Spionage unter dem Deckmantel der Rohstoffsuche – das Azorian Projekt

Mente et Malleo

So langsam nähert sich der 15. März, und damit das avisierte Erscheinungsdatum des Buches, das Florian Neukirchen und meine Wenigkeit über die Welt der Rohstoffe verfasst haben. Und um auch mal ein klein wenig Werbung in eigener Sache hier zu machen (räusper), sollen hier im Blog um diesen Termin herum einige kleinere rohstoffbezogene Postings auftauchen.

Im Moment herrscht ja wieder fast so etwas wie ein „Berggeschrey“, oder, um es modern auszudrücken, ein Hype in Sachen Rohstoffsuche. Dass Rohstoffe und die Suche nach ihnen wichtig sind (und damit dankenswerter Weise auch die Geowissenschaften), hat sich mittlerweile bis in die Wirtschaftsseiten der Zeitungen herumgesprochen. Das war ja nicht immer so. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass uns Studenten Mitte der 90´er Jahre gesagt wurde, dass die Rohstoffsuche ziemlich tot und auf absehbare zeit damit nichts zu gewinnen sei. Es war die Zeit, in der die lagerstättenkundlichen Lehrstühle dem Rotstift zum Opfer fielen. Zum Glück hat sich das wieder geändert, und damals verloren gegangenes Wissen muss heute mühsam zurückgewonnen werden. Aber das soll hier nicht das heutige Thema sein. Vielmehr will ich ein klein wenig in die Geschichte zurückgehen. In eine Zeit, die in Sachen Rohstoffsuche der heutigen nicht so unähnlich ist.

Manganknolle
Eine Manganknolle, wie sie 1982 aus dem Pazifik geborgen wurde. Bildbreite 20 cm. By User Koelle (Walter Kölle) on de.wikipedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Manganknolle.jpg), „Manganknolle“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
 In der zweiten Hälfte der 1960´er Jahre machten sich ebenfalls viele kluge Köpfe darüber Gedanken, wie der Rohstoffhunger der Menschheit zu befriedigen sei. Und da man die Landmassen für abgegrast hielt, rückte der Ozean immer mehr in den Fokus. Man erinnerte sich zum Beispiel an eine Kuriosität, die man ja bereits seit 1868 kannte, die Manganknollen. Und man wusste seit der britischen HMS Challenger Expedition in den Jahren 1872 bis 1876, dass diese seltsamen Bildungen in weiten teilen der Ozeane zu finden sind. Ihr Gehalt an verschiedenen ökonomisch interessanten Metallen machte sie gut 100 Jahre nach ihrer Entdeckung zum Gegenstand verschiedener Planungen.

 

Während aber der Großteil der Projekte tatsächlich vom Tiefseebergbau handelte, gab es einige, die ganz andere Schätze zum Ziel hatten. Und eines davon war das Azorian Projekt. Die CIA war an den Milliardär Howard Hughes herangetreten. Hughes besaß eine Firma namens Global Marine, Inc, die verschiedene Schiffe zum Abbau mariner Ressourcen betrieb. 1971 baute also Global Marine die Glomar Explorer, die folglich vor Hawaii nach Manganknollen suchen und diese im Rahmen eines Testbetriebes auch fördern sollte. Doch dieser Plan, der so schön in die Zeit passte, war in Wirklichkeit nur Tarnung. Das Schiff hatte einen vollkommen anderen Auftrag.

Denn außer einem maritimen „Berggeschrey“ war es auch die Zeit des Kalten Krieges. zwei große politische Blöcke standen sich ziemlich unversöhnlich gegenüber, jeweils bis an die Zähne bewaffnet. Ein Teil dieser Bewaffnung befand sich auf Unterseeboten, die möglichst ungesehen und ungehört vom Gegner die Tiefen der Ozeane durchkreuzten. Ach, wie gerne hätte man da wohl mal so ein U-Boot des Gegners in die Finger bekommen….

Image Submarine Golf II class
Luftbild eines Reketen U-Bootes der Golf-II Klasse. Der feuchte Traum mancher Spione im Kalten Krieg. By Victor12 at en.wikipedia [Public domain], from Wikimedia Commons

Diese Gelegenheit schien gekommen, als im März 1968 in der Nähe Hawaiis das sowjetische Raketen U-Boot K129 verloren ging. Das Boot, ein dieselelektrisches U-Boot der Golf-II-Klasse, war am 24. Februar mit 86 Mann Besatzung und drei ballistischen Raketen von seinem Stützpunkt in Petropawlowsk-Kamtschatski ausgelaufen und hatte sich noch einige Male während des Schnorchelns gemeldet. Ab März herrschte dann plötzliche Funkstille. Die sowjetische Marine führte in den folgenden Wochen eine erfolglose Suchaktion entlang des vorgesehenen Kurses des Bootes durch. Die Aktivitäten der Sowjets blieben aber der US-amerikanischen Marine nicht verborgen. Allerdings hatten die Amerikaner noch eine andere Information. Wenige Wochen vor den sowjetischen Aktivitäten hatten die mehrere Unterwasserlauschstationen des Sound Surveillance System (SOSUS) eine Unterwasserexplosion aufgezeichnet, deren genauen Ort man durch Triangulation aufgezeichnet.

