+++ Update: Meine Fakultät stoppt mit “Dozent des Jahres-Zirkus” +++

Endlich geht es um gute Lehre und Zusammenarbeit, nicht Wettbewerb und Konkurrenz!

Am 15. September erreichten mich die Glückwünsche, ich solle zum “Dozent des Jahres” nominiert werden. Am 16. September erklärte ich der Direktion meines Instituts für Psychologie in einer E-Mail, dass und warum ich hierfür nicht zur Verfügung stehe.

Für meine deutschen Leserinnen und Leser schrieb ich am 28. September über das Verfahren und meine Gründe für die Ablehnung (Dozent des Jahres?). Am 1. Oktober erklärte ich dann in unserer Universitätszeitung, warum für mich jede(r), der bzw. die so hart arbeitet, “Dozent(in) des Jahres” ist (EN/NL).

Am 6. Oktober erschien dort ein Artikel (EN/NL) über die Entscheidung meiner Fakultät (Verhaltens- und Sozialwissenschaften an der Universität Groningen), den Wettbewerb für den “Dozenten des Jahres” nicht mehr durchzuführen. Stattdessen sollten die an den Instituten (also u.a. Pädagogik, Psychologie und Soziologie) vorgeschlagenen guten Dozentinnen und Dozenten in einem gemeinsamen Gespräch erläutern, wie sie unterrichten. Ob man dafür das von der Verwaltung vorgegebene Wort “best practices” bemühen muss, lasse ich im Raum stehen.

Ein Kollege einer anderen Fakultät, der in der Vergangenheit schon “Dozent des Jahres” war, teilte mir kürzlich mit, seiner Fakultät dasselbe vorgeschlagen zu haben. Ferner soll zurzeit auch auf universitärer Ebene über ein alternatives Modell nachgedacht werden. Die Entscheidung stehe aber noch aus.

Zum Hintergrund: Der/die “Dozent(in) des Jahres” war ursprünglich dazu gedacht, der universitären Lehre mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Traditionell dreht sich an der Universität intern so gut wie alles um Forschung und so gut wie nichts um Lehre. Das äußert sich beispielsweise darin, dass Dozierende nicht im Dozieren ausgebildet werden und es kaum Karrieremöglichkeiten für gute Dozentinnen und Dozenten gibt. Das passt nicht zum Bildungsauftrag der Universitäten in einer Demokratie.

In der Praxis bewirkte der Wettbewerb wohl das Gegenteil: Die ohnehin schon gestressten Dozierenden mussten noch mehr arbeiten. Gemäß unklarer, oft willkürlich festgelegter Kriterien wurde man in einer Art Casting-Show zum “Dozenten des Jahres” der Fakultät, dann später der ganzen Universität gewählt. Möglicherweise ging es danach noch auf Landesebene bis hin zu “Mr. bzw. Miss Universe” weiter. Eine Eigenschaft solcher Wettbewerbe ist es, vor allem Verlierer zu produzieren. Und wer will schon einen Verliererwettbewerb gewinnen?

Ich freue mich sehr, dass inzwischen mehr Kolleginnen und Kollegen zum Ergebnis kommen, dass wir wesentlichere Aufgaben an den Universitäten haben, als an schlechten PR-Veranstaltungen teilzunehmen. In diesem Sinne: Danke für die Aufmerksamkeit und packen wir’s an!

Titelgrafik: morzaszum auf Pixabay.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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32 Kommentare

  1. @Stephan

    Dann darf man Dir schlussendlich wohl doch gratulieren. Mit Deinem begründeten ‘nee’ hast Du offensichtlich erfolgreich einen Prozess des Nach- und Umdenkens angestossen. Super!

    N.B. Vielleicht wirst Du ja jetzt noch irgendwo zum charakterlichen ‘Voorbeeld van het Jaar’ nominiert…

  2. “Casting-Show….vor allem Verlierer zu produzieren”
    Der fiese Charakter der Castingshows, die sich als “Mögederbestegewinnen-show”ausgeben.
    Wäre dem so, könnte ja positiv gewählt werden, wer weiter kommt, aber das ist nicht gewollt, man will diesen Effekt des Raushauens haben, als destruktive Machtausübung.

