Be Good – Unsere wachsende Verantwortung für Medien & Mimesis zum KIT Seminar 2026

Um die Medienethik, die ich lehre, auch selbst einzulösen: Es gibt auch viele gute Solarpunk-Nachrichten! So wurden im letzten Jahr 2025 in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen (284.000) als Gasheizungen (240.000) eingebaut. Auch die fossile Lobby in Berlin wird den sich weltweit beschleunigenden Trend von fossilen Gewaltenergien zu erneuerbaren Wohlstandsenergien allenfalls noch unter erheblichen Kosten verzögern, aber nicht mehr aufhalten können. Und mit der Grünen-Bundesvorsitzenden Franziska Brantner, MdB, griff in der letzten Woche auch die erste Bundespolitikern den Begriff der erneuerbaren Friedensenergien auf! Der Fossilismus wütet und mordet noch, aber er verliert an Boden.

Doch leider erleben wir weiterhin einen Anstieg von medialer Rechtsmimesis und also Antisemitismus, Rassismus und Sexismus in digitalen Blasen und zunehmend auch KI-Kokons. Gestern berichtete der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) von wachsenden “Terrorgram”-Netzwerken, in denen auch schon Jugendliche “Blitzradikalisierungen” von unter einem Jahr durchliefen.

Entsprechend diskutierte ich in der 49. Folge von “Blume & Ince” auch mit Prof. Dr. Inan Ince die Psychologie der Mimesis und brachte ihm dazu die Nachbildung eines steinzeitlichen Acheuléen-Faustkeils mit – einem wichtigen Medium unserer menschlichen Evolutionsgeschichte samt Technomimesis!

Präzise hatte der Materialforscher Mark Miodownik (University College London) im druckfrischen Interview mit Lars Fischer in Spektrum der Wissenschaft 02/2026  die evolutionäre Bedeutung materieller Technologien auch als “fundamentale” Medien erklärt:

„Wir tragen Kleidung, leben in Gebäuden und nutzen Werkzeuge aus den verschiedensten Stoffen. Ohne Materialien könnten wir keine Nahrung zubereiten und in den wenigsten Klimazonen überleben – vor allem aber würde das Leben weniger Spaß machen. Materialien sind aus meiner Sicht fundamentaler als Sprache, sie sind eine Art manuelle, physische Sprache.

Aus der Tierwelt wissen wir, dass Werkzeuge älter sind als Sprache.“

Ein Screenshot von Folge 49 des Vodcasts "Blume & Ince". Links erklärt Dr. Michael Blume die Mimesis, während rechts Prof. Dr. Inan Ince einen Faustkeil bestaunt.

Prof. Dr. Inan Ince bestaunt einen Faustkeil in Folge 49 von “Blume & Ince” zum Thema “Migräne und Mimesis – Mensch neurodivers”. Screenshot: Michael Blume

Also habe ich für meine Studierenden am KIT Karlsruhe und alle weiteren Interessierten einen Studienbrief angefertigt: “Du kannst nicht nicht kommunizieren – Medien & Mimesis”

Frontseite des Studienbriefes von Dr. Michael Blume zum KIT Seminar "Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation", Wintersemester 2026. Der Titel lautet "Du kannst nicht nicht kommunizieren" und als Titelbild ziert ein schraffierter Aufruf: "Be Good".

Frontseite meines Studienbriefes für das Seminar Medien- und Berufsethik in der Wissenschaftskommunikation am KIT Karlsruhe, Januar 2026: Michael Blume

Darin publiziere und erläutere ich auch meine These zur positiven Mitte-Menschenwürde-Mimesis:

„Die unbedingte Menschenwürde bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen und demokratischen Zivilreligionen.“

Im Studienbrief und als dessen visuelle Zusammenfassung gibt es hier auch ein Schaubild dazu:

Das Schaubild: "Medien & Mimesis: Die Macht der medialen Nachahmung" zeigt, dass Mimesis in der Nachahmung auch von Zielen besteht und also durch neue Medientechnologien immer weiter verstärkt wird. Als Gegenmittel wird eine Mitte-Mimesis der Menschenwürde empfohlen und ein Aufruf, sich der globalen und potentiell ewigen Dimension digitaler KI-Medien zu besinnen: #BeGood.

Schaubild nach dem KIT-Studienbrief von Dr. Michael Blume zum Seminar für Medien- und Berufsethik 2026 zu “Medien & Mimesis: Die mediale Nachahmung”. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM

Auch eine Videozusammenfassung des Studienbriefes durch NotebookLM findet sich unter dem Titel Mimesis & Medien. Die unsichtbaren Puppenspieler unserer menschlichen Psychologie auf YouTube.

Der Studienbrief beginnt und endet dabei bewusst mit dem Aufruf “Be Good”, der sich mit der von einem ICE-Agenten in Minneapolis erschossenen Renée Nicole Good (1988 – 2026) solidarisiert.

Zu dieser aus meiner Sicht medienethisch gebotenen Solidarität hatte ich auch ein YouTube-Short eingestellt:

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

22 Kommentare

  1. Ja, „Mensch“ ist nur ein anderes Wort für „Cyborg-Äffchen“. Ob man uns unsere Knochen entnimmt oder die Technik, wir sterben gleichermaßen. Der Unterschied ist, wenn Sie Ihr Skelett verlieren, kann Ihnen die Technik ein paar Prothesen bauen. Und wenn die dann besser sind, wird das Skelett selbst zur Behinderung, weil alle es sich herausnehmen lassen, um sich Prothesen einzusetzen, und jeder, der nicht mitmacht, somit zum lebenden Fossil wird. Siehe Schrift, Auto, Smartphone.

