Der Energieberg von Hamburg Georgswerder – IBA #2

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Mit Verstand und Hammer die Erde erkunden
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Wenn man sich Hamburg von Süden her nähert, dann ist er eigentlich unübersehbar. Direkt am Autobahnkreuz Hamburg Süd erhebt er sich rund 40 Meter über die Landschaft. Schon seine Höhe macht ihn hier irgendwie zu einem Fremdkörper, ist hier doch eigentlich nur Marschland des Elbe-Urstromtales zu erwarten. Und tatsächlich ist dieser Berg künstlich, und die neue Bezeichnung “Energieberg” erscheint jedem, dem die Geschichte geläufig ist, irgendwie wie Schönsprech. Denn der Berg hatte auch schon andere Namen, weit weniger schmeichelhaft. Müllberg, Monte Mortale oder Giftberg sind nur einige davon. Denn dieser Berg, der hier so friedlich seine Windmühle trägt, hat es wirklich in sich.

Deponie Georgswerder Infoschild

Wo bitte gehts zur Deponie? Hier entlang! By GeorgHH (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Noch bis zum 2. Weltkrieg war hier hauptsächlich landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Während des Krieges schüttete man eine Anhöhe auf, um darauf eine Flakstellung zum Schutze des Hafens zu errichten. Und nach dem Krieg hatte Hamburg sehr viel Platzbedarf, um die Trümmer loszuwerden. Man fand hier in Georgswerder einen passenden Platz, möglichst weit weg und aus der Sichtweite der Stadt, und begann, einen Berg aufzuschütten. Nach und nach kamen Hausmüll und Sperrmüll dazu, irgendwo musste der Abfall ja hin. Und hier störte er die Stadt nicht so sehr. Georgswerder war, aus Hamburger Sicht, eben ein idealer Abfalllagerplatz. Die Anwohner wurden eh nicht gefragt. Auch nicht, als man auf die geradezu geniale Idee verfiel, dass man in den Haus- und Sperrmüll ja auch noch andere, weniger schöne Dinge unterbringen könnte. Schließlich brummte die Wirtschaft, und auch giftige Industrieabfälle mussten irgendwo hin. Ab 1967 hatte man die seltsame Vorstellung, dass der restliche Müll dich den Giftmüll “aufsaugen” könnte.

Deponie Georgswerder 02

Der Müllberg, wie er sich 2006 präsentierte. Noch mit drei Rotoren obendrauf. By GeorgHH (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons.

Als hatte man nicht nur Fässer mit eingelagert, sondern mit Folie ausgekleidete Becken errichtet, in die man so schöne Stoffe wie beispielsweise Dioxine ( darunter auch das bekannte 2,3,7,8 TCDD) füllte. Anschließend überdeckte man das ganze mit Haus- und Sperrmüll. 1979 schloss man die Deponie und machte sich an die Planung der Nachnutzung. Ein schöner Freizeitpark sollte hier entstehen, inklusive eines Rodel- und Skihanges. Nicht wenige der Anwohner freuten sich wohl schon, dass ihre Gegend, die so lange Gestank und Lärm hatte ertragen müssen, jetzt aufgewertet werden sollte.

Energieberg Georgswerder

Modell des heute Energieberg genanten Deponiehügels mit Horizontweg und Windrad. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Pustekuchen! 1983 stellte man erstaunt fest, dass aus dem Berg ölige Flüssigkeiten in den Ringkanal sickerten. In diesen Ölen fanden sich auch die besagten Dioxine. Und sie tauchten nicht nur da auf, sondern auch im Grundwasser [kurze Korrektur: Die Dioxine treten hauptsächlich in Ölphase im Sickerwasser auf. Im Grundwasser unter der deponie und im Abflußbereich sind es Schadstoffe wie Benzol, Chlorbenzol, Chlorphenol und HCH aka Lindan]. Ich erinnere mich noch, als Kind die leicht aufgeregten Fernsehbeiträge verfolgt zu haben, in denen die Reporter und etwas verstörte Anwohner auf die Sache hinwiesen. Das mit dem Grundwasser war schon bitter. Hatte man doch eigentlich die stille Hoffnung gehegt, dass die Kleieschicht unter der Deponie einen wirksamen Schutz darstellen sollte. Dem hat sie sich wohl verweigert. Ob es natürliche Störungen waren, die man übersehen hatte, oder ob es schlicht Kriegsschäden in Form von Bombenkratern waren, welche die Kleischicht perforiert hatten, weiß ich nicht. Beides wurde aber, soweit ich mich erinnere, damals durchaus diskutiert.

