Wer anderen eine Baugrube gräbt – Grundbau und Bodenmechanik

Bauen und damit das Ausheben von Baugruben erscheint uns fast alltäglich. Doch das ist alles andere als trivial, denn die Errichtung einer Baugrube stellt eine enorme Herausforderung dar. Dies gilt natürlich ganz besonders für Baugruben in eng bebautem Gebiet. Hier gilt es, viele Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Dass dabei so wenig passiert, spricht für die beteiligten Ingenieure und Baufachleute. Denn wenn etwas schief geht, dann ist es meistens spektakulär und gefährlich. (update 30.07.2018 unten angefügt)

Langsam zuerst

Dies mussten auch die Leute im Istanbuler Stadtteil Beyoglu erfahren. Hier war eine Baugrube ausgehoben worden, die vermutlich nur unzureichend abgestützt war und deren Wandung nicht tief genug reichte. Nach Tagen mit hohen Regenfällen (so wird es jedenfalls unter den Videos erzählt), kam es am 24. Juli diesen Jahres vermutlich zu einem hydraulischen Grundbruch. Ob die Regenfälle nun den Grundwasserspiegel haben ansteigen lassen, oder die Wandung der Baugrube nur über eine ungenügende Drainage verfügte?

Auf jeden Fall kam der Hang in Bewegung. Man kann besonders am Anfang des ersten Videos gut erkennen, dass die Wandung der Baugrube bereits deutlich über der Sohle endet. Hier ist das Erdreich in Bewegung und dringt in die Grube ein. Es erscheint am Anfang nur sehr wenig, aber es reicht vermutlich aus, um die Lage der Wandung zu verändern. Man kann dem Material dabei zuhören, wie es versagt. Die großen Streben, mit der die Wandung an der gegenüberliegenden Seite der Baugrube abgestützt werden sollte, finden keinen Halt mehr und stürzen in die Tiefe. Ein deutliches Zeichen, dass die Wand bereits als Ganzes in Bewegung ist.

katastrophal zuletzt

So langsam wie die Sache beginnt, so abrupt kommt das Versagen der Wandung. Der gesamte obere Hang rutscht in die Baugrube, die zum Glück zu diesem Zeitpunkt bereits geräumt war.

Der abrutschende Hang ließ eines der oberen Häuser zum Teil frei in der Luft hängen. Eine Situation, die für das betreffende Haus mehr als unangenehm ist. Zum Glück scheinen die umliegenden Häuser, also auch dieses hier, rechtzeitig geräumt worden zu sein. Denn die Fundamentplatte des Gebäudes konnte dem auflastenden Gewicht nicht lange widerstand leisten.

Zumindest soll es den Angaben der Behörden zufolge keine Opfer gegeben haben,

update vom 30.07.2018

Nach einer kleinen Diskussion mit einem Kollegen vom Arbeitskreis Umweltgeologie (Danke, Justus, für die Erlaubnis, das ganze hier kurz zusammenzufassen), scheint Wasser hier eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Es schien mir auch eh zu wenig Wasser in die Baugrube einzutreten. Man hat  hier in die Baugrube vermutlich langsam von Oben nach Unten gegraben, und dann die Wand abschnittsweise unterfangen. (das scheint mir jedenfalls auf dem Video plausibel). Das ist auf die Dauer keine sehr stabile Angelegenheit, also hat man dann entsprechende Ankerreihen gebohrt, um die Wand zu stabilisieren. Deren Herauszieh-Widerstand soll dann die Mauer gegen den Erddruck halten. Das Problem hier ist vermutlich gewesen, dass der Boden sich längst auf den Weg gemacht hatte, in die Baugrube zu rutsche. Ob mit Anker oder ohne.

Im Normalfall sollte die Sicherung der Wand mit Ankern erfolgen, bevor der passive Erddruck aus der Baugrube entfernt wird. Also bevor die Grube ausgehoben wird. Denn wenn die Bewegung erst einmal eingesetzt hat, ist sie kaum aufzuhalten. Vorher müssen die entsprechenden Bodenkennwerte ermittelt werden.

 

Hydraulischer Grundbruch

Ob es sich bei dem Fall in Istanbul um einen hydraulischen Grundbruch handelt, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht gibt es ja unter den Lesern jemanden mit mehr Ahnung von dieser Materie. Mir scheint zwar bei der Sache Wasser mit dran beteiligt, aber eigentlich auch sehr wenig Wasser in die Baugrube einzutreten. Das letzte Video zeigt die hinter einem hydraulischen Grundbruch stehenden Bewegungen. Auch hier ist zu Anfang nur sehr wenig Wasser mit dabei. Aber bereits bevor die Baugrube voll läuft, bewegt sich das Material hinter der Wand und fängt dabei an, diese teilweise im oberen Bereich zu entlasten. Das könnte ganz gut zu den versagenden Abstützungen passen. Die scheinen mir im Istanbuler Fall auch mehr wegen einer Verlagerung der Wand her zu rühren als von einem zunehmenden Druck in Richtung Grube.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es handelt sich eindeutig um “Pfusch am Bau”, man sieht, dass im unteren Drittel der Schlitzwand nichts gegen den Druck des Erdreiches vorhanden war oder eingebaut wurde. Weder stand die Wand im gewachsenen Boden, noch waren Erdanker oder Verstrebungen vorhanden. Die Wand hat also zunächst im unteren Bereich nachgegeben, und da die Anker in der mittleren Höhe zunächst gehalten haben kam es zu einer Entlastung im oberen Bereich, wodurch das erste Rohr der provisorischen Verstrebungen abgestürzt ist.

    Als dann die untere Reihe der Anker anfing abzureissen, gab es nichts mehr, was die Betonplatte hätte halten können.

    Entweder wurde die Schlitzwand nicht tief genug ausgeführt (ein häufiger Mangel, da die Kosten für die Schlitzwand exponentiell mit der Tiefe steigen), oder der Bauherr hat nachträglich entschieden, noch ein oder zwei Kellergeschosse tiefer zu bauen. Es ist auf jeden Fall ein Beispiel für eine extrem mangelhafte Bauaufsicht.

    • Vermutlich hast du recht. Ich habe gerade ein kleines update geschrieben, das auf eine kurze Diskussion mit einem Kollegen vom Arbeitskreis Umweltgeologie zurückgeht.

  2. “Denn wenn etwas schief geht,”….
    Wenn meine Oma schief geht, ist es nicht so schlimm, als wenn etwas schiefgeht, zum Beispiel das Ausheben einer Baugrube.

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