Besuchsempfehlung! – Der Archäopark Vogelherd auf der Schwäbischen Alb

Die Stadt Niederstotzingen nahm es sogar in ihre Stadtdarstellung auf: Das vor ca. 40.000 Jahren gefertigte Mammut aus dem Lonetal. Doch erfreulicherweise engagierten sich Forschende und Lokalpolitik auch darüber hinaus – und so entstand der Archäopark Vogelherd, den ich über Ostern mit meiner Familie und Freunden endlich besuchen konnte. Konnte es gelingen, auf Basis doch oft kleiner Funde aus der Steinzeit die Geschichte der Eiszeit lebendig und interessant zu machen?

Es konnte – und wie! Zu sehr vernünftigen Preisen begrüßt ein kleines und feines Museum – mit gemütlichem Kaffee, Shop, gut gemachten Erklärtafeln, überirdischen Schauplätzen sowie in einer “Schatzkammer” mit den Originalen des Mammut und Höhlenlöwen. Der Archäopark lädt also richtig dazu ein, unseren steinzeitlichen Vorfahren ein wenig über die Schulter zu schauen…


Treffen der Generationen. Ein eiszeitlicher Homo sapiens (rechts) und ein zeitgenössischer, bloggender Religionswissenschaftler der gleichen Art. Foto: Jens Schmidtmann

Doch damit nicht genug: Hinter dem Museum öffnet sich ein weites Panorama auf die echte Vogelherdhöhle, die mit einem Wanderpfad erschlossen wurde. Daran finden sich nicht nur unzählige Erklärsteine und kleine Rätsel – etwa versteinerte Fuß- und Kotspuren verschiedener, eiszeitlicher Tiere -, sondern auch Mitmach-Stationen etwa zum Jagen (mit Speeren und Speerschleudern), Laufen (mit steinzeitlicher Trage) und eiszeitlichem “Wohnen”.

Auf den Spuren der Eiszeitmenschen im Archäopark Vogelherd. Foto: Michael Blume

Trotz des durchaus anspruchsvollen Wetters waren jung und älter praktisch sofort begeistert – für jede und jeden fanden sich Anknüpfungspunkte, um die Stein- und Eiszeit auch über die eigenen Interessen zu erschließen.

Ein junger Homo sapiens sapiens übt sich an der Speerschleuder. Foto: Michael Blume

In Führungen erläuterten engagierte Archäologinnen und Archäologen Aspekte des eiszeitlichen Lebens und demonstrierten beispielsweise in einem windgeschützten Zelt, wie sich mit Steinen Feuer schlagen und entfachen ließ.

Eiszeitliches Feuermachen zum Sehen, Riechen und Erleben. Foto: Michael Blume

Auch die Vogelherdhöhle selbst konnte er- und durchwandert werden. Geboten wurden schließlich auch kleine Vorführungen sowie eiszeitliche Gewandungen (die von mindestens einer Besucherin auch tatsächlich als Wetterschutz ausgeliehen wurde). Und mein Herz schlug schneller, als ich im Museumsshop endlich ein aktuelles Werk entdeckte, das – nach Jahrzehnten! – die steinzeitlichen Fundstellen und Funde der schwäbischen Alb in ansprechenden Texten und Fotos zusammenfasste: “Eiszeitarchäologie auf der Schwäbischen Alb” von Nicholas J. Conard, Michael Bolus, Ewa Dutkiewicz und Sybille Wolf, erschienen im Tübinger Kerns Verlag.

Wissenschaft in Text und Bildern: “Eiszeitarchäologie auf der Schwäbischen Alb“. Foto: Michael Blume

Dass hier auch interdisziplinäre Brücken geschlagen wurden, war nach meinen positiven Erfahrungen etwa mit Prof. Conard zu erwarten gewesen. So heißt es beispielsweise auf S. 116 – 117:

In der Gesellschaft der Träger des Aurignaciens waren diese symbolischen Artefakte von Vorteil, und Gruppen, die in ihrem Besitz waren, scheinen sich demographisch und geographisch rasch auf Kosten der archaischen Menschen ausgebreitet zu haben. Symbolik im Sinne von Musik, Kunst, Religion und vielen anderen Bereichen des Lebens, die archäologisch schwer fassbar sind, führte zu einem Zusammenhalt in der Gruppe. Man könnte sagen, dass diese Artefakte und die sozialen Formen, die sie betonen, als eine Art symbolischer Klebstoff funktionierten und neben anderen Faktoren im Bereich der Subsistenz und Technik für das erfolgreiche Zusammenleben und für die Fortpflanzung von Vorteil waren.

