Worum geht es in der Wissenschaft?

Ein Plädoyer für eine solidarische Forschungswelt

Worum geht es eigentlich in der Wissenschaft? Und warum tun wir, was wir tun?

In den Niederlanden, wo ich seit Ende 2009 hauptsächlich lebe und arbeite, fing gerade das neue akademische Jahr an. Wie jedes Jahr wurde auch dieses wieder mit feierlichen Zeremonien eröffnet, wurden Reden gehalten, Ehrengäste geladen und so weiter. Zwei Beobachtungen fand ich so wichtig, dass ich sie gerne mit einem deutschsprachigen Publikum teilen würde.

Doch kurz noch: Warum die Niederlande? Das hat schon etwas mit dem Thema zu tun. Davon abgesehen, dass vom sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs Internationalität erwartet wird (gemeint ist damit in der Regel, in die zu USA gehen), hatte ich das deutsche Hochschulsystem nach der Promotion satt. Die meisten müssen sich mit Jahres- oder Zweijahresverträgen herumschlagen. Ein Dreijahresvertrag gilt schon als Luxus.

In der deutschen Wissenschaft arbeiten

Die Bezahlung ist auch eher mau: Als Doktorand (also schon nach hervorragendem Abitur und Studienabschluss) arbeitete ich regelmäßig 60-80 Stunden pro Woche, freie Tage gab es für mich nicht, für rund 1000 Euro netto; und wenn mein Chef noch schnell ein paar Slides für einen Vortrag in Japan brauchte, dann war für mich klar, dass ich im Büro arbeitete, bis im Land der aufgehenden Sonne der Tag anbrach, also bis in die Nacht.

Geld war für mich nie die treibende Kraft, aber die erste Gehaltsabrechnung war dann doch ein kleiner Schock. Manche Arbeits- und Forschungsmittel habe ich selbst angeschafft, die Prämie der Lebensversicherung mit einem Nebenjob finanziert. An Urlaub war die ganze Zeit nicht zu denken. Ich habe von Extremfällen gehört, in denen Angestellte sogar einen Bürostuhl von zuhause mitbringen mussten.

Schlecht funktionierende Verwaltung

Zu den schlechten Vertragsbedingungen kam die oft demütigende Behandlung durch die Verwaltung. Die fraß nicht nur kostbare Arbeitszeit, sondern manchmal auch ein Loch ins Portemonnaie, etwa bei Reisekostenabrechnungen. Das war alles andere als kollegial. Wo ich in Beschwerde ging, zum Leidwesen mancher Kolleginnen und Kollegen (“Bloß nicht auffallen!”), bekam ich Recht. Dieser ganze Aufwand war unnötig. Die Geschichten, die ich selbst erlebte und bis heute von vielen anderen hörte und höre, würden ganze Bände füllen; doch es wären triste Bücher, die verständlicherweise niemand lesen wollte.

Einem Wissenschaftler, der für seine Berliner Uni Forschungsgelder in Millionenhöhe einwarb, doch als “Gastdozent” weniger Geld bekam als seine eigenen Projektmitarbeiter, möchte ich diese Zeile widmen. Was für eine Schande für das Land! Warum demütigen Menschen einander so? Ich bin heilfroh, dass ich nicht nach Berlin ging, als mir das angeboten wurde.

Starke Gewerkschaften in den Niederlanden

Also die Niederlande: Es war eher Zufall. Heute weiß ich, dass die Arbeitsbedingungen hier besser sind, weil es zwei starke Gewerkschaften gibt, den Vakbond voor de Wetenschap (Gewerkschaft für die Wissenschaft, VAWO), in der ich Mitglied bin; sowie eine Sektion der größten Gewerkschaft der Niederlande, der Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV), in der rund eine Millionen Mitglieder sind. Die beiden arbeiten häufig zusammen und sorgen für starke Tarifverträge.

Diese gelten, wohlgemerkt, schon für Doktorandinnen und Doktoranden (rund 2.200 bis 2.800 Euro Brutto über vier Jahre). Allerdings werden diese Bemühungen in den letzten Jahren durch Promotionsstipendien torpediert. Mit einem rechtlich unklaren Status – man denke an Sozial- und Krankenversicherungen – werden vor allem Leute aus dem Ausland angelockt, gerne auch aus China. Für die ist so ein Stipendium besser als die Alternativen. Es muss aber klar sein, dass damit der Druck auf die Stammbelegschaft erhöht wird. So funktioniert das ja auch mit der Leiharbeit in der freien Wirtschaft.

Motivation und Kooperation

Soweit etwas Hintergrundwissen. Ich wollte aber darüber schreiben, worum es in der Wissenschaft geht, warum wir tun, was wir tun. Für viele von uns ist die Suche nach Wissen eine große Freude; Wissen über Mensch, Gesellschaft, die Welt. Wir Akademikerinnen und Akademiker haben oft eine hohe intrinsische Motivation.

Das heißt, dass wir uns von innen heraus motivieren. Diese Fähigkeit brauchen wir auch, wenn wir uns von Projekt zu Projekt hangeln, manchmal über Ländergrenzen hinweg, um irgendwann vielleicht einmal einen festen Platz zu finden; oder weil wir sehr lange warten müssen, bis unsere Forschung publiziert wird.

Oftmals wird gesagt, Wissenschaft basiere auf Kooperation. Anders als in den Zeiten derjenigen Genies, deren Namen wir oft mit Wissenschaft verbinden, werden Netzwerke, ein anderes Wort für Kooperation, heute immer wichtiger. Man denke nur an den Large Hadron Collider (LHC) in Genf, mit dem das Higgs Boson entdeckt wurde, oder an das Human Brain Project (HBP), mit dem ein menschliches Gehirn im Supercomputer simuliert werden soll. Beide basieren in großem Maße auf der Zusammenarbeit hunderter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Länder.

Vom Konkurrenzkampf zum Hyperwettbewerb

Dennoch geht es in der Wissenschaft auch in zunehmendem Maße um Konkurrenzkampf. Einige Institutionen verpflichten ihre Angestellten dazu, Forschungsgelder einzuwerben, um auf ihrer Laufbahn voranzukommen oder vielleicht auch nur ihre Stellen zu behalten. Die Erfolgsraten solcher Initiativen sind mitunter nicht höher als 10-15%. Für den großen Rest fehlt schlicht das Geld.

Im 20. Jahrhundert wurde unsere Arbeit oft mit dem Motto “publish or perish” zusammengefasst, publiziere oder gehe unter. Das ist längst überholt. Heute geht es darum: “Werbe Geld ein, publiziere, kommuniziere, werde zitiert oder gehe unter.”

In Zeiten knapper Mittel steigt logischerweise der Wettbewerbsdruck. Einige führende Forscherinnen und Forscher aus den USA kritisierten die Folgen, die in der Regel für die jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am schlimmsten sind, schon als “Hyperwettbewerb”. Willkommen im Hamsterrad der heutigen Forschungswelt!

Eine Forscherin und ein Forscher bei der Arbeit. (Abbildung ähnlich) Quelle: Rene Schwietzke (flickr), Lizenz: CC BY 2.0

Nachteile für Minderheiten

Es wurde gezeigt, dass Angehörige ethnischer Minderheiten in diesem gnadenlosen Konkurrenzkampf mitunter schlechtere Chancen haben, doch das System ist für fast alle ziemlich hart. Beispielsweise wurde kritisiert, dass Bewerberinnen und Bewerber solcher Minderheiten bei den in den USA so wichtigen National Institutes of Health (NIH) eine Erfolgsquote von nur rund 20% haben, verglichen mit den 25% der Mehrheit.

Diese Chancen fielen jedoch für alle von 40-50% in den 1980ern auf die heutigen 20-25%, unabhängig vom ethnischen Hintergrund! Das heißt, dass diese wichtigen Forschungsgelder heute doppelt so schwierig zu kriegen sind wie damals.

