Gips – Mineral des Jahres 2026

Durchsichtiger Gipskristall

Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder ein „Mineral des Jahres“: den Gips, also wasserhaltiges Calciumsulfat. Vermutlich hat jeder schon auf die eine oder andere Art Bekanntschaft mit diesem Mineral gemacht, doch es kann noch viel mehr und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.

Durchsichtiger Gipskristall, ca. 8.2 x 3.2 x 2.1 cm. Fundort Willow Creek, Nanton, Alberta, Kanada. Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg), „Gypsum-40102“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Was ist Gips?

Gips ist uns auf diesem Blog bereits bekannt, denn das aus dem Mineral aufgebaute Gestein wurde 2022 zum Gestein des Jahres gewählt. Und nun ist es an der Zeit für das Mineral.

Gips ist wasserhaltiges Calciumsulfat, also Ca[SO₄] · 2H₂O. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet dabei meist tafelige, aber auch prismatische oder nadelige Kristalle aus. Es können auch körnige und massige Kristallaggregate auftreten.

Gips enthält, wie oben angesprochen, Wasser. Dieses Wasser wird als Kristallwasser bezeichnet und ist im kristallinen Festkörper gebunden. Erhitzt man den wasserhaltigen Gips, so entsteht zunächst das Halbhydrat Bassanit und bei weiterer Erhitzung und vollständigem Wasserverlust entsteht Anhydrit. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Kommt Anhydrit mit Wasser in Berührung, kann es dieses in sein Kristallgitter aufnehmen und es entsteht wieder Gips.

Dies ist mit einer beträchtlichen Volumenänderung von bis zu 50 Prozent verbunden. Diese Umwandlung von wasserfreiem Anhydrit zu Gips, die durch eine fehlerhafte Geothermiebohrung verursacht wurde, führte in Staufen im Breisgau zu erheblichen Gebäudeschäden. Dabei kam eine Anhydritschicht durch die Bohrung mit Wasser in Berührung und wandelte sich zumindest teilweise in Gips um.
Gips ist in der Regel weiß oder farblos, kann durch die Anwesenheit von Fremdionen aber auch andere Farben, etwa rötliche, gelbe oder bräunliche, annehmen. Die Strichfarbe ist jedoch immer weiß.
Gips ist ein relativ weiches Mineral mit einer Mohshärte von 2. Aufgrund dessen wird es auch als Standardmineral bezeichnet. Seine Dichte liegt zwischen 2,2 und 2,4 g/cm³. Zudem ist das Mineral wasserlöslich, wenn auch nur mit 2,1 g/l.

Mineral und Gestein – Ein Name

Gips kann in der Natur auch gesteinsbildend sein. Gesteine, die aus dem Mineral Gips bestehen, werden ebenfalls als Gips bezeichnet. Das ist in der Welt der Gesteine eigentlich etwas unüblich. Dort werden monomineralische Gesteine in der Regel mit dem Namen des betreffenden Minerals bezeichnet, dem einfach ein -it angehängt wird. Ein hauptsächlich aus Gips bestehendes Mineral müsste demnach „Gipsit“ heißen. Dies würde jedoch ebenso klingen wie das Mineral Gibbsit, das absolut nichts mit Gips gemein hat.

Seinen Namen hat das Mineral vom griechischen „gypsos”, was so viel wie „Kreide” bedeutet. In der Antike wurde nicht zwischen echter Kreide, also Kalk, und Gips unterschieden. Im Lateinischen bezeichnet „Gypsum” allerdings bereits den bekannten, gewöhnlichen Gips, im Unterschied zum Alabaster. Weitere alte Bezeichnungen, die teilweise auch nur für besondere Ausprägungen des Minerals verwendet wurden und werden, sind Selenit, Mondstein und Spiegelstein. Gips ist somit als Mineralname lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt gewesen und stellt ein sogenanntes grandfathered Mineral dar.

Verwendung von Gips

Die Umwandlung von Gips in Anhydrit und umgekehrt hat jedoch nicht nur unangenehme Konsequenzen. Sie macht dieses Gestein auch sehr gut und vielseitig verwendbar – und das seit sehr langer Zeit. So finden sich bereits vor 9000 Jahren in der anatolischen Stadt Çatalhöyük Putze aus Gips. Auch im Alten Ägypten war Gips bereits bekannt. Beim Bau der Cheopspyramide kam Gipsmörtel zum Einsatz.

Im Römischen Reich wurde Gips hauptsächlich im Innenbereich für Ornamente verwendet. In Europa wurde Gips ab dem 11. Jahrhundert zunehmend als Fugenfüller und zum Ausfachen von Mauerwerk verwendet. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs seine Bedeutung für Stuckarbeiten.

Gips wurde lange Zeit bergmännisch in Steinbrüchen abgebaut, oft von Bauern, die sich in Zeiten der Unterbeschäftigung eine Verdienstmöglichkeit beschaffen mussten. Der gebrochene Gips wurde in Brechmühlen weiter zerkleinert und anschließend in Meilern oder Grubenöfen gebrannt. Der gebrannte Gips wurde in der Regel noch mit einer Mühle zu Pulver gemahlen. Je nach Feinheit wurde das so gewonnene Produkt als Estrichgips, für Stuck oder allgemein im Bau verwendet.

