Weihnachten 2018

Gerade sind die Feiertage überstanden und der Alltag fängt wieder an. Stellen wir uns vor, in Zukunft würde es Haushaltsgeräte geben, mit denen man Gedanken lesen könnte. Insbesondere die Möglichkeit, zuverlässig Lügen zu erkennen, erscheint attraktiv. Wie könnte ein Weihnachtsfest aussehen, bei dem es ein solches Gerät im Haushalt gibt? Ein fiktives Beispiel:

Marcel war bei seiner Mutter zu besuch. Seitdem er als Unternehmensberater arbeitete, kam er nur noch selten in die Nähe seines Heimatortes. Passend zur Weihnachtszeit hatte er es sich aber so eingerichtet, dass er ein paar Tage in der Gegend bleiben konnte, um Freunde und Familie zu besuchen. Er spürte, dass seiner Mutter viel daran lag, dass er sie besuchte. Sie lebte inzwischen sehr zurückgezogen und pflegte nur noch wenige Kontakte. Marcel genoss die Besuche bei ihr aber er merkte auch, dass er sich nach ein paar Tagen wieder darauf freute, die alte Heimat hinter sich zu lassen.

WeihnachtenSeine Mutter hatte ihn mit einer herzlichen Umarmung begrüßt und wie sie es immer machte, schon ein Festessen für ihn vorbereitet. Diesmal gab es Hirschgulasch mit Nudeln und Rosenkohl, dazu einen Salat und was sie sich wohl zum Nachtisch einfallen gelassen hatte, darüber konnte Marcel nur spekulieren. Zunächst galt es aber, sich durch den Berg von Nudeln, Hirschgulasch und Rosenkohl zu kämpfen, den seine Mutter auf seinen Teller gehäuft hatte. Eigentlich hatte er Rosenkohl noch nie gemocht und lebte inzwischen weitgehend vegetarisch. Das hatte Marcel seiner Mutter schon am Telefon angekündigt aber sie tat solche Einwände stets mit der Bemerkung ab, man müsse etwas Ordentliches essen, wenn man hart arbeiten wolle. Er wollte es aber auf gar keinen Fall auf einen Streit ankommen lassen, wo er nun zu besuch war. Es sollte ein schönes Weihnachtsessen sein, an das sie noch lange mit Freude erinnern könnten.

Schon gleich am Anfang, als er das Esszimmer betreten hatte, war ihm ein komisches Gerät aufgefallen, das in der Ecke stand. Es erinnerte entfernt an einen DVD-Spieler, war jedoch etwas kleiner und in unscheinbaren Grautönen gehalten. Nachdem sie sich bei Hirschgulasch und Rosenkohl über die neuesten Ereignisse ausgetauscht hatten, lenkte Marcel das Gespräch schließlich auf den unscheinbaren Kasten. Seine Mutter erklärte ihm, es handle sich dabei um ein Gedankenlesegerät, das sie als Prämie beim Abschluss des Abonnements einer Frauenzeitschrift erhalten hatte.

„In der Beschreibung stand, das Gerät könne anhand durch das Aufzeichnen von Hirnströmen erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt,“ erklärte sie ihm.

„Aber Mutter, so einen Unsinn kann es doch gar nicht geben,“ antwortete er geringschätzend.

„Wenn du mir nicht glaubst, dann können wir es ja einmal ausprobieren. In der Zeitschrift hatten sie einen namhaften Wissenschaftler interviewt, der sich auf neueste Forschungsergebnisse berief. Ich kenne mich mit den Details zwar nicht aus aber es funktioniert ganz einfach.“ Sie stand auf, ging in die Ecke, wo der kleine Kasten stand und drückte auf einen Knopf, woraufhin das Gerät mit einem leisen Brummen und dem Aufblinken eines roten Lämpchens reagierte. „So, das dauert nur einen kleinen Moment,“ erläuterte sie, als sie zum Tisch zurückkehrte, „und wenn das Lämpchen grün aufleuchtet, dann können wir anfangen.“

Immer noch skeptisch schaute Marcel gebannt auf das blinkende Lämpchen. Was man seiner Mutter da wohl für einen Bären aufgebunden hatte, fragte er sich. Wenigstens hatte sie dafür nicht viel Geld ausgeben müssen, beruhigte er sich.

„Jetzt können wir anfangen,“ sagte seine Mutter und weckte damit Marcel aus seinen Gedanken. „Fangen wir mit etwas ganz Einfachem an: Wie ist denn dein Name?“

„Na ich heiße natürlich Marcel, wie du ja seit mehr als dreißig Jahren weißt,“ antwortete er mürrisch. „Schließlich habt ihr mich nach meiner Geburt so genannt.“ Er schaute auf das Gerät und war sich sicher, das ganze bald als Hokuspokus entlarven zu können. Nichts tat sich, das Lämpchen leuchtete weiter grün. „Mutter, es tut sich ja gar nichts. Bist du dir wirklich sicher, dass man dich damit nicht auf den Arm nehmen wollte?“

„Na, du hast aber auch die Wahrheit gesagt,“ antwortete sie beharrend. „Versuche es doch jetzt einmal mit einer Lüge. Ich frage dich also noch einmal: Wie heißt du?“

„Ich bin Albert Einstein und habe die Relativitätstheorie entwickelt,“ antwortete Marcel hämisch. Sein Grinsen gefror ihm jedoch im Gesicht, als das Lämpchen plötzlich rot wurde und dabei ein unangenehmes Summen ertönte. Er musste es gleich noch einmal versuchen: „Mein Auto hat zwei Flügel und einen Düsenantrieb.“ Wieder folgte kurz auf seine Behauptung das rote Licht und das Geräusch.