Energieberg Georgswerder - Testfelder

Die Testfelder für die Erforschung und Überwachung der Deponiebadeckung. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Nun war also das Kind in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen, und die Anwohner, eben erst dem Lärm und dem Gestank der Deponie scheinbar entronnen, sahen sich einer möglichen Evakuierung ausgesetzt. Doch soweit sollte es dann doch nicht kommen. Es war zum Glück auch eine Zeit, in der man derartige Umweltverbrunzungen nicht mehr so einfach unter den Teppich kehren konnte. Die Hamburger Umweltbehörde, bzw. deren Vorgängerorganisation, die Behörde für Bezirksangelegenheiten, Naturschutz und Umweltgestaltung, deren Präses Wolfgang Curilla damals war, hat im Großen und Ganzen richtig reagiert. Ein Lob, dass, so denke ich, nach all den Jahren auch einmal sein muss. Auf jeden Fall hat Hamburg eine Menge Geld in die Hand genommen, und die Altlast der ehemaligen Deponie in mehreren Phasen versucht zu sichern. Dazu gehört nicht nur der Versuch, das bereits verunreinigte Grundwasser abzufangen und zu reinigen, sondern auch die Idee, kein neues Wasser mehr in den Deponiekörper hinein zulassen. Denn wenn kein Wasser hineinkommt, kann folglich auch kein Wasser daraus in das Grundwasser austreten.

Energieberg Georgswerder - Deponiewasserreinigung

Schema der Grundwasserreinigung. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Das sagt sich so einfach, aber einen so gewaltigen Regenschirm, dass ein 40 m hoher und 45 ha großer Berg darunter passt, der ist nicht so einfach zu bauen. Um genau zu sein, man hatte schlicht keine echte Vorstellung davon, wie so etwas zu bauen sei. Man hatte allerdings grobe Vorstellungen, wie man es schaffen wollte. Eine dicke Tonschicht aus Glimmertonen und Geschiebemergeln sollte die Dichtfunktion herstellen. Darüber dann Wurzelsperren und Kunststoffdichtungsbahnen, welche die Ton- und Mergelschichten schützen sollten. Ein wahnsinniger Aufwand, denn die Ton- und Mergelschichten durften nur bei bestimmter Feuchtigkeit und bestimmten Temperaturen eingebracht werden. So mancher Grubenbesitzer verdiente sich ein goldenes Näschen ( und manche Schätze wie die fossilen Bartenwale von Groß Pampau wären ohne den Bedarf an diesen Rohstoffen wohl auch kaum gefunden worden). Die Hamburger Bodenkunde (ich möchte an dieser Stelle einfach mal einen Gruß an den alten Bodenkunde-Bunker loswerden) hatte einen deutlichen Anteil daran, den Aufbau und vor allem die Wirksamkeit dieser Art der Deponieabdeckungen zu erforschen. Dazu wurden auf den Berg etliche Testfelder angelegt, in denen man das Verhalten der einzelnen Schichten zeitlich und unter verschiedenen Bewuchsdecken testen konnte und auch heute noch kann. Das Ende ist etwas profan, denn der sehr teure und aufwändige Einbau der Tonschichten hat sich nicht bewährt. Schon kleinere Trocknereignisse führten zu ausgedehnten Rissen, die den nächsten Regen wieder durchgelassen hätten. Am Ende stellte die Kunststoffbahn die hauptsächliche Barriere dar. Soweit ich weiß, ist man heute von den Tondichtungen weitgehend wieder abgekommen.

