Von der Schönheit zum Schönheitswahn – Psychologie der Freiheit, Teil 2

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Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
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Noch auf der Suche nach dem richtigen Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit einem Gutschein für eine Schönheits-Operation? Nach der Klärung des theoretisch-kulturellen Hintergrunds der Freiheitsproblematik im ersten Teil geht es hier um die Diskussion konkreter Beispiele aus dem Alltag. Dabei werden vor allem Gedanken über Mode, Aussehen und Schönheit besprochen.

Wenn sich das Jahr dem Ende nähert, dann beginnt für viele die Zeit der Besinnung. Vielleicht wird dem einen oder der anderen klar, dass man nicht mehr alle Punkte, die man sich für das ausklingende Jahr auf die Agenda gesetzt hat, schaffen kann; vielleicht ist man sogar weit hinter dem zurückgeblieben, was man sich vorgenommen hatte; vielleicht ist selbst das aber noch eine ganze Menge.

Hier bei Menschen-Bilder hat es eine gewisse Tradition, dass insbesondere gegen Jahresende ein eher persönlicher, selbstreflektierender und auch selbstkritischer Beitrag erscheint (Occupy SciLogs: Wir Menschen, so klein; Wer bin ich?). Ein Problem, das mich schon lange beschäftigt, ist das der menschlichen Freiheit. In der philosophischen Debatte wurde viel über die Bedeutung von Willensfreiheit diskutiert, in der neurowissenschaftlichen über Gehirndeterminismus (Warum der Neurodeterminist irrt). Dabei wurde oft vergessen, dass psychische Freiheit nur unter bestimmten sozialen Bedingungen gedeihen kann (Psychologie der Freiheit – einmal anders darüber nachgedacht; Willensfreiheit und die WC-Kabine).

Wir Menschen sind von unserer Lebensumwelt abhängige Mängelwesen, auch wenn uns das oft erst dann bewusst wird, wenn es uns einmal nicht so gut geht, wir mit unseren Lebensplänen nicht so voranschreiten, wie wir es uns vorstellten, oder wenn wir von den Menschen in unserer Umgebung abgelehnt werden. Diese Erfahrungen können unsere Freiheit einschränken, uns krankmachen oder sogar in den Tod treiben. Nachdem es im ersten Teil eher um den theoretisch-kulturellen Hintergrund der Psychologie der Freiheit ging, folgen hier nun praktische Beispiele.

Von der Schönheit zum Schönheitswahn – Oder über den Verlust der Freiheit, so zu sein, wie man am liebsten wäre.

Wenn sich heutzutage so viele Menschen den potenziell gefährlichen, schmerzhaften, teuren und unvorhersehbaren Schönheitsoperationen aussetzen – im ersten Teil verwies ich auf eine halbe Million, mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren – oder ihr Geld in Kosmetik- und Fitnessprodukte investieren, dann ist das vielleicht kein Beweis unserer Freiheit, sondern für die Wirksamkeit bestimmter sozialer Erwartungen. Mit diesem Trend gehen seit Jahren Fernsehshows und Berichte einher, die vor allem Frauen die Botschaft übermitteln, dass äußere Schönheit einer der wichtigsten oder vielleicht sogar der wichtigste Wert im Leben ist. Mache alles, was dir die Casting-Agenten sagen, dann hast du die größte Chance auf den Erfolg.

Kürzlich habe ich mich mit einem alten Freund wiedergetroffen, den ich einige Monate lang nicht gesehen hatte. Er hält üblicherweise nicht viel von meinem Modegeschmack und das ist okay. Diesmal sagte er mit einem Blick auf mein Hemd zu mir: „Man kann deinen Bauch sehen.“ Vor einer Weile machte ich auf einem Tanzfestival eine ähnliche Erfahrung, als mir eine Bekannte auf den Bauch klopfte und dabei sagte: „Ja, das Problem kenne ich.“ Ich bin 189cm groß und wiege 82kg. Daran ist nichts verkehrt.

Mitmenschen können Freiheit einschränken

Ich schreibe von diesen Erfahrungen als Beispiele dafür, wie Reaktionen unserer Mitmenschen unsere Freiheit einschränken können – wenn sie uns nämlich die Botschaft übermitteln, dass wir so, wie wir sind, nicht den Erwartungen oder dem Gewünschten entsprechen. Wenn wir diese Erfahrungen häufig genug machen, dann werden sie die meisten von uns unglücklich machen und einige dazu bewegen, ihr Verhalten anzupassen.

Als ich zur Schule ging, kam es noch mehr auf die richtige Markenkleidung an, um akzeptiert oder wenigstens nicht ausgegrenzt zu werden. Inzwischen hat sich die Mode verändert – Hosen, Pullis und Hemden sind enger geworden. Früher sprach man noch von Karottenbeinen und waren Leggins etwas für den Yoga-Kurs, nicht aber für die Straße. Damit die Beine in den Skinny Jeans oder Jeggins nicht wie Karotten aussehen, brauchen sie eben die entsprechenden Formen. Viele Marken bieten ihre Top-Produkte nur noch in einer „slim fit“ Version an, auch für Männer heißt das: Taillierte Schnitte und weniger Raum, um einen nicht normgerechten Bauch darunter zu verstecken.

Vom Fitness- und Wellness-Kult

Für mich gehörten Sport und Bewegung immer zum Leben dazu – aber ich genieße auch gerne einmal ein gutes Stück Schokolade, ein Glas Bier oder Wein. Nach meinem arbeitsbedingten Umzug nach München schaute ich mich hier nach einem neuen Fitnessstudio um. In den Niederlanden nennt man das noch euphemistisch sportschool (Sportschule). Dass dieses Studio in München aber mit dem Slogan celebrate yourself – feiere dich selbst – Werbung machte, das verhieß gleich nichts Gutes. Dem Namen nach legt die Firmenphilosophie aber nicht nur auf Training für den Körper wert, sondern auch auf Wohltaten für die Seele.

Tatsächlich erinnerte mich das Fitnessstudio eher an eine Fabrikhalle, die man mit warmen Farben angestrichen und dann mit Geräten vollgestellt hat; und was für Geräte das waren! Die neueste Generation von TechnoGym, die nicht nur jede Bewegung aufzeichnet und auf dem eigenen USB-Stick abspeichert, sondern auch die ideale Bewegung vorschreibt: Wie weit und wie schnell, das wurde alles auf einem Display vorgegeben und Abweichungen davon sofort mit einem roten Signal bestraft. Dazu passte, dass der Trainer mehr über die TV-Ausstattung und leichte Bedienbarkeit der Geräte – „So einfach wie ein SmartPhone!“ – schwärmte, als mich über die Trainingseffekte aufklärte.

