Wiederholungsklausur oder ein toter Bruder?

Es schien ein Arbeitstag wie jeder andere. Die Klausuren waren gerade geschrieben – oder besser gesagt geklickt – und jetzt tröpfelten die üblichen E-Mails herein: So war eine Studentin durchgefallen und schrieb von ihren psychischen Problemen. Ob ich ihr erklären könne, was sie bei der Wiederholungsklausur besser machen könne?

Ein anderer Student, ebenfalls durchgefallen, fragte nach einer Alternative zum Nachsitzen. Er habe nämlich bereits einen Flug zurück in sein Heimatland gebucht, da dort das Semester früher anfange, und könne daher nicht zur Nachklausur erscheinen. Ich hatte ihm eine mündliche Prüfung angeboten, doch das ließen die Institutsrichtlinien nicht zu: Selber schuld, wenn er bei seiner Planung nicht die niederländischen Semesterzeiten berücksichtigt, hieß es da.

So verstrich die Zeit und ich fragte mich einmal wieder, ob ich studiert und promoviert habe, um E-Mails zu beantworten. Deren 1.800 schrieb ich im Jahr 2016, immerhin rund 400 weniger als noch im Vorjahr (jeweils einschließlich privater Nachrichten). 2013 und 2014, vor dem Burn-Out, waren es noch 2.750 beziehungsweise gar 2.900 gewesen.

Doch dann erhielt ich eine Mail, die anders war als die anderen. Sie stammte von einer Studentin mit afrikanischem Namen, die knapp durchgefallen war. Ich übersetze ins Deutsche:

Sehr geehrter Herr Schleim… Leider bin ich in Ihrer Klausur durchgefallen… und ich bin mir dessen bewusst, dass in Kürze die Wiederholungsklausur stattfindet. Letzte Woche hat sich aber eine Tragödie ereignet, als mein junger Bruder im Mittelmeer ertrank. Er war auf dem Weg nach Europa, um dort Asyl zu finden. Aus diesem Grund werde ich nicht nachschreiben können, da ich mit meiner Familie an die italienische Küste reisen werde, um seinen Leichnam zu identifizieren… Gibt es vielleicht eine andere Möglichkeit? …

Ich habe an jenem Tag nicht mehr gearbeitet, sondern mich gefragt:

Was tun wir hier eigentlich?

Wenn wir hunderte Studierende Kästchen ankreuzen lassen und hinterher sagen: Du hast bestanden, du bist durchgefallen. Die Grenze ziehen wir selbst; die Schwierigkeit bestimmen wir.

Das Mittelmeer: Für die einen bedeutet es einen schönen Urlaub; für die anderen den Tod. Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de

Was tun wir hier eigentlich?

Wenn wir anderen sinnlose Formulare schicken und erwarten, dass sie sie ausfüllen?

Was tun wir hier eigentlich?

Wenn wir stets neue Sachzwänge erfinden oder diese gegenüber anderen durchsetzen?

Oder anders formuliert: Was von dem, was für Tag für Tag tun, ist wirklich essenziell? Was davon ist für ein gutes, gelungenes Leben notwendig? Und wie viele dieser Tätigkeiten stehen diesem Ziel im Gegenteil sogar im Wege, auf unserem eigenen Lebensweg ebenso wie dem anderer?

Haben wir uns nicht eine Scheinwelt aufgebaut, die uns die meiste Zeit vom Wesentlichen ablenkt?

Die Frage aber: Mein Bruder ist tot, haben Sie eine Alternative für mich? Willkommen in Absurdistan! Wo kann ich hier den Asylantrag stellen?

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Stefan Schleim,
    …..Willkommen in Absurdistan,
    damit legen sie den Finger auf die Wunde, an der die ganze europäische Kultur leidet. Wir achten die Technik und wir vergessen dabei die Menschen.
    Kompliment für dieses Thema. Ich wünsche Ihnen eine überwältigende Resonanz.

    • Zitat:“Wir achten die Technik und wir vergessen dabei die Menschen.”. Hat man früher – ohne Technik – der Menschen mehr gedacht? Ich bezweifle es. Vielmehr hat man sich früher allgemein viel weniger Gedanken zu Abläufen und vorgegebenen Ordnungen gemacht und die Regeln konnten nur von ein paar Privilegierten missachtet werden ohne dass es Konsequenzen hatte.
      In gewissem Sinne können wir uns erst heute den Luxus leisten uns selbst in Frage zu stellen.