  3. @Stephan / “Mensch” sein

    Die Menschen unterscheiden sich gemeinhin doch sehr in ihrem charakterlichen Format. Und gewiss nicht jeder Mensch hätte unter vergleichbaren Umständen vergleichbar gehandelt. Das steht wohl ausser Frage.

    Dass Du eine positive Resonanz gefunden und anscheinend etwas in Richtung Vernunft in Bewegung gebracht hast, darüber sollten sich eigentlich alle Betroffenen freuen können, nicht nur Du allein.

  4. @Chrys: Individuum

    Jede(r) muss für sich selbst entscheiden, was das Richtige ist. Die Konsequenzen hat man dann nicht mehr selbst in der Hand.

    Interessant ist aber doch:

  5. Kleines Update

    Gestern erzählte mir ein junger Dozent, er sei von seinem Manager darauf angesprochen worden, er solle nicht so viel Zeit in seine Lehre investieren. Das würde bei den Erstsemestern die falschen Erwartungen wecken und dann würden die anderen Dozierenden Probleme bekommen.

    Und ein Student meinte in einem Gespräch: “Warum können wir nicht in eine Uni gehen, die… [denkt nach, dann spontan:] nicht Uni ist?” Das sagt doch schon sehr viel.

  6. @Chrys: und die Gesellschaft

    So lange die schweigende Mehrheit immer nur so weiter macht wie bisher, sind ein paar Abweichler nichts als ein Tropfen auf den heißen Stein.

  7. @Stephan / Individuum & Gemeinschaft

    Etwas grob vereinfachend gesagt, jedes halbwegs gereifte Individuum ist irgendwie in einer Gemeinschaft sozialisiert worden und hat dabei gewisse, für diese Gemeinschaft verbindliche normative Vorstellungen davon erworben, was `richtig’ ist. Mir ist klar, das ist ein weites Feld, aber insgesamt scheint es mir weniger ein Problem zu sein, dass die schweigende Mehrheit nicht wüsste, was in diesem Sinne `richtig’ ist, sondern dass sich so manches Individuum häufig trotzdem nicht daran hält. Speziell dann, wenn es einen persönlichen Vorteil mit sich bringt oder einfach nur bequem ist, sich nicht daran zu halten.

    Ein spektakulärer akademischer ‘nee’-Sager ist noch Grigori Perelman, wobei ich nicht weiss, wie vertraut Dir sein Fall ist. Perelman hat den CMI Millenium Prize für den Beweis der Poincaré Conjecture wie auch die Fields Medal zuerkannt bekommen und beides abgelehnt — unten auf der verlinkten Seite wird er mit einer Begründung dafür zitiert:

    I do not like their decision, I consider it unfair. I consider that the American mathematician Hamilton’s contribution to the solution of the problem is no less than mine.

    Kannst Du so eine Haltung nachvollziehen? (Ich vermute mal ja.)

  8. @Chrys: Grigori Yakovlevich Perelman

    Danke für den Hinweis. Ich verfolge Entwicklungen in der Mathematik nicht so mit.

    Da hat also jemand Professuren an den Top-Universitäten der USA und ein Preisgeld in Höhe von $1.000.000 abgelehnt. Jetzt stellst du die Frage, ob ich das nachvollziehen kann.

    In Perelmans Biographie sticht erst einmal seine jüdische Herkunft hervor; es heißt, dass er darum in Russland schlechtere Chancen hatte und einflussreiche Persönlichkeiten von oben intervenieren mussten, um ihm eine gute Stelle zu besorgen…

    …das erklärt aber nicht seine Ablehnung der Angebote aus den USA, wo ja auch nicht wenige vor den Nazis geflohene Wissenschaftler Karriere machten (u.a. Albert Einstein). Dann ist davon die Rede, seine Ablehnung des Establishments könne mit wahrgenommenen ethischen Problemen in der Mathematikwelt zu tun haben.

