Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS?

Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache
Man liest es regelmäßig in den Medien: Psychologisch-psychiatrische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Die Mengen der verschriebenen Medikamente steigen rasant. Die Wartelisten für eine Therapie sind lang. Man brauche mehr Therapeutinnen und Therapeuten.
Doch obwohl die sogenannten hoch entwickelten Länder schon sehr viel mehr davon haben als andere, scheint es nie genug zu sein. (Ich bekenne: Ich habe selbst über 5.000 Psychologinnen und Psychologen akademisch ausgebildet.) Schlimmer noch: Trotz aller Bemühungen, der Aufklärung und der (angeblichen) Entstigmatisierung steigen nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Krankheitstage und -Kosten, ja sogar die langfristige Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Belastungen.
Epidemiologen wundern sich: Laut ihren allgemeinen Bevölkerungsstudien ändert sich nichts oder allenfalls nur wenig. An den Türen der Arztpraxen und Therapiezentren sieht das aber ganz anders aus. Dort klopfen immer mehr Menschen mit Problemen an, die in den psychologisch-psychiatrischen Bereich eingeordnet werden. Sowohl die Diagnosen und Therapien als auch die Medikamentenverschreibungen und Arbeitsausfälle bilden einen zentralen Teil unseres Alltags ab.
Mit dieser Realität haben sich zum Beispiel Julia Thom vom Robert Koch-Institut und Kollegen beschäftigt. Für eine aktuelle Studie haben sie die Veränderung der Diagnosen im Zeitraum von 2012 bis 2022 untersucht, die sie aus den Daten der gesetzlichen Krankenkassen errechnet haben (Thom et al., 2024). Demnach stiegen die Diagnosen der vor allem bei Frauen diagnostizierten Angststörungen und Depressionen um 31 beziehungsweise 15 Prozent.
Bei den von Männern häufiger und intensiver konsumierten psychoaktiven Substanzen und damit einhergehenden psychischen Problemen betrug der Anstieg 35 Prozent. Am meisten veränderte sich aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn auch in absoluten Zahlen auf einem niedrigeren Niveau: mit plus 116 Prozent mehr als eine Verdopplung.
Das alles nimmt sich aber bescheiden heraus, wenn man es mit dem Anstieg der ADHS-Diagnosen bei den 25- bis 34-jährigen Frauen vergleicht, über den ich im ersten Teil schrieb: gut 500 Prozent!
(Be-)Deutung von Erwachsenen-ADHS
Das sind Zahlen beziehungsweise Veränderungen, über die selbstverständlich die Medien berichten. Wie soll man sie deuten? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin, die die neuesten ADHS-Daten berichteten, diskutieren selbst verschiedene Möglichkeiten. Schauen wir zunächst auf ihre Erklärung eines kleinen Rückgangs der Diagnosen im Jahr 2020:
„Der kurzzeitige Inzidenzrückgang (2020) ist möglicherweise pandemiebedingt aufgrund geringerer Versorgungsinanspruchnahme, aber auch aufgrund von Einschränkungen in persönlichen Lebensbereichen und damit der Nichterfüllung der Erstdiagnostik-Kriterien zu erklären, die Funktionsbeeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen erfordert.“ (Ivanova et al., 2025)
Das vermittelt uns das Wissen, dass die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS seit 1994 das Vorliegen der Probleme – fehlende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität – in mindestens zwei Bereichen vorschreiben, zum Beispiel in der Schule oder zu Hause. Wenn die Leute nur in der Wohnung sind, fallen andere Lebensbereiche natürlich weg.
Übrigens wurde damals festgelegt, dass zumindest ein Teil der Probleme schon vor dem siebten Lebensjahr vorliegen muss. Es ist aber hinterher natürlich schwer zu sagen, wer als Kleinkind „oft“ Anzeichen solcher Verhaltensweisen zeigte und wer nicht, zumal das bei Erwachsenen Jahrzehnte zurückliegt. Die genannte Altersgrenze wurde 2013 übrigens vom siebten auf das zwölfte Lebensjahr angehoben. Das erweiterte die Möglichkeit, die Störung zu diagnostizieren.
Doch kommen wir jetzt zur wichtigeren Erklärung der Forscherinnen und Forscher:
„[1] Der jüngst starke Inzidenzanstieg resultiert möglicherweise aus einer stärkeren gesellschaftlichen Sensibilisierung für AD(H)S, [2] der Einführung des F98.80-Codes sowie [3] Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Dies erklärt möglicherweise auch die starke Zunahme bei jungen Frauen.“ (Ivanova et al., 2025)
Erstens – die Zahlen habe ich hilfsweise eingefügt – gibt es also vielleicht mehr Aufmerksamkeit für das Thema; zweitens wurde eine Diagnose-Möglichkeit eingeführt; und drittens ging die Pandemie mit besonderen Belastungen einher.