Maschine bedient den Menschen, nicht umgekehrt

Beim Verwenden der Geräte hatte ich dann auch eher den Eindruck, dass das Gerät mit mir arbeitet und nicht ich mit ihm. Überhaupt herrschte dort eher eine hektische Wartezimmerstimmung als eine entspannte Sphäre. Vor allem mit viel Technik wird hier der Körper geformt, während sich der Geist langweilt – oder eben beim Fernsehen zerstreut. Was an Freude an der Bewegung fehlt, das soll vielleicht durch die Zurschaustellung des durchtrainierten Körpers kompensiert werden. Daran herrschte jedenfalls kein Mangel.

Wenn der Körper nicht den Erwartungen entspricht, wenn wir von Freunden oder Kollegen negative Blicke oder Bemerkungen ernten, dann scheint der Gang zum nächsten Sportstudio, die nächste Diät oder gar der Gang zum Chirurgen als Ausweg. Ich möchte jedoch dafür plädieren, dass es einen anderen Ausweg gibt, nämlich eine akzeptierende Geisteshaltung. Wenn wir unser Gegenüber nicht an irgendeiner Norm messen, sondern in seiner Eigenheit respektieren, dann geben wir ihm oder ihr das Gefühl, akzeptiert zu werden; und wenn nur genug Menschen dies tun, dann werden wir einen geringeren Anpassungsdruck erfahren und auch in unserer Eigenheit akzeptiert werden.

Anpassung und Alternativen

Es gibt Situationen, in denen bleibt uns keine Alternative zur Anpassung. Ich sitze beim Schreiben dieser Zeilen beispielsweise im Flugzeug. Wenn es auf dem Flug Turbulenzen gibt, dann kann ich daran nichts ändern – weder kann ich den äußeren Luftdruck beeinflussen, noch im Notfall das Flugzeug steuern. Ich muss darauf vertrauen, dass der Pilot oder die Pilotin seine Arbeit gut macht. Da Menschenleben und Flugzeuge teuer sind, kann ich aber davon ausgehen, dass die Fluggesellschaft ihre Angestellten gut ausgebildet hat und daher Leute am Steuerknüppel sitzen, die wissen, was sie tun. Wohlgemerkt: Ich fliege mit keinem Billigflieger.

Es gibt aber auch Situationen, in denen wir einen Handlungsspielraum haben; und dieser macht gerade unsere Freiheit aus. Wenn ich von anderen nicht so akzeptiert werde, wie ich bin, dann gibt es viele Möglichkeiten: Man kann sich dem stellen und seinem Gegenüber sagen, was man davon hält – so wie ich meinem alten Freund gesagt habe, dass mit meinem Bauch nichts verkehrt ist; man kann die Ablehnung in sich hereinfressen und sich unglücklich fühlen; man kann versuchen, sich anzupassen, indem man im Fall des Körpers eine Diät macht, mehr Sport treibt, andere Kleidung wählt oder eine Schönheitsoperation vornimmt; man kann sich mit anderen über seine Erfahrungen austauschen und so vielleicht Unterstützung bekommen; man kann sich in eine andere Umgebung begeben, in der man nicht abgelehnt wird, und so weiter.

Haare – die Seele eines Mannes?

Ein anderes Beispiel, an dem ich diesen Möglichkeitsspielraum erfahren habe, war mein Haarausfall. Dieser begann gegen Ende meines Studiums in Mainz und setzte sich auch bei meiner Forschungsarbeit in Bonn, wo ich meine Doktorarbeit schrieb, fort. Nach einer Weile wurde das Haar sichtbar dünner und manche Leute sprachen mich darauf an, dass man auf meine Kopfhaut gucken könne.

Von da an beschäftigte ich mich viel mit dem Thema Haare, achtete auf die Blicke anderer, fragte ich mich manchmal, aus welcher Richtung das Licht fällt und wie deutlich man deshalb mein dünnes Haar sieht. Jeder Gang auf die Toilette und damit vor den Spiegel führte zu ein paar Blicken aufs Haar. Ich schaute mir jetzt auch bei anderen Männern die Haare genauer an und beobachtete, wie diejenigen mit dünnem oder gar keinem Haar damit umgingen. Einmal ging ich auf einer Tanzparty sogar in den dunkleren Bereich, weil ich dachte, dass meine Kopfhaut dort weniger durchschaut.

Als ich einmal einen Arzt darauf ansprach, weil ich dachte, dass dies womöglich ein Krankheitssymptom sein könnte, reagierte dieser nur mit einem Achselzucken und wies mich auf ein Medikament gegen Haarausfall hin. In jener Zeit informierte ich mich außerdem über die Möglichkeit einer Haartransplantation. Am besten kann ich das Gefühl mit der Situation vergleichen, dass man beim Zahnarzt eine neue Füllung bekommen hat und mit der Zunge die ganze Zeit an dieser Stelle herumspielt, weil sie sich anders anfühlt.

Im Gegensatz zum angebohrten Zahn waren es bei den Haaren die Augen und Finger, die immer auf die auffällige Stelle zurückkamen, und verschwand das komische Gefühl (leider) nicht schon nach einer Nacht, sondern erst nach ein paar Monaten. Im Übrigen hörte der Haarausfall sogar auf, nachdem ich nach Groningen umgezogen war. Wahrscheinlich hat also der Stress während meines Studienabschlusses und meiner Doktorarbeitsphase dafür eine Rolle gespielt. Ich habe inzwischen gelernt, dass es viele Alternativen gibt, dass auch Männer mit weniger oder gar keinen Haaren attraktiv aussehen können und mich die paar Menschen, deren Meinung mir wichtig ist, auch so akzeptieren.

Soziale Normen sind Verhandlungssache

Unsere sozialen Normen sind also Verhandlungssache und kein unveränderliches Naturgesetz. Durch Reflexion und das Nachdenken über Alternativen können wir ein entspannteres Verhältnis zu uns selbst und der Gesellschaft entwickeln; und mit entspannteren Menschen ist der Umgang viel angenehmer, denn weder denken sie die ganze Zeit darüber nach, was nun von ihnen erwartet wird, noch urteilen sie permanent über uns.