    So kommen meine Gedanken auf Adornos (übrigens im amerikanischen Exil geschriebenes) geflügelte Wort

    Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

    Im selben Aufsatz steht auch:

    Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen.

    Wenn man es realistisch sieht, dann liegt dieser Gesellschaftsform nicht viel am moralischen Verhalten; denn sonst hätten z.B. nicht so viele Ex-Nazis (u.a. in der Justiz und Politik) Karriere gemacht. Aufklärer wie der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968) waren eher die Ausnahme.

    In diesem Zusammenhang sei auch einmal an die interessanten Versuche des amerikanischen Philosophen Eric Schwitzgebel erinnert, dass sich selbst Ethik-Professoren nicht viel moralischer zu verhalten scheinen als der Rest der Menschheit; die passen sich eben ins System ein und publizieren brav Fachaufsätze in Ethikzeitschriften, die nur für ihre Kollegen relevant sind (dazu übrigens in Kürze ein interessantes Interview).

    Wenn man in dieser Gesellschaftsform mehr moralisches Verhalten wollte, dann müsste man es belohnen; belohnt wird aber meiner Erfahrung nach Konformität und vielleicht sogar Egoismus. Wenn man aber moralisches Feingefühl hat und sich aus Geld wenig macht, wieso sollte man dann $1.000.000 akzeptieren, anstatt beispielsweise Pilze im Wald zu pflücken?

  9. @Chrys: Widerstand

    Lassen wir Fritz Bauer zu Wort kommen:

    Der deutsche Soldat, der sich weigerte, aus Rechts- und Gewissensgründen an dem ungerechten Krieg Hitlers teilzunehmen, hat rechtmäßig gehandelt. Der Bundesgerichtshof hat jedoch die Rechtmäßigkeit seines Widerstands mit der Begründung bestritten, bei der Beurteilung einer Widerstandshandlung seien ihre Erfolgsaussichten zu berücksichtigen. (S. 252)

    Ein gegen eine bestehende Unrechtsherrschaft geleisteter Widerstand kann nur dann als sinnvoll und demgemäß eine diesen Widerstand ahndende staatliche Maßnahme nur dann als Unrecht im Rechtssinne angesehen werden, wenn die Widerstandshandlung nach ihrer Art und ihrem Gewicht wenigstens eine gewisse Aussicht bietet, in bezug auf übel der bestehenden Unrechtsherrschaft eine wirkliche Wende zum Besseren herbeizuführen. (S. 260)

    Und etwas später ein schönes Zitat Albert Einsteins:

    Es ist eine uralte Frage: Wie soll sich der Mensch verhalten, wenn der Staat ihm Handlungen vorschreibt, die Gesellschaft von ihm eine Haltung erwartet, die das eigene Gewissen als unrecht verwirft?
    Die Antwort liegt nahe: Du bist völlig abhängig von der Gesellschaft, in der du lebst. Du mußt dich deshalb ihren Vorschriften unterwerfen. Du kannst nicht für solche Handlungen verantwortlich gemacht werden, die unter unwiderstehlichem Zwange zustande kommen.
    Man braucht dies nur deutlich auszusprechen, um zu bemerken, wie sehr eine solche Auffassung dem normalen Rechtsgefühl widerstreitet. Äußerer Zwang kann die Verantwortung des Individuums in gewissem Sinne mildern, aber nicht aufheben. […]
    Was an Institutionen, Gesetzen und Sitten moralisch wertvoll ist, stammt aus den Äußerungen des Rechtsgefühls zahlloser Individuen. Einrichtungen sind im moralischen Sinn ohnmächtig, wenn sie nicht durch das Verantwortungsgefühl lebendiger Individuen gestützt und getragen werden. (S. 271-272)

    aus: Bauer, Fritz (1965). Widerstand gegen die Staatsgewalt: Dokumente der Jahrtausende. Frankfurt: Fischer.

