Alfred Russel Wallace – Die Wiederentdeckung des Evolutionsentdeckers durch Matthias Glaubrecht

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
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Endlich! Schon seit einigen Jahren vollzieht sich in der englischsprachigen Welt eine “Wiederentdeckung” von Alfred Russel Wallace (1823 – 1913), dem so kreativen Mitentdecker der Evolutionstheorie, der zu Unrecht fast völlig in Vergessenheit zu geraten schien. Auch in meinem Buch über Charles Darwin als (studierten) Theologen hatte ich diese Lücke in der deutschen Geschichtsschreibung beklagt und doch wenig Hoffnung gehabt, dass sie sich bald schließen könnte. Als ich nun aber erfuhr, dass der Berliner Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht – den ich seit seiner brillanten Essaysammlung “Seitensprünge der Evolution” auch schriftstellerisch sehr schätze – eine Wallace-Biografie vorlegte, kam dieses sofort nach ganz oben auf den Lesestapel. Und nicht umsonst!

Wallace entstammte nicht, wie häufig behauptet wird, der “Arbeiterklasse” – wohl aber gehörte seine Familie zur verarmenden Mittelschicht, wogegen sein Zeitgenosse Darwin lebenslang zum wohlhabenden Großbürgertum zählte. Mit gerade einmal 14 Jahren musste der junge Alfred Russel Wallace die Schule abbrechen, um fortan als Landvermesser eigenes Geld zu verdienen. Doch er bildete sich, vor allem auch durch die Nutzung von Bibliotheken, eisern und vielseitig weiter und wurde schließlich an einer kirchlichen Schule zu einem (Grundschul-)Lehrer.

Während Robert Chambers proto-evolutionäres Buch “Vestiges” von der wissenschaftlichen Kritik verrissen wurde – was auch dazu beitrug, dass Darwin die Veröffentlichung seiner Evolutionsthesen um Jahrzehnte verzögert – prägten sie den geistig unabhängigen und begeisterungsfähigen Wallace. Wie andere Menschen strebte auch er nach Anerkennung, wollte jedoch nicht nur die ausgetretenen Pfade der Reichen beschreiten. Zusammen mit seinem Freund Henry Walter Bates, der später ebenfalls ein geachteter Naturwissenschaftler wurde, brach Wallace stattdessen zum Amazonas auf – und konnte seine jahrelangen Forschungsexpeditionen fortan durch den Verkauf von Tier- und Pflanzensammlungen sowie durch Buchhonorare finanzieren. Ohne seinen kaufmännisch begabten Agenten und Förderer Samuel Stevens hätte es die Erfolgsgeschichte Wallace wohl nicht gegeben.


Matthias Glaubrecht: “Am Ende des Archipels – Alfred Russel Wallace” Galiani 2013, € 24.99

Glaubrecht gelingt es nicht nur, diese bereits gut bekannten Eckdaten in Wallaces Leben umsichtig darzustellen – er erschließt auch, dass erst die damalige Kultur der britischen citizen sciences – Bürgerwissenschaften das damalige Aufblühen der (Evolutions-)Biologie ermöglichte. Lange bevor die staatlichen Institutionen reagierten, erwarben Bürger und zunehmend auch Bürgerinnen die entsprechenden Bücher, legten teure Sammlungen geologischer und biologischer Funde an, strömten zu wissenschaftlichen Vorträgen und finanzierten wissenschaftliche Gesellschaften und sogar Vorformen heutiger “Volkshochschulen”, um den Wissenshunger auch in ärmeren Schichten zu entfachen. Damit erzeugten sie wiederum Nachfrage, Ansehen und Talente für (empirische) Wissenschaft, wie sie sonst nur Militär, Sport und Künste beflügelten. Auch heute sind wir da kaum weiter!

Finanziert durch die Erträge seiner Sammlungen erkundete Wallace fünf Jahre lang Südamerika und ließ sich auch nicht entmutigen, als sein Schiff auf der Rückreise sank und er riesige materielle, aber vor allem auch geistige Schätze (Notizbücher, Skizzen, Sammlungen etc.) verlor. Stattdessen brach er, gefördert durch die Royal Geographic Society, mit einunddreißig Jahren noch einmal auf, um weitere acht Jahre die malayischen Inselwelten zu erforschen.