ADHS im Kontext
Mir gefällt, dass das Störungsbild hier kontextualisiert, also im Rahmen der gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gesehen wird. Das in Deutschland immer noch hauptsächlich verwendete diagnostische Regelwerk, das aus den 1990er-Jahren stammende ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, kannte eigentlich noch gar keine ADHS, wie sie seit 1980 in den amerikanischen Handbüchern steht. Stattdessen finden sich darin die „hyperkinetischen Störungen„.
Es gab für die Länder, die das ICD verwenden, im Laufe der Jahre aber immer sprachliche Anpassungen. Damit kam schließlich die „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend„. Wie ich im ersten Teil beschrieb, kommt der Subtyp von ADHS ohne Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität, manchmal auch „ADS“ genannt, typischerweise häufiger bei den Mädchen vor.
Diese Erklärung würde also zum besonders starken Anstieg bei den Frauen passen. Allerdings gibt es dieses Phänomen auch in Ländern wie den Niederlanden, die die amerikanischen Kriterien des sogenannten DSM verwenden. Auch hier bekamen Frauen in den letzten Jahren immer mehr ADHS-Diagnosen, obwohl die Klassifikation den unaufmerksamen Typ seit 1994 vorsieht.
Dass immer mehr über ADHS – und andere psychologisch-psychiatrische Störungen – gesprochen wird und die Pandemie mit besonderen Belastungen einherging, sind im Kern soziale Erklärungen für den Anstieg. Mit dem Verweis auf „die starke Zunahme bei jungen Frauen“ dachten die Forscherinnen und Forscher vielleicht an die Mehrfachbelastung durch Beruf und Erziehungsaufgaben, die stärker von Frauen wahrgenommen werden.
In der Presse
Diese Deutungen konnte die Presse leicht diskutieren, als sie am 11. und 12. Dezember von der neuen Studie berichtete. Die öffentlich-rechtliche Tagesschau fiel aber negativ aus dem Rahmen: Obwohl die Daten der Originalveröffentlichung mit Link dargestellt wurden, ließen die Journalisten nur eine Reihe von Psychiatern zu Wort kommen. Und die meinen alle, ADHS wurde und werde zu selten diagnostiziert.
Kurzum, der Anstieg sei gar kein wirklicher Anstieg, sondern hole nur vorher übersehene Störungen ein. Warum das gerade in den Jahren 2021 bis 2024 passieren sollte und dann auch noch so schnell, erklärt keiner von ihnen.
Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg meint zudem,
„die Symptome von ADHS und ADS [wurden] bei Frauen lange Zeit häufig übersehen. Die frühen Studien zu dem Thema basierten – wie so häufig im Gesundheitssystem – fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern. Deshalb galten typisch männliche Symptome auch lange als allgemein typische AD(H)S-Symptome.“ (Swantje Matthies auf tagesschau.de)
Wie wir oben sahen, gibt es den bei den Mädchen häufiger Vorkommenden ADHS-Typ mit Unaufmerksamkeit als zentralem Kriterium aber schon seit 1994 in dem amerikanischen Diagnosewerk. Auch in den Ländern, die dieses verwenden, stiegen die Diagnosen in den letzten Jahren stark an.
Noch eine Bemerkung zu der Kritik, die Studien basierten vor allem auf den Daten von Jungen und Männern: Das liegt zum Beispiel bei Medikamententests auch an der Tatsache, dass Männer sich dafür häufiger freiwillig melden. Wie ich im ersten Teil beschrieb, sind – vor allem: junge – Männer allgemein risikofreudiger. Es wäre wohl kaum im Sinne von Matthies, Frauen zur Teilnahme an solchen Tests gesetzlich zu verpflichten, um hier bessere Daten zu erhalten. Es stimmt aber auch, dass in der Forschung aufgrund knapper Ressourcen öfter nur ein Geschlecht untersucht wird und das zumindest in der Vergangenheit häufiger Männer waren.
Und was fehlte
Trotzdem wunderte es mich, dass die Tagesschau die oben genannten sozialen Erklärungen aus der Originalarbeit verschwieg. Nach meinem Hinweis von 11:30 Uhr am 12. Dezember wurde der Artikel um ca. 13:30 Uhr ergänzt und räumte man mir gegenüber in einer E-Mail von 13:42 Uhr den Fehler ein. Dieser redaktionelle Eingriff wurde im Text aber nicht kenntlich gemacht. In der dazugehörigen Audiodatei hört man wahrscheinlich noch die alte Version.
Nach der Überarbeitung ist nun zwar von den möglichen Auswirkungen der Pandemie die Rede. Dass der Anstieg der Diagnosen aber auch an der gestiegenen Aufmerksamkeit in den Medien liegen könnte, wird dort immer noch nicht erwähnt. Dabei kann das jeder einmal selbst ausprobieren: Man liest die (oft schwammigen) Symptomlisten in so einem diagnostischen Werk und erkennt auf einmal an sich selbst ganz viele Störungsbilder oder Krankheiten. Manche Menschen sind hierfür anfälliger als andere.
