Der Todesschrei des Eisbergs

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Letztes Jahr entdeckten Seelye Martin und seine Kollegen von der Universität Washington einen Friedhof für Eisberge. Schon länger war aufgefallen, dass in bestimmten gebieten sehr häufig große Eisberge auseinanderbrechen. Normalerweise haben sehr massive Eisberge, wenn sie vom antarktischen Schelfeis abbrechen und sie nicht durch Kollisionen zerkleinert werden, eine recht lange Lebensdauer, bevor sie in wärmere Seegebiete verdriften und dabei langsam abschmelzen.
Das prominenteste Opfer des Eisbergfriedhofes war ein Eisberg mit dem klangvollen Namen B-15A. Dieser war ein Koloss von 3.000 Quadratkilometern und etwa 140 Kilometern Länge, der selber ein Bruchstück eines viel gewaltigeren Eisbergs darstellte, der B 15 genannt wurde und mit rund 11.600 km² etwa die Fläche von Jamaika besaß und im März 2000 vom Schelfeis abbrach. Zu seiner Zeit war B-15A das größte freischwimmende Objekt. Im Oktober 2005 lief der Eisberg auf Kap Adare zu, drehte sich ein wenig und zerbrach innerhalb von wenigen Stunden in mehrere Teile.

 

Auseinanderbrechen von Eisberg B-15A

Eisberg B-15A beim auseinanderbrechen im Oktober 2005. Image Credit: NASA

Spätere Sonaruntersuchungen in den Gewässern, die während einer eisfreien Periode durchgeführt wurden, enthüllten eine bis dato nicht bekannte Untiefe, deren höchste Erhebungen knapp 215 m unterhalb der Wassertiefe in die Strömungen hineinragen, welchen die Eisberge dort folgen. Das reicht aus, um sie für große Eisberge mit dem entsprechenden Tiefgang zu einem ernsthaften Hindernis zu machen.

B-15A stand zu dem Zeitpunkt unter ständiger Überwachung. Das bedeutet, er trug nicht nur etliche Instrumente, vom Geophon (in der Literatur wird von Seismometer geredet, aber ich vermute, dass es sich dabei um ein Geophon handelte) und GPS Sender. Außerdem wurde er ständig von Satelliten beobachtet, da er wegen seiner Größe durchaus eine Gefahr darstellen konnte. Und dieses Instrumentarium hat einige interessante Beobachtungen möglich gemacht, denn lautlos wollte sich B-15A nicht aus der Welt verabschieden. In dem Soundfile vom Geophon am Südpol, das Martin veröffentlichte, wurde der Sound um das 200 –fache komprimiert, so dass man ihn sich in rund 2 Minuten anhören kann. Die wind-ähnlichen, pfeifenden Geräusche stammen von dem Schleifen des Eisbergs über die Untiefen. Knackende Geräusche stellen möglicherweise Risse im Eis dar, welche sich beim Auseinanderbrechen des Berges ausbreiten, ähnlich wie bei einem Eiswürfel, der in warmes Wasser geworfen wurde. Zum Schluss, nach einem schärferen Knall, hört man noch, wie die Bruchstücke des Eisberges aneinander reiben.

 Die Geräusche der Eisberge, wenn sie zusammenstoßen oder auseinanderbrechen, sind nichts Neues. Geophone reisen auf verschiedenen großen Eisbergen mit, und sie sind auch auf dem Schelfeis recht häufig eingesetzt. In dem Video unten ist zu hören, wie B-15A im Jahr 2003 an einem kleineren Eisberg mit der Bezeichnung C-16 entlang schrammt. Auch Erdbeben lassen die Eisberge singen.

Dass man nicht unbedingt in die Antarktis reisen muss, um Eis beim Geräuschemachen zu erwischen, zeigt Andreas Bick, der einen gefrorenen See bei Berlin belauscht hat.

Mehr über die Geräusche von Eisbergen, und ihre Ursachen, zeigt Emily Willingham in einem Posting in den Biology File.

Martin, S., Drucker, R., Aster, R., Davey, F., Okal, E., Scambos, T., & MacAyeal, D. (2010). Kinematic and seismic analysis of giant tabular iceberg breakup at Cape Adare, Antarctica Journal of Geophysical Research, 115 (B6) DOI: 10.1029/2009JB006700

 

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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