    Die Physik streut Brotkrumenspuren, wir folgen ihnen. Das nennt man dann Evolution.

    Europa hat Amerika ein Imperium gebaut, sich selbst zwei Weltkriege. Europa hat China ein Imperium gebaut, sich selbst ein Imperium der Korruption, das unter dem eigenen Gewicht zerbricht. Europa hätte Russland ein Imperium gebaut, aber Russland will nicht. Jetzt sind halt Südamerika und Indien dran. Was wir wohl davon haben werden, außer dem unsterblichen, nie endenden Untergang des Abendlandes?

    Anscheinend brauchen wir diesen Stein, der uns zermalmt. Der die Hitze im Hexenkessel erzeugt. Erst heute, wenn die Probleme uns ins Extreme treiben, fangen wir an, zu funktionieren. Der Druck entlädt sich. Wir bauen Kathedralen und wir machen Energiewende. Wir spritzen die sozialen Probleme als Forscher und Händler und Räuber und Siedler und Flüchtlinge in die ganze Welt, wie Marmelade aus einem Sandwich. Wir jagen Hexen, machen Pogrome, führen Kriege, mischen Gift, klüngeln und betrügen und prügeln uns in den Straßen. Wir schaffen Ideologien, die nicht zwischen Genie und Wahnsinn unterscheiden, und fahren sie mit Vollgas gegen die Realität, um sie zu testen wie Crash-Test Dummies. Wir tüfteln, wir erfinden, wir entwickeln Probleme wie Lösungen und lassen sie dann gegeneinander in der Arena antreten.

    Also so, wie es die Menschen eben tun. Der Rest ist Geografie, die unsere Kräfte lenkt. Was nicht des Messers Schneide ist, der Rand des Abgrunds, weckt uns nicht auf, denn um uns selbst und den Kontinent zu überleben, müssen wir zu solide bauen, um uns von weniger als dem Weltuntergang erschüttern zu lassen.

    Demokratische Menschenwürde, Freiheit, Recht, blockieren Rassismus und Krieg und zwingen uns, die Kräfte auf unsere anderen Hobbys zu lenken. Wenn wir jetzt noch lieber Krankenhäuser und Schulen bauen würden als Korruption, wäre es OK. Unglaublich nervtötend, aber ein brauchbarer Kompromiss zwischen dem Menschen, der nur ein kurzes Leben in Hier und Jetzt hat, und der Evolution, die in Jahrmillionen arbeitet.

    Für den nächsten Untergang hätte ich aber gern ein paar Fluchtburgen. Den halben Kontinent niederzubrennen und die halbe Bevölkerung abzuschlachten, ist ein zu hoher Preis für den Erfolg – statt die Energie so zu entsorgen, könnte man sie halt in mehr Erfolg stecken, gleiche Entlastung, mehr Sinn.

    • Lieben Dank, @Paul S. – wenn ich auch nicht allen Ihrer Textwendungen folgen konnte, so möchte ich doch auf Ihre Ausführungen eingehen & betonen:

      Es stimmt, dass unser beider Existenz im Vergleich zur Weltzeit oder gar Universalzeit nicht einmal ein Klecks 🫟 ist. Wir beide könnten uns also auf den Relativismus einigen, wonach über das eigene Ego hinaus nichts von Bedeutung sei. Dann könnte ich auch das Wissenschaftsbloggen oder mindestens das Beantworten von Drukos lassen.

      Es stimmt jedoch physikalisch auch, dass wir beide uns in einem emergenten Zeitstrahl befinden und es in dieser Welt und gar diesem Universum nie wieder den gleichen „Paul S.“ mit den gleichen Texten auf dem gleichen Blog „Natur des Glaubens“ geben wird.

      Es liegt also – so glaube ich auch philosophisch – an mir, ob ich Sie als bedeutungslos oder als einzigartig anschaue. Und mir scheint, dass die Einzigartigkeit jedes Menschen die auch religiösen Lehren von einer besonderen Würde oder gar Ebenbildlichkeit jedes Menschen unterstützt.

      Selbst wenn die Ewigkeit apersonal und am Einzelnen uninteressiert wäre, so darf ich doch entscheiden, ob ich Sie und andere Menschen für personal und interessant halte. Und so können sich Würde und Freiheit dialogisch in Raum und Zeit finden. Besteht denn nicht jedes große Gemälde 🖼️ aus unzählbar vielen Klecksen?

  2. Was bedeutet “the medium is the message” bei digitalen Medien?

    Welche Message erreicht die Welt bzw. welchen Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrheitsfindung hat es, wenn Sie einen Beitrag auf YouTube stellen?

    YT ist ein kommerzielles Medium, das die Aufmerksamkeitszeit der Nutzenden an seine Werbekunden vermarktet. Um die Aufmerksamkeitszeit zu erhöhen, beobachtet YT das individuelle Nutzerverhalten und erstellt für jeden Nutzer eine algorithmisch kuratierte Beitragsabfolge, die auf eine möglichst hohe Zeit der Aufmerksamkeit abzielt. Durch die evolutionäre Prägung des Menschen findet YT dabei zwangsläufig die Nutzer, die ängstlich, ablehnend oder gewaltvoll auf den jeweiligen Beitrag reagieren. Diese Nutzerselektion beeinflusst dann auch den Inhalt der Nutzerkommentare zum Beitrag. Für den größeren Rest der passiven Nutzer entsteht dadurch das Bild einer zerstrittenen und gewaltvollen Welt.