Der Tagesschau-Artikel erlaubte sich noch einen zweiten Patzer, nämlich bei den Medikamenten, auf die ich gleich ausführlicher eingehe. Am Ende wurde unter der Zwischenüberschrift „Medikamente wirken zuverlässiger“ noch auf eine neuere Meta-Analyse (Ostinelli et al., 2025) zur Behandlung von Erwachsenen-ADHS verwiesen: „Danach helfen nur Medikamente, wie das vor allem unter Markennamen ‚Ritalin‘ bekannte Methylphenidat oder Amphetamine verlässlich und schnell gegen Kernsymptome von ADHS, also Unruhe, Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.“
Eine sprachliche Feinheit vorweg: Wenn man im Deutschen nicht von Amphetamin (Straßenname „Speed“), sondern von „Amphetaminen“ spricht, bezieht man sich auf eine allgemeine Substanzklasse, zu der auch Ecstasy/MDMA gehört. Wofür steht hier wohl das letzte „A“? Amphetamin! Daran haben die Tagesschau-Leute wohl eher nicht gedacht.
Die genannte Studie belegt die Wirkung der Stimulanzien bei Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose aber nur für eine kurzzeitige Verwendungsdauer. Außerdem erfuhren die Konsumentinnen und Konsumenten dadurch keine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Diese nicht ganz unwichtigen Einschränkungen hat die Redaktion nach meinem Hinweis ergänzt.
Stimulanzien
Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Mit der Verwendung von Stimulanzien wie Amphetamin oder Methylphenidat (z.B. in Ritalin) in der Gesellschaft beschäftige ich mich ja, ursprünglich in der Gehirndoping-Debatte, seit gut 20 Jahren. Wie man den Anstieg der Diagnosen auch deuten mag, bei den Zahlen der Medikamentenverschreibungen gibt es große Auffälligkeiten.

Die Verschreibungen der typischen ADHS-Medikamente in Deutschland (schwarze Linie), hier dargestellt als Millionen definierte Tagesdosen, stiegen zunächst in der ersten Dekade der 2000 stark an. Eine zweite Welle setzte 2019 an. Zum Vergleich sind hier die niederländischen Zahlen dargestellt (orange). Da diese in etwa gleichauf liegen, verschreibt man in dem kleineren Land in etwa 4,5-mal so viele Stimulanzien pro Kopf. Datenquellen: Arzneiverordnungs-Report; Zorginstituut Nederland
Ich könnte wahrheitsgetreu schreiben, dass man auf der Abbildung für Deutschland einen 270-fachen Anstieg sieht. Das liegt aber schlicht daran, dass Ritalinkonsum & Co. in den 1990ern, meiner Zeit auf dem Gymnasium, einfach noch kein Thema war.
Es gibt hier interessante Kulturunterschiede: In den USA, wo führende Psychiater schon 1980 das Störungsbild ADHS einführten, setzte der Trend früher ein – weswegen die Weltgesundheitsorganisation schon in den 1990ern warnte, zumal es um Medikamentenverschreibungen für Kinder ging. In Deutschland war man zögerlicher und legte man schließlich fest, dass die Stimulanzien, jedenfalls bei Minderjährigen, nicht mehr die erste Behandlungsmöglichkeit sein sollen. Die Leitlinie ist übrigens seit 2022 ausgelaufen und die neue Fassung wird mit Spannung erwartet.
In den Niederlanden sah man es pragmatisch und verteilten Ärzte, auch wegen der langen Wartelisten, pro Kopf sogar noch mehr von den Mitteln als in den USA. In Dänemark war man aber vorsichtiger als in Deutschland (Bachmann et al., 2017). Und im Vereinigten Königreich ließ man die Finger fast ganz von den Stimulanzien, weil diese als (angeblich) gefährliche Drogen verboten sind. Letzteres gilt freilich für alle genannten Länder, wo man das aber offenbar nicht so streng sieht wie auf der anderen Seite der Nordsee.
Wie es einem gefällt
Ich habe keine Glaskugel und kann den Leserinnen und Lesern auch nicht die eine wahre Antwort anbieten. Aber es ist schon auffällig, dass die Psychiaterinnen und Psychiater, die diese Substanzen vor allem verschreiben und damit Geld verdienen, die sozialen Deutungen ausklammern. Seit Jahrzehnten – ich habe es selbst miterlebt – reagieren sie auf jeden Anstieg immer nur mit der Behauptung, man diagnostiziere die Störungen nun besser.
Das führt mit Blick auf die (staatlich regulierte) Produktion der Stimulanzien in den USA zu einer interessanten Frage.

