Allez le Blogs – Wie uns Rumänien christianisiert und was das für seine Zukunft bedeutet

In wenigen Minuten wird das EM-Spiel meiner Allez-le-Blogs-Länder Albanien gegen Rumänien angepfiffen: Höchste Zeit, eine kleine Idee zu verwirklichen. Diese kam mir am 8. Juni beim Tag der KAS (Konrad-Adenauer-Stiftung), bei der ich an meiner ersten Online-Podiumsdiskussion teilnahm. Gemeinsam mit Birgül Akpinar vom CDU-Landesvorstand Baden-Württemberg diskutierten wir von Stuttgart aus mit Diskutanten in Berlin – und an beiden Orten gab es jeweils auch Zuschauende.

BirguelMichaelKASPodium0616Online-Podiumsdiskussion Stuttgart / Berlin am „Tag der KAS“ am 8.6.2016. Foto: KAS Berlin

Auch in dieser Diskussion versuchte ein Diskutant – diesmal ein Staatssekretär aus Ungarn – die Gefahr einer „Islamisierung“ an die Wand zu malen und auf dieser Basis die deutsche Offenheit für Zuwanderung zu kritisieren. In einer Replik erlaubte ich mir den Hinweis darauf, dass Deutschland (und andere europäische Länder) auch eine erhebliche Zahl von Ungarn aufgenommen hätten – und dass die zweitgrößte Gruppe von Zuwandernden des Jahres 2015 nach Baden-Württemberg aus Rumänien stammte!

Und so überlegte ich mir noch während der Debatte, mal ein bißchen europäische Demografie zum Nachdenken zu bloggen…

Ja, Sie haben richtig gelesen: In den vergangenen Jahren sind zusammengenommen mehr Ost- und Südosteuropäer nach Deutschland und Baden-Württemberg eingewandert als Menschen aus Syrien! So berichtete unser Statistisches Landesamt in einer Pressemitteilung vom März 2016 auch für 2015 für den Südwesten:

Die mit Abstand stärksten zahlenmäßigen Zuwächse von jeweils über 20 000 Personen waren bei den Einwohnern aus Syrien und Rumänien zu beobachten. Die Zahl der syrischen Einwohner erhöhte sich aufgrund des starken Zustroms an Schutzsuchenden um 28 200 Personen auf 38 600. Die Zahl der Einwohner mit rumänischer Staatsangehörigkeit erhöhte sich auch im zweiten Jahr nach Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit nochmals um fast 21 000 auf 102 100 (2014: +20 600 Personen). Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Einwohner aus dem jüngsten EU-Mitgliedsstaat Kroatien, für den seit 1. Juli 2015 ebenfalls die Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt. Die Zahl der kroatischen Einwohner stieg 2015 um 10 000 auf 92 100 (2014: +5 800).

Darüber hinaus gab es weitere sieben Staatsangehörigkeiten, bei denen der Einwohnerzuwachs im Jahr 2015 jeweils über 5 000 Personen betrug. Hierbei handelt es sich um Polen und Ungarn, für die bereits seit 2011 die Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, den Irak, den Kosovo, Afghanistan, Italien und Bulgarien.

Anders formuliert: Aus Rumänien, Kroatien, Polen und Ungarn kommen derzeit Abertausende vor allem Christinnen und Christen (v.a. katholischer und orthodoxer Konfession) zu uns: Deutschland wird auch weiterhin durch ost- und südosteuropäische Zuwanderung „christianisiert“.

scilogs_em2016
Ähnlich wie in den neuen Bundesländern gehen jedoch eher die jüngeren, fremdsprachenfähigen und weltoffeneren Bevölkerungskreise mit Chancen auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt, so dass in den Staaten ein höherer Anteil an fremdenfeindlichen Modernisierungsverlierern und verbitterten Nationalisten verbleibt. Auch die – ebenfalls stattfindende – Abwanderung von Roma und Sinti, die in Ost- und Südosteuropa noch immer weithin diskriminiert werden, dürften diese Nationalisten als vermeintlichen Erfolg begrüßen. Es ist also zu befürchten, dass die starke Abwanderung ausgerechnet rechtsautoritäre Regime und Strukturen verstärkt und die gesellschaftliche, wirtschaftliche und auch kulturelle Entwicklung verlangsamt.