    Tja – und wie ergeht es denjenigen, die Gesetzesverstöße oder gar Kriegsverbrechen aufdecken? Und denjenigen, die sie begangen haben? Im Jahr 2020?

  10. Sind es nicht die ständigen Fragen der Autonomie und Autarkie, die wir im Geflecht der Abhängigkeiten -noch-nicht und trotzdem als soziale Wesen gelöst haben?

  11. @Stephan Schleim
    Unterhaltung ja, aber nur in einem sehr negativen Ausschnitt.
    Unterhaltung kann ja sehr unterschiedlich ausfallen- wenn man mal Attitüden wegläßt, die in letzter Zeit wieder stärker werden, die Unterhaltung an sich als etwas Anrüchiges betrachten, kann U. auch sehr niveauvoll sein, und alles dazwischen.
    Castingshows wollen da den miesen Teil bedienen, außerdem sind sie viel billiger zu produzieren als etwa gute Krimis. Quoten werden da übrigens nur vorgeschoben, es ist längst bewiesen, daß ähnliche Quoten auch mit Niveau zu erzielen wären.

  12. @Vom Dozent des Jahres zum Kriegsverbrechen

    Unrechtssystemen mit kalkuliertem Ungehorsam zu begegnen ist vielleicht auch grundsätzlich anzuraten. Das muss sich ja gar nicht auf das ganze System beziehen. Wenn z.B. Beamte des Bauordnungsamtes streng nach Vorschrift vorgehen, auch wenn die angeordnete Maßnahme im konkreten Einzelfall offensichtlich unsinnig ist, dann kann man hier fragen, wieso hier die jeweilige Person nicht einfach selbst im Sinne von offensichtlicher Vernunft entscheidet, und hier Vorschriften, die im konkreten Fall nicht funktionieren, einfach ignoriert.

    In einem Spielfilm ist ein Erschießungskommando zusammen mit dem Delinquenten in einem Jeep unterwegs, und gerät in einen Luftangriff. Die Soldaten nutzen die Gelegenheit um den Verurteilten zur Flucht aufzufordern, weil sie wissen, dass das Urteil Unrecht war, und lösen das Problem mit Mut und Kreativität. So wünscht man sich den Menschen.

    In dem Beispiel geht es um Leben und Tod, aber auch die Maskenpflicht kann nerven. Ich steh an der Straßenbahnhaltestelle, es ist windig und die Sonne scheint, der nächste Wartende steht 10 Meter weiter, und ich muss mir doch schon die Maske aufsetzen. Infektionsmäßig komplett überflüssig, aber ich muss mich vorsehen, dass da kein Ordnungsamt mich ohne Maske erwischt. Von kompetenten Ordnungskräften würde ich mir wünschen, dass die bei Vergehen, die der Sache nach keine sind, auch nicht aktiv werden.

    Eine Eigenverantwortung, sich vernünftig zu verhalten, sollte einen wesentlich größeren Stellenwert haben, und im Einzelfall über Vorschriften stehen, wenn diese offenbar unvollständig sind, indem sie ihren Zweck in manchen Situationen eben nicht erfüllen.

    Was die übermäßige Konkurrenz an Schulen und Universitäten angeht, so haben wir hier auch einen eklatanten Systemfehler, den man gerne mit Ungehorsam unterlaufen sollte, soweit das möglich ist. Finde ich.

    Die Menschen lernen, forschen und lehren offenbar am besten, wenn sie von den Inhalten begeistert sind, und die Möglichkeit haben, ihrer neugierigen Intuition nachzugehen. Posten- und Mittelgeschacher hilft da wenig, macht mehr Frust als Lust und raubt einfach viel mehr Zeit, als was es als Ansporn zur Leistung leisten kann.

  13. An der Universität Padeborn wird in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften ein Preis für gute Lehre vergeben, bei der Auswahl sind insbesondere auch die Fachschaften mit beteiligt

    https://wiwi.uni-paderborn.de/studienorganisation/beratung-und-begleitung/lehrpreis/

    Das finde ich vom Ansatz besser, da die Kritierein relativ eindeutig sind und im Prinzip die Studenten bzw die Fachschaften das mit beurteilen, die ja letztendlich Vorlesungen von den Dozenten gehört haben.

