Gefühle zwischen Leonard Cohen und Blogkommentaren – #Hineni vs. #Derailing?

Derzeit mache ich gerade eine emotional ambivalente, aber inhaltlich sehr interessante Blogerfahrung: Zu den beiden Blogposts um den vom NS-Regime ermordeten, deutsch-jüdischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Marum (SPD) und zur digitalen Erregung um das yezidische IS-Opfer Ashwaq T. laufen unzählige Kommentare eines bestimmten Typs ein, die a) jedes Mitgefühl mit den Opfern verweigern und b) umgehend auf Verschwörungsmythen verweisen. Die Bandbreite reichte dabei schon jetzt von Atombomben bis Kirchenkritik und vom handelsüblichen #Rassismus und #Antisemitismus bis zur umgekehrten (gerade nicht “anti-rassistischen”) Behauptung, Deutsche hätten “eine vererbliche, nationalsozialistische Grundhaltung”. Allen gemeinsam war jedoch, dass sie jede Empathie für die Schicksale der wirklichen Opfer trotzig verweigerten, überwiegend von Männern gehobenen Alters abgesetzt wurden und spätestens auf Nachfrage reklamierten, selbst verfolgte Opfer schlimmster Verschwörungen zu sein. Ihnen, nur ihnen gebühre das Mitleid, nicht “denen”!

In einem schon klassischen Begriff rationaler Medienpsychologie wäre hier zunächst #Derailing (deutsch: Entgleisen-lassen) zu vermuten: Die Betreffenden würden durch wüste Einwürfe versuchen, Debatten zu unterbinden, die nicht in ihrem Sinne verliefen. Allerdings können Sie es selbst nachlesen – ich hatte gerade nicht den Eindruck rationaler Strategien, sondern eher eines emotionalen Paradoxons: Die Betreffenden fühlten sich gleichzeitig zu den Emotionen hingezogen und konnten andererseits damit nicht umgehen. Viele kamen (und kommen) immer wieder, wirkten selbst weniger rational als “derailt”.

Nun gibt es in der neueren Psychologie eine spannende Forschungsdebatte zu den “Schattenseiten der Empathie”, die Steve Ayan auf Spektrum der Wissenschaft gerade sehr gut zusammengefasst hat. Demnach sei globale Empathie menschlich kaum zu erreichen (eher schon z.B. “Achtsamkeit”), sondern drohe gerade auch durch Überreizung auf die eigene Kleingruppe oder gar die Einzelperson zurückzufallen.

Würde das vielleicht erklären, warum nicht wenige Menschen – gerade auch im Zustand digitaler Erregung – auf die “Begegnung” mit Opfern von Extremismus abblocken? Es soll jetzt nicht um die- oder denjenigen gehen, sondern nur um “uns” oder mich! Die Verschwörungsmythen würden dann tatsächlich eine Funktion erfüllen: Nicht schön, was Juden oder Yezidinnen passiert ist, aber eigentlich bin doch “ich” das Opfer! Es ginge letztlich nach Sehnsucht um Mitgefühl, indem man anderen das Recht auf Empathie abspricht, sich in einer “Opferkonkurrenz” fühlt.

Ein extremes Beispiel, das im Umfeld der Amokläufe an US-Schulen bekannt wurde, sich aber inzwischen digital ausbreitet und z.B. den deutschen Journalisten Richard Gutjahr getroffen hat, ist jenes der “Crisis Actors”: Demnach behaupten Verschwörungsgläubige im Internet, bestimmte Ereignisse wie Anschläge oder Massaker seien gar nicht geschehen, sondern würden nur von Schauspielern gestellt. Nicht “die” seien also das Opfer, sondern eigentlich “wir”, zum Beispiel als US-Waffenbesitzer.

Leonard Cohen: Mythen bis zm Hineni – “Hier bin ich”

Tatsächlich gab es einen großen Künstler, der genau den Zusammenhang zwischen religiösen Mythen, Gefühlen und Ängsten bis in die Tiefen erkundet hat. Der später vor allem als Musiker bekannte Leonard Cohen (1934 – 2016) veröffentlichte 1956 schon seinen ersten Gedichtband als Aufruf “Let us compare mythologies” – Lasst uns Mythologien vergleichen.

In einem intensiven Leben erkundete der aus einer jüdischen Priesterfamilie stammende Cohen die Extreme von Liebe und Zweifel, ließ sich als buddhistischer Mönch ordinieren und verehrte Jesus. In seinem letzten Album und Lied “You want it darker” spricht er die Bosheit in der Welt direkt mythologisch an (u.a. auch als Kreuzigung) und äußert doch, gemeinsam mit einem Chor, drei Mal “Hineni”, hebräisch: “Hier bin ich!”.

Diese Aussage wird in Genesis 22 Abraham drei Mal in der Fast-Opferszene seines Sohnes Isaaks zugeschrieben. Während Adam auf Gottes Frage “Wo bist Du?” ausgewichen sei, habe sich Abraham den Widersprüchen, Zweifeln und zerreißenden Gefühlen direkt gestellt und Gott, seinem Sohn und einem Engel jedesmal ein tapferes “Hier bin ich” erwidert. Das habe ihn zum “Freund Gottes” und “Vater vieler Völker” gemacht.

Und tatsächlich kann man sich – oder kann ich mich – der emotionalen Intensität kaum entziehen, wenn Cohen wenige Wochen vor seinem Tod singt: “Hineni – Ich bin bereit, mein Herr.” Hier ist kein Verdrängen mehr, auch kein Verdrängen der eigenen Sterblichkeit, sondern eine tiefe Einsicht und Akzeptanz der eigenen Gefühle, in denen sich auch das Leid der anderen spiegelt. Das Böse ist nicht mehr externalisiert und in andere Menschengruppen ausgegliedert, sondern enstpringt dem Willen Gottes (You want it darker) und des Menschen (We killed the flame). Es ist, auch für Männer, ein Lied zum Fühlen.

Mythen und Verschwörungsmythen

Bereits vor zwei Jahren hatte ich in einem spektrum-Essay den Verschwörungsglauben als “religiöses Problem” umschrieben. Es gab dazu dann auch eine Debatte beim Psychotalk mit Sebastian Bartoschek und dem Hoaxmaster.

