Antizionismus als Antisemitismus gegen deutschsprachige Medien – in Filderstadt

Als einige Monate vor Covid19 mein Buch “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern” erschien, enthielt es bereits jede Menge warnender Prognosen: Angefeuert durch die Digitalisierung würden Jüdinnen & Juden, aber auch Medien, Politiker:innen (insbesondere Frauen), Wissenschaftler:innen und Migrant:innen als Akteure der vermeintlichen “jüdisch-zionistischen Weltverschwörung” beschuldigt werden. Sogar das Video vom 05.03.2019 enthält schon in den ersten Sekunden den Satz: “Die Frage ist, wie schlimm es in den kommenden Jahren wird.”

Mit der Covid19-Pandemie haben sich diese und weitere Prognosen dann leider auch bewahrheitet – etwa auch jene, nach der statt vom früheren “Juden und Freimaurer” zunehmend von “Zionisten und Illuminaten” geraunt würde. Antizionismus sei längst Antisemitismus.

Damals wurde mir noch manchmal Alarmismus – übertrieben Warnungen – vorgeworfen, doch inzwischen sind genau diese Prozesse längst auch in meiner Heimatstadt Filderstadt aufgetreten: jener Stadt, in der ich auch selbst erst als Jugendgemeinderat und dann als (zeitweise jüngster) Stadtrat gewählt worden war.

Die unermüdlich Aktiven von @NazifreiFilder wiesen so darauf hin, dass auch aus einem unserer Ortsteile eine Telegram-Gruppe bestückt werde, die längst vom verschwörungsmythologischen Dualismus zum Antisemitismus übergegangen sei. Besonders abstoßend und schockierend fand ich eine Bildmontage, in dem das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) als Zionistisches Desinformations Fernsehen antisemitisch geschmäht wurde. Die deutschsprachigen Medien wurden so von zwei Seiten gleichzeitig unter Feuer genommen: Während pro-israelische Rechtsextreme gerade auch den Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk (ÖRR) pauschal als anti-israelisch und antisemitisch schmähten, wurden aus dem Milieu sog. Querdenker und Spaziergänger:innen gleichzeitig behauptet, sie würden von einer jüdisch-zionistischen Weltverschwörung kontrolliert!

Recherchen von NazifreiFilder zu antizionistisch-antisemitischen Verschwörungsmythen auch gegen nichtjüdische Journalist:innen und Mediziner:innen. Screenshot, MfG: Michael Blume  

Auch Ärzt:innen wurden in der Telegram-Gruppe als “Mörder” bezeichnet – nicht irgendwo, sondern in der Stadt meiner Kindheit, Jugend und auch meiner Familie.

Deswegen nahm ich mir vor, das zu tun, was ich ja auch von anderen Demokrat:innen stets gefordert hatte: Die antisemitischen Eskalationen zu dokumentieren (was ich mit diesem Blogpost einlöse) und gemeinsam als Antifaschist:innen am 10. Januar 2022 gegen Hass und Hetze vor Ort aufzustehen.

Ich danke Ines Schmidt (SPD) für die Einladung, auf der Demonstration “Solidarität statt Hetze” zu sprechen, die mit einem Grußwort unseres gewählten Oberbürgermeisters Christoph Traub (CDU) eröffnet werden würde. Mein Dank gilt zudem allen Organisator:innen – stellvertretend dem Moderator Patrick Fischer und den Musikerinnen – sowie den Mitredner:innen Prof.in Barbara Traub (Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) K.d.Ö.R.), dem unermüdlichen Joe Bauer sowie den beiden Gewerkschaftern Kai Burmeister (IG Metall BW) und Martin Gross (Verdi). Auch Angehörige meiner Familie wie auch Freundinnen und Freunde der verschiedensten Religionen und nichtreligiösen Weltanschauungen waren anwesend, so dass sich in und gegen die Kälte ein breites, solidarisches Bündnis gegen Hass und Hetze fand.