    Zurück zu “the medium is the message”. Digitale Medien sind m.E. sehr viel mehr Message als ihre analogen Vorgänger. Ihre Message bzw. ihre Wirkung auf die gesellschaftliche Wahrheitsfindung entsteht ganz wesentlich durch ihren Programmcode und weniger durch die Inhalte ihrer Beiträge. Neben der Gestaltung der Newsfeedkuratierung und dessen Wirkung auf den Kommentarverlauf beeinflussen die Medien mit der Gestaltung von Reichweitenmetriken sehr unmittelbar die Beitragsautoren.

    Eine Demokratie ist von ihrer Fähigkeit zu gesellschaftlichen Willensbildung bzw. Konsensfindung abhängig. Jenseits der 35-köpfigen Wildbeutergruppe spielen Medien eine entscheidende Rolle für die gesellschaftliche Konsensfindung. Zur zerstörerischen Wirkung unserer, vom kommerziellen Social Media beherrschten, Medienlandschaft auf die Demokratie passt ihr Ausspruch “Wenn die Mediensystemlandschaft kaputt ist, stirbt die Demokratie.”

    Angesichts ihrer klugen Ausführungen zur Wirkung von Medien auf die menschliche Gesellschaft irritieren mich ihre Nutzung von Medien und ihr Schweigen zu organisierten gesellschaftlichen Anstrengungen zur Gestaltung der Mediensystemlandschaft.

    So ziemlich alle unserer medial tätigen öffentlichen und gemeinnützigen Organisationen (incl. Ihrer dienstlichen Organisation) erklären ihr Wirken im kommerziellen Social Media als Beitrag zum Gemeinwohl und begründen das mit den kommerziellen Reichweitenmetriken.

    In akademischer Ignoranz werden die gesellschaftlichen Wirkungen des Mediums und die eigene Verantwortung für seine Nutzung abgestritten bzw. als Problem mangelnder Medienkompetenz des Einzelnen dargestellt. Ersatzweise wird nach Regulierung der kommerziellen Medien gerufen.

    Ich denke, dass eine Demokratie die Gestaltung einer Mediensystemlandschaft, die eine gesellschaftliche Willensbildung ermöglicht, organisieren muss. Im Analogzeitalter haben sich in meiner Wahrnehmung eine Reihe öffentlicher und gemeinnütziger Organisationen darum gekümmert. Mit dem Übergang ins Digitalzeitalter und dem Untergang ihrer analogen Medien haben sich diese Organisationen stillschweigend aus ihrer Verantwortung für die Gestaltung von Medien zurückgezogen bzw. behaupten, ihrer Verantwortung mit dem Erstellen von Beiträgen für kommerzielle Medien gerecht zu werden.

    • Lieben Dank für die tiefen Gedanken und Fragen zur Medienethik, @Erwin 🙌

      Nach meiner Auffassung thematisieren wir auch hier die Frage, die der jüdische Podcaster Ezra Klein und der christlich-demokratische Abgeordnete aus Texas, James Talarico gerade intensiv diskutiert haben:

      https://www.nytimes.com/2026/01/13/opinion/ezra-klein-podcast-james-talarico.html

      Denn auch Talarico benennt die Gefahren der antisozialen Konzernmedien sogar noch etwas drastischer als ich – und bespielt mit seinem Team dennoch erfolgreich Tiktok, Instagram und YouTube. Er „muss“ dies auch tun, um mit seinen Wählerinnen und Wählern („constituents“ in den USA) und mit der weiteren US-Öffentlichkeit zu kommunizieren.

      Als Wissenschaftler habe ich da weniger Druck und mein Abschied von Facebook 2019 kam sogar in den Abendnachrichten!

      Aber ich frage mich als Bürger & Christ schon, ob ich meiner Verantwortung gerecht werde, wenn ich mich nur in meiner angenehmen Blase aus Blog und Mastodon bewege. Selbst wenn ich im Dialog außerhalb nichts und niemanden erreichen würde – wie sollte ich über Medienethik glaubwürdig sprechen und schreiben, wenn ich mich über Jahre hinweg nur in meiner Komfortzone bewegen würde?

      Deswegen habe ich Facebook, Instagram und X mit jeweils Tausenden Followern als Person des öffentlichen Lebens verlassen, aber meinen YouTube-Kanal als „Solarpunk“ reaktiviert. Ich sehe es als meine Verantwortung, mitzureden – und glaubwürdig mitreden zu können. Und ich empfehle auch anderen nicht, sich einfach aus allem zurück zu ziehen, sondern vom Fediversum aus auch dorthin zu gehen, wo es notwendig ist.

      Wenn ich die Wahl zwischen „supergerecht“ und „wirksam“ habe, dann entscheide ich mich eher für wirksam. Mediale Askese als Rückzug unter die bereits Geheiligten respektiere ich (& sehne mich sogar gelegentlich danach), es ist aber auch als Christ nicht mein Weg. Ich finde unsere Blase klasse – und widme Ihnen & anderen hier gerne Zeit -, aber es treibt mich immer wieder auch darüber hinaus. Wenn mich das in einigen Augen „unrein“ machen sollte, dann ist das eben so.

