Venezuelas Reichtum an Öl – das Orinocobecken

Venezuela steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.

Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.

Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.

Wo kommt das Öl eigentlich her?

Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].

Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.

Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. USGS

Von der Bildung zum Speicher

Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.

Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.
Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].
Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.

Viel Öl, aber es ist schwierig

Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.

Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.

Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.

Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach OPEC. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Lohnt es sich?

Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.

Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er zögerliche Ölfirmen motivieren könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.

 

References

  • [1] Fiorillo, G. (1987). Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt, .
  • [2] Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A. (2003). Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.
  • [3] Bartok, P. (2003). The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations, .

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Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

1 Kommentar

  1. Und schließlich haben wir ja auch überhaupt kein Problem mit den künftigen Verbrennungsprodukten. Der einzige Sinn und Zweck alles dieses Mühens ist ja die direkte oder verzögerte Umsetzung mit Sauerstoff.

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