Größter bislang bekannter Flugsaurier des Jura auf der Insel Skye gefunden

Im mittleren Jura, vor rund 170 Mio. Jahren, lebte Dearc sgiathanach. Mit seiner Flügelspannweite von gut 2,5 m war er eines der größten fliegenden Wesen seiner Zeit. Dies zeigt ein spektakuläres Fossil von der Isle of Skye, Schottland.

Flugsaurier gelten als die ersten Wirbeltiere, die sich in die Luft erheben konnten, noch weit vor den Vögeln. Sie entwickelten sich vor rund 230 Mio. Jahren während der Trias als relativ kleine, geflügelte Reptile.

Um dann in der Kreidezeit mit Vertretern wie Pteranodon oder Quetzalcoatlus in der Größe von Kleinflugzeugen mit mehr als 12 Metern Spannweite die Luft zu bevölkern.

 

Angenommene Flügelspannweite von Dearc sgiathanach.[1] Von Vorne: Rhamphorhynchus (Oberarmknochen): ~3,82,2 m, Rhamphorhynchus (gemittelt): ~3 m, Rhamphorhynchus (Schädel): ~2,2 m, Dorygnathus: ~1,9 m. Armin Reindl (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dearc_wingspan.png), „Dearc wingspan“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Flugsaurier des Jura

Dazwischen allerdings, besonders die Zeit des mittleren Jura vor rund 174 bis 164 Mio. Jahren ist relativ schlecht belegt. Das mag zum Teil an klimatischen Bedingungen der damaligen Zeit liegen, die für eine fossile Überlieferung der sehr fragilen Skelette von Flugsauriern nicht günstig waren. Aus dieser Zeit sind nur verhältnismäßig wenige Flugsaurierformen bekannt, die meisten relativ klein, mit Spannweiten von weniger als 1,8 m.

Dies hat in der Paläontologie lange Zeit dazu verführt anzunehmen, dass die Flugsaurier im mittleren Jura relativ klein blieben, um erst gegen die Kreidezeit zu den Riesen heranzuwachsen.

Wie so oft in der Paläontologie halfen der Zufall und aufmerksame Augen, diese Vorstellung zu verändern. Während einer Exkursion der University of Edinburgh an den Rubha nam Brathairean (Brothers’ Point) in Trotternish, Isle of Skye, entdeckte Amelia Penny den Kiefer im Kalk auf einer Gezeitenplattform.

Ein neues Fossil

Schnell war klar, dass es sich um den Kiefer eines Flugsauriers handeln musste. Die Lage des Fossils auf der Gezeitenplattform erschwerte die Bergung. Die Flut drohte das Fossil zu überspülen und eventuell auch zu beschädigen. Erst nach bangen Stunden gelang es, den Fund mit eilig herbeigebrachten Gesteinssägen aus seinem kalkigen Bett zu befreien.

Nach der Bergung kam das Exemplar mit der Bezeichnung NMS (für National Museums Scotland) G2021.6.1-4 (der Fund wurde in 4 Einzelstücken geborgen) zur weiteren Untersuchung an die University of Edinburgh. Jetzt wurde es von der Arbeitsgruppe um Natalia Jagielska offiziell vorgestellt.

Es ist der Holotyp der neu beschriebenen Art bekam den Namen Dearc sgiathanach. Der Name ist ein interessantes Wortspiel. Wörtlich übersetzt in etwa „geflügelte Echse“, was auch die gälische Übersetzung des Begriffs Pterosaurier ist, bedeutet es ebenso „Echse von Skye“. Eine Anspielung auf den gälischen Namen An t-Eilean Sgitheanach, geflügelte Insel, hin. Ausgesprochen wird der Name des Flugsauriers jark ski-an-ach (ch wie in Bach).

In dem Video werden Natalia Jagielska und Stephen Brusatte interviewt. Es finden sich auch etliche Zeichnungen mit Rekonstruktionen aus der Feder von Natalie Jagielska. Wer will, kann ihr auch auf Twitter unter @WryCritic folgen.

Wie groß wurde D. Sgiathanach?

Das gut erhaltene Fossil zeigt viele Gemeinsamkeiten in der Knochenstruktur mit jungen, noch nicht voll ausgewachsenen Exemplaren von Rhamphorhynchus und anderen, noch nicht voll ausgewachsenen Pterosauriern. Das könnte darauf hindeuten, dass es sich hier um ein Exemplar handelt, dass noch nicht seine volle Größe erreicht hat und dass voll ausgewachsene Exemplare seiner Gattung noch deutlich größer werden konnten.

