#LINO18: Wissenschaftler werden aktiv

Letzte Woche fand zum 68ten Mal die Lindauer Nobelpreisträgertagung am Bodensee statt. Hier treffen sich jährlich seit 1951 Nobelpreisträger und Nachwuchswissenschaftler zum Ideenaustausch. Dieses Mal kamen rund 600 junge Forschende aus 84 Nationen und knapp 40 Laureaten in der neu umgebauten Inselhalle zusammen. Ich war zum zweiten Mal als Bloggerin für das Lindauer Kuratorium dabei.

Dabei ist mir dieses Jahr ein großer Unterschied zum letzten Meeting aufgefallen: die Wissenschaftler scheinen aus ihrer Schockstarre erwacht und ihrer Verantwortung bewusst geworden zu sein. Viele von ihnen sind inzwischen bereit, sich einer skeptischen Öffentlichkeit zu stellen und auch unbequeme Themen anzusprechen und zu erläutern.

Im letzten Jahr – das erste Jahr nach Trump und Brexit – war noch oftmals ein geballtes „Kopf-kratzen“ zu beobachten; darüber, wie es soweit kommen konnte, und wieso auf einmal “fake news” und “alternative Fakten” als Argumente dienen durften. Über die Bedeutung eines faktenbasierten Informationsaustauschs zwischen Forschung und breiter Öffentlichkeit wurde zwar viel diskutiert, allerdings eher im Verteidigungsmodus: wer will, könne die “richtigen” Antworten doch finden. Dieses Jahr hingegen hatte ich das Gefühl, dass der Unglaube „Wie konnte das passieren?“ mit der Einstellung „Hier sind die wissenschaftlichen Fakten – lasst sie uns in die Welt tragen und ihnen Gehör verschaffen!“ ersetzt wurde.

Gleich mehrere Sessions der Lindauer Tagung haben sich mit dem Thema Wissenschaftskommunikation befasst und damit, wie man wissenschaftliche Fakten am besten an ein breites Publikum bringen kann. Zudem setzen sich einige Nobelpreisträger öffentlich und vehement für die Forschung und die Anwendung neuester Erkenntnisse ein. Am eindrücklichsten ist hier sicherlich das leidenschaftliche Eintreten von Sir Richard Roberts für den Einsatz genmanipulierter Gemüse- und Getreidesorten, sogenannter GMOs, wie dem „Goldenen Reis“. Roberts macht keinen Hehl daraus, dass solche Pflanzen seiner Meinung nach die Lösung für den weltweiten Hunger und Unterernährung sind, und dass mächtige Lobbygruppen wie Greenpeace sich hier dem Wohl der Bevölkerung vor allem in den Entwicklungsländern entgegenstellen. Auch die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek forderte bei der Eröffnungsfeier der Tagung die Wissenschaftler zum wiederholten Male auf, aktiver in ihrer Kommunikation zu werden und ihre Ergebnisse für die Allgemeinbevölkerung verständlich darzustellen.

Woher kommt dieser Sinneswandel? Ist es überhaupt ein Sinneswandel?

Im Falle der Ministerin könnte man argumentieren, dass sie als eigentlich fachfremde Expertin am besten beurteilen kann, wer seine Forschung am anschaulichsten erklären kann. Möglich, dass ihr in ihrer noch recht kurzen Amtszeit aufgefallen ist, dass sich hier einige Forscher und Forscherinnen doch etwas schwertun. Denn so sehr eine weltoffene und zugängliche Forschung gepriesen wird, so sehr weigern sich auch nach wie vor einige, über ihren Tellerrand hinauszuschauen und mit der „Außenwelt“ außerhalb des akademischen Elfenbeinturms zu kommunizieren.

Natürlich gab es auch in Lindau den ein oder anderen Zwischenruf – auch von den Laureaten – dass sich die Nachwuchswissenschaftler doch bitte wieder mehr der eigentlichen Forschung widmen sollten. Die Forschung sei zu „politisch“ geworden, die Wissenschaftler mehr Manager als Forscher.

Selbstverständlich muss den Forschenden genug Zeit bleiben, um Ihren Experimenten nachzugehen, sie auszuwerten und daraufhin die besten Anschlussfragen zu stellen. Doch eine völlige Entkopplung der Forschung von der Welt die sie erklären soll, scheint mir der falsche Weg – warum soll die Öffentlichkeit nicht erfahren, warum an welchen Themen geforscht wird und was die neuesten Erkenntnisse sind? Auch praktisch ist es fast unmöglich Politik und Forschung gänzlich zu trennen: Für Forschungsarbeiten bedarf es Fördergelder. Diese kommen häufig aus öffentlichen Quellen und sind ihrerseits mit Auflagen verknüpft: So müssen Ergebnisse, die mit Mitteln des EU- Horizont 2020 Förderprogramms gesammelt wurden in sogenannten Open Access Zeitschriften und Plattformen publiziert werden, die einen unbeschränkten und kostenlosen Zugang zu den Forschungsergebnissen gewähren, wobei diese Fördermaßnahme bei weitem nicht die einzige mit diesen Auflagen ist. Publikationen sind die Währung der akademischen Forschung, die Forschung benötigt Fördergelder, Fördergelder sind an Bedingungen verknüpft – so schnell vermischen sich Politik und Wissenschaft. Eine strikte Trennung – Forscher in ihren Laboren, Politiker in ihren Gremien und die Öffentlichkeit bekommt von beiden kaum etwas mit – ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern schlicht nicht haltbar.

