Ein Killer am Nordseestrand – Das Leben is kein Ponyhof #15

Mente et Malleo

Immer wieder werden tote Schweinswale gefunden, Opfer eines unbekannten Angreifers. Doch wer kommt dafür in Frage. Jetzt konnte per DNA-Analyse Kegelrobben als Täter identifiziert werden.
Es ist kein schöner Anblick. Da liegt ein verstümmelter Schweinswal am Strand. Zum Leidwesen von Touristen und sonstigen Strandbesuchern passiert dies durchaus häufiger.
Angefangen hat die Mordserie in den Niederlanden, irgendwo gegen 2006. dabei sind Schweinswale eine geschützte Art. Wer also würde die armen Tiere jagen und so zurichten? Als Verdächtige wurden von Schiffspropellern bis hin zu Fischern viele genannt. Aber so richtig kam man auf keine heiße Spur.

 

2012 fanden belgische Zoologen einen Hinweis. Die Kadaver der Schweinswale wiesen sehr häufig Zahnmarken. Und diese wiesen in eine Richtung: Kegelrobben.

Kegelrobben gelten, ebenso wie ihre kleineren Verwandten, die Seehunde, als harmlose, niedliche und verspielte Knuddelwesen. Wer, der in ihre Knopfaugen schaut, würde ihnen etwas böses zutrauen?

Nun, das kommt natürlich wieder ganz auf die Perspektive drauf an. Denn man darf dabei nicht vergessen, dass eine Kegelrobbe immerhin ein knapp 2,5 m langes und bis zu 220 kg schweres Raubtier ist. Ein knapp 50 kg schwerer Schweinswal dürfte da kein ernsthafter Gegner sein. Zumeist waren es auch jugendliche Schweinswale, die Opfer der Attacken wurden.

Je mehr tote Schweinswale untersucht wurden, desto mehr verdichtete sich der Verdacht. Allerdings auch nicht mehr. Bissmarken, oft an der Schwanzwurzel und teilweise abgefressener Blubber mögen zwar als Hinweis dienen, aber als letztlicher Beweis ist das schwierig. Es fehlte ein eindeutiger Mageninhalt einer Kegelrobbe oder, was wohl ebenso gut gewesen wäre, DNA an dem Opfer.

Das gestaltete sich bislang als ziemlich schwierig. Im Meer werden diese Spuren sehr schnell abgewaschen. Dennoch kam jetzt ein Glücksfall zu Hilfe. Denn wenn auch die offenen Wunden frei von DNA-Spuren des Angreifers waren, so blieben winzige Spuren an drei toten Schweinswalen nachweisbar. Und zwar im kleinen Löchern, die der Zahn des Angreifers hinterlassen hat, und die sich nach dem Herausziehen des Zahns rasch wieder verschlossen und quasi versiegelte Taschen bildeten. Diese DNA-Spuren deuteten ebenfalls auf Kegelrobben als Täter hin. Damit dürfte dieser Falls fast abgeschlossen sein.

Allerdings bleibt die Frage nach dem Motiv. Warum attackieren Kegelrobben Schweinswale? Und warum scheint die Zahl der Attacken in jüngerer zeit begonnen zu haben und stetig zuzunehmen? Was war um das Jahr 2006 passiert?

Vermutet wird, dass Fischer im Zug steigender Treibstoffpreise die Schleppnetzfischerei aufgaben und zunehmend zu stationären, verankerten Netzen tendierten. Diese Netze stellen eine ernste Gefahr für Schweinswale dar, die sich in ihnen verfangen können und dann ertrinken. Kegelrobben hingegen sind dafür bekannt, dass sie Netze von Fischern plündern (was sie bei Fischern irgendwie unbeliebt macht). Dabei könnten sie dann auch auf die großen, fetten und ertrunkenen Schweinswale gestoßen sein. Und erst einmal auf den Geschmack dieser „fetten Fische“ gekommen, begannen sie zunehmend aktiv nach ihnen zu jagen.

Das wirft aber noch ein weiteres Problem auf. Sowohl Kegelrobben als auch Schweinswale sind streng geschützte Arten. Kegelrobben wurden über Jahrhunderte verfolgt und waren in weiten Regionen in der Nordsee verschwunden. Erst seit den 1980´er Jahren begann sich die Art, wieder auszubreiten.

Wie die Schweinswale auf die neue Bedrohung reagieren, ist noch unklar. Vergleichbare Schweinswalpopulationen vor Schottland, die zunehmend von Delphinen attackiert werden, entwickeln sich in Richtung leichterer Tiere, die schneller schwimmen können. Die kleinen Schweinswalen haben ohnehin schon eine verhältnismäßig große Oberfläche im Verhältnis zu ihrem Körpervolumen. Und dies könnte sich dabei noch verschlechtern. Der dadurch steigende Wärmeverlust zusammen mit häufigerem Fluchtverhalten (und der damit unterbrochenen Nahrungsaufnahme) könnte das Risiko steigern, schlicht zu verhungern.

 

Exposing the grey seal as a major predator of harbour porpoisesMardik F. Leopold, Lineke Begeman, Judith D. L. van Bleijswijk, Lonneke L. IJsseldijk, Harry J. Witte, Andrea Gröne
Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences2015282 20142429;DOI: 10.1098/rspb.2014.2429.Published 26 November 2014

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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