zum Todestag von Louis Agassiz

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Heute vor 138 Jahren, am 14. Dezember 1873, starb Jean Louis Rodolphe Agassiz, der uns als der Begründer der Theorie von der ehemaligen Vergletscherung Mitteleuropas bekannt sein sollte. Er war allerdings weder der erste, der die Idee hatte, Mitteleuropa könnte einst von großen Gletschern bedeckt gewesen sein, noch stammt die Idee von ihm ganz alleine. Denn Agassiz hatte ursprünglich mit Gletschern nicht sehr viel am Hut, er hatte sich vor allem mit seinen Forschungen über fossile Fische hervorgetan.

Lous Agassiz

Louis Agassiz, 28. Mai 1807 – 14. Dezember 1873. Lithografie, Mitte 19. Jahrhundert.

Das sollte sich aber ändern, als er auf Jean de CHARPENTIER (1786 – 1855) traf, der schon früh von der Idee eingenommen war, das die schweizer Gletscher einstmals eine erheblich größere Ausdehnung besessen hätten. Im Jahr 1841 stellte er eine Karte vor, die den angenommenen Verlauf des Rhône-Gletschers in das Schweizerische Mittelland darstellte, wie er ihn aufgrund der Verteilung der erratischen Blöcke vermutete. Als de CHARPENTIER seine Ideen 1834 der Schweizer Gesellschaft in Luzern vorstellte, traf auch er auf einhellige Ablehnung. Unter den Zuhörern befand sich auch Louis AGASSIZ, der sich damals allerdings zunächst noch nicht recht mit dieser Theorie anfreunden konnte. Später, im Jahr 1836 verbrachte AGASSIZ den Sommer gemeinsam mit de CHARPENTIER in Bex. Hier gelang es de CHARPENTIER recht schnell, seinen jüngeren Kollegen von der neuen Idee zu überzeugen. Und zwar so nachhaltig, dass AGASSIZ, der bis dahin vor allem für seine Forschungen über fossile Fische bekannt geworden war, für die Schweizer Gesellschaft für Naturwissenschaften in nur einer Nacht einen Vortrag vorbereitete und ihn am 24. Juli 1837 in Neuchâtel vortrug. Er leitete ihn mit den Worten ein:

Erst kürzlich haben zwei unserer Kollegen de Charpentier und Venetz durch ihre Untersuchungen eine Kontroverse mit weitreichenden Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft hervorgerufen. Die Charakteristika des Ortes, an dem wir heute zusammengekommen sind, legen es mir nahe, wiederum über ein Problem mit Ihnen zu sprechen, das nach meiner Meinung durch die Untersuchung der Hänge unseres Jura gelöst werden könnte. Ich denke da an Gletscher, Moränen und Findlingsblöcke.

Er schilderte die Zeit größerer Vergletscherung in dramatischen Worten: “einer Epoche klirrender Kälte“, eines sibirischen Winters, der sich „über eine Welt legte, die bis dahin mit üppiger Vegetation gesegnet und von großen Tieren bevölkert gewesen war“ und “ein Leichentuch über die gesamte Natur breitete.

Den Ausdruck “Eiszeit” borgte er sich in recht modern anmutender Manier aus einem Gedicht seines Freundes, des Botanikers Karl Friedrich SCHIMPER (entnommen, der „Eiszeit Ode“, von dem einige Zeilen wie folgt lauteten:

Ureises Spätrest, älter als Alpen sind!
Ureis von damals, als die Gewalt des Frosts
Berghoch verschüttet selbst den Süden,
Ebnen verhüllt so Gebirg als Meere!

Wie stürzte Schneesturm, welche geraume Zeit,
Endlos herab! wie, reiche Natur, begrubst
Du lebenscheu dich, öd und trostlos!
Aber es ging ja zuletzt vorüber!

Dieser Vortrag, der gerne als die Geburtsstunde der Theorie von der Eiszeit genommen wird (auch wenn er, wie gesagt, nicht der erste war, der diese Idee hatte), konnte die damalige Fachwelt nicht so recht überzeugen.
Besonders Leopold von BUCH und Eli de BEAUMONT waren entschiedene Gegner. Daran konnte auch eine im Anschluss an die Sitzung durchgeführte Exkursion in den Jura nichts ändern, bei der AGASSIZ versuchte, die Skeptiker mit Hilfe der Geländebefunde zu überzeugen. Doch so schnell wollte sich AGASSIZ nicht entmutigen lassen. Daran konnte auch sein alter Gönner Alexander von HUMBOLDT, einem Anhänger der Rollsteinflut-These, nichts ändern, der ihn 1837 aufforderte, zu seinen Forschungen über fossile Fische zurückzukehren, wo er größere Verdienste zu erwarten hätte als so abwegigen Theorien. Im Jahr 1840 veröffentlichte AGASSIZ sein Buch „Etudes sur les glaciers“ und viele Aufsätze zu dem Thema, so dass ihn bald jeder für den Urheber der Theorie hielt. Dies wiederum brachte SCHIMPER in Rage, der vergeblich versuchte, Anerkennung für seinen Anteil an der Theorie zu bekommen. Schließlich wehrte sich Schimper auf eine einzigartige Weise, mit einer Ode („Gebirgsbildung“), in deren letzten Absatz er AGASSIZ mit einer diebischen Elster („la pie agasse“) verglich:

Das galileische Folter verübt an dem Sänger der Eiszeit,
Oder mit Diebssinn ihn, Tiefes verflachend, bestahl,
Während Aglastergeschwätz einer diebischen Elster die Menge
Ehrlich und dumm und stumm oder beklatschend bestaunt
Großes Geschlecht, dir bleibt auch Größeres immer zu klein noch:
Auch die Entfernung ist groß zwischen dem Großen und dir!

Im Folgenden suchte AGASSIZ nach Verbündeten, mit deren Hilfe er seine Theorie die ihr zustehende Geltung verschaffen konnte. Eine ideale Gelegenheit ergab sich bereits 1838, als der englische Geologe BUCKLAND an einer Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher in Freiburg im Breisgau teilnahm. Dieser schien ihm wie ein Hebel, um die überholten Theorien auszuhebeln, war er doch nicht nur ein weithin respektierter Wissenschaftler, sondern auch eine der Leitfiguren der damals führenden englische Geologen.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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