  2. Wenn ein/e Angehörige/r stirbt, müssen die Verbliebenen in ihrer Trauer zugleich existenzielle Probleme lösen und gleichzeitig in einem gewissen Maße auch im Alltag weiter “funktionieren” und die weiteren, banal erscheinenden Probleme lösen. In diesem Falle würde ich die Möglichkeiten des Nachschreibens anbieten, die Prüfungsordnung wird vielleicht Regelungen in Härtefällen zulassen. Damit löst man nicht die existenziellen Probleme dieser Familie, aber wenigstens ein Problem.
    Was hier passiert, reißt die Grenze ein zwischen unserer Welt und der Welt, die wir gewöhnlich nur aus den Medien kennen und gegen die wir uns mehr oder weniger emotional abschotten.
    Was ist wichtig für ein gelungenes Leben? Um in unserer Gesellschaft zu “funktionieren”, d.h. nur um die Freiheiten unserer Gesellschaft wahrzunehmen, sind die Hürden in Bildung, Können, Einkommen etc. schon relativ hoch. Ohne Bildung, Ausbildung, Schulabschluss, Fertigkeiten, Einkommen schnurren unsere Freiheitsgrade ganz schnell zusammen. Umgekehrt, hat man recht viel auf dem Wege des Aufstiegs erreicht, sieht man sich oft schneller als lieb in den Zwängen des Berufs und seiner immanenten Anforderungen gefangen und vom Arbeitspensum überfordert. Und die Aussortierten langweilen sich zu Tode und leiden daran, irrelevant zu sein.

  3. Paul Stefan,
    …..die Aussortierten langweilen sich zu Tode.
    In Ländern wie der Schweiz bist du ein Nichts, wenn du kein Geld hast. Die haben den Materialismus zur Vollkommenheit gebracht.

    Martin Holzherr,
    …..Luxus
    es stimmt schon, wenn man Zeit hat über sich und die Welt zu philosophieren, dann erkennt man die Schwächen.

  4. @Stephan Schleim

    “Ich habe an jenem Tag nicht mehr gearbeitet, sondern mich gefragt:”

    Auf die Gefahr hin, dass mein Kommentar als Provokation verstanden wird – aber ich habe mich (nach mehrmaligem Lesen) gefragt, ob Sie so auch reagiert hätten, wenn eine niederländische Studentin Ihnen mitgeteilt hätte, dass ihr Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist …

    …oder ob nicht die Tatsache, dass sie aus Afrika kommt, dass sie schreibt, ihr Bruder sei als Asylsuchender ertrunken, usw. bei Ihnen bewirkt hat, sich diese Fragen zu stellen.

    Sehen Sie, es mag alles so sein, wie die junge Frau schreibt, mich interessiert anderes, nämlich: Wie manipulierbar sind wir eigentlich und unter welchen Umständen sind wir es?
    Vielleicht hätten Sie ganz anders reagiert, wenn die junge Frau nicht aus Afrika käme und ihr Bruder nicht im Mittelmeer ertrunken wäre – ob sie das weiß? Ich denke, schon.

    Ich erinnere mich, dass während meiner Studienzeit eine Studierende darum gebeten hat, die anstehende Klausur nachschreiben zu dürfen, weil ihr Vater gestorben sei und am nämlichen Tag die Beerdigung sei. Es stellte sich heraus, dass der Vater quicklebendig war, und die Dame nur nicht hinreichend gelernt hatte. Nur dass in ihrem Fall nachgeforscht wurde.

    Ihre Studentin schreibt, ihr Bruder sei als Asylsuchender im Mittelmeer ertrunken – Sie lebt hier in Europa und kann hier studieren; normalerweise aber sind es Jungen, junge Männer, nicht Mädchen oder junge Frauen, die von ihren Familien nach Europa geschickt werden.
    Da sie schon hier ist: hat sie auch Asyl beantragt? Asyl wird ja nur dem Einzelnen gewährt. Und warum muss ihr Bruder Asyl beantragen, offenbar aber nicht seine Eltern, die jedoch nach Italien zur Identifizierung reisen können…

    Diese Fragen haben Sie nicht gestellt, sondern fragen stattdessen:
    “Was davon ist für ein gutes, gelungenes Leben notwendig? ”

    Diese Frage hatten wir an anderer Stelle schon einmal, im Blog “Verhalten, Freundschaft, Sucht”.