„Mutter, lass uns jetzt nicht weiter darüber nachdenken,“ sagte er mit hörbarem Ärger. „Wenn wir uns nach langer Zeit wieder einmal sehen, dann haben wir doch besseres zu tun, als uns über so einen Kasten zu streiten, nicht wahr?“

So schwelgten Mutter und Sohn eine Weile in Erinnerungen, bis ihr schließlich der Nachtisch einfiel, den sie liebevoll vorbereitet hatte. Während sie das benutzte Geschirr und die Reste von Hirschgulasch und Rosenkohl zusammenräumte, fragte sie beiläufig: „Und mein Sohn, hat es dir geschmeckt?“

„Ja, ganz ausgezeichnet. Einfach einzigartig, wie du kochst,“ antwortete er und es dauerte einen Moment, bis die beiden das unangenehme Summen aus der Ecke einordnen konnten. Ihre Blicke fielen in etwa zeitgleich auf das rote Lämpchen des unscheinbaren grauen Kastens. Ins Gespräch vertieft hatten sie vergessen, dass sie das Gerät nach der kurzen Präsentation nicht wieder ausgeschaltet hatten. Marcels Herz fing plötzlich an schnell zu klopfen und das Blut schoss ihm ins Gesicht.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte ihn seine Mutter verunsichert.

„Das ist ja absurd,“ antwortete er wütend. „Du weißt doch ganz genau, wie gerne ich dein Essen mag!“ Erneut quittierte der kleine Kasten das Gesagte mit Summen und Rot.

„Magst du etwa nicht, was ich für dich koche?“ fragte die Mutter mit einem Schluchzen. „Und ich gebe mir für dich immer solche Mühe!“

„Mutter, du wirst doch wohl nicht diesem Spuk aus dem Spielzeugladen mehr glauben als mir!“ Dabei sprang er von seinem Stuhl auf und ging mit entschiedenen Schritten auf den grauen Kasten zu. „Ich habe immer sehr gerne gegessen, was du gekocht hast und schätze dein Essen mehr denn je.“

Just in dem Moment, in dem das Lämpchen wieder rot wurde und das Summen ertönte, riss Marcel das Gerät aus seine Ecke und warf es auf den Boden, um darauf mit aller Kraft zu trampeln, bis nur noch Elektronikschrott übrig war. Seine Mutter aber lief schluchzend und mit Tränen in den Augen in die Küche. Traurig senkte Marcel seine Blicke auf die am Boden zerstreuten Trümmer.

Gedankenlesen - Das Buch Gedankenlesen
Pionierarbeit der Hirnforschung
mit Vorworten von Thomas Metzinger und John-Dylan Haynes
184 Seiten, € 18,- (D) / € 18,60 (A) / SFr 32,-
ISBN 978-3-936931-48-8
Homepage zum Buch

Foto: © IrishRose (Brigitte Heinen) / PIXELIO

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Neuromarketing

    Die Idee ist nicht neu; wenn man von älteren Versuchen absieht, durch psychologische Messung mehr über die Verarbeitung von Werbung zu erfahren (z.B. Media Analyzer) oder auch gestützt durch die Pupillenbewegung, die mit dem limbischen System in Zusammenhang gebracht wird (z.B. Eye on Media), dann hat sich vor kurzem Microsoft ein EEG-System zur Verbesserung von Software patentieren lassen, das sich ganz ähnlich liest wie die Idee von Emsense.

    Tatsächlich ist meine kurze Geschichte im Zusammenhang mit der Arbeit an einem Artikel für den Folgeband zu Spitzers “Braintertainment” entstanden, wo ich auch ausführlichers aufs Neuromarketing eingehe und habe ich für ein Kapitel in dem Sammelband von Rötzer und Iglhaut, “What if?”, ein Anwendungsbeispiel fürs Neuromarketing beschrieben. Vielleicht haben das ja die Leute von Emsense das gelesen? 🙂

    Was uns diese Forschung bisher bringt, das sehe ich noch nicht ganz; daher habe ich mein Beispiel auch ins Jahr 2018 verlegt.

  2. Versuch eines Bonmots

    Mitunter, in den dunkleren, verworreneren Momenten, an denen das Leben nicht arm ist, wünsche ich mir einen Apparat, der es mir ermöglicht, meine EIGENEN Gedanken zu lesen.

  3. Zerebroskop

    Lieber Herr Wicht,

    soll man Ihnen so einen Apparat unter den nächsten Tannenbaum legen?

    Die interessante philosophische Frage wäre natürlich: Was sehen Sie dann?

