Das Leben ist kein Ponyhof #7 – Wer ist der König des Meeres?

BLOG: Mente et Malleo

Mit Verstand und Hammer die Erde erkunden
Mente et Malleo

 

Nach Ausflügen zu den kleinen Giftmischern, Schlägertypen der Tierwelt und bedauerlichen Unfällen im Jura will ich diesmal dahin, wo die Natur rot in Zähnen und Klauen ist (OK, Klauen sind hier eigentlich weniger zu finden). An das Ende der Nahrungskette, zu den Top-Räubern in unseren Meeren. Also lassen ab ins Wasser mit uns…

Carcharodon carcharias
Ein Weißer Hai, Foto von Sharkdiver.com (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Denn dort im Meer ist sein Reich: Carcharodon carcharias, runde 4 bis vielleicht 5 Meter (manche Optimisten schätzen, dass maximale 8 Meter möglich sind) Fisch mit einem Revolvergebiss voller scharfer Zähne im Gesicht, dessen Beißkraft mit ihren 1,8 Tonnen Beißdruck in der heutigen Tierwelt unübertroffen sein dürfte. Und seit dem Film “Der Weiße Hai” glauben wir ja, ihn ganz gut zu kennen und vermuten als seine Hauptnahrung hysterisch kreischende Badegäste. Normalerweise aber ernähren sich Weiße Haie von allem, was sie überwältigen können. Dabei jagen vor große Vertreter dieser Spezies auch Meeressäuger bis hin zu See-Elefanten, kleinen bis mittelgroßen Zahnwalen oder Kälbern von größeren Walen. Und versammeln sie sich allem Anschein nach gerne vor Robbenkolonien, um zu jagen. Vor der südafrikanischen Küste kann es dabei zu ziemlich spektakulären Angriffen auf Robben kommen, bei der sich der angreifende Hai komplett aus dem Wasser katapultiert.

Der Film “Der Weiße Hai” hat dem Image dieser eindrucksvollen Jäger leider schwer geschadet. Er hat maßgeblich dazu geführt, dass aus einer gesteigerten Angst vor Haien heraus gezielt Jagd auf die Raubfische gemacht wurde und dass sich viele Abenteuer mit ihnen messen wollten und auch immer noch wollen. Diese Duelle gehen meist zu Ungunsten des Raubfisches aus, so dass Weiße Haie heute als gefährdet angesehen werden müssen.

Die etwas Hai-schonendere Variante gibt es natürlich auch. Man kreuzt einfach vor einer Robbeninsel auf und ab, um die dort auf die Robben jagenden Haie zu beobachten. Zum Beispiel vor den Farallon Inseln vor der kalifornischen Küste. Hier finden sich die Weißen Haie jeden Herbst ein, um dort Robben wie Seehunde, Seelöwen und See-Elefanten zu jagen.

Schwertwale, die zweite Art, welche die Spitze der Nahrungskette im Meer für sich beansprucht, werden nur sehr selten in der Region gesichtet. Sie kommen zwar im Seegebiet um die Farallon Inseln vor, aber sind im Vergleich zu den Haien selten. Obwohl tägliche Beobachtungen durchgeführt werden, wurden im Zeitraum zwischen 1973 und 1996 nur an 30 tagen Schwertwale gesichtet, in der Hauptjagdsaison September bis Dezember sogar nur an 9 Tagen. Und das, obwohl es an guter Beute nicht mangelt. Es sah also so aus, als ob die Anwesenheit der Haie die Wale auf Distanz hielt.

Orca size-2
Schwertwal im Größenvergleich mit einem Taucher. Original: Chris huh detailed version by me using This vector image was created with Inkscape. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Orca_size-2.svg), „Orca size-2“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Oft befinden sich auch Touristenboote in den Gewässern, um die Haie und Robben zu beobachten. Und eines Tages, am 4. Oktober 1996, war etwas ungewöhnliches zu sehen. Zwei Schwertwale, ein kleineres (4-5m) und ein größeres Weibchen ( 5-6 m, möglicherweise ein Wal mit der Bezeichnung CA-6, zuerst wurde vermutet, das kleinere wäre das Kalb des größeren Tieres) befanden sich in der Nähe eines Bootes, als sich ein Weißer Hai von 3-4 m Länge näherte.

Einer der Wale, das kleinere Weibchen, später anhand ihrer charakteristischen Narben als CA-2 identifiziert, tauchte ab und bewegte sich rasch in Richtung des Hais. Als sie wieder auftauchte, hatte sie den Hai am Rücken, nahe der Rückenflosse gepackt und kopfüber gedreht. Diese Haltung bewirkt bei vielen Haien und Rochen eine Art Lähmung. Rund eine Viertelstunde “paradierte” der Wal mit seiner Beute, vermutlich um den auf diese weise gelähmten Hai zu ersticken. Die Nachricht von dem Angriff wurde über Funk an weitere Boote durchgegeben, so dass innerhalb kürzester Zeit etliche Kameras über und unter Wasser das aufzeichnen konnten. Nach rund einer halben Stunde begannen die beiden Wale, die Leber des Hais zu fressen.

Bemerkenswerter Weise hatten die Haie es auf einmal sehr eilig, die Gegend zu verlassen. Obwohl immer noch Beute in Form von Robben vorhanden war, wurde in der restlichen Saison nur noch 2 Sichtungen von Weißen Haien verzeichnet. Die Haie zogen es also vor, eine Jagdsaison zu verpassen, um als der Gefahrenzone zu entkommen.