Daher sind auch nicht die Teilnehmerinnen von Castingshows wie Germany’s Next Topmodel, die schon bei jedem Salatblatt die Kalorien zählen, meine Heldinnen. Nein, meine Heldinnen sind diejenigen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen, die auch einmal etwas Speck zeigen können, ohne sich zu schämen, anstatt sich nur an die Norm anzupassen. Ihr seid meine Miss Germanys. Es geht darum, die richtige Balance zu finden, und ihr seid ihr schon einen Schritt näher.

Bildquelle: Benjamin Thorn / pixelio.de

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27 Kommentare

  1. Haarausfall

    Ein anderes Beispiel, an dem ich diesen Möglichkeitsspielraum erfahren habe, war mein Haarausfall.

    Kann ein Problem die Sozialakzeptanz betreffend sein, wenn die Kopfform auch nicht dem sozial Erwarteten entspricht.
    Zur soliden Glatze möchte man dann nicht raten.

    Eigentlich blöd, wie die Gesellschaft reagiert, irrational, oder?, gesundheitliche Mängel werden so ja nicht transportiert.

    Aber auf jeden Fall das so gar nicht vorliegende mindere Aussehen annehmen und im Dunkeln abrocken, lol.

    MFG
    Dr. W

    PS: Gut aussehen tun doch sowieso nur die sich Unterscheidenden, die nicht Standards-Bubis, Bruce Willis, Tarantino, Bogart etc.

  2. Firmenphilosophie?

    Irgendwann war es soweit: Jede Firma, jede Fußballverein usw. hatte seine eigene “Philosophie”. Das, was ich bisher eigentlich immer für eine Strategie gehalten habe, wurde fortan zur Philosophie erhoben. Das klingt halt nicht so kühl berechnend wie Strategie, der “Verbraucher” fühlt sich in seiner Ganzheit gemeint und aufgehoben.
    Ist Ihnen der Begriff “so raus gerutscht”, oder meinen Sie ihn so, wie Sie ihn geschrieben haben: ohne Anführungszeichen?

  3. Laß Dicke um mich sein?

    Ihre Heldinnen sind also die Dicken. Wahrscheinlich mutige Europäerinnen oder Amerikanerinnen.
    Jedem sei seine Veranlagung zugestanden. Andererseits lese ich bei Ka. Greve folgende subtile Kritik:

    “Buhuhu! Du bist immer so gemein zu mir! Nur, weil ich ein wenig pummelig bin! Buhuhu! Ich glaube, ich bringe mich um!”

    “Na, das wird ja dann ein Massenselbstmord.”

    Kennen Sie eine Studie, die beleuchtet, was richtig sein mag? Wir sind ja hier bei Wissenschaftlern, wo man nicht schwadroniert, noch weniger sich hinreißen läßt.

  4. Die GlobalisierungdesSchönheitsemfindens

    Film, Fernsehen, Werbung, Sport und Freizeit transportieren heute ikonische Bilder von Idealen in einer ewigen Schleife, die morgens beginnt, wenn man mit Auto, Tram oder Eisenbahn an Werbeflächen vorbeikommt, die schöne&sympathische Menschen mit Kukidentlächeln zeigen und die sich fortsetzt, wenn man einkauft oder sich seiner Lieblingsserie hingibt. Das Visuelle ist heute das alles dominierende. Man hört kaum noch jemanden von der schönen angenehmen Stimme der Nachbarin oder Radiosprecherin Schwärmen und niemand sagt einem, dass man einen angenehmen Umgang pflege und das Kompliment, man fühle sich einfach wohl in seiner Umgebung, das spricht niemand mehr aus.
    Wenn das Visuelle alles ist, dann ist die Schönheitsoperation nicht mehr weit.

  5. Test?

    Vielleicht eine moderne Form der Selektion.
    Ein Test für uns alle – wie sehr ist der Einzelne in der Lage , einem immer aggressiver werdenden Konformismus die Stirn zu bieten?

  6. @ DH: Test-Test

    “wie sehr ist der Einzelne in der Lage , einem immer aggressiver werdenden Konformismus die Stirn zu bieten?”

    Wenn wir alle nicht mehr auf Schönheit achten würden, wäre das dann nicht auch nur einem Konformismus geschuldet? Es wäre doch auch wieder nur eine soziale Norm, die uns verbietet, über das Aussehen anderer Leute zu urteilen.

    Ich persönlich würde Frauen zumindest nie allein nur auf deren Intellekt reduzieren.

    Wäre das, wenn wir weniger auf Äußerlichkeiten achten, aber überhaupt “menschliche Freiheit”? Wird hier nicht “entspannter” und “angenehmer” mit “freier” verwechselt?

  7. Laß Dicke um mich sein?

    Sieht wie eine Überinterpretation aus, die Artikel-Präferenz scheint eher in die Richtung zu gehen Modelmaße (z.B.: “170cm, 45-50kg”) abzulehnen. Und wer würde das nicht? Diese Maße sind ja nur deshalb modisch, weil die Kleidungsindustrie Dünne braucht, denn nur die können auch voluminösere Kleidung tragen ohne gleich dick auszusehen.

  8. @Joker

    Die Anlehnung eines Schönheitskonformismus führt ja erst einmal nicht zu entsprechendem Nonkonformismus, sondern zu nonkormer individueller Sicht. Kann beispielsweise auch zur bewussten Annahme eines diesbezüglichen Ideals/Konformismus führen.

    Witzig aber wie sich gerade junge Leute, die Hauptzielgruppe sog. Marketings, bei diesem Thema sozialdynamisch bearbeiten.
    BTW: Die zurzeit kräftig werdende Religion hat das Problem lange erkannt und entsprechend vorgebaut.

    Der Schreiber dieser Zeilen kennt zwei Schönheitstheorien, die eine meint den Durchschnitt (s.o.), womöglich als Gesundheitsmerkmal, die andere die Einfachheit.

    Einfache Lösungen, die dennoch nicht jeder findet, gelten oft als schön. Ihre Nachrichten sind zum Beispiel relativ schön.

    MFG + schöne Weihnachtstage!
    Dr. W

  9. Gegenreaktion

    @ Joker

    Interessanter Einwand.
    Ich stimme Ihnen zu , daß die prinzipielle Ablehnung wieder die Gegenrektion wäre.

    Es geht wohl – einmal mehr – um die richtige Dosis , wie schon von Dr.Webbaer treffend formuliert ,liegt das Gegenteil irgendwo in der Mitte.