Hier machte Wallace seine schließlich bahnbrechenden Entdeckungen und wurde zum Begründer der Biogeographie. Und neben Darwin entdeckte er nicht nur das Prinzip der Evolutionstheorie, die er in seinem kaum 4.000 Wörter zählenden Ternate-Aufsatz (1858) erstmals darlegte. Darüber hinaus verwies auch erstmals auf die Bedeutung der Galapagos-Inseln zu deren Verständnis und publizierte die erste Erwähnung eines evolutionären Stammbaumes – Aspekte, die später zu Unrecht Darwin zugeschrieben werden.

Stahl Darwin Wallaces Ruf?

Entsprechend kundig vorbereitet wagt sich Glaubrecht an eine der großen Fragen der Wissenschaftsgeschichte: Hatte Darwin dem weniger gut vernetzten Wallace den Ruhm als Entdecker der Evolutionstheorie gestohlen? Unstrittig ist, dass Darwin mit einer eigenen Veröffentlichung Jahrzehnte zögerte – um dann panisch seine Erstrechte geltend zu machen, als er Post von Wallace erhält. Glaubrecht weist darauf hin, dass Wallace – der schon viele Fachartikel veröffentlich hat, darunter den wissenschaftshistorisch noch zu wenig beachteten Sarawak-Aufsatz (1855) – heute wohl als Entdecker der Evolutionstheorie gelten würde, hätte er seinen Ternate-Aufsatz zur Veröffentlichung an ein Journal statt an Charles Darwin gesandt! Dass dieser dann ausgerechnet relevante Briefe dieses “delikaten” Vorgangs “verliert” und sich einige Angaben des Darwin-Lagers später als unrichtig erweisen, macht die Detailfrage zum Krimi. Wer es noch nicht geahnt haben sollte, findet in der Darwin-Wallace-Geschichte beklemmende Belege: Auch in der Wissenschaft wurde und wird unter Beschwörung höchster und edelster Werte gemenschelt und gemauschelt!

Glaubrecht arbeitet den aktuellen Beweisstand, einschließlich der Laufzeiten der damaligen Postschiffe, akribisch auf und kommt zu dem Ergebnis, dass sich Darwin durchaus bei Wallace “bedient” und ihn auch unfair behandelt hat. In der Summe aber bleibe Darwin der Erst- und Hauptentdecker der Evolutionstheorie, was auch der “noblere und bescheidenere” Wallace so anerkannte.

Und immerhin: Wallaces exotische Sammlungsverkäufe (darunter mehrere Orang-Utans, die er mit wenig Bedauern von Bäumen schießt und präpariert verkauft) wie auch seine Reiseberichte bescherten ihm Geld und Ruhm. So konnte er – nach einer gescheiterten Verlobung – schließlich auch eine sehr viel jüngere, ihn unterstützende Frau (die ebenfalls zu Unrecht fast vergessene Annie) heiraten und mit ihr drei Kinder zeugen. Eine auf Darwins Veranlassung (auch aus schlechtem Gewissen?) gewährte Leibrente erlaubten Wallace schließlich glückliche Altersjahrzehnte.

Der spätere Wallace

So detailliert Glaubrecht das biologische Forscherleben Wallaces beschreibt, so sehr fremdelt er mit dessen späten Jahrzehnten, in dem sich dieser engagiert und nicht nur theoretisch u.a. dem Spiritualismus, der quasi-sozialistischen Landreform, der Gleichberechtigung der Frau(en), dem Kampf gegen Eugenik und Sozialdarwinismus sowie dem evolutionären Theismus zuwandte. Glaubrecht versucht die vermeintlichen “Widersprüche” zu erklären und zu entschuldigen, leider ohne in die wirklich spannenden Fragen auch nur einzusteigen. Zum Beispiel verdankten sowohl Darwin wie Wallace die Durchbrüche zur Evolutionstheorie maßgeblich dem “Bevölkerungsgesetz” von Malthus, der auch für den Menschen eine ständige Bevölkerungszunahme und dann folgende Überlebenskämpfe annahm. Während Darwin an vielen Folgerungen des – heute empirisch widerlegten – Malthusianismus nur litt, verwarf Wallace diesen schließlich als “größten Irrtum”. Zu dieser und anderen faszinierenden Fragen des späten, unorthodoxen Forschers erfahren wir hier jedoch wenig bis nichts – was umso bedauerlicher ist, als dass die entsprechenden Rätsel bis heute nicht wirklich geknackt sind.

