Sorgt euch nicht! Wie Zukunftsforscher die Gegenwart verklären

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
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Schon mal etwas von Krise gehört? Kein Grund zur Sorge, wenn es nach gegenwärtigen Zukunftsforschern geht. Einfach so weitermachen und alles wird gut. Den jungen Menschen heute gehe es sogar viel besser, wofür das Beispiel Studierende herhalten muss. Ist dieses Zukunftsbild so logisch, wie es süß ist?

Sorgt euch nicht! Das scheint die zentrale Botschaft mancher Bevölkerungs- und Zukunftsforscher zu sein. So legte beispielsweise Reinhold Popp, Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien der Fachhochschule Salzburg, in seinem Vortrag auf den diesjährigen Berliner Psychiatrietagen dar, dass uns beispielsweise der demographische Wandel nicht zu beunruhigen brauche:

Der individuelle wie kollektive Zeitwohlstand werde steigen, wir würden auch bei steigendem Rentenalter nur ca. zehn Prozent Lebenszeit im Beruf verbringen (73.000 Stunden Arbeitszeit von ca. 730.000 Stunden Lebenszeit), ein Generationenkonflikt sei nicht in Sicht, das Rentensystem breche nicht zusammen und schließlich solle man nicht von „Überalterung“ sprechen. Als eine notwendige Bedingung für eine soziale Marktwirtschaft sah er allerdings Wirtschaftswachstum an.

In ähnlicher Weise hat nun James Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock, in einem Interview für Zeit Campus eine rosige Zukunft gemalt. Im Mittel würden die jüngeren Menschen länger leben, fünfzehn Jahre länger als er, sie würden aufgrund der steigenden Produktivität weniger arbeiten müssen und im Übrigen werde die Medizin schon dafür sorgen, dass wir diese Zeit auch genießen können. Auch er verweist auf die zehn Prozent Lebensarbeitszeit und das Risiko eines geringeren Weltwirtschaftswachstums. Die Botschaft: Macht euch keine Gedanken, euch geht es besser, als ihr denkt. Er beneidet sogar die Studierenden von heute.

Auf die Gläubigen wartet ein Himmel

Beide Zukunftsforscher, die sich auf Fotos frappierend ähnlich sehen – optimistisch strahlende gemachte Männer mit weißem Haar – verkaufen hier eine Heilslehre der Gegenwart, eine Religion des Bestehenden, kurzum, just die Systeme, in denen sie es an die Spitze geschafft haben. Dass sie Privilegien nutzen konnten, die den jüngeren Menschen hierzulande nicht mehr zur Verfügung stehen und die die meisten Menschen auf der Welt nie genießen konnten, das erwähnen sie mit keinem Wort. Seitdem diese Professoren ihren Studienabschluss erworben haben, hat sich an den Hochschulen viel verändert. Diese ehemaligen Bildungseinrichtungen sind jetzt betriebswirtschaftlich strukturierte Unternehmen mit Corporate Identity, Business Plan und Zwang zur Outputmaximierung in einem wettbewerbsorientierten System.

Studierende, die sich heute einschreiben, werden mit einem Verfallsdatum versehen: die Zeit, in der sie ihren Bachelor machen müssen. Womöglich wurde schon an ihrer Schulzeit gespart, ihr Abitur zum Ausüben größerer Kontrolle zentralisiert, im Studium wird jede ihrer Aktivitäten mit Credit Points versehen, jede Note fürs Endzeugnis gespeichert. In den Genuss vieler Studiengänge, insbesondere der Masterabschlüsse, kommt man nur durch wettbewerbsorientierte Bewerbungen.

Was zählt, das ist nicht der Entwicklungsprozess oder Bildung, sondern der Notendurchschnitt. Praktika, Auslandssemester und Ehrenamt sind keine Selbstzwecke für ein sinnvolles Leben, sondern Anforderungen, die man im Lebenslauf abhaken muss – denn die Konkurrenten könnten einen ja sonst ausbooten. Anpassungsdruck wird als Flexibilität angepriesen, der Weg zu einer sicheren Zukunft ist lang und steinig, wenn er denn überhaupt zum Ziel führt. Wer von ihm abkommt, der möge sich bitte selbst helfen, aber nicht zu viel Hilfe vom Staat erwarten.

Gewinn statt Gerechtigkeit

Diese Zukunftsforscher verkennen, dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wettbewerbs- und gewinnorientiert, nicht auf Gerechtigkeit und Ausgleich ausgerichtet ist. Es fördert in weiten Teilen eine Bereicherung des Nordwestens auf Kosten des Südostens, der Älteren auf Kosten der Jüngeren, der Männer auf Kosten der Frauen. Machtmenschen haben ein primäres Interesse, nämlich ihre Macht zu vermehren; und diese Menschen kommen im derzeitigen System weit nach oben.

Denn wer schon nach der nächsten und übernächsten Gesetzeslücke sucht, während Politiker damit beschäftigt sind, eine Lücke zu schließen (Beispiele Finanzdienstleistungen, Steueroasen), wer keine Rücksicht auf Nachhaltigkeit nimmt und akzeptiert, dass andere seine Zeche bezahlen (Beispiele Derivatenhandel, Atomwirtschaft), wer auch keine Skrupel davor hat, ganze Volkswirtschaften zum eigenen Nutzen gegeneinander auszuspielen (Beispiel irische Steuerfreiheit für Apple Computers), der wird nämlich in diesem System reich belohnt.

Das Paradies nach Lucas Cranach dem Älteren (ca. 1475-1553)

Wer einmal so weit gekommen ist, dass er auch die Ressourcen anderer zur eigenen Machtvermehrung einsetzen kann, wird in der nächsten Runde des Wettbewerbs mit besseren Startbedingungen anfangen und daher eine größere Gewinnchance haben. Er wird über Berater verfügen, die ihn mit wichtigen Informationen versorgen, oder sogar Lobbyverbände haben, die auf die Verbesserung der Regeln (Gesetze, Vereinbarungen) im eigenen Sinn hinwirken.

Nach einigen Spielrunden wird er gegenüber anderen einen derartigen Vorteil haben, dass Gewinner und Verlierer schon vor dem Startschuss feststehen. Das Privileg, ein Gewinner, beziehungsweise das Stigma, ein Verlierer zu sein, wird dann über lokale Begebenheiten und Gesetze (Beispiel Erbrecht) festgelegt. So kommt es, dass einige nur noch Macht und Geld verwalten müssen, weil andere auf Lohnarbeit unter unsichereren Bedingungen angewiesen sind. Das freie Stück Kuchen, um das alle zu gleichen Chancen spielen, wird immer kleiner. Dennoch, die Zukunftsforscher versprechen: Bitte beschwert euch nicht, schon morgen wird es euch besser gehen.

Wachstum nicht gleich Wohlstand

Es wäre denkbar, den wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt zum Wohl der Menschen einzusetzen. Den Vorschlag, Produktivitätsgewinne weniger in Produktivitätssteigerung zu investieren und stattdessen Menschen weniger arbeiten zu lassen, machte schon der Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell in seinem Aufsatz „Lob des Müßiggangs“ vor gut achtzig Jahren (Mind-Doping für alle?). In einem gewinn- und konkurrenzbasierten System, in dem zwei Arbeitnehmer mit halber Zeit teurer sind als einer, wird sich dieses Modell aber nicht durchsetzen; und es hat sich bis heute auch nicht durchgesetzt. Russell selbst plädierte für einen Vier-Stunden-Tag, der den Menschen viel Zeit für Politik, Kultur oder Kunst bieten würde. Die Zukunftsforscher scheinen die Geschichte nicht so gut zu kennen.

