Wer entscheidet: Ich oder mein Gehirn? Kritik an „Die Neurogesellschaft“ (Teil 2b)

Kuno Kirschfeld, früherer Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in TübingenIm letzten Teil seiner Replik erklärt Kuno Kirschfeld, wie seiner Meinung nach Entscheidungen im Gehirn ablaufen. Außerdem fasst er seinen Standpunkt zusammen und schließt mit einem Epilog über Differenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

Wer entscheidet, das festverdrahtete Gehirn oder der Mensch nach seiner Überzeugung? Eine Alternative, die in die Irre führt

Nach diesen Vorüberlegungen können wir uns allgemein klar machen, welche Aufgabe unser Organ Gehirn zu erfüllen hat.

Nach der Geburt beginnt für jeden Menschen eine Phase, in der er Vieles lernen muss: Gehen, Stuhl- und Harndrang kontrollieren, Sprechen, alles was Schulfächer vermitteln, soziale Kompetenz, religiöse Inhalte und eine Unzahl weiterer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Allerdings gibt es auch Fähigkeiten, die sich ohne Übung entwickeln, was man als Reifung bezeichnet, und die angeboren sind. Auch bestimmte moralische Handlungsanweisungen könnten angeboren sein, falls sie sich im Verlauf der Evolution im Sinne Darwins als fitness steigernd behaupten konnten.

Auf der Basis dieser Vorstellung können wir die Frage beantworten: wer entscheidet über unser Verhalten? Nehmen wir unsere Sprache: Da Wortschatz und Grammatik im Gedächtnis des Gehirns niedergelegt sind, so könnte man sagen, das Gehirn entscheidet darüber, welche Sprache wir sprechen. Wäre in meinem Gedächtnis Arabisch gespeichert, so könnte ich arabisch sprechen, was leider nicht der Fall ist. Dabei ist aber jedem klar, dass es die Geburt in meinen Kulturkreis war, die über meine Muttersprache entschied. Das bedeutet: das Gehirn „entscheidet“ (genauer: im Gehirn ist festgelegt), welche Sprache ich sprechen kann. Aber es war nicht das Gehirn, das darüber befunden hat, welche Sprache ich gelernt habe.

Ganz Entsprechendes gilt für moralische Überzeugungen. Bei uns lernt ein Kind: Du sollst nicht töten. Für einen Sohn, der in einer Gesellschaft groß wurde, in der die Blutrache gilt, ist das Tötungsverbot aufgehoben, falls die Ehre der Familie eine Tötung verlangt. Dies gilt selbst dann, wenn ein Familienmitglied betroffen ist, zum Beispiel eine Schwester.

In einer aktuellen Situation ist es deswegen so, dass die im Gehirn niedergelegten, die Moral betreffenden Gedächtnisinhalte bestimmen, wie sich ein Mensch entscheiden wird. Insofern könnte man sagen, das Gehirn trifft die Entscheidung. Aber jeder Hirnforscher, der diese Formulierung wählt, ist sich natürlich im Klaren darüber: es war selbstverständlich der kulturelle Kontext, in dem ein Kind (bzw. der spätere Mensch) aufwuchs, der darüber entschied, wie das Gehirn verschaltet wurde.

Damit erweist sich der Ausgangspunkt von Stephan Schleims Überlegungen als Fehlinterpretation. In seinem Vorwort auf S. VII schreibt er nämlich:

Eine solche vorherrschende Meinung ist es, das Gehirn lege alles fest und sei daher der natürliche Ort, die Grundlagen allen menschlichen Fühlens, Erkennen und Handelns zu untersuchen und folglich zu entdecken.

Jeder Mensch, und damit sein Gehirn, werden doch geprägt durch die Umwelt, und es ist diese Umwelt die vieles festlegt und darüber entscheidet, was aus einem Menschen wird, was er kann, was er glaubt usw. Niemand geht doch davon aus, dass dies vom Gehirn festgelegt worden sei.