In den USA hatte man Amphetamin (graue Balken) ab den 1970ern im „Krieg gegen Drogen“ erst dämonisiert. Deshalb verschrieb man noch in den 1990ern bei ADHS vor allem Methylphenidat (z.B. Ritalin; schwarze Balken). Den vorläufigen Höhepunkt bei der staatlich regulierten Produktion beider Substanzen (hier in Tonnen dargestellt) gab es 2014. Datenquellen: US Drug Enforcement Agency; Federal Register
Ich habe diese Zahlen schon in den 2010er-Jahren in Artikel und Vorträgen gezeigt. Immer hieß es aus der Pro-ADHS-Ecke: „Ja, wir diagnostizieren eben besser.“ Ein Beweis wurde hierfür übrigens nie erbracht. Der dreizehnfache Anstieg von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2010er-Jahre würde demnach bedeuten, dass man dann dreizehnmal besser diagnostizierte? Und die Abnahme von 2014 bis 2023, dass man dann 40 Prozent schlechter diagnostizierte? Man kann sich die Zahlen so zurechtlegen, wie es einem gefällt.
Überlappungen
Ich möchte hier noch einen alternativen Gedankengang vorschlagen: Wie ich im ersten Teil schrieb, gibt es weder für ADHS, noch für die anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen einen Blut-, Gen- oder Gehirntest. Damit sind die Störungsbilder, über die Fachleute mit ihren eigenen Interessen alle Jahre wieder neu am Konferenztisch verhandeln, für finanzielle, Marketing- und Medieninteressen besonders anfällig. Hätte man die von den Psychiatern seit über 200 Jahren versprochenen objektiven Tests, könnte man die Diagnosen gar nicht so multiplizieren, wie wir es seit Jahrzehnten sehen.
ADHS ist laut den DSM-Kriterien eine so komplexe Kategorie, dass man aus den offiziellen Symptomen satte 116.220 gültige Varianten erzeugen kann (Schleim, 2022). Zu dieser Vielfalt kommen die schwammigen Grenzen zu anderen Störungsbildern. Fachleute nennen das „Komorbidität“ (co = Zusammen, morbus = Krankheit). Bei ADHS sind das insbesondere Autismusspektrum-, Entwicklungs-, Lern-, Substanzkonsum-, Zwangs-, Angst- und depressive Störungen (Drechsler et al., 2020). Allein mit den letzten beiden gibt es laut Studien in bis zu 45 Prozent der Fälle Überlappungen.
Daher wage ich hier einmal eine Alternativhypothese: Nach gut 30 Jahren Burn-out- und Depressions-Epidemie (Schleim, 2026) sind jetzt gerade ADHS-Diagnosen im Trend. Gemein sind diesen Störungsbildern die fehlende Konzentration und Motivation, die Antriebslosigkeit. Ja, wenn man sich langweilt oder die Energie verschwindet, reagieren manche abgelenkt und träumerisch, andere impulsiv und hyperaktiv.
Inzwischen leben wir in einer Welt, in der kontinuierlich nicht nur E-Mails, sondern auch Chatnachrichten auf uns einprasseln. Auf (a)sozialen Medien warten endlose Bildchen oder Videos, die sowohl von ihren Machern als auch den Algorithmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Dazu kommen Online-Glücksspiel, -Games und -Pornografie. Das ist für unser Belohnungssystem alles so viel interessanter als eintönige Schul- oder Bildschirmarbeit und oft nur einen Klick oder Wisch weit entfernt.
Psycho-Aktiv
Und nun erinnern wir uns noch einmal an die Medikamentenverschreibungen: Was für ein Zufall, dass Amphetamin und Methylphenidat vor allem auf das Noradrenalin- und Dopamin-System im Gehirn wirken, was sich psychoaktiv in mehr erfahrener Energie, Motivation und Interesse sowie (bei Müdigkeit) mehr Wachheit äußert – auch und gerade bei langweiligen Aufgaben.
Was für ein Zufall, dass diese Mittel in den 1950ern und 1960ern beliebte „Antidepressiva“ waren und seit den 1930ern vom Militär für die Truppenmoral und das Durchhaltevermögen eingesetzt werden. Und was für ein Zufall, dass sie als Gehirndoping-Mittel vor allem von schlechteren Studierenden und in Situationen mit höherem Konkurrenzdruck eingesetzt werden (Schleim, 2023, Kap. 3).
Aber ja, unsere Psychiaterinnen und Psychiater diagnostizieren eben immer besser. Gott sei Dank! Oder verraten die Diagnosen und Wirkungen der psychoaktiven Substanzen vielleicht doch etwas über die Art von Gesellschaft, in der wir inzwischen leben?
Individuum und Gesellschaft
Aus Sicht der oben dargestellten biologischen Psychiatrie werden hier immer besser Gehirnstörungen identifiziert. Für diese gibt es aber komischerweise keine Gehirn-Tests. Stattdessen werden die vagen und sowohl mit anderen Störungsbildern als auch der Normalität überlappenden diagnostischen Kriterien im Gespräch und mit Fragebögen festgestellt. Zur Unterstützung verwendet man vielleicht noch ein Computerprogramm.
Ziel ist dann die richtige medikamentöse Einstellung, damit die Person ihren Alltag besser bewältigt. Dabei belegt die auch auf tagesschau.de zitierte neue Meta-Analyse dafür nur eine kurzfristige Linderung der ADHS-Symptome. Die Lebensqualität der Betroffenen stieg nicht messbar (Ostinelli et al., 2025).