      Ihnen noch einmal Dank für die Nachfrage – ich hoffe, dass es mir gelang, meine Haltung dazu zu vermitteln. 😌📚💡

      • “Wenn ich die Wahl zwischen „supergerecht“ und „wirksam“ habe, dann entscheide ich mich eher für wirksam.”

        Woran messen Sie ihre Wirksamkeit bei der Nutzung von YT?

        In meiner Wahrnehmung bewirkt das Medium das Gegenteil ihrer Intentionen, weil es implizit die Nutzer sucht, die wütend reagieren.

        Eine Demokratie muss eine Mediensystemlandschaft organisieren, die eine demokratische Willensbildung ermöglicht.

        Mediale Askese?

        Ich vermisse bei nahezu allen öffentlichen und dem Gemeinwohl verpflichteten Organisation und Personen den Willen und das Verantwortungsbewusstsein für das Organisieren einer geeigneten Mediensystemlandschaft.

        • Danke für die Nachfrage, @Erwin – ich sehe bei YouTube tatsächlich die Abrufzahlen, das Verhältnis von Likes und Dislikes sowie die Kommentare. Und also sehe ich, dass ich viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Dispositionen erreiche. Hinzu kommt die Möglichkeit, Videos hier auf dem Blog einzubinden.

          Ich bin zufrieden.

  3. Guten Morgen, @Michael,

    ein neuer Blogpost von Dir, wunderbar! Vielen Dank dass Du den Studienbrief mit uns teilst!

    Auch unterstütze ich Deine Solidaritätsbekundung für Renee Good!

    Der Studienbrief ist hervorragende Zusammenfassung der Gedanken, die Du u.a. auf diesem Blog sukzessive entwickelt hast.

    Ich finde die folgende Aussage spannend, die Du ja schon an anderer Stelle wiedergegeben hast, und lasse sie schon seit einiger Zeit auf mich wirken:

    „die medialen Dimensionen von Raum und Zeit verschmelzen.“

    Wir leben mit Medien, die Informationen innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten können und gleichzeitig dauerhaft abrufbar sind.

    Ich möchte kurz auf den Aspekt der dauerhaften Verfügbarkeit eingehen. Diese ist sicher gegeben, wenn wir uns Zeiträume anschauen, in denen Menschen auf die heute digital erfassten Informationen technisch zugreifen, diese lesen, verstehen und kopieren können.

    Du hast das ja am Beispiel der Tempelwand aus Ägypten wunderbar veranschaulicht und von der Möglichkeit geschrieben:

    „Es ist denkbar, dass digitale Abbilder der Tempelwand noch medial kopiert werden, wenn das Original längst zerfallen ist.“

    Aber ich kann mir vorstellen, dass genau hier der Ausgangspunkt zu spannenden Fragen und Diskussionen ist:

    Es ist richtig, Medien der Zeit wie beispielsweise die Bauwerke des Alten Ägypten, werden nicht „ewig“ erhalten bleiben. Sie unterliegen den Kräften der Erosion und evtl auch zukünftiger kriegerischer Auseinandersetzungen. Da ist es gut möglich, dass eine Inschrift auf einer Tempelwand durch Abfotografieren und Verteilen im Netz (durch Kopieren) eine Art globales „Backup“ erfährt, so dass der Inhalt noch für künftige Generationen zugreifbar sein wird, wenn die Bauwerke längst zerfallen sind. Aber bei diesem Beispiel reden wir schon über – aus menschlicher Perspektive – sehr langen Zeiträumen von evtl mehreren Zehntausenden von Jahren – je nachdem, über welche Monumente wir sprechen. Und irgendwann kommen da für mich folgende potenziellen „Reichweitenbegrenzungen“ ins Spiel – Faktoren, die bestimmen, wie lange und für wen Informationen tatsächlich zugänglich bleiben:

    (1) Wie weit in der Zukunft werden Menschen potenziell Nachrichten entschlüsseln können, die wir heute verfassen? Ich denke hier auch an das Thema der Atomsemiotik, wo man sich ja damit beschäftigt, Warnschilder für atomare Endlager so zu gestalten, dass sie mindestens 500.000 Jahre oder länger für dann noch lebende potenzielle nachfolgende Generationen verstehbar sein werden.
    Ein Endlager sollte ja so ausgelegt sein, dass Atommüll „für einen Zeitraum von Million Jahren sicher von der Biosphäre abgeschlossen werden muss“ (wikipedia). Für einen entsprechend langen Zeitraum müsste man dann das Thema Atomsemiotik denken. Und das ist dann wirklich lang, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die schriftlich überlieferte Geschichte der Menschheit gerade mal an die 4000 bis 5000 Jahre andauert. Also: Während die technische Kopie von Daten theoretisch eine unbegrenzte Zeit haltbar sein kann, hängt ihre Bedeutung davon ab, ob zukünftige Generationen die kulturellen Codes entschlüsseln können.