Chancen beim Einwerben von Drittmitteln bei den NIH in den USA nach Ethnie: Weiße und Angehörige gemischter Ethnien (blaue Linie) haben höhere Erfolgschancen als Menschen von den pazifischen Inseln, gebürtige Hawaiianer, Afro-Amerikaner, Indianer und Asiaten (rote Linie). Die Grafik zeigt aber auch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, gleich welcher Ethnie, heute nur noch halb so hohe Chancen haben wie Mitte der 1980er Jahre. Quelle: nach Nature vom 19. November 2015, S. 287

Es geht nur um Forschungsgelder

In diesem Kontext enttäuschte es mich, dass ein Dekan, das ist der Chef einer Fakultät, auf einer der eingangs erwähnten Eröffnungsreden des neuen akademischen Jahres ausschließlich über eingeworbene Gelder sprach, als er die Erfolge seiner Fakultät lobte. Als ein “beautiful summer” war dieser Geldregen vorher bezeichnet worden.

Die erfolgreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dafür zweifellos hart gearbeitet und verdienen das Lob; dennoch frage ich mich, ob man nicht etwas Inhaltliches über die Forschung zu sagen hat, überraschende neue Entdeckungen, Nutzen für die Gesellschaft, in der wir leben. Nochmal: Warum tun wir, was wir tun? Viele andere, für die der Sommer nicht so “beautiful” war, haben auch sehr hart gearbeitet.

Wir sollten dabei auch nicht vergessen, dass die Regierung oder andere nichtwissenschaftliche Institutionen die Regeln dafür definieren, wer das Geld bekommt und wer nicht; und sie entscheiden auch, wie viele Gewinnerinnen und Gewinner es maximal geben wird.

Glück und Moden in der Wissenschaft

Ich schreibe dies auch als jemand, der in solchen Wettbewerben meistens erfolgreich war, jedenfalls bisher; aber ich wage zu behaupten, dass ich über genügend Selbstreflexion verfüge, um zumindest einige dieser Erfolge auf Glück zurückzuführen, oder dass ich schlicht zur rechten Zeit mit der rechten Idee am rechten Ort war. Ich profitierte zweifellos auch vom “Neurohype” seit der “Dekade des Gehirns”, also den 1990ern, den ich heute vor allem kritisiere.

Kollegen und ich äußerten manchmal die Vermutung, dass schlicht die Aussage, man würde ein Experiment im Hirnscanner ausführen – früher machte ich selbst fMRT-Forschung –, die Erfolgsaussichten stark vergrößerte; unabhängig davon, ob diese Methode überhaupt für die Beantwortung der Forschungsfrage wichtig war.

Ich bin heute davon überzeugt, dass man viel übers menschliche Verhalten lernen kann, indem man schlicht dies erforscht: Verhalten! Und dass Gehirne zu Komplex und unsere Modelle ihrer Funktionsweise zu simpel sind, um durch die Interpretation von Gehirnscans viel über den Menschen zu lernen (Gehirnscanner oder Verhalten?).

Streit mit der Bürokratie

Am meisten beunruhigen mich aber meine Erfahrungen mit der Niederländischen Forschungsorganisation NWO. Hier handelt die Regierung, die uns stets weismachen will, dass durch Wettbewerb alles besser wird. Meine eigene Forschung hat ergeben, dass diese Regierung im Einzelfall keinen fairen Wettbewerb garantieren kann und das allem Anschein nach auch gar nicht will:

Stattdessen denken sich Beamte, bis hin zu den höchsten Beamten, löchrige “cover stories” aus, um die eigenen Fehler unter den Teppich zu kehren. Das schließt nicht nur zahlreiche Rechtsbrüche, Missbrauch von Verfahrensregeln – also grundlegenden Menschenrechten – und strategisch verwendete Unwahrheiten ein, sondern meiner Analyse zufolge sogar ein paar dreiste Lügen.

Vor Gericht

Als mir das zu bunt wurde, beschritt ich den offiziellen Weg, habe inzwischen viermal (von vier Fällen) vor Gericht Recht bekommen, bis hin zum höchsten Verwaltungsgericht, und in der Hauptsache EUR 250.000 zuzüglich Prozesskosten und Zwangsgeld; eine Schadensersatzklage läuft, eine zweite kommt noch dazu. Das Forschungsprojekt, um das es ursprünglich ging, ist durch die ohnehin schon lange, von der Gegenpartei noch vielfach hinausgezögerte Verfahrensdauer inzwischen aber so überholt, dass es sich nicht mehr sinnvoll durchführen lässt.

Ob das alles der Mühe wert war – man stelle sich die ca. 2000 Seiten der Prozessakte vor und die ganzen Sitzungen und vernichteten Arbeitsstunden auf allen Seiten –, ist eine andere Frage. Vor allem die Dreistigkeit, mit der die Behörde ihren Standpunkt durchsetzen wollte und immer noch will, meiner Meinung nach weit außerhalb des Rahmens des Rechtsstaats, hat mich auch persönlich getroffen.

Warum müssen wir so miteinander umgehen? Allen Regeln und vermeintlichen Sachzwängen zum Trotz geht es hier immer um Menschen, die mit anderen Menschen auf die eine oder andere Weise umgehen.

Der Rechtsstaat ist kein Papiertieger

Ich schreibe das hier, um anderen vor Augen zu führen, dass man sich nicht alles bieten lassen muss: nicht vom Arbeitgeber und auch nicht von der Regierung. Wenn man diese Privilegien eines demokratischen Rechtsstaats hat, anders als vielleicht in China, Russland oder der Türkei, dann sollte man sie im Einzelfall auch nutzen. Sie stehen nicht nur auf dem Papier, um von uns im Stillen bewundert zu werden; sie wurden von unseren Vorfahren hart erkämpft.

Mir liegen Dokumente vor, die zeigen, dass auch andere Forscherinnen und Forscher so abgefertigt wurden – da sie aber keine Beschwerde einlegten, wurden die gegen sie genommenen illegalen Entscheidungen rechtskräftig und unanfechtbar. Die Behörde weiß, dass nur eine Minderheit den Rechtsweg bestreitet, und spekuliert vielleicht genau darauf. Erfolg heißt für sie nicht, dass alles mit rechten Dingen zugeht, sondern dass Entscheidungen rechtskräftig werden. In einer neueren Sache, die zurzeit läuft, folgt eine Wissenschaftlerin meinem Beispiel.

Mehr akademische Gemeinschaft

Zum Schluss möchte ich auf eine Rede der noch amtierenden Wissenschaftsministerin der Niederlande aufmerksam machen, mit der kürzlich an der Universität Nimwegen das akademische Jahr eröffnet wurde. Frau Bussemaker hat jetzt nichts mehr zu verlieren, ihre Tage als Ministerin sind gezählt und ihre Partei, die PvdA (die niederländische SPD), wurde bei den letzten Wahlen durch die Wählerinnen und Wähler beinahe vollständig vernichtet (sie hat 29 von 38 Sitzen verloren und jetzt nur noch 9).

Vielleicht spricht die Politikerin jetzt offener – fairerweise muss man aber auch sagen, dass sie in ihrer Amtszeit mehrmals Akzente setzte, die der Industrialisierung und Vermarktung der Wissenschaft entgegenstanden. Jedenfalls betonte sie in ihrer Rede das Wohlergehen und Glück der Menschen, auch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, und die Bedeutung der akademischen Gemeinschaft für Forschung und Lehre. Diese seien wichtiger als messbarer Output und die heute verbreiteten Ranglisten.

Erkenntnis, Solidarität und Autonomie

Ich wünsche mir, dass wir uns darauf besinnen, worum es in der Wissenschaft geht, warum wir tun, was wir tun, nämlich die Suche nach Erkenntnissen vom Menschen, der Gesellschaft und der Welt. Ich wünsche mir, dass wir uns mehr darauf konzentrieren, was wir gemeinsam haben, als auf das, was uns unterscheidet – einschließlich der Forschungsgelder und Preise, die wir erhalten haben.

Und ich wünsche mir, dass wir nicht vergessen, dass die Universität laut der Magna Charta der Universitäten, der echten Bologna-Erklärung, die durch über 800 Universitäten in 85 Ländern gezeichnet wurde, von politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Mächten unabhängig sein muss. Was denken Sie, wie viele Hochschulen heute noch diesem Maßstab gerecht werden?

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Bei den Zwischentönen im Deutschlandfunk sprach der Autor kürzlich über die Freiheit der Wissenschaft.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

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26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Problem ist halt, dass Wissenschaft oft keinen wirtschaftlichen Wert hat, jedenfalls keinen direkten, so dass es oft auf Sponsorentum oder gar Mäzenatentum durch die Politik, den Staat, hinaus läuft, damit Fachgebiete weiterhin gepflegt werden.
    Und die Politik hier nicht mit der Gießkanne und großzügig verteilen kann.
    Aus dieser Zwickmühle kann nicht heraus gekommen werden.
    Manche Fachgebiete “bringen es” [1] auch nicht so, andere dagegen sind politisch gewünscht [1], wie bspw. die Gender Studies, und sind womöglich gar keine Wissenschaft.