    Nein, ich will hier nicht die Tiefen Ihrer Geisteswelt ausloten, sondern der Gedanke ist: Indem Sie sehen, was Sie denken, denken Sie schon wieder etwas anderes!

  4. @ Schleim – Cerebroskop

    Aus alten Zeiten erinnere ich mich daran, dass ein Verfechter der Identitätstheorie davon träumte (damals ganz und gar ein Traum), dahin zu gelangen, wo wir heute sind: man möge eine Apparatur bauen, die es erlaubt, dem eigenen Hirn bei der Arbeit zuzuschauen. Dann, so hiess es, könne man ZUGLEICH die Positionen der dritten und der ersten Person einnehmen. Das Experiment hiess: “der komplette Autocerebroskopist”. Ich habe vergessen, von wem der Vorschlag stammmt.

    Aber Sie haben freilich recht: selbst in diesem Experiment ist der Beobachter seiner selbst und seiner Hirnfunktion schon wieder “draussen”, “anderswo”, auf einer anderen Ebene – er ist das beobachtende Subjekt BEIDER, seiner Hirnfunktion UND seiner Bewusstseinseindrücke.

    Was mich wiederum nur in meiner Ansicht bestärkt, dass “Wirklichkeit” eine Relation sei, die sich zwischen Beobachter und Beobachtung aufspannt, jedoch keineswegs unabhänging von einem von beiden sein kann.

    Dennoch hätte ich den Gedankenklärungsapparat gerne unter dem Weihnachtsbaum 2008.

  5. Gedankenlesen zu Weihnachten

    Ich will’s dem Weihnachtsmann weiter sagen, lieber Herr Wicht, dass Sie sich eine wünschen. Wenn Ihr Fest der Liebe dann aber baden geht, wie in meiner Geschichte, dann sagen Sie nachher nicht, man hätte Sie nicht gewarnt!

  6. noch ‘ne Frage

    Was ist eigentlich, philosophisch und logisch gesprochen, eine “Lüge”? Was unterscheidet sie von schlichter “Falschheit”? Das Wissen darum, dass die Aussage den Tatsachen oder dem eigenen inneren Erleben widerspricht? Und was wenn, wie in Ihrem Beispiel, ein und dieselbe Aussage in Bezug auf das innere Erleben wahr und falsch zugleich sein kann? Denn wiewohl es ihm nicht geschmeckt haben mag, ist es ja dennoch so, dass er seine Mutter nicht kränken will. Seine Lüge wäre dann ja “wahr” in Bezug auf diesen Aspekt seines Empfindens, aber “unwahr” in Bezug auf sein Geschmackserlebnis.

  7. Moral?

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    die Moral hängt aber sehr tief, bei den Beitrrägen. Wohl nicht nur der junge Mann im Beispiel wünscht sich ein Recht auf das Lügen. Man(n) stelle sich die Probleme vor die im Zwischenmenschlichen vor die der Bereich Sexsualität aufwerfe.
    Es gibt ja schon eine unscharfe Detektion, aus dem Bereich Theorie of Mind, oder den Krankheits
    bedingten menschlichen Lügendetektoren.
    Die Frage von Herr Wicht, wie eine Lüge zu definieren sei, ist sehr interresant. Die bewuste Lüge, die durch körperliche Reaktionen erkennbar ist, ist ja nicht die einzige Art von Fehlinformation.

    Weglassen von Informationen ist eine einfache Form der Desinformation. Eine allgemein anerkannte Meinung verbreiten und mit von sich selbst gewünschtem Inhalt anzureichern (Ein echter Mann… ). In der Werbung, Produktinformationen mit anderen Wahrnehmungen zu verknüpfen. Eine Information in der Darstellung vereinfachen, das sie beliebig interpretierbar wird.
    u.s.w

    Was Neurmarketing angeht mir wird schon bei dem Gedankengut, von Werbern mit den konventionellen Werkzeugen der Psychlogie und Soziologie mehr als schlecht!
    Werbung arbeitet direkt oder indirekt mit dem schlechten Gewissen des Konsumenten. Das das Stress bedeutet und sich daraus die entsprechenden gesundheitlichen Folgen ableiteten lassen, wird nicht beachtet, der Markt schreit nach Konsumenten, da ist wohl alles legetim, ähnlich dem ausspruch:“ Jetzt wird gespart, koste es was es wolle“.
    Für mich ist Neuromarketing die Perfektion, einer Perversion!

    Ja eine Gedankenlesemaschine für einen selbst, dazu vielen mir viele Aspekte zu ein. Ich vertraue meinem Gehirn, das es sehr wohl weiss, was es da macht.
    Es ist wohl auch anzunehmen, das das Gehirn über genügend plastizität verfügt, um auch erzwungene Information, dahin zu verdrängen, wo sie hingehören, in die Unwichtigkeit.

    Sorry für den Rundumschlag!

    Gruß Uwe Kauffmann

  8. Lügen demnächst in G&G

    Darf ich die Herren vielleicht einfach auf einen Artikel vertrösten, der demnächst in G&G zum Thema “Lügendetektion” erscheinen wird?

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