Der Boden des Jahres 2019 – Kippenboden

Mente et Malleo

Auch für 2019 gibt es wieder einen Boden des Jahres. Mit dem Kippenboden wurde ein anthropogener Boden ausgewählt, der besonders für die Rekultivierung ehemaliger Tagebaue in den Bergbaufolgelandschaften prägend ist.

Bergbau und die Folgen

Unser Hunger nach Rohstoffen hat oft sichtbare Folgen in der Landschaft. Ganz besonders die Tagebaue, aber auch Halden der Bergwerke fallen schnell ins Auge. Sie nehmen große Flächen in Anspruch. Hier wurden die natürlichen Böden abgetragen und zerstört. Ein sehr gutes Beispiel sind die ehemaligen Tagebaue aus den Braunkohlerevieren.

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Kippenboden am entstehenden Ilsesee bei Großräschen. Das Bild wurde im Juli 2007 aufgenommen, inzwischen sind weite teile des Kippenbodens bereits überflutet.. Eigenes Foto.
Das begehrte Erz oder die Kohle sind meist nur ein vergleichsweise kleiner Teil der bewegten Massen. Ein großer Teil ist Abraum, der meist entweder auf die Halden oder wieder in den Tagebauen verkippt wird. Charakteristisch ist dabei die Zerstörung der ursprünglichen geologischer Ordnung, das Unterste wird regelrecht nach Oben befördert. Eine Kippe entsteht.

Erst nach Beendigung der Bergbauaktivitäten können die oft riesigen, wüsten Flächen wieder renaturiert werden, denn sie sollen für die Natur und den Menschen als Lebensraum dienen. Auch die Bodenentwicklung kann erst jetzt wieder richtig einsetzen. Dabei muss diese oft wieder ganz von vorne anfangen, da der alte Boden komplett verschwunden und zerstört ist.

Kippenboden

Kippenböden gehören zu den Regosolen. Der Name Regosol leitet sich vom griechischen Wort für „Decke“ her und spielt auf die geringe Mächtigkeit der Bodenhorizonte an, die sich wie eine Decke über das Ausgangsgestein legen.

Als Regosole gehören die Kippenböden zu den terrestrischen Rohböden. Sie sind besonders charakteristisch in den Braunkohlerevieren zu beobachten.

Regosole entwickeln sich auf kalkarmen, meist sandigen Substraten. Im Fall der Kippenböden (oder eben Kippen-Regosole) können das aber auch sehr unterschiedliche Ausgangsgesteine sein, also auch kiesige oder lehmig-tonige. Je nachdem, was dort abgelagert wurde. Allen Kippensubstraten gemeinsam ist aber ihre ursprüngliche kalkarmut.

Bodenbildung

Wenn der Abraum auf der Halde abgekippt wurde, handelt es sich noch nicht um einen Boden. Auf den Kippen finden sich oft ursprünglich tiefere geologische Schichten sehr nah an der Erdoberfläche und mit ihnen viele ihrer Mineralien. Viele dieser Stoffe aus dem Ausgangsmaterial der Kippe beeinflussen den sich entwickelnden Boden.

Braunkohletagebau
Rekultivierung eines Tagebaus bei Schöningen. Im Hintergrund der spätere See, vorne setzt bereits die Bodenbildung auf dem Kippenboden.

 

So kann Restkohle ähnlich wie Humus Wasser speichern. Allerdings sind in der Restkohle auch oft sulfidische Minerale wie Pyrit oder Markasit. Diese Minerale oxidieren sehr schnell, wenn sie Sauerstoff ausgesetzt sind. Es entsteht Säure und die entstehenden Böden versauern. Ein pH-Wert um 3 ist für die meisten Pflanzen abträglich.

Die entstehende Säure kann auch das Grundwasser und das abfließende Oberflächenwässer beeinträchtigen. Um die Säuren zu neutralisieren, werden den Kippensubstraten oft Kalk, früher auch gerne Kraftwerksaschen beigemischt. Für Land- und Forstwirtschaft strebt man schwach saure bis neutrale Bedingungen mit einem pH-Wert zwischen 5 und 7 an.

Die Bodenentwicklung kann unmittelbar nach der Ablagerung beginnen. Es braucht allerdings einige Jahre, bis sich eine dünne, ca. 2 cm mächtige Humusschicht über das Ausgangsgestein gelegt hat.

Gekalkte Kippen-Regosole können in der Regel rasch wieder forstlich und landwirtschaftlich genutzt werden, benötigen aber weiterhin Hilfe bei der Bodenentwicklung.

Nutzung der Kippenböden

Kippenböden bieten sich für verschiedene Nutzungen an. Meist werden sie entweder landwirtschaftlich oder forstwirtschaftlich genutzt.

Aufforstung soll den Verlust von Waldflächen durch die Tagebaue wieder ausgleichen. Wälder beschleunigen den Aufbau einer mächtigeren Humusschicht und damit die Bodenentwicklung.

Wenn der Kippenboden landwirtschaftlich genutzt werden soll, muss meist eine spezielle Fruchtfolge angebaut werden, die dem nährstoff- und humusarmen Boden viel organisches Material zum Aufbau einer ausreichenden Humusschicht einträgt.

Bestehen die Kippenböden aus lehmigen Sanden oder sandigen Lehmen, so besitzen sie meist eine gute Speicherfähigkeit für Wasser und Nährstoffe. Beide Eigenschaften erleichtern den Pflanzen das Leben und verhelfen zu guten Erträgen.

Auf der anderen Seite können diese Substrate aber durch die Bearbeitung mit schweren Maschinen bei der Ablagerung und Urbarmachung auch verdichtet werden. Das führt dann oft zu schlechter Durchlüftung des Bodens und zu Staunässe. Daher sind Bodenverdichtungen zu vermeiden oder gegebenenfalls zu beseitigen.

Wenn die Kippenböden sich kleinräumig sehr stark in ihren Eigenschaften unterscheiden, sehr trocken und/oder sehr arm an Nährstoffen sind, erschwert dies die landwirtschaftliche Nutzung. Diese Gebiete bleiben oft sich selber überlassen. Das muss aber nicht zwangsläufig gegen den naturschutz sprechen. Denn gerade diese Gebiete stellen für viele Pflanzen und Tiere einen dringend benötigten Rückzugsraum dar.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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