    ‘Solidarität’ ist in der Wissenschaft ein heißes Eisen, Kritik muss bis darf z.B. nicht solidarisch sein, zudem liegt hier mit dem Solidarischen womöglich auch ein Code vor, der, Stichwort : wissenschaftsnahe Gewerkschaften, schlicht Umverteilung und “soziale Gerechtigkeit” meint.
    Der Schreiber schlägt in diesem Zusammenhang ursich-zynisch Frauenquoten vor.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer (der offensichtlich nicht sonderlich solidarisch ist, die Nicht-Eigenen meinend, sondern eher allgemein kompetitiv (soz. das Antonym zum Solidarischen, ursisch-zynisch angemerkt natürlich wieder))

    [1]
    Weil nicht nur der Glaubensentscheid zur szientifischen Methode benötigt wird, sondern hierzu :
    ‘Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.’
    Doppelte Glaubensentscheide, wie bspw. auch die zum sogenannten Kreationismus, zur sogenannten Kritischen Theorie, zur Homöopathie oder zur sozialistischen Marktwirtschaftslehre, zur Theologie (vs. Religionswissenschaft) oder zum Marxismus, sind und bleiben problematisch, wissenschaftlich betrachtet.

  2. @Webbär: Den Bogen überspannen

    Zurzeit haben wir weder Kritik noch Solidarität: Erstere ist karriereschädigend – diejenigen, die man heute kritisiert, sind die Peer-Reviewer und Gutachter von morgen –, letztere passt nicht zum Wettbewerbsdenken.

    Und was soll dieses naive Herumhacken auf den Gender Studies? Die Frage, wie Geschlechtsrollen unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, ist von höchster Wichtigkeit für die Menschen; darüber sollte sich auch ein Webbär Gedanken machen, der nicht schon als solcher geboren wurde, sondern es erst werden musste.

    • Ischt schon wichtig, lieber Herr Dr. Schleim, sind die genannten Fachgebiete für Sie exoterisch?
      Kann dort I.E. jeder mitmachen, entsprechende Einsicht vorausgesetzt?

      Oder ist es nicht so, dass zum (wissenschaftlichen) Mitmachen die Annahme der szientifischen Methode (aus irgendwelchen Gründen ist in der bekannten Online-Enzyklopädie hierzu kein d-sprachiger Eintrag verfügbar – weiß jemand warum dies der Fall ist?) bei den oben genannten Beispielen eben nicht genügt, sondern stattdessen, wiederum die obigen Beispiele meinend, ein (an sich : wissenschaftsferner) zweiter Glaubensentscheid zur göttlichen Schöpfung, zu Simone de Beauvoir, zu irgendwelchen neomarxistischen Setzungen, zu Gott oder Sozialismus erforderlich ist, um mitmachen zu können?

      Es gibt insofern eben Fachgebiete, die es “nicht so recht bringen”, es muss insofern einen Markt geben, der hier reguliert, der Staat darf bis muss Teil dieses Marktes sein.
      Von aus der Wissenschaft selbst herausgehender politischer Bewegung, die “solidarisch” irgendetwas Fachgebiete meinend durchsetzen soll, rät Dr. Webbaer ab.

      MFG
      Dr. Webbaer (der nichts besonderes gegen den Feminismus, sogar nichts besonderes gegen den Maskuli(ni)smus hat, nur beim anti-biologischen “Gender” gar nicht mitgehen kann)

  3. Bonuskommentar zum Beschreiten des Rechtswegs :

    ‘Grundlegende Menschenrechte’ sind womöglich unverletzt geblieben, wer den Rechtsweg beschreitet, defektiert, nach oft anzunehmenderweise erfolgten Defektion des anderen, führt rein wirtschaftlich betrachtet oft Lose-Lose-Verhältnisse herbei, vs. Win-Win, so dass oft hohe Kosten entstehen, die sich wirtschaftlich für beide Seiten nicht lohnen.
    Andererseits setzt er so vielleicht auch eine politische Note oder Maßgabe, die wiederum den eigenen Kampf für Gerechtigkeit betonen und bewerben kann.
    Streitbar zu sein ist insofern schon ganz OK und wenn insbesondere so auch Anhänger gewonnen werden können, sieht es noch besser aus.
    Die Gerechtigkeit, das Recht meinend, will gepflegt bis ausgefochten bleiben.

    Insgesamt geht es womöglich schon eher um die Kompetitivität und weniger um die Solidarität; wer hier Härte zeigt, auch sich selbst gegenüber, müsste eher kompetitiv, auch liberal, und weniger solidarisch sein.

    Es geht ja auch immer ein wenig darum sich einen Namen zu machen.

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. „(…) dass die Universität (…) von politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Mächten unabhängig sein muss. Was denken Sie, wie viele Hochschulen heute noch diesem Maßstab gerecht werden?“

    Das waren Hochschulen doch nie. Jede Hochschulgründung (vom Mittelalter bis zur Neuzeit) war schon immer mit (regional)politischen und wirtschaftlichen Zielen verbunden. Nur eben mittelbarer, als uns das heute erscheint.
    Die ersten Unis waren theologisch geprägt; waren die jemals unabhängig? Sind sie es heute?

    Die akademische Welt hat quasi seit ihrer Gründung im Mittelalter wenn nicht schon konform, dann mindestens apolitisch zu sein. Der Opportunismus der Personals ist quasi in der Gründung angelegt.

    Auch Abseits direkter Politik und Wirtschaft hatte die akademische Welt auch schon vor mehr als 100 Jahren ihre absoluten Negativbeispiele; Ludwig Boltzmann anyone?

    Die Unabhängigkeit der Unis ist Utopie und wird es auch bleiben.
    Außer vielleicht, eine hochentwickelte KI übernimmt irgendwann mal die Berufungskommissionen. 😉 Aber das will vermutlich auch niemand.

    Im Unileben der Moderne ist die zunehmenden BWL-isierung der Wissenschaft das Hauptproblem, alles muss möglichst billig (aka effizient), quantifizierbar, planbar, öffentlich und positiv sein. Nur ist Wissenschaft nicht effizient und wird es nie sein. Aber alle wollen daran glauben und halten diese Meinung hoch.
    Ach so Froschungsanträge sollen ein gewisses Risiko beinhalten. Aber bitte bloß nicht zuviel, sonst werden sie abgelehnt.
    Dazu passt auch, dass Veröffentlichungen v.a. dann erfolgreich sind, wenn sich nicht zu radikal neu sind; sonst sind sie ihrer Zeit vorraus, werden u.U. abgelehnt, vergessen und irgendwann wiederentdeck, wenn die Karriere des Autors schon vorbei ist.

    Das zweitgrößte Problem sind die Eitelkeiten derer, die sich durchgesetzt haben (survivorship bias), aber das war schon immer so.

    Die psychologisch nur zu sehr nachvollziehbare Rache „am System“ folgt heutzutage dann im anonymen peer-review-Verfahren, in dem man mal ungestraft den Forschungsanträge-begutachtenden-big-shots anonym ans Bein pinkeln darf.

    Lustigerweise hat A. Geim (Nobelpreis 2010) sich 2006 ziemlich negativ über die Hierarchien und Kleinlichkeit im niederländischen akademischen System beschwert [1].

    Und Peter Higgs hat gemutmaßt, dass er heute niemals eine akademische Anstellung bekommen würde [2]; seine Leistung zum Verständnis der Welt wird aber niemand abstreiten. Das Interview wurde aber in der akademischen Welt quasi nicht rezipiert.