    Nicht medizinisch indizierte Schönheits-OPs halte ich aber für bedenklich , sie versuchen tatsächlich ein über jedes humane Maß hinausgehendes Ideal voranzubringen.

  10. @Clara: Schwarzweißdenken

    Interessant – Ich schreibe hier etwas gegen ultradünne Models mit ungesunden Maßen und Sie verkehren das ins gegenteilige Extrem.

    Nur, weil jemand nicht unterernährt aussieht, ist er oder sie darum nicht gleich dick.

    Frohe Weihnachten und lassen Sie sich den Christstollen schmecken!

    Stephan Schleim

  11. @Stephan Schleim u. Follower Dr. Webbaer

    “Interessant – Ich schreibe hier etwas gegen ultradünne Models mit ungesunden Maßen und Sie verkehren das ins gegenteilige Extrem.”

    Stephan, Sie haben uns explizit den Bauchspeck als Eigenschaft der wahren Heroinen unterjubeln wollen:

    “Nein, meine Heldinnen sind diejenigen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen, die auch einmal etwas Speck zeigen können, ohne sich zu schämen, anstatt sich nur an die Norm anzupassen.”

    “… auch einmal etwas Speck zeigen”, aus gesundem Selbstbewußtsein Wampe tragen – das klingt genauso nach dem über-satten Europa wie das Ultradünne eine unfreiwillige aber erhellende Karikatur dessen ist.
    Die Norm ist das Übergewicht, oder sehen Sie etwas anderes?

    Sie (haben gut Lachen) finden Ihre Heldinnen immer am Buffet, während die meinen schon draußen stehen und rauchen. Aber dafür morgen zum Sport sausen.

    “Nur, weil jemand nicht unterernährt aussieht, ist er oder sie darum nicht gleich dick.”

    Das behauptet ja auch ernsthaft niemand. Es gelten übereinstimmend eher jene als dick, die auch überernährt “aussehen”. Nie gehört, daß ein gut trainierter Leichtathlet als “dick” bezeichnet worden wäre, nur weil er nicht “unterernährt” aussähe. Sie etwa?

    Und von Überernährten gibt es in Europa und den USA, glaubt man den Statistiken, (über)reichlich. Sie sind die Norm.

    Ihnen auch Frohe Weihnachten und das Beste für das neue Jahr. Ich bin sicher, wir stimmen in Vielem überein, hier liegen wir dawider.

  12. Sie sind der Meinung, dass ihr Haarausfall im Ausland aufgehört hat? Ist ihre Beobachtung da auch gesichert?

    Ich muß nämlich berichten, dass ich jedesmal im Auslandurlaub nach einer Woche die Beobachtung machte, dass meine Pickel/Mitesser im Gesicht verschwanden.

    Ich weigere mich jedenfalls zu glauben, es liege etwa nur an der ungewohnt frischen (sauberen) Luft am Urlaubsort oder der logisch sich verändernden Ernährungssituation.

    Und dennoch vermute ich dringend eine gewisse Umweltveränderung. Umwelt it aber leider sehr vielfältig, sodass Eingrenzung kaum möglich sei – ohne entsprechende Möglichkeiten und Aufwand.

  13. @Clara: Speck

    Danke, Clara, ich weiß schon, was ich geschrieben habe – so löchrig ist mein Kurzzeitgedächtnis glücklicherweise nicht.

    Ich finde es jedoch immer noch auffällig, dass du Bauchspeck sofort mit Übergewicht in Zusammenhang bringst. Man spricht ja z.B. vom Winterspeck oder auch von den “love handles” (siehe z.B. hier oder hier; die vulgäre deutsche Übersetzung spare ich mir hier einmal). Wie bezeichnend, dass diese beiden Beispielfotos gerade aus Artikeln stammen, die den Lesern erklären, wie man diese love handles abtrainieren kann, dabei haben die beiden doch schon sehr schöne Körper!

    Mir ist der Athletinnenkörper, den du ansprichst, jedenfalls lieber als der Modelkörper, auf den ich verwiesen habe; sofern die Damen nicht gerade männliche Hormone o.ä. zur “Leistungsverbesserung” nehmen.

    Übrigens habe ich gerade gestern wieder die Bemerkung gehört, ich sei schlank, während sich die beiden anderen, die ich im Text erwähnte habe, über meinen Bauch geäußert haben.

    Nochmal: Es gibt hier mehr als nur schwarz und weiß.

  14. @schrittmacher

    Es ist natürlich schwer, so etwas zu beweisen, aber seien wir doch einmal ehrlich: Wenn wir zum Arzt gehen, dann erfahren wir doch auch den modernen wissenschaftlichen Errungenschaften in der Medizin zum Trotz so gut wie nie, was “die Ursache” eines krankhaften Vorgangs ist; z.B. im Mund lassen sich doch ständig Krankheitserreger nachweisen aber wie oft werden wir wirklich krank? Wenn wir lange genug bohren, wie viele Mediziner verweisen dann einfach auf “Stress”?

    Es war in meinem Fall sicher kein schlagartiger Übergang, als ich von Bonn nach Groningen umgezogen bin. Ich kann aber in jedem Fall sagen, dass ich in Bonn sehr starken, in Groningen nach ein paar Monaten aber gar keinen Haarausfall mehr hatte.

    Ich hatte selbst schon den Gedanken, dass der Haarausfall vielleicht einfach deshalb weniger geworden ist, weil eben jetzt auch nur noch weniger Haare da sind; aber zum einen sind das doch noch recht viele Haare und zum anderen habe ich jetzt wirklich gar keinen Haarausfall mehr.

    Wasserdicht lässt sich das nicht auf das eine oder andere schieben – aber es ist doch schon eine frappierende Beobachtung.

    Ich denke, dass Mediziner tausende solcher Fälle beobachten, dass es Leuten im Urlaub plötzlich viel besser geht. Dass birgt wahrscheinlich einige Hinweise auf die Gesundheit unseres Alltagslebens – den Wellness- und Fitnesskult zum Trotz!

  15. “…dass psychische Freiheit nur unter bestimmten sozialen Bedingungen gedeihen kann…”

    -> “psychische Freiheit” war gut gewählt. Nicht bstritten ist scheinbar, dass wir nur eine “PSyche” haben, weil es andere Menschen gibt. In der bedingenden Sozialgemeinschaft sich das ganze System noch potenziert und aber selbstredend dann die Psyche nicht nur gedeihen lässt, sondern auch begrenzt. Im Resultat also führt diese kausalbdingung Sozialgemeinschaft zur demütigen Haltung gegenüber seiner Umwelt. Demut ist aber was? Ja, genau; eine Art Selbstbegrenzung seinem Indentitätsumfang und folglich auch seiner Freiheit.