Linkbild zum Verschwörungsglaube-Essay. Bild: Spektrum.de, mit freundlicher Genehmigung

Nun gehe ich einen Schritt weiter und formuliere die These: Religiöse wie auch philosophische (z.B. existentialistische) Mythen dienen der Erkenntnis und Bearbeitung von Gefühlen, bis hin zum tiefen #Hineni. Verschwörungsmythen aber dienen der Abwehr von und dem Exklusivanspruch auf Mitgefühl. Der Verschwörungsglaubende kann oder will nicht mit anderen mitfühlen, er (oder seltener auch sie) will das Mitgefühl nur für die Eigengruppe, oder gar nur für sich persönlich beanspruchen. Deswegen aktiviert die Konfrontation mit dem Leid anderer die Klage über vermeintliche Verschwörungen, in denen nur noch man selbst im Mittelpunkt steht und der Rest der Welt abgeblendet wird. #Anthineni, sozusagen – die Schattenseite der begrenzten Empathie.

PS: Heute begehen Musliminnen und Muslime weltweit das Opferfest, das genau an die Opferszene nach Genesis 22 erinnert. Denn dieser dramatische Mythos ist tatsächlich Juden, Christen, Muslimen, Yeziden und Bahai gemeinsam. Ein gesegnetes Fest allen, die es begehen!

PPS: Ja, selbstverständlich kann und darf auch hierzu wieder kommentiert werden. Aber ich habe doch die Bitte: Nehmen Sie sich doch bitte vorher die Zeit, Cohen zu lauschen und das Thema zu bedenken.

Vielen Dank.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

52 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Opferkonkurrenz”…….hm………wahrscheinlich ist da was dran.
    “Wieso kümmern die sich um Fremde und nicht um mich?” hallt es mir bei so mancher öffentlichen Demonstration entgegen, auch wenn was anderes gesagt (gebrüllt) wird. Und es könnte durchaus sein, dass Empathie erst dann so richtig möglich ist, wenn man sich selbst angenommen fühlt, und eigene Gefühle jenseits der gegen andere gerichtete zulassen kann.
    Und große Empathie mit Empathielosen bringe ich zugegeben auch nicht auf.

    “Religiöse wie auch philosophische (z.B. existentialistische) Mythen dienen der Erkenntnis und Bearbeitung von Gefühlen, bis hin zum tiefen #Hineni.”
    Interessante These, lieber Herr Blume…..und mir gefällt ausnehmend gut, dass Sie Leonard Cohen einbringen und diesen großen Song hier nochmal in den Vordergrund stellen.
    Ich werde darüber nachdenken.
    Eine Frage, oder auch kritische Anmerkung möchte ich aber jetzt schon loswerden:
    ich kann den Unterschied zwischen religiösen Mythen und Verschwörungsmythen oft nicht sehen. So wie religiöse Mythen von manchen ge- und missbraucht werden, bleibt oft nur ein verschwörungstheoretischer Kern übrig, und der ist dann eben unter Umständen um keinen Deut besser als eine beliebige Verschwörungstheorie.
    Und das betrifft aus meiner Sicht alle monotheistischen Religionen: diese haben nicht nur einen verschwörungstheoretischen Kern, sondern sind auch m.E. verschwörungstheoretisch ausgebaut.
    Darüber würde ich gerne diskutieren.
    Wobei ich hoffe, dass Leonard Cohens Text trotzdem nicht unter den Tisch fällt. Das hätte er nicht verdient, genau wie viele wichtige Texte aus den jeweiligen religiösen Überlieferungen.

    • @Alisier

      Lieben Dank. Tatsächlich würden mich Ihre Überlegungen zum Vergleich von Mythen und Verschwörungsmythen interessieren. Persönlich bin ich bisher der Auffassung, das Verschwörungsmythen dualistisch sind, sich also durch die Fixierung auf ein vermeintlich absolutes Böses strukturieren. Religiöse Mythologien können, müssen aber nicht dualistisch sein. Hier vermute ich (auch nach Sacks „Not in Gods Name“) den grundlegenden Unterschied, auch in der psychologischen Wirkung.

    • @Peter Müller

      Wow. Wie man einen ganzen Blogpost mit einem Satz bestätigen kann. Statt ein einziges Mal einfach mitzudenken, verweisen Sie gleich wieder auf Ihr Lieblings-Verschwörungs-Feindbild Israel… 🇮🇱

  2. Vielen Dank für Ihren gedankenreichen Blogpost. Die phsychologische Erklärung von Verschwörungen ist sehr interessant.

    Ich hatte dazu einen anderen Gedanken. Inwieweit kann dasjenige dem ausgewichen wird als Basis dienen für nicht nur interreligiösen, sondern interweltanschaulichen Dialog?
    Als nichtreligiöser Mensch kann ich mit der Vorstellungen eine höheren wollenden Wesens wenig anfangen. Die existentiellen Ängste, die teilweise durch Religionen bearbeitet werden, können dem Nichtreligiösen aber auch begegnen.

    Nichtreligiöse sind dabei meiner Einschätzung nach genauso anfällig für Verschwörungen wie Religiöse, zumindest sind die genauso sichtbar. Gibt es dazu Untersuchungen?
    Nach Ihrer obigen Erklärung wäre die Unabhängigkeit keine Überraschung. Sowohl Religiöse als auch Nichtreligiöse können den Gefühlen und Ängsten ausweichen wollen.

    • Ja, @libertador – nach bisherigen Studien (z.B. Bartoschek) korrelieren Religiosität und Verschwörungsglauben leicht positiv zueinander. Sprich: Auch Atheisten sind häufig verschwörubgsgläubig, Religiöse aber eher mehr.

      Dafür bieten sich jedoch zwei Erklärungen an:
      1. Auch Verschwörungsmythen sind ja, wenn auch destruktive, Mythen und könnten also in vielen religiösen Angeboten „mitenthalten“ sein (z.B. fundamentalistischen oder extremistischen Gruppen).
      2. Religiosität wird ja stärker unter den Bedingungen existentieller Unsicherheit aktiviert. Leute, die sich bedroht fühlen, neigen aber auch stärker zu Verschwörungsmythen.

      Die beiden Erklärungen widersprechen sich nicht, es könnten durchaus beide wahr sein.

      Knapp gesagt würde ich annehmen, dass also Religionen und säkulare Weltanschauungen sowohl Teil des Problems wie auch von Lösungen sein können. Wichtig wäre m.E., positive Symbole und Mythen zu finden, die für viele oder gar alle zugänglich sind. Aber das sind alles erstmal nur Zwischengedanken. Was meinen Sie?