Andererseits sehe ich nicht, warum ich einem Evolutionsbiologen vorwerfen sollte, dass er die kultur- und geisteswissenschaftlichen Aspekte Wallaces nicht ausreichend ausgeleuchtet habe. Wäre dies nicht die Aufgabe unserer Disziplinen, wenn bei uns nur weniger “Furcht” vor Naturwissenschaften und Naturwissenschaftlern vorherrschte? Die lange und noch nicht überwundene Ignoranz gegenüber Wallace (und den vielen Verästelungen der Evolutionstheorie(n)) ist ja kein primär biologisches, sondern ein kultur- und geisteswissenschaftliches Versäumnis.

Fazit

Matthias Glaubrecht hat ein hervorragendes, wegweisendes Buch zu Alfred Russel Wallace vorgelegt, dem eine breite Leserschaft und Wirkung zu wünschen ist! Zwar unterlaufen ihm dabei immer wieder verwirrende Zeitsprünge und Wiederholungen, doch detaillierte, teilweise geradezu kriminologische Recherchen machen diese mehr als wett. Man spürt “Am Ende des Archipels” an, dass hier ein Evolutionsbiologe mit einem zu Unrecht fast Vergessenen der Wissenschaftsgeschichte ebenso ringt wie mit den Grenzen des eigenen Faches. Das ist nicht schlimm, sondern bewundernswert!

Glaubrecht hat, endlich, auch im deutschsprachigen Raum die Tür zur Wiederentdeckung eines großen, unabhängigen Geistes aufgestoßen. Nun liegt es an Weiteren, diese zu durchschreiten und weitere natur-, vor allem aber kultur- und geisteswissenschaftliche Schätze zu heben!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

22 Kommentare

  1. Wenn die Zeit reif ist.

    Gleichzeitige Entdeckungen/Erfindungen kommen recht häufig vor (Phonograph, Telephon, Dreiphasenwechselstrom). Wie Darwin wartete auch Friedrich Gauss mit der Veröffentlichung seiner nichteuklidischen Geometrie solange zu bis ihn János Bolyai und Nikolai Lobatschewsk damit überraschten. Darauf verzichtete Gauss auf eine eigene Publikation.

    Die Zeit ist eben oft reif für etwas. Wer zuwartet wird überholt. Heute wird es allerdings kaum noch Forscher geben, die zuwarten mit der Publikation. Das konnten sich nur die Schöngeister der Epoche Darwins leisten.

  2. @Martin Holzherr

    Wobei es bei näherem Anschauen so “schöngeistig” im entstehenden Wissenschaftsbetrieb damals gar nicht zuging, auch damals (schon) nicht. 🙂

    Darwin hatte ja mit seiner Veröffentlichung nicht zuletzt deswegen gewartet, weil er sich vor vernichtender Kritik fürchtete und seine Theorie erst nach allen Seiten absichern wollte. Als er dann aber registrierte, dass der jüngere, mutigere Wallace den Ruhm abschöpfen könnte, ließ er seine Kontakte spielen…

  3. A. R. Wallace

    In Rupert Riedls 233seitiger „Kulturgeschichte der Evolutionstheorie“ (Springer 2003), die von Aristoteles bis in die Gegenwart reicht, wird die Arbeit von A. R. Wallace auf vollen achteinhalb Seiten dargelegt. Ich finde das nicht wenig. Von daher hätte ich jetzt nicht gedacht, dass Wallace in der „Wissenschaftsgeschichte“ fast vergessen ist.

  4. Hallo Michael (oder sehr geehrter Dr. Blume 😉 )

    ich denke, dass Wallace kein Materialist war, und deswegen schneller vergessen wurde.

    Heutzutage gibt es (insbesondere im Bereich der Religionspsychologie) eine starke Dogma des reduzktiven Materialismus, sodass alle andere Erklärungsversuche ausgeklammert werden.

    Wenn darauf verzicht wird sehen evolutionäre Erklärungen der Religiösität anders aus.

    Viele Grüsse aus Lothringen.

    Lothars Sohn – Lothar’s son
    http://lotharlorraine.wordpress.com

  5. @Balanus

    Zu Lebzeiten Wallaces wurde die Evolutionstheorie sogar als Darwin-Wallace-Theorie bezeichnet! Dann aber habe, so Glaubrecht, die “Darwin-Industrie“ Wallace in Spezialistenkreise abgedrängt. Erst seit etwa 10 Jahren beginne seine Wiederentdeckung durch auch populäre Bücher, Ausstellungen, Dokumentationen etc.