    Der Artikel ist “schön” geschrieben. Er entpricht allem erwartbarem Wohlwollen und jeder wünschenswerten Freiheit im “Hier und Jetzt” einer Wahrnehmung. Nicht erkannt aber wird die wahrhaftig zwingende Bedingung in der Funktionsstruktur des Gehirns im Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen. Dass die Menschen scheinbar auffällig häufig übergewichtig werden, liegt genau an diesen zwingenden Bedingungen, die den Stoffwechsel, Energiehaushalt und die Psyche nachhaltig verändern. Sie haben keine Essstörung, weil sie unangemessen essen, sondern ein erzwungenemaßen veränderten Bedarf. Und eine Lust und Verlangen nach Glück(lichsein). Und Essen macht eben auch glücklich. Übler Kreislauf, wenn man ihnen ihr ursprüngliches Glück per Manipulation nimmt, aber einem nur das Glück am und nach dem Essen bleibt.

    Mir jedenfalls hat man mein Leben und meine Gesundheit erheblich geschädigt, weil ich unbewusst nicht in diese Sozialstruktur mit ihren unichtbaren und unausgeprochenen Bedingungen nicht passe. Ich bin zwar nicht dick geworden (habe nur 10 Kg zugenommen), aber eine unauflösbare Menge anderer Probleme dadurch bekommen. Das Ganze ist kein Schicksal, wie es immer aus Verzweiflung ausgewählt wird, sondern vorsätzliche Schädigung. Und dieser Terror entscheidet auch über das Empfinden von Schönheit, das etwas zutiefst narzistisches ist, aber dennoch totalitär demokratisch auserwählt wird. Niemand nämlich entscheidet über seine Empfindung von schönheit selbst. Soviel zur Freiheit der Persönlichkeit – wir glauben nur eben daran.

    Das Probelm daran sei, dass nur die Schönsten in der Masse vom Terror verschont werden. Die Masse betet quasi-demokratisch geprimt ihre Ästhetik an und gibt ihr dadurch alle Freiheiten und darin enthaltene Genüsse, die dem Hässlichen verwehrt sind, weil sie von der Masse als hässlich bewertet wurden.

    Aber Achtung: “Schönheit” sei hier nicht an der Oberfläche zu erkennen. Sichtbare Schönheit ist aber ein Freibrief auf Abruf und lässt einem auch innen schöner erscheinen – zumal sich die oberflächliche Schönheit auch leichter selbst als solche Empfindet und diese dann entsprechend “ausstrahlt”. Außerdem: Das kind ist im Zweifel schöner, als der Erwachsene – so irgendwer überhaupt wirklich erwachsen wird. Infantile Schönheit ist gerade noch die erlaubteste – im Gegensatz zur Schönheit in der Macht und der Gewalt. Ja, was für eine pädophiele Gesellschaft.

    Und wer im Leben aus vielen Begebenheiten “hässlich” behandelt wird, sich selbst dann auch nicht mehr als annehmbar akzeptiert, wird seine Schönheit nie erlangen oder verlieren. Mutmaßlich kann man so Schönheit (oder das Gegenteil) Determinieren. Soviel erneut zur Freiheit des Individuums.

  16. @ Stephan Schleim 25.12.2012, 21:08

    Ja, es ist schon sonderbar, was uns Ärzte so über unsere Beschwerden preisgeben. Ursache / Symptom Systematik kommt überwiegend nicht vor. Es besteht ja das Symptom, also der Einfachheit halber… oder als ob sich das Gesundheitssystem gegen eine Behandlung der Ursache verweigert. Besteht der Patient auf eine Ursachensuche, attestiert man anstatt im Zweifel paranoide Zwangsgedanken. Und weil das auch ein Symptom ist, gibt es eben Tabletten dagegen.

    Ein Testostheronabbauprodukt – habe ich mal gehört, solle hier Ursache sein, wenn die Haare ausfallen. Und da ihr Haar gar dünn gewachsen ist, möge man sogarannehmen können, dass eine tendenz dahin vielleicht schon immer in ihrem Leben gegeben war.
    Sehr denkwürdig sei aber die Tatsache, das die Haare nicht wahllos ausfallen, sondern die Berühmte Geheimratsecke der Beginn ist und das ganze sich symetrisch ganz oben auf dem Kopf abspielt. Es ist, als ob ich Milch in den Kaffee mache, aber die Milch beim Umrühren sich nicht vermischt, sondern an einer Stelle konzentriert bleibt. Und so fallen uns die Haare nur oben auf dem Kopf aus, trotzdem das angenommende Dihydrotestosteron (Testosteronabbauprodukt) sich im ganzen Körper verbreitet / verbreiten sollte. Ist irgendwie Kontraintuitiv. Schlichtweg aber wachsen manchen sogar an manchen Stellen keine Haare. Nämlich auf der Brust, was mutmaßlich mit dünnem/feinem Haar auf dem Kopf einhergeht und die Tendenz zum klassischen Haarausfall des Mannes andeutet.

    Interessante Widersprüchlichkeit: Unterhalb der Tailie aber ist davon alles Unabhängig und kann sich kontrastreich zu fellartigem Bewuchs entwickeln.

    Aber o.k., … ihr Artikel handelt von Schönheit und deren Relativierung im sozialem Leben, ich aber rede über Symptomatik, deren Bedingungen und Widersprüche.

    Sie reden über die Selbstwahrnehmung und deren Konstruktion, damit man aus ästhtischer Richtung nicht dekonstruierbar ist (Diskrimminierbar). Dabei wissen wir offenbar, dass Adipösitas ein Gesundheitsmangel sein kann oder in vieler Hinsicht wird. Angesichts dessen kann man sich auch nichts schönreden.
    Es soll ja mal Zeiten gegeben haben, in denen Fettleibigkeit ein Merkmal des Reichtums und Stärke gewesen war (August der Starke von Sachsen und König von Polen). Hier aber wären die (modischen) kulturperspektiven einmal gegenüber zu stellen (nach dem 30 jährigen Krieg). Demgegenüber ist heute keine veranlassung auch nur ein Gramm Fett auf der Hüfte zu tragen. Stattdessen aber scheint es so, als ob die halbe moderne Welt hier ein Problem mit sich herumträgt. Da gibt es nichts zu verniedlichen, wie oben geschehen – auch wenn nur ein Bauchansatz vorhanden ist.

