (z. B. Leeghwater, Stevin) ermöglichten technisch die Verwandlung des Moores in produktives Land – ihr Wissen war exportfähig in kolonialen Kontexten, z. B. Batavia oder Surinam.
    Die Trockenlegung war damit Ausgangspunkt einer neuen, nicht-aristokratischen Elite, deren Macht auf kapitalistischer Raumerschließung beruhte.
    ________________________________________
    C) Kausalität umgedreht: Kolonialmacht folgt, nicht begründet durch Flussebene
    • Blume vermutet eine natürliche Flussebene als Ursprung niederländischer Zentralgewalt.
    • Die historische Realität zeigt: Nur durch politisch-technische Transformation der Landschaft via Entwässerung wurde Raum steuer- und handeltechnisch anschlussfähig.
    • Diese Transformation schuf erst die Bedingungen für eine imperialistische Politik – nicht eine natürliche Flussebene selbst.
    ________________________________________
    D) Scott liefert die theoretische Grundlage
    • Du deutest an, dass die ehemals marginalisierte, widerständige niederländische Gesellschaft (gegen Spanien, Papst, Hochadel) nach der räumlichen Rationalisierung selbst zur imperialisierenden, extrahierenden Macht wird – mit kolonialer Logik, Sklavenhandel und Plantagenökonomie.
    • Das folgt postkolonialen Argumentationslinien (z. B. Mbembe oder Chakrabarty): Peripherien werden durch Modernisierung selbst zu Zentren von Gewalt und Beherrschung. Der Weg verläuft über Technisierung (Trockenlegung), Kapitalakkumulation (Handel), Homogenisierung (Recht, Verwaltung) – genau das, was Scott als Merkmale des „high-modernist state“ beschreibt.
    • Legibility: Der Staat formt aus komplexen Landschaften eine standardisierte Ordnung durch Vermessung, Kadastr¬ und Landverteilung – das zentrale Prinzip von „seeing like a state“ (Studeersnel, centerforneweconomics.org).
    • Non state spaces: Moore gelten als archetypische Räume, die sich staatlichem Zugriff entziehen und Dezentralität begünstigen (The Anarchist Library).
    • Technokratie & High Modernism: Die Elitenentwicklung der Niederlande entspricht exakt Scotts Beschreibung: Ingenieure, Kapitalanleger und Planer Collektivierungs Projekte, die vormals lokale Vielfalt nivellieren (centerforneweconomics.org, Cato Unbound).
    ________________________________________
    Zusammenfassungsvorschlag für deine Antwort:
    Die koloniale Expansion der Niederlande widerlegt nicht die Flussebenenthese, sondern bestätigt vielmehr das Gegenteil: Die Region war bis ins 17. Jhdt ein fragmentierter Raum aus Moore und unzugänglichen Flusslandschaften, der keine natürliche Grundlage für Zentralgewalt bot. Erst im Zuge von systematischer Trockenlegung und Kapitalinvestitionen wurde dieser Raum lesbar – und damit steuer- und extraktionsfähig. Eine neue bürgerliche Elite entstand auf der Basis von Poldercompagnien und Handelskompanien (VOC/WIC), nicht durch geografisch determinierte Flussebene. Das niederländische Kolonialreich war somit kein Resultat gegebener Flussebenen, sondern Folge eines modernen, technokratischen Projekts der Raumerschließung – ganz im Sinne von Scott: Legibility precedes state control. Quellen: Scott 1998 (Seeing Like a State) sowie historische Studien zu Polderbau und niederländischer Elitenbildung.
    ________________________________________
    Quellen (online zugänglich bzw. nachprüfbar):
    • Scott, James C.: Seeing Like a State: How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed. Yale 1998 – u. a. Kap. über „non-state spaces“, „legibility“, „high modernism“ (Wikipedia, Studeersnel).
    • Historische Analyse zur Polderbildung und Investorenstruktur (z. B. Beemster Polder ab 1607): online diskutiert in reddit Threads zu „deforestation and polderization“ in niederländischen Kontexten (Reddit).
    ________________________________________
    Mein Fazit:
    – Statt Gebirgen sind aus meiner Sicht geografische Hindernisse allgemein entscheidend – Gebirge sind einfach nur die beständigsten gegen menschlichen Einfluss
    – Flussebenen sind für mich kein automatischer geografischer Indikator für autoritäre Strukturen
    – Die ökogeografische Geschichte der Rheinregion belegt dies. Es lassen sich bestimmt noch weiter Beispiele zum Durchspielen finden.
    – Stattdessen denke ich sind es Machtkonzentrationen bei Rentier-Eliten (gleich welcher Art)
    Ich hab auf jeden Fall meinen Spaß gehabt und dabei was gelernt. Hoffe sie auch.
    Wäre froh zu wissen was sie drüber denken, auch wenn’s länger dauert. Mich mit Perplexity über ihre Theorien unterhalten hat doch keinen Reiz. 😉
    Liebe Grüße
    Ein Gelegenheitsleser