Dank auch dem SWR, der mit Text, Radioton und Videos von den Gegendemos gegen Verschwörungsmythen berichtete und an Reporterin Bernice Tshimanga, die mich auch direkt vor Ort für SWR aktuell interviewte.

Ein Video aller Redner:innen finden Sie im Folgenden hier:

Und ein YouTube-Account hat auch meine (mit 4 Minuten auch im Hinblick auf die Temperaturen und Zeit bewusst kurz gehaltene) Rede noch einmal extra festgehalten:

Es gilt also leider auch weiterhin: Antisemitismus, Verschwörungsmythen, Freund-Feind-Dualismus finden sich quer durch alle Milieus und Regionen – auch in meiner eigenen Heimat. Doch ich bin glücklich und dankbar, dass mehr und mehr Demokrat:innen die Gefahren des Verschwörungsglaubens erkennen und sich diesem gemeinsam – und auch vor Ort – entgegenstellen. Die Überwindung dieses Hasses bleibt eine Generationenaufgabe – aber sie hat auch vor Ort, auch in meiner Heimatstadt begonnen.

Deswegen wiederhole ich meine optimistische Prognose, die ich eben auch bereits 2019 öffentlich vertrat: Diesmal werden es die Verschwörungsgläubigen nicht schaffen, unsere Demokratie und unser Zusammenleben zu vernichten – diesmal nicht!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

22 Kommentare

  1. Dass die Überwindung des Hasses und nicht der Sieg eines Hasses über den anderen das Ziel sein sollte, darüber sind sich viel mehr Leute einig, als bereit sind, dieses Ziel zu verfolgen. Niemand mag Hater, nicht mal die Hater, deswegen nennen sie die Feinde Hater und eliminieren sie nur so beiläufig, als Kollateralschaden beim Überwinden des Hasses. Wir alle wollen in Frieden leben, wir sind alle bereit, dafür Opfer zu bringen, deswegen halten wir dem Nachbarn selbstlos die andere Backe hin, wenn er uns haut, und lassen ihm Vortritt auf dem Friedhof.

    Was mich angeht, lehne ich Antisemitismus aus dem gleichen Grund ab, aus dem ich Zionismus mit Vorsicht genieße: Wenn Menschen in Angst leben müssen, macht es keinen Unterschied, ob es Juden in der BRD oder Araber in Palästina sind, und hier reißt ihnen zurzeit keiner das Haus überm Kopf ab. Für mich ist es bereits Rassismus, Opfer und Täter nach Pass oder Relideologie unterschiedlich zu bewerten. Natürlich kann ich gegen Antisemitismus in Deutschland mehr ausrichten, als gegen Kolonialpolitik in Palästina, doch ich find’s genauso ekelhaft, wenn Kampf gegen Antisemitismus als billige Ausrede herhalten muss, israelische Rassisten gewähren zu lassen, wie wenn Kritik an israelischem Rassismus als billiges Feigenblatt für Antisemitismus genutzt wird.

    Schuld ist, wo die Macht ist – die ist in Deutschland größtenteils beim Staat und der Bevölkerungsmehrheit. In Israel ist sie größtenteils beim israelischen Staat, gefolgt von der Palästinenser-Führung, die ihre Macht durch den Status Quo absichert, an dritter Stelle kommen Terror-Organisationen. In Deutschland wird sie, auch wenn nicht unbedingt optimal, genützt, um Täter aufzuhalten. In Israel, um Täter zu sein und Täter zu schaffen. Hamas liebt den Krieg und würde alles tun, um ihn nicht enden zu lassen. Doch Israel könnte ihn enden lassen, ganz egal, was die Hamas anstellt. Es würde zwar in Arbeit ausarten, doch es hat die Macht, und wenn es dieses Ziel ernsthaft verfolgen würde, könnte die Hamas nur die Fäustchen ballen, mit dem Füßchen aufstampfen und plärren, während sie kleiner und kleiner wird. Dass es das nicht tut, macht es nicht schlechter, als all die anderen Staaten, die ähnlich handeln. Doch es macht es ihnen gleich, und wenn ich die Anderen kritisiere, gibt es keinen Grund, hier einen blinden Fleck zu unterhalten.