Auch der Verweis auf das Wirtschaftswachstum ist trügerisch. So ist die Wirtschaft in Deutschland seit 1850 beinahe jedes Jahr gewachsen, nicht jedoch der verteilte Wohlstand. Man kann sich sogar fragen, ob Krisen nicht trotz, sondern gerade wegen des Wirtschaftswachstums geschehen, weil eben nicht nachhaltige soziale, sondern kurzfristige egoistische Ziele gefördert werden. An absolutem Wohlstand herrscht kein Mangel; nur an dem Zugang zu ihm fehlt es vielen, sogar an den gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten, denn am Eingang von immer mehr Einrichtungen (Stichwort Privatisierung) ist eine kostenpflichtige Eintrittskarte zu lösen.

Lasst euch nicht vertrösten

Selbst wenn es stimmt, dass die Studenten von heute im Mittel länger leben werden als ihre Professoren, so ist damit nicht die politische Frage des Zusammenlebens gelöst. Beim Leben zählt ferner nicht nur die Quantität, sondern in entscheidendem Maße auch die Qualität. Einfach nur daraufhin arbeiten, dass es schon besser oder wenigstens nicht viel schlimmer kommen wird, wie es die Zukunftsforscher nahelegen, ist nur in einem auf das soziale und Nachhaltigkeit ausgelegten System sinnvoll, denn dort profitiert jeder vom Wachstum. In unserer Gegenwart halten aber viele Menschen ein dem entgegenstehendes System am Laufen, um sich, mit dem Ökonomen Alexander Dill gesprochen, ein grundloses Bedingungseinkommen zu sichern. Viele wurden in diese Rolle geboren oder erzogen; eine allgemeine Verständigung über die Regeln findet nicht statt.

Deshalb ist es schon ein starkes Stück, wie diese Zukunftsforscher den nachwachsenden Generationen die Anpassung an das bestehende System versüßen. Wenn diese Menschen schon heute nicht gerecht behandelt werden, warum soll es ihnen dann in Zukunft besser ergehen? Macht verzichtet selten auf Macht. Die Zukunft beginnt schon heute und wer Gerechtigkeit für morgen verspricht, der sollte heute wenigstens dazu bereit sein, die Weichen dafür zu stellen. An einen Jungbrunnen haben schon viele geglaubt, um dann doch früh zu sterben; und wenn selbst ein langes Leben wartet, dann ist damit noch nicht gesagt, dass es kein langes Leiden wird.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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66 Kommentare

  1. Der

    Auch der Verweis auf das Wirtschaftswachstum ist trügerisch. So ist die Wirtschaft in Deutschland seit 1850 beinahe jedes Jahr gewachsen, nicht jedoch der verteilte Wohlstand.

    …ist vielleicht nur jedes zweite Jahr gewachsen.

    Ansonsten spricht mittlerweile nichts gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, um den Sozialapparat wegzuhauen, aber auch um Mindeststandards zu setzen (die sich ohnehin über Lohnuntergrenzen und Hartz-Sätze abzeichnen).

    Der Zukunftsforscher sei an dieser Stelle gelobt, weil er die Zukunft im Auge hat, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

    Wichtich auch Ochlokratien, der allgemeinen Verblödung und ungünstigen Systemwechseln vorzubeugen, die sich auf Grund antiselektiver Einwanderung androhen.

    MFG
    Dr. W (der gerne als erster kommentiert, wenn der Artikel gu-ut ist)

  2. Frappierend

    “Beide Zukunftsforscher, die sich auf Fotos frappierend ähnlich sehen – optimistisch strahlende gemachte Männer mit weißem Haar – verkaufen hier eine Heilslehre der Gegenwart”

    Oha, hier wird ein Strohmann aufgebaut.

    In der Realität, die Herr Schleim wohl nicht sehen will, sieht es so aus, dass der Produktivitätszuwachs durchaus in der Lage wäre, die zukünftigen demografischen Verschiebungen problemlos zu meistern.

    Naja, Realität ist für manche Menschen etwas ärgerliches, was man am besten verdrängt, nicht wahr, Herr Schleim????

  3. Wohin führt die Treppe?

    Die Wahrnehmung der Zukunft wird durch das Erleben und die Interpretation der Gegenwart bestimmt.
    Momentan gibt es bei vielen eine grosse Ungewissheit und die Krise der Gegenwart wird zur Krise der Zukunft, denn es fehlen die Orientierungspunkte.

    Entscheidend für die Zukunftssicht sind tatsächlich die Zukunftspläne. Und die waren bis jetzt immer relativ schlicht – mehr Wohlstand, mehr Wohnraum, mehr Reisen, mehr Gespräche (?)(wohl eher nicht).

    Auch der bekannte Ökonom John Maynard Keynes hat sich im Essay Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder mit dem Verhältnis Gegenwart/Zukunft beschäftigt und (Zitat)“[bewegt sich] auf Schwingen in die Zukunft”
    Und dabei macht er die wichtige Unterscheidung zwischen notwendig zu erfüllenden materiellen Bedürfnissen und dem Streben nach Überlegenheit und einer herausragenden Stellung. Das zweite ist nicht materiell notwendig, wird aber von vielen angestrebt.
    “Wir wollen einmal unterstellen, dass es uns allen von heute an in hundert Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht im Durchschnitt achtmal besser geht als heute. Dies bräuchte uns ganz gewiss nicht zu überraschen.
    Nun ist es wahr, dass die Bedürfnisse der Menschen unersättlich zu sein scheinen. Aber sie zerfallen in zwei Klassen: solche Bedürfnisse, die absolut in dem Sinne sind, dass wir sie fühlen, wie auch immer die Situation unserer Mitmenschen sein mag, und solche, die relativ in dem Sinne sind, dass wir sie nur fühlen, wenn ihre Befriedigung uns über unsere Mitmenschen erhebt, uns ein Gefühl der Überlegenheit gibt. Bedürfnisse der zweiten Klasse, also solche, die das Verlangen nach Überlegenheit befriedigen, mögen in der Tat unersättlich sein; je höher das allgemeine Niveau, desto höher sind sie.
    Aber dies gilt nicht in gleicher Weise für die absoluten Bedürfnisse. Es mag bald ein Punkt erreicht sein, vielleicht viel eher, als wir uns alle bewusst sind, an dem diese Bedürfnisse in dem Sinne befriedigt sind, dass wir es vorziehen, unsere weiteren Kräfte nicht-wirtschaftlichen Zwecken zuwidmen”

    Und hier wies weitergeht:
    “Unter der Annahme, dass keine bedeutenden Kriege und keine erhebliche Bevölkerungsvermehrung mehr stattfinden, komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte, oder mindestens kurz vor der Lösung stehen wird. Dies bedeutet, dass das wirtschaftliche Problem wenn wir in die Zukunft sehen nicht das beständige Problem der Menschheit ist.”

    Zum Schluss:
    “Die Geschwindigkeit, mit der wir unserem Ziel der wirtschaftlichen Seligkeit näherkommen, wird von vier Dingen bestimmt werden unserer Macht, das Bevölkerungswachstum zu regulieren; unserer Entschlossenheit, Kriege und Auseinandersetzungen im Inneren zu vermeiden; unserer Bereitschaft, der Wissenschaft die Lenkung jener Dinge anzuvertrauen, die das eigentliche Gebiet der Wissenschaft sind; und der Akkumulationsrate, die sich aus der Spanne zwischen unserer Produktion und unserem Konsum ergibt; wobei sich dies letzte leicht von selbst regeln wird, wenn die drei ersten gegeben sind.
    Unterdessen kann es nicht schaden, sachte Vorbereitungen für unsere Bestimmung zu treffen, indem sowohl die Lebenskunst als auch die zweckdienlichen Aktivitäten unterstützt und ausprobiert werden. Vor allem aber lasst uns die Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe nicht überbewerten oder ihren vermeintlichen Notwendigkeiten andere Dinge von größerer und beständigerer Bedeutung opfern. Sie sollte eine Sache für Spezialisten werden, wie Zahnheilkunde.”