    Und die Globalisierung der Wissenschaft mit kompetitiven Charakter wird z.B. von Mathematikern mit Sorge gesehen, da gemutmaßt wird, das Denken zu sehr zu formen. [3]

    Ich persönlich habe mich für das Verlassen der Wissenschaft entschieden; das brennende Interesse ist weiter da; aber die Realität ist ein effektives Löschmittel. 🙁

    [1] http://images.iop.org/dl/physicsweb/2010/phwv19i2a15.pdf
    [2] https://www.theguardian.com/science/2013/dec/06/peter-higgs-interview-underlying-incompetence
    [3] 3/49. (p.12) und 4/8. (p.15) in http://www.cs.umd.edu/~gasarch/papers/poll.pdf

  5. Ebenso erschreckender wie erhellender Bericht. Ich wußte nicht, dass es schon so grausam zugeht in der universitären Welt. Umso besser, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich dagegen zur Wehr setzen und sich in so schwieriger Umgebung eine kritische Haltung bewahren. Ich hoffe, Sie stehen nicht ganz allein auf weiter Flur…

  6. @Wehrstedt: Nicht alleine, nein; mehrere denken so, so gut wie alle haben es verstanden, doch kaum jemand redet/schreibt darüber in der Öffentlichkeit.

    Das System, das ich hier kritisiere, ist viel zu stark, weil eben diejenigen Leute, die die Macht hätten, etwas daran zu ändern, das geringste Interesse daran haben; sie haben es schließlich in diese Positionen geschafft, weil sie die Spielregeln beherrschen.

    Ich schreibe vor allem darüber, weil es mir Spaß macht und mir dann so vorkommt, als wäre ich wenigstens etwas authentisch; aber auch ich muss hin und wieder Kompromisse eingehen, das ist völlig klar.

    Einmal anders formuliert: Wessen Leben lebe ich denn hier, wenn nicht meins? Insofern brauche ich auch keinen anderen Maßstäben zu genügen als meinen eigenen. Den Rest regelt die Welt ganz von alleine.

    • Ich schreibe vor allem darüber, weil es mir Spaß macht und mir dann so vorkommt, als wäre ich wenigstens etwas authentisch; aber auch ich muss hin und wieder Kompromisse eingehen, das ist völlig klar.

      Kling durchgehend verständig und wahrhaftig, was hier geschrieben wird, ist auch interessant.
      Solider Webverweis btw im Kommentar weiter oben, hier seit Längerem bekannt der Text.
      MFG + weiterhin viel Erfolg,
      Dr. Webbaer (der es mit der Gegenrede wohl gelegentlich ein wenig übertreibt)

  7. Zitat Stephan Schleim: „Das System, das ich hier kritisiere, ist viel zu stark, weil eben diejenigen Leute, die die Macht hätten, etwas daran zu ändern, das geringste Interesse daran haben; sie haben es schließlich in diese Positionen geschafft, weil sie die Spielregeln beherrschen.

    Das System, das Sie hier kritisieren, ist in der Tat sehr stark. Das ist nämlich ein Lobbyismus-System – das sagt schon alles. Es geht in der Tat nur um Forschungsgeld für wenige, sehr einflußreiche Wissenschaftler unter Berücksichtigung von wirtschaftlichen Interessen, nicht etwa von wissenschaftlichen Interessen. Eine Kritik dieses Systems ist immerhin vor nicht allzu langer Zeit von zwei Universitätsprofessoren in der FAZ veröffentlicht worden:

    Die freie Wissenschaft ist bedroht – Fördert die mächtige Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Ideenklau und die Selbstbedienung? Transparenz ist für sie ein Fremdwort. Dieses Monopol ist bedenklich.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/kritik-an-der-dfg-die-freie-wissenschaft-ist-bedroht-11497511.html

    Die DFG ist die Kommandozentrale des Lobbyismus und dort toben sich (anonym) die paar einflußreiche Wissenschaftler, die in allen Gremien der Wissenschaft kreuz und quer sitzen und die (anonym) tüchtig abräumen… Hier trifft die arabische Redewendung zu: „Wer am Brunnen sitzt hat nie Durst“. 😉

    mfg
    Jocelyne Lopez

  8. Eine andere grundsätzliche Systemkritik des wissenschaftlichen Betriebs wurde auch im SPIEGEL veröffentlicht:

    Systemkritik – Wissenschaftselite beklagt zu viel Forschungsmüll
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/lancet-spezial-fuer-mehr-qualitaet-in-der-wissenschaft-a-942328.html

    Diese Kritik steht naturgemäß im Zusammenhang mit der unkontrollierten Vergabe von Forschungsgeldern in einem Lobbyismus-System: Die paar Wissenschaftsbonzen, die sich die Fördermittel bei der DFG krallen, haben keine Hemmungen sie einzusetzen um Forschungsmüll zu produzieren: Für die Karriere, für die Publikationen, für das Ansehen in den Medien.

    Eine gigantische Forschungsmüll-Produktion habe ich zum Beispiel in dem benachbarten Blog von Arvid Leyh “Braincast 353 Tierversuche” mit dem mächtigen Lobbyismus-Netzwerk der Affenhirnforschung mit Kommentaren dokumentiert:

    https://scilogs.spektrum.de/braincast/braincast-353-tierversuche/

    Die Tierversuche sind methodologisch nicht geeignet, Fortschritte in der Humanmedizin zu erzielen, denn die Ergebnisse von Tierversuchen sind grundsätzlich nicht von Art zu Art übertragbar, was weltweit durch unzählige wissenschaftliche Studien schon lange nachgewiesen wurde und auch das komplette Versagen dieser Forschungsmethode seit ca. 40 Jahren erklärt. Trotzdem schafft eine Handvoll einflußreiche Affenhirnforscher seit Jahrzehnten Milliarden von Forschungsgeldern zu beschlagnahmen und blockieren damit den medizinischen Fortschritt für Therapieansätze von neurologischen und psychiatrischen menschlichen Erkrankungen. Die Hirnforscher, die dagegen direkt am Mensch forschen und moderne, erfolgsversprechende Forschungsmethoden einsetzen, werden mit einem Alibi-Almosen abserviert.

    Hier zitiere ich den Erkenntnistheoretiker und Nobelpreisträger Karl Popper, der als Insider des Wissenschaftsbetriebs am Ende seines Lebens in einem Interview mit DER WELT am 29.01.1990 eine ernüchternde Kritik des Systems geäußert hat:

    Zitat Karl Popper: „Wir Intellektuellen haben schauerliche Dinge gemacht, wir sind eine große Gefahr. Wir bilden uns viel ein – wir wissen nicht, wie wenig wir wissen. Und wir Intellektuellen sind nicht nur anmaßend, sondern auch bestechlich. […] Ich meine nicht nur mit Geld, sondern auch bestechlich durch Ansehen, Macht, Einfluß und so weiter. Das ist leider so. […] Ich bin ein begeisterter Anhänger der Wissenschaft. Physik und Biologie sind für mich großartige Wissenschaften, und ich halte die meisten Physiker und Biologen für sehr gescheit und gewissenhaft. Aber: Sie stehen unter Druck. Diesen Druck gibt es erst seit dem zweiten Weltkrieg, seitdem so viel Geld für die Wissenschaft ausgegeben wird.“

    Mfg
    Jocelyne Lopez

  9. @Stephan Schleim: Eigendynamik

    Sie schreiben:

    Anders als in den Zeiten derjenigen Genies, deren Namen wir oft mit Wissenschaft verbinden, werden Netzwerke, ein anderes Wort für Kooperation, heute immer wichtiger. Man denke nur an den Large Hadron Collider (LHC) in Genf, mit dem das Higgs Boson entdeckt wurde, oder an das Human Brain Project (HBP), mit dem ein menschliches Gehirn im Supercomputer simuliert werden soll.

    Hier liegt bereits der Denkfehler vor, der zur Ursache der Dilemmata gehört, die Sie ansprechen: Sie stellen die Kooperation in den Vordergrund, nicht die Einzelleistung, und reden der derzeitigen “wissenschaftlichen Landschaft” das Wort, nach der nicht mehr der Elfenbeintürmler, sondern die Teamarbeit der Schlüssel zum Erkenntnisgewinn – dem, was Wissenschaft eigentlich erarbeiten soll – darstellt. Ihr Fehler ist, dass Sie dazu als Beispiel den LHC erwähnen. Das Team hätte nie erfolgreich bei seiner Suche sein können, wenn es nicht zuvor die Einzelleistung von Peter Higgs gegeben hätte, der bereits in den 60er Jahren erkärt hatte, dass es ein solches Teilchen geben müsse. Das LHC-Team konnte also nur erfolgreich sein, weil esvorher schon die Leistung eines Einzelnen gegeben hatte und man deshalb wusste, wonach man sucht.
    Dies ist das Problem des HBP, sie wissen nicht, wonach sie suchen sollen, weshalb man – und das ist ein offenes Geheimnis – bereits jetzt schon weiß, dass dieses Projekt seinen eigentlichen Zweck nicht erfüllen wird.