    Äffchen sieht Banane, Äffchen fühlt sich vom Himmel auserwählt, Banane zu fressen – Moses, Dschingis-Khan, Napoleon, die Amis mit ihrer Manifest Destiny, Hitler, heute Putin, sie alle hatten leichte Beute vor der Haustür, und Zionismus fällt da nicht aus der Reihe. Eigentlich ein Grund, die Äffchen ins Internet zu verbannen, wo sie nach Herzenslust World of Warcraft spielen können, dann jagen sie die Orks wenigstens nicht an der Ostfront. Doch wir alle tun es – das Recht des Stärkeren durchzusetzen und uns billige Ausreden dafür aus den Fingern zu saugen, ob religiöser oder geschichtlicher Natur, whatever fits, ist eines der beliebtesten Fantasy-Games der Weltgeschichte. Damit ist das Ganze vom Verlierer genauso gebilligt wie vom Sieger, denn die Verlierer von heute sind die Sieger von gestern, wo sie es genauso machten, und vielleicht von morgen, wo sie es genauso machen werden. Damit ist es völlig OK, wenn Israel Palästina, die Araber Israel, die Briten oder Türken den Nahen Osten, der Islamismus die Welt, Deutschland Russland oder Russland die Ukraine verschluckt, mit welcher hanebüchenen Rechtfertigung auch immer, kein Konsens der Welt war jemals besser demokratisch abgesichert. Doch der Respekt vor menschlicher Blödheit endet dort, wo individuelles Leid beginnt. Völkerehre darf leiden, Staaten dürfen ausgelöscht werden, Religionen diskriminiert, Ethnien durch Einwanderer in ihrer Heimat zur Minderheit gemacht, wer Täter und wer Opfer ist, hängt davon ab, wie die Würfel fallen. Glauben ist Freiwild, bei Gut, Leib und Leben wird’s zu viel. Religionen und Ideologien sind ein Hobby, Grenzen sind ein Spiel, Krieg etwas für Leute, die mit Fußball überfordert sind. Haustüren sind heilig.

    Wenn man sich nicht instrumentalisieren lassen will, ist es schwer, sich gegen Antisemitismus zu positionieren, ohne gleichzeitig über Israel zu motzen. Gleichzeitig sollte man beide Positionen auch sehr klar machen, ohne eine im Nebensatz verschwinden zu lassen. Und das ist schwer, denn Antisemitismus ist einfach mit dem Wort „dämlich“ abgetan, während Israelkritik wie Selbstkritik schon differenzierter ausfallen müssen und deshalb mehr Platz beanspruchen. „Das muss weg“ ist halt schneller erledigt, als „muss das weg?“ Der Antisemit gehört bestenfalls in den national befreiten Schrebergarten, damit die Nachbarn was zu Lachen haben. Ich will nicht derjenige sein, der ihn düngt, indem er Scheiße labert, aus der er sich seine billigen Ausreden zusammenschustern kann und zum strammen deutschen Schimmelpilz heranwächst, der überall seine Sporen sät.

    Man sollte allen Äffchen nachsehen, dass sie bei Bananen zu sabbern anfangen. Doch wenn sie einander totschlagen, ist ein Eimer kaltes Wasser angesagt. Für den ganzen tobenden Affenkäfig. Wenn die Äffchen nicht mit Bananen umgehen können, nimmt man sie ihnen weg, bis sie die Betriebsanleitung kapiert haben.

    Wir sind alle Heuchler. Das wirre Gelaber der einen Seite befeuert das wirre Gelaber der anderen, und so schaukeln wir uns in Verschwörungsmythen hinein, auf die wir keine Antwort finden, ohne das eigene wirre Gelaber zu hinterfragen. Bis dahin bleibt Brüllen und Toben und Kacke werfen das einzig gültige Argument.

