„Wir sind alle neurodivers!“ Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans „Spektrum“

Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.
Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.
Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen Tes Magazine vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.
Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:
„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)
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Maskierte Symptome?
Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“
Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.
Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.
„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)
Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.
Reflexion
Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.
Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier kürzlich diskutiert.
Währenddessen steigt die Anzahl der Diagnosen immer weiter, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.
Individuum versus System
Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.
Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.
Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.
Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu lösen. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.
Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.
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Ich find’s faszinierend, dass wir einerseits unglaublich reich sind und auch relativ viel Freizeit haben, andererseits die gleichen Stresssymptome zeigen wie Kriegsopfer und misshandelte Sklaven.
Für die Nachwelt ist es gut – wir entwickeln hervorragende Techniken zur Stressbewältigung, die uns irgendwann in einer besseren Welt sehr nützlich sein werden. Aber wir sind eben noch die Versuchskaninchen, die in Kamikaze-Manier testen, wo genau die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit liegen.
[Gekürzt. Orientieren Sie sich bitte näher am Thema. S. Schleim]
Spontane Gedanken zu Paul S.
Phantasiedivers trifft auf deinen Beitrag zu , faszinierend, provokant, beinahe pervers, oder einfach nur meinungsdivers ?
Dr. Stephan Schleim
wir sind nicht alle neurodivers, so viel Platz hätten wir gar nicht in der Psychatrie.
Es gibt Grenzen der menschlichen Toleranz und wer die überschreitet, den erwartet die Freihietsstrafe.
Dass wir Medikamente auch Drogen zu Linderung der negativen Folgen bei extremer Diversität haben ist ein Segen und sollte nicht verteufelt werden.
@NI 12.03. 18:47
„Dass wir Medikamente auch Drogen zu Linderung der negativen Folgen bei extremer Diversität haben ist ein Segen und sollte nicht verteufelt werden.“
Sehe ich auch so. Aber ein entspannteres Leben rund herum wäre dennoch auch hilfreich. Das kann gesellschaftlich sein, aber auch persönlich.
Am Beispiel Arbeitszeiten ist es ganz einfach: Gewerkschaften können für alle Mitarbeiter die Arbeitszeiten senken, aber jeder alleine auch z.B. sich eine Dreiviertelstelle organisieren, wenn er das wirklich will.
Wie leben in sozialen Zusammenhängen, und können genau diese wiederum selber zu gestalten versuchen.
Soweit das denn möglich ist. In der Schule z.B. muss der einzelne Schüler gewisse Leistungen bringen, wenn er entsprechende Abschlüsse schaffen will. Klar kann der Schüler selber seine eigenen Ziele einfach reduzieren. Genauso können aber auch die Anforderungen der Lehrpläne von eigentlich überflüssigen Ausmaßen befreit werden. So kann eine entspanntere Bildungszeit viel eher gelingen.
Wer dann freilich auch noch von den eigenen Eltern massiv unter Druck gesetzt wird, dem geht es dann zuweilen gar nicht mehr gut damit.
Tobias Jeckenburger,
Volle Zustimmung. Man muss den Schülern das Wissen anbieten, es ihnen schmackhaft machen, jawohl, Wissen ist genauso Nahrung wie ein Apfel oder eine Schachtel Pralinen.
Herrn Schleim sollten wir auch etwas anbieten, nämlich Begriffsarbeit.
„neurodivers“ sollte als Triple verstanden werden, mit neurotypisch und neurodivergent. Unser Leben spielt sich in diesem Begriffsdreieck ab.
Wobei ich den Verdacht hege, dass Frauen eher neurotypisch sind als neurodivers.
Sie passen sich eher an, nur 6 % der Strafgefangenen sind Frauen.
Was die Neurodivergenten betrifft, da weiß Herr Schleim sicher besser Bescheid als ich.
@NI: Begriffe
Neurotypisch, neurodivers und neurodivergent – wie würden Sie denn die letzten beiden unterscheiden?