    Damals (7. März 2017 @ 11:25 )schrieben Sie: “Das sind alles fremde Dinge, nicht meine.”
    Ich habe geantwortet:
    “Das ist der Punkt! Solange man zufrieden ist und im Leben gut zurecht kommt, ist alles in Ordnung. Aber…”
    Und Sie antworteten :
    “Genau. Kein Aber. Es ist gut so.”

    Was ist nun anders? Und warum?

  5. Die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge sind eine einzige Katastrophe und die junge Frau kann einem leidtun. Allerdings wundere ich mich etwas, dass sie nach Italien reisen muss um den Leichnam ihres ertrunkenen Bruders zu identifizieren. Eine visuelle Identifizierung dürfte bei Wasserleichen, die womöglich längere Zeit bei sommerlichen Temperaturen in einem Leichensack transportiert wurden, äußerst schwierig sein. Zudem wird von den Behörden nur eine wissenschaftliche Identifizierung, mittels DNA, anerkannt. Um eine bessere Identifizierung sicherzustellen wurde vor einiger Zeit das Projekt “Mediterranean Missing” gegründet. Ich verlinke mal eine Seite, wo die entsprechenden Probleme beschrieben werden.
    http://www.cafebabel.de/gesellschaft/artikel/mittelmeer-tragodie-ein-meer-voll-namenloser-leichen.html

  6. @Trice & Mona

    Danke für diese Ergänzungen.

    Es mag so sein, wie es ist; oder anders.

    In jedem Falle wurde hier der formale Rahmen gewahrt; das ist meine Aufgabe als Beamter an der Universität Groningen.

    Und zu der Nachfrage: Wenn es sich um eine niederländische Studentin mit einem Bruder oder einen deutschen Studenten mit einer Schwester gehandelt hätte, ich hätte mir wohl dieselbe Frage gestellt, ja, und wahrscheinlich auch einen Beitrag darüber geschrieben.

  7. @ Stephan Schleim: Reaktionen

    Sie “schreiben: “…ich hätte mir wohl dieselbe Frage gestellt, ja,..”

    Das war, wonach ich gefragt habe: Welcher Umstand rief diese Reaktion hervor, die eigene Einstellung oder etwas, das ich “Second-hand-Gefühle” nenne. Damit meine ich, dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob eine emotionale Reaktion das eigene Empfinden widerspiegelt oder eine gesellschaftliche Einstellung, die man unreflektiert internalisiert hat. Schön, dass letzteres nicht der Fall ist, das freut mich, denn es kommt schon viel zu oft vor, dass Menschen von diesen sentimentalen Second-hand-Gefühlen übermannt werden und sich zu Reaktionen verleiten lassen, die weder dem Kopf noch dem Herzen Ehre machen.

    @Mona

    Unter dem Begriff Katastrophe versteht man lauf Wiki folgenschwere Unglücksereignisse, die z. B. auf elementare (Vulkanausbrüche, Tsunamis) oder technische (Tschernobyl, Fukushima) Vorgänge zurückgeführt werden können, bzw. wie bei letzteren von Menschen ausgelöst werden.
    Die ertrunkenen Migranten (nicht unbedingt Flüchtlinge) sind so gesehen keine Katastrophe, sondern tragische Ereignisse.
    Die Formulierung: ‘die junge Frau kann einem leid tun’ klingt nach einem Sollen, das aber nich gefordert werden kann. Wenn sie ihren Bruder verloren und sehr an ihm gehangen hat, dann tut es _mir_ für _sie_ leid – so wie es mir für die Mutter eine Klassenkameradin meiner älteren Tochter unendlich leid tut, deren Tochter Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte, und die sie in ihren letzten Wochen qualvoll hat sterben sehen müssen.