Wenn Schleim auf Seite 10 schreibt: dass

… sich die psychische Erklärung meistens nur im Kontext von Verhalten und (vor allem sozialer) Umwelt erschließt.

so kann ich ihm in dem Sinne zustimmen, dass die soziale Umwelt den Gedächtnisinhalt des Gehirns determiniert. Allerdings sind unsere Vorstellungen völlig verschieden hinsichtlich der Rolle, die das Gehirn im Kontext von Verhalten spielt. Auf S. 8 schreibt Schleim:

Die … falschen Beschreibungen legen zu Unrecht nahe, dass Entscheidungen … durch das Gehirn determiniert werden …

Für mich ist selbstverständlich, dass alle Überlegungen, die vor einer moralischen Entscheidung erfolgen, ihre Basis in Prozessen haben, die im Gehirn vor sich gehen und die dort im Prinzip auch messend verfolgt werden könnten. Außerdem kann uns natürlich ein Teil dieser Vorgänge z.B. als Willensentscheidung bewusst werden. Für Schleim ist es nach dem obigen Zitat dagegen offensichtlich so, dass Entscheidungen sich nicht im Gehirn entwickeln und durch die ablaufenden Vorgänge determiniert werden. Es ist doch aber so, dass vor moralischen Entscheidungen Zeit erforderlich ist, in der zwischen verschiedenen Möglichkeiten abgewogen wird. Allgemein formuliert: dabei wird Information verarbeitet, um zu einem Ergebnis zu kommen. Informationsverarbeitung erfordert aber ein physikalisches Substrat, sie kann nicht gewissermaßen im luftleeren Raum erfolgen. Schleim bleibt die Antwort darauf schuldig, wo diese Information denn verarbeitet werden soll, wenn nicht im Gehirn.

Aus meiner Sicht führt die Alternative in die Irre, entweder ein festverdrahtetes Gehirn oder Gründe und Überzeugungen als Basis unserer Entscheidungen anzusehen. Denn unsere Überzeugungen sind ja im Gedächtnis des Gehirns niedergelegt, also seiner Verschaltung. Und deshalb sind beide an jeder moralischen Entscheidung beteiligt: die sich während unseres Lebens gebildeten Überzeugungen, und damit natürlich notwendigerweise die diesen Überzeugungen zugrunde liegenden Prozesse und Gedächtnisinhalte im Gehirn.

Besonders klar lässt sich der Unterschied unserer beider Vorstellungen durch ein Gedankenexperiment illustrieren: Würde einem hirntoten Menschen das Gehirn eines Spenders transplantiert, so hätte der dabei entstehende neue Mensch nach meiner Vorstellung die Sprachfähigkeiten und Überzeugungen des Spenders. Nach Schleims Vorstellung – so verstehe ich jedenfalls seinen Text – wäre das Gehirn des neuen Menschen natürlich noch so „verdrahtet“ wie beim Spender. Der neue Mensch hätte aber nach wie vor die ja nicht von der Verdrahtung des Gehirns abhängigen Überzeugungen des Empfängers.

Zusammenfassung meiner Vorstellungen:

  1. Nicht das Gehirn legt alles fest, vielmehr ist es – neben genetischen Faktoren – die Umwelt, die das Gehirn prägt. Es sind dann allerdings Gedächtnisinhalte und Vorgänge im Gehirn, die die Fähigkeiten und das Verhalten eines Menschen in verschiedenster Hinsicht bestimmen.
  2. Aktivität des Gehirns, und damit auch von ihm gesteuertes Verhalten, kann nur durch physikalische Parameter initiiert werden, nicht durch z.B. einen „Willen“.
  3. Jede moralische Handlung setzt ein Abwägen zwischen verschiedenen Möglichkeiten voraus. Ein solches Abwägen ist im Prinzip Verarbeitung von Information. Informationsverarbeitung setzt (wie ein Gedächtnis) ein physikalisches Substrat voraus. Dieses Substrat kann nach allem was wir wissen nur das Gehirn sein.

Epilog

Natürlich weiß ich nicht, ob meine Art zu denken (so wie die vieler meiner Kollegen), für Stephan Schleim nachvollziehbar ist. Seit dem berühmten Artikel von Charles Percy Snow in der englischen Zeitschrift New Statesman (1956) über die Zwei Kulturen, wissen wir, dass Vertreter der Zwei Kulturen (die literarischen Intellektuellen und Philologen einerseits und die Naturwissenschaftler und Techniker andererseits) so verschieden Denken, dass eine Verständigung häufig nicht möglich ist. Und vergleicht man die Argumente, die von Vertretern der Zwei Kulturen in Hinsicht aufs Gehirn ins Feld geführt werden, so gewinnt man den Eindruck, eine Annäherung der Standpunkte ist nicht in Sicht.

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Kuno Kirschfeld, früherer Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in TübingenProf. Dr. Kuno Kirschfeld ist seit 2002 emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen.

 

 

 

 

 

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Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

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