    (2) Ein anderer Punkt trifft die technische Zugreifbarkeit. Es kann davon ausgegangen werden, dass Menschen, solange es das Internet gibt, Informationen weiter verbreiten und immer wieder kopieren. Selbst wenn Festplatten eine begrenzte „Haltbarkeit“ haben, so „überlebt“ eine immer wieder kopierte Information in der Zukunft einfach durch den fortwährenden Kopierprozess. Aber wie lange können wir davon ausgehen, dass die dazu nötige „Infrastruktur“ existieren wird? Es ist gut möglich, dass nach einem Atomkrieg, den vermutlich nur ein Teil der Menschheit unter äußerst prekären Bedingungen überlebt, die ganze Infrastruktur zerstört sein wird. In einem solchen Falle würden „klassische“ Medien der Zeit (z.B. Monumente in Stein) sicher der bessere „Backup“ für unsere Informationen sein.

    Ich finde diese Fragen ziemlich spannend.

    Ich möchte – um sie noch etwas deutlicher zu illustrieren – ein Beispiel aus dem privaten Umgang mit Fotos geben. Meine Eltern, die in den 1920er Jahren zur Welt gekommen sind, haben meinen Geschwistern und mir eine ganze Menge Fotos hinterlassen – beide haben oft eine Kamera dabei gehabt, auch schon in jungen Jahren. Daher haben sie uns Kisten mit Fotos hinterlassen, u.a. wunderbare Zeugnisse der 1930er und 1940er Jahre. Die ältesten Fotos wurden auf Schwarzweiß-Film aufgenommen und auf SW-Fotopapier ausbelichtet – und diese Filme und Fotopapiere sind äußerst lang haltbar. Viele der Fotos, obwohl 80 oder gar 90 Jahre alt, sind in einem Zustand als hätte man sie erst gestern entwickeln lassen. Schon mit dem Farbfilm wurde das anders: Farb-Fotos aus den 1070er Jahren sind teilweise in einem viel schlechteren Zustand und haben hässliche Farbstiche. Wenn ich mir nun ansehe, wie wir heute mit privaten Fotos umgehen: man knipst immer und überall Fotos auf Handys, zeigt diese auf viel zu kleinen Bildschirmen herum (es gibt ja keine klassischen Diashows mehr, bei denen sich die Familie feierlich versammelt und die Bilder des letzten Urlaubs gemeinsam genossen hat). Und da frage ich mich schon: Welchen „Schatz an Fotos“ wird meine Generation dem familiären Erbe hinterlassen? Ich denke, einen vergleichbar gut erhaltenen und vor allem: gut zugänglichen Schatz an Fotos werden wir in den wenigsten Fällen überlassen.

    Ich denke schon, dass die heute digital gespeicherten und weiter verbreiteten Informationen potenziell eine riesige Reichweite in der Zeit haben – aber diese hängt am Fortbestehen einer menschlichen Zivilisation und deren technischen Möglichkeiten. Gerade was das Thema der digitalen Nachlässe betrifft, so hängt deren Bestand an dem Fortbestand der Technologien und der Institutionen, von denen diese Nachlässe gepflegt werden.

    Aber genau da kommt dann m.E. Deine im Studienbrief formulierte These zu „Zeit und Mimesis“ ins Spiel, die nahelegt, dass „jede mimetische Darstellung zwar auf etwas Vergangenes verweist, aber immer in einem neuen Kontext und mit neuen Bedeutungen entsteht. Medien reproduzieren nicht einfach, sondern transformieren und schaffen neue Realitäten.“
    Medial überlieferte „Erinnerungen“ funktionieren also ähnlich wie das menschliche Gedächtnis

    Ob und wie künftige Generationen (in einer weit entfernten Zukunft) auf die Dokumente zugreifen werden, die wir Heutigen hinterlassen, hängt davon ab, wie wir heute und auch die folgenden Generationen Medienethik leben und ausgestalten werden. Die Gefahr einer medialen Vereinnahmung durch riesige Daten(verarbeitungs-)Silos der Superreichen ist hier zum Greifen nahe. Eine zentrale medienethische Aufgabe wäre daher, dezentrale, offene Archive zu fördern und die Kontrolle über digitale Gedächtnisse demokratisch zu gestalten.

    • Vielen Dank, lieber @Peter – Deinen tiefen Kommentar habe ich nun mehrfach gelesen. Danke, dass wir die tiefe Faszination für Medien, Zeit und Erinnerung teilen!

      Aus meiner Sicht ist es so, dass unser Wissen immer begrenzt ist und wir also nicht sicher wissen können, wann die Geschichte der Menschheit endet. Entfesseln fossile Faschisten vor ihrem Abtreten noch einen Atomkrieg (den wir also ironischerweise selbst finanziert hätten)? Sterben wir in selbstgebauten KI-Kokons aus? Oder werden wir ins All vorstoßen, andere Zivilisationen kennenlernen und unsere Medien vernetzen?

      Was mich viel Demut gelehrt hat, war nicht zuletzt das bewegte und engagierte Leben des großen Österreichers Simon Wiesenthal (1908 – 2005). Er musste im hohen Alter noch die Erfahrung machen, wie sein Name in den USA missbraucht wurde und gab sein Vermächtnis an eine Wiener Institution, die mich dann auch eingeladen hat:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bundeskanzleramt-juedische-gemeinde-simon-wiesenthal-institut-in-wien/

      Aus meiner Sicht gibt es also wenig Grund anzunehmen, dass wir die Zukunft von Erinnerungen, Daten, KIen voraussehen können. Stattdessen sollten wir uns bewusst machen, dass wir nicht wissen können, wie weit unsere guten wie schlechten Botschaften reichen. Vor uns allen steht eine potentielle (!) Ewigkeit.