    Ist zumindest mein völlig bedeutungsloses, unwürdiges und weltfremdes Dafürhalten.

    • Nein, @Paul S, nein. Ich kann es nicht akzeptieren, Moses und Hitler, Rechtsextremismus und Zionismus in eine Reihe zu stellen. Das ist ein gefährlicher Dualismus, der letztlich auf eine Schuldumkehr und Verstärkung des Antisemitismus hinausläuft.

      Selbstverständlich gibt es auch jüdische Rechtsextreme und Rassist:innen – wer würde das hier bestreiten? Der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin wurde von einem israelischen Rechtsextremisten ermordet. Aber daraus abzuleiten, dass “das Judentum”, “der Staat Israel” oder “der Zionismus” rechtsextrem oder rassistisch wären, geht fehl – und würde i.Ü. auch Rabin treffen. Das halte ich für unfair und grundfalsch.

      Warum tun Sie das z.B. nicht beim Hellenismus? War die Rückeroberung Griechenlands von den Osmanen “kolonialistisch”? Haben die massiven Konflikte, auch Morde, Vertreibungen und gegenseitigen Umsiedlungen zwischen Griechenland und der Türkei das Recht der beiden Staaten auf ihre Staatlichkeit beendet? Nein? Warum dann beim Zionismus?

      Pakistan – mehrheitlich islamisch – und Myanmar – mehrheitlich buddhistisch – wurden im Abstand weniger Monate zum Staat Israel gegründet und haben bis heute massive Konflikte (Kaschmir!), Vertreibungen von Minderheiten (Rohingya!) und auch geringere mediale und demokratische Standards als Israel hervorgebracht. Würden wir deswegen allen Bürgerinnen und Bürger dieser Länder Kolonialismus & Rassismus unterstellen?

      Zionismus nimmt ebenso demokratische, liberale und auch linke Formen an wie der Patriotismus jeder anderen Nation. Ihn auf extremen Nationalismus zu beschränken ist m.E. sachlich falsch, ethisch und historisch fragwürdig und stärkt nur Extremismus und Antisemitismus. Sie sehen doch an obigem Blogpost, dass dann auch jüdische und nichtjüdische Deutsche mit “antizionistischen” Verschwörungsmythen traktiert werden. Don’t go this way…

      Blogpost und Podcast-Folge zu Antizionismus = Antisemitismus:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-warum-antizionismus-antisemitismus-ist/

  2. Ich fand die Rede sehr ausgewogen. Generell in der Gesellschaft siehts da weniger gut aus mMn. Es wird immer stärker polarisiert, Impfgegner sind im harmlosen Fall Spinner, danach Covidioten und danach Rechtsextremisten. Je weiter man Leute ausgrenzt je weiter drängt man die in die andere Ecke. Daran beteiligen sich leider auch Politiker und Medien. Mit Corona ist das Ganze geradezu explodiert und ein Ende der Spirale ist nicht in Sicht. Da fehlt jetzt noch das Bestreben Telegram zu sperren, weil danach ist ja die Welt wieder in Ordnung.

  3. Während pro-israelische Rechtsextreme gerade auch den Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk (ÖRR) pauschal als anti-israelisch und antisemitisch schmähten, wurden aus dem Milieu sog. Querdenker und Spaziergänger:innen gleichzeitig behauptet, sie würden von einer jüdisch-zionistischen Weltverschwörung kontrolliert!

    Zu den auf jeden Fall in dem Twitter-Link pauschalen Diffamierungen der Massnahmen-Proteste gebe ich folgenden Artikel zur Antwort. Diesen Leuten (Neulandrebellen) kann man wirklich nicht den NAZI-Vorwurf machen. Prüfen Sie mal besser, was Leute wie Mai Thi und Pia Lamberti von Diskussionen etwa zum Thema Conrona halten. NICHTS.