  4. Keyeshat

    Auch der bekannte Ökonom John Maynard Keyeshat sich im Essay Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder mit dem Verhältnis Gegenwart/Zukunft beschäftigt und (Zitat)”[bewegt sich] auf Schwingen in die Zukunft”

    Wobei der keinen E-Kinder hatte und wobei man das nicht anmerken darf,
    ansonsten schon ein nettes Beispiel dafür wer sich mit wem beschäftigt in der Wirtschaftslehre {1],
    SCNR,
    Dr. W (der sich nun gerne ausklinkt, danke es war schön)

    [1] Ischt also eher soft, wobei der Schreibär dieser Zeilen wiederum im soften Bereich sich Bemühende, die sich als ‘soft’ erklären, hochschätzt (ohne Dr. S hier direkt zu erwähnen)

  5. @Webbär: Zukunft

    Der Zukunftsforscher sei an dieser Stelle gelobt, weil er die Zukunft im Auge hat, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

    Das schon – aber was macht er dann? Erzählt den jungen Menschen, sich nicht über ihre Zukunft den Kopf zu zerbrechen.

    Wichtich auch Ochlokratien, der allgemeinen Verblödung und ungünstigen Systemwechseln vorzubeugen…

    Die allgemeine Verblödung nennt man Werbung und die ist wichtiger Bestandteil dieses Systems, in dem es im Interesse des Wachstums um Bedürfnisse nach Gütern geht, die eigentlich kein Mensch braucht.

    In Griechenland zeichnet sich übrigens nicht unbedingt die Herrschaft des Pöbels ab, sondern wird von einer radikalen Partei im Parlament Hitler als Vorbild erwähnt und jeder, der dann einen Nazivergleich anstellt, mit Klagen überzogen.

  6. Einseitigkeit

    “kurzum, just die Systeme, in denen sie es an die Spitze geschafft haben. Dass sie Privilegien nutzen konnten, die den jüngeren Menschen hierzulande nicht mehr zur Verfügung stehen …”

    Volltreffer.
    Eine Denkweise , wie sie in den “Eliten” massenweise anzutreffen ist , viele von diesen “Erfolgsmenschen” verwechseln günstige Startbedingungen mit eigener Leistungskraft.

  7. Hört auf mit Jammern!

    Ganz kurz dachte ich, das wäre jetzt der zweite Weltuntergangsblog hier bei SciLogs…

    Lars Fischer ist aber deutlich lustiger als Sie 🙂

    Aber zum Thema:

    “dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wettbewerbs- und gewinnorientiert, nicht auf Gerechtigkeit und Ausgleich ausgerichtet ist.”

    Das ist aber sehr undifferenziert. Was ist mit Meinungsfreiheit, Körperlicher Unversehrtheit, Frauenwahlrecht, Abschaffung Sklaverei, Religionsfreiheit Menschenwürde…

    Ihre Aussage ist ein pessimistischer Rückblick, der Fortschritte ausblendet. Ich kenne zwar auch nicht die Zukunft, aber wenn ich 100 Jahre zurück schaue und dann nochmal 100 Jahre usw. kann ich sehr wohl Verbesserungen erkennen.

    Ich finde auch nicht alles toll was heute so passiert, aber ich sehe optimistisch in die Zukunft. Gute Themen sind zum Beispiel das Bedingungslose Grundeinkommen, ein stark vereinfachtes Steuersystem und eLearning für die Universität. Meine Prognose: Der nächste Megatrend heißt “Entbürokratisierung”. Haben aber die meisten Zukunftsforscher noch nicht auf dem Radar.

    “der Älteren auf Kosten der Jüngeren, der Männer auf Kosten der Frauen.”

    Also doch Weltuntergang… Warum hier innergesellschaftliche Feindbilder aufbauen?

    “So kommt es, dass einige nur noch Macht und Geld verwalten müssen, weil andere auf Lohnarbeit unter unsichereren Bedingungen angewiesen sind.”

    Sie hören sich an wie Marx.

    “Macht verzichtet selten auf Macht. Die Zukunft beginnt schon heute und wer Gerechtigkeit für morgen verspricht, der sollte heute wenigstens dazu bereit sein, die Weichen dafür zu stellen.”

    Warum fangen Sie nicht an Weichen zu stellen? Statt hier den Precht zu machen und alte, abgestandene Vorurteile neu zu verrühren? Machen Sie doch die härteste Bewegung ihres Lebens: Den Hintern von der Couch hochzukriegen.

  8. Goldammer: Hört auf mit der Verklärung!

    Das ist aber sehr undifferenziert. Was ist mit Meinungsfreiheit, Körperlicher Unversehrtheit, Frauenwahlrecht, Abschaffung Sklaverei, Religionsfreiheit Menschenwürde…

    Viele Partizipationsrechte sind zunehmend ans Vermögen gebunden; steht im Text. In einer idealen Demokratie hat jeder eine Stimme; bei uns hat aber der, der es sich leisten kann, eine Interessenvertretung, die daraufhin arbeitet, dass die Gesetze in seinem Sinn verabschiedet werden; steht auch im Text.

    Haben Sie schon einmal gehört, dass in Brüssel 754 gewählte Volksvertreter sitzen, auf die ca. 15.000 Lobbyisten kommen? Das sind ca. zwanzig auf jeden Volksvertreter. Was denken Sie, was die den ganzen Tag lang machen? Däumchen drehen?

    Ihre Aussage ist ein pessimistischer Rückblick, der Fortschritte ausblendet.

    Ich blende gar nichts aus; Sie blenden einen Großteil der Realität aus. Ich bestreite keine vergangenen Fortschritte aber nicht jede Entwicklung ist ein Fortschritt im Sinn der Gerechtigkeit. Durch geeignete Wahl des Vergleichspunkts können Sie alles rechtfertigen. (“Was beschwert ihr euch, den Menschen in China/Afghanistan/… geht es doch viel schlechter.”)

    Meine Prognose: Der nächste Megatrend heißt “Entbürokratisierung”. Haben aber die meisten Zukunftsforscher noch nicht auf dem Radar.

    Wie lange predigen uns Politiker verschiedener Couleur denn die Mär von der Entbürokratisierung? Wie kritisch war denn Beispielsweise die FDP über den Staatsapparat? Und was hat sie gemacht, als sie Teil des Staatsapparats wurde? Erst einmal eine ganze Reihe neuer Posten für parlamentarische Staatssekretäre geschaffen: mehr Bürokraten.

    Diese Bürokraten sitzen überwiegend auf unkündbaren bzw. Lebenszeitstellen und haben ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Bestandswahrung. Dieses Recht werden sie auch durchsetzen. Es ist ein sich selbst erhaltendes System.

    Also doch Weltuntergang… Warum hier innergesellschaftliche Feindbilder aufbauen?

    Die Gruppen mit ihren jeweiligen Ein- und Ausschlussdynamiken werden durch die Menschen aufgebaut und aufrechterhalten, die ihre Macht in dieser Weise verwenden.

    Sie hören sich an wie Marx.

    Viel relevanter ist, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht, als wie sie sich anhört.

    Warum fangen Sie nicht an Weichen zu stellen? … Machen Sie doch die härteste Bewegung ihres Lebens: Den Hintern von der Couch hochzukriegen.

