Sedimentäres Geschiebe des Jahres 2021 – Baltischer Bernstein

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Wie in jedem Jahr hat die Gesellschaft für Geschiebekunde auch für 2021 wieder ein Paar der Geschiebe des Jahres ausgewählt, jeweils eines für die sedimentären und eines für die kristallinen Geschiebe. Und in diesem Jahr gibt es etwas für die Augen. Beginnen möchte ich mit dem sedimentären Geschiebe des Jahres, dem baltischen Bernstein.

Baltischer Bernstein im Fundzustand, Ostseeküste von Schonen, Schweden. Lämpel (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bernstein_auf_Granit.jpg), „Bernstein auf Granit“, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/legalcode

Baltischer Bernstein

Wer an der Ostseeküste Urlaub macht, wird ihm schnell begegnen. Meist in Form von Schmuck und Stehrümchen in diversen Läden oder Buden. Wer viel Glück hat, auch direkt am Strand. Vor allem nach Stürmen kann man am Spülsaum oft kleine Stücke Bernstein finden. Der baltische Bernstein ist eigentlich ein fossiles Harz aus dem Zeitalter des Eozän. Damals vor ungefähr 40 Millionen Jahren war das Klima in Europa feuchtwarm und im heutigen Baltikum wuchs der sogenannte Bernsteinwald.

Der Bernsteinwald

Die genaue Lage dieses Waldes lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, die Eiszeiten und ihre gewaltigen Inlandsgletscher haben hier vermutlich alle Spuren beseitigt. Das bedeutet auch, dass wir über die Ausdehnung des Waldes keine Informationen mehr haben.

Hinzu kommt, dass die heutige „primäre“ Lagerstätte des baltischen Bernsteins, die „Blaue Erde“, nicht der Ort seiner Entstehung ist. Sie ist also nicht die primäre Lagerstätte. Vielmehr stellt sie vermutlich die Ablagerung aus einem großen Flussdelta dar. Das bedeutet, dass das fossile Baumharz, aus dem unser Bernstein besteht, vermutlich durch einen großen oder auch mehrere Flüsse aus seinem ursprünglichen Entstehungsraum hierher transportiert wurde. In Ermangelung anderer Erklärungen für die Ablagerungen, Transgressionen sind zu langsam, Sturmfluten und Tsunamis bilden keine so mächtigen Ablagerungen, schloss man auf deinen Fluss, den man in Anlehnung an die griechische Mythologie Eridanos nannte.

Man kann mit einigermaßen gutem Gewissen annehmen, dass für den baltischen Bernstein ähnliches gilt wie für die mitteldeutschen Bernsteinvorkommen des oberen Oligozäns. Für diesen ist die Ablagerungen in einem aus dem Süden kommenden Flusssystem gesichert.

Zwischen der Entstehung des Bernsteins und seiner Ablagerung im Delta können durchaus längere Zeiträume liegen. Einer K-Ar-Datierung zufolge betrug dieser Zeitraum gut 20 Millionen Jahre.

Dabei ist zu beachten, dass Bernstein, wenn er ungeschützt herumliegt, nicht lange überdauert. Das zeigt sich gut an der Verwitterung von Bernsteinschmuck aus mykenischen Königsgräbern. Also muss der Bernstein, bevor er an seinen Ablagerungsort transportiert wurde, über diesen Zeitraum vor Luftsauerstoff geschützt gewesen sein.

Bernstein im Geschiebe

Auch wenn die Lagerstätte in der Blauen Erde nach wie vor vorhanden ist, endete für viele Bernsteine die Reise dort noch nicht. Während der Eiszeit wurden wohl die oberflächennahen Bereiche der Blauen Erde durch die heranrückenden skandinavischen Gletscher wieder aufgearbeitet.

Dabei wurde der Bernstein ziemlich großflächig über das Ostseegebiet und darüber hinaus verteilt, soweit die Gletscher eben reichten. Wenn man Glück hat, kann man sogar Bernsteine mit Gletscherkritzungen finden. Nach dem Ende der Eiszeit wurde der relativ leichte Bernstein oftmals durch die Schmelzwässer aus den Gletscherablagerungen heraus gewaschen. Damit gelangte der Bernstein in die Urstromtäler und die angrenzenden Meere wie eben Nord- und Ostsee.

Eigenschaften von Bernstein

Bernstein, und da ist der baltische Bernstein keine Ausnahme, ist ein fossiles Baumharz und wird daher auch als Succinit bezeichnet. Es ist relativ weich, hat nur eine Mohs´sche Härte von 2 bis 2,5. Das heißt, man kann es problemlos mit einer Kupfermünze ritzen. Alleine das ist schon ein gutes Unterscheidungsmerkmal, wenn man am Strand bräunliche Brocken findet.

Allerdings können lokale Bernstein Varietäten auch teilweise davon abweichen und deutlich weicher oder auch härter sein.

Die Dichte dieser ehemaligen Baumharze liegt ziemlich nahe an der von Wasser, oft um 1,07 bis 1,05 g/cm³. Damit sind sie in gesättigten Salzlösungen schwimmfähig, eine Tatsache, die man sich bei der Bernsteingewinnung im Raum Bitterfeld zu Nutze gemacht hat.

Da kaltes Wasser im ähnlichen Bereich liegt, kann Bernstein im Winter an der Ostsee teilweise aufschwimmen und landet dann gerne im Spülsaum, wo ihn aufmerksame Strandbesucher finden.