Die von mir vertretene, eher gesellschaftliche Sicht redet die individuellen Probleme nicht klein, sondern bezieht sie auf die psychosoziale Realität vieler Menschen. Grundvoraussetzung für die Diagnose einer psychologisch-psychiatrischen Störung ist immer das individuelle Leiden und die Einschränkung im Alltagsleben. Diese hängen aber nicht nur vom Einzelnen ab, sondern auch von dessen Umgebung.
Dann verraten uns die Störungsbilder und auch der Konsum von Psychopharmaka – zumindest manchmal – etwas über den Zustand der Gesellschaft. Gerade bei großen Veränderungen in kurzer Zeit sollte man aufhorchen: Die Pandemie war für viele ein großes Stressereignis, dazu kamen die stark steigenden Lebenserhaltungskosten sowie Kriege und Krisen. Eine gemeinsame gesellschaftliche Auszeit zur Verarbeitung des Erlebten gab es nicht, sondern einen großen Druck aufs „Weiter so!“
Dass unter solchen Umständen mehr Menschen an die Grenzen ihrer Konzentration stoßen, ihnen Energie fehlt und die Motivation für die Arbeit oder andere Alltagsdinge nachlässt, überrascht mich als Kognitionswissenschaftler jedenfalls nicht. Aus gesellschaftlicher Sicht könnte man etwas an den strukturellen Ursachen in der Umgebung ändern, unter denen viele Menschen leiden.
Aus dem heute vorherrschenden medizinischen Blickwinkel werden die Probleme vor allem individualisiert. Davon profitieren erst einmal diejenigen, die diese individuellen Therapien anbieten – und behaupten, dass es individuelle biologische Probleme sind.
Lesen Sie hier zum Thema ADHS weiter: ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks
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Literatur
- Bachmann, C. J., Wijlaars, L. P., Kalverdijk, L. J., Burcu, M., Glaeske, G., Schuiling-Veninga, C. C., … & Zito, J. M. (2017). Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005–2012. European Neuropsychopharmacology, 27(5), 484-493.
- Drechsler, R., Brem, S., Brandeis, D., Grünblatt, E., Berger, G., & Walitza, S. (2020). ADHD: Current concepts and treatments in children and adolescents. Neuropediatrics, 51(05), 315-335.
- Ivanova, M, Holstiege, J, Akmatov, M. K., Müller, D., & Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. Dtsch Arztebl Int, 122, 697–8.
- Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C., Farhat, L. C., Tomlinson, A., Del Giovane, C., … & Cortese, S. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 12(1), 32-43.
- Schleim, S. (2022). Why mental disorders are brain disorders. And why they are not: ADHD and the challenges of heterogeneity and reification. Front. Psychiatry 13:943049.
- Schleim, S. (2023). Mental Health and Enhancement: Substance Use and Its Social Implications. Cham: Palgrave Macmillan.
- Schleim, S. (2026). Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt. Hamburg: BoD.
- Thom, J., Jonas, B., Reitzle, L., Mauz, E., Hölling, H., & Schulz, M. (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. Dtsch Arztebl Int, 121, 355–62
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Mich wundert ehrlich gesagt gar nichts. Natürlich hat das etwas mit dem Umfeld zu tun. Wenn ich ständig Medien konsumiere und ständig Musik höre, das muss doch zu Konzentationsstörungen führen. Hinzu kommt noch die totale Verwöhnung der Kinder. Es gibt nur noch Prinzessinnen und Prinzen. Diese Kinder sind nicht belastbar. Benehmen fehlt, die bekommen doch nur Probleme in Ausbildung und Beruf. Dieses ständige in Watte packe, abgesehen von vernachlässigten Kindern, kann nicht funktionieren. Gesunder Menschenverstand? Fehlanzeige.
Besten Dank für diese soziale, zeitbedingte, historische und pharmazeutische Aspekte behandelnden Überlegungen zu einem Diagnosetrend hier in Deutschland und seinen Nachbarsländern.
Zuerst einmal Zustimmung unter Zuhilfenahme einer Analogie aus der Technologie oder dem, was man Technosphäre nennt: Das „Technologie-Ökosystem“ meint die Gesamtheit der miteinander interagierenden Akteure und Komponenten, in der sich eine bestimmte Technologie (etwa die Elektromobilität oder das Gaming) entfaltet. . Diese „Ökosphäre“ einer Technologie umfasst:
die Hardware & Software,
die Netzwerke & Plattformen über die Daten fließen, die Stakeholder in Form von Entwicklern, Anbietern, Dienstleistern und Nutzern, die gemeinsam den Wert der Technologie steigern und die
Dienstleistungen wie Wartung, Beratung oder Cloud-Anbindungen, die die Kerntechnologie ergänzen.
Das Technologie-Ökosystem ist also ein künstliches Netzwerk aus Tools und Menschen, das die Technologie am Laufen hält.