    Dass die Studentin nach Italien reisen musste, kann ich ebenso nachvollziehen wie die Hoffnung der Eltern, den Sohn zu finden und ihn beerdigen zu können. Dass die Eltern in dieser Lage die Tochter dabei haben wollen und die Tochter die Eltern nicht im Stich lassen will und kann, verstehe ich sehr gut. Gerade für Menschen aus diesen Regionen bedeutet Familie und die Zugehörigkeit zu einer Familie sehr viel und sie finden darin Halt. Etwas, das bei uns zunehmend verloren geht.

    • @Trice

      Wir kennen weder die näheren Umstände des Vorfalls noch die Studentin selbst. Insofern möchte ich mich da nicht allzu sehr in Spekulationen verrennen.

      Für Sie mögen Tausende von ertrunkenen Flüchtlingen bzw. “Migranten” keine Katastrophe sein, sondern lediglich “tragische Ereignisse”, ich sehe das anders. Zumal man ja auch von “Schiffskatastrophen” spricht, wenn Schiffe untergehen und Menschen im Meer ertrinken.

      • @ Mona

        Danke, dass Sie die Schiffskatastrophe erwähnt haben, denn wie ich bereits schrieb, sind Katastrophen entweder von Menschen oder durch technische Fehler verursacht. Es gab also einen Auslöser, der zur Katastrophe geführt hat.

        Es gibt zwar Auslöser für die massenhafte Migration nach Europa, aber sie führen nicht zwangsläufig dazu, dass Migranten im Mittelmeer ertrinken.

        Es geht also nicht nur um die persönliche Einschätzung, sondern auch um die Schuldfrage, wenn man von Katastrophen spricht.

        @fegalo: 5. Juli 2017 @ 18:46

        Diese Frage hatte ich auch bereits gestellt, aber ich vermute, sie fällt unter die PC.

  8. Lieber Herr Schleim,

    wenn ich mich als Studentin mit so einem privaten Anliegen, an einen Betreuenden gewandt hätte, um festzustellen, dass dies in einem öffentlichen Blog “abdiskutiert” wird, wäre ich mehr als irritiert.

    Gibt es keine ” Geschützten Räume”, wo man das auch mal ” loswerden” kann, Fragen aufwirft?

    Freundliche Grüße

    • Meinen Sie so etwas wie “Safe Spaces”, mit der Forderung wonach sich eine ganze “Generation Schneeflocke” ultimativ lächerlich macht?

  9. Was mich bei der Geschichte mit der afrikanischen Studentin wundert, ist, warum sie selbst legitim in den Niederlanden studieren darf, ihr Bruder aber illegal über die Mittelmeerroute einreisen muss. Ich wäre hier erst einmal skeptisch, auch wenn es sicher Erklärungsmöglichkeiten dafür geben könnte (etwa weil es ein Halbbruder war o.ä.)

  10. @Susan: Anonymität

    Diese Frage habe ich mir gestellt, ja.

    Ich schrieb weder, wann sich das ereignete (vor einer Woche, vor einem Jahr, …?), noch wo (Groningen? München? …?); wenn Sie daraus weitere Schlüsse ziehen, dann kann ich das nicht ändern.

    Davon abgesehen denke ich als Mensch, dass man so einen tragischen Fall nicht mit sich alleine ausmachen sollte. Der springende Punkt in diesem Beispiel war ja, dass diese Tragik den anderen, die nicht davon betroffen sind, einige Lehren vor Augen führen kann. Darum habe ich diesen Beitrag geschrieben.

    Wäre das früher in hinreichender Weise geschehen, dann hätte dieser Mensch (und viele andere) vielleicht nicht ertrinken müssen.

  11. P.S. Susan

    Oder um es einmal anders zu formulieren: Sie wollen nicht “irritiert” sein; vielleicht täte etwas Irritation der Gesellschaft aber ganz gut.

    Zum Beispiel hören wir, 40% der Menschen würden jährlich an mindestens einer psychischen Störung leiden; auf Platz 1 stehen mit 14% der Gesamtbevölkerung die Angststörungen.

    Ich frage mich, nachdem ich nun schon mehrere Tausend Studierende in der Prüfung hatte, warum hat da noch nie jemand (sichtbar) einen Panikanfall bekommen? Das würde sicher Irritationen aufrufen und uns vor Augen führen, wie wir diese Situationen einrichten, was diese Gesellschaft vom Individuum erwartet.