    Oben habe ich aber auch beschrieben, dass ein “hässlicher” Umgang mit solchen Menschen das Problem natürlich nicht besser macht. Vielleicht sollten wir doch besser leugnen, das es ein Problem gibt? Aber das wäre ungfähr so, wie wir vom Gesundheitssystem Therapiert werden – Man kann Symptome (oder gar dessen Ursache) nämlich auch behandeln, indem man sie leugnet – denn wo also kein Problem benannt werden kann, da besteht auch keines. Das muß man nur verinnerlichen können, damit die Besserung eintreten kann.

  17. @schrittmacher: Gehirn

    Nicht erkannt aber wird die wahrhaftig zwingende Bedingung in der Funktionsstruktur des Gehirns im Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen.

    Dass ein (mehr oder weniger) gesundes Gehirn für das Ablaufen psychischer Prozesse notwendig ist, ist eine zutreffende aber auch banale Erkenntnis, die auch hier im Blog schon oft genug geäußert wurde und daher nicht jedes Mal wieder erneut geäußert werden muss.

    Die relevante Frage ist hier, was uns Gehirn-Wissen wirklich Neues über die Psychologie der Freiheit oder meinetwegen auch die Ausbreitung von Übergewicht verrät. Natürlich haben diese Prozesse auch eine Gehirn- und eine genische Komponente.

    Zur Freiheit haben in den letzten Jahren aber doch einige namhafte Hirnforscher sehr viel Unsinn verbreitet, sodass zumindest ich vorerst wenig Lust habe, diese verbreiteten Irrtümer immer und immer wieder herauf- und herunter zu diskutieren – zumal ja einige Leute so in ihrem Weltbild gefangen zu sein scheinen, auch hier in diesen Blog-Diskussionen, dass sie sich nicht ernsthaft mit einer anderen Position auseinandersetzen können.

    Die Befunde der Hirnforschung können uns beispielsweise zeigen, welche Gehirnstrukturen und -prozesse nun genau notwendig für das Ausüben bestimmter psychischer Fähigkeiten sind; sie können aber nicht bestreiten, dass wir (mehr oder weniger) abwägen, planen, nachdenken, reflektieren und diese ganzen Prozesse auch alle kausal wirksam werden können.

    Die interessantere Frage ist m.E. daher, unter welchen Umständen diese Form von Freiheit am meisten gedeiht und gerade darum geht es ja in dieser Serie.

    Zum Übergewicht lässt sich zunächst einmal sagen, dass allein die Tatsache, dass es sich dabei um ein gegenwärtiges “Modephänomen” handelt, die Erklärungskraft genetischer bzw. neurowissenschaftlicher gegenüber psychologischen, soziologischen, anthropologischen usw. Erklärungsansätzen prinzipiell einschränkt. Sie haben ja selbst ein historisches Beispiel für eine Kultur gegeben, in der Fettleibigkeit ein Zeichen von Wohlstand ist – und solche Kulturen gibt es heute auch noch.

    Anderes Beispiel: Noch vor einigen Jahrzehnten grenzte man sich im gehobenen Bürgertum durch eine besonders weiße Hautfarbe von unteren Schichten ab. Wer braun im Gesicht war, der musste draußen im Freien einer weniger angesehenen Arbeit nachgehen (Maurer, Bauarbeiter, Gärtner…). Heute bilden sich viele etwas auf ihre Sonnenbräune für 5 Euro ein, weil sie den Schluss nahelegt, dass man sich teure Urlaube leisten kann; dabei handelt es sich für manche im Gegenteil um einen Wettlauf zum Hautkrebs.

    Über die Forschung zur Magersucht eines Kollegen aus Groningen, des Professors für Neuroendokrinologie Anton Scheurink, berichtete unsere Universitätszeitung vom 10. November 2011:

    Magersucht kommt bei Frauen zehnmal so häufig vor wie bei Männern. Der Grund, warum Frauen abnehmen, ist laut Scheurink weniger wichtig. Seine Theorie nimmt schlicht an, dass jemand damit beginnt, und erklärt dann, wie daraus eine Abhängigkeit werden kann. (meine Übers.)

    Dieses Statement macht sehr deutlich, wie schnell man Kultur und Geschichte vergisst, wenn man ein Problem aufs Gehirn reduziert (Warum der Neurodeterminist irrt).

    Es mag ja sein, dass sich im Gehirn von Hungernden gewisse Ähnlichkeiten zum Gehirn von Drogenabhängigen finden. Warum die Menschen aber überhaupt erst mit dem Hungern anfangen – ein weiteres Mode- bzw. Kulturphänomen –, das erklärt man dadurch nicht.

    Dass die Menschen scheinbar auffällig häufig übergewichtig werden, liegt genau an diesen zwingenden Bedingungen, die den Stoffwechsel, Energiehaushalt und die Psyche nachhaltig verändern.

    In manchen Fällen schon, in den meisten aber eben gerade nicht, siehe Übergewichts als Mode- bzw. Kulturphänomen oben.

  18. “zumal ja einige Leute so in ihrem Weltbild gefangen zu sein scheinen, …, dass sie sich nicht ernsthaft mit einer anderen Position auseinandersetzen können.”

    -> Ein Vorwurf (beruhend auf Tatsachen), der aber universell anwendbar ist. Geht es also schlicht nur um die Überzeugung anderer über die richtige Perspektive?
    Dass man psychologische Phänomene gar in der Neuroforschung als organische “Anomalie” erkennen kann (will), ist oben schon angesprochen worden. Irgendwas als Anomalie (also potenziel pathologisch) einzustufen, ist allem vorran aber wiederum eine “Ansichtssache” aus einer bestimmten Perspektive. Eine “Entdeckung” des neuronalen Korrelats der “Gewalt” und “Aggression” eine unzulässige Beschränkung seiner Funktionen und seiner Auswirkungen auf die Umwelt. Die Scientologie redet bei diesem Thema als ursächlich verantwortlichem “reaktiven Verstand” – schön umschrieben. Faktisch also ist unweigerlich mehr dran, als uns Psychologie suggeriert – abgesehen davon, dass das Konstrukt Psychologie ein bisher alltagstaugliches sei – jedoch selbstredend viele Opfer erzeugt, wie es scheinbar jedes System immanent fordert. Der Neurodeterminismus erklärt uns als “System”. Die diesbezüglich auftretenen scheinbaren Widersprüche und Leerstellen in Übereinstimmung aber betehen, weil alle bisher um das Leben herum konstruierte (organiations-)Systeme nicht komplex genug seien, um des Lebens Komplexität zu erfassen und einzubeziehen. Frei nach dem Motto: Reduktion von Komplexität erleichtert Herrschaftsstruktur und Ausführung. Wo das System an seine Grenzen stößt, wird dann systemfern manipuliert.