  3. Lieber Herr Dr. Blume,
    ist es nicht vielleicht bei vielen so, wie bei mir, nämlich, dass Einstellungen und Überzeugungen das Resultat von Erfahrungen sind (die man nicht unbedingt selbst gemacht haben muss)? Autoren, die ich als seriös ansehe wie Joachim Wagner, Heinz Buschkowski, Seyran Ates, Thilo Sarrazin und Hamed Abdel Samad, nennen die Dinge beim Namen. Zustände, die einfach nur wütend machen. Das Kopfgeld auf Salman Rushdie ist erst 2016 auf 4 Millionen USD erhöht worden. Nun glaubt eine Yesidin ihren Peiniger vom IS in Deutschland wiedererkannt zu haben; wieso lassen wir solche Typen unkontrolliert einreisen? Glauben Sie mir, es ist keine Verschwörungstheorie, die mich zum AfD Wähler gemacht hat, sondern einfach nur Wut über Missstände die ich hier über hunderte von Seiten zitieren könnte. Und genau das führt zur Trennung zwischen “uns” und “denen”. Wir, das sind die, bei denen ich mich wohlfühle, weil ich sie einschätzen kann, da sie so sind wie ich. Sie haben die selben Normen, auch jenseits dessen was im Gesetz steht. Das sind die Menschen mit denen ich kooperieren will und denen ich meine Fürsorge gerne zukommen lasse. Das ist in meinen Augen ein ausschlaggebender Bestandteil von Identität.
    Die Anderen sind die, die andere Normen haben. Normen, die mir teilweise zutiefst unsympathisch sind. So lange sie unter sich waren konnte man diese Gegenden einfach meiden, vermutlich war daher Integration Jahrzehnte lang kein so großes Thema wie heute. Sie fühlen sich ihren Gesellschaften verbunden und wir unseren.

    Von Leuten, die von uns aufgenommen werden, weil sie in ihren Herkunftsländern verfolgt werden erwarte ich in erster Linie Dankbarkeit und ein gewisses Maß an Bescheidenheit und Zurückhaltung. Und von Politikern, erwarte ich, die wirklich Verfolgten von den Glücksrittern zu unterscheiden und Gesetze zu machen, die diese dann, ohne wenn und aber, aus dem Land befördern. Aus heutiger Sicht gibt es da noch viel zu tun.
    Sie werden mich dafür sicherlich einen Rassisten nennen, aber wenn ich mir die Historie der Definition des Begriffs “Rassismus” auf Wikipedia von 2008 bis heute ansehe, dann ist das geschenkt.

    • Lieber @Jack Russel,

      vielen Dank für die Offenlegung Ihrer Meinung. Mir geht es darum zu verstehen, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen und erklären. Ich finde es beispielsweise interessant, dass Sie keinen Begriff der Weltwahrnehmung so oft verwenden wie “Wut” bzw. “wütend”.

      Autoren, die ich als seriös ansehe wie Joachim Wagner, Heinz Buschkowski, Seyran Ates, Thilo Sarrazin und Hamed Abdel Samad, nennen die Dinge beim Namen.

      Sie werden mir erlauben, dass ich zwischen den genannten Autoren große Unterschiede auch in der Qualität ihrer Darstellungen sehe. So hat sich z.B. Thilo Sarrazin heftig bei meinen Daten bedient und diese dabei massiv verzerrt und zurechtgeschnitten. Sie müssen mir das gar nicht einfach glauben, Sie können das selbst nachvollziehen:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-demografische-traditionalismusfalle-und-warum-thilo-sarrazin-schummeln-musste-n-tv-4/

      Zustände, die einfach nur wütend machen. Das Kopfgeld auf Salman Rushdie ist erst 2016 auf 4 Millionen USD erhöht worden.

      Oh ja, das lehne ich auch entschieden ab. Nur – wer hat nochmal damals das demokratische Regime im Iran gestürzt und den Schah für günstiges Öl wieder auf den Pfauenthron geholt? “Wir” – ich nehme an, auch Sie – bauen einen erheblichen Teil unseres Wohlstands auf dem Verbrennen von billigem Öl auf und finanzieren damit autoritäre Regime, die wir zudem auch noch mit Waffen beliefern. Mit den Folgen dieser Taten – Diktaturen, Gewalt, Terror – wollen wir dann aber nichts mehr zu tun haben. Können Sie ggf. verstehen, dass diese Art der Weltgestaltung auch andere “wütend” macht? Spannenderweise hat Julia Ebner die “Logiken” hinter rechtsradikalen und islamistischen Mythenwelten erkundet und kam auf den gleichen Nenner, nach dem sie auch ihr Buch nannte… “Wut. Was Islamisten und Rechtsradikale mit uns machen” (Kein Witz!)
      https://www.wbg-wissenverbindet.de/11729/wut

      Aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen kann ich das bestätigen: Sie stehen mit Ihrer “Wut” einem radikalen Iraner näher als einer liberalen Iranerin, die sich gegen das Kopftuch-Tragen auflehnt.

      Daher habe ich mir nach der Rückkehr aus dem Irak ein Elektromobil zugelegt und versuche, wo immer möglich meinen Öl- und Gasverbrauch zu reduzieren. Solange Sie und ich diese Rohstoffe verbrennen, sind wir “partners in crime” und befeuern die Gewalt und Wut in allen rohstoffproduzierenden Ländern. Die dies erklärende, politik-, wirtschafts- und kulturwissenschaftliche Theorie nennt sich #Rentierstaatstheorie und vermag die derzeit meisten Konflikte auf unserem Planeten erschütternd gut zu beschreiben:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-blut-oel-die-rentierstaatstheorie/

      Nun glaubt eine Yesidin ihren Peiniger vom IS in Deutschland wiedererkannt zu haben; wieso lassen wir solche Typen unkontrolliert einreisen?

      Sie merken ggf. schon in diesem einen Satz, dass Sie von einer unklaren Sachlage auf eine bestimmte Behauptung schließen. Ja, nachdem wir Griechenland und Italien jahrelang alleine ließen, brachen die Dublingrenzen. Und, ja, die Kanzlerin hat in dieser Notsituation m.E. richtig entschieden und damit auch Zehntausende – auch yezidische – Leben gerettet. Dennoch räumt sie ja inzwischen auch selbst ein, dass sich ein solcher Zustand nicht wiederholen dürfe. Und ich selbst habe auch gerade im Irak die Beobachtung gemacht, dass “offene Grenzen” v.a. junge Männer und Leute mit Geld für Schlepper anziehen, während die wirklich Schutzbedürftigen zurückbleiben. Deswegen begrüße ich die mühsam zu erringende, neue EU-Flüchtlingspolitik im Grundsatz. Schon jetzt sind die Flüchtlingszahlen wieder sehr niedrig und es sind vor allem nationalistisch regierte EU-Staaten wie Ungarn und Polen, die sich weiteren Überlegungen versperren und ihre Rechtsstaaten aushöhlen, “unser” Steuergeld aber gerne nehmen. Das macht mich nicht wütend, aber nachdenklich.