Energieberg Georgswerder

Hier befindet sich eine Messstation, mit der der Methangehalt des betreffenden Deponieabschnittes gemessen werden kann. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Irgendwann um 1992 begann man dann, dem Berg eine Art Feigenblatt zu verpassen. Eine kleine Windkraftanlage. Spannend war dabei nur die Gründung, denn die Deponie ist ja in Bewegung, das bedeutet, Setzungen sind zu erwarten und tief gründen war auch nicht drin. Also wurden flache Betongründungen verwendet. 1995 wurde die Abdeckung dann fertig gestellt und Teile mit einheimischen Gehölzen bepflanzt, andere zur Verbuschung freigegeben. dabei muss aber immer wieder auf Pflanzen geachtet werden, welche zu tiefe Wurzeln entwickeln könnten, damit die Abdeckung nicht beschädigt wird. Irgendwann waren es dann drei kleine Windräder, die sich weithin sichtbar drehten.

Reicht das, um einen ehemaligen Müllberg zu einem Energieberg zu machen? Nun, das ist es ja nicht alleine. Da ist noch eine andere Energiequelle, die tatsächlich mit dem Inhalt des Berges zu tun hat. Der Hausmüll der Deponie enthält sehr viel organisches Material, welches sich zersetzt und Deponiegase bildet. Diese Gase können eine Gefahr für die Arbeiter an und in den Anlagen der Deponie sein und sie lassen außerdem die auf der Deponie wachsenden Pflanzen absterben. Aus diesem Grund werden die Gase in 39 Gasbrunnen abgefangen. Ihr hoher Methangehalt macht sie als Erdgasersatz für die nahe gelegene Kupferhütte Aurubis (besser als Norddeutsche Affi bekannt) interessant.

Energieberg Georgswerder - Windrad

Dieses Windrad von Hamburg Energie dreht sich oben auf dem Deponiehügel hat einen Rotorduchmesser von 104 Metern und erreicht eine Nennleistung von 3,4 Megawatt. damit übetrifft sie alle drei alten Windräder zusammengenommen. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Und am südlichen Hang des Berges befindet sich mittlerweile eine Solarenergieanlage. Auch der Grasschnitt, der bei Mäharbeiten am Hügel anfällt, soll in einer Biogasanlage verstromt werden. Die erzeugte Energie dämpft einen teil der “Ewigkeitskosten”, denn die Sanierung des Grundwassers und die Überwachung der ehemaligen Deponie kosten Geld. Und das noch sehr lange, denn sie ist ja nur gesichert. Die Abdeckung hat eine geschätzte Lebensdauer von 100 Jahren. Was dann kommt, ist also das Problem einer anderen Generation, der wir hier ein nettes Kopfzerbrechen beschert haben.

Ach ja. Das Gelände war seit 1948 nicht mehr zugänglich. Und seit die Altlastproblematik die Pläne für den Freizeithügel kassiert hat, sah es auch nach ewiger Sperrzone aus. Doch im Zuge der internationalen Bauausstellung hatte man eine Idee. Ein “Skywalk” namens Horizontweg wurde errichtet und damit ein Rundweg auf dem Berg (zumindest im Sommerhalbjahr) freigegeben. Es bietet sich eine phantastische Aussicht auf Hamburg, den Hafen und Wilhelmsburg. Im Winter verhindert leider die Eisschlagsgefahr des Rotors die Begehbarkeit des Berges.

 

Energieberg Georgswerder - Skywalk

Energieberg Georgswerder - Skywalk

Für den Horizontweg wurden gut 250 Tonnen Stah verbaut. Er bietet einen ziemlich einmaligen Rundblick auf Hanurg, den Hafen und Wilhelmsburg. Ein Besuch lohnt sich. Eigene Fotos, CC-Lizenz.

Energieberg Georgswerder - Info Zentrum

Das Besucherzentrum ( am Ende des Weges, hinter den Büschen versteckt) lehnt sich direkt (und mit einblick in) die Grundwasseraufbereitung. Hier bekommt man einen guten Überblick über die ganze Sauerei und wie man sie wieder in den Griff bekam. Eigene Fotos, CC-Lizenz.