    Das haben Sie eben mal per Ferndiagnose festgestellt, dass ich mein Leben mit Auf-der-Couch-sitzen verbringe. Da verkennen Sie erneut die Realität; das scheint bei Ihnen aber systematisch zu sein.

    Im Übrigen besitze ich gar keine Couch; fürs Darauf-Sitzen habe ich überhaupt keine Zeit.

  9. Gute Ideen + Politisch aktiv werden

    @Stephan Schleim

    Vielen Dank für die Blitz-Antwort!

    Wollte mit der Couch natürlich nur etwas provozieren 🙂

    Aber durch ihren Artikel zieht sich der rote Faden des Pessimismus. Sehen Sie das nicht, wenn Sie ihn nochmal lesen?

    Lobbyismus, Politikverdrossenheit, Demokratiedefizite, Wirtschaft- und Finanzsystem, Bildungssystem, Sozialsystem, Gerechtigkeit usw. sind mir als “Problemzonen” gut bekannt und ich engagiere mich auf vielen Gebieten für Lösungen, die allen Menschen helfen und langfristig weltweit umgesetzt werden können/müssen.

    Dabei haben sich bei mir am Ende zwei Lösungsansätze als besonders Erfolgsversprechend herauskristallisiert. Die extreme Vereinfachung des Sozialsystems durch ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen (tendenziell Richtung Vorschlag Prof. Götz Werner) und die extreme Vereinfachung des Steuersystems (tendenziell Richtung Vorschlag Prof. Paul Kirchhof).

    Ich habe mir dafür den Satz ausgedacht: “Zahle 50, bekomme 1000”. Damit ist das gesamte Sozial- und Steuersystem in einem Satz abgebildet.

    Das heißt (natürlich etwas verkürzt und gerundet): Jeder zahlt 50% Steuern, jeder erhält aber auch 1000 Euro Grundeinkommen. (tendiert in Richtung negative Einkommenssteuer). Wegfall aller Steuerausnahmen, Schlupflöcher und Subventionen.

    Nebenbei interessiert mich noch der Bereich eLearning, insbesondere für die Universität, hier stelle ich einige Ideen dazu vor:

    http://cspannagel.wordpress.com/2013/04/22/gastbeitrag-haben-schlechte-vorlesungen-eine-zukunft/

    Einer der Kerngedanken des bedingungslosen Grundeinkommens: Mit einem BGE hat jeder Mensch lebenslang die Möglichkeit, “Nein” sagen zu können. Eine Konsequenz daraus ist: Man muss sich seine Menschenwürde nicht erst “erarbeiten” oder “verdienen”.

  10. @Goldammer: Opti-, Pessi-, Realismus

    Aber durch ihren Artikel zieht sich der rote Faden des Pessimismus. Sehen Sie das nicht, wenn Sie ihn nochmal lesen?

    Zunächst einmal zieht sich durch die Berichte der Zukunftsforscher ein naiver Optimismus, den ich zum Anlass meiner Kritik nahm (siehe Überschrift).

    Da geht es zum Beispiel um das Heraufsetzen des Renteneintrittsalters. Was erzählen uns die Zukunftsforscher darüber? “Macht nichts, ist sowieso nur ein Bruchteil des Lebens; und man sollte niemanden zum Aufhören zwingen. Viele Menschen wollen sogar länger arbeiten!” Dass viele Menschen schon vor der jetzigen Altersgrenze, die noch wesentlich niedriger ist als die für die Zukunft angedachte, in die Frühberentung gehen, das wird nicht ansatzweise erwähnt.

    Neben dem Opti- und Pessimismus Ihrer binären Welt gibt es auch einen Realismus, der sich nicht scheut, gleichermaßen die angenehmen wie unangenehmen Umstände anzuerkennen. Ein Optimismus kann uns zum Handeln motivieren, wenn er uns Hoffnung macht; ein Pessimismus aber ebenfalls, wenn er zum Widerstand anregt. Der Optimismus der Zukunftsforscher motiviert aber gar nicht zum Handeln, sondern ist einlullend.

    Zu vermeiden ist meiner Meinung nach lediglich ein Fatalismus: Wenn die Welt sowieso den Bach herunter geht, ganz gleich, was wir machen, dann ist tatsächlich jede Handlung sinnlos – außer vielleicht, sich beim Untergang noch einmal auf die Schulter klopfen zu können, man habe es ja versucht.

    Der Vorwurf des “Kulturpessimismus” ist steinalt. Er ist ein Psycho-Trick bürgerlicher Moral, der der Realitätsverleugnung vorschub leistet. Es ist genauso ein Psycho-Trick bürgerlicher Moral wie der Vorwurf der “Verschwörungstheorien”.

    Können Sie sich z.B. vorstellen, dass eine Großmacht unter demokratischer Regierung ihre Flugzeuge umlackiert, ein kleines Land bombardiert, eine ihm gefällige Alternativregierung in dieses Land einschleusen will, die dann um Hilfe rufen soll, damit die Großmacht einen Grund zur militärischen Invasion hat und so einen Regimewechsel herbeiführen kann? Alles Verschwörungstheorie! Ach nee, die (gescheiterte) Invasion in der Schweinebucht unter US-Präsident John F. Kennedy.

    Also: Mut zum Realismus, auch wenn die Welt manchmal ganzschön schlimm aussieht; und viel Erfolg mit Ihren Plänen. Das hört sich doch ganz gut an, was Sie da vorschlagen. Wenn Sie noch Vermutungen zu meinem Couch-Verhalten haben, dann schicke ich gerne einmal meinen zwölfseitigen CV vorbei.

  11. Nicht Jammern: Entwicklung als Prozess

    Der Grundton dieses Beitrags erinnert mich an den, den ich heute in einigen deutschsprachigen ökonomischen Blogs finde, die beispielsweise die Situation in Frankreich, Spanien, Italien zum Thema haben. Solche Beitrage konfrontieren oft die schlimme Situation in diesen Ländern mit den nötigen Massnahmen, die häufig ähnlich sind, wie sie in Deutschland schon stattgefunden haben mit Flexibilisierung des Arbeitsmarkts usw. Viele Leser reagieren dann in Kommentaren mit einem Wehklagen wie schlimm doch die Situation in Deutschland als Folge dieser Flexibiliserung sei und man erhält den Eindruck lieber soll Frankreich so bleiben wie es ist als sich anzupassen. Dann lieber ein paar 100’000 Arbeitslose mehr als die ganze Ungerechtigkeit, die eine Flexibilisierung mit sich bringt.

    Der Beitrag ist also die Beschreibung einer krisenhaften Situation. Ganz anders als viele andere, die einfach alles aussitzen wollen bis es nicht mehr geht, ist meine Meinung, dass man Fehlentwicklungen früh korrigieren sollte. Je früher man das tut umso mehr Ungerechtigkeiten und Härten lassen sich vermeiden. Die Lösung einer schweren ökonomischen Krise mit beispielsweise bereits vielen Arbeitslosen führt meiner Meinung nach meist zu Hau-Ruck-Lösungen, in denen vor allem auf die Schwächeren überhaupt keine Rücksicht mehr genommen wird. Die Rechtfertigung für solche Brutalo-Korrekturen ist dann die Alternativlosigkeit – ein Wort das in Deutschland ja bestens bekannt ist.

  12. Herr Holzherr

    Der Beitrag ist also die Beschreibung einer krisenhaften Situation. Ganz anders als viele andere, die einfach alles aussitzen wollen bis es nicht mehr geht, ist meine Meinung, dass man Fehlentwicklungen früh korrigieren sollte. Je früher man das tut umso mehr Ungerechtigkeiten und Härten lassen sich vermeiden.