These: Es gibt analog zu den Technosphären auch Medizinisch-Psychologisch-Psychiatrische Sphären und entsprechende Netzwerke von Betroffenen, Fachleuten, Influencern, Vordenkern und Lösungsanbietern. Dabei gibt es Überlappungen zwischen Bereichen wie etwa ADHS/ADS, posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, etc. und das Netzwerk der „Informierten“ umfasst auch Hausärzte und sogar Laien (heute erzählte mir gerade eine Person über ihre Therapieerfahrungen mit der posttraumatischen Belastungsstörung).
Analog wie bei Technosphären geht es bei solchen Psychosphären darum, Menschen und ihrem Umfeld Lösungen anzubieten und nicht allein darum, Diagnosen zu stellen und Fakten herauszuarbeiten.
Und nun konkret zu ADHS/ADS: Dieses Krankheitsbild hängt mit grosser Wahrscheinlichkeit mit anderen Phänomenen der heutigen Lebenswelt zusammen. Etwa mit dem hohen Engagement der Jugendlichen und schon der Kinder mit den Möglichkeiten der Handys und der sozialen Medien. Inzwischen ist das Thema ja auch in der Gesellschaft und der Schule angekommen und in vielen Schulen müssen etwa Kinder ihre Handys vor dem Unterricht abgeben. Es ist keineswegs abwegig anzunehmen, dass eben auch Krankheitsbilder wie ADHS/ADS von heutigen Zeitphänomenen wie dem hohen Konsum von Inhalten aus den elektronischen Medien beeinflusst werden. All dies gehört zur Psychosphäre, in der sich all dies abspielt.
Persönliche Einschätzung: Dass heute bestimmte Medikamente im Zentrum der Lösung von ADHS/ADS-Problemen stehen, ist wahrscheinlich nur Ausdruck einer bestimmten Entwicklungslinie in der ADHS-Psychosphäre. Ich halte es für wahrscheinlich, dass man in naher Zukunft auch nicht-medikamentöse Lösungsansätze suchen und finden wird.
@Zillgens: (a)soziale Medien
Also ich weiß nicht, ob der Medienkonsum automatisch zu Konzentrationsstörungen führt – aber wenn dort interessante Filmchen am laufenden Band kommen, dann wird der Rest der Welt schon sehr langweilig.
Zur Erziehung kann ich mich hier nicht im Detail äußern. Aber ich glaube schon, dass wir sehr stark die v.a. psychische Verletzlichkeit der Menschen hervorheben, anstatt auf ihre Kräfte zu setzen.
@Holzherr: (Zeit-)Geschichte
Diese Netzwerke, auf die Sie verweisen, sind schon in der Wissenschafts- bzw. medizinischen Soziologie beschrieben wurden (z.B. in einem Aufsatz von Ian Hacking, den meine Studierenden lesen mussten). Aber versuchen Sie einmal, über so etwas mit den Fachleuten zu sprechen: Die reagieren defensiv und/oder stellen einen als Schwurbler dar.
Und so etwas wie ADHS wird es immer schon gegeben haben. Aber dass es so ein Massenphänomen wurde, ab den 1980ern/1990ern bei Minderjährigen, danach auch bei den Erwachsenen, in den USA etwas früher als in Europa, das hat sich schon geändert.
…und wenn ADS/ADHS nur Erfindungen von Psychiatern u/o Psychologen sind?
Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang den Hinweis auf die ‚Hysterie‘ – in früheren Zeiten eine nahezu unwiderlegbare Theorie zu ‚weiblichen Verhaltensmustern‘, die heute nur noch müde belächelt wird.
Viele ‚wissenschaftliche Beweise‘ sind, wie die Mode, eben auch nur Zeiterscheinungen.
@Emmerich: Entstehung von ADHS
Wenn Sie es eine „Erfindung“ nennen, klagen die Betroffenen sofort, man nehme ihre Probleme nicht mehr ernst – nicht ganz zu unrecht.
Fakt ist, dass das Störungsbild von führenden amerikanischen Psychiatern im DSM-III von 1980 erstmals festgelegt und dann immer wieder angepasst wurde.
Fakt ist aber wohl auch, dass es immer schon Menschen mit (schweren) Aufmerksamkeitsproblemen gab. Die fielen in einer Gesellschaft ohne Computer und andere digitale Technologie vielleicht nicht so sehr als abweichend auf.
Wie deutet man jetzt das Problem?
@all: Und da hier das Beispiel „Hysterie“ erwähnt wurde, möchte ich anmerken, dass es sich damals zum Teil um
a) unbehandelte Syphilis und/oder
b) Frauen aus armen/schweren Verhältnissen
gehandelt haben dürfte. Später waren es durchaus nicht nur Frauen, sondern
c) im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zeigten auch mehr Männer die Symptome.
Ich denke, bei a) lag oft ein echter neurologischer Schaden vor. Bei b) und c) dürfte es sich häufiger um psychosomatische Reaktionen auf schwere Lebensereignisse gehandelt haben. Letzteres kennen wir heute ja auch, doch sprechen wir dann von Depressionen, somatoformer Störung, Konversionsstörungen und so weiter.