Im Zusammenhang mit den festgestellten Aktivitäten der Sowjets schloss man in Amerika, dass die sowjetische Marine höchstwahrscheinlich eines ihrer U-Boote verloren hatte.

K129 HGE Bergungsort
Der Bergungsort der K129. By Enemenemu [Public domain], via Wikimedia Commons

Man schickte ein eigenes, für die Unterwasserspionage umgerüstetes U-Boot, die USS Halibut (SSGN 587) in die Region und fand das Wrack in 5000 m Wassertiefe. Doch wie bergen? Für U-Boote lag das Wrack zu tief. Es wurden drei Möglichkeiten ins Auge gefasst. Zum einen könnte man das Wrack mit Hilfe von Seilwinden direkt heben. Oder eventuell den Auftrieb mit Schwimmkörpern , die unter Ballast an das Wrack gebracht und dort dann befestigt werden, erhöhen. Es gab auch die Idee, das Wrack mit Hilde elektrolytisch erzeugter Gase zu heben. Alle Pläne hatten aber enorme technische Schwierigkeiten zu lösen. Daher entschied man sich für den direkten Weg. Das Wrack sollte von einem Schiff aus gehoben werden.

Doch dies bedurfte einer Tarnung, schließlich wollte man den Sowjets ja nicht gerade auf die Nase binden, dass man sich an ihrem Boot vergriff. Denn die Sowjets hatten das Boot ja offiziell nicht aufgegeben. Kriegsschiffe werden als unter besonderem Schutz stehend angesehen, jedenfalls in vielen Fällen. Und selbst die USA haben in einem anderen Fall argumentiert, dass das Recht an Fracht oder Rumpf eines unter US-Flagge gesunkenen Schiffes bei den Vereinigten Staaten liegt, so lange dieses nicht transferiert oder aufgegeben wurde.

Es musste also eine halbwegs glaubwürdige Tarnung her. Und was lag da näher, als die Suche nach Erzen auf dem Meeresgrund?

Und hier kam eben Howard Hughes und seine Global Marine ins Spiel. Hughes sollte als Eigner der geplanten Bergeplattform auftreten und der Tarnung so die notwendige Glaubwürdigkeit verleihen. 1972 lief die Hughes Glomar Explorer auf der Werft Sun Shipbuilding & Drydock in Chester, Pennsylvania, vom Stapel. Alleine der Bau dieses Spezialschiffes verschlang 350 Millionen $. Überhaupt waren es die ausufernden Kosten, welche das Projekt fast zu Fall gebracht hätten.

Das 189 m lange Schiff hatte es aber auch in sich. Aus einer Ladebucht unter dem Rumpf konnte ein Greifarm zum Meeresgrund herabgelassen werden. Dieser wurde über ein Gestänge in Postion gehalten. Das Gestänge wurde über einen 80 m hohen Förderturm eingefädelt. Das Schiff verfügte über 5 Strahlruder (2 am Bug und 3 am Heck) und ein Computersystem, mit deren Hilfe es sich exakt über vorher ausgesetzten Sonatranspondern halten konnte.

Nach ausgiebigen Erprobungen unter anderem vor den Bermudas machte sich das Schiff auf die lange Reise in den Pazifik. Dabei umschiffte es Kap Hoorn und und ging am 12. September 1973 in Valparaiso, Chile, vor Anker.

Hughes Glomar Explorer At Port of Long Beach
Die Hughes Glomar Explorer am 13. Juni 1976 in Long Beach, Kalifornien. Die beiden Gittermasten halten die Stangen, welche den Greifarm unter dem Schiff in Position bringen. By Ted Quackenbush (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hughes_Glomar_Explorer_At_Port_of_Long_Beach.jpg), „Hughes Glomar Explorer At Port of Long Beach“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Ende September erreichte es Kalifornien, wo die zur Bergung benötige Spezialausrüstung installiert wurde. Für die Aufnahme des Greifarms wurde extra eine tauchfähige Schute, die Hughes Mining Barge, entwickelt. Dazu hatte sich die Glomar Explorer direkt über die abgetauchte Schute manövriert, die beiden Gittermasten neben dem Förderturm abgesenkt und den Greifarm in die Ladeluke gezogen.

Nach weiteren Tests konnte die Glomar Explorer am 20. Juni 1974 in Richtung Hawaii auslaufen. Anfangs schien die Operation nicht gerade unter einem besonders günstigen Stern zu stehen. Erst verzögerte hoher Wellengang durch einen Taifun die Arbeit, dann sorgte ein britisches Handelsschiff für Verzögerungen. Auf der Bel Hudson erlitt ein Seemann einen Herzanfall, und da die Glomar Explorer über ein gut ausgestattetes Lazarett verfügte, leistete man Hilfe. Allerdings mussten dadurch alle Bergungsarbeiten ruhen, bis der britische Seemann wieder von Bord war.