      Schade für die Hater, gut für den ehrlichen Dialog. Auch deswegen schätze ich Deine Kommentare so sehr! 😌🙏📚👍

    • @Peter Gutsche

      Das sind spannende Gedanken.

      Mich beschäftigen ähnliche Überlegungen. Selbst falls die technischen Möglichkeiten eine Speicherung von Daten möglich machen, bleibt der Faktor Mensch. Das heißt konkret: Das Löschen von Daten. Zum Beispiel, um KI zu täuschen.

      Sicher bleiben irgendwo noch Reste, aber wer kann sie noch sinnvoll zusammensetzen?

      Wie wir an Diktaturen sehen, wird Geschichte passend gemacht.

      Die NS-Diktatur verbannte alle Werke jüdischer Komponisten und Librettisten von den Spielplänen der Konzertsäle, Opernhäuser, Theater etc. Die Tonaufnahmen wurden weitgehend zerstört. Erst in den letzten Jahren wurden noch einzelne Tonbänder mehr zufällig in Archiven aufgefunden. 1932 überarbeitete Erich Wolfgang Korngold die Operette “Die geschiedene Frau” von Leo Fall und nahm sie mit dem Orchester des Theaters am Nollendorfplatz in Berlin auf. Zwei Lieder sind geblieben, eines davon “Man steigt nach”, gesungen von Lucie Mannheim und Adolf Wohlbrück. Den Text hatte Max Colpet bearbeitet. Korngold, Mannheim, Colpet verließen noch 1933 Deutschland, Wohlbrück 1936.

      Viele der berühmten Operettenkomponisten waren Juden: Emmerich Kálmán, Oscar Straus, Paul Abraham etc. Jacques Offenbach und Giacomo Meyerbeer waren “Forbidden,but not forgotten”. Unter diesem Titel sind vor ein paar Jahren 10 CDs als Sammlung erschienen.

      Darüber hinaus haben wir auch viele historische Aufnahmen der menschlichen Stimme. Schauspieler und Sängerinnen. Wieviel Echtes wird übrig bleiben? Wird KI manipulieren?

      Viele Dokumente wurden mittlerweile digitalisiert. Das garantiert nicht ihr Überleben.

      • Guten Morgen, @Marie H.,

        mit großen Interesse lese ich Ihren Kommentar über die Bestrebungen der NS-Diktatur, unsere Erinnerung im Bereich der Musik zu löschen oder zu manipulieren. Besonders spannend finde ich Ihren Hinweis auf die CD-Sammlung „Forbidden,but not forgotten“.

        Derzeit erleben wir ja Aktivitäten seitens der US-Regierung, auch unser „wissenschaftliches Gedächtnis“ teilweise zu löschen – Daten, die mit hohen Kosten und Zeiteinsatz gesammelt wurden (beispielsweise von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)). Das ist ziemlich beunruhigend und gefährdet die globale wissenschaftliche Zusammenarbeit.

        Um Schadensbegrenzung zu betreiben und soviel Wissen wie möglich zu erhalten, gibt es ja mittlerweile Anstrengungen von Wissenschaftlern, gefährdete Daten aus den USA zu retten.

        Beispielsweise für den Bereich der Erdwissenschaften fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit Kurzem solche Projekte. Dabei kann eine Plattform namens “Pangaea” genutzt werden, die vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen betrieben wird. (Link zur Seite der Deutschen Geologischen Gesellschaft)

        Einerseits gut, dass auf Bestrebungen der US-Regierung und anderer Akteure reagiert wird, aber es ist schon erschreckend, dass wir an einem solchen Punkt der Geschichte angelangt sind, an dem wir (wieder) um den Erhalt unseres kulturellen Gedächtnisses Sorgen machen müssen.

        Wie Sie schreiben, bringt der Faktor KI noch eine viel größere Unbekannte ins Spiel: Denn wenn unser kultureller Wissensschatz einmal beeinträchtigt ist, können KIs nur noch auf einen Datenbasis zugreifen, die schon eine erhebliche Unwucht erlitten hat, und diese KIs werden diese Verzerrung entsprechend verstärken.

  4. Habe gerade einen interessanten und spannenden Beitrag zum Thema Mimesis in der 3sat Mediathek gesehen.

    Teil 2 der dreiteiligen Dokumentation Control.Alt.Delete über den Literaturwissenschaftler René Girard.

    • Oh, vielen Dank für den Hinweis, @Tilmann Schneider! Wie geschrieben teile ich den religiösen Kulturpessimismus von Girard zwar nicht, denke aber, dass wir seine Anfragen interdisziplinär ernst- und aufnehmen sollten. Die medial verstärkte Mimesis ist viel stärker, als jede nur individualistische Psychologie zu erfassen vermag.

  5. Vielen Dank für das Teilen des neuen Studienbriefs.
    Schon aus dem vorigen habe ich einige Impulse gut multiplizieren können und ich vermute, diesmal wird es auch so sein.

    D.h. ich freue mich darauf, die Inhalte zu lesen.

    Beim Durchscrollen bin ich auf die Sätze gestoßen

    Man kann nicht nicht kommunizieren

    The Medium is the message

    2 auch mir wichtige Einsichten.

    Und wenn ich dann den Studienbrief im weiteren Link des Browsers öffne, sehe ich im Tab ,Microsoft W…’ d.h. es wird sichtbar, wie auf einer etwas tieferen Ebene die Werbung für diesen (hoffentlich nur noch) Quasistandard funktioniert.