  6. Unterschiede im Denken

    Meines Erachtens ist es falsch im Zusammenhang mit Wallace von einer “Wieder- und Neuentdeckung” zu sprechen, auch wenn er als ewig Zweiter hinter Darwin aufgeführt wird. Im Biologieunterricht der höheren Schulen werden nach wie vor die Unterschiede zwischen den beiden betont. So glaubte Darwin, dass der Konkurrenzkampf zwischen Tieren einer gleichen Gattung den Überlebensvorteil sicherte, während Wallace mehr den Druck durch Umweltveränderungen in den Vordergrund stellte.
    Ein solches Denken könnte natürlich auch der persönlichen Biografie der beiden geschuldet sein. Darwin musste sich als Angehöriger des wohlhabenden Großbürgertums um nichts anderes Sorgen machen als um die Anerkennung der Kollegen, die bei Forschern ja meistens auch Konkurrenten sind. Wallace hingegen war gesellschaftlich und finanziell nicht auf Rosen gebettet, er hatte sich sein Wissen selbst angeeignet und forschte unter schwierigsten Bedingungen. Letztes erklärt wohl auch sein Engagement für soziale Belange.

    Warum Wallace das Ternate-Manuskript Darwin zusandte, anstatt es selbst zu veröffentlichen, ist natürlich eine interessante Frage. Sah er in ihm eine Art Vorbild oder suchte er einen Mentor, weil ihm sehr wohl bewusst war, dass man dem gesellschaftlich etablierten Darwin mehr Glauben schenken würde als ihm?
    Spekulationen, ob der “studierte Theologe” Darwin sich von Wallace “inspirieren” lies, flammen daher immer wieder auf. Meines Wissens gibt es dafür aber keine Beweise.

  7. A. R. Wallace

    »Hatte Darwin dem weniger gut vernetzten Wallace den Ruhm als Entdecker der Evolutionstheorie gestohlen? «

    Wenn ja, dann hat Wallace offenbar nichts davon gemerkt. Zumindest hat er meines Wissens zu Lebzeiten nicht beklagt, dass er sei um seinen Ruhm gebracht worden sei.

    Oder hat Glaubrecht Quellen gefunden, die anderes nahelegen?

    Aber immerhin gilt Wallace als Erfinder des Begriffs „Darwinismus“ für das Prinzip der „natürlichen Selektion“.

  8. @Mona: Wallace+Darwin wussten wenig

    Wallace und Darwin hatten in der Tat sehr ähnliche Vorstellungen vom Prinzip der Evolution (Darwin sah Konkurrenz zwischen Arten, Wallace Umwelt als entscheidende Selektionsfaktoren) und beide waren zudem sehr stark vom Ökonomen Thomas Malthus beeinflusst, der ein Massensterben aufgrund des Bevölkerungswachstums voraussagte. Beide schlossen daraus, dass dieser Bevölkerungsdruck, der Kampf um Ressourcen für alle Lebewesen wirksam sein musste.

    Erstaunlich ist für mich vor allem, wie wenig beide über die Mechanismen der Vererbung und über Genetik wussten. Auch den Begriff Mutation kannten sie nicht, obwohl doch ohne Mutationen die Entstehung neuer Tierarten, die sie nachwiesen, nicht erklärbar war.

    Die Evolutionstheorie wurde von beiden wahrscheinlich nicht als rein biologische Theorie gesehen sondern als allgemeines Prinzip, das in der Natur wirkte. Und zwar gerade auch darum, weil Darwin und Wallace mit der Evolutionslehre eine Theorie über die Entwicklung von Grossstrukturen (Entstehung der Arten) entwickelten ohne dass sie die Mechanismen, die auf der biologischen Ebene wirkten (Gene, Vererbung, Rekombination, Mutation) verstanden. Für sie musste die Veränderung der Arten ähnlich wirken wie die Entwicklung von Baustilen in der damaligen Zeit. Es lag für beide also nahe, die Evolution als allgemeines Prinzip und nicht allein als biologisches Prinzip zu sehen.

  9. Glaubrecht zu Darwin

    Glaubrecht zählt schon die neueren Befunde auf, die für Darwin’sche Anleihen bei Wallace sprechen – von den Ermittlungen der Postschiffzeiten bis zu verschiedenem Papier, dass Darwin verwendete. In der Summe plädiert er dennoch für einen Freispruch aus Mangel an Beweisen – zumal ja unstrittig ist, dass er seine Evolutionstheorie schon länger ausgearbeitet hatte.