    Gruß
    Rudi Knoth

    • Nö, @Rudi Knoth – Ihre Opfer-Nummer zieht einfach nicht mehr. Niemand hat hier jemandem „pauschal“ einen „Nazi-Vorwurf“ gemacht. Und ob Evolutionstheorie, physikalische Relativitätstheorien oder Virologie – wer wissenschaftliche Erkenntnisse leugnet, nimmt sich selbst aus den ernsthaften Diskussionen. Covid19-Leugner:innen gefährden sich selbst und andere. Das wird eher noch nerviger, wo dann auch noch Täter-Opfer-Umkehr versucht wird…

      • Verstehen Sie denn wie Frau Professor Rudolf unter “Corona-Leugner” Menschen, die die Massnahmen kritisieren? Dann betreiben Sie einfach Hetze. Sie kann kein Mensch mit Verstand ernstnehmen.

        Gruß
        Rudi Knoth

        • Nein, @Rudi Knoth – hören Sie doch bitte endlich mit den ewigen Projektionen auf. Es nervt, dass Sie auch mir immer wieder Positionen unterstellen, die ich nie bezogen habe.

          Selbstverständlich ist Kritik an Maßnahmen nicht das Gleiche wie Leugnung! Ich kritisiere doch auch selbst manche Maßnahmen, wenn sie etwa zu spät, zu schwach, zu schlecht abgestimmt oder überzogen erscheinen. Covid19-Leugnende leugnen die Befunde der Virologie zu diesem Virus bzw. tun diese mit Verschwörungsmythen ab. Wenn dann auch noch gefährliches Verhalten – etwa der Verzicht auf Impfungen, Versammlungen ohne Masken und Mindestabstände u.ä. – hinzukommen, dann schaden die Verschwörungsgläubigen sich selbst und anderen. Und wenn dazu noch Verschwörungsvorwürfe etwa gegen Ärzt:innen, Politiker:innen oder Journalist:innen erhoben werden, wird es noch schlimmer!

          Was genau ist denn daran so schwer zu verstehen (wenn man(n) will…)?

  4. @Michael 15.01. 13:28

    „Warum dann beim Zionismus?“

    Naja, die Israelis sind im Prinzip aus unserem eigenen westlichem Kulturkreis. Nicht nur mit ihrer demokratischen Verfassung, sondern auch ausgestattet mit modernster westlicher Militärtechnik. Nur mit diesen Waffen waren sie in der Lage, sich gegen eine mehr als 10-fache Übermacht ihrer muslimischen Feinde hinwegzusetzen.

    Von daher kann Israelkritik vielleicht auch ein Stück Selbstkritik sein?

    Andererseits würde ich mich als Israeli ziemlich bedroht fühlen, angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheiten von Feinden, die im Prinzip meine Vernichtung anstreben. Ich würde glaube ich gucken, dass ich da weg komme und nach Möglichkeit wieder auswandern. Als Israeli hat man sich da sicher ein Stück weit dran gewöhnt, aus unserer Sicht aber eher nicht.

    Dann taucht nochmal die Frage auf: Was machen wir, wenn Israel in Zukunft militärisch nicht mehr stärker ist, und dabei ist, unterzugehen? Greifen wir dann ein, oder nicht?

    Diese Frage stellt sich für Birma und Pakistan eher nicht, mit denen haben wir nicht so viel zu tun.

    Wenn ich mich dagegen auf den Standpunkt stelle, dass die Israelis selber Schuld sind, dass sie sich so viele Feinde gemacht haben, dann werde ich meine Verantwortung los, insbesondere als Deutscher. Es dürfte klar sein, dass die Schoa wesentlich zur Gründung Israels beigetragen hat.

    Andererseits ist Israels Politik der Stärke in der Tat offenbar gefährlich. Hier wäre in der Vergangenheit Einiges mehr möglich gewesen, zu den Nachbarn und den Palästinensern netter zu sein.

    • @Tobias Jeckenburger

      Nun, leider hat gerade auch der Rückzug von Israel aus dem Gaza-Streifen samt Räumung aller Siedlungen weder „Land für Frieden“ noch ein besseres Leben für beide Völker gebracht – sondern Macht, Korruption, Terror und Folter (statt freier Wahlen) für die Hamas.