    Eben das, was in der Magna Charta der Universitäten also festgeschrieben wurde, nämlich dass Wissenschaft und Universitäten

    von politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Mächten

    frei sein sollte(n), ist nicht der Fall, weil niemand innerhalb des Wissenschaftsbetriebes einsehen will, dass die Abkehr von “früheren Zeiten”, die Abwertung der Leistung eines Einzelnen als großer Entwurf, und die Aufwertung der Arbeit im Team bzw. die Arbeit der wissenschaftlichen Netzwerke nicht einer wissenschaftlichen Notwendigkeit geschuldet ist, sondern der derzeitigen gesellschaftlichen Ideologie der Egalisierung – mit all den Folgen, die Sie oben aufgelistet haben.
    In komplexen Systemen – und die Wissenschaft ist ein hochkomplexes System – kann man eben nicht nur an einer Stelle eine Veränderung vornehmen, wie die genannte Abkehr von der Einzel- hin zur Teamleistung -, ohne eine Flut von Neben- und Fernwirkungen mit auszulösen, die aufgrund der Eigendynamik von Systemen auftreten und das eigentliche Ziel konterkarieren:
    Wissenschaft, wie sie derzeit betrieben wird, kann dies nur, wenn es eine Vielzahl an Wissenschaftlern gibt, von denen die meisten zum Rädchen im Getriebe werden, wodurch sie als einzelne Personen, als Menschen nicht mehr wahrgenommen werden. Sie sind Teile des Wissenschaftsbetriebes, wie Arbeiter und Angestellte in anderen Betrieben und Institutionen auch. Eine solche Wissenschaft braucht außerdem, um forschen und arbeiten zu können, Gelder, nicht nur zu Forschungszwecken, sondern auch, um die Wissenschaftler zu bezahlen. Gelder bekommt sie einerseits vom Staat, andererseits von der Wirtschaft (Mäzenate lasse ich mal außen vor). Der Staat, das sind die Bürger eines Landes, also wir, die dieses Geld erst einmal erwirtschaften müssen. Die zuständigen Institutionen verteilen diese Gelder, und sie müssen darauf sehen, dass diese Verteilung auch die Interessen derjenigen berücksichtigt, die die Gelder erwirtschaften. Gleiches gilt für die Wirtschaft: sie vergibt Aufträge, will aber dafür auch Resultate. Das heißt: Wer zahlt, schafft an!
    Dennoch gibt es zum Glück immer noch ein klein wenig an Möglichkeiten , auch dort zu forschen, wo ein unmittelbarer oder auch nur mittelbarer Zweck nicht zu erwarten ist. Aber selbst dort gilt die Einzelleistung nichts mehr.
    Wenn der Staat aber Gelder vergibt, dann braucht er auch eine Bürokratie, die dies verwaltet, überwacht, usw. Und auch dort gibt es Menschen mit eigenen Bedürfnissen, mit eigenen Sorgen, Ängsten, Geldnöten…
    Ich lese gerade noch einmal Hannah Arendts “Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht zur Banalität des Böse.” Darin schreibt sie u.a.: “Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er (Eichmann) überhaupt keine Motive; (…) .Er hat sich nur, um in der Alltagssprache zu bleiben, niemals vorgestellt, , was er eigentlich anstellte (kursiv im Text) . Es war gewissermaßen schiere Gedankenlosigkeit – etwas, das mit Dummheit keineswegs identisch ist -, die ihn dafür prädisponierte, zu einem der größten Verbrecher jener Zeit zu werden”.
    Etwas von dieser Gedankenlosigkeit steckt in jedem von uns. Der Beamte oder Angestellte, der auf die Einhaltung dieser oder jener Vorschrift pocht, der sich mit dem alltäglichen Bürokram, schlecht gelaunten, weil erfolglosen oder machthungrigen Vorgesetzten herumschlagen muss, verschwendet keinen Gedanken an denjenigen, dessen Antrag er bearbeiten muss.

    Alles in allem: das System leidet nicht an den Symptomen, die Sie aufgezählt haben, sondern an der Krankheit, die diese Symptome hervorruft. Und daran werden Sie nichts ändern, wenn Sie nur nach schmerzlindernden Mitteln suchen, um die Symptome zu bekämpfen.

    In der Herbstausgabe der Zeitschrift TUMULT schreibt Gunther Nickel, außerplanmäßiger Professor für Neuere deutsche Literatur: “Würde im Subsystem Wissenschaft die Leitdifferenz ‘wahr’ versus ‘unwahr’ außer Kraft gesetzt, weil Vorgaben von staatlichen oder privaten Drittmittelgebern wissenschaft-inadäquate Präferenzen setzen, dann hörte Wissenschaft auf, Wissenschaft zu sein…”
    Der Artikel hat den Titel “Fast kein Ziel erreicht. Bilanz des Bologna-Prozesses” und er müsste Ihnen eigentlich aus der Seele sprechen. Mir spricht er schon wegen dieser beiden Sätze aus der Seele:
    “Denn Wissenschaft ist nicht auf Ergebnisse gerichtet, die sich nach Maßgaben wie ökonomischer Nützlichkeit richten. Wissenschaft hat allein Erkenntnisfortschritt zum Ziel, nichts anderes.”
    Davon entfernt sie sich zunehmend mehr. Wie sie es erreichen will, wenn sie weiterhin durch die gesellschaftspolitische Ideologie bestimmt wird, steht in den Sternen. Prof. Mausfeld sagte mir vor zehn Jahren, die Wissenschaft brauche noch rund 50 Jahre, bevor sie dort ist, wo ich jetzt schon bin – ich fürchte, er unterschätzt die Macht und das Beharrungsvermögen moralisch infizierter Systeme.

    • @ Kommentatorenfreundin ‘Trice’ :

      Denn Wissenschaft ist nicht auf Ergebnisse gerichtet, die sich nach Maßgaben wie ökonomischer Nützlichkeit richten. Wissenschaft hat allein Erkenntnisfortschritt zum Ziel, nichts anderes.

      Dr. Webbaer sieht einiges, was so geschrieben worden ist, von Ihnen, ein wenig anders.
      Die hier gemeinte Wissenschaftlichkeit basiert auf der Aufklärung, die sich zudem antike Erkenntnisse beigefügt hat, so zur szientifischen Methode anleitete, im skeptizistischen Sinne, es wird ja naturwissenschaftlich (aus gutem Grund) nicht mehr verifiziert, sondern gesucht Theorien, die auch Anwendungen erlauben als Konstrukt und Provisorium betrachtend, zu falsifizieren.
      Wobei selbstverständlich zeitgleich neue Theorien gesucht werden, hier kommt dann auch die wissenschaftliche Eigenleistung, Einzelleistung ins Spiel, auf die Sie so gerne abheben.
      Letztlich soll die Naturwissenschaft nutzen, nicht als Selbstzweck dienen und Denkern, wie groß auch immer, nicht Unterschlupf bieten, finanzieren, die es mit dem gesellschaftlichen Nutzen “nicht so haben”. [1]
      Die hier gemeinte Wissenschaft ist gesellschaftliche Veranstaltung, die die Ökonomie und dbzgl. Effizienz zu beachten hat.

      Beim LHC und HBP muss der Schreiber dieser Zeilen auch ein wenig schmunzeln, liegt hier eine Art Industrialisierung der Wissenschaft vor, die sozusagen in Fünf-Jahres-Plänen Erkenntnis generieren soll.
      Andererseits hält es der Schreiber dieser Zeilen für möglich, dass industrialisiert Erkenntnis gewonnen wird, ist sich hier sicher.
      Beim LHC und HBP gibt es für ihn Wirtschaftlichkeitsüberlegungen, die hier gegen sprechen, derartig groß zu veranstalten.