    Wallace hat dies auch immer so gesehen und war zufrieden, in den Kreis der großen Forscher aufgenommen zu werden – samt Ehrendoktorwürde in Oxford!

    Außerdem waren ihm andere Forschungsbereiche nicht weniger wichtig als die Evolution.

    Persönlich ist er mir sympathischer als Darwin (trotz dessen Theologiestudium, @Mona 😉 )

  10. Antwort @Martin Holzherr

    “Erstaunlich ist für mich vor allem, wie wenig beide über die Mechanismen der Vererbung und über Genetik wussten. Auch den Begriff Mutation kannten sie nicht, obwohl doch ohne Mutationen die Entstehung neuer Tierarten, die sie nachwiesen, nicht erklärbar war.”

    Man muss das Ganze natürlich immer im Kontext der Zeit sehen in der die beiden lebten. (Darwin lebte von 1809- 1882 und Wallace von 1823-1913). Damals wurde viel geforscht und man kann nicht sagen, dass die Leute nichts wussten.

    Einer der ersten Versuche einer systematischen Evolutionstheorie stammt von Lamarck (1744-1829).
    http://de.wikipedia.org/…ean-Baptiste_de_Lamarck

    Und Gregor Mendel, der “Vater der Genetik”, publizierte seine Vererbungsregeln im Jahre 1866.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_Mendel

    Hugo Marie de Vries (1848-1935) entwickelte darauf aufbauend seine Mutationstheorie.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_de_Vries

  11. Zu Wallace @Michael Blume

    “Persönlich ist er mir sympathischer als Darwin (trotz dessen Theologiestudium, @Mona 😉 )”

    Dann wundert es mich doch, dass Du Dich nicht etwas näher mit der spirituellen Seite von Wallace auseinandergesetzt hast.
    Schließlich befasste er sich auch mit der Entstehung des Bewusstseins. Er fand jedoch keine Erklärung wie sich ein solches durch natürliche Selektion entwickeln konnte und vermutete zuletzt, dass irgendetwas (Gott?) in die Evolution eingegriffen hätte. Von ” heiligen Wahrheiten”, wie sie die Church of England vertrat, distanzierte er sich jedoch. Er outete sich aber als ein starker Anhänger des Spiritualismus, was Spannungen zwischen ihm und anderen Wissenschaftlern hervorrief.

  12. @Mona: Darwin kannte Mendel nicht

    Darwin machte recht viele Kreuzungsversuche, kam aber nicht auf die von Mendel erkannten Vererbungsregeln.Im Blog-Artikel Darwin und Mendel zum Start werden seine Krezungsversuche und die Beobachtungen, die er dazu notierte, beschrieben. Darwin hätte aus seinen Versuchen die Vererbungsregeln herausfinden können, doch vielleicht war er doch zu stark Theologe, als dass er aus den erhaltenen Zahlen die richtigen Schlussfolgerungen ziehen konnte. Darwin achtete bei seinen Vererbungsexperimenten allerdings auf geringe quantitative Unterschiede in Übereinstimmung mit seiner Vorstellung, die Selektion würde aus der breiten Verteilung über beispielsweise die Körpergrösse die “beste” Körpergrösse auswählen. Die rezessiven und dominanten Vererbungsgänge, die Mendel entdeckte, hatten dagegen den Effekt, dass bei einem Teil der Nachkommen bestimmte Eigenschaften vollständig fehlten oder neu auftauchten obwohl beide Eltern sie nicht besassen (wohl aber die Grosseltern). Darauf achtete Darwin gar nicht, denn er war versessen in die Idee, kleine Änderungen der Proportionen würden sich mit der Zeit zu grösseren auswachsen.

  13. Gregor Mendel @Martin Holzherr

    “Darwin hätte aus seinen Versuchen die Vererbungsregeln herausfinden können, doch vielleicht war er doch zu stark Theologe, als dass er aus den erhaltenen Zahlen die richtigen Schlussfolgerungen ziehen konnte.”

    Das halte ich für keine gute Schlussfolgerung. Gregor Mendel war nämlich Augustinermönch und katholischer Priester – ein “studierter Theologe” also auch er. 🙂
    http://www.zum.de/…er/Bio/SA/stoff10/mendel1.htm

    Ansonsten stimme ich Ihnen zu!