      Sorry, aber nach diesen Erfahrungen kann ich jede/n Israeli verstehen, der deutsche Empfehlungen, doch einfach „zu den Nachbarn und den Palästinensern netter zu sein“ als bestenfalls naiv empfindet…

      Wenn „Israelkritik ein Stück Selbstkritik“ sein soll – dann wäre nüchterner Realismus das Mindeste, wenn Sicherheit, Frieden und Freiheit wirklich angestrebt werden…

  5. @Michael 15.01. 20:26

    „doch einfach „zu den Nachbarn und den Palästinensern netter zu sein“ als bestenfalls naiv empfindet…“

    So genau kann ich das auch nicht beurteilen, kann schon gut sein, dass sich die Beziehungen von Israel zu den Nachbarländern sowieso chronisch auf einem Tiefpunkt befinden, dass Nettigkeit nutzlos ist.

    Generell bin ich jetzt auch recht ratlos, was unsere Beziehungen zu vielen arabischen Ländern betrifft. Demokratie scheint hier nicht nachhaltig exportierbar zu sein, und bei Einmischungen in Bürgerkriege kann ich auch kein eindeutiges Ergebnis feststellen. Das US-Engagement in den beiden Irakkriegen und in Afghanistan, Syrien und Libyen scheint für die Menschen dort nichts gebracht zu haben. Auch wenn der Kampf gegen die IS erfolgreich war.

    Vielleicht wären wirkliche Wirtschaftshilfen eher wirksam. Die grassierende Massenarbeitslosigkeit bei jungen Männern scheint mir sowohl eine Überwindung des Patriarchats als auch eine Akzeptanz von Demokratie unmöglich zu machen.

    Die Frage, ob wir Israel zur Hilfe kommen sollten, falls sie sich mal nicht mehr selber verteidigen können, die finde ich persönlich sehr schwierig. Da hoffe ich einfach, dass der Fall nicht eintreten wird. Im Zweifelsfall meine ich, das es besser ist, sich aus Schießereien aller Art lieber rauszuhalten und stattdessen lieber an vernünftigen Beziehungen zu arbeiten. Zumindest, soweit das möglich ist.

    Das soll die Israelis nicht stören, die sind in einer wirklich schwierigen Situation und vermutlich wissen die, was sie machen.

  6. Antizionismus und Antisemitismus
    Schon die Unterscheidung dieser Begriffe setzt viel Vorwissen voraus. Herr Blume, an dieser Stelle muss ich auf ihre Einsicht einschwenken ,sich mit der Philosophie auseinanderzusetzen.

    De facto, befindet sich Israel mit seinen Nachbarn immer noch im Zustand des Waffenstillstandes, von Frieden kann keine Rede sein, wenn Iran z.B. öffentlich davon spricht die Israelis ins Meer zu treiben.
    Wer also Israels Außenpolitik kritisiert , der sollte an diese Tatsache erinnert werden.

    Woher kommt dann die einseitige Stellungnahme gegen Israel? Die Tatsache der Grenzzäune zwischen den arabischen Siedlungen und den israelischen Siedlungen sind wirklich abschreckend, aber welche Wahl hatten die Israelis? Alle Kriege wurden von den Palästinensern angezettelt, daran soll auch mal wieder erinnert werden.

    Die Kritiker lassen sich nicht von Tatsachen beeindrucken, die vermuten ein Ziel , das sie zionistische Weltverschwörung nennen. Das ist antisemitisches Denken.
    Herr Blume hat das schon 2020 beschrieben, Antizionismus = Antisemitismus.

    Im dritten Teil muss man sich Gedanken machen, wie man mit den Kritikern umgeht. Das ist eine Sisyphos Aufgabe und die wird uns noch solange beschäftigen, wie deren Entstehung zurück reicht.
    Vorschlag: eine Sendereihe, die das Zusammenleben von jüdischen und arabischen Bewohnern Israels zeigt.

