Der kleinste Dinosaurier wurde zur Eidechse

Der im März vorgestellte „kleinste Dinosaurier“ im Bernstein aus Myanmar hat sich im Nachhinein als Eidechse entpuppt. Das ist zumindest so sicher, dass die Autoren des Nature-Papers vom 11. März dieses jetzt zurückgezogen haben. Neuere Untersuchungen hätten die Zugehörigkeit des Fossils zu den Dinosauriern und Vögeln infrage gestellt. Das mag jetzt erst einmal wie eine böse Schlappe für die Autoren erscheinen, ist aber auch ein gutes Beispiel für die Probleme, welche in der Paläontologie oft auftreten, vor allem, wenn man nur unvollständiges Material zur Verfügung hat.

Giganten im Vorteil

Die Urzeit erscheint uns, wenn man die Fossilien so anschaut, wie eine vergangene Welt voller Giganten. Das ist sicher auch zum Teil der menschlichen Sehnsucht nach Superlativen geschuldet (den größten, schwersten, schnellsten etc. …), liegt aber auch in der Natur der Sache begründet. Denn die fossile Überlieferung bildet ihre Umwelt ja nicht eins zu eins ab. Um überliefert zu werden, muss ein Wesen ja überhaupt erst einmal zu einem Fossil werden, und da haben die Giganten der Urzeit nun einmal unbestreitbare Vorteile. So ungerecht es uns auch erscheinen mag, wer harte Panzer hat oder eben sehr große und stabile Knochen, der wird einfacher zum Fossil als ein zerbrechliches Wesen, dessen Knochen bei der kleinsten Erdbewegung zu Staub zerfallen. Schon alleine die Auflast von Sand, Schlamm oder Ton kann feine Knöchelchen zerstören, während die Knochen von großen Tieren dort problemlos überdauern können.

Knochen im Bernstein

Um fragile Wesen über die geologischen Zeiträume zu überliefern, bedarf es schon besonderer Umstände, wie sie nicht so häufig auftreten. Und eine gute Möglichkeit, auch Wesen ohne harte Schalen oder starke Knochen zu überliefern, ist die Einbettung in Bernstein. Genau das war einem winzigen Wesen vor rund 99 Millionen Jahren passiert, als es sich in einem kleinen Koniferenwald bewegte. Dieser Wald befand sich dort, wo heute das Land Myanmar liegt.

Diese Koniferen hatten eine Eigenschaft, die für kleinere zeitgenössische Wesen sicher extrem unschön war, die uns aber heute eine einmalige Gelegenheit bietet, die damalige Lebewelt zu untersuchen. Sie sonderten ein klebriges Harz ab, in dem sich viele kleinere Lebewesen verfingen und zugrunde gingen.

Oculudentavis khaungraae

Das gilt sicher besonders für sehr kleine Wesen. Davon gab es dort damals einige, und eines davon wurde Oculudentavis khaungraae genannt, was so viel heißt wie Augenzahnvogel. Die Bezeichnung bezieht sich auf zwei der Merkmale des im Bernstein überlieferten Schädels, seine großen Augen sowie sein bezahnter Schnabel. In der Tat, wenn man sich die Aufnahmen des Schädels ansieht, so fallen die enormen Augen mit ihrem Skleralring, wie er für Vögel und Dinosaurier so typisch ist, sofort auf. Ebenso die Zähne an einem schnabelartigen Maul.

Die Größe des Wesens könnte mit guter Sicherheit dem eines Hummelkolibris entsprechen, der mit ca. 2 Gramm Lebendgewicht der leichteste Vogel der heutigen Zeit ist. Das wäre mit Sicherheit der leichteste und mit einem Schädel unter 2 cm Länge kleinste bisher bekannte Dinosaurier. Und so sahen es die Autoren vom Paper in Nature am 11. März auch.

Zweifel am kleinsten Dinosaurier

Kaum war die Sache publiziert, schon kamen erste Zweifel auf. Denn nicht nur Dinosaurier und die von ihnen abstammenden Vögel besitzen einen Skleralring, auch andere Reptilien wie zum Beispiel die modernen Leguane zeigen dieses Merkmal. Und trotz der verblüffenden Vogelähnlichkeit des Schädels mochten manche Paläontologen der Zugehörigkeit zu den Dinosauriern nicht ganz folgen und vermuteten, dass es sich hier um eine kleine Eidechse handeln könnte.

Im Lichte neuerer Informationen scheint es sich herauszukristallisieren, dass unser kleiner Freund Oculudentavis zwar über eindrucksvolle Augen und Zähnchen verfügte, aber eben kein Dinosaurier oder Vogel war. Vielmehr scheint es sich um eine kleine Eidechse mit, zugegeben, einigen bizarren Merkmalen zu handeln. Die neuen Daten waren so überzeugend, dass die Autoren ihr Paper am 22. Juli in Nature zurückzogen.

Das in diesem Video behandelte Paper wurde zurückgezogen und der Inhalt dieses Videos ist falsch. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Exemplar tatsächlich eine Eidechse und kein vogelähnlicher Dinosaurier sein könnte. Die gezeigten Bilder sind aber allemal sehr eindrucksvoll.

Das Problem der Paläontologen

Das hört sich für Außenstehende natürlich schlimmer an, als es ist. In unserer heutigen Welt sollte es eigentlich kein Problem darstellen, Einen Dinosaurier von einem Vogel oder beide von einer normalen Eidechse zu unterscheiden. Ist es (meistens) wohl auch nicht. Man kann das Tier nehmen, anschauen, sein Verhalten studieren. Sein Äußeres, seine Bewegungen. Wie es lebt und sich fortpflanzt. Zur Not kann es seziert werden und genetische Untersuchungen sollten die restlichen Probleme lösen können.

Und genau da liegt das Problem der Paläontologen. Genau das können die nämlich meistens nicht. Das Verhalten ihrer Studienobjekte lässt keine Rückschlüsse zu, da Knochen oder andere überlieferungsfähige Strukturen nur selten spezifische Verhaltensweisen zeigen. Überhaupt hat man nur sehr selten das ganze Lebewesen vor sich. Charakteristische Farben oder Weichteile sind nicht vorhanden. Meist sind es nur mehr oder weniger vollständige Fragmente, aus denen man die Position im Stammbaum des Lebens herleiten muss.

Dergleichen hat uns schon so manche fragwürdige fossile Spezies beschert, wie den Nanotyrannus oder die Frage, ob Triceratops nur die Jugendform des Torosaurus darstellt. Manchmal können auch alte ehrwürdige Speziesnamen wieder belebt werden, wie beim Brontosaurus/Apatosaurus Fall

Das gleicht dem Versuch, aus einem umgekippten Glas und einer angekokelten Tischdecke den Hergang einer Party zu rekonstruieren. Da kommt es sehr schnell zu Neuinterpretationen, sobald neue Fossilien des betreffenden Lebewesens auftauchen. Und das war, wenn ich das richtig verstanden habe, auch hier der Fall.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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