Die Überflutung in Pakistan – immer noch da

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Lars Fischer hatte es in seinem Blog vor einigen Tagen angesprochen. Unsere mediale Aufmerksamkeit gegenüber Katastrophen ist ziemlich kurz. Daher möchte ich hier in meinem Blog anlässlich einiger Satellitenbilder die Gelegenheit ergreifen, ebenfalls noch einmal auf die Flut in Pakistan hinzuweisen.

Der letztjährige Monsun war außergewöhnlich heftig in Pakistan. Nicht nur dass es im Zeitraum vom 27. bis 30 Juli in einigen Regionen Nordpakistans mehr als 300 l pro Quadratmeter regnete. Die Niederschläge im Juli lagen laut dem pakistanischen meteorologischen Dienst um 772 % über dem Durchschnitt für den Monat. Im August hat es in Khanpur sogar um 1483 % mehr Regen gegeben als normal. 

Niederschlagsanomalie zwischen dem Monsunregebfall im Indus Einzugsgebiet für Juli und August 2010, verglichen mit dem normalen Niederschlag für diese Zeit. Jesse Allen und Robert Simmon, Daten vom Global Precipitation Climatology Project.

Diese heftigen Niederschläge alleine hätten schon ein enormes Problem für das land dargestellt. Verschärft wurde die Lage zusätzlich durch die Eingriffe des Menschen in den Fluss. Das beginnt mit der Entwaldung, weil das Holz beispielsweise als Baustoff oder Energieträger genutzt wird. Vegetation hilft aber bei Flutereignissen die Wassermassen abzubremsen. Besonders im Swat Tal aber wurde die Vegetation weitgehend vernichtet, zurück blieb eine Landschaft, welche Überflutungen nicht mehr so gut abfedern kann, wie früher. Und nicht nur das Land am Fluss, auch der Fluss selber wurde vom Menschen stark verändert. Das Wasser des Indus stammt aus den Gletschern des Himalaja und des Karakorum. Da die Wassermenge stark schwanken kann, die Menschen aber gerne verlässliche Wasserquellen haben wollen, haben sie entsprechend Dämme und Kanäle erbaut, welche das Wasser sammeln und verteilen sollen. Diese Kanäle waren aber nicht immer entsprechend gewartet, so dass sie mit Schlick verfüllt waren und meist nur eine geringe Kapazität besaßen. Dabei haben bei Flüssen wie dem Indus, die aus einem Hochgebirge stammen und gerne sehr viel Sediment führen, auch Hochwasserschutzdämme eine unangenehme Eigenschaft. Sicher, sie schützen erst einmal das Hinterland und halten das Wasser im Flussbett. Aber eben auch die Sedimente, die ein Strom so transportiert. Und die er dann, weil er sie nicht mehr über das Land verteilen kann, eben im Flussbett ablagert. Vor allem, wenn ihm während der trockenen Monate auch noch sehr viel Wasser entnommen wird, um das Land zu bewässern. Das führt mit der Zeit dazu, dass sich das Flussbett hebt und irgendwann über dem Land liegt.

Spätestens jetzt steigt das Überflutungsrisiko des Hinterlandes drastisch an. Und wenn eine Flut einmal die seitliche Dammlinie durchbrochen hat, verhindern das hoch liegende Flussbett und die Dämme zusätzlich noch, dass das Wasser bei sinkender Flut wieder in das Flussbett zurückkehrt. Das führt meist dazu, dass Wasser sehr lange auf dem land steht. Und das stellt beispielsweise für Moskitos ideale Brutbedingungen dar. Die Menschen, die vor der Flut geflüchtet sind, sehen sich daher einer ganzen Reihe von Krankheiten gegenüber. Malaria kann sich ausbreiten. Die mangelnde Versorgung mit sauberem Trinkwasser in den Überflutungsgebieten führt zum Ausbruch von Cholera und die Enge und schlechte Gesundheitsversorgung in den Flüchtlingscamps begünstigt Krankheiten wie die Masern. Die Landwirtschaft ist in vielen Gebieten nahezu zum erliegen gekommen. Die Bauern in Pakistan bauen hauptsächlich Baumwolle und Reis für den Export im der Zeit vom May bis November an (Kharif season) und in der Zeit vom November bis Mai Weizen ((Rabi season). Dem USDA Foreign Agriculture Service zu Folge waren mindestens 10 % der Baumwollernte und 1/5 der Reisernte überflutet gewesen. Glücklicherweise, wenn man unter diesen Umständen von Glück reden kann, war die Weizenernte bereits eingefahren, dieser Umstand hat die Versorgung mit Nahrung während der Katastrophe deutlich erleichtert. Die Fluten haben aber vielerorts die Aussaat des neuen Weizens stark verzögert. Der Verlust an Haustieren trifft viele der pakistanischen Bauern extrem hart. Unter den 200 000 ertrunkenen Haustieren sind auch rund 20 000 Rinder. Gerade diese sind aber extrem wichtig, nicht nur als Milchlieferanten. Sie sind auch diejenigen, die normalerweise die Pflüge ziehen.

Die Überflutungsregion um die Stadt Khairpur Nathan Shah am 4. September 2010. Credit: NASA.

So stellte sich die Situation am 7. November 2010 dar. Das Wasser war nur wenig gesunken. Zusätzliche Flächen wie nördlich und nordwestlich der Stadt standen jetzt ebenfalls unter Wasser. Credit: NASA

Auch am 26. Januar 2011 standen noch weite Teile unter Wasser. Cradit: NASA.

Und die Fluten sind noch lange nicht überall abgezogen. Das zeigt das Beispiel der Stadt Khairpur Nathan Shah in den drei Landsat 5 Aufnahmen vom 4. September, 2010 (oben), 7. November 2010 Mitte), and 26. Januar 2011 (unten). In diesen falschfarbenen Aufnahmen ist Wasser dunkelblau, Vegetation grün und kahles Land in Brauntönen abgebildet. Der durch die Fluten neugebildete See reichte am 26. September 2010 rund 25 Kilometer von Ost nach West. Die Stadt Khairpur Nathan Shah ist zumindest teilweise ebenfalls unter Wasser. Bis zum 7. November scheint sich noch nicht sehr viel getan zu haben. Die Fluten haben sich nur aus sehr wenigen Gebieten zurückgezogen. Hingegen scheinen weitere Gebiete jetzt unter Wasser zu stehen. Das gilt besonders für die Gebiete nördlich der Stadt. Erst im Januar 2011 scheint der Wasserspiegel langsam abzusinken. Aber in den tiefer liegenden Gebieten stehen noch immer große Wassermassen.

Ich möchte mich daher Lars anschließen und auch noch einmal auf die Arbeit der Ärzte ohne Grenzen hinweisen, die zu der Katastrophe in Pakistan mehrere Lageberichte veröffentlicht haben.

Ärzte ohne Grenzen

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Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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