Alles Leben ist Begegnung – Im Dialog mit dem Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg

In der Sozial- und Religionsphilosophie von Martin Buber (1873 – 1965) entscheidet sich das Leben der Menschen im Verhältnis von Ich-Du zu Ich-Es-Beziehungen. Durch den Abschluss meiner Religionen-Trilogie in “Rückzug oder Kreuzzug?” begegnete ich ihm über die Evolutionspsychologie wieder: Ist nicht die Ich-Du-Beziehung eine Weise, den Monismus zu beschreiben, in dem wir – selbst in Konflikten – dennoch Mit-Menschen bleiben? Und wäre nicht der Dualismus – wie er sich als Freund-Feind-Denken gerade auch in westlichen Glaubensdebatten täglich zeigt – ein Ausdruck des Ich-Es-Denkens, in dem Menschen nur nützliche oder unnütze Objekte, also Freunde oder Feinde sein können?

Und besteht nicht eine Hauptgefahr der – auch unglaublichen chancenreichen, also ambivalenten – Digitalisierung darin, dass es uns andere Menschen nur über Texte und Bilder, also in Es-Form, präsentiert? Liegen hier die Wurzeln von digitaler Verrohung, von Trolling und Radikalisierung?

Der bis heute mit Abstand meist-abgerufene Blogpost auf “Natur des Glaubens” entstand bereits 2013 und thematisierte einen schweren Angriff aus dem Landesamt für Verfassungsschutz auf meinen Berufseinstieg als Dialog-orientierter Religionswissenschaftler mit Zuständigkeiten für den Islam im Staatsministerium Baden-Württemberg. Mathias Hamann vom SPIEGEL recherchierte die Geschichte daraufhin selbst und veröffentlichte dazu am 31.07.2013: “Mit einer E-Mail vom Normalbürger zum Islamistenhelfer”.

Biografisch und politisch habe ich den Konflikt überstanden und meine, angesichts der Kämpfe und existentiellen Ängste als damals junger Familienvater mit einer hoffnungsvollen Partnerin und neu geborenen Tochter viel gelernt zu haben. Dennoch brauchte es Jahre, bis ich mich Kolleginnen und Kollegen der Verfassungsschutzämter wieder vertrauensvoll öffnen konnte – und weitere Jahre, bis wir miteinander in den Dialog fanden.

Zu Weihnachten 2021 darf ich Ihnen nun ein Novum präsentieren: Zum ersten Mal haben mein Team und ich den Podcast “Verschwörungsfragen” für ein Gesprächsformat geöffnet – und zwar für ein Gespräch mit einer Kollegin und zwei Kollegen des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg: Mit Dr. Benno Köpfer, Abteilungsleiter der Abteilung 2 “Islamistischer Extremismus und Terrorismus”, mit Martin Horbach, Referatsleiter der Auswertung “Islamistischer Extremismus und Terrorismus” und mit Corinna Lehmann, Referentin der Auswertung “Islamfeindliche und rechtsextremistische Bestrebungen, Reichsbürger, Scientology-Organisation” der Abteilung 3 “Rechtsextremismus und -terrorismus, Reichsbürger und Selbstverwalter”.

Den Podcast “Verschwörungsfragen” erstellen mein Team und ich in der und für die Landesverwaltung Baden-Württemberg. Ich versuche jedoch auch als Religions- und Politikwissenschaftler sowie Medienethiker, Informationen und Reflektionen dazu über den Wissenschaftsblog “Natur des Glaubens” zugänglich zu machen. Grafik: Staatsministerium BW

Diese gemeinsame Podcast-Aufnahme in den Räumen des LfV BW erforderte nicht nur einen Schritt meines Teams und auch meinerseits (und vor allem am Anfang des Gesprächs können Sie mir die Unsicherheit noch durchaus anhören), sondern auch Genehmigungen der Landesamt-Führung; und nicht zuletzt die Bereitschaft der Kolleg:innen, sich mit Klarnamen und eigenen Stimmen in die digitale Öffentlichkeit zu stellen. Doch wir versprachen uns daraus einen neuen Weg, mehr Transparenz und Vertrauen herzustellen: Mehr Licht statt früherer Schattenkriege, sozusagen.