    • Danke, @hwied. Tatsächlich nehme ich es so wahr, dass die meisten sog. Antizionisten nicht wahrnehmen und nicht wahrnehmen wollen, dass sie antisemitische Feindbilder und Verschwörungsmythen weitertragen. Viele sind beispielsweise erkennbar überrascht, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, dass Israel den Gazastreifen samt der Siedlungen bereits 2005 geräumt HAT – und dies eben leider nicht zum Frieden oder auch nur zu einer Abnahme des Antisemitismus führte, sondern zur Terrorherrschaft der Hamas…

      Medien kann und will ich keine Vorschriften machen, aber die Nahost-Folge auf dem Podcast hat erfreulich starke Abrufzahlen und erreicht also doch täglich Menschen:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-42-den-israel-palaestina-konflikt-mit-dem-historizismus-entschluesseln/

      Ihnen Dank für Ihr Interesse, die konstruktiven Kommentare und alles Gute!

  7. Kleine Kritik an der Kommunikation: anscheinend wurde das nicht über die Kreisgrenze hinaus angekündigt. In den Stuttgarter Fildervororten hatte man nichts von dieser Veranstaltung gehört. Das sollte beim nächsten Mal besser gemacht werden, so eng, wie die Orte auf den Fildern vernetzt sind.

    • Danke, @Joachim Fischer. Tatsächlich wurde ich von den Veranstalter:innen direkt angesprochen und hielt mich via Twitter auf dem Laufenden. Aber, klar, noch mehr Teilnehmende aus dem Umland wären willkommen gewesen und wir hätten uns da auch sehen können. 🙂

  8. @Michael 16.01. 12:30

    Ich habe Ihren Blogbeitrag Verschwörungsfragen42 vom 27.05.2021 nochmal gelesen.

    Das sinnlose Chaos verschiedenen dualistischen Wahnsinns ist in der Tat im Nahen Osten wohl das eigentlichen Problem – quer durch die Religionen, Weltanschauungen und Staatsgebilde.

    Anstatt sich auf eigene wirtschaftliche Produktivität zu konzentrieren, und sich schöne Häuser zu bauen, ein Einkommen zu realisieren und das eigene Gemeinwesen und die Umwelt zu pflegen, konzentriert man sich auf den Streit um Land, das doch gar nicht mal so wichtig ist. Wo eher die Wüste dominiert, und es höchstens mal um Wasser gehen kann, was bringen hier die Streitigkeiten? Abgesehen von Ölquellen zumindest.

    Selbst wenn man Entsalzungsanlagen braucht, ist das bei einer gewissen Sparsamkeit für den Haushaltsverbrauch gar nicht so teuer, nur für den Einsatz in der Landwirtschaft eben (noch) zu teuer. Und bei dem lokalem Angebot an Sonnenenergie ist doch die ganze Region Naher Osten sehr ergiebig, und könnte zukünftig ein guter Standort fürs Wohnen wir fürs Arbeiten werden. Auch kann man dem Klimawandel mit einfachen Klimaanlagen zumindest im Wohnbereich ganz gut begegnen, zumal eben Photovoltaikanlagen in der Region so gute Erträge bringen. Auch im Klimawandel sehe ich eigentlich keinen Grund, die Region Richtung Europa zu verlassen.

    Aber wenn man sich weiter nur gegenseitig niedermacht, und um Boden streitet, von dem sehr viel mehr da ist, als alle Beteiligten brauchen, dann kommt man auf keinen grünen Zweig. Zumal man sich in Wirklichkeit offenbar gar nicht um Land, sondern um den eigenen Wahnsinn streitet. Was sollen wir da machen?

    Was unsere Rolle angeht, da mag mir vielleicht wirkliche Wirtschaftsförderung in der Region Perspektiven zu bieten, aber Waffenlieferungen oder gar Einmischungen in Bürgerkriege in der Regel eher nicht. Ein Ende des Einkaufs von Fossilen Brennstoffen mag auch positiv wirken, zumal wir ja sowieso davon weg kommen wollen.