Stephan Schleim
Neurodivers im Gegensatz zu neurodivergent´ nach google ,bezeichnet neurodivers das Phänomen anders zu sein als die Norm , die als „normal“ definiert wird, als Erscheinungsbild einer Menschengruppe, die von der Norm abweicht, sowohl negativ als auch positiv.
Neurodivergent ist der Mensch, der uns gegenübersitzt, mit dem wir zusammenleben müssen.
Mein Vorschlag, da wir nicht wissen, wie normal eigentlich sein könnte, als Ideal, und unsere Gesellschaft so betrachtet nicht normal ist im Sinne eines Ideales, bleibt der Begriff „neurotypisch bestehen als Ausgangspunkt,
Neurodivergent sind dann Menschen die so auffällig sind, dass sie sich nicht selbst helfen können und unsere Hilfe brauchen.
Neurodivers würde ich vorschlagen, sind Menschen, die mit ihren Einschränkungen leben können auch ohne unsere Hilfe.
Also, neurodivergent ist krankhaft, neurodivers ist belastend.
@NI: neuro*divers*divergent
Witzig: Mir wurde bei der Diskussion des Beitrags in einem Autismus-Forum gerade erklärt, wir seien alle neurodivers – aber mit „Neurodivergenz“ bezeichne man die Abweichung von der Norm.
Hört sich für mich nicht ganz unplausibel an.
Aber dann kommt halt die Frage auf, wie man Diversität und Divergenz in der Praxis unterscheidet. Dann steht man wieder am Anfang.
Stephan Schleim,
Sie haben ganz Recht, wenn man nur über Begriffe redet, dann bewegt man sich nicht weiter. In der Praxis……..sollte man so reden wie es die Menschen vestehen……denn die betrifft es ja.
Schon das Wort „Neurodivers“ oder „Neurodivergent“, gibt es keinen verständlicheren Ausdruck dafür ?
Wenn man sagt: wir sind alle neurodivers , dann verliert der Begriff seine Trennschärfe.
Jetzt kommt für mich der Punkt, warum sprechen wir über dieses Thema, wenn doch die Begriffe schon festgelegt sind ?
Oder, ist das mehr ein Thema für Frauen , die sich dann nicht mehr alleingelassen fühlen, wenn wir doch alleneurodivers sind.
Um jetzt einen Knopf daran zu machen, ich habe selbst gemerkt, wie verzwickt so ein Thema werden kann und klicke mich wieder aus. Nichts für ungut !
Naja…da Authismus etwas genetisches ist und nichts mit Stress durch Corona zu tun hat kann man die Aussage von Frau Uta Frith durchaus Kritisch sehen….und nicht jeder hat das Glück schon als Kind eine Diagnose zu bekommen..:und es ist durchaus möglich Stress wegen Corona und soziale Unsicherheiten von Autismus/Asperger zu unterscheiden….wer als Kind schon Asperger Symptome hatte der wird sein Leben lang darunter Leiden…ohne Diagnose noch mehr als mit Diagnose,.. und wie schon erwähnt hat nicht jeder Asperger das Glück schon als Kind eine Solche Diagnose zu erhalten…..in den 1970ern,1980ern und 1990ern wurde Asperger zum Beispiel weder erkannt noch Diagnostiziert….und es ist alles andere als leicht eine Diagnose als Asperger überhaupt zu bekommen weil die meisten Psychiater keine echten und vollwertigen Psychiater sind die alles auch Asperger überhaupt Diagnostizieren können….warum auch immer das so ist…Psychiater die in der Lage sind alles zu Diagnostizieren sind echt extrem selten…dabei sollte das Thema Asperger in jedem Studium für Psychiatrie vorkommen…tut es aber nicht…also gibt es so gut wie keine Vollwertigen Psychiater sondern nur Psychiater die keine wirklichen Psychiater sind weil sie nicht alles Diagnostizieren können…das nennen ich Patienten verarsche….Psychiater die kein Asperger diagnostizieren können sollten sich nicht Psychiater nennen dürfen…das ist irreführend…..und die gute Frau Uta Frith will sich vielleicht auch nur wichtig machen….denn Asperger zu haben heißt nicht nur sich in sozialen Situationen unsicher zu fühlen… es heißt auch in sozialen Situationen immer ins Fettnäpfchen zu treten und noch vieles mehr was sich deutlich von Drogenkonsumenten und Sozialen Unsicherheiten unterscheidet…das sollte die gute Frau Uta Frith eigentlich wissen…..es gibt Asperger denen tut es weh zu Duschen und noch viele andere Symptome mehr die Frau Uta Frith eigentlich als Autismus Expertin kennen sollte und die es nicht erst seit Corona gibt…und kein Psychiater diagnostiziert Asperger weil eine junge Frau das so von ihm erwartet…eher umgekehrt…es ist unglaublich schwer so eine Diagnose überhaupt erst zu bekommen…Frau Uta Frith sollte sich mal nicht so wichtig machen….das wäre auch mal eine Diagnose…welche Störung hat Frau Uta Frith?