Was darf und muss ein Landesamt für Verfassungsschutz? Was ist der Unterschied zwischen Geheim- und Nachrichtendiensten? Hatte das Versagen der Sicherheitsbehörden angesichts der NSU-Mordserie bereits reale Konsequenzen für die Arbeit? Welche Zuständigkeitskonflikte, aber auch welche Chancen ergaben sich aus der Schaffung meines Amtes als Beauftrager gegen Antisemititismus durch Landtag und Landesregierung? Und wussten Sie schon, dass “Hoaxilla” von Alexa und Alexander Waschkau nicht nur von mir als befreundetem Nerd, sondern auch von den Kolleginnen und Kollegen aus der Sicherheit geschätzt wird?

Auch Folge 45 von “Verschwörungsfragen” finden Sie wieder auf podigee sowie in allen gängigen Podcast-Streamingdiensten. Wir sind nun alle gespannt, wie diese Podcast-Dialog-Folge aufgenommen wird – schließlich sind auch Verfassungsschutzämter für viele Dualist:innen “geliebte Feinde” – und Fehler werden ja auch von ihnen nicht mehr bestritten. Möchte die Netz-Öffentlichkeit tatsächlich mehr darüber wissen, wie deutsche Nachrichtendienste arbeiten, gar mit ihnen in den Dialog treten? Sollten weitere, auch etwa journalistische Podcasts diese Spur aufnehmen? Ist der öffentliche Dienst nicht vielleicht gar verpflichtet, auch über die neuen, digitalen Medien seine Tätigkeiten gegenüber Steuerzahler:innen und Wähler:innen zu erläutern?

Ich meine: Digitalisierung könnte ja auch eine Chance für mehr Ich-Du-Dialoge sein. Wenn es nach mir ginge, gäbe es im deutschsprachigen Raum längst auf Sicherheitsthemen spezialisierte Blogs und Podcasts durch glaubwürdige und kundige Wissenschaftsjournalist:innen. Und – hört, hört! – Benno Köpfer hätte sich ja sogar noch “kritischere Fragen gewünscht”. Über Fortsetzungsformate denken wir also nach…

Allen, die es begehen, wünsche ich ein trotz Omikron-Pandemie frohes Weihnachtsfest und allen, die die Zeitrechnung nach Christus im Blick haben, einen guten Rosch! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

1 Kommentar

  1. Einen nach innen gewandten Geheimdienst gibt es in vielen Liberalen Demokratien nicht, er steht in gewisser deutscher Nachfolgeschaft, die der Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle nicht namentlich benennen wird.

    Die Gefahr von politischem Missbrauch wird in anderen Liberalen Demokratien als zu hoch eingeschätzt, um derart andernorts im Sinne Liberaler Demokratie einen derartigen Dienst implementieren zu wollen.

    Exkurs :

    Die Liberale Demokratie (Es gibt auch andere Demokratie, die dann bspw. demokratischer Sozialismus genannt wird.) kennt genau drei wichtige Leistungsmerkmale und zwar :

    1.) Die Herrschaft des Volkes, des Wahlvolkes, das dann Souverän ist – und nicht etwa ein (nur zeitweise) gewählter Mandatsträger.

    2.) Der Herrschaftswechsel, der wurde u.a. auch von Karl Popper stets hervorgehoben, weil er friedlichen Machtwechsel verspricht – in anderen politischen Herrschaftssystemen ist dies sozusagen undenkbar.

    3.) Gegner, Opponenten, der Liberalen Demokratie werden “mal eben so” ausgehalten, auch dies ist für Herrschaftssysteme sozusagen einmalig, ein Demokratiegegner, ein Demokratiefeind kann sich sozusagen gegnerisch bis zum Geht-Nicht-Mehr austoben, mit Sprache wirken, seinen Hass ausdrücken – solange er nicht gegen Gesetze verstößt oder kriminell wird.

    Viele derartige Gegner, Opponenten, sind denn auch bundesdeutsch der sogenannten integrativen Kraft der (liberalen) Demokratie sozusagen zum Opfer gefallen, Kretschmann bspw. war einstmals Maoist, Otto Schily RAF-Verteidiger (abär “richtig”, Dr. Webaer erinnert sich an die Siebziger vglw. gut), Jürgen Trittin in sog. K-Gruppen engagiert, Ströbele, nunja, der hat sich (ein)mal strafbar gemacht, und Joschka Fischer war sozusagen Street-Warrior der extremen Linken.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der vielleicht, hoffentlich, in diesem kleinen Kommentar zu Diensten und Toleranz der Liberalen Demokratie allgemein verständlich ein wenig erklärend beihelfen konnte, eben die sogenannte integrative Kraft der Demokratie bewerbend)

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