      Glauben Sie mir, es ist keine Verschwörungstheorie, die mich zum AfD Wähler gemacht hat, sondern einfach nur Wut über Missstände die ich hier über hunderte von Seiten zitieren könnte. Und genau das führt zur Trennung zwischen “uns” und “denen”.

      Nun – noch nie hatten Deutsche eine so hohe Lebenserwartung, die Arbeitslosigkeit ist rekordhaft niedrig, ebenso die gesamte Kriminalität, wir leben wiedervereinigt in Frieden und nutzen übrigens auch gerade dieses schicke Internet. Darf ich Sie mal ernsthaft fragen, in welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert es Deutschland denn wirklich besser ging, es z.B. nicht an Kriegen beteiligt oder von Atomkriegen bedroht war?

      Wir beide leben im gleichen Land, aber wir nehmen es offensichtlich ganz unterschiedlich wahr. Ich bin ehrlich dankbar, ja begeistert und willens, an den nie perfekten Systemen von Demokratie und Rechtsstaat mitzuwirken, damit es auch anderen Menschen noch besser gehen, sich Wissenschaft, Kultur etc. weiterentwickeln können. Ich sorge mich durchaus auch, beispielsweise um die Folgen des Klimawandels für Milliarden armer Menschen, die ich nicht gerne als Flüchtlinge erleben würde. Es gäbe also m.E. viel dringendere Aufgaben, als mitten im deutschen Wohlstand ständig “wütend” zu sein. Ich möchte nicht in die 70er, 50er oder sogar 40er Jahre zurück, von Jahrhunderten davor ganz zu schweigen. Aber Sie erfüllen die gleichen Zustände, die ich als “Glück” erlebe, nach eigenen Angaben mit “Wut”.

      Und an diesem Punkt unterscheiden sich, so meine ich, eben schlichtweg die Mythen, mit denen wir uns selbst und unsere Umwelt wahrnehmen. Das möchte ich gerne immer besser verstehen und religionswissenschaftlich beschreiben.

      Ihnen daher ehrlichen Dank für den Dialog!

    • @Markweger

      Bevor man Wahrheiten aussprechen kann, muss man sie erkennen. Sie sind auch in diesem Blogpost nicht wirklich am Erkennen interessiert, sondern wiederholen nur die Litanei von der jüdisch bestimmten Weltverschwörung und den Sie bedrohenden Rassen. Ja, Sie vertreten rassistische und antisemitische Verschwörungsmythen. Und solange Sie da nicht selbst raus wollen, kann Ihnen da auch niemand helfen. Es bleibt Ihre Wahl.

      Vielleicht melden Sie sich einfach mal wieder, wenn Sie irgendetwas Neues zu schreiben haben? Sie haben doch wirklich schon genug Kommentare gehabt, um uns über Ihre Feindbilder und Ihren Verschwörungsglauben zu informieren. Da kommt fast nichts Neues mehr.

  4. “There is no God in Heaven
    And there is no Hell below
    Off topic, für die Batterie:

    “So says the great professor
    Of all there is to know
    But I’ve had the invitation
    That a sinner can’t refuse
    And it’s almost like salvation
    It’s almost like the blues
    It’s almost like a blues
    Almost like a blues”

    Auch ein großes Lied.

    • Danke, lieber @Arvid. Ich hatte auch nachgedacht, ob mir ein vergleichbares, säkulares Lied eingefallen wäre. Aber Cohen ist halt eine Liga für sich…

      Wenn Du ein säkulares „Hineni“ wüsstest, wäre ich für einen Hinweis dankbar. 🙂

  5. Uiiiiiii, Herr Blume, da habe ich zu früher Stunde etwas Feines für Sie zum Knabbern gefunden 😉 :

    Karsten Müller und Carlo Schwarz, Forscher an der Universität von Warwick, überprüften jeden Anti-Flüchtling-Angriff in Deutschland, 3.335 in allen, über einen Zeitraum von zwei Jahren. In jedem analysierten sie die lokale Gemeinschaft durch jede Variable, die relevant erschien. Reichtum. Demographie Unterstützung für rechtsextreme Politik. Zeitungsverkäufe. Anzahl der Flüchtlinge. Geschichte der Hassverbrechen. Anzahl der Proteste

    Eine Sache steckte hervor. Städte, in denen Facebook überdurchschnittlich stark frequentiert wurde, erlebten verlässlich mehr Angriffe auf Flüchtlinge. Das galt für praktisch jede Art von Gemeinschaft – Großstadt oder Kleinstadt; wohlhabend oder kämpfend; liberaler Hafen oder rechtsextreme Hochburg – was darauf hindeutet, dass die Verbindung universell gilt.

    Ihre riesigen Datenmengen konvergierten auf eine atemberaubende Statistik: Überall dort, wo die Facebook-Nutzung pro Person auf eine Standardabweichung über dem Landesdurchschnitt anstieg, stiegen die Angriffe auf Flüchtlinge um etwa 50 Prozent.

    Link auf die NYT

  6. Hallo Herr Blume,
    hoffentlich wird mein Beitrag nicht wieder als Derailing missverstanden.
    Mein Beitrag zur globalen Empathie und über die Bosheit in der Welt:
    Im Laufe der biologischen Evolutionsvorgänge sind bereits viele
    Milliarden Menschen qualvoll gestorben, von dem Leid der
    anderen empfindungsfähigen Lebewesen einmal ganz abgesehen
    (was eigentlich grob ungenau ist).
    Die biologischen Evolutionsvorgänge sind zwar beinahe allmächtig,
    aber allgütig und allwissend sind sie bestimmt nicht.
    Die Behauptung: “Das Böse entspringt dem Willen Gottes”
    halte ich deshalb aus mehreren Gründen für falsch.
    Mit: “Hier bin ich” stellt der Mensch seine Teilnahme
    an den biologischen Evolutionsvorgängen erst einmal fest.
    Allerdings hat der Mensch auch die Möglichkeit aus den
    biologischen Evolutionsvorgängen schrittweise auszusteigen.
    Vereinfacht ausgedrückt: Die “Natur” ist alles andere als “gut”.
    Die Tatsache, dass die biologischen Evolutionsvorgänge
    Verhaltensweisen begünstigen, die Leid verursachen, macht weder
    diese Verhaltensweisen noch die biologischen Evolutionsvorgänge
    in irgendeiner Weise “richtiger” oder “besser”.
    Anmerkung:
    Ich schreibe nicht “Evolution” sondern “biologische
    Evolutionsvorgänge”, weil es sonst so klingt, als wäre die
    “Evolution” eine Person, die bestimmte Absichten hat.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Karl Bednarik.

    • Lieben Dank, @Karl Bednarik.