  14. @Mona

    Einige der entsprechenden Texte Wallaces lese ich gerade im Original. Denn generelle stelle ich fest, dass sich die Darstellungen über Wallaces religiöse und spiritualistische Positionen allzu stark unterscheiden. Das will ich mir also selbst anschauen.

  15. Kutschera hat auch was geschrieben …

    Gerade erschienen:

    Kutschera, U. (2013) ‘Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution’ Berlin, LIT-Verlag

    Enthält etwas wenig über Wallace, dafür sehr viel über Kutschera, und eine Menge Angaben, die man gelegentlich checken sollte.

  16. @Michael Blume

    “Einige der entsprechenden Texte Wallaces lese ich gerade im Original.”

    Da hast Du Dir ja einiges vorgenommen. Wallace war anscheinend an allem interessiert, was auch nur im entferntesten mit der Evolution zusammenhing. Auch dachte er über die religiösen Bräuche und Überzeugungen der indigenen Völker nach, die er auf seinen Forschungsreisen kennengelernt hatte. Religion, Glaube und Kosmologie schienen ihn zu faszinieren. 1907 schrieb er das Buch “Is Mars Habitable?”, worin er die Theorien von Percival Lowell kritisierte, der annahm, dass es auf dem Mars Kanäle gibt, die von intelligenten Wesen erbaut wurden. Der Marskrater Wallace und der Mondkrater Wallace sind nach ihm benannt. Letzteren kann man von der Erde aus sehen, da er sich auf der Vorderseite des Mondes, in der Ebene des Mare Imbrium, befindet. http://de.wikipedia.org/…allace_%28Mondkrater%29

  17. @Thomas Waschke & @Mona

    Oh ja, Wallace ist ein Ozean. Und es ist wahnsinnig schade, dass er in den deutschen Kultur- und Geisteswissenschaften bislang kaum rezipiert wurde… Ich weiß aber wirklich nicht, ob ich dazu auch noch etwas schreiben kann, der Arbeitsfelder sind so viele…

  18. Glaubrecht

    Das Buch von Glaubrecht habe ich noch nicht gelesen. Ich denke aber, dass er Darwin in ein falsches Licht rückt. Ich gehe davon aus, dass Darwin sich als ‘Gentleman’ verhalten hat.

    Außerdem finde ich, dass etwas zu viel Gedöns darum gemacht wird, warum Darwin so lange brauchte, bis er sein Arten-Buch publizierte (angedacht war ja ein 10-bändiges Werk mit dem Titel ‘Natural Selection’).

    Kennst Du

    van Wyhe, John (2007) ‘Mind the Gap: Did Darwin Avoid Publishing His Theory For Many Years?’ Notes Rec. R. Soc. 61:177-205

    ? Van Wyhe ist nicht irgendwer, er ist sowohl für DarwinOnline als auch für WallaceOnline verantwortlich.

  19. @Thomas Waschke: van Wyhe

    Klar kenne ich van Wyhe und habe ja auch selbst eine Darwin-Biografie vorgelegt. Ich denke halt, wir erleben da die Institutionalisierung der modernen Wissenschaften mit: Samt der Regel, dass nicht dem Erstentdecker, sondern dem Erstpublizierer der Ruhm zugesprochen wird.

    Auch ist Darwin zu einer weltanschaulichen Ikone erhoben worden, die entsprechend ähnlich ausgeleuchtet wird wie ein Religionsstifter. Vielleicht hast Du ja die Wut mitbekommen, die mir teilweise entgegenschlug, weil ich einige populäre Vorurteile über Darwin (wie seinen angeblichen Atheismus) widerlegte und darauf hinwies, dass er “nur“ Theologie studiert hatte. Da hatten sich andere schon auch emotional ihr eigenes Darwin-Bild gebacken…

    Das Glaubrecht-Buch kann ich wirklich empfehlen, es wird die neuere Wallace-Rezeption im deutschsprachigen Raum sicher prägen.

  20. Wallace-Rezeption

    === schnipp ===
    Klar kenne ich van Wyhe
    === schnapp ===

    es ging mir mehr um den Artikel. Der lässt meiner Meinung nach viel ‘heiße Luft’ aus Spekulationen.