    Würde mir wünschen, dass die entsprechenden Metadaten in diesem PDF neutraler herauskommen – gerade weil ich Ihr Engagement für nichtkommerzielle, freie Software, die es ja auch im Umfeld der Officeprogramme gibt, sehr schätze.

  6. @Michael 15.01. 22:35

    „Die medial verstärkte Mimesis ist viel stärker, als jede nur individualistische Psychologie zu erfassen vermag.“

    Aber irgendwie überzeugend muss es doch sein? Argumente können ziehen. Nicht in jedem Umfeld dieselben. So hoffe ich dennoch auf die Konvergenz von Vernunft.

    Gerade dass dieses in der Natur von KI quasi eingebaut ist. Die neigt zur Konvergenz, auch der Vernunft, und das umso mehr, je mächtiger sie wird. Umso wichtiger, auch echt freie KI zu bauen, die nicht von den IT-Konzernen undurchsichtig gestaltet ist und zurechtgebogen wird.

    • Ja, @Tobias – die Psychologie der Mimesis unterstreicht die Macht von Medien in jede Richtung. Ob Werbung unsere Gier auf Produkte anfacht, Hass und Hetze uns verrohen, gar Verschwörungsmythen radikalisieren oder ob echte Bildung stattfindet – es liegt wesentlich auch an den Medien, mit denen wir uns umgeben. Deswegen gab es ja auch einen starken Jugendschutz in Deutschland, für dessen Stärkung und Ausweitung auf antisoziale Konzernmedien unlängst der MP Daniel Günther aus Schleswig-Holstein eintrat.

      Und auch das Thema KI-Gewaltenteilung habe ich im Studienbrief bewusst aufgegriffen. Denn „gute“ Spezial-KIen können die menschliche Existenz befördern, wogegen ich nichteuropäische Konzern-KIen für eine reale Gefahr halte.

  7. Wieder einmal danke für einen lehrreichen Blogpost von Ihnen.

    Be Good erinnert mich an “Tue Gutes”. Wie viel Gutes hätte man mit dem Geld tun können, das in den Aufbau von NiUS gesteckt wurde. Be Good hätte bedeutet, Journalisten zu beschäftigen, die an Sachlichkeit und Wahrheit interessiert sind. Statt dessen entschied sich der Finanzier der Plattform für jemand, dem Fake News und Lügen wichtiger sind.

    In Deutschland steht es jedem frei, ein solches Medium zu gründen. Dass es aber – wie der Fall Brosius-Gersdorf zeigt – von vielen Leuten geradezu fahrlässig aufgewertet wurde, ist schlimm. Die Angriffe, die diese Plattform derzeit gegen MP Daniel Günther führt, sind die Folge dieser Aufwertung.

    Je weniger Solidarität der oder die Angegriffene öffentlich geäußert bekommt, desto mächtiger wird die Plattform. Das wiederum führt dazu, dass sich – aus Angst vor Schmutzkampagnen gegen die eigene Person – immer weniger Mutige finden.

    Betrachte ich mir die Situation, denke ich an Goethes “Zauberlehrling”. ” Die Geister, die ich rief…”

    Wieder kehren wir ein Stück zerbrochene Demokratie zusammen. Golo Mann schrieb in seinem Buch “Deutsche Geschichte 1919-1945” über das Ende der Demokratie der Weimarer Republik:

    “Kann so etwas sich wiederholen, in Deutschland oder anderswo? Oder war es einmalig..Mir erscheint die Frage, ob so etwas sich wiederholen KANN, bedeutungslos. WOLLEN wir, dass es sich wiederholt, wollen wir es nicht – das scheint mir die sinnvollere Fragestellung.” (S. 122)

    Auf S. 6 des Studienbriefes stellen Sie die verschiedenen Stufen der Medien vor. Unter “Tertiäre Medien” steht:

    “Daher wurde in beiden Ländern ab 1946 ein gebührenfinanzierter, öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) eingeführt.”

    Die Idee war gut, und sie hat sich über Jahrzehnte bewährt. Die Entscheidung der Sendeanstalten, journalistische Arbeit und Redaktionen “outzusourcen” um zu sparen, konnten die Gründer des ÖRR nicht ahnen. Sie standen unter dem Eindruck dessen, was der Weltöffentlichkeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs an Schrecklichem bekannt wurde. Das ist jetzt über 80 Jahre her, und im Laufe der letzten Jahrzehnte haben wir die Zusammenhänge immer mehr vergessen. Im TV laufen die alten Filme aus den 1930er und 40er Jahren. Die Lieder aus dieser Zeit hören wir, ohne darüber nachzudenken. Film und Musik waren Teil der Propaganda. Eben nicht nur die Filme, die zu diesem Zweck gedreht wurden, sondern auch Unterhaltungsfilme wie “Eine Nacht im Mai” (mit Marika Rökk) oder “Zu neuen Ufern” (mit Zarah Leander). Und doch erzählen die Geschichten hinter den Liedern manchmal vom Horror dieser Zeit. “Davon geht die Welt nicht unter” von Michael Jary/Bruno Balz.

    Wir haben “aufgearbeitet” und “bewältigt”, aber nicht verstanden.

    Wir halten uns für so viel klüger als unsere Vorfahren, und doch fallen heute wieder viele Menschen auf Propaganda herein (s.o.).