@Reeh: Wenn Autismus eine genetische Störung ist, warum diagnostiziert man ihn dann nicht einfach mit einem Gentest?
P.S. Im englischsprachigen Raum hat man sich 2013 darauf geeinigt, dass Asperger keine eigenständige diagnostische Kategorie ist. Seitdem spricht man vom Autismus-Spektrum.
Neurodiversität sagt aus, dass jedes Gehirn individuell ist und schließt damit alle Menschen ein.
neurodivergenz bezeichnet Menschen mit einer anderen Gehirnentwicklung, wie sie z. b seit Geburt bei ADHS und Autismus, aber auch einigen anderen, wie Trisomie 21 und auch Dyslexie usw vorkommt
hier werden Begrifflichkeiten extrem verwechselt.
Die Diskussion der Verwässerung rund um Autismus finde ich erschreckend.
Ich habe mich schon als Kind gefragt, warum diese Welt seltsam ist. Dass ich aufgrund Kognitiver fähigkeiten in der Lage war irgendwie durch zu kommen, spielt für mich kaum eine Rolle.
ich bin nicht hochfunktional, ich habe irgendwie überlebt und genau dadurch über die Jahre mehr und mehr Schaden genommen.
Und das ist eine Realität, die für viele von uns Spätdiagnostizierten gültig ist.
Es ist zudem nach wie vor so, dass wir eher übersehen und mit anderen Erkrankungen diagnostiziert werden. Auch interessant… wenn man weiss wonach man suchen muss, erkennt man einen Autisten bereits an der Art zu sprechen und an seinen Bewegungen. Dazu braucht es nicht einmal mehr ein psychiatrisches Gutachten. Das allein zeigt sehr gut, dass es sich hier um ein Cluster handelt, welches ziemlich gut von anderen Ursachen zu unterscheiden wäre.
MFG
Autist mir ADHS IQ 130, der sprechen, schreiben, sogar noch ein wenig arbeiten kann und trotzdem nicht funktioniert, weil die Welt einfach nicht aufhört zu schmatzen.
Wäre doch schön, wenn sich Uta Frith durch meine Gedanken hat inspirieren lassen 😉 – Nein, ich sehe es auch so und schon lange so.
Warum? – Es erleichtert das Zusammenleben, wenn wir nicht mehr in großen und verschiedenen Schubladen denken, sondern akzeptieren, dass jeder Mensch „anders“ ist.
Es gibt NT und ND, welche keine lauten Einkaufszentren mögen => Wenn man diese Erkenntnis hat (alle = neurodivers), macht man halt auch mal ein Einkaufszentrum, welches nicht die vielen Lichter hat und ohne Wums-Musik an jeder Ecke auskommt. Stilles Einkaufen gibt es bei z. B. Edeka.
Macht es die Sache einfacher? – Ja, da es keine Guten (NT) und Schlechten (ND) mehr gibt.
Mein Blog ist schon ein paar Jahre alt.
Hier die Adresse: autismus-anders-denken.de