    Man weiß halt nicht, was ‘Fehlentwicklungen’ genau sind. Was der einen Bevölkerungsgruppe als ‘Fehlentwicklung’ erscheint, stört andere wenig bis gar nicht.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist die Zukunftsforschung an sich, es gibt keine seriöse Zukunftsforschung. Man weiß nicht was passieren wird, ausgenommen die Klimatologie, die recht solid scheint, wenn auch bei der Prognosehöhe ernsthafte Probleme hat.

    Zukunftsforscher sollten also nicht beruhigen und zukünftige Szenarien aus dem ex ante bewerten.
    Sowas kann zwar lustig sein, macht aber nur misstrauisch.

    BTW, die Schweiz hat jetzt anscheinend auch einen sozialen Touch entwickelt:
    -> http://www.taz.de/Volksabstimmung-in-der-Schweiz/!116682/

    Wenn sowas durchkommt, hat man den Einstieg in der Sozialismus geschafft.
    Dann kommt idF noch anderes.
    Politische Entwicklungen wie diese sind nicht für Zukunftsforscher absehbar, “wg. Komplexität”.

    MFG
    Dr. W

  13. @Dr. Webbaer : Wie mit Zukunft umgehen?

    Viele Gefahren, die wir heute sehen gibt es in der Zukunft nicht mehr und umgekehrt.
    Doch wie soll man die Zukunft in der Gegenwart berücksichtigen. Ein Beispiel ist die implizite Verschuldung durch Pensionsversprechungen und das Gesundheitssystem, welches in vielen Ländern voraussehbar irgendwann zu Finanzierungsproblemen führen wird. Soll man dies heute schon korrigieren oder soll man zuwarten, weil sich die Situation durch zukünftige Entwicklungen von allein entspannen könnte? Dazu gibt es leider keine eindeutige Antwort. Verschiedene Länder gehen verschieden damit um. In Schweden gab es eine Pensionsreform (pay as you go reform), die die Höhe der Rentenzahlung von der aktuellen Wirtschaftslage abhängig macht. Schweden hat sich also gewissermassen zukunftssicher gemacht. Andere Länder könnten das Problem ganz anders lösen.
    Die Höhe der nötigen Pensionszahlungen kann beispielsweise über eine schleichende Geldentwertung reduziert werden. Damit hat man ebenfalls erreicht, dass die Auszahlungen beschränkt bleiben, nur eben durch die Hintertür.

  14. Herr Holzherr

    Doch wie soll man die Zukunft in der Gegenwart berücksichtigen. Ein Beispiel ist die implizite Verschuldung durch Pensionsversprechungen und das Gesundheitssystem, welches in vielen Ländern voraussehbar irgendwann zu Finanzierungsproblemen führen wird. Soll man dies heute schon korrigieren oder soll man zuwarten, weil sich die Situation durch zukünftige Entwicklungen von allein entspannen könnte? Dazu gibt es leider keine eindeutige Antwort.

    Die eindeutige Antwort besteht darin die Meinung des Wahlviehs abzufragen, bzw. abzuhören, die Mandatsträger interessiert ja weniger die Meinung des Wählers als ihre nächste Mandatsträgerschaft.

    Der Gag ist aber, dass dennoch eine brauchbare Entscheidung gefunden wird – den Ansprüchen der Wählerschaft grob folgend.

    Konkret heißt das auf die o.g. Fragestellungen bezogen: Jetzt sparen oder es später knallen lassen.

    Die Staatsverschuldung, gerade im Euro-Verbund, scheint als Problem nicht mehr lösbar, man hat sich -vermutlich unbewusst- für den Knall und den anschließenden Reboot entschieden, in einigen Ländern wohl auch bewusst.
    >:->

    Wenn Zukunftsforscher etwas leisten würden, wären sie im Investment-Bereich gefragter…

    MFG
    Dr. W

  15. Der einäugige König der Realisten

    “Demokratie heißt, dass sich die Leute in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen.”

    @Stephan Schleim

    Was mich an den beiden Nostradamussen stört, ist die naiv-lineare Hochrechnung (Heute ist es gut, morgen ist es guter….) Das ist inhaltlich dünner als Bohnensuppe im Gulag. Ein bisschen Phrasenbingo hier (Rente, Wachstum), ein bißchen Allerweltswissen dort (Werden älter, Medizin wird besser).

    Das soll „Zukunftsforschung“ sein? Och nee… bitte nicht… Zukunfts-Schuster bleib bei deinen Leisten o d e r wirf dich in den öffentlichen Diskurs! Aber nicht auf Konferenzen sondern „auf der Straße“. Kurz: Die Herren Zukunftsforscher erzählen abgestanden Kaffee und dieser wird zu linear-abgestandenen Kaffee hochgerechnet. Das ist bestenfalls langweilig.

    Was wir brauchen ist der nicht-lineare Realist. Aber… das Gehirn baut uns eine subjektive Brille und lässt natürlich jeden von uns rufen: Hier – Ich, Ich, Ich – bin der Realist! (Mach ich ja auch…)

    Deshalb weg mit Kategorien(Rea/Opt/Pes/Fat) und her mit Lösungsvorschlägen/Diskussionen und dann politisch aktiv werden (politisch aktiv => Nimm/Habe eine gute Idee, arbeite dich intensiv in das Konzept ein [verwirf es aber auch wenn es nichts taugt] und überzeuge andere Menschen – wobei, eigentlich müsste ich schreiben: Überzeuge andere Gehirne).

    Stephan Schleim: „Was zählt, das ist nicht der Entwicklungsprozess oder Bildung, sondern der Notendurchschnitt. Praktika, Auslandssemester und Ehrenamt sind keine Selbstzwecke für ein sinnvolles Leben, sondern Anforderungen, die man im Lebenslauf abhaken muss – denn die Konkurrenten könnten einen ja sonst ausbooten. Anpassungsdruck wird als Flexibilität angepriesen, der Weg zu einer sicheren Zukunft ist lang und steinig, wenn er denn überhaupt zum Ziel führt. Wer von ihm abkommt, der möge sich bitte selbst helfen, aber nicht zu viel Hilfe vom Staat erwarten.“

    Sie beschreiben sehr gut die Probleme. Für den Teilbereich Universität/Schule/Lernen biete ich Ihnen z.B. diesen Lösungsvorschlag (Bedingungsloses Grundeinkommen) an: Für Studenten würde sich einiges ändern, da BAföG, Studienkredite, Büchergeld (und anderer bürokratischer Kleinkram) wegfallen und (für alle) durch ein lebenslanges (bescheidenes, aber menschenwürdiges) Grundeinkommen ersetzt werden würden. Das Grundeinkommen ist ein finanzieller Sockel, der (ohne Bürokratie, ohne Formulare) lebenslang nicht unterschritten werden kann. Es ist die unbefristete, unkündbare Stelle im Leben. Lebenslanges Lernen wäre dann nicht nur ein politisches Motto, sondern wirklich umsetzbar. Ohne existenzielle Ängste kann Lernen und Ideenteilen richtig Spaß machen. Finanzierbar ist das Grundeinkommen, weil es nicht obendrauf kommt, sondern in bereits bestehende Einkommen integriert wird.

    [Ich würde gerne noch die Themen Rente, Gerechtigkeit, Steuern, Bürokratie, Zukunft der Arbeit weiter ausführen, muss aber erst mal los… schreibe später weiter]

  16. @Webbär: Die sozialen Eidgenossen

    BTW, die Schweiz hat jetzt anscheinend auch einen sozialen Touch entwickelt:

    In der Schweiz ist tatsächlich vieles Gesetz, was manche hier als sozialistisch bezeichnen würden: Die Schweiz ist sozialistischer als Deutschlands Linke.