    Stattdessen können wir auch hier gucken, dass wir selber bei Verstand bleiben und unsere eigenen Herausforderungen hintereinander bekommen.

  9. Das Gendern müssen Sie aber noch üben:

    Akteur:innen
    Freimaurer:innen
    Zionist:innen
    Rechtsextremist:innen
    Mörder:innen
    Musiker:innen
    Gewerkschafter:innen
    Freund:innen-Feind:innen-Dualismus

    • Nö, @Peter Müller – ich entscheide frei über jedes meiner Worte. Ich schreibe also sehr bewusst, wie ich möchte, aus dem wachsenden Reichtum unserer Sprache.

      Könnten Sie ja auch mal versuchen. Oder in peinlicher Opferpose darüber jammern, dass auch die deutsche Sprache lebendig ist. Und sich also nicht um irgendwelche und also auch nicht Ihre oder meine versuchten Vorschriften kümmert. Lebendige Sprachen evolvieren kulturell – und das ist erfreulich.

      Ihnen alles Gute, vor allem irgendwann mal Freude an der Zukunft. 🙂

  10. Nur zu Ihrer kürzlich erfolgten öffentlichen Rede, lieber Herr Dr. Michael Blume, irgendwie so um die fünf Minuten und dankenswerterweise hier publiziert, repliziert, janz kurz :

    Diversität und Kompetitivität sind ‘OK’, Verschwörungsglaube (Sie waren es, der fein zwischen Verschwörungstheorien und Verschwörungsmythen zu unterscheiden wusste) ist etwas für die anderen. der Israelische, der Jüdische Staat ist OK, es darf auch ein gewisses Grundvertrauen gegenüber (Natur-)Wissenschaftlern geben, viele davon sind iO und ‘die allermeisten Menschen sind OK’.

    Mit freundlichen Grüßen + weiterhin viel Erfolg !
    Dr. Webbaer (der sich nun langsam, auch in Anbetracht der vielleicht um den Faktor Zehn weniger letalen “Omikron”-Variante von “Corona” wünscht wieder den Normalzustand zu erreichen [1])

    [1]
    Dr. Webbaer hat im wie hier gemeinten Zusammenhang einige Zeit die “Atilla-Hildmann-Truppe” beforscht und auch andere Gruppen im Web, die in diesem Zusammenhang nicht immer günstig aufschlagen :
    Die meiste Gegnerschaft zu der hier gemeinten “Corona”-Behandlung, Schutzmaßnahmen meinend, ist OK.
    (Dr. Webbaer selbst sieht hier i.p. Anti-“Corona”-Maßnahmen teils sehr ungünstige Bewegung, dies nur ganz am Rande angemerkt.
    Die Regierenden meinend, auch denjenigen, der keine ‘rote Linien’ mehr kennen möchte.
    Olaf Scholz war ja “Stamokap”, Kretschmann [1] Maoist, et cetera.)

    [1]
    Der Kretschmar ist ‘Wirt’.

    • Das war ja richtig konstruktiv, @Webbaer! 🤓🙏🖖 Könnte es sein, dass wir uns über die Jahre und Hunderte Kommentare in einigen Fragen angenähert haben? 🤔🧡 Aber Fleisch aus Massentierhaltung essen Sie doch sicher noch, oder? 😉

      • Vielen Dank für Ihre Toleranz, lieber Herr Dr. Michael Blume,
        es war so eine Art Schwingen, am Anfang fand Dr. Webbaer Sie sozusagen super-gut, hat Sie auch unterstützt, dann gab es einige “Aufreger”; Dr. Webbaer ist dazu übergegangen, auch Ihr Amt schätzend und Ihre Intention, eigentlich insgesamt Ihre Nachrichtengebung, dass er nur noch an dem interessiert ist, was er hier liest, was er gut findet.
        Ihre Gegner bleiben allerdings hier schon verstanden, auch u.a. politisch Rechte.
        MFG
        WB

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