      Eichmann, der gar nicht so banal war, sondern eine eigen-initiative Kraft, im Rahmen der Judenverfolgung, auch recht gebildet und interessiert, natürlich : böse, war schon ein Arbeiter, der nicht gewöhnliche Arbeiter, auch der der Wissenschaft durch seine böse Arbeit als dann banal behauptet herabsetzen kann.
      Insofern können schon große Teams und so bereit gestellt werden, den gesellschaftlichen Nutzen meinend, die zuvörderst wissenschaftlich als “Arbeiter” fungieren, nicht besonders nachweisbare eigene Größe entwickelt haben müssen, nie besonders geglänzt haben.
      Der Schreiber dieser Zeilen schätzt bspw. gerade auch Materialwissenschaftler, deren Aufgabengebiet nicht so-o sexy ist, womöglich, aber sehr wichtig.

      Die sogenannte “Leitdifferenz ‘wahr’ versus ‘unwahr’” wird hier natürlich abgelehnt, es geht in der (Natur-)Wissenschaft nicht um die Wahrheit, sondern um den Nutzen.

      MFG
      Dr. Webbaer (der hier hoffentlich nicht zu-u utilitaristisch klang, den Utilitarismus natürlich auch bedarfsweise angreift)

      [1]
      Wichtig hier sehr offen zu sein und den ‘gesellschaftlichen Nutzen” nie eng zu fassen.

  10. @Lopez: Danke für diesen Link; der Artikel war mir noch nicht bekannt.

    Ja, Klagen, wie ich sie gegen NWO geführt und gewonnen habe, wären in Deutschland nicht möglich, eben wegen der Vereinsstruktur. Meiner Meinung nach müssen öffentliche Gelder auch öffentlicher Kontrolle unterliegen; das gehört ganz klar ins Verwaltungsrecht, nicht ins Privatrecht.

    Dem FAZ-Artikel ist wenig hinzuzufügen; Äußerungen wie diese haben mich aber aufhorchen lassen:

    Straftaten bei der Antragstellung, aber auch bei der Bewertung und Bewilligung von Anträgen müssen geahndet werden – und das nicht durch eine interne Rüge, sondern im öffentlichen Strafverfahren.

    Wie schlimm mag es dort wohl zugehen, wenn schon die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden soll? Wann halten wir endlich dieses Hamsterrad an!

    P.S. Eine Studentin schickte mir einmal einen Link auf eine Tatort-Folge, in der es um Korruption zwischen BMBF-Mitarbeitern und eine Mediziner geht; sehenswert!

  11. Zitat Stephan Schleim: „Ja, Klagen, wie ich sie gegen NWO geführt und gewonnen habe, wären in Deutschland nicht möglich, eben wegen der Vereinsstruktur. Meiner Meinung nach müssen öffentliche Gelder auch öffentlicher Kontrolle unterliegen; das gehört ganz klar ins Verwaltungsrecht, nicht ins Privatrecht.“

    Den rechtlichen Weg im Verwaltungsrecht haben wir schon bei Tierversuchen mit mehreren, noch laufenden Klageverfahren eingeleitet und werden ihn wenn nötig bis zum Bundesverfassungsgericht beschreiten. Denn die Vereinsstruktur (von der DFG oder von der Max Planck Gesellschaft) ist kein Freibrief für die Verweigerung von jeglicher Rechenschaft an die Auftragsgeber der staatlichen Forschung, sprich an die Steuerzahler.

    Es darf zum Beispiel nicht sein, dass der Direktor des Max Planck Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, Prof. Wolf Singer, seit 40 Jahren gigantische Steuermittel für den Fortschritt der Humanmedizin im Bereich von neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Epilepsie, Multiple Sklerose oder Schizophrenie erhält, und diese Mittel einsetzt, um sein privates philosophisches bzw. atheistisches Weltbild mit Experimenten an Affen vermeintlich zu überprüfen, dass der Mensch keinen freien Willen habe und dass Gott nicht existiere! Das ist ungeheuerlich, das ist Forschungsmüll ohne gleichen und das ist Betrug.

    Es darf zum Beispiel nicht sein, dass an den Universitäten Bochum und Tübingen unter dem Deckmantel von Therapieansätzen dieser neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen über Jahrzehnte invasive Experiment am Affengehirn durchgeführt werden, um zu erforschen, wie Fußballer Tore schießen oder Elfmeter halten! Das ist ungeheuerlich, das ist Forschungsmüll ohne gleichen und das ist Betrug.

    Der juristische Kampf wird hart und langwierig sein, aber er muss nun mal erstmalig beschreitet werden, sonst wird das Hamsterrad nie anhalten.

    In diesem Zusammenhang zitiere ich den Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Martin Schulte in den Veröffentlichungen der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer über die Verantwortung der Wissenschaftler und des Staates bei der Beachtung der Standards guter wissenschaftlicher Praxis (Band 65, Berichte und Diskussionen auf der Tagung der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtlehrer in Frankfurt am Main vom 5. bis 8 Oktober 2005, Zweiter Beratungsgegenstand „Grund und Grenzen der Wissenschaftsfreiheit“, VI. Wissenschaft und Moral, Seite 137, Verlag De Gruyter Recht, Berlin):

    „Die interne Verantwortung des Wissenschaftlers realisiert sich in der Beachtung der Standards guter wissenschaftlicher Praxis. Traurige Berühmtheit wissenschaftlichen Fehlverhalten haben die „großen” Betrugsfälle, wie etwa die Fälschungen des Nanophysikers Jan Hendrik Schön, erlangt. Jüngste Studien aus den Vereinigten Staaten belegen aber, dass diese gleichsam nur die Spitze eines Eisbergs bilden. So haben von rund 3000 anonym befragten Wissenschaftlern der National Institutes of Health ein Drittel zugegeben, in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal gegen die Standards guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen zu haben. „Lug und Trug in den Wissenschaften” sind allerdings auch in Deutschland ein Thema, wie die dreistellige Zahl von Fällen, die dem Ombudsmann der DFG vorliegen, und nicht zuletzt die noch immer schwelenden Streitigkeiten um den „Fall Protsch” unserer gastgebenden Universität belegen.

    Die Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhalten durch die Wissenschaft selbst erfolgt primär im Rahmen von Ombuds- und Untersuchungsverfahren. Dahinter steht die Erkenntnis, die der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner treffend auf den Punkt gebracht hat: „Die soziokulturelle Brisanz von Betrug und Fälschung besteht schlicht darin, dass wenn die Naturwissenschaften dieses Problem nicht in absehbarer Zeit von innen heraus lösen können, dann werden es andere für sie tun“.

    Mfg
    Jocelyne Lopez

  12. @Dr. Webbaer: Wissenschaft vs. Nutzenschaft

    Die sogenannte “Leitdifferenz ‘wahr’ versus ‘unwahr’” wird hier natürlich abgelehnt, es geht in der (Natur-)Wissenschaft nicht um die Wahrheit, sondern um den Nutzen.

    Das wäre dann das Ende der Wissenschaft, denn wahr oder unwahr meint den Zuwachs an Erkenntnis, so wie Recht oder Unrecht als Leitdifferenz für die Justiz gilt , die man natürlich ebenfalls ablehnen kann.
    Davon abgesehen: Welchen Nutzen hatte Darwins Evolutionstheorie zum Zeitpunkt, als er sie veröffentlichte? Und Anton Zeilinger schrieb einmal, als er anfing, sich mit Quantenmechanik zu befassen, wurde er nach dem Nutzen gefragt, den sie habe und er habe geantwortet: keinen.
    Welchen Nutzen hatte Galileis Blick durch sein Fernrohr und welchen hatten Keplers Gesetze?
    Allesamt zum damaligen Zeitpunkt: Keine!
    Und Michael Faraday antwortete einmal auf die Frage nach dem Nutzen seiner Entdeckung, sie habe keinen, aber irgendwann werde man einmal Steuern darauf erheben können.

    Eben darum geht es in der Wissenschaft: Zu forschen, um Erkenntnis zu gewinnen, ohne dabei zugleich auf einen möglichen Nutzen zu schielen. Wenn es Erkenntnis ist, dann stellt sich der Nutzen irgendwann von allein ein. Und in einem weitaus größeren Maße, als vorstellbar. Während im Gegenzug der unmittelbare Nutzen, der angestrebt wird, von eher kurzfristiger Dauer ist.

    • Grundlagenforschung generiert oft Nutzen, Stichwort QM, die ET und die Astronomie haben sofort gesellschaftlichen Nutzen generiert, so dass bestimmte religiöse Anschauungsmengen angegriffen werden konnten.
      Faraday war auch Chemiker und direkt nützlich.