Denn hinzu kommen extrem niedrige Geburtenraten, so dass wir Mitteleuropäer unsere Unterjüngung zwar verlangsamen, gleichzeitig die alternden, ost- und südeuropäischen Gesellschaften aber geradezu „auszehren“.

Bei der demografischen Entwicklung Rumäniens fällt dabei der kurzzeitige Geburtensprung durch die brutal druchgesetzten Verhütungsverbote des „Dekret 770“ unter dem sozialistischen Diktator Nicolae Ceausescu (1918 – 1989) auf. Auch diese illiberale und atheistisch begründete „Familienpolitik“ endete jedoch im Desaster illegaler Abtreibungen, massiver Kindesaussetzungen und bald Abertausender in üblen Heimen vegetierender Kinder. Heute schrumpft Rumänien durch die Abwanderung (nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen, sozialistischen Wirtschaftspolitik und folgender Armut) und Geburtenmangel…

GeburtenrateRumaenien2012Credit: Grafik Google, Daten Weltbank. 19.6.2016

Immerhin: Die Kirchen haben sich von den Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung inzwischen wieder einigermaßen erholt. Weit über 80% der Rumäninnen und Rumänen zählen sich zur rumänisch-orthodoxen Kirche, je über 5% zu Protestanten und Katholiken. Zudem gibt es muslimische und konfessionslose Minderheiten sowie eine – nur noch minimale – jüdische Population.

Wird Rumänien jahrzehntelang weiterschrumpfen und große Teile seiner jungen Generationen an die im Wohlstand alternden Regionen Mittel- und Westeuropas abgeben? Oder wird es sich durch die wirtschaftliche Entwicklung, eine moderne, freiheitliche Familienpolitik und auch die Wiederbelebung religiöser Gemeinschaftswerte irgendwann wieder demografisch stabilsieren können? Wohin steuert Europa demografisch?

Wer heute darauf verweist, dass Menschen aus sich heraus „wertvoll“ seien, wird ja gerne als „Gutmensch“ verhöhnt. Doch ich wage die Prognose, dass wir schon in einigen Jahren eine europaweite Diskussion über den massiven, innereuropäischen Geburtenmangel und die demografischen Verschiebungen haben werden. Die Hysterie wegen einigen Hunderttausend arabischer Flüchtlinge wird man bis dahin wohl vergessen haben oder rückblickend mit amüsierten Unverständnis betrachten…

WappenRumaenien

Das Wappen von Rumänien (2016)

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich vermisse bei dieser Betrachtung die Betrachtung der Geburtenraten, der zuwandernden Bevölkerungsgruppen und den möglichen Familiennachzug. Diese Faktoren werden möglicherweise ja wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung haben.

    • Lieber @Bilal,

      zum Thema Religion(en) und Demografie inklusive der Geburtenraten finden Sie auf diesem Blog Tonnen von Material, inklusive einem erklärenden Online-Interview und Artikeln zur sog. „Islamisierung“ und dem Verschwörungsmythos des „Geburtendschihad“. Spannend könnte für Sie ggf. auch die imminent drohende, auch demografische Traditionalismusfalle im Yezidentum sein. Bitte einfach die Suchfunktion dieses Blogs nutzen und lossurfen!

      In Sachen „Familienzusammenführung“ bestehen tatsächlich für Geflüchtete aus Nicht-EU-Staaten erhebliche Einschränkungen und Beschwernisse, wogegen EU-UnionsbürgerInnen nach der Arbeitnehmerfreizügigkeit auch hierbei Niederlassungsfreiheiten genießen. Wenn dazu belastbares, empirisches Material verfügbar wird, greife ich dies gerne auf. Danke für die Anregung(en)!

  2. Rumänen sind sehr gläubig und ich hoffe die Fangen sich. Leider sieht es aus als sei Rumänien in der Falle der Mittleren Einkommen gefangen.

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