Es gibt Fallstudien, die nahelegen, dass manche der Patientinnen die „hysterischen“ Symptome zeigten, um in so einer Anstalt (mit sauberem Schlafplatz, Verpflegung, sozialen Beziehungen, gewisser Fürsorge) bleiben zu können – wo die Alternative ein Leben auf der Straße gewesen wäre. Darüber ein anderes Mal mehr.
Eine Anmerkung bzw Frage von mir zu einer der Grafiken aus einem vorigen Beitrag zum Thema ADHS.
Man kann dort ablesen, dass momentan ca 120 Millionen Tagesdosen pro Jahr zur Behandlung verschrieben werden. Diese Zahl klingt wahnsinnig hoch. Aber ist sie das auch?
Bezogen auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland heißt das, dass ca 1.5 Tagesdosen pro Kopf und Jahr verschrieben werden. Für eine kontinuierliche also tägliche Behandlung bedeutet das, dass ca 0.4% der Bevölkerung kontinuierlich behandelt werden. Bei einem angenommenen Verbreitungsgrad von ca 5%, wird also „nur jeder zehnte“ mit einem wirksamen Medikament behandelt.
@Fluffy: Medikamentenverschreibungen
Gute Frage! Bei dem komplexen Kassensystem in Deutschland ist es schwer, eine genaue Zahl zu nennen. Der Arzneiverordnungs-Report, aus dem ich die historischen Daten habe, zeigt das nur makroskopisch fürs ganze Land.
Demnach werden zurzeit genug Psychopharmaka verschrieben, um 7 Millionen Menschen täglich zu behandeln (übrigens ohne Schmerzmittel). Da geht es aber mit 1,8 Milliarden definierten Tagesdosen (= genug für 5 Millionen Menschen) vor allem um sogenannte „Antidepressiva“. Beim Rest kommen erst einmal Neuroleptika und schließlich die auf der Grafik sichtbaren rund 110 Millionen definierten Tagesdosen Stimulanzien (inkl. einem kleinen Teil eines Medikaments, das anders wirkt).
Teilt man die durch 365 Tage, kommt man auf rund 300.000 Personen. Einschränkungen: Nicht alle nehmen das täglich, manche geringere, manche höhere Dosierungen. Das kann man mit den makroskopischen Zahlen nicht unterscheiden.
Man sieht auf der Grafik ja, dass in den Niederlanden fast viermal so viel verschrieben wird. Das wären für Deutschland dann genug für 1,2 Millionen Personen. Je nachdem, wie man es sieht, ist das viel oder wenig.
Zum Vergleich ziehe ich darum die historischen Daten heran: Bis weit in die 1990er gab es dieses Phänomen noch gar nicht. Und, wie im Text dargestellt: z.B. in Dänemark und dem Vereinigten Königreich verschreibt man dann noch einmal weniger bzw. so gut wie gar keine Stimulanzien. Gibt es da kein ADHS oder geht man anders damit um?
Ich empfinde weder den Tonfall noch die kausalen Vermutungen im Text hilfreich.
Die Verschreibungs-, Diagnose- und Produktionsstatistiken mit wertenden Begriffen in eine Erklärungsnähe zu rücken ist in meinen Augen nicht statthaft. Die Ursachenvermutungen lassen sich nicht testen.
Ganz ehrlich: der Artikel läuft leider auf die verschwurbelte Metaebenen-Bewertung „big pharma“ hinaus, und der intendierte Effekt – nicht das Individuum ist gestört, sondern sie Gesellschaft, in der es lebt – geht unter. Das ist schade. Denn beide Modelle können gleichermaßen wahr sein, und gleichermaßen unvollständig.
Geneigte Leser*innen mögen sich bitte einen ähnlichen Text vorstellen, bei dem es um Kurzsichtigkeit geht.
Insgesamt trägt der Artikel nicht zur Debatte bei, sondern verstärkt vorhandene Meinungen.
Das tut mir vor allem für alle Betroffenen leid, aber auch für alle Mediziner*innen, die in diesem Bereich arbeiten.
@ae: Kritik
Danke für die Kritik. Es geht hier um einen Schluss auf die beste Erklärung:
Was sich faktisch zeigen lässt, ist, dass die von Ihnen vermutlich favorisierten medizinischen Fachleute seit Jahrzehnten Falschinformationen z.B. zum Beitrag der Gene* oder zur Verankerung von ADHS-Symptomen im Gehirn verbreiten. Klar sind psychische Vorgänge im Körper verankert (embodiment). Das macht die ADHS-Klassifikation mit ihren 116.220 gültigen Varianten (lt. DSM-5, DSM-5-TR) aber noch lange nicht zu einem Gehirn-Ding!