Danach folgte erst ein Tropensturm wieder für hohen Seegang. Und als das Wetter wieder besser wurde, tauchte ein sowjetisches Spionageschiff auf, das sich für die Vorgänge zu interessieren schien. Erst als die Sowjets auf Anfrage gesagt bekamen, man teste den Abbau von Erzen am Meeresgrund, drehte die Chazhma ab und dampfte wieder nach Hause.

Möglicherweise ahnten die Sowjets durchaus, dass die Amerikaner im Pazifik etwas hinsichtlich ihres verlorengegangenen U-Bootes planten. Allerdings betrachteten sie dies als weitgehend unmöglich, wiesen ihre Schiffe in der Region dennoch an, ungewöhnliche Aktivitäten zu melden und zu beobachten. Das Unwissen über den genauen Ort des Wracks machte es allerdings ziemlich schwierig, beobachtete Aktivitäten richtig einzuschätzen.

Am 1. August hatte der Greifarm das U-Boot umschlossen und es konnte gehoben werden. Über unverschlüsselten Funk teilte die Glomar Explorer mit, dass der zur Bergung der Manganknollen eingesetzte Greifarm beschädigt worden sei, und das Schiff zur Überprüfung die Marinebasis auf den Midway Inseln anlaufen sollte. Diese Legende sollte als Erklärung dafür dienen, dass ein ziviles Schiff auf eine Marinewerft fuhr.

Allerdings gab es mit dem Greifer rasch echte Probleme. Die Hydraulik versagte und Teile brachen ab. Dabei rutschten große teile des bereits geborgenen sowjetischen U-Bootes wieder in die Tiefe.

Es wurden jedoch unter anderem zwei nukleare Torpedos mit geborgen, so dass die Operation insgesamt nicht als Fehlschlag gewertet wurde. Außerdem wurden auch 6 Leichen von der Crew gehoben, welche im September 1974 in einer Zeremonie ein auf See bestattet wurden (Filmmaterial darüber wurde Russland im Jahr 1992 ausgehändigt). Zu den geborgenen Gegenständen gehörte neben Codebüchern und einigen technischen Gegenständen aus dem Boot wohl auch die Schiffsglocke, welche Russland später im Rahmen diplomatischer Bemühungen übergeben wurde.

Die zumindest teilweise Bergung der K129 aus über 5000 m Tiefe stellt wohl nach wie vor die tiefste jemals unternommene Bergung eines Seefahrzeugs dar.

 

 

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

7 Kommentare

  1. Diese (oder eine ähnliche) Geschichte kannte ich zwar schon, aber es ist doch immer wieder interessant, zu lesen.

    Die zumindest teilweise Bergung der K129 aus über 5000 m Tiefe stellt wohl nach wie vor die tiefste jemals unternommene Bergung eines Seefahrzeugs dar.

    Nun ja, ich glaube eher, es ist die tiefste Bergung, die bisher bekannt gegeben wurde. Vermutlich werden in den Archiven der Geheimdienste noch Informationen über ähnliche Aktionen liegen, die bisher aber noch unter Verschluss gehalten werden.

    Noch ‘ne Kleinigkeit am Rande. Vor dem Bild von der Hughes Glomar Explorer steht der Satz:

    Dabei umschiffte es Kap Hoorn und und ging am 12. September 1973 in Valparaiso, Chile.

    Äh ja, was ging es denn da? – Ich nehme an, vor Anker, aber das steht da nicht.

  2. Die Manganknollen links liegen lassen und dafür ein U-Boot aus 5000 Meter Tiefe bergen. Da sieht man mal wieder wie viel stärker die Rüstung des Feindes interessiert als Forschung und Rohstoffzukunft. Für Rohstoffe interessieren sich die meisten erst, wenn man Geld damit verdienen kann. Überhaupt ist die Zukunft für die meisten erst interessant wenn sie zur Gegenwart wird. Letztlich ist das aber verständlich. Es gibt viele mögliche Zukünfte aber nur eine Gegenwart.

  3. Der Pott sieht mir arg topplastig aus mit sinem Riesenkran. Bei jedem Seegang muss der gerollt haben wie ein betrunkener Seemann. Wahrscheinlich kam daher die Verzögerung: So richtig schwere See wollte man dem Schiff vielleicht lieber nicht zumuten.

    • Sie sind mit dem Dampfer immerhin um Kap Hoorn herumgegangen. Aber es war mit Sicherheit kein Vergnügen. Aber die Bohrschiffe und ähnliches haben meist viel Ballast im Kiel sowie flutbare Ballasttanks, so dass sich die Topplastigkeit wohl in Grenzen hält. Das Schiff ich nach wie vor im Dienst.

    • In einem etwas älteren Telepolis Artikel zu der Aktion steht, dass das Schiff

      über einen Bohrturm verfügte, der mittig so aufgehängt war, dass er vom Seegang nicht beeinträchtigt wurde und in der Vertikalen blieb.

      Wenn das nicht nur für Bergungsaktionen, sondern auch für die normale Fahrt gilt, dann nehme ich an, dürfte die Höhe kein all zu grosses Problem sein.

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