Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest

Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug

DCONex 2026 Teil 2

Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.

Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.

Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.

Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.

Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?

Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden?

Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.

Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.

Analytik von Amphibolen

Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.

Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers

Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.

Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich 

A0-1B2C5T8O22(OH)2

Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.

A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na+, K+, Ba2+, Sr2+, Ca2+ oder Li+ besetzt sein.

B von Ca2+, Na+, Mg2+, Fe2+, Mn2+, Li+, Sr2+, Ba2+, Mn2+, Fe2+, Co2+, Ni2+, Zn2+, Pb2+,Cu, Zr4+, Mn3+, Cr3+, Fe3+, V

C von Mg2+, Fe2+, Mn2+, Li+, Al3+, Zn2+, Ni2+, Co2+, Ti4+, Fe3+, V, Cr3+, Mn3+, Zr

T steht für Si4+, Al3+, Ti4+

Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F, Cloder auch O2- ersetzt werden.

Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom Subcommitee on Amphiboles der IMA, der International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:

  • Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole
  • Calcium Amphibole
  • Natrium-Calcium Amphibole
  • Alkali-Amphibole
  • Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole

die verflixten Mischkristalle

Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.

Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.

Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.

Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.

Die Amphibolasbeste

Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.

Krokydolith

Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na2Fe2+3Fe3+2[(OH)2|Si8O22].

Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na2(Mg,Fe)3Fe3+2[(OH)2|Si8O22] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.

Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.

Amosit

Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe2+, Mg)7[OH|Si4O11]2. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit Cummingtonit (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.

Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.

Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.

Anthophyllit

Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.

Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.

Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch Anthophylli) ab.

Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.

Aktinolith

Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.

Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.

Tremolit

Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.

Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.

Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.

Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste

Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.


aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.

Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine Auswertungstabelle auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.

Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest

Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.

Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.

Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.

Asbest mit zweierlei Maß

Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.

Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.

Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.

Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.

Was ist der Asbestgehalt?

Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?

Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.

Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.

Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?

Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.

Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.
Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.

Was ist eine Faser?

Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.

So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis > 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.

Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.
Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.
Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d < 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.

Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.

Asbestfaser – international

Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.

In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.

In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.
In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,
– aufspleissende Faserbündel oder
– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.

Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.

Definition notwendig

Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.

Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.

Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.

Unterschied technischer und geogener Asebest

Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?

Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.

Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.

Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.

Was ist Notwendig?

Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.

Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.

Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessorischen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).

Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.

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Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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