Chloritoid – Mineralogisches Alpabet #C

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Manche Minerale hören auf ziemlich sperrige Namen, wie zum Beispiel Chloritoid. Der Name leitet sich nicht, wie man vielleicht auf den ersten Blick vermuten möchte, von einem etwaigen Chlorgehalt her. Im Gegenteil, Chloritoid enthält keinen Chlor.
Seinen Namen erhielt das Mineral 1837 wegen seiner starken Ähnlichkeit mit einer anderen Mineralgruppe, der Chlorit-Gruppe (die übrigens auch keinen Chlor enthält, der Name leitet sich vom griechischen chloros für grün her).

Chloritoid hat die Zusammensetzung (Fe,Mg,Mn)2Al4Si2O10(OH)4 und kann sowohl monoklin als auch triklin kristallisieren. Diese Eigenschaft wird Polymorphie genannt.
Die Kristallform ist meist plattig und pseudohexagonal. Meist kommt es grün (daher auch der Name) daher. Dabei kann die Bandbreite von dunkelgrün, fast schwarz bis gelblich reichen. Seine Mohs´sche Härte liegt bei 6 bis 6,5.

Chloritoid-bem-12b
Chloritoid. Derartig gut ausgebildete Kristalle des Minerals sind sehr selten. Dieses stammt aus Nuristan in Afghanistan. Größe: 6.3 x 3.5 x 3.0 cm. Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chloritoid-bem-12b.jpg), „Chloritoid-bem-12b“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Bleibt natürlich die Frage, wozu das Ganze?
Wenn die Erde ein Buch wäre, wären die Minerale die Buchstaben. Und wie Buchstaben in einem Buch lassen sich die Minerale lesen. Sie erzählen die Geschichte der Erde. Und das ist auch mit dem Chloritoid nicht anders.
Chloritoid wird bei der Regionalmetamorphose gebildet und kommt in Glimmer- und Tonschiefern vor. Dabei können die Gehalte an Chloritoid durchaus so deutlich werden, dass das betreffende Gestein als Chloritoid-Schiefer bezeichnet wird.
Chloritoid im Dünnschliff
Chloritoid aus der Gegend von Lyon im Dünnschliff bei parallelen Polarisatoren. Credit: Emmanuelle Boutonnet (distributed via imaggeo.egu.eu),(CC BY-NC-SA 3.0).

Nehmen wir das vorliegende Beispiel eines chloritoidhaltigen Schiefers aus der Gegend von Lyon.
Regionalmetamorphosen sind gemeinhin als gebirgsbildende Prozesse in der Erdgeschichte anzusehen. Also als Zeiten, in denen sich große Gebirge gebildet haben, meist in Folge von Kollisionen verschiedener Kontinentalplatten. Auch wenn die Nähe Lyons zu den Alpen es vielleicht nahelegen mag: es waren nicht die Alpen, deren Entstehung bei diesem Chloritoid eine Rolle spielten. Es war ein anderes, ein älteres Gebirge. Das so genannte Variskische Gebirge. Benannt nach einem alten Volksstamm, der in der Gegend des heutigen Hof in Bayern gelebt haben soll (wobei es fraglich ist, ob er es auch getan hat). Ereignet hat sich diese Gebirgsbildung ab dem Devon bis ins Karbon. Die Lage war vermutlich relativ kompliziert. Ich habe noch dumpfe Erinnerungen an mein frühes Studium, in dem es an schlüssigen plattentektonischen Erklärungen ausgerechnet für dieses für Mitteleuropa wichtige Gebirge haperte. Andere Gebirgsbildungen wie die jüngeren Alpen oder die älteren Kaledoniden ließen sich da schon gut auflösen.

Das lag daran, dass nicht nur größere, gut bekannte Kontinentalplatten wie Gondwana oder Laurussia an dem Gebirge beteiligt waren, sondern auch etliche kleinere Terrane, wie zum Beispiel Avalonia und Armorica.

Das Ergebnis dürfte beeindruckend gewesen sein. Ein auch als Karbonische Alpen bezeichneter Gebirgszug, quer durch das, was einmal als Europa bekannt werden sollte. Er war gut 600 Kilometer lang und seine durchschnittliche Höhe soll bei gut 5 Kilometern gelegen haben.
Da aber bekanntlich nichts für die Ewigkeit ist, und auch Gebirge von der Erosion beseitigt werden können, war der ganze Spaß bereits im Perm wieder weitgehend verschwunden. Daran war zum einen natürlich die Höhe des Berge und die damit einhergehende Reliefenergie schuld, zum anderen auch das warme Klima, dessen Zeugen wir nach wie vor aus der Erde des Ruhrgebiets klauben (es gibt noch andere Mechanismen, die ein hohes Faltengebirge wieder einebnen können, aber das ignorieren wir hier erst einmal). Auch an der Bildung der Steinkohlevorräte dort war also das alte Gebirge, oder besser sein Abtragungsschutt, beteiligt.

Nicht das man das alles aus einem einzelnen Chloritoid in einem Gestein alles herauslesen könnte.

So gut sind Geowissenschaftler nun auch wieder nicht. Schließlich kann man ja auch nicht ein mehrbändiges Werk aus einem einzelnen Buchstaben heraus rekonstruieren. Aber dieses Mineral macht uns klar, welche enormen Veränderungen die Erde und unser eigener Kontinent durchlaufen hat, um sich so zu präsentieren, wie wir ihn heute sehen. Und das nichts für immer ist, selbst gewaltige Gebirge, auch wenn es uns kurzlebigen Primaten so erscheinen mag.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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