Blogger, lasst uns die Sammelbände retten!

Natur des Glaubens

Wie können Blogger die Wissenschaft – über eigene, wissenschaftliche Arbeit hinaus – fördern? Wie alle anderen auch: Indem sie wissenschaftliche Bücher, Wissenschaftsmagazine, Filme, Fachanbieter, Ausstellungen, Ideen und, ja, Wissenschaftsblog(post)s nachfragen und – sofern gute Qualität vorliegt – aktiv weiter empfehlen. Im Gegenüber zu den millionenschweren Werbeetats etwa der Unterhaltungsindustrie(n) mag das wenig erscheinen – aber jeder Euro, der für Wissenschaftsprodukte fließt und jede Erkenntnis, die auf diesem Wege weiter gegeben wird, ist ein Schritt voran. Dazu können – und sollten – wir beitragen.

Bekenntnis zum Sammelband

Nun habe ich all dies auf "Natur des Glaubens" bereits getan und möchte es auch weiter tun. Heute möchte ich es jedoch wagen, mich zu einer vom Aussterben bedrohten Gattung von Wissenschaftsbüchern zu bekennen: Dem wissenschaftlichen Sammelband.

Ich weiß, er ist in der Open-Access-Generation (zu der ich mich zähle) eher unbeliebt, da a) oft teuer, b) oft nur in kleiner Stückzahl erschienen und entsprechend c) oft weder in Buchhandlungen noch im Internet aktiv dargestellt, also kaum findbar.

Allerdings haben Sammelbände auch Vorteile, die ich an konkreten Beispielen aus meinem Forschungsbereich (mit und ohne eigenen Beiträgen darin) benennen möchte:

a) Sie versammeln oft originelle Entdeckungen und Ideen in konzentrierter Form.

Gerade auch interdisziplinäre Tagungen wie die "Biology of Religion" in Delmenhorst wirken bis heute über die aus ihnen hervor gegangenen Sammelbände (hier: "The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior") wissenschaftlich weiter. Gerade die in kleineren Auflagen erscheinenden Bände der Springer Frontiers Collection kosten ihren Preis, katapultieren Leserinnen und Leser dafür aber auch an die Spitze aktueller Forschungsgebiete.

b) Sammelbände sprechen Themen aus verschiedenen Perspektiven an und eröffnen deswegen gerade auch Fachleuten neue und vielleicht überraschende Perspektiven. 

So sind im Sammelband "Familie und Religion" Kapitel aus folgenden Fachhintergründen vertreten: Religionspädagogik, Soziologie, Religionswissenschaft, Psychologie, Ethnologie, Rechtswissenschaft, Theologie, Politikwissenschaft. Die "interdisziplinäre Familienforschung" steht hier also nicht nur im Titel – und sowohl interessierte Laien wie auch Fachleute treffen hier auf Neues.

 

 c) Gerade Blogs könnten ein ideales Medium sein, um aus Sammelbänden spannende Ideen heraus zu filtern und der Öffentlichkeit vorzustellen. Die "Linkesche These" zum möglichen Zusammenhang von Schriftlesung und Gottesglauben stammt zum Beispiel aus einem Sammelband von 1999 und hätte es verdient gehabt, schon viel früher Aufmerksamkeit zu finden. Und der Tectum-Sammelband "The Nature of God" versammelte Beiträge auch junger, deutscher Forscher für ein internationales Publikum und leistet damit über die inhaltlichen Impulse hinaus Übersetzungs- und Starthilfe zwischen der deutschen und englischen Wissenslandschaft.

Also, ja – ich finde Sammelbände Klasse!

In (guten) Sammelbänden finden sich konzentrierte Entdeckungen und Ideen, die vom Format her nicht gleich in ganze Bücher ausgewalzt werden müssen. Ich lese Sammelbände gerne und schreibe auch gerne für sie. Es ist ein besonderes Format, das durch das Internet einerseits herausgefordert wird – aber vielleicht auch eine ganz eigene, neue Chance erhalten könnte.  

Und hier ist also die (Blog-)Idee…

In der hiermit eröffneten Kategorie "Sammelbände" möchte ich gerne spannende Beiträge aus Sammelbänden vorstellen, damit anregende Ideen verbreiten helfen und gute, wissenschaftliche Produkte aktiv bewerben. Alleine ist da sicher nicht allzu viel zu schaffen, aber wenn auch andere Wissenschaftsbloggende mitziehen, könnten wir dazu beitragen, dass es gute, wissenschaftliche Sammelbände auch noch im 21. Jahrhundert gibt!

Nach dem überaus anregenden Physik-Buch von Josef Honerkamp habe ich mir dafür als nächstes den Sammelband "Post-Physikalismus" auf die Lese- und Auswertungsliste gesetzt, dessen Mit-Herausgeber Marcus Knaup mich durch einen Vortrag zu Aristoteles (!) beeindruckt hatte. Bin schon gespannt…

Liebe Mitbloggende – bitte macht mit! Lasst uns über die Blogosphäre eine Sammelband-Renaissance anstoßen! 🙂

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

2 Kommentare

  1. @Katrin Zinoun

    Vielen Dank für die Unterstützung – und die Links! Die Artikelzusammenfassung über die xuetes auf Mallorca finde ich wirklich eindrucksvoll, ein echtes Fundstück, danke!
    http://www.dialogtexte.de/?p=326

    Wenn Sie so etwas einmal wieder und Lust haben, würde ich Ihnen gerne einen Gastpost auf “Natur des Glaubens” anbieten, um ggf. gute Inhalte zu verbreiten und dialogtexte.de noch bekannter zu machen.

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