Iain Duncan Smith, Cait Reilly und der Wert von Geologen

Es ist immer wieder deprimierend, wie wenig Wertschätzung die Wissenschaft allgemein und die Geowissenschaften im Speziellen in der Gesellschaft genießen. Besonders bitter ist das natürlich, wenn ausgerechnet Politiker dieser Weltsicht anhängen. Wie zum Beispiel der britische Minister für Arbeit und Pensionen, Iain Duncan Smith. Dieser hatte in der BBC Andrew Marr Show am Sonntag den Wert von Geologen gegenüber den Mitarbeitern im Supermarkt verglichen. Wer sich zu fein für die Arbeit im Supermarkt sei, der sollte beim Suchen seiner Produkte doch beim nächsten Einkauf mal darüber nachdenken, wer wichtiger sei: Der Geologe oder die Person, welche die Supermarktregale füllt.

Bitte, damit mich hier niemand falsch versteht, ich möchte hier absolut nicht die Arbeit der Supermarktmitarbeiter gering schätzen. Aber mir geht es um etwas anderes. Dieser Satz fiel in einem bestimmten Zusammenhang. Duncan Smith redete im Anschluss an Cait Reilly, eine Diplom Geologin, welche nach einem unbezahlten (!) Praktikum beim einem Discounter einen Rechtsstreit gegen die Regierung gewonnen hatte. Aber mir geht es auch nicht unbedingt um arbeitsmarktpolitische Werkzeuge, wie fragwürdig sie auch immer sein mögen (und diese dürften wohl durchaus fragwürdig sein).

Mir geht es hier um die Wertschätzung der Geowissenschaften. Denn so wichtig die Leute in einem Supermarkt auch sein mögen, für einen erfolgreichen Einkauf. Ohne Geowissenschaftler am Anfang könnten sie die Regale nämlich garnicht füllen. Sie hätten nämlich mit guter Wahrscheinlichkeit keine Regale, noch hätten sie Waren.

Noch könnte ich dieses Posting schreiben oder irgendein Leser es lesen, wenn nicht zuallererst irgendein Geowissenschaftler oder eine Geowissenschaftlerin ihre Arbeit gemacht hätte. Die Gemüseabteilung wäre ziemlich leer, denn ohne Phosphatdünger würde wenig wachsen. Bodenkundler zum Beispiel kümmern sich darum, dass unsere Nahrung bessere Wachstumsbedingungen auf den Feldern findet. Und selbst wenn etwas wächst. Ohne Treibstoff hätten die Landwirte Probleme, die Ernte einzufahren, der Trecker bliebe nämlich kalt. Und weder der Transport zum Großhändler noch in den Supermarkt könnte stattfinden. Womit auch, denn die Metalle für Trecker und Lastwagen wären ja noch Erz in einer unentdeckten Lagerstätte. Da dürfte das Erdöl für den Motor wohl da kleinere Problem sein. Ohne Geologie wären wir also sehr schnell wieder bei Ochs und Karre angelangt. Ach ja, viel zu kaufen gäb es eh nicht. Südfrüchte würden mangels Transportmöglichkeiten dort bleiben, wo sie wachsen. Tiefkühlware gäb es auch nicht. Worin sollte sie auch gekühlt werden? und mit welcher Energie? Kohle Öl und Gas lägen noch versteckt in der Erde. Und komme mir jetzt nur niemand mit den Erneuerbaren Energiequellen. Solarzellen wären ohne Silizium, Windenergie wären ohne Seltene Erden und andere wichtige Rohstoffe nur ein Traum. Und selbst wenn irgendjemand ein Hamsterkraftwerk bauen würde, ohne Kupfer in den Kabeln wäre es eh finster. Ach ja, Licht. Ob Fackelhalter aus Holz wohl den aktuellen Brandschutzbestimmungen genügen würden? Oder Rindertalgkerzen?

Ach ja, und wem das noch alles nur Unannehmlichkeiten wären: Wir wären ja eh nicht so viele Menschen auf der Erde. Fast unsere gesamte chemische und auch ein sehr großer teil unserer pharmazeutischen Industrie basiert auf dem Erdöl. Die meisten Arzneiprodukte, die Tag ein Tag auf der Erde unsere Leben retten, dürften damit mehr oder weniger indirekt mit der Tätigkeit von Geologen verknüpft sein. Denn ohne die Tätigkeit der prospektierenden Geologen würde dieser spezielle Saft wohl unentdeckt bleiben oder nur als lokales Kuriosum gelten. Es zeigt sich also ganz schnell, dass Duncan Smith nicht für 0,02 € nachgedacht hat, als er seinen Spruch aufsagte. Denn ohne Geologen könnte eine Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht existieren. Ich möchte behaupten, dass Geologie tatsächlich am Anfang steht. Nicht um mich über andere zu erheben, denn unsere Zivilisation hat auch noch andere tragende Säulen, ohne die sie so nicht möglich wäre. Aber ohne Geowissenschaften? Nun ja. Um die Frage von Duncan Smith zu beantworten: Geowissenschaft ist wohl für die Füllung der Regale unerlässlich. Aber ob Politiker, die sich über andere Menschen erheben wollen, wirklich wichtig sind, darüber könne durchaus gestritten werden.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Denn ohne Geologen könnte eine Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht existieren.”
    Genau darum geht es. Der Mann hat die Zeichen der Zeit erkannt. Lieber ein Provinzfürst sein als dem neuen Kaiser zu dienen.

  2. Wert der Geowissenschaften

    Genau so ist es.
    Es scheint wirklich nötig, regelmäßig auf die Grundlagen unserer Existenz hinzuweisen, denn auch bei uns laufen etliche Politiker frei rum, die keinen blassen Schimmer haben, aber Entscheidungen treffen, die weit in die Zukunft reichen. (Zechenschließungen z. B., die mit dem Verlust von Wissen und dem Zugang zu Lagerstätten verbunden sind.)

    Danke für diesen Beitrag.

    Matthias

  3. Das ist eigentlich trivial,

    und ich hätte mich auch nicht extra dazu geäußert. Aber dann sah ich vorhin in phönix.de eine Wiederholung eines “philosophischen Quartetts” mit dem Schwerpunkt Klimawandel:

    2 Populärwissenschaftler, dominiert von 2 ausgewiesenen Philosophen, die mit ihrer völligen Ignoranz aktueller Forschungsergebnisse und aus einer selbstdefinierten Überhöhung den Kompetenten rausgehängt haben.
    Es war zum Speien und es gäbe viel zu argumentieren zu dieser unsäglichen ö.-r.-Veranstaltung aber mir hat schon ein Spruch des (gefühlten) Alphaphilosophen-Männchens gereicht:

    Zum Thema, dass der Klimawandel immer so negativ bewertet wird:
    “Der Klimawandel hat doch auch seinen Charme, ich finde wir sollten über diese Seite, den Charme, mehr reden und ihn verbreiten” (leicht verkürzt).

    Es ist nicht zu fassen!
    Da setzen sich 2 Typen hin und präsentieren die Begrenztheit ihrer Weltsicht und das mangelnde Fachwissen ganz locker und durchaus überheblich. Und Naturwissenschaftler winden sich im Licht ihrer väterlichen Zuwendung.

    Das nochmal zum Thema Natur-/Geisteswissenschaftler und es ist immer wieder offensichtlich wo unsere “Entscheidungsträger” die Basis für ihre Entscheidungen finden.

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