    Zitat:

    “Dieses Statement macht sehr deutlich, wie schnell man Kultur und Geschichte vergisst, wenn man ein Problem aufs Gehirn reduziert…”

    -> Der Neurodeterminist redet ja auch nicht von unveränderlicher (De)Terminierung. Stattdessen ist die Umwelt die bedingende Funktion darin. Wir können uns nicht von unserer Umwelt getrennt sehen und denken, das mein verhalten und meine Neuroaktivität unabhängig von der anderer stattfindet. Die Determination besteht in der Interaktion zwischen Mitmenschen.
    Dies in einem neuronalen System nachzuweisen, scheint ihnen aber nicht hinreichend gelungen zu sein…oder angenommen, dass es erhebliche kulturrelle Konsequenzen hätte; sich entschieden, es nicht nachzuweisen und wie Singer zu sagen: “wir verstehen immer weniger” – eine sonderbar erscheinende Strategie, aber eben auch logisch. Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen die Kultur nicht nur nicht überfordern, sondern auch nicht in Gefahr bringen, weil sonst die Erkenntnisse zu einem großen Problem werden. Es enthielte auch die Erkenntnis darüber, dass neuronale Manipulation selbstredend determinierend ist und dass sie aus der Kenntnis daraus auch selektiv angewendet werden könnte.

    Kultur und Geschichte sind nur existent, weil wir ein Gehirn haben, dass bestimmte Bedingungen bereitstellt. Im Verhältnis möge man sagen, ein Cholera-Bakterium hätte eine an seine Fähigkeiten und Möglichkeiten angepasste “Kultur” und also Geschichte. Die Komplaxität bildet hier die Grundlage der Problematik über einen Mechanismus zu entscheiden, den wir mit simpler alltäglicher Wahrnehmung nicht erfassen können. Kultur sei also Produkt aus dem Nervensystem, sei also in seiner Funktionsstruktur bedingend und relevant, was aus ihr hervorgeht und gehen kann. Und auch das Gen-argument sei zwar vorhanden, aber innerhalb der Spezies darf es erstens keine Rolle und keine Thema sein (politisch) und ist aufgrund der bisher bekannten Erkenntnisse nicht versichernd genug, als es hingestellt wird. Jedoch plausibel genug, um sich als Unwissender immer wieder darauf zu berufen, wenn sonst keine Erkenntnisse konsistent genug seien. Zudem ist man nicht angagiert genug klar zu stellen, was Genveränderungen und Mutationen in unserer Alltagswelt bedingen. Die Welt liebt leider keine schlechten Nachrichten mit Bezug auf unser Existenz und verdreht alle Wahrheit lieber ins ästhetisch Einfühlsame.
    Ein Verweiß auf Gene ist eine Pathologisierung, die dem deutschen Nationalsozialismus in nichts nachsteht. Das ist deswegen so, weil irgendwoher ein Optimum erkannt sei, wovon Abweichungen nur Krankhaft sein können. Dabei ist noch nicht mal bewiesen, dass ein erkanntes Optimum auch einer Mehrheit entspricht, die das zumindest demokratisch rechtfertigen kann.
    Daran angelehnt ist die Frage nach dem Vorhandensein eines neuronalen Aggressionskorrelats im Gehirn selbstredend auch genetisch zu erklären, aber ihrer These nach auch psychologisch erklärbar. Ganze Medikamentenklassen wollen aber aus ideologischer Psychologie einer neurologischen Grundlage den Gar aus machen. Und weil ihnen eine im Kern plauibel gültige Rechtfetigung dazu fehlt, begründet man sich auf genetische “Begünstigung”. Egal, wie es gedreht wird, es bleibt am Ende eine ästhtische (ideologische) Entscheidung über den Gegenstand und seine Sicht darauf. Nicht weit vom Kreationismus entfernt – wenn man sich Gott einfach als Mensch und Superorganismus denkt – und der sich den Menschen innerhalb seiner Möglichkeiten so erschafft, wie es beliebt – koste es, was es wolle.

    Schon Freud hatte 1913 in einer Vorlesung erklärt, dass man den psychologischen Überbau zum noch zu erkennenden Fundament des Menschen erstellt habe. Psychologie ist Ideologie, die freilich an der oberflächlichen Wirklichkeit bemessen wird – so ist es mit der Bibel, Märchenbüchern und der Philosophie der Aufklärung auch. Eine Mischung aus alltäglicher Realität und intendierter zukunftsvision und manchesmal phänomenalen Einlagen zur Überbrückung von Erklärungs-/wahrnehmungslücken.

    Meine Frage diesbezüglich wäre etwa, was denn meinen Gefühlshaushalt und Erregungsfähigkeit “determiniert”? Nicht nur neuronal bedingt, weil das nur die halbe Wahrheit sei. Wir würden in der Antwort auf diese Frage auch entnehmen können, was uns “Schönheit” empfinden lässt… weil wir sie daran erkennen, wie uns das Gefühl es vorgibt.

  19. “Ich finde es jedoch immer noch auffällig, dass du Bauchspeck sofort mit Übergewicht in Zusammenhang bringst.”

    Ich habe dich auch ein bißchen auf deine subtile Schüppe mitgenommen, indem ich aus deinen Formulierungen gelesen habe, daß dir das Dicke genuin behagt. “Etwas Speck” – zur Sicherheit. – Die Mutlosigkeit einer Reserve für schlechte Zeiten.

  20. Artikel

    Hallo,
    ich finde diesen Artikel wirklich sehr interessant! Lese ihre Artikel immer mit Vergnügen.

    Freundliche Grüße

  21. @Schrittmacherm

    “Kultur und Geschichte sind nur existent, weil wir ein Gehirn haben, dass bestimmte Bedingungen bereitstellt.”
    Nicht ganz. Hier nehmen sie eine extreme Position an. der Antwort ist aber irgendwo in der Mitte zu finden (Analog zu dem Thema: Dünn-Dick und dazwischen).