      Es ist dagegen möglich zu forschen, so dass absehbarerweise nie Nutzen entsteht, bspw. bei der Mathematik in einzelnen Zweigen wird dies ersichtlich, wo Knobelaufgaben bearbeitet werden, weil sie da sind.
      Problemstellungen müssen nicht bearbeitet werden, weil sie da sind, beschrieben werden können.
      Ganz schlimm wird es wissenschaftlich, sofern noch Wissenschaft vorliegt, in einigen in diesem Kommentariat ganz weit oben genannten Fachgebieten oder “Fachgebieten”.

      Sicherlich darf hier locker geblieben werden und über den sich abzeichnenden Nutzen oder Nicht-Nutzen darf optimistisch entschieden werden, vom Financier.
      Es gibt so etwas wie ein gesellschaftliches Primat über die Wissenschaft, was die Geldseite betrifft.
      Niemand hindert Wissenschaftler daran auf eigene Rechnung zu forschen.

      MFG
      Dr. Webbaer (den die häufiger mal gehörte Einschätzung, dass man ohnehin nicht wisse, ob Forschung Nutzen generieren kann und insofern generell herumgestochert werden muss, so dass sozusagen zufällig wissenschaftlicher Nutzen entsteht, gar nicht überzeugt)

  13. @Stephan Schleim: Diskussionbeiträge

    Werden dort interdisziplinäre Projekte, industriell verwertbare oder solche der Lebenswissenschaften bevorzugt, so werden die Antragsteller folgen.

    Das sehe ich anders. gerade der von @J.Lopez verlinkte Artikel in der FAZ weist doch auf die von mir erwähnten Neben- und Fernwirkungen einer verfehlten Ausrichtung hin. Wenn es dort heißt:

    Werden dort interdisziplinäre Projekte, industriell verwertbare oder solche der Lebenswissenschaften bevorzugt, so werden die Antragsteller folgen.

    dann ist das nichts anderes als das, was Sie monieren und was ich als Auswirkung sehe. Natürlich kann man auch nur diese Auswirkungen diskutieren, aber ich nehme einmal an, dass es Ihnen auch darum geht, daran etwas zu ändern. das wird aber nur gelingen, wenn man den Dingen auf den Grund geht und nach den Ursachen fragt, denn sonst bleibt jede Änderung Makulatur.
    Die menschliche Natur und das menschliche Verhalten werden sich nicht ändern, weshalb man ihm Rechnung tragen muss, wenn man an Umständen etwas ändern will.
    Anders gewendet: Wenn man ein System nachhaltig zerstören will, muss man es von innen zerstören – und genau das passiert gerade, Sie haben es ja aufgelistet.

  14. Trice,
    Wissenschaft vs. Nutzen
    Sehr gut! Eine Gesellschaft die sich den Luxus leisten kann, nutzenfrei zu forschen wird auf Dauer erfolgreich sein.
    Hätte sich Leonhard Euler mit seinen komplexen Zahlen jemals träumen lassen , dass man mit denen den Wechselstrom berechnen kann?

  15. @R

    Danke, 🙂 und nein, Euler hat damit nicht gerechnet, auch Mendel nicht, obwohl er sich ganz sicher war, etwas sehr Wichtiges herausgefunden zu haben. Auch für Newton ging es mit der Idee von der Gravitation und die Entwicklung der Infinitesimalrechnung nicht um Nutzen, ud es bereitete ihm ungeheure Befriedigung, dass er es schaffte, die wissenschaftliche Gesellschaft seiner Zeit davon zu überzeugen, dass er als erster die Infinitesimalrechung erfunden hatte, und nicht Leibniz.
    Solidarisch war diese Zustimmung der Kollegen sicher nicht, denn Solidarität meint ja eine ethisch-politische Haltung gegenüber einem als ungerecht empfundenen Umgang. So gesehen hätten sich die Kollegen mit Leibniz solidarisch erklären müssen, aber eine solidarisch handelnde Forschung oder Wissenschaft, die gab es m. W. nie. Auch die Aufklärung hatte, soweit es die Wissenschaft betraf, keinen solidarischen Umgang zum Ziel, sondern Erkenntnis zu gewinnen, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen oder die Ergebnisse den Zielen und Wünschen derer anzupassen, die bereit waren, für Wissenschaft zu zahlen.

    Von dem, was mit der Aufklärung für Wissenschaft als Ziel gesetzt wurde, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wissenschaft, das war immer die Beschäftigung mit den “großen Fragen”, nicht die mit den Problemen der Menschen und ihrem Alltag. Das sind, wenn man es so bezeichnen will, die “kleinen Fragen”. Zwar setzt sich die heutige Wissenschaft mit dem HBP und dem LHC ebenfalls als Ziel, die Antwort auf große Fragen zu erhalten, aber sie tut es, indem sie diese zur Beschäftigung mit den kleinen Dingen macht – beim HBP z.B. mit Ergebnissen beim Bildungs- und Gesundheitswesen und in der Computertechnologie. Damit aber wird sie die großen Antworten nicht erhalten, hat sie ihre Seele verkauft und ist in der Welt der kleinen Fragen des Alltags angekommen, in der all das abläuft, was @Stephan Schleim moniert hat: schlechte Vertragsbedingungen, schlechte Bezahlung, demütigende Behandlung, Bürokratie, Betrug, usw. Vom Druck zu publizieren, auch wenn nur im Schnitt 10 % der Arbeiten zur Veröffentlichung angenommen werden, und der Beschaffung von Drittmitteln noch gar nicht zu reden.

    Dass dabei die Beschäftigung mit den großen Fragen auf der Strecke bleibt, hat offenbar niemand mitbekommen. Schlimmer noch: Bei Forschungen wie denen zum Klima und zur Klimaerwärmung führt das kleinklein gerade nicht zu großen Entwürfen und Lösungen – man hat die Antwort bereits vorweggenommen, lässt keine anderen Fragen mehr zu und bedient sich ihrer zur Durchsetzung politischer Ziele.
    Das heißt, wenn man an den derzeitigen Zuständen, die mit der Änderung des Systems Wissenschaft aufgetreten sind, etwas ändern möchte, dann reicht es nicht, kleine Löcher zu stopfen, weil sich ständig neue auftun – der Mensch ist da sehr erfinderisch.

    • @ Kommentatorenfreundin ‘Trice’ :

      Solidarität meint ja eine ethisch-politische Haltung gegenüber einem als ungerecht empfundenen Umgang

      Solidarität meint hier bildlich, dass sich welche zusammenfinden und nach außen hin wie eine Art Block, eben solid, auftreten, so dass von der Gruppe nicht mehr auf die Individuen geschlossen werden kann.
      Die Etymologie ist hier klar.
      Eine Gewerkschaft oder ein Monopol der Industrie sind bspw. ‘solid(arisch)’ angelegt.

      Solidarität wird insofern von Kollektivisten eingefordert, nicht aber von denjenigen, die dem philosophischen Individualismus folgen (in der Hoffnung oder Gewissheit, dass nur so die “Schwarmintelligenz” gelöst wird).

      MFG + schönes Wahlwochenende,
      Dr. Webbaer (der es mit den “Großen Fragen” auch nicht so hat)

  16. @Lopez: Tierversuche

    Ich bin in dieser Frage gespalten: Ich habe einerseits Forscherinnen und Forscher kennengelernt, die meines Erachtens vor allem für die eigenen Karriereziele mit Tieren forschen; das finde ich nicht zu begrüßen. Andererseits kann ich mir Situationen vorstellen, in denen solche Versuche von großer Bedeutung für die Menschheit sind.

    Mir wurde selbst Forschungsarbeit am Tier angeboten, woran ich aber kein Interesse hatte. Davon abgesehen ernähre ich mich jetzt schon seit mehr als zwanzig Jahren vorwiegend vegetarisch/vegan.

    Ich wünsche Ihnen in jedem Fall ein faires rechtsstaatliches Verfahren.

    P.S. Wolf Singer ist nun schon seit etlichen Jahren nicht mehr Direktor am MPI in Frankfurt.

  17. @Dr. Webbaer

    der es mit den “Großen Fragen” auch nicht so hat

    Das ist schon ok. Denn wenn man sich erst einmal mit einer solchen Frage und ihrer Antwort beschäftigt, ist nichts anderes mehr von Bedeutung – und das macht den normalen Alltag nicht gerade leichter, ;-).