      Mir scheint, hier liegt ein Kategorienfehler vor: „Evolutionsvorgänge“ ist ein Begriff der wissenschaftlichen Beschreibung. „Hineni – Hier bin ich!“ (ob religiös oder atheistisch-existentialistisch) ist dagegen jedoch ein (vielleicht gar: der?) Begriff der subjektiven Haltung dazu, also der Bewertung.

      Selbstverständlich finden Sie auf Ebene der Sachbeschreibung kein „Gut und Böse“. Dieses entsteht erst mit dem Subjekt, das sich der Welt auch bewertend positioniert.

      Und würden nicht auch Sie die Welt subjektiv-emotional bewerten und wiederum an die Subjektivität anderer appellieren – warum würden Sie dann hier kommentieren? Hier sind Sie!

      Wissenschaftliche Beschreibungen sind großartig, doch auch sie lösen unsere Subjektivität samt unserer Gefühle nicht auf. Cohen stellte sich dem in künstlerischer Weise. Darin liegt m.E. genuine Erkenntnis.

  7. @Jack Russell: Identität
    Sie argumentieren kommunitaristisch (https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunitarismus). Durchaus sinnvoll.
    Glauben Sie, wenn sie in einer Koranschule aufgewachsen wären, hätten Sie die gleiche Persönlichkeit? Die Verhältnisse im Nahen Osten, wie überall auf der Erde sind auf ihre Arten kommunitaristisch. Sie erkennen lediglich, dass auch Sie von Faktoren bedingt und unbedingt sind.
    Ebenso suggerieren Sie, eine Identität wäre etwas Feststehendes. Aber:
    https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-persoenlichkeit/1581180
    https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-charakterfrage/1569458
    Persönlichkeit hat mehr mit Lernen (https://de.wikipedia.org/wiki/Lernen) , also den Umweltbedingungen, zu tun, als mit einer biologischen Anlage. Wovon sind Sie geprägt? Mit was sind Sie Konditioniert? Meinungsfreiheit? Einem freien Willen?
    @ Markweger hat in einem anderen blog Demokratie mal als Narrenhaus bezeichnet. Stimmt. In einer Demokratie unterliegen auch Widersprüche einer freien Entfaltung der Persönlichkeit. Auch ihre, auch um eine kommunitaristische Grundlage: Würde und Freiheit.
    Repressive Systeme kennen auch die „Flüchtigkeit“ von Persönlichkeit, das Anpassen an andere Normen und die Effekte der Lernmethoden, und Illiberalität nutzt es wieder zum Ziel und auf dem Weg zu einem Einheitsstaat aus.
    Es gibt aber keine Homogenität und Reinheit in der Biologie und im Denken. Insofern ist die Debatte um Identität und Persönlichkeit in einer liberalen Demokratie durchaus erwünscht. Im Kern geht es eben um die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die ist individuell; Meinungen und Verständnis können auch mal gleich sein. Deswegen sind sie ja auch eine Minderheit.
    Die braunen Identitäts- und Persönlichkeitsmythen jedoch braucht kein Mensch mehr. Sie sind alle widerlegt.
    Warum? Weil Sie alle (Braune und islamische Extreme sind da wiedermal gleich) ein Problem mit der Ehre haben, Glauben und Mythen; ein ungesundes Verhältnis in ihrer Persönlichkeit.

  8. “Bevor man Wahrheiten ausspricht, muss man sie erkennen…”
    Mit diesem Spruch wurde ich in der DDR permanent agitatorisch bearbeitet. Die Wahrheiten von damals liegen heute auf der Müllhalde der Geschichte. Wer glaubt wirklich, dass die “Wahrheiten” von heute ein längeres Verfallsdatum als von einigen Jahren haben ?! Mir sind Menschen, die mir WAHRHEITEN verkünden wollen, inzwischen sehr supekt,da sie immer nur ihre Wahrheit meinen bzw. die “Wahrheit” des herrschenden Systems ,vorgebetet von den Medien.Ich erkenne hier keine Wahrheiten sondern nur wieder-wie damals- den Versuch mich systemkonform zu indoktrinieren.Wie sagte doch Hans Dietrich Genscher einstmals : Die Wahrheit ? Wir suchen sie noch heute.Ich habe das Gefühl, dass hier wieder einmal eine Generation in Deutschland falschen Wahrheiten folgt…

  9. @Michael Blume

    Ich hatte auch nachgedacht, ob mir ein vergleichbares, säkulares Lied eingefallen wäre.

    Imagine / John Lennon.

    • @Alubehüteter

      Daran hatte ich auch gedacht, aber Lennon besingt doch eine Utopie (Imagine!), also gerade keine Auseinandersetzung mit dem auch emotionalen Jetzt. Hineni ist traumlose Gegenwart, Imagine ist Zukunftstraum, oder?

  10. @Michael Blume

    „Imagine“ ist ja aber kein U-topos wie meinetwegen „1984“. Es ist zugleich Aufforderung: höre auf, irgendetwas zu glauben, was dich befähigt, in den Krieg zu ziehen und Menschen zu töten. Himmel, Hölle, Nation: Das gibt es alles nicht bzw. ist es nicht wert; wir sollten uns so verhalten, als gäbe es „nothing to kill or die vor, and no religion too.“

    Es ist keine nur individuelle Geschichte wie bei Cohen: Ich alleine vor Gott, ich alleine vor dem Tod. Lennon geht es um all the people living life in peace.

  11. Na ja, die Wahrheiten in der Politik und in den Medien sind inzwischen so einseitig wie in einer Diktatur.
    Dazu muss nicht Diktatur sein, Indoktrinierung über viele Jahrzehnte reicht auch.
    Und Zensur natürlich, auch natürlich uneingestanden, aber faktisch eben doch.

    • Nein, @Markweger – das sind sie nicht. Und ich vermute, dass Sie das eigentlich auch ganz genau wissen, aber eigentlich lieber in einem nationalistischen, autoritären Regime leben würden. Deswegen leugnen Sie die Unterschiede und meinen, diese Demokratie werde durch Verschwörer gelenkt. Ihre Emotionen geben Ihre Weltsicht vor (womit wir auch schon wieder beim Blogthema wären).

  12. @Michael Blume

    Mir ist nicht klar, wie Sie die Gutjahr-Stalker in Verbindung bringen mit den Verschwörungsgläubigen der Crisis Actors. Es gibt auf YouTube ganze Kanäle, die sich beschäftigen zum Beispiel mit dem Breitscheidplatz-Attentat, und zu demonstrieren versuchen, daß dieses nie stattgefunden habe. Alles Theaterblut. Alles gekaufte Statisten. Da steht noch ein Poller, den der Truck hätte überfahren müssen; dieses Video vom fahrenden Truck ist gefälscht, weil die Geschwindigkeit …

    Die, die Richard Gutjahr stalken, bestreiten ja nicht, daß es ein Attentat in Nizza gegeben hat. Sie sagen nur: Das ist kein Einzeltäter, der da mit einem LKW in eine Menschenmenge hineingefahren ist, auch kein Islamist, oder wenn, dann ein nützlicher Idiot ganz anderer Mächte, die hier false flag-Aktionen betreiben.