    === schnipp ===
    und habe ja auch selbst eine Darwin-Biografie vorgelegt.
    === schnapp ===

    Ich habe sie gelesen. Im Rahmen der paar Dutzend Darwin-Biographien mehr oder weniger ausführlichen Darwin-Biographien, die ich kenne, dürfte sie durchaus im Mittelfeld sein. Klar, sie kann natürlich nicht mit den um ein Mehrfaches dickeren Büchern von ausgewiesenen Spezialisten konkurrieren, dein Schwerpunkt ist ja auch idiosynkratisch.

    === schnipp ===
    Ich denke halt, wir erleben da die Institutionalisierung der modernen Wissenschaften mit: Samt der Regel, dass nicht dem Erstentdecker, sondern dem Erstpublizierer der Ruhm zugesprochen wird.
    === schnapp ===

    Ich halte es für sehr schwer, den Erstentdecker zu rühmen, sollte der seine Arbeit nicht publiziert haben. Meiner Meinung nach war es aber eher Huxley, der für eine Institutionalisierung sorgte. Aufschlussreicher scheint mir der Hickhack zwischen Biometrikern und Mutationisten bei Nature gewesen zu sein. Oder auch heute noch. Denk an die Kladistik.

    === schnipp ===
    Auch ist Darwin zu einer weltanschaulichen Ikone erhoben worden, die entsprechend ähnlich ausgeleuchtet wird wie ein Religionsstifter. Vielleicht hast Du ja die Wut mitbekommen, die mir teilweise entgegenschlug, weil ich einige populäre Vorurteile über Darwin (wie seinen angeblichen Atheismus) widerlegte und darauf hinwies, dass er “nur“ Theologie studiert hatte. Da hatten sich andere schon auch emotional ihr eigenes Darwin-Bild gebacken…
    === schnapp ===

    Ich bin nicht sicher, ob die Argumentation in deinem Buch ‘wasserfest’ ist. Ich habe in den Darwin-Biographien, die ich gelesen habe, alles gefunden, von Darwin als strengläubigem Christen bis hin zum knallharten Atheisten. Ich vermute, dass das nie ganz zu klären sein wird, eben weil Darwin ja auch nicht ‘anecken’ wollte. Meiner Meinung nach ist es nur dumm, zu meinen, durch das, was Darwin herausgefunden hat, ein Argument für den Atheismus zu haben. Dawkins liegt mit seinem angeblich durch Darwin möglichen ‘intellectually fulfilled atheism’ voll neben der Spur. Trivialerweise, denn man muss nur bei Dawkins nachlesen, was er eigentlich durch die Selektionstheorie als erklärt ansieht.

    Ich persönlich erkenne in Darwin, zumindest nach seiner Beagle-Reise, eher einen Glaubensbruder im Agnostizismus. Zudem lehnt er erfreulicherweise genau das im Christentum ab, was ich auch ablehne.

    Allerdings gehe ich davon aus, dass wer meint, Evolution und Christentum unter einen Hut bringen zu können, entweder nicht viel von Evolution oder nicht viel von Christentum versteht. Ich gebe aber unumwunden zu, dass es um Längen leichter ist, zu definieren, was Evolution bedeuten könnte, als anzugeben, was einen Christen ™ ausmacht. Mich hat schon mal jemand als Christ bezeichnet, nur weil ich meinen Hund nicht beiße und meine Frau nicht schlage, also ein ‘guter Mensch’ sei. Andere lassen sich öffentlich darüber aus, ob das ‘Erweckungserlebnis’ von Collins ausgereicht haben könnte, ihn als ‘wiedergeborenen Christen’ zu bezeichnen. Ich denke, diese Menschen sollten erst mal unter sich ausmachen, was sie glauben (Gott scheint ja keine Bibel 2.0 in der Pipeline zu haben …), bevor sie sich einen Kopp darüber machen, ob das mit weiß der Herr was kompatibel sein könnte.

    === schnipp ===
    Das Glaubrecht-Buch kann ich wirklich empfehlen, es wird die neuere Wallace-Rezeption im deutschsprachigen Raum sicher prägen.
    === schnapp ===

    Ich kenne Menschen, die hoffen, dass das eher nicht der Fall sein wird. Okay, ich werde das Buch gelegentlich lesen.

  21. @Thomas Waschke

    Freut mich immer wieder, auch andere Evo-Nerds zu treffen! Dafür ist Bloggen gemacht. 🙂

    Wenn Du mal Lust auf einen NdG-Gastpost zu einem Evo-Thema haben solltest, lass es mich wissen! #Einladung

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