  17. Herr Schleim

    , Sie sehen es Ihrem Kommentatorenfreund sicherlich nach, wenn er eine andere Sicht pflegt, zudem war die Nachricht weiter oben auch an unsere freundliche schweizerische kommentarische Kraft gerichtet.

  18. @Goldammer: Lehre verbessern

    Zugegeben, wer der Optimist, Pessimist usw. ist, liegt häufig im Auge des Betrachters. Sie haben mir hier aber erst kürzlich Pessimismus vorgeworfen.

    Überzeuge andere Gehirne

    Wissen Sie, zu wem Sie das hier sagen? Sie wissen aber scheinbar noch nicht,
    warum der Neurodeterminist irrt. “Überzeugen” hat gar keinen Sinn, wenn Sie es auf ein Gehirn anwenden.

    Für Studenten würde sich einiges ändern…

    Ihre Bemühungen für ein BGE in allen Ehren aber an den von mir im Text angesprochenen Problemen (Verschulung, Kontrolle, weniger Freiheit im Hochschulstudium etc.) würde das wenig ändern; dies sind hausgemachte Probleme der Hochschulpolitik und deren Umsetzung in Deutschland. Mit einem BGE würden Sie zwar einen Teil der sozialen Härte für sozial benachteiligte Studierende auffangen, jedoch nicht die Lehre verbessern.

    Wir hatten hier bei den SciLogs übrigens einmal ein Bloggewitter über Bologna.

  19. @Dr.Webbaer:risky referendums?

    Abstimmungen in Sachthemen sind äusserst gefährlich in Ländern, in denen sie nur selten vorkommen: Dann nutzen das die Abstimmenden oft um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen (z.B. diverse EU-Referenden in Frankreich, Irland etc.).

    Ganz anders ist die Situation, wenn Sachabstimmungen die Regel sind (häufig stattfinden) und die Leute, die darüber abstimmen, sich verantwortlich fühlen für das, was dabei herauskommt.

    In der Schweiz werden immer wieder Steuersenkungen, längere Ferien und vieles andere Angenehme an der Urne abgelehnt, weil die Abstimmenden nicht nur an die Vorteile für sich, sondern an die Auswirkungen für das ganze Land und für die Zukunft denken. Abstimmungen über äusserst kontroverse und GameChanger-Themen wie die 1:12-Initiative sind selbst wenn sie wenig Chancen an der Urne haben, sinnvoll, weil sie es nötig machen Position zu beziehen. Nur wenige stimmen leichtfertig etwas zu, was sie für potenziell gefährlich für die Zukunft des Landes halten.

  20. Abstimmungen

    Abstimmungen in Sachthemen sind äusserst gefährlich in Ländern, in denen sie nur selten vorkommen: Dann nutzen das die Abstimmenden oft um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen (z.B. diverse EU-Referenden in Frankreich, Irland etc.).

    …sind eigentlich nicht gefährlich, wenn sie nicht an den Grundfesten der Wertegemeinschaft rütteln, wie das bei der 1:12-Initiative erkennbar der Fall ist. Die Freiheit des unternehmerischen Handelns soll beschnitten werden, die Freiheit der Meinungsäußerung oder die Freiheit allgemein, denn auch eine freiwillig eingegangene Vertragsbindung ist Meinungsäußerung.

    Es ist durchaus denkbar, dass die Freiheit im Dreieck “Menschenrechte, persönliche und unternehmerische Freiheiten” demokratisch abgeschafft wird.

    Das ist ein köstlicher Punkt, denn “westliche” Systeme oder Systeme im Bezug auf die Aufklärung führen nicht nur keine Kriege gegeneinander, sondern werden (oder: wurden bisher [1]) auch nicht abgeschafft.

    Hier könnten Zukunftsforscher mal ein wenig nuckeln und die Gründe möglichen Scheiterns der genannten Systeme zu antizipieren suchen.
    Sofern deren Leistungsfähigkeit genügt.
    Bei Fragen stände der Webbaer bereit.

    MFG
    Dr. W

    [1] instabile junge Systeme einmal außen vor lassend

  21. @Stephan Schleim

    “Viel relevanter ist, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht, als wie sie sich anhört.”

    Viel relevanter wäre, anhand einer eindeutigen Kommunikation, zu wissen was sie wollen?!

    Marx hat übrigens ungefähr auch gesagt: “Macht ruhig weiter so, denn am Ende werdet ihr nicht an der eindeutigen Wahrheit von wirklicher Vernunft vorbei kommen” – allerdings schwebt da noch das Damoklesschwert der atomaren Apokalypse über uns, welches unseren geistigen Stillstand in Überproduktion von Kommunikationsmüll ein berechtigtes Ende aller oberflächlicher Kritik ohne … bereiten könnte.

  22. @Horst: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit

    Viel relevanter wäre, anhand einer eindeutigen Kommunikation, zu wissen was sie wollen?!

    Das steht doch deutlich im Text, meines Erachtens sogar mehrmals: Eine auf Nachhaltigkeit (z.B. resourcenschonend) und Gerechtigkeit (z.B. gleiche Partizipationsmöglichkeiten für alle) hin orientierte Gesellschaft, keine auf Wirtschaftswachstum und kurzfristigen Gewinn (was nur wenigen zugute kommt und die Welt zerstört, Stichwort “Externalisierung von Kosten”) orientierte.

    Wenn Ihnen das nicht einleuchtet, dann beginnen Sie doch einmal bei John Rawls’ politischer Philosophie.

    Der wesentliche Unterschied bei den Vorhersagen von Marx und der beiden Zukunftsforscher ist aber meines Wissens, dass Marx vorhersagte, dass die Revolution unabwendbar ist und durch kleine Korrekturen eben nur hinausgezögert wird, während die Zukunftsforscher sagen, dass es zu keinem Umbruch kommen muss, wenn wir einfach so weitermachen. Wie können Sie da behaupten, beide Ideen würden aufs Selbe hinauslaufen?

  23. @Stephan Schleim

    Haben sie denn eine Position die ich noch nicht kenne, für den notwendigen Umbruch?

    Mit herkömmlich-gewohnten Forderungen an die “Treuhänder” der “Demokratie” durch leichtfertiges Kreuzchen auf dem Blankoscheck, also ohne deutliche Bewußtseinsentwicklung für ein wirklich-wahrhaftig verantwortungsbewußtes Zusammenleben OHNE …, wird sich diese Welt- und “Werteordnung” sicher auch nicht verändern!?

    Die Revolutionen des “arabischen Frühlings” haben sich genau diese Bewußtseinsentwicklung BEI UNS zur Unterstützung gewünscht, doch das war allerdings nichts weiter als ein frommer Wunsch, den der westliche Wohlstandsmensch aus konsum- und profitautistischer Gewohnheit nicht erfüllen konnte und deshalb … – nur die UN-Truppen, wenn es denn …!?

  24. Lasst euch nicht vertrösten

    “Die Zukunft beginnt schon heute und wer Gerechtigkeit für morgen verspricht, der sollte heute wenigstens dazu bereit sein, die Weichen dafür zu stellen.”

    Muß das nicht eher lauten: “…. und wer Gerechtigkeit für morgen sucht, …”?

    Ein Zusammenleben OHNE Steuern zahlen, OHNE “Sozial-“Versicherungen, OHNE manipulativ-schwankende “Werte”, OHNE irrationalem Druck zu einer Karriere von Kindesbeinen, usw., also OHNE die wettbewerbsbedingte Symptomatik für die Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung” im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies”, ist absolut machbar – auf der Basis eines unkorrumpierbaren MENSCHENRECHTS in Grundversorgung mit kostenloser NAHRUNG, mietfreiem Wohnen in zeitgemäßen Sozialwohnungen und kosten- wie k(l)assenloser Gesundheit, mit allen daraus einzig MENSCHENWÜRDIG resultierenden Konsequenzen und Möglichkeiten!

    Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehört, so daß “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles wirklich-wahrhaftig demokratisch organisiert werden!

  25. @ Martin Holzherr

    Nicht die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts hat Deutschland geholfen , sondern eine – vor allem 2008 betriebene – keynesianisch geprägte , antizyklische Wirtschaftspolitik , also Investieren mitten in der Krise und nicht sparen , über Konjunturprogramm und Kurzarbeitergeld.

    Anderen Ländern gesteht es diese Politik nicht zu und genau das ist das Problem , Sparen in der Krise verschärft die Krise.

  26. Politik braucht Gehirne

    @Stephan Schleim

    „Ein starker Neurodeterminist müsste behaupten, wir könnten das zukünftige Verhalten eines Menschen vollständig voraussagen, wenn wir alles Wissen über sein Gehirn hätten.“

    Das Gehirn ist für mich ein komplexes System, ähnlich wie die Börse, grobe Schätzungen sind möglich, aber berechenbar präzise Vorhersagen ausgeschlossen. Wäre das Gehirn „nur“ kompliziert, ok, dann könnten wir es tatsächlich irgendwann (im strengen Sinne) berechnen und exakte Vorhersagen treffen. Ich sehe das Gehirn nicht als Computer (der ist „nur“ kompliziert) – “Der Computer arbeitet deshalb so schnell, weil er nicht denkt.” – sondern ich würde es so ausdrücken: „Ich stelle mich neben mich, also bin ich.“ in Abwandlung zu „Ich denke, also bin ich.“ Soll heißen, während ich mich gedanklich auslagere und mich selbst (=meinen Gedankenstrom) oder andere betrachte, ist eine Veränderung am Ausgangspunkt eingetreten, die ich erst später berücksichtigen kann usw. Also erst zwei Gedanken, die mit Zeitverzug gegenseitig interagieren, ergeben den Denkvorgang, ein Gedanke allein ist noch nicht Denken. Dieses doppelseitige milliardenfache Gedankennetz ergibt dann, durch den Interaktions-Zeitverzug der einzelnen Doppel-Einheiten, ein komplexes System. Das war jetzt Prosa. Ich glaube man könnte das chemisch-elektrisch auch auf das Synapsen- und Neuronennetz übertragen.

    „Wissen Sie, zu wem Sie das hier sagen?“

    Ja. Sie haben mit Metzinger zusammengearbeitet. Egotunnel (gefällt mir sehr gut) steht bei mir im Schrank. Mir ist aus einer Diskussion Metzinger/Precht ein Satz hängengeblieben: „Was lernen Kinder wenn man sie immerzu ermahnt? Ermahnen!“

    „Überzeuge andere Gehirne“

    Ich habe „überzeugen“ hier im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauches verwendet. Ein Gehirn ist ein komplexes System, das relativ stabil in seinem „Zustand“ verbleibt, wenn ich es aber zu stark anpinge (negativ-traumatisches Erlebnis etc.) verändere ich Teile dieses ehemals stabilen Gesamt-Zustandes.

    In dem Zusammenhang sehe ich ein BGE als lebenslange („monatlich-positiv-traumatische“) aufaddierte („gesellschaftlich-psychotherapeutische“) Vertrauensmaßnahme, die langfristig mein Gehirn (=subjektive Brille) verändert. Chemisch-elektrische Gehirn-Prozesse, die negative Vorurteile und Vorannahmen materiell abbilden, werden über die Jahre, Jahrzehnte durch monatliche monetäre Zahlungen (die vor allem den dauernden Druck der Existenzangst aufheben), zu anderen chem.-elek. Prozessen umgewandelt. Bitte nageln sie mich jetzt hier nicht auf präzise Begrifflichkeiten und Definitionen fest…

    Die politischen Themen/Vorschläge mach ich im nächsten Kommentar.

  27. Fehlt die Couch für eine Vision???

    Ich finde es ja richtig traurig, dass der Blogbetreiber nicht einmal eine Couch hat (wollen wir für den Armen sammeln?) – ich kann auf sie nicht verzichten, für die abendliche Lektüre von Blogs, Romanen oder Sachliteratur… Aber vermutlich habe ich darum keinen 12-seitigen CV 😉 (Obwohl ich mal gelesen habe, dass selbst Manager sich auf 2-3 Seiten beschränken sollten…)

    Zum Thema kann ich eigentlich nur auf meinen Kommentar unter einem ähnlichem Lamento des Blogbetreibers vor ca. einem Jahr verweisen: Es fehlt schlicht die Vision.

    Diese Wirkung der Vision (oder heute deren Fehlens) wird recht gut im vom @Webbaren verwiesenen Artikel deutlich, wenn dort am Ende klargestellt wird: Zu Zeiten der sozialistischen Idee war die Relation Manager-Gehalt zu Schlechtester-Mitarbeiter-Gehalt in der Schweiz 13:1 – heute ist sie 93:1. So weit konnte der Kapitalismus also ohne gegenläufige Vision ausschlagen. Oder sollten die Manager heute in der Tat ggü. den Arbeitern gut 7x so produktiv geworden sein??? So ähnlich lässt sich das übrigens für Deutschland in diesem Zeitraum zeigen – und tendenziell wohl für Managergehälter allgemein.

    An Einzelkritien und entsprechenden Vorschlägen aber mangelt es nicht nur dem Blogbetreiber nicht, nur fehlt die zündende Vision (insofern gleicht er leider nicht dem Marxen). Eine solche Vision hätte es allerdings schwer. Denn – obwohl wenn zündend?
    * Werbung gehört mittlerweile zum Geschäft und auch die beste Vision kann sie nicht abschaffen – aber wie wäre es, wenn jeder Visionär in seinem Bekanntenkreis die Trommel rührte; dann wäre die kommerzielle Werbung definitiv machtlos.
    * Lobbyisten kann man auch nicht wieder abschaffen – aber wie wäre es, wenn jeder Visionär einen Brief an jeden Politiker schriebe; dann wären die Lobbyisten sicher bald in der Minderzahl.
    * Leben ist recht bequem geworden und diese Bequemlichkeit kann man nicht abschaffen – aber wie wäre es, wenn jeder Visionär seine Jammerzeit für kleine Veränderungen nutzte; dann wäre die Bequemlichkeit kein Problem.
    * Predigten hören wir auch schon immer und werden sie nicht los – aber wie wäre es, wenn jeder Visionär seine Predigt in ein Wiki einbrächte; dann wäre ganz schnell jeder Gemeinschaftswunsch verfügbar.
    * Schulden haben wir auch alle und werden jedenfalls den Staatsanteil nicht los – aber wie wäre es, wenn jeder Visionär Staatsanleihen kaufte; dann wäre bald die kritische Masse für die Reform des Geldsystems erreicht.