Bernstein hat keinen definierten Schmelzpunkt. Er beginnt bei 170 bis 200 °C weich und formbar zu werden. Steigt die Temperatur auf mehr als 300 °C, zersetzt er sich.

Er hat einen hohen elektrischen Widerstand. Reibt man Bernstein an Textilien, so werden sie elektrisch negativ aufgeladen. Der aufgeladene Bernstein kann kleine Papierschnipsel oder Wollfäden anziehen. Dies kann gegebenenfalls als Echtheitstest benutzt werden. Das Phänomen war bereits in der Antike bekannt und wurde von Plinius dem Älteren beschrieben. Der englische Naturforscher William Gilbert erkannte bereits 1600, dass diese Aufladung sich vom normalen Magnetismus unterscheidet. Er führte auch den Begriff „Elektrizität“ ein, den er von der griechischen Bezeichnung für Bernstein, ἤλεκτρον ēlektron, herleitete.

Unter dem Einfluss von Luftsauerstoff zersetzt sich Bernstein langsam. Daher hat Bernstein, wenn er zu lange in Fundschichten liegt, die der Atmosphäre ausgesetzt waren, eine Verwitterungskruste.

Die Bezeichnung Bernstein deutet auch noch auf eine andere Eigenschaft hin. Bernstein lässt sich anzünden und brennt unter starker Rußentwicklung.

Bernstein und der Mensch

Es war wohl die warme gelbe Farbe und seine Durchsichtigkeit, welche den Menschen schon seit sehr langer Zeit faszinierte. Sicher haben auch die immer wieder auftretenden Einschlüsse ihr übriges dazu getan. Manchmal scheint es, als ob der Stein das Sonnenlicht einfängt.

Bereits in der Altsteinzeit finden sich Belege, dass Menschen Bernstein erkannten. Damals wurde der Stein aber noch nicht weiter bearbeitet, sodass wir heute keine gesicherte Informationen darüber haben, in welcher Form der Stein genutzt wurde.

Aus dem nordfriesischen Raum sind Bernsteinperlen mit einem Alter von gut 12 000 Jahren bekannt. In der Jungsteinzeit wurde Bernstein aus dem Ostseeraum schon sehr weit gehandelt und lässt sich teilweise bis nach Ägypten nachweisen. Vermutlich gehört der baltische Bernstein (sowie einige andere, die aber unter dem Gesichtspunkt der Geschiebekunde hier uninteressant sind) zusammen mit Feuerstein zu den ältesten gezielt von Menschen gesammelten Geschieben. Wobei man nicht vergessen sollte, dass beide auch bereits in der Steinzeit zumindest teilweise auch bergmännisch gewonnen wurden.

Durch seine geringe Härte lässt sich Bernstein zudem schon mit einfachen Mitteln leicht bearbeiten.

Auch heute noch wird Bernstein als Schmuckstein hoch geschätzt.

Aber nicht nur als Schmuck ist Bernstein wertvoll. Seine Fähigkeit, auch feinste Strukturen oder gar Weichteile von Lebewesen zu konservieren, macht ihn für die Paläontologie unendlich wertvoll.

Gefahr durch Verwechslung

Allerdings sollte man bei der Suche nach Bernstein am Strand immer auch vorsichtig sein. Nicht alles, was nach Bernstein aussieht, ist auch einer. Nicht nur Glas und bräunliche Feuersteine können täuschen, sondern auch weißer Phosphor. Und hier kann eine Verwechslung zu schweren Verletzungen führen.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare

  1. Schöner Beitrag. Erinnern sollte man sich auch an das Bernsteinzimmer .

    Aus Wikipedia:Das Bernsteinzimmer ist ein Prunkraum, dessen Wände mit Bernstein-, Gold- und Spiegelelementen verkleidet sind. Es wurde im Auftrag des preußischen Königs Friedrich I. nach Plänen des barocken Baumeisters Johann Friedrich Eosander ab 1701 geschaffen und bis 1712 im Berliner Schloss eingebaut. Bereits 1716 tauschte der wenig kunstinteressierte König Friedrich Wilhelm I. das Bernsteinzimmer beim russischen Zaren Peter I. gegen groß gewachsene Soldaten. Erst Zarin Elisabeth ließ es 1741 im Winterpalast in Sankt Petersburg und schließlich 1755 im Katharinenpalast in Zarskoje Selo einbauen. Dort blieb es fast zwei Jahrhunderte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bernsteinzimmer 1941 von der Wehrmacht erbeutet und anschließend im Königsberger Schloss eingebaut. Beim Vormarsch der Roten Armee wurde es 1944 ausgelagert und ist seitdem verschollen. Eine detailgetreue Rekonstruktion des als „Achtes Weltwunder“ geltenden Prunkraums befindet sich seit 2003 wieder im Katharinenpalast.
    Bernstein war wahrscheinlich auch der Grund, warum sich die siegreiche Sowjetunion einen Teil von Ostpreußen nach dem 2. Weltkrieg angeeignet hat.

  2. Chemisch betrachtet gehört Bernstein zu den Kohlenwasserstoffen mit ein wenig Schwefelwasserstoff.
    Wenn man bedenkt, dass unsere Autoreifen auch aus Kohlenwasserstoffen bestehen, mit Kohlenstoff versetzt, dann werden in einigen Millionen Jahren schwarze Steine an den Küsten angeschwemmt werden.

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