• Von Gunnar Ries
  • Lesedauer ca. 5 Minuten
  • Kommentare deaktiviert für Auch ich war ein Fremder – persönliche Gedanken zur Flucht nach Europa

Auch ich war ein Fremder – persönliche Gedanken zur Flucht nach Europa

Mente et Malleo

Angesichts intensiven Bilder von Flüchtlingen und Vertreibung, die uns diese Tage via Fernsehen und Internet erreichen, wird man schnell nachdenklich. Wie gut haben wir es hier doch. Eine Insel der Glückseligen. Wir hier müssen keine Angst haben, dass Bürgerkrieg und politische Verfolgung uns unserer Heimat beraubt und wir um unser leben in die Ferne flüchten müssen. Und ich kann, dass muss ich feststellen, mir nicht einmal im Geringsten vorstellen, wie das sein muss: Nur mit dem allernötigsten auf der Flucht , auf Gedeih und Verderb fremden Menschen ausgeliefert zu sein.
Vielleicht ist es da ganz gut, sich einmal an Situationen zu erinnern, in denen man selber fremd war. Zum Glück sind die Naturwissenschaften meist sehr international aufgestellt. Wer sich mit ihnen beschäftigt, der muss fast zwangsläufig auf andere Menschen zugehen, egal, wie diese nun aussehen oder woher sie kommen mögen. Das gilt, vielleicht sogar in besonderem Maße, auch für die Geowissenschaften. Die Geologie der Erde schert sich nicht im Mindesten um die von uns gemachten Ländergrenzen. Geologische Strukturen und Prozesse kann man nur verstehen, wenn man die Sache von einer höheren Perspektive verfolgt. Wenn man in geologischen Zeiträumen und Dimensionen denkt, verschwimmen die Unterschiede eh sehr rasch. All das, auf das manche Menschen so stolz sind, ist im Vergleich mit dem Alter der Erde nicht mal ein Wimpernschlag.

 

Credit: iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
Credit: iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

Reisen, so wird ja gesagt, sollen den Horizont erweitern. Und als Geowissenschaftler muss man viel Reisen. Schon allein aus dem Grund, weil sich die geologischen Strukturen und Vorgänge am Besten vor Ort studieren lassen. Und so kommt man immer wieder in Situationen, in denen man fremd ist. Manchmal sogar total fremd. Dass man auf Menschen trifft, die anders aussehen, und deren Sprache man nicht spricht. Menschen aus anderen Kulturen, mit anderen Empfindlichkeiten. Wo Missverständnisse vorprogrammiert sind und man nicht nur viel Geduld mit seinem gegenüber haben muss. Man muss vor allem hoffen, dass die Leute selber sehr viel Geduld mit dem fremden Typen aus dem fernen Land haben, der augenscheinlich überhaupt nicht weiß, wie man sich anständig benimmt. Die Erfahrung zu machen, dass all die gesellschaftlichen Spielregeln, die man mühsam als Kind gelernt hat, verändert sind. Dies sind Dinge, denen man als Tourist meist entgeht. Wer sich aber länger in einem fremden Land aufhält, dürfte wissen, was ich meine.
Mir ging es so, als ich für 1 Jahr nach Afrika ging. Genauer gesagt, nach Uganda und Tansania. Da trudelte ich also mit meiner Kiste Gepäck für 1 Jahr und allerlei Illusionen in Entebbe ein und fragte mich irgendwie, wie und wo ich hier eigentlich gelandet bin. Das Gefühl hielt noch etliche Tage an. Auch wenn mir alle Leute vom Geological Department der Makerere University freundlich entgegen kamen. Nun sagt man den Hamburgern ja gerne nach, dass sie nur langsam warm werden. Zumindest brauchte ich einige zeit, um mich unter all den fremden Leuten halbwegs zurecht zu finden. Zu meinem Glück hatte ich meinen Betreuer in Uganda schon vorher kennengelernt. Noch glücklicher, er war als DAAD Langzeitdozent an der Makerere Universität. Ich hatte also das große Glück, jemanden mit meiner eigenen Muttersprache an meiner Seite zu haben. Das hat mir den Einstieg unglaublich erleichtert. Vergleichbares galt später für Dar es Salaam, meinen dortigen Betreuer kannte ich bereits aus Hamburg und von einer vorhergehenden Exkursion nach Tansania. Dennoch war es nicht einfach, sich durch die Fallstricke der örtlichen Bürokratie zu manöverieren. Und als Europäer hat man dabei noch das Glück, meist reserviert, aber durchaus nicht allzu unfreundlich behandelt zu werden. Dieses Glück dürften hierzulande wohl nicht alle Flüchtlinge haben.

Ich bin den beteiligten Personen von den jeweiligen Geology Departments Der University of dar es Salaam und der Makerere University jedenfalls sehr dankbar, dass sie mich mit all meinen europäischen Gewohnheiten und meiner ganz innewohnenden Eigenheiten ertragen haben und mir immer mit Rat und mancher Tat hilfreich zur Seite standen. Es war wahrscheinlich für alle beteiligten nicht immer ganz einfach. Aber wir fanden immer zueinander und zu fruchtbarer Arbeit. Mir bedeutet dieses eine Jahr unendlich viel, und ich bin meinen Partnern in Uganda und Tansania unendlich dankbar dafür. Vielleicht mehr, als ich je ausdrücken könnte. Und ich bin sehr dankbar für alles, was ich während dieser Zeit des Ankommens, der Aufnahme und des anschließenden erneuten Abschieds gelernt habe. Ich bin definitiv als anderer Mensch hier wieder in Deutschland aufgeschlagen. Vermutlich werden andere Langzeitreisende mir dieses gerne bestätigen. Reisen bildet. Man lernt auch, den Blick auf das eigene Land zu schärfen. Viele Dinge, die uns so selbstverständlich sind, fehlen anderswo auf diesem Planeten teilweise oder auch ganz. Man begreift, auf welcher Insel der Glückseligen wir hier eben. Und geht es gut, auch wenn wir oft gerne jammern. Wir dürfen nicht vergessen: verglichen mit den allermeisten Menschen auf dieser Welt jammern wie auf einem sehr hohen Niveau.
Sicher haben wir hier auch viele Probleme. Aber sehr viele Menschen weltweit hätten diese sicher gerne.
Es macht mich glücklich zu sehen, wie positiv die vielen Flüchtlinge von vielen begrüßt werden. Und dass überhaupt Menschen in Not hierher kommen wollen. Das ist doch auch irgendwie eine Abstimmung mit den Füßen. Auch dass ist in meinen Augen ein guter Grund, stolz zu sein.

Sicher, die Integration wird nicht immer leicht sein. Aber wir können die Menschen auch nicht im Stich lassen.
Es zeigt aber auch, dass die unter dem Euphemismus „besorgte Bürger“ firmierenden meist fremdenfeindlichen Menschen eben gerade nicht die Mehrheit meiner Landsleute repräsentieren. Und nein, Gewalt gegenüber Menschen ist keine Meinungsäußerung und schon gar kein Diskussionsbeitrag in der Debatte um Zuwanderung. Sie ist ein Verbrechen. So etwas ist peinlich, schamlos und ekelerregend.
Das musste ich mal loswerden. Wer sich daran stört, kann gerne weitergehen. Die Kommentarfunktion bleibt für diesen Beitrag abgestellt. Das nächste Mal gibt es auch wieder Geologie.

 

 

Ach ja. Dieser Beitrag soll an der Blogparade “Ich war fremd” vom Landlebenblog teilnehmen.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen