Wer würde sich direkt unter eine Atomexplosion stellen?

In diesem, wie ich finde, sehr irritierenden Video stehen fünf Männer am 19. Juli 1957 in der Wüste Nevadas herum und warten auf nichts anderes als eine nukleare Explosion. Und die soll direkt über ihren Köpfen stattfinden. Um genau zu sein, in 18 000 Fuß beziehungsweise 5,5 Kilometer über ihren Köpfen. Die fünf stehen an keinem geringeren Ort als am Ground Zero der Explosion. Die nukleare Explosion erfolgte im Rahmen der Operation Plumbbob.

Ich muss gestehen, mein erster Gedanke war: Warum stehen die Typen da herum und warten, anstatt ihre Beine in die Hand zu nehmen? Und wenn man dieser Quelle traut, dann taten die Männer das sogar vollkommen freiwillig. Bei genauer Betrachtung war die Sache vielleicht weit ein durchaus wohl kalkuliertes Risiko. Denn die Explosion hatte eine Sprengkraft von nur 2 Kilotonnen. Die zusammen mit der Höhe von über 5 Kilometern dürfte die Sache weit weniger gefährlich machen, als sie sich auf dem ersten Blick präsentiert. 2 Kilotonnen entsprechen rund 2000 Tonnen TNT, das ist weit weniger als die Bomben, die in Hiroshima oder Nagasaki mit ihren 13 000 bzw. 21 000 Kilotonnen an Sprengkraft hatten.

Außerdem stellt die Luft einen vergleichsweise guten Schutz vor der entstehenden Strahlung dar. Wie Phil Plait ausführt, dürften die Männer vermutlich kaum direkte ionisierende Strahlung der Explosion abbekommen haben. Ähnliches mag für sekundäre Strahlung gelten, wie schnelle Elektronen und dergleichen, welche durch die energiereiche Strahlung der Explosion ausgelöst wurden. Und wirklich, die Dosis soll vernachlässigbar gewesen sein ( auch nach dem Discover magazine).

Schließlich wurden auch die bei der Explosion entstehenden radioaktiven Abfallprodukte nicht direkt über dem Ground Zero abgelagert, sondern in der Atmosphäre verteilt, um dann an anderen Orten auf die Erdoberfläche zu gelangen. So sehr das sicher zur Gesamtbelastung an anderen Orten beigetragen haben mag, unsere fünf Beobachter hatten damit also erst einmal keine Probleme.

Phil Plait sieht dann auch in einem möglichen Schaden für das Augenlicht der fünf die größte Gefahr. Denn der Lichtblitz der Explosion ist ziemlich stark. Bemerkenswerter Weise wenden sich auch alle Beobachter mit ihren Augen vom Ort der Explosion ab, bis auf denjenigen, der seine Augen mit einer Sonnenbrille vermeintlich schützt. Denn durch die abgedunkelten Gläser waren seine Pupillen geweitet, um mehr Licht passieren zu lassen. Bei der Explosion entstanden auch eine Menge Strahlung im ultravioletten und im Infraroten Bereich. Und diese Strahlung reicht mit großer Sicherheit aus, um das Auge nachhaltig zu beschädigen. Daher sollte man es auch tunlichst vermeiden, direkt in die Sonne zu blicken.

Warum also der Test? Die nukleare Bombe war eine AIR-2 Genie, eine nuklearen Luft-Luft Rakete. Die Idee hinter dieser Waffe war eigentlich relativ simpel. Im Kalten Krieg standen sich die beiden Supermächte mit ihren nuklearen Arsenalen gegenüber. Das Mittel der Wahl, diese Waffen auf das Territorium des Feindes zu transportieren, waren damals Bomber (Raketen waren noch nicht zielgenau genug). Während die Bomber (und auch die Jäger) immer schneller wurden, kamen andere Bereiche der Waffentechnik nicht richtig hinterher. Wie sollten die Jäger größere Ansammlungen schneller Bomber am Himmel bekämpfen? Konventionelle Raketen waren noch nicht zielgenau genug und konventionelle Jägerwaffen wie Maschinenkanonen zu ineffektiv. Da erschien einigen Leuten eine nukleare Luftabwehrrakete wohl als Mittel der Wahl. Und um zu belegen, dass diese Waffe auch über bewohnten Gebieten sicher einsetzbar sei, diente der obige Test, was ihn in meinen Augen nur noch verstörender macht.

Also, auch wenn das Risiko wohl kalkulierbar gewesen ist; Das wäre eine Erfahrung, auf die ich verzichtet hätte.

via Bad Astronomy

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Neutronenbombenexplosion über dem Kopf

    Die Anforderung, die die AIR-2 Genie erfüllen sollte, würden gut zum Profil von Neutronenbomben passen. Sich als Person 5 km unterhalb eine Neutronenbombe zu platzieren, wäre wetterabhängig mehr oder weniger gefährlich gewesen. Bei grosser Luftfeuchtigkeit wären die Neutronen einer Neutronenbombe wohl fast alle weggefiltert worden, bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit hätte man mehr abbekommen. In 5 km Distanz aber wahrscheinlich nur noch wenig, denn der Wirkungsradius war ja auf etwa 1 km optimiert.
    Doch auch das ist Geschichte: (Zitat)“In den USA wurden seit 1974 etwa 800 Neutronensprengsätze gebaut. Die letzten Neutronenbomben wurden 1992 offiziell verschrottet.”

  2. Danke, nein… auch darunter würde ich mich nicht stellen.

    Solche Beispiele aber sind der Grund, warum ich die Diskussion um die vermeintlichen Nuklearraketen Israels für die Deutschen U-Boote für eine Finte halte. Es machte keinen Sinn, sich eine solche Waffe für einen Torpedo-Schacht auszudenken, wenn man darin keine Potente Bombe starten kann, weil sie entweder nicht genügend Sprengkraft hätte oder aber nicht genügend Reichweite (Beides ginge nicht zusammen bei etwa 6 Meter Länge und 60 cm Durchmesser).

    Aus rein strategischen Gründen machte eine solche Waffe also keinen Sinn … weshalb ich mir auch kaum vorstellen kann, das sie wirklich existiert.

    Wie eine “potente” Bombe aussieht, die aus einem U-Boot-Schacht gestartet wird, kann man sich an den Taifun-Klasse U-Booten ansehen, welche um ein vielfaches mehr und größere Schächte besitzen, um eine entsprechend brauchbare Waffe zu starten.

    Aber ich habe gern darüber geschmunzelt, wie man sich hierzulande “empört” hat.

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