Der einzige Ausweg ist der Weg nach vorne: vor das Publikum, vor eine Öffentlichkeit, die mit Informationsangeboten nahezu überflutet wird und in ihren Filterblasen nach Sicherheit und Zugehörigkeit sucht. Ja, die Kommunikation mit einer verunsicherten Öffentlichkeit benötigt Feingefühl und Beharrlichkeit zugleich und vor 50 Jahren gab es die Wissenschaftskommunikation in diesem Ausmaß sicherlich nicht – allerdings waren vor 50 Jahren auch noch ganz andere Dinge Standard, und bei den allermeisten sind wir doch froh, dass sie heute nicht mehr gelten. Eine Weiterentwicklung vom Status quo ist nicht einfach, aber sie ist notwendig und häufig eine Wendung zum Guten.

Diesen Wandel scheinen auch viele der Lindauer Laureaten verinnerlicht zu haben. Die Lieblingsfrage vieler Nachwuchswissenschaftler während dieser intensiven Woche ist: „Wie kann ich als Wissenschaftler erfolgreich Karriere machen?“ Woraufhin die Preisträger offen und ehrlich antworten: „Keine Ahnung, als wir anfingen war alles anders.“ Zwar sind wissenschaftliche Exzellenz und Ehrgeiz nach wie vor unerlässlich, doch die Konkurrenz ist wesentlich größer, und es sind schlicht weniger Stellen zu besetzen.

Viele der Nobelpreisträger sind sich zudem ihrer öffentlichen Plattform und Wirkung vollkommen bewusst und nutzen sie gezielt, um ein breites Publikum anzusprechen und deren Interesse für wissenschaftliche Fakten zu wecken. Sie ebnen der nächsten Generation somit ein wenig den Weg für die Wissenschaftskommunikation. Denn dass diese wichtig ist und noch weiter ausgebaut werden muss, wissen die Laureaten ganz genau. Immer wieder betonten sie dieses Jahr, dass die Nachwuchswissenschaftler eine große Verantwortung für die Zukunft tragen – nicht nur für die Zukunft der Forschung, sondern auch für die Zukunft einer Fakten-orientierten und gut informierten Gesellschaft.

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Judith M. Reichel hat ihre Doktorarbeit auf dem Themengebiet der Neurobiologie/ Neuropsychiatrie absolviert und ging anschließend für eine Postdoc-Stelle nach New York. Dort angekommen verschob sich ihr Interesse immer mehr in Richtung Wissenschaftskommunikation, und sie sammelte erste Erfahrungen als Gast-Bloggerin für verschiedene etablierte Seiten. Schließlich entschloss sie sich dem Labor den Rücken zu kehren und kam als Wissenschaftsredakteurin zurück nach Deutschland. Sie twittert als @worklifesthg und ist auf LinkedIn zu finden.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für Ihren Artikel zu Lindau. Ich war als Nachwuchswissenschaftlerin dieses Jahr dabei und kann nur sagen, dass das Thema “Wie kommuniziere ich Wissenschaft richtig?” einen wirklich großen Stellenwert eingenomnen hat. Ich durfte bei einer der Master Classes, in denen junge Wissenschaftler ihre Forschung den Nobelpreisträgern präsentieren, dabei sein. Peter C. Doherty, der ja in der Wissenschaftskommunikation sehr aktiv ist, hat dabei etwas völlig unerwartetes getan: statt nur über die Projekte der “young scientists” zu diskutieren, hat er die Gelegenheit genutzt Tipps zu geben wie man vor allem die Öffentlichkeit besser davon unterrichtet – ja wie man Leute mit seiner Forschung “in den Bann ziehen kann”, ohne wichtige Sachverhalte dabei untergehen zu lassen. Ich muss sagen, dass ich in dieser Master Class mit am Meisten gelernt habe und die Vortragenden werden diese Erfahrung bestimmt auch nicht mehr vergessen. Es ist wirklich wichtig, dass gerade die jungen Nachwuchswissenschaftler lernen wie man komplizierte Sachverhalte einfach verständlich erklärt, da Wissenschaft heutzutage jeden etwas angeht und der Dialog mit der Gesellschaft geführt werden muss. Von daher danke an die Organisatoren der Lindauer Nobelpreisträgertagung, dass es dieses Format gibt und die Möglichkeit für so einen intensiven und wichtigen Austausch bietet.

  2. Unterstützenswert, wenn sich Wissenschaft an die Öffentlichkeit wendet, mit dem Ziel, fake-news und Co. etwas entgegen zu setzen. Zuviel aber sollte man davon nicht erwarten und man sollte den Irrtum vermeiden, die Erfinder und “User” von alternativen Fakten für blöd zu halten.
    Die meisten dürften wissen, daß vieles davon bullshit ist und setzen sie dennoch ein, weil sie sich davon politische Vorteile erhoffen.
    Die akademische, universitäre und wissenschaftliche Seite sollte darüberhinaus dringend bei sich selber prüfen, ob es nicht auch im eigenen Bereich alternative Fakten gibt- nicht so sehr direkt in den Fachbereichen, wohl aber dann, wenns politisch wird.
    Die Bilderstürmerei an westlichen Unis, dogmatische Haltungen zur Geschlechter-und Migrationsfrage, die Ökonomisierung der Bildung, man kann nicht behaupten, daß sich universitäre Umfelder da raushalten, und man kann nicht behaupten, daß sie sich dabei inhaltlich mit Ruhm bekleckern.

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