Untersuchungen an anderen Haien haben gezeigt, dass Haie möglicherweise durch den Geruch verletzter oder getöteter Artgenossen alarmiert werden. Zumindest hat das bei Versuchen mit Zitronenhaien war die Wirkung immerhin so stark, dass sie aus der Lähmungsstarre erwachten und flohen. Aber wohin die Haie von den Farallon Inseln so plötzlich geflohen waren, blieb lange Zeit ein Rätsel. Bis es am 15 November 2000 erneut zu einem Angriff auf einen Hai kam. Doch diesmal hatte einer der Haie, ein rund 5 m langes Männchen, einen Fahrtenschreiber angeheftet, der seinen Weg aufzeichnete.

Es konnte beobachtet werden, dass der Hai rund 500 m abtauchte und bis nach Hawaii schwamm.

Bei der ersten Attacke hatten CA-2 und ihre Begleiterin (möglicherweise CA-6, ein Weibchen, welches häufig in ihrer Begleitung ist) nur wenige Stunden zuvor einen Seelöwen erlegt und gefressen. Es waren möglicherweise die Reste dieser Malzeit, welche den Hai anlockten. Ob das von den Walen so geplant war, ist mir nicht ganz klar, aber es gibt Berichte von Schwertwalen in Gefangenschaft, welche mit Fischbrocken Seevögel anlockten, um diese zu erhaschen. Und auch in anderen Fällen zeigen Schwertwale die vermutlich komplexesten Jagdmethoden im Tierreich, wenn sie beispielsweise koordiniert große Wellen erzeugen, um Robben von Eisschollen herunter zu spülen.

Der Angriff vor den Farallon Inseln war auch kein Einzelfall, wie schon der zweite deutlich zeigt. Und im Jahr 2008 griff auch CA-2 erneut einen Weißen Hai an.

CA-2 gehört zu einer Gruppe von Schwertwalen, die sich vermutlich auf wehrhafte Beute spezialisiert haben. Das belegen die zahlreichen Narben, mit denen die Gruppenmitglieder gezeichnet sind. Und auch in anderen Gegenden haben sich Schwertwale auf Haie als Beute spezialisiert. Oft zeigen diese Wale eine charakteristische Abnutzung ihrer Zähne durch die zähe und raue Haut ihrer Beute. Manchmal sind die Zähne bis zum Zahnfleisch abgeschliffen.

Doch warum erzähle ich das Ganze hier? Einerseits mag ich Schwertwale, weil sie uns Menschen durchaus recht ähnlich sind. Zugegeben, sie sind größer und stärker, aber sie sind  sehr soziale Wesen mit sehr komplexen Familienstrukturen, die möglicherweise ihre Jagdmethoden an ihre Nachfahren ähnlich einer Kultur tradieren. Und sie sind ziemlich intelligent. Ihre Methoden zeigen oft, dass Köpfchen vor Muskeln zum Einsatz kommt. Aber noch etwas anderes, denn dies ist hier immerhin ein geologisch orientiertes Blog.

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Kiefer eines Großzahnhais. Hier hätte ein Mensch aufrecht gehend hindurchgepasst. Eigenes Foto, CC-Lizenz.

Daher verlassen wir kurzfristig unsere heimischen Gewässer und begeben uns in die Vergangenheit, genauer gesagt, ins Miozän. Und früher war bekanntlich nicht nur alles besser (wer´s glaubt…), sondern auch manches größer. Da gab es zum Beispiel einen Verwandten unseres Weißen Hais, den Großzahnhai Carcharocles megalodon, je nach Optimismus bei der Schätzung zwischen 12 und 20 m lang war und möglicherweise bis 100 Tonnen wog. Seine Beißkraft dürfte alles bisher dagewesene übertreffen, mit ihren 98 bis 176 kN (entspricht zwischen 10 bis 17 Tonnen) waren sie bis zu zehnmal so stark wie die heutigen Weißen Haie.

Megalodon scale1
Megalodon im Größenvergleich zum Weißen Hai und zum Menschen. Verschiedene Größenannahmen, von konservativ (13-14 m) bis optimistisch (20m). Misslelauncherexpert, Matt Martyniuk (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Megalodon_scale1.png), „Megalodon scale1“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Und ernährt haben sich diese Monstren vermutlich von den im Miozän reichlich vorhandenen Vorläufern unserer heutigen Bartenwale, wie Beißnarben auf deren Knochenfossilien eindrucksvoll belegen. Und um die Meere des Miozäns endgültig in eine nasse Vorhölle zu verwandeln, waren die Haie nicht alleine. Noch ein anderes Monster machte sie unsicher, ein Verwandter unserer heutigen Pottwale, den man sich als riesigen, 14-18 m langen, schwertwalähnlichen Räuber vorstellen kann. Sein Name ist Livyatan melvillei (und seine Namensgeschichte ganz nett). Alleine sein Schädel war 3 m lang und 1,9 m breit und mit bis 36 cm langen Zähnen bestückt.

Livyathan
Künstlerische Darstellung eines Livyatan. Ornitholestes (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Livyathan.jpg), „Livyathan“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Ob Megalodon eine vergleichbare Schwäche hatte wie unser heutiger weißer Hai? Und hat Livyatan diese ausgenutzt? Man hat Beißmarken auf Walknochen gefunden, die auf Großzahnhaie hinweisen. Vielleicht findet man irgendwann auch charakteristisch abgeschliffene Zähne von Livyatan. Aber bislang ist das Geophantasie…

Toothed whale skull
Schädel eines Pottwalverwandten aus dem Miozän von Kalifornien, der dem Schädel von Livyatan sehr ähnlich ist. Die starke Bezahnung und das große Schädelfenster sind deutlich sichtbar. Franko Fonseca from Redondo Beach, USA (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Toothed_whale_skull.jpg), „Toothed whale skull“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

 

Einige Videos, in denen der Angriff von CA-2 auf den Hai thematisiert ist und die einen Eindruck vom Verhalten der Schwertwale vermitteln.

 

 

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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