    Sie machen das fest an dem angeblichen Reporterglück Richard Gutjahrs: „Zufällig“ ist er in Nizza vor Ort in der ersten Reihe und fertigt ein legendäres Video; „zufällig“ ist er wenige Wochen später in München an einem McDonald und filmt, wie ein afghanischer Nazi auf Türken ballert. Wie viel „Zufall“ denn noch?

    Dann stochert man rum in der Biographie Gutjahrs und findet: Aha, der ist verheiratet mit einer Israeli, die mal einen Lehrstuhl hatte an der … Alles klar, Mossad. Die also haben Menschen angestiftet zu diesen Attentaten, die allerdings in ihren Augen tatsächlich stattgefunden haben. Und Gutjahr ist exklusiv informiert, um sich als Reporter mit erster-Hand-Stories profilieren zu können.

    Ist natürlich alles Unfug. Geschwurbel dilletantischer Amateure. Um zu erfahren, was wirklich dahinter steckt, muß man schon etwas umfangreicher recherchieren. Dann läßt sich unschwer feststellen, daß sich Gutjahrs in der Tat unwahrscheinliches Reporterglück nicht nur auf Terroranschläge bezieht. Er war auch der weltweit erste Käufer eines Apple-iPads. Das ist natürlich sehr viel „Zufall“, um noch als solche gelten zu können. Der geschulte Blick eines alubehüteten Fachmanns aber erkennt darin natürlich nicht den Mossad, sondern unzweifelhaft die Handschrift eines ganz anderen Geheimdienstes: Des CIA.

    • @Alubehüteter

      Kann es sein, dass Ihr Aluhut nicht mehr ganz dicht ist? 😉

      Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass die erwähnten Anschläge von der CIA ausgerichtet und Gutjahr der journalistische Crisis Actor war? 😮

      Naja, ich habe Ende September eine Veranstaltung mit Richard Gutjahr und werde ihn gerne mal fragen, ob der Verschwörungsmythos besser hinhaut, wenn man statt Mossad CIA setzt. 🙂

  13. @Michael Blume

    Dabei ist jedoch m.E. immer zu sehen, dass die Technologie selbst nur ein Werkzeug ist, moralisch verantwortlich sind wir, die es anwenden.

    Wenn Sie demnächst mal Zeit finden für den sehr langen NYT-Artikel (dessen Seriösität ich mal vorraussetze), dann werden Sie feststellen, daß das hier das Neue ist: Es ist die Technik selber, die only bad news are good news-Algorithmen, die die Menschen verrohen. Nicht erst die Menschen, die sie nutzen. Augenscheinlich werden Menschen hier u.U. radikalisiert nicht erst durch irgendwelche Putin-Trolle oder Reconquista-Germania-Trolle, sondern schon durch die Facebook-Algorithmen.

    Was zu erwarten gewesen wäre: Das Internet verroht die Menschen. Je bessere Internetanbindung, desto mehr Gewalt. Nein, es ist ausschließlich Facebook. Da sich Trolle und Agitatoren flächenmäßig auch bei Twitter verbreiten, Google ja ähnliche Filterblasen-Algorithmen verwendet (mir werden eher taz-Ergebnisse angezeigt, Markweger mehr RT-News), muß der Fehler in der Technik von Facebook liegen.

    Da machen wir ein völlig neues Faß auf, das ist eine ganz neue Diskussion, die niemand auf dem Schirm hatte.

    • Doch, lieber @Alubehüteter, Facebook ist schon auch mit auf dem Schirm – als Nutzer dieses „sozialen“ Mediums, von Twitter und dieses Blogs erlebe ich die Unterschiede täglich. Auch das Medium „Zeitschrift“ vermag ja zwischen BamS, SPIEGEL und Compact ganz unterschiedliche, nicht immer nur edle Emotionen anzusprechen.

      Dennoch würde ich am Grundsatz festhalten, dass wir Menschen die verantwortlichen Nutzer sind. Die Anlage eines Facebook-Accounts ist freiwillig, gerade auch die Jüngeren ziehen sich längst zurück und wir entscheiden auch selbst, ob, wie lange und wie wir FB nutzen. Damit „es“ etwas mit uns macht, müssen erst wir mitmachen.

  14. Facebook ist schon auch mit auf dem Schirm

    Ja. Die Innensicht. Aber noch nicht so wie hier bei der von der NYT verlinkten Studie.

  15. Hallo Herr Blume,
    die vielen Subjekte, die die Welt subjektiv-emotional bewerten,
    sind sich dabei ziemlich einig, dass Leid und Tod unangenehm ist.
    Das führt aber jetzt ein wenig zum negativen Utilitarismus.
    Die Begriffe von Gut und Böse entstanden durch die Gruppenbildung
    der Menschen, die ihre Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht hat.
    Für Gruppenlebewesen ist die gegenseitige Hilfe innerhalb der
    Gruppe nützlich, aber es ist auch ebenso die Feindseligkeit
    gegenüber den Mitgliedern der anderen Gruppen vorteilhaft.
    Und schon wird der Jäger des Nachbarstammes zur Beute.
    Es gibt Konflikte zwischen Einzelpersonen, Stammesgruppen, Völkern,
    Nationen, Kulturgemeinschaften, Religionsgemeinschaften, usw., usf..
    Die auf den biologischen Evolutionsvorgängen aufbauenden
    kulturellen Evolutionsvorgänge verstärken den Zusammenhalt
    innerhalb der Gruppen, genauso, wie die die Trennung zwischen
    den verschiedenen Gruppen verstärken.
    Einfache Lebewesen lassen sich gut durch Triebe und Instinkte steuern.
    Die grundsätzlich die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhende
    Intelligenz beinhaltet das Risiko, dass diese Lebewesen ihre
    Triebe und Instinkte kritisch betrachten, und womöglich dadurch
    ihre Überlebenswahrscheinlichkeit verringern.
    Dagegen hilft die kulturelle Indoktrination, die diese Lebewesen an
    einer allzu kritischen Betrachtung ihrer Triebe und Instinkte hindert.
    Die biologischen Evolutionsvorgänge und die darauf aufbauenden
    kulturellen Evolutionsvorgänge orientieren sich nur an der
    Überlebenswahrscheinlichkeit der verschiedenen Strukturen,
    ohne selbst irgendein Ziel zu verfolgen, und schon gar nicht
    daran, um das Wohlbefinden der einzelnen Individuen zu erhöhen.
    Wenn die kulturelle Indoktrination gut funktioniert, dann haben
    die davon manipulierten Individuen sogar erhebende Gefühle
    dabei, wenn sie freiwillig in den Tod gehen.
    Das dient aber nicht dem “Guten” und “Richtigen” sondern nur
    der Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit der eigenen Gruppe.
    Jedes Individuum hat die Wahl, ob es eine emotional gesteuerte
    Marionette der verschiedenen Evolutionsvorgänge bleiben will, oder ob
    es einen anderen Weg außerhalb dieser engen Grenzen beschreiten will.
    Natürlich sind solche freien Individuen den indoktrinierten Individuen
    ein wenig unheimlich, weil sie nicht zur eigenen Gruppe gehören.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Karl Bednarik.