    Eigentlich Mensch und Kultur spiegelt das Henne-Ei-Prinzip: Ohne Ei – keine Henne, ohne Henne – kein Ei. Wenn Sie über Bedingungen des Gehirn sprechen, irgendwie fällt aus Ihrem Blickfeld die Tatasache aus, dass die Kultur der sozialen Gruppe der Hominini bildete die gestaltende selektive Umwelt für die Gehirn-Evolution.Sie gestaltete ihn zu dem, was ihr Anforderungen entspricht, das wiederum lies sie weitersteigern und den gestaltenden/selektiven Druck auf Gehirn erhöhen.

    Zum anderem bietet Genetik nur leeres Gefäß hier, der von der Umwelt gefüllt wird, bis er allmählich von der Umwelt emanzipiert und selbst die Umwelt verändern beginnt.

  22. @Stephan Schleim

    Es bleibt in Artikel unerwähnt der wichtigster Faktor, der für die Schönheitswahn m. E. verantwortlich ist. Es ist die Angst alt zu werden, die Angst von Gesellschaft diskriminiert zu werden.
    erinnern sie an die Mode sich Augenbrauen völlig auszüpfen. Wenn ich jung war, hatte ich es nicht verstanden. Jetzt wenn mit der Alter die Augenbrauen “buschiger” werden sehe ich die Notwendigkeit eine Korrektur vorzunehmen. Wenn man vorstellt, dass die heranwachsende Tochter es mit dem Erwachsensein assoziieren beginnt, dann beginnt sie ihre Augenbrauen korrigieren ohne sichtbaren Grund. Auch ihre ästhetische Vorstellung wird dadurch beeinträchtigt. Es wird immer schmaler, bis es mit einem gemahlten Strich ersetzt wird.
    So ähnlich stelle ich mir die Schönheitswahn vor, wenn es hier sicher ein komplexerer Vorgang ist (da hier viele “Striche” zum Einsatz kommen). Dennoch zeigt es m. E. anschaulich wie das Angst alt zu werden auf junge Generation “überspringt” und dabei sich so “verkleidet”, dass die wahre Ursprung nicht erkennbar ist.

  23. @Irena: Beispiele

    Die Angst vorm Altern spielt natürlich eine Rolle, da hast du ganz recht. Die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung habe ich aber doch im Text angesprochen; im dritten Teil der Serie wird dies noch ausführlicher angesprochen werden.

    Meines Erachtens ist das eine Illusion, dass ausgerechnet die Teenager- und frühen 20er-Jahre die schönsten sind. Dafür sprechen auch die Zahlen zur psychischen Gesundheit, zum Wohlstand usw. Der Fehler scheint daher zu rühren, dass man Lebensglück eben mit oberflächlicher körperlicher Schönheit gleichsetzt.

    Wir sind heute Nacht durch ein paar Diskotheken gezogen und dort waren sehr viele Jüngere um uns herum. Irgendwie sehen die ja alle gut aus und ich habe schon den (wenn auch subjektiven) Eindruck gewonnen, dass Kleidung, Schmuck und Make-Up jetzt eine noch größere Rolle spielen als in meiner aktiveren Disko-Zeit – die jüngeren Männer tragen jetzt gerne auch wieder Hemd und Krawatte, wenn auch leger gebunden, und teilweise sogar glitzernde Ohrstecker auf beiden Seiten; die jüngeren Frauen zeigen noch mehr Beine, Brüste und Po. Da darf natürlich kein Gramm Fett zu viel sichtbar sein.

    In Groningen habe ich drei Jahre lang das soziale Experiment miterlebt, in der winzigen Stadt mit der drittgrößten Universität der Niederlande, also mit der größten Anzahl Studierender pro Kopf, zu wohnen. Da war man im Supermarkt manchmal schon mit über 25 der Älteste und ein paarmal haben mir sogar Leute ins Gesicht gesagt, ich sei ja schon zu alt.

    Ich habe mir dann die Bemerkung verkniffen, warum dann so viele von denen zum Psychologen rennen, weil sie so viel Angst haben oder gerne selbstbewusster wären.

    Wenn wir also dieser Illusion zum Opfer fallen, dass man nur in seiner Jugend schön und glücklich sein kann, dann sind wir eigentlich nie wirklich glücklich, sind wir im Gegenteil aber zahlende Kunden für die Fitness-, Kosmetik-, Psycho- und Wellnessindustrie.

    Man sollte meines Erachtens jede Lebensphase für ihre Besonderheiten schätzen. Ich bin beispielsweise ganz froh, nicht mehr diese emotionale Achterbahnfahrt der Teenager-Jahre mitmachen zu müssen; andererseits vermisse ich manchmal dieses Gefühl, einfach einmal Unsinn machen zu können, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

  24. To my face

    “… ich sei ja schon zu alt.”

    Das macht neugierig. Wozu genau seiest Du zu alt, haben die jungen Leute dir ins Gesicht gesagt? Und warum eigentlich empfanden sie es als angemessen, dich überhaupt so offensiv anzusprechen? Irgendetwas muß doch gewesen sein. Dass man gesieszt wird und an der Kasse mit seinem Gehfrei nach vorne rücken darf, dass kenne ich wohl. Währenddessen “Aber Herr Schleim, Sie sind doch zu alt für sowas!” – durchaus gerechtfertigt sein kann – ich will da nichts andeuten, wohlgemerkt.

  25. @Einkauf

    Es ging um Verabredungen, Dinge zusammen unternehmen usw.

    Das, was Sie “offensives Ansprechen” nennen, und was ich eher Unhöflichkeit nenne, verteidigten manche dort als Ehrlichkeit.

    Es gibt natürlich immer individuelle Unterschiede aber Sie können sich ja hier einmal einen Überblick über die Stereotypen der niederländischen Kultur verschaffen:

    You know you’re Dutch when…

    You don’t see any problem with telling your colleague her new haircut is ugly.

    Dat is toch maar eerlijk! 🙂

  26. Haarausfall

    Die Informationen über deinen Haarausfall fand ich äüßerst spannend und produktiv. In vielen Handlungen konnte ich mich selbst wiedererkennen, denn auch ich verstecke meinen lichten Ansatz seid Jahrzehnten unter einer Mütze. Im Sommer ernte ich daher ständig verstörte Blicke, was mich sehr belastet.

  27. Verstecken tu ich da nichts. Ist ja zwecklos und umständlich.

    In wie fern war das “produktiv”?

    (eher wohl informativ, oder?)

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