Die Flügelspannweite lässt sich leider nicht direkt bestimmen, da hier einige Teile nicht erhalten wurden. Nimmt man aber Rhamphorhynchus als Maßstab, so käme man auf eine Spannweite zwischen 2,2 und maximal 3,8 m.

Ein anderer, ebenfalls langschwänziger Flugsaurier war Dorygnathus. Nimmt man diesen als Maßstab, käme D. sgiathanach auf eine Spannweite von immerhin 1,9 m.

D. sgiathanach war vermutlich enger mit Rhamphorhynchus, von dem außerdem deutlich mehr Exemplare bekannt sind, sodass die von ihm abgeleitete Größenschätzung vermutlich genauer ist. Das deutet auf eine Flügelspannweite von gut 2,5 m, möglicherweise sogar 3 m hin, zumal das vorgestellte Fossil vermutlich noch ein im Wachstum befindliches Tier war. Damit dürfte es ähnlich groß gewesen sein, wie die größten heute lebenden Vögel wie etwa der Wanderalbatros.

noch ein Video, diesmal von der BBC zu dem Thema.

Hoffen auf weitere Funde

D. sgiathanach stellt also die mit gutem Abstand größte bekannte Flugsaurierart des mittleren Jura.

Bislang ist über die Lebensweise noch nicht viel bekannt. Das Tier verfügte über einen langen Schwanz und einen vergleichsweise kurzen Hals. Sein aerodynamisch geformter Schädel verfügte über scharfe Zähne, die sich an der Spitze teilweise überlappten und die vermutlich gut geeignet waren, um Fische zu fangen. Scheinbar hatte es, anders als manche anderen zeitgenössischen Pterosaurier, keinen Kamm auf seinem Schädel. Da aber ausgerechnet dieser Teil durch die Erosion stark beschädigt war, ist hier noch viel Spielraum für Spekulationen. Vielleicht bringen weitere Funde hier Klarheit.

Jagielska et al., A skeleton from the Middle Jurassic of Scotland illuminates an earlier origin of large pterosaurs, Current Biology (2022), https://doi.org/10.1016/j.cub.2022.01.073

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare

  1. Oh das ist ja ein toller spannender Fund. Immer wieder faszinierend, dass neue ungewöhnliche Funde die bisherige Einordnung neu beeinflussen. Danke für die Info.

  2. Vor 170 Millionen Jahren also lebte der Flugsaurier Dearc sgiathanach, von dem wir nur noch versteinerte Knochen, aber beispielsweise keine DNA mehr finden, denn DNA überlebt nur einige 1000 Jahre. Das aber heisst, dass man sehr viel spekulieren muss, was das genaue Aussehen und die Lebensweise von Dearc sgiathanach angeht.

    170 Millionen Jahre ist einerseits eine lang zurückliegende Zeit, eine Zeit in der die Kontinente, die Landmassen also, völlig anders angeordnet waren als heute und wo es das heutige Indien noch gar nicht gab. Eine Zeit auch, in der gerade erst die ersten Säugetiere erschienen. Andererseits ist 170 Millionen Jahre auch gar nicht weit zurück, wenn man als Massstab die Existenzdauer der Erde [4.5 Milliarden Jahre] oder auch die Existenzdauer von Lebensformen [3-4 Milliarden Jahre] überhaupt nimmt.

    Bis der Mensch ausgebrütet wurde verging also eine sehr, sehr lange Zeit der Evolution. Und nie durfte das Klima zu extrem werden oder die Erde zu massiv von einem Kometen oder Asteroiden getroffen werden. 4 Milliarden Jahre in denen die Erde in der „Goldlöckchen-Zone“ verharrte und immer geschützt war vor allzu grossen Extremen. Dass es eine zweite Erde gibt, die ebenso viel Glück hatte wie unsere Erde ist also nicht so wahrscheinlich. Allerdings ist sehr grosses Glück bei den Milliarden von Planeten allein in unserer Galaxie auch nicht unbedingt nötig, denn zwei Doppelsechs zu Werfen ist dann doch nicht so unwahrscheinlich, wenn man es milliardenmal wiederholt versucht. Es könnte also ein Geschöpf, das dem Dearc sgiathanach ähnelt durchaus auch auf einem anderen Planeten in unserer Milchstrasse gegeben haben. Und vielleicht werden das unsere Nachfahren sogar irgendwann wissen.

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