  14. @Stephan / Moralische Prinzipien und Preise

    Wenn wir die Perspektive erweitern — über den Rahmen von Fragen zur Ethik im akademischen Bereich hinaus — finden wir uns rasch in einem Minenfeld von Dilemmata wieder, wo es keine einfachen Rezepte mehr gibt zur Beantwortung der (im Sinne von Kant gestellten) Frage “Was soll ich tun?

    Bleiben wir nur mal bei den Preisen und Auszeichnungen. Hätte Barack Obama die Ehrung mit dem Friedensnobelpreis 2009 zurückweisen sollen? Mein Eindruck war, dass es ihn selbst eher in Verlegenheit gebracht hat, als Preisträger nominiert worden zu sein. Mit einer Verweigerung hätte er jedoch gewiss das Preiskomitee brüskiert, das mit der Nominierung, so muss man wohl annehmen, mehr eine in Obama gesetzte Hoffnung als eine Anerkennung seiner Verdienste zum Ausdruck bringen wollte. So ist das mit dem Preis aber eigentlich nicht gedacht, und so war die Nominierung auch nicht offiziell begründet worden.

    Wenn das Komitee aber schon deutliche Akzente setzen will und wirklich Courage hätte, dann sollten sie Edward Snowden nominieren. Sich gegebenenfalls ernsthaft mit den Amerikanern anzulegen, dazu fehlt dem Komitee vielleicht dann aber doch das erforderliche Format. Mit eben jenen Amerikanern, die Abraham Lincoln als einen ihrer bedeutendsten Präsidenten feiern und ihn lobpreisen für seine Prinzipien wie dieses:

    The probability that we may fall in the struggle ought not to deter us from the support of a cause we believe to be just; it shall not deter me.

    Doch trifft nicht gerade das genau auch auf Snowden zu? Und wie hätte sich Obama folglich in dieser Angelegenheit positionieren sollen? Ich zitiere Snowden hier gerade noch mal nach Glenn Greenwald (No Place to Hide, Penguin Books, 2014):

    “What keeps a person passive and compliant,” he [Snowden] explained, “is fear of repercussions, but once you let go of your attachment to things that don’t ultimately matter—money, career, physical safety—you can overcome that fear.”

    Sollte man den Nobelpreis-Zirkus vielleicht besser ganz abschaffen? Oder was sollte getan werden, um die Verleihung vielleicht wieder mehr im ursprünglichen Sinne von Nobel zu gestalten? Denn davon scheint man sich inzwischen bisweilen sehr weit entfernt zu haben. Fregwürdigkeiten gab es da in der Vergangenheit doch in beträchtlicher Zahl, nicht nur beim Friedenspreis.

  15. @Christoph: Wahlverfahren

    Man kann sicher bessere und schlechtere Verfahren zur Wahl des “Dozenten des Jahres” voneinander unterscheiden. Dass Studierende mitentscheiden, halte ich für selbstverständlich. Das ist dann aber wiederum ein Anreiz für die Dozierenden, in den Kursen eine “feel-good Atmosphäre” zu verbreiten und die Klausuren nicht zu schwer zu machen. Ist das Sinn des Unistudiums?

    Eine Bekannte aus Amsterdam erzählte mir, dass dort in Jura schlicht unter allen Studierenden gewählt wurde. Der Haken an der Sache: Im ersten Jahr waren hunderte mehr Studierende als danach (Abbrecher). Wer also nur relativ kleine Masterfächer gab und keine Einführungsvorlesung im ersten Jahr, dessen Chancen waren so gut wie null.

    Alles in allem… Was soll das Ganze? Was fügt der “Dozent des Jahres” zu? Haben wir keine wichtigeren Aufgaben?!