  16. @Michael Blume

    Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass die erwähnten Anschläge von der CIA ausgerichtet und Gutjahr der journalistische Crisis Actor war? 😮

    Es ist doch nicht zu übersehen, daß das „Glück“ Gustav Gans’ in Wirklichkeit arrangiert ist? 🤔

    • Nun ja, lieber @Alubehüteter – wenn Sie die Realität nach Maßgabe von “Lustigen Taschenbüchern”-Comics beurteilen, dann sind wir wohl beim Grundproblem angekommen. Auch medial. 😉

      Lassen Sie es mich Ihnen ganz klar sagen: Wer so wie ich mehrfach mit Geheimdiensten verschiedener Staaten zu tun hatte, der weiß genau, dass da sehr unterschiedliche Menschen sitzen – die aber am Ende des Tages auch mit Wasser kochen. Da gibt es mal mehr, mal weniger talentierte Leute, aber ebensowenig “Gustav Ganses” wie in anderen Berufen. Auch James Bond, “Mission Impossible” und S.H.I.E.L.D sind übrigens nur – coole – Fiktionen… 🙂

  17. Lieber Michael Blume,
    was in meinen Augen etwas gefährlich ist – da bereits die Grenze zu einer elitären Intoleranz erreicht wird – ist die klammheimliche Forderung nach einem Mindestmaß an normativer Empathie, die von jedem abverlangt werden kann.

    Erachtet man Empathie im Sinne Paul Ekmans Definition impliziert dies deutliche Differenzen im “Empathievermögen” von Menschen und benachteiligt eben jene, deren Empathie “in eine andere Richtung läuft”. Peter Müller und Markweger bestättigen dies eindrücklich und prägnant. Obwohl Ersterer durchaus Empathie zeigt (allerdings eben in eine andere Richtung) wird dies rigoros abgelehnt. Reden wir tatsächlich von Empathie und unterliegt Empathie neuerdings einem (elitären) Konformismus, der letztendlich intolerant sein muss? Mit einer Überreizung geht der Begriff der Überforderung einher. Und genau dies wäre nach der Empathiedefinition von Paul Ekman eine Konsequenz.

    Achtsamkeit von Empathie abzugrenzen erweckt den Anschein als wären beide unabhängig. Dem ist jedoch nicht so. „Je suis Charlie“ kann durchaus als globale Anteilnahme und Solidaritätsbekundung angesehen werden. Es sei denn es handelte sich um ein Beistehen im Kampf gegen ein gemeinsames Feindbild. Oha.

    • Lieben Dank, @Martin Schmidt. Ich grübele gerade über Ihren Begriff der „elitären Intoleranz“.

      Früher war ja Elite etwas durchaus Positives – und auch Toleranz war nicht grenzenlos.

      Wenn ich jetzt also nicht mehr fehlende Empathie für ein NS-Opfer thematisieren soll, um nicht „elitär intolerant“ zu erscheinen – dann bedeutet das wohl übersetzt, ich soll möglichst immer dem neuesten „Volkszorn“ hinterherlaufen und Empathie nach Maßgabe der aktuellen Stimmungen verteilen?

      Ich sehe ernsthaft die Gefahr, dass Relativismus gerade auch neuem Extremismus die Türen öffnet. Hier liegt für mich der ganze Unterschied zwischen repräsentativer Demokratie (in der zwar alle mitbestimmen, es aber doch auch Facheliten gibt) und Pöbelherrschaft mit einem konstruierten Volkswillen.

      Vielleicht haben wir die Maßstäbe schon zu weit gesenkt und sind gegenüber den Intoleranten viel zu tolerant…

  18. Ja, das Volk ist halt ein Pöbel wenn es nicht das tut was man will.
    Diese schreckliche direkte Demokratie. Gott behüte.

    • Klar, dass Sie das Volk für „Pöbel“ halten, @Markweger. Ich bin dagegen stolz darauf, dass große und stabile Mehrheiten nach dem NS-Regime für demokratische Parteien gestimmt haben.

      Ihr Rassisten und Antisemiten hattet Eure Chance – und habt Tod, Unrecht und Schande gebracht.

      Und wenn Ihr könntet, würdet Ihr es wieder tun.

      Das Volk und Gott behüte…

  19. Große und stabile Mehrheiten können ohne weiteres auch sehr schädliche Verhaltensweisen beschließen.
    —–
    Über Empathie, Emotionen, Musik und Religionen kann man lange und ergebnislos diskutieren.
    —–
    Die einfachste Regel ist es, dass man alle Menschen so behandelt, wie die von dieser Handlung Betroffenen behandelt werden wollen.
    Die allgemeine Regel ist es, das Leiden zu verringern.
    Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass das Leiden eine intensive Größe ist.
    Deshalb hat eine Person mit starkem Leid den Vorrang vor vielen Personen mit schwachem Leid.
    Ob man diese Regeln mit vielen Gefühlen befolgt oder mit wenigen Gefühlen befolgt, ist nicht so wichtig, wie, dass man diese Regeln überhaupt befolgt.
    —–
    Mir gefällt die Musik von AC/DC sehr gut, aber ich verbinde mit der Musik von AC/DC keinerlei philosophische oder gar religiöse Aussagen.
    https://www.youtube.com/watch?v=l482T0yNkeo

  20. Die Bandbreite reichte dabei schon jetzt […]bis Kirchenkritik

    :-*

    Ich fühlt sich hier angesprochen, aber:

    Wo war denn da Kirchenkritik? Allenfalls gab es den Versuch Markweger vor Augen zu führen, dass man die (nicht ausschließlich) tolerante christliche Gemeinschaft auch in die Ecke stellen kann in die der Islam heute gern gerückt wird, wenn man nur lange und ausführlich genug auf ihren extremen Auswüchsen herumreitet.