  18. Zitat von R: „Wissenschaft vs. Nutzen – Trice, Sehr gut! Eine Gesellschaft die sich den Luxus leisten kann, nutzenfrei zu forschen wird auf Dauer erfolgreich sein. Hätte sich Leonhard Euler mit seinen komplexen Zahlen jemals träumen lassen , dass man mit denen den Wechselstrom berechnen kann?

    Keine Gesellschaft, auch nicht unsere reichen Gesellschaften, kann sich „Luxus“ in der Wissenschaft leisten – und angesichts der weltweiten dramatischen Probleme der Menschheit und unseres Planeten sogar überhaupt gar kein Luxus leisten. Der Luxus, blind zur Gewinnung von irgendwelchen hypothetischen Erkenntnissen zu forschen ist angesichts der gigantischen Steuermitteln, die für die moderne Forschung heutzutage erforderlich sind, gar kein “Luxus“, sondern schlicht und einfach Verschwendung und Produktion von Forschungsmüll als Beschäftigungstherapie für irgendwelche Seilschaften, wie es in der oben zitierten Studie von “The Lancet” scharf kritisiert wird. Wir können uns weder Luxus noch Verschwendung leisten, in keiner Gesellschaft. Sich dem Luxus zu widmen führt eine Gesellschaft auch nicht zwangsläufig auf Dauer zum Erfolg, kann sie dafür auf Dauer zum Untergang führen.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Leonard Euler Milliarden von öffentlichen Geldern für seine Entdeckung erhalten hat. Damals sind entscheidende Erkenntnisfortschritte von einzelnen Wissenschaftlern gebracht worden, die selbst privat genug vermögend waren um sich einer ziellosen Forschung zu widmen, oder auch sogar bei Fortschritten in der Technologie von einzelnen Handwerkern, Maschinenbauern oder Tüftlern, die auch privat geforscht haben.

    mfg
    Jocelyne Lopez

  19. Zitat Stephan Schleim : „@Lopez: Tierversuche – Ich bin in dieser Frage gespalten: Ich habe einerseits Forscherinnen und Forscher kennengelernt, die meines Erachtens vor allem für die eigenen Karriereziele mit Tieren forschen; das finde ich nicht zu begrüßen. Andererseits kann ich mir Situationen vorstellen, in denen solche Versuche von großer Bedeutung für die Menschheit sind.“

    Die Forschung mit Tierversuchen unterscheidet sich grundsätzlich von den meisten anderen Forschungsbereichen, denn hier kommt eine wesentliche Komponente hinzu, die eine intrinsische Eigenschaft unserer Spezies „Mensch“ betrifft und die man nie ausblenden darf: Die Ethik bzw. die moralische und gesetzliche Verantwortung der Wissenschaftler.

    Die ethische Debatte, die von der Tierversuchslobby immer wieder und immer wieder vorgeschoben und künstlich genährt wird um die Tierversuche als Milliardengeschäft zu verteidigen, ist jedoch völlig fehl am Platz, denn der moralische Konflikt ist de facto schon lange ausgeräumt wurde, und zwar durch die Wissenschaft und auch durch den Gesetzgeber. Mehr als 90% der Tierversuche, die durchgeführt werden, verstoßen gegen das bestehende Tierschutzgesetz und sind daher illegal.

    Es ist eindeutig weltweit durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen worden, dass Tierversuche als Forschungsmethode nicht nur ungeeignet und sinnlos sind, weil die Ergebnisse von Tierversuchen von Art zu Art nicht übertragbar sind, sondern dass sie sogar den Fortschritt der Humanmedizin blockieren und die Patienten schädigen.

    Seit ca. 40 Jahren wurden und werden zum Beispiel die gleichen Affenversuche in der Hirnforschung in 11 Forschungsstandorten in Deutschland zum angegebenen angestrebten Nutzen von Therapieansätzen für die menschlichen Krankheiten Alzheimer, Parkinson, Epilepsie, Multiple Sklerose oder Schizophrenie durchgeführt. Seit mehreren Jahrzehnten wurde in keinem einzigen dieser Forschungsstandorte auch nur einen einzigen brauchbaren Nutzen erzielt.

    Es wurde bereits vor 2 Jahren eine Online-Petition gestartet (jetziger Stand: 31.491Unterstützer), mit der Bitte um die gezielte Beantwortung von mittlerweile 20 sachlichen Fragen zum wissenschaftlichen Wert der Affenhirnforschung an 8 Affenhirnforschern bzw. Befürwortern der Affenhirnforschung gestellt: an Prof. Hans-Peter Thier, Prof. Stefan Treue, Prof. Martin Stratmann, Prof. Almut Schüz, Prof. Peter Strohschneider, Prof. Bernd Engler, Prof. Andreas Kreiter und Prof. Wolf Singer. Kein einziger dieser verantwortlichen Wissenschaftler hat mit einem einzigen Wort auch nur eine einzige dieser 20 Fragen beantwortet. Kein einziger.

    Hier zum Beispiel die ersten 4 Fragen, die wir an Prof. Hans-Peter Thier aus Tübingen vor mehr als 2 Jahren gestellt haben:

    https://www.change.org/p/herr-prof-hans-peter-thier-beantworten-sie-bitte-4-fragen-über-den-wissenschaftlichen-wert-der-affenhirnforschung-am-max-planck-institut-mpi-tübingen

    und die bis heute noch mit eisigem Schweigen quittiert wurden. Warum beantworten diese Forscher nicht 20 sachlichen Fragen aus der Öffentlichkeit über ihre Forschung? Die einzig mögliche Schlußfolgerung und meine feste Überzeugung: sie beantworten diese Fragen nicht, weil sie die nicht beantworten können ohne sich selbst als Betrüger und als Straftäter im Sinne des Tierschutzgesetzes zu entlarven. Der Rechtsstaat darf kein Papiertiger sein.

    mfg
    Jocelyne Lopez

  20. Zitat Stephan Schleim: „P.S. Wolf Singer ist nun schon seit etlichen Jahren nicht mehr Direktor am MPI in Frankfurt.“

    Das stimmt, jedoch bleibt weiterhin Wolf Singer ein aktive Befürworter und extrem einflußreicher Anführer der Hirnforscher mit Primaten in allen Forschungsstandorten, wie das „White Paper“ der Max Planck Gesellschaft 2016 über die Verteidigung der Experimente mit Primaten es dokumentiert, sowie weiterhin ebenfalls in der Presse, wo er ausgiebig die Öffentlichkeit über seine nicht vorhandenen neuen Erkenntnisse seit fast 40 Jahren berieselt.

    Warum beantwortet Wolf Singer nicht die 20 sachlichen Fragen über den Wissenschaftlichen Wert seiner Forschung?
    https://www.change.org/p/herr-prof-hans-peter-thier-beantworten-sie-bitte-4-fragen-über-den-wissenschaftlichen-wert-der-affenhirnforschung-am-max-planck-institut-mpi-tübingen/u/17932400

    Warum nimmt Wolf Singer nicht Stellung zu 8 Vorwürfen der Gesetzwidrigkeit seiner Forschung?
    http://www.jocelyne-lopez.de/pdfDateien/Vorwuerfe%20Gesetzwidrigkeit%20der%20Affenversuche%20MPI.pdf

    Warum beantwortet Wolf Singer nicht 62 Fragen über die bestialische Behandlung der Tiere am MPI Tübingen, die er vor kurzem noch als „wunderbare Forschung“ in der Presse bezeichnet hat?
    http://www.jocelyne-lopez.de/pdfDateien/Fragenkatalog-Logothetis.pdf

    Wieso hat Wolf Singer, der keine einzige neue Erkenntnisse in der Hirnforschung in seiner ganzen Karriere erzielt hat, 2011 das Bundesverdienstkreuz vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff verpasst bekommen, angeblich wegen seinen „herausragenden Verdiensten für … den Tierschutz“ (!!!)

    Für wie naiv und für wie dumm hält die mächtige Tierversuchslobby die Öffentlichkeit und die Steuerzahler? In was für einen entsetzlichen Zustand befindet sich der Wissenschaftsbetrieb? Der Rechtsstaat darf kein Papiertiger sein.

    mfg
    Jocelyne Lopez

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