    Es gibt so viele Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren. Doch wir sind anscheinend unfähig, auch nur eine erfolgversprechend zu nutzen, um miteinander im Gespräch zu bleiben.

    Über das Smartphone und Social Media tauschen wir uns mit Menschen in weit entfernten Ländern aus. Wie oft reden wir mit unseren Nachbarn bzw wie oft haben wir die Gelegenheit dazu?

    Noch ein Wort zu Österreich, das Sie zu meiner Überraschung hier mit einbezogen haben. Bisher hatte ich den Eindruck, dass D und A getrennt voneinander betrachtet werden, was die NS-Zeit angeht.

    S. 11: Hier zitieren Sie aus einem Artikel der Stuttgarter Zeitung u.a.:

    “Die Anhänger seien im Schnitt knapp über 16 Jahre alt – eine Altersgruppe, die noch keine festen Wertvorstellungen habe und daher anfällig für extremistische Propaganda sei.”

    Am 08.03.2026 dürfen ca. 7,7 Mio. Wahlberechtigte den nächsten Landtag in Baden-Württemberg wählen. In der Pressemitteilung 255/2025 des Statistischen Landesamtes BW vom 12.11.2025 wird die Zahl der Erstwahlberechtigten mit ca. 650.000 angegeben. Darunter sind etwa 180.000 minderjährige Erstwahlberechtigte.

    Wie viele davon tatsächlich wählen, weiß man natürlich nicht. Und ebenso wenig lässt sich mE schätzen, wie viele dieser Erstwähler extremistischen Parteien ihre Stimme geben werden.

    Be Good. Vielleicht ist es mittlerweile wieder zu mühsam.

    Das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden oder nicht mehr dazugehören zu dürfen, haben viele Menschen – nicht alle davon kommunizieren dies über einen Wahlzettel.

    Leider ist die Welt insgesamt unsicherer und radikaler geworden. Die Zukunft scheint düster. Die Sprachlosigkeit, das Schweigen und die Unfähigkeit (oder ist es eher Unwillen) zu sinnvoller Kommunikation nehmen zu.

  8. @Michael 16.01. 01:01

    „Ob Werbung unsere Gier auf Produkte anfacht, Hass und Hetze uns verrohen, gar Verschwörungsmythen radikalisieren oder ob echte Bildung stattfindet – es liegt wesentlich auch an den Medien, mit denen wir uns umgeben.“

    Was macht denn die antisozialen Netzwerke aus? Vor allem dass hier jeder wirklich alles reinschreiben kann. Das ist ziemlich anarchisch. Dazu kommen dann noch Algorithmen, die die emotionalsten Beiträge per Newsfeed verbreiten helfen.

    Aber selbst ohne diese Algorithmen bleiben diese Netzwerke destruktiv. Das sieht man anscheinend an China, dort ist das eigene Tiktok verboten, und das obwohl man hier natürlich im eigenen Sinne die Newsfeeds gestalten könnte. Die Anarchie ist offenbar stärker als die Newsfeedalgorithmen.

    Bei Mastodon wird von vernünftigen Menschen moderiert, das dürfte den Unterschied machen?

    Und KI als LLM funktioniert ganz anders. Hier wird auch alles ausgewertet, dass im gesamten Netz kursiert, aber es wird dann zusammengefasst. So gleichen sich extreme Inhalte gegenseitig aus? Bzw. werden als wertlos erkannt, und nicht ins KI-Ergebnis integriert, weil es zu Nichts passt?

    • Vielen Dank & (eingeschränkte) Zustimmung, @Tobias 🙏🙌

      Denn, ja, die Algorithmen antisozialer Netzwerke verstärken (!) feindselig-dualistische Verhaltensweisen. Sie verursachen sie jedoch nicht alleine – was wir ja daran sehen können, dass feindseliges Kommunikationsverhalten trotz besserer Moderation auch auf Mastodon und auch auf diesem Wissenschaftsblog auftritt. Umgekehrt gibt es auch Dialog & gute Emotionen auf Instagram oder YouTube.

      Medien – ob sozial oder antisozial – sind Werkzeuge, die Botschaften überprägen („The Medium is the Message“), aber nicht ersetzen. Es gibt eben immer wieder auch eine Linksmimesis, deren Sprachspiele Bernd Schmidt in der Krimikomödie „Achtsam morden gekonnt persifliert hat. Wer sich selbst für so gut und gerecht hält, dass Medienethik nur noch „die Anderen“ betreffe, wird selbst zum Teil des Problems: Dualismus.

  9. Ein bewusst kritischer Beitrag zu KI, thematisiert einige Seiten des aktuellen Hypes um diese technologischen Möglichkeiten.
    Der Autor spielt gerne mit inneren Bildern und hat, z.B. im Umfeld der kommerziellen digitalen Plattformen mit dem Kunstwort ,Enshittification’ etwas für mich wichtiges gut kommunizierbar gemacht.
    In diesem Beitrag geht es um einige weitere Aspekte im Umfeld von KI – die meiner Meinung nach bedenkenswert sind und auch den Blick schärfen, warum es lohnt, sich gegen Monopolisierungstendenzen zu wehren.
    https://pluralistic.net/2025/12/05/pop-that-bubble/
    Vielleicht interessiert dieser Blick ja auch andere, eher IT-affine Lesende in diesem Blog.

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