  9. Guten Abend Herr Blume,
    Vielen Dank für die klare Nachricht. Atmen wir kurz beide aus.
    Glauben Sie mir zu 100% ehrlich: Zeit zu rauben, Ihnen schlechte Laune zu bereiten oder Sie auf ihrem Blog bloßzustellen ist nicht meine Absicht – Entschuldigung dafür.
    Ich höre gerne ihren Podcast und wollte etwas zu ihrer These konstruktiv beitragen und mich von den Schwurblern im Kommentarbereich abheben. Daher habe ich viel Zeit in die ersten beiden Nachrichten mit viel Begeisterung gesteckt, mit Quellen, Beispielen und allem. Lesens sie‘s gern nochmal irgendwann in Ruhe durch – es ist wild argumentiert, aber so schreibt kein Troll.
    Es ist absolut verständlich dass sie eingespielte Abwehrmechanismen haben und die endlosen Onlinedebatten leid sind. Gleichzeitig bitte ich Sie, sich in meine Lage zu versetzen: Man schreibt jemandem, den man schätzt, mit echtem Interesse und Ideen, bekommt aber das Gefühl, dass nicht wirklich gelesen wurde – stattdessen folgen Floskeln, Buchempfehlungen, und Links auf eigene Texte, die man bereits kennt. Zum Schluss gibt Perplexity.AI seine These wieder, ohne dass er selbst mehr als oberflächlich auf eine der Anregungen in Ihrem Kommentar dazu eingeht. Das fand ich wiederrum langweilig und schade – weil das den Aufwand nicht wert ist.
    Daher war meine letzte Nachricht bewusst triezend formuliert, und sie haben recht: ich hab mich nur selbstinszeniert. Ich habe kein Anspruch, dass man mich toll findet, nur weil ich wild mit Quellen um mich werfe.
    Danke für ihre Zeit, ich lass das mit den Kommentaren sein.
    Alles Gute!

    • Danke für die Erläuterung, @Kornwolf

      Vielleicht hilft es Ihnen ja, wenn ich einmal transparent mache, dass ich täglich zahlreiche Kommentare erhalte, die ich trotz knapper Zeit zu beantworten versuche. Es wäre schon zeitlich völlig unmöglich, bereits gebloggte Argumente immer wieder zu tippen, stattdessen verlinke ich diese. Und wenn ich in großen Kommentaren mit zahlreichen Themen zugeschüttet werde, so muss ich mir ein oder zwei heraussuchen, auf die ich antworten kann. Mehr ist auch beim besten Willen nicht zu schaffen.

      Wenn Sie es wollen, finden Sie sicher noch die auch für Sie richtige Balance. Ich schätze den Dialog mit ehrlich Interessierten, bin aber gleichzeitig auch nur ein Mensch mit endlicher Zeit und vielen Verpflichtungen. Und mir ist völlig bewusst, dass ich es auch mit noch so viel ehrenamtlichem Engagement für die Wissenschaftskommunikation doch nie allen Recht machen kann.

      Ihnen alles Gute.

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