    In Folge käme es vielleicht zu weniger Angst, würden wir uns für unsere Unvollkommenheit, Abhängigkeit und Verletzlichkeit nicht schämen und verstecken, sondern zu ihr stehen, öffentlich, vor aller Augen, irritierend, schlicht weil wir Menschen sind!

  12. Lieber Herr Schleim,

    danke für ihre Antworten!

    Ich bin mit 45 schon lange raus aus dem Studentenalter, in den zwei Sätzen von mir, kann man natürlich nicht viel rauslesen.
    Mit irritiert meinte ich auch nicht ängstlich oder ähnliches.

    In meinem beruflichen Kontext gehört Supervision usw. dazu, was ich dann zum Beispiel mit geschützen Raum meinte, konfrontiert wird man mit diesem Thema ja in allen möglichen Bereichen.

    Ihren Artikel sehe ich auch keine Anonymitätsverletzung, die Gedanken welche ihnen durch den Kopf gehen, kann ich sehr gut nachvollziehen und auch dass dies raus “will”.

    Im Endeffekt bleibt es eine individuelle Entscheidung, auf welche Art und Weise man damit umgeht, was ich in Ordnung finde.

  13. @Susan: Klärung

    Danke für diese Klärung.

    Vielleicht schreibe ich mir ja hier das eine oder andere “von der Seele”, weil es an anderer Stelle niemanden gibt, der sich das anhört.

    Es wäre schön, wenn es für Dozierende an den Hochschulen und Universitäten so etwas wie Supervision gäbe; zumindest an den Unis wird die Lehre bekanntermaßen aber sehr stiefmütterlich behandelt.

  14. Hallo Herr Schleim,
    aufgrund eines Interviews mit Ihnen im DLF suchte ich nach Ihrem Blog und fand diese für mich in Hinblick auf die Teilnehmeräußerungen interessante Diskussion. Interessant, weil fast alle sich mit der konkreten geschilderten Situation auseinandersetzen und/oder mit der Frage, was Sie dahingehend “manipuliert” habe, mit dem Denken anzufangen. Das Problem, das ich aus Ihren Worten herauslas, war doch: Warum können wir im modernen Leistungs-Europa nicht darauf vertrauen, dass eine kurze Nachricht wie: “Durch einen Trauerfall in der Familie werde ich am Termin der Wiederholungsklausur verhindert sein und bitte um einen Ersatztermin” auch zu einem solchen Ersatztermin führt? Dann kann sich ein Mensch seine nötige Privatheit zugestehen und die Zeit zu trauern und das schlimme Flüchtlingsgeschehen dort zu bearbeiten, wo es wirklich hilfreich ist (als Altphilologin habe ich allerdings wenig Verständnis für die einseitige Zuordnung des Wortes “Katastrophe” zu Naturereignissen und der Tod ist m. E. immer eine persönliche Katastrophe und dazu ein Naturereignis, egal ob durch Mord oder anderes herbeigeführt).
    Ich hatte den großen Vorteil in Deutschland Gymnasiallehrerin zu sein, trotz einer chronischen Krankheit, die mich nun zwang, einzusehen, dass eine kleine Erwerbsminderungsrente besser ist, als sich weiterhin einem noch kränker machenden Leistungsdruck auszusetzen. Ich brauchte nur meiner Schulleitung melden, dass meine Mutter gestorben sei und schon hatte ich das Angebot, eine ganze Woche frei zu bekommen (Was eine Lehrerin “natürlich” vor ihrem eigenen Anspruch an ihre Verantwortung gegenüber ihren SchülerInnen nicht vertreten kann, so dass ich daher damals höchstens 2 Tage frei nahm.) Dieses Beispiel soll einfach zeigen, dass Absurdistan in den Köpfen stattfindet (incl. der pädagogischen Selbstüberforderung von Lehrern) und weder “Sachzwang” ist noch dann existent, wenn es die Verantwortlichen nicht zulassen. Und eben diese Verantwortlichen haben auch die Verantwortung Absurdistan in den Köpfen “abzuwickeln”, wie man für “schließen” oder “abschaffen” heute so schön sagt. Dazu haben Sie mit Ihrem Blog, wie auch in dem Interview beigetragen. Vielen Dank!

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