Entsprechend wurden auch die Venus-Figurinen (m.E. absolut zu Recht) als religiöse Fruchtbarkeitssymbole gedeutet.

So werden auch Angehörige anderer Wissenschaften im Archäopark Vogelherd vielerlei Anknüpfungspunkte für ihre eigenen Forschungsbereiche finden – aber auch Nichtforschende sowie Kinder wertvolle Anregungen für ein bewussteres Denken und Leben mitnehmen können. Es fiel mir richtig schwer, mich von dem gelungenen Park zu lösen – wenn dann auch ein schöner, gemeinschaftlicher Abend wartete. Was für ein glücklicher Tag!

Wie klein und zugleich groß doch jedes Leben unter der Perspektive des Abstands wird. Foto: Benian Blume

Mit einem Abschlusslob möchte ich schließlich noch den sehr nahen Rasthof Lonetal direkt an der Autobahn bedenken, der neben vielfältiger Gastronomie auch hochwertige Ladestationen der EnBW für Elektrofahrzeuge bietet. 5 Euro für ein komplette Batterieladung (beim neuen Renault Zoe Intens 41 Kwh), problemlos mit EC-Karte direkt an der Säule bezahlbar – da kann man wirklich nichts sagen. Denn in unserem Fall war der Ausflug in die Steinzeit tatsächlich auch der erste “Test” einer Langstreckentour mit dem Elektroauto – und dieser wurde bestanden.

Vom Tanken zum Laden, Elektromobilität wird zunehmend möglich. Foto (in Stuttgart): Michael Blume

So möchte ich allen “Macherinnen und Machern” des gelungenen Archäoparks Vogelherd von Herzen danken – und ebenso Familie und Freunden, die sich mit auf die Reise in die Steinzeit gewagt haben. Und ich kann nur allen Leserinnen und Lesern meines Blogs herzlich empfehlen, einmal einen Besuch im Archäopark zu erwägen – diese Zeitreise macht Freude, Sinn und stiftet Großen und Kleinen mancherlei Erkenntnis. Wissen(schaft) darf auch Freude machen! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schöner Artikel, Michael, über ein wahrlich hochinteressantes Thema. Schmunzeln muss ich jedoch über die Sprache der Wissenschaftler in der Deutung der Bedeutung der Kultobjekte: “symbolischer Klebstoff” für Gruppen, um Überleben und Fortpflanzung zu sichern. Wie ängstlich man die spirituellen und mythologischen Dimensionen dieser Kulturen ausklammert und einfach nur “moderne” utilitaristische Perspektiven auf sie draufprojiziert. Für diese Kulturen war der Kosmos ein numinoser Raum voller Kräfte, sie schauten mit völlig anderen Augen auf Natur, Erde, Sonne, die Elemente und den Tod, huldigten mit ihren Kultobjekten und Ritualen einem durchweg metaphysischen Weltbild. Mindestens waren diese Objekte Kunstwerke, in denen auch das Geheimnisvolle und die Schönheit des Universums gefeiert wurden. Selbst heutige Wissenschaftler würden doch kaum nach einem Mozart-Konzert sagen: Hmm, das war mal wieder richtig guter “sozialer Klebstoff”. Oder vielleicht doch???

    • Lieber Rüdiger,

      vielen Dank!

      Und, nun ja, gerade “diese” Tübinger Kolleginnen und Kollegen sind eigentlich alles andere als Reduktionisten – sie betreiben auch experimentelle Archäologie und haben beispielsweise die Flöten nicht nur nachgebaut, sondern ganze Musikstücke darauf komponiert und gespielt.

      Sie würden aber zwischen dem inneren, immer subjektiven Erleben einerseits und der intersubjektiv beobachtbaren Funktion andererseits unterscheiden – und nur letztere wird im Bereich empirischer Wissenschaften zugelassen (und selbst dann noch teilweise (v)erbittert bestritten).

      Wie schwer das ist, kannst Du ja im Bereich Religion – Demografie sehen. Obwohl die Daten und Befunde längst klar (wenn auch komplex) sind, rollen immer wieder neue Wellen von Leugnern an. An Themen wie Emotionen, Musik und vor allem Religion hängen halt immer enorme Vorwertungen, da geht es immer wieder schnell ans subjektiv Eingemachte. 🙂

      Herzliche Grüße!

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