    #betweenthelines

    Ich hat auch kein Mitgefühl verweigert sondern angemerkt, dass sich beim ihm, als emotional-verkrüppelten Massenmedienkonsumenten, nichts regt (Medienkritik inhärent?). Damit ist Ich Teil der Beweisführung für .

    Im schlimmsten Fall kann dies Gleichgültigkeit und Zynismus fördern.

    #betweenthelines

    Durch den triefenden Zynismus steckt Ich natürlich irgendwie im Derailing, wobei Ich weniger das anliegen hat Debatten durch entgleisen zu unterbinden als Debatten durch entgleisen entgleisen zu lassen, troling nennt man das heute im Fachjargon, aber so sind sie halt, die Zyniker.

    Schönes Wochenende 🙂

    PS: viel zu Ich-bezogen

    • Vielen Dank, großes @Ich – für den Einblick auch in Ihre Gefühlswelt! 🙂

      Und, nein, mit “Kirchenkritik” war nicht @Markweger gemeint. Ich meine ja, das ist eigentlich ein ganz feiner Typ, der sich nur leider über die Jahre immer tiefer in rassistische und antisemitische Mythen verstrickt hat. Aber ich werde keinesfalls beginnen, ihn für alles verantwortlich zu machen, was mir nicht passt.

      Und die Hoffnung, dass Menschen aus der Angst finden, soll man ja auch nie aufgeben. 🙂

      Und mit “man” meine ich Sie – und mich. 😉

  21. Eine destruktive Kirchenkritik:
    Empfindsame Menschen aus anderen Kulturkreisen könnten die plastische Darstellung eines halbnackten Mannes, der langsam zu Tode gefoltert wurde, erschreckend finden.
    Eine konstruktive Kirchenkritik:
    In der römisch-katholischen Pfarrkirche von Liesing in Wien gibt es ein sehr viel konstruktiveres Kreuz mit Christus-Figur von Alexander Silveri:
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9d/Pfarrkirche_Liesing_-_Kreuz.jpg

  22. Zum “Overcome”-Contest das hier:

    Joan Baez – We shall overcome

    https://www.youtube.com/watch?v=RkNsEH1GD7Q

    Das ist natürlich recht zynisch, wenn man es im christlichen Kontext sieht, wo es erst im Himmel “Frieden” gibt.

    Also frühestenst dann, wenn der heilige Geist über einen kam.

    Welchen Tot man sterben wird, ist dabei wohl eher unerheblich, wenn die Gnade des Friedens nur dann ergeht, wenn man auch “gläubig” genug ist. Gläubig an den heiligen Geist halt.

  23. Langsam erkenne ich eine tendenzielle Struktur an dem, wie sie die Kommentare bewerten und durchlassen.

    Die geht etwa so:
    Nur, wer hinreichend zustimmend schreibt, geht online.

    Und “Zustimmung” ist hier grob mit Unterwerfung gleichgesetzt.

    Könnte es sein, dass hier ihr katholischer Hintergrund langsam durchschlägt?

    • @demolog

      Vielen Dank, aber ich habe keinen „katholischen Hintergrund“. 🙂

      Und es ist viel einfacher: Ich lasse mich nicht auf der persönlichen Ebene anpampen – schon gar nicht von Leuten, die ihrerseits anonym kommentieren.

      Mir ist schon klar: Viele Leute versuchen über das Internet soziale Spiele zu spielen und ein Gefühl von „Macht“ gerade auch über bekanntere Blogger zu erzeugen.

      Aber, hey, ich mache das hier in meiner Freizeit und unbezahlt – und lasse keine Trollereien mehr zu. Mich interessieren konstruktive und sachliche Kommentare, keine Psychospiele. 🙂

  24. @Michael Blume

    Leonhard Cohen, mochte ich nie wirklich. Religionen, seit dem ich mich mit ihnen beschäftigt habe, auch nicht. Ich hatte es versucht, aber ich kann nicht glauben, sondern will immer wissen. Aber, darum geht es mir hier nicht. Ich akzeptiere Glauben und ich kann Menschen verstehen, die die Lieder von Leonhard Cohen mögen.

    Ich bin zufällig auf diesen Blog gestoßen und sehr positiv überrascht mit welcher Ausdauer, in welchem sachlichen Ton und mit welcher Sachkenntnis Sie hier den rassistischen und fremdenfeinfeindlichen, Geschichte Verfälschenden und Geschichte Leugnenden entgegentreten.

    Auch, wenn wir Nebensächlichkeiten, wie Glaube oder Musikgeschmack nicht teilen – und ich bin mir sicher, dass für viele der falsche Glaube, Glaube überhaupt oder gar kein Glaube ein wichtiges Ausschlusskriterium ist – denke ich, haben wir doch die gleichen Ansichten über Menschlichkeit, Anstand und Fairness. 3 Begriffe, die für mich zu einem verschmelzen.

    Michael Blume, sie haben meine vollste Hochachtung und ich freue mich, diesen Blog entdeckt zu haben.

  25. Cooler Blog, und dann auch noch mit Leonard Cohen, super! <3
    Aber was ich eigentlich sagen wollte: "Es ginge letztlich nach Sehnsucht um Mitgefühl, indem man anderen das Recht auf Empathie abspricht, sich in einer “Opferkonkurrenz” fühlt." Ja, so erkläre ich mir diese Reaktionen auch. Allerdings führt die Sehnsucht nach Mitgefühl ja nicht unweigerlich zur Opferkonkurrenz, sondern kann auch die genau gegenteilige Wirkung haben. Viele Menschen, die in ihrem Leben Leid und fehlende Empathie erfahren haben, versuchen später selbst besonders "empathisch zu leben", sei es durch ehrenamtliches Engagement, durch einen helfenden Beruf, durch die Adoption von Tieren oder was auch immer. Man beweist sich das Vorhandensein von Empathie in der Welt dadurch, dass man selbst empathisch handelt – sozusagen. Ich weiß nicht, ob das rüberkommt, was ich meine. Bin keine Geisteswissenschaftlerin leider. 😀
    Naja, interessieren würde mich nun, warum sich die einen für den einen, die anderen für den anderen Weg entscheiden (wobei ich glaube, dass Option b zu wesentlich höherer Lebenszufriedenheit führt). Vielleicht eine Frage der Resilienz. Man muss selbst zumindest soviel Empathie erfahren haben, um zu wissen, was man eigentlich vermisst/sucht. Das fehlt den Verschwörungsmenschen vermutlich. Sie wissen gar nicht, was ihnen eigentlich fehlt.
    (Mann, das ist jetzt echt deprimierend. Jetzt tun sie mir auch noch leid. Toll.)

    Einen schönen Abend wünsche ich jedenfalls!
    Karla

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