Im Bereich der kritischen Psychiatrie und medizinischen Soziologie, teils auch von Medizinjournalisten, die es sich getraut haben, wurden die finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie und andere Interessenkonflikte immer wieder aufgedeckt. Evidence-biased medicine wurde und wird als evidence-based verkauft. Ein Special im Lancet vor rund zehn Jahren schätzte übrigens, dass zwei Drittel der medizinischen Studien „Abfall“ (engl. waste) sein könnten. Ich nennen Ihnen gerne weitere Literatur.
Mit alldem wird nicht bestritten, dass es Menschen mit schweren Aufmerksamkeitsproblemen gibt und wahrscheinlich auch immer schon gab – auch wenn sie, je nach Umgebung, früher weniger auffielen als heute.
Ihre Kritik ist sehr allgemein und wirkt auf mich eher emotional. Falls Sie irgendwo einen konkreten Fehler finden, antworte ich wieder gerne darauf, nach bestem Wissen und Gewissen.
* Die neuesten GWAS zu ADHS kommen auf nur noch ca. 15-20% Erblichkeit statt der teils immer noch behaupteten 75% – dabei sind beide Angaben übrigens nicht kausal und wiederum selbst von der Umgebung abhängig.
P.S. Zu Problemen in medizinischer Forschung:
Z.B. in meinem neuen Buch über Depressionen kommen ein paar führende Psychiater zu Wort (v.a. aus den USA, z.B. auf S. 36), die gegen Ende ihrer Karriere selbst einräumen, Forschungsmilliarden vom Steuerzahler ergebnislos bzw. aufgrund falscher Annahmen versenkt zu haben. Das hätte man auch vorher wissen und viel billiger haben können, wenn man sich mehr mit theoretischer und kritischer Psychiatrie beschäftigt hätte.
Gestern erzählte mir ein guter Bekannter (Dr. psych. habil.) von der medizinischen Promotion seines jüngeren Bruders. Dieser wollte in der Diss. Effektstärken berichten, wie sich das gehört, und nicht nur p-Werte. Daraufhin sein Betreuer: „Was sind das denn? So etwas machen wir hier nicht!“ Auch Professor Gerd Gigerenzer hat über viele Jahrzehnte nachgewiesen, dass es um die Statistik-Kenntnisse vieler Mediziner nicht so gut bestellt ist (z.B. ab Kap. 9 hier oder in vielen seiner Publikationen in Fachzeitschriften).
Aber klar: Anstatt sich mit Argumenten zu verständigen, stellt man Leute mit anderer Meinung in die Schwurbler-Ecke. Das machen Sie hier ja auch.
Hier wird neu über eine Annahme berichtet, welche im Bereich der Hirnforschung wohl nicht zutrfft.
[https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/hat-die-forschung-hirnscans-systematisch-missinterpretiert-133710806
@Uwe: bildgebende Hirnforschung
Ja, über den Befund, dass 40% der positiven Ergebnisse mit der fMRT wohl gar keine Gehirnaktivierung darstellen, habe ich in meinem Netzwerk kommuniziert.
Das hatte man schon vor gut 15 Jahren im Tierversuch festgestellt – und habe ich in meinem Buch Die Neurogesellschaft (2012) diskutiert. Wahrscheinlich findet man es auch hier irgendwo im Blog (seit 2007).
Die Leute stehen halt so unter Druck, immer neue Studien zu veröffentlichen, dass sie kaum Zeit haben zu reflektieren. Aber wenn die Publikation das oberste Ziel der Wissenschaft ist, dann hat es ja Vorteile, Müll zu veröffentlichen: Denn wenn man Probleme nie löst, bleibt ja immer genug Arbeit bestehen.
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Betreff: Kritik an der Kritik
Vorweg, lässst sich stark ansteigende Kriminalität mit Medikamente behandeln ?
Da wir gerade den Weihnachtstag haben, eine kleine Sichtweise von vor 40 Jahren. Da erschien ein Comic “ Kaputt in der City“.
Und was damals gezeigt wurde, das gilt auch heute noch.
Also eine kurzer Auszug:
Es geht um zwei Killer die in eine Villa einbrechen, den Besitzer erstechen und die Frau vergewaltigen. Die Comicbilder mit der Handlung werden immer kleiner, unter ihnen wird plötzlich die Ansicht der Villa erkennbar, von der sich die Kamera von Seite zu Seite immer weiter entfernt, bis das Haus nur noch ein Lichtpunkt im Straßengewirr einer Großstadt ist ……….
Nur mal zum Nachdenken !
Stephan Schleim und allen Anderen
ein frohes Fest
Der Artikel bietet eine wichtige Kontextualisierung des ADHS-Diagnoseanstiegs, besonders bei Frauen. Die Diskussion über gesellschaftliche Sensibilisierung und diagnostische Rahmenbedingungen ist zentral. Interessant ist, wie Narrative psychische Realitäten formen können. Dies erinnert mich an das Erkunden von Hintergrundgeschichten in Projekten wie miside zero, wo man durch Perspektivwechsel tieferes Verständnis gewinnt.