  16. @Chrys: Nobelpreise & Alternativen

    Gute Gedanken. Oder wie wäre es mit diesem australischen Wutmann, der im Gefängnis in London auf seine Auslieferung in die USA wartet, weil er Kriegsverbrechen aufgedeckt hat?

    Ich kenne mich mit den Strukturen der Nobel-Komitees nicht so gut aus. Auch dort wird mit Sicherheit Politik eine Rolle spielen. Und wie ist das eigentlich mit Korruption? Letztes Jahr wurde beispielsweise der Literaturpreis wegen sexueller Übergriffe nicht vergeben. Geht es hier ehrlicher zu als z.B. bei der Vergabe der Fußball-WM in der FIFA?

    Oder was sollte getan werden, um die Verleihung vielleicht wieder mehr im ursprünglichen Sinne von Nobel zu gestalten?

    Man könnte zum Beispiel den gefaketen Preis für die Wirtschaftswissenschaften wieder herausschmeißen, denn dieser war von Alfred Nobel nicht vorgesehen. Da sieht man, was man mit der geeigneten PR alles bewirken kann.

    Und ja: Man müsste diejenigen, die sich für Recht und Frieden einsetzen, konsequent belohnen; und diejenigen, die Krieg und Verbrechen fördern, konsequent bestrafen. Das ist im Grunde einfache behavioristische Psychologie.

  17. @Jeckenburger: Alltagspsychologie

    In der Schule wurde z.B. ehrfürchtig Kant zitiert, über den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, aber im Alltag kann das eben eher unbequem sein, wenn sich zu viele Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen Gedanken machen und dann vielleicht auch zu ihren eigenen Antworten kommen.

  18. @DH: Medien

    In gewisser Weise haben wir die Medien, die wir verdienen (denn wir bzw. Mehrheiten konsumieren wir sie); ebenso haben wir die Politiker, die wir verdienen (denn wir bzw. Mehrheiten wählen sie).

  19. @Mussi: Autonomie…

    …heißt wörtlich ja das sich selbst gegebene bzw. eigene Gesetz, im Gegensatz zur Heteronomie, d.h. dem fremdgegebenen Gesetz.

    Um genau dieses Spannungsfeld geht es hier.

  20. @Stephan / Julian Assange

    Ja genau. Assange ist auch so ein Fall, wobei zudem auch Europäer involviert sind, die doch sonst bei jeder Gelegenheit immer so stolz von ihren Werten reden. Ich habe dazu gerade noch bei The Intercept einen Artikel vom 6 Oktober 2020 gefunden, The Illegal Campaign to Eliminate Julian Assange.

    Übrigens ist der schon genannte Glenn Greenwald auch einer der Betreiber von The Intercept.

  21. @Schleim
    Das/der/die Fremde ist in der Regel ja auch autonom. Da gilt es ab- nicht zu bestimmen.

  22. @Schleim
    Es gibt durchaus die Neigung,das eigentlich ‘freie’ Spiel der Kooperation kontrollieren zu wollen { s. China}.
    Liberalismus hat aus Natur Kooperation kultiviert.
    Dieses Spannungsverhältnis zwischen innen und außen gilt es zukünftig pro nicht nur Selbsterhaltung zu nutzen,sondern pro Wiedererholung der Wildnis {Schutzgebiete}.

  23. Was? Aussange wird “Kriegsverbrechen” vorgeworfen?
    Das wäre ja ein einzigartiger Präzedenzfall.

  24. @Stephan Schleim
    “Wir” ist immer so eine Sache.
    Weil Viele nur Müll konsumieren, muß man sich da nicht auf eine Stufe stellen und darf höhere Ansprüche stellen.
    Das Problem ist, daß zunehmend der niveaulose Teil der Bevölkerung bedient wird. Gäbe es für alle was, könnte man damit leben, war auch früher schon so.
    Es gibt auch heute noch Niveau, aber man kann irgendwie immer die Uhr danach stellen, bis es verflacht oder gecancelt wird, weil sich irgendwer beleidigt fühlt, oder weil “die Zielgruppe nicht erreicht wird”. Oder einfach so.

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