Auch heute noch wird Gips sehr vielfältig genutzt. Bekannt sind sicherlich die REA-Gipsplatten, die auch als Gipskartonplatten bezeichnet werden, aber auch als Gipsputz, Spachtelmassen oder Trockenestrich. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass in diesen Baustoffen früher häufig Asbest verwendet wurde. Man sollte also besonders bei Baustoffen aus dem Zeitraum vor 1995 vorsichtig sein.
Gipshaltige Baustoffe haben einen Nachteil. Gips ist hygroskopisch, das heißt, er neigt bei schlechter Pflege und mangelnder Lüftung zur Wasseraufnahme und damit einhergehend zur Schimmelbildung.
Der Wassergehalt und das geringe Gewicht helfen jedoch auch im Brandschutz, da im Brandfall das Kristallwasser entweicht und der entstehende Dampf auf der dem Feuer zugewandten Seite schützend wirkt.
Weitere Anwendungsbereiche von Gips sind die bildende Kunst, beispielsweise für Skulpturen, und die Medizin.

Gipsgewinnung heute

Auch heute noch wird ein Teil des benötigten Gipses bergmännisch gewonnen. In den letzten Jahren stammt jedoch ein großer Teil des verwendeten Gipses aus chemisch-großtechnischen Prozessen. Ein Beispiel hierfür ist die Entschwefelung von Rauchgas bei Kohlekraftwerken. Das Akronym REA bei den REA-Gipsplatten steht für „Rauchgasentschwefelungsanlage”.

In diesen Anlagen werden Schwefelverbindungen aus der Verbrennung schwefelhaltiger Kohle aus den Abgasen von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen entfernt. Dazu wird das Rauchgas in eine Waschsuspension geleitet, die Calciumcarbonat und Calciumoxid enthält. Durch die Reaktion der Schwefelverbindungen mit den Calciumverbindungen entsteht Gips. Dieser macht mittlerweile den Hauptanteil des in der Bundesrepublik verwendeten Gipses aus. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 11 Mio. t. Gips verbraucht, davon stammten 7 Mio. t aus REA-Anlagen und 4 Mio. t aus Naturgips.

Die zunehmende Verwendung von schwefelarmer Kohle hat bereits zu einem Rückgang der Produktion von REA-Gips geführt. Der geplante Kohleausstieg wird voraussichtlich dazu führen, dass der Druck auf die natürlichen Gipslagerstätten wieder zunimmt.

Wie ensteht Gips und wo kommt er vor?

Die natürlichen Gips- und Anhyritlagerstätten sind in tropischen Flachmeeren entstanden. Sie zählen zu den sogenannten Evaporiten, das heißt zu Gesteinen, die aus übersättigten Lösungen ausgefallen sind. Unter lagunären Bedingungen kommt es dabei zu einer zunehmenden Konzentration der im Meerwasser gelösten Salze entsprechend ihrer Löslichkeit. Zuerst fallen die Karbonate aus, danach die Sulfate und zuletzt die leichter löslichen Chloride.
Der abgelagerte Gipsschlamm wurde während der Diagenese unter Überdeckung und Entwässerung in festen Gipsstein umgewandelt. Wenn die sedimentäre Auflast weiter zunahm, erfolgte die Umwandlung in Anhydrit durch den Verlust von Kristallwasser.
Gips kann aber auch als Verwitterungsprodukt sulfidischer Erze entstehen. Weiterhin entsteht Gips bei einigen untermeerischen vulkanischen Schloten, den sogenannten „White Smokern”. Dabei trifft schwefelsäurehaltiges, heißes Wasser auf Kalkstein.

Dementsprechend ist Gips kein seltenes Mineral: Weltweit sind mehr als 7.800 Fundorte verzeichnet. In Deutschland kann man Gips beispielsweise in der Nähe von Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis, in Osterode am Harz, in Eisleben in Sachsen-Anhalt oder am Segeberger Kalkberg finden. Letzterer besteht entgegen seinem Namen aus Gips und im Inneren aus Anhydrit.
Auch wenn die meisten Gipskristalle sehr klein sind, können unter bestimmten Umständen wunderschöne Stufen in Sammlerqualität entstehen. Mitunter können Gipskristalle auch außergewöhnliche Größen erreichen. So wurden in der spanischen Provinz Almería in der Mina Rica bei Pulpí in einer Geode mit einem Durchmesser von 1,8 x 1,7 m und einer Länge von 8 m Marienglas-Kristalle von gut einem halben Meter entdeckt.
Dies sind jedoch noch lange nicht die größten Gipskristalle. Dieser Titel geht an die Gipskristalle in der Mine von Naica in Chihuahua, Mexiko, die eine Länge von bis zu 15 Metern erreichen und damit die größten bisher entdeckten natürlichen Kristalle der Welt sind.

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Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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