 

Update 02.10.2013: weiterführende Links:

http://www.hamburg.de/altlastensanierung/141886/gorgswerder-veroeffentlichungen.html

http://www.hamburg.de/energieberg-georgswerder/nofl/2569986/deponie-georgswerder-container.html

Deponieverordnung mit Vorschriften zum Aufbau von Oberflächenabdichtungen

http://www.gesetze-im-internet.de/depv_2009/

http://www.gesetze-im-internet.de/depv_2009/anhang_1_38.html

 

Spannend ist auch die Frage, wie man eine rund 100 m hohe Windkraftanlage auf einem Deponieberg eigentlich gründet. Dazu gibt eis ein interessantes pdf mir reichlich Infos und interessanten Fotos vom Bau der Anlage:

http://www.igu-uelzen.de/pdf/Vortrag_Wien_Baugrundverbesserung_Geotechnik2012.pdf

 

 

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare

  1. Danke Gunnar. Deine Geschichte zeigt anschaulich, dass Geowissenschaftler nicht nur mit dem Anfang des Rohstoffkreislaufs beschäftigt sind (Bergwerk, Ölbohrung) sondern auch mit deren Ende. Und dass es auch am Ende an der ökologischen Verträglichkeit hapert. Denn die Erde ist irgendwie kompliziert, voller Risse, Störungen und Pflanzen mit fiesen Wurzeln.

    Was mich interessiert: Multiple Barrieren aus wasserundurchlässigen Tonen und Mergeln mit eingesetzten Plastikplanen ist – soweit ich weiß – noch immer Stand der Technik, wenn Deponien abgedichtet werden. Hat man im Hamburg etwas anders gemacht – oder meinst du, das Konzept hat sich insgesamt überlebt?

    Und was passiert, wenn morgen doch wieder Dioxine aus der Deponie heraussickern, die ja weiterhin drinstecken? Alles neu aufbaggern?

  2. multiple Barrieren

    wenn ich mich recht erinnere, haben die Untersuchungen der Hamburger Bodenkunde damals gezeigt, dass die Ton- und Mergeldichtungen keine sehr lange Lebensdauer haben. Eigentlich hielten sie genau bis zur ersten Trockenperiode, dann zeigten sie deutliche Risse. Zumindest das damals verwendete Material. Heute geht man, wenn ich mich recht erinnere, mehr in Richtung Kapillarsperren und dergleichen.

    Das Dioxin bleibt in der Deponie, aber das Sickerwasser und die bereits ausgetretene Fahne werden gereinigt. Die Fahne ist auch so langsam auf dem Rückzug. Diese Maßnahmen werden auch noch sehr lange beibehalten werden müssen. Die Lebensdauer der derzeitigen Dichtung wird auf rund 100 Jahre geschätzt. Danach dürfen sich andere ihre Köpfe zerbrechen. Ein kleines Rätsel für die nachfahren…

    Kurze Präzisierung, bevor man mich darauf festnagelt. Das Dioxin tritt hauptsächlich in Ölphase im Sickerwasser auf. Im Grundwasser sind andere Schadstoffe wie Benzol, Chlorbenzol, Chlorphenol und HCH (Lindan etc.) anzutreffen. Macht die sache eigentlich auch nicht unbedingt besser. Ich hab noch ein paar weiterführende Links eingefügt, für alle, die sich mehr für die Themen Deponiesanierung und Windradbau auf einer Deponie interessieren.

  3. Kein Einzelfall

    Leider ist es so, dass vor 50-60 Jahren viel, teilweise giftiger, bzw. gefährlicher, Müll abgeladen wurde. Oft hat man erst in den 1980er Jahren gemerkt wie geistlos man damit umgegangen ist. Nun ist es unsere Aufgabe und die unserer Nachfahren dieses Verhalten “auszubügeln”.
    Zum Glück gelingt es weitgehend wie in Hamburg, oft werden die Müllberge bepflanzt und/oder anderweitig genutzt. Leider nicht immer, da die abgeladenen Stoffe zu gefährlich sind.

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