    Ach wie leicht wäre alles mit einer Vision, die nicht gegen … ist!
    Also nicht immer nur als Mahnung oder Kritik hängen bleibt…

  28. @DH: Deutschland wettbewerbsfähiger

    Sie schreiben:
    ” Nicht die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts hat Deutschland geholfen , sondern eine – vor allem 2008 betriebene – keynesianisch geprägte , antizyklische Wirtschaftspolitik , also Investieren mitten in der Krise und nicht sparen , über Konjunturprogramm und Kurzarbeitergeld”

    Doch unabhängig von konkjunkturpolitischen Massnahmen – wie das das antizyklische Verhalten während einer Krise ist – ist Deutschland um etwa 20 bis 30% kompetitiver (gemessen an den Lohnstückkosten) als Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.
    Exporte aus dem Fertigungsbereich sind ebenfalls über das letzte Jahrzehnt in Frankreich, Italien, Portugal, Griechenland stark rückläufig, während sie sich in Deutschland gut gehalten haben.
    In Frankreich, Italien, England hat in den letzten Jahren eine eigentliche Deindsutralisierung eingesetzt, während Deutschland sich gut gehalten hat. Frankreich beschäftigt 2013 nur noch 10% der Bevölkerung in der Industrie, 5% weniger als im Jahre 2000.
    Auch die Deindustrialisierung in Grossbritannien ist weit fortgeschritten.

    Insgesamt zeigen viele europäische Länder, speziell aber die Peripherieländer sowie Frankreich und Italien eine strukturelle Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den letzten 10 bis 15 Jahren, während Deutschland um 20 bis 30 Prozent besser da steht. Mit Konjunkturpolitik allein kann man das nicht erklären.

  29. @Horst: Gerechtigkeit

    Muß das nicht eher lauten: “…. und wer Gerechtigkeit für morgen sucht, …”?

    Das bezog sich auf die Zukunftsforscher, will sagen: Wenn die nur Gerechtigkeit versprechen, wenn man einfach so weitermacht, dann überzeugen die nicht; wenn sie es ernst nehmen mit einer guten Zukunft für die jüngeren Menschen von heute, dann sollen sie auch bereit sein, heute schon etwas (im interesse der Jüngeren!) zu ändern und nicht ihre Religion der Gegenwart zu predigen.

    Das Problem mit dem Geld beginnt auch in unserem Denken. Wie viele Diskussionen hatte ich schon z.B. mit anderen jungen Menschen über das Thema Kinder und wie oft habe ich das Argument gehört, dafür brauche man eben erst das nötige Geld. Wenn unsere Eltern so gedacht hätten, wie viele von uns wären dann nicht auf der Welt? Das besorgt die Natur schon von selbst…

    Geld ist ein Tauschmittel, dessen Wert darauf beruht, dass wir an die zukünftige Eintauschbarkeit glauben. Dass Menschenwürde und Gerechtigkeit von höherer Priorität sind als Wirtschaftswachstum und privilegierte Freiheit, darin sind wir uns wohl einig; über den Weg wohl nicht. Ich kann Ihnen aber auch nicht “den Weg” dorthin predigen.

  30. @Goldammer: Gehirne

    Ich habe „überzeugen“ hier im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauches verwendet. Ein Gehirn ist ein komplexes System, das relativ stabil in seinem „Zustand“ verbleibt, wenn ich es aber zu stark anpinge (negativ-traumatisches Erlebnis etc.) verändere ich Teile dieses ehemals stabilen Gesamt-Zustandes.

    Nein, Sie haben “überzeugen” gerade nicht im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs verwendet. Wen oder was man üblicherweise überzeugt, das sind keine Gehirne im Tank, sondern Personen – auch wenn ein in gewisser Weise funktionierendes Gehirn dafür eine notwendige Voraussetzung ist (aber eben keine hinreichende).

    Ebensowenig fährt ihr Gehirn Fahrrad, sondern Sie, auch wenn ein in gewisser Weise funktionierendes Gehirn dafür eine notwendige Voraussetzung ist (aber eben keine hinreichende).

    Was Sie im Folgenden beschreiben, ist ein psychologisches Lernen durch Erfahrung (man könnte es auch Habitualisierung oder Konditionierung nennen), wofür wir durchaus die Funktionsweise eines bestimmten biologischen Mechanismus annehmen können, zur Beschreibung und Erklärung des Lernphänomens aber nicht annehmen müssen.

    Wir bewegen uns hier aber vom eigentlichen Thema weg. Wie uns Angst die Sicht der Dinge verschleiern kann, habe ich schon einmal im Blog beschrieben.

  31. @Noït: Couch oder Badewanne

    Danke der Sorge – mein Couchverzicht ist aber freiwillig. Vor meinem temporären Umzug nach München habe ich mein Ledersofa einem Betrieb in Groningen überlassen, der sich für soziale Projekte einsetzt, und mein Schlafsofa inklusive Bettzeug für ein paar Euro Studierenden verkauft.

    Was mir seit meiner Rückkehr in die Niederlande mehr fehlt als eine Couch, ist tatsächlich eine Badewanne, deren visionären Wert schon der alte Archimedes zu schätzen wusste.

    Da ich bei einem früheren Crowdfunding-Aufruf noch nicht einmal die Kosten für einen Muffin in Höhe von EUR 1,50 auftreiben konnte, brauche ich mir für eine ganze Badewanne wohl keine Hoffnungen zu machen.

    Ansonsten danke ich dir für deine Vorschläge. In Ermangelung des geeigneten Möbiliars kann ich zurzeit leider keine eigenen hinzufügen.

  32. Gehirne im Tank

    Eine kleine Anmerkung zu folgender Behauptung:

    »Wen oder was man üblicherweise überzeugt, das sind keine Gehirne im Tank, sondern Personen – auch wenn ein in gewisser Weise funktionierendes Gehirn dafür eine notwendige Voraussetzung ist (aber eben keine hinreichende).«

    In gewisser Weise stimmt das, das Gehirn ist nur ein Teil des Menschen—allerdings jener, der einen Angehörigen der Gattung Mensch erst zu einer Person macht.

    Es stimmt auch, dass das Gehirn allein nicht „hinreichend“ ist, um Radfahren zu können. Man braucht z. B. auch Beine und ein Fahrrad.

    Allerdings beruht die Aussage, „was man üblicherweise überzeugt, das sind keine Gehirne im Tank“, auf einer zwar üblichen, aber dennoch naiven Vorstellung von einem Tank. Der naturgegebene Tank des Gehirns besteht, grob gesprochen, aus Fleisch und Blut sowie Haut und Knochen. Die Person ist letztlich nichts weiter als ein Gehirn in einem Biotank.

  33. Der letzte Absatz

    Ihres Artikels ist wirklich interessant. Dort schreiben Sie:

    “Deshalb ist es schon ein starkes Stück, wie diese Zukunftsforscher den nachwachsenden Generationen die Anpassung an das bestehende System versüßen.”

    Das ist doch nicht unlauter, oder?
    Zumal, es ist doch nirgends in Stein gemeißelt, welches (Gesellschafts-)System auf ewig als das beste zu gelten hat. Auch das Grundgesetz wurde schon geändert. Jeder kann doch seine Vorstellung von einem System verlautbaren wie er lustig ist. Und wenn Zukunftsforscher dafür werben, aus dem bestehenden System nicht auszubrechen, sondern sich anzupassen, dann sollen sie doch. Die nachwachsende Generation wird es schon richten, da sind die Zukunftsforscher von heute wahrscheinlich schon längst verstorben. Es spricht generell nichts dagegen, wenn Menschen sich in Gruppen zusammenschließen und verkünden der Heiland wird kommen – oder ist schon da. Ich finde es zum Beispiel ein starkes Stück, an der Intelligenz eines Menschen zu zweifeln, wenn man verbieten würde, nicht genehme Botschaften zu verbreiten.

    Sie schreiben auch:
    “Macht verzichtet selten auf Macht.”

    Nun, darüber kann man wirklich geteilter Meinung sein. Da kann man aus philosophischer Sicht ja nun stundenlang diskutieren. 😉
    Macht macht Langeweile und mitunter auch sehr einsam, wussten Sie das nicht?

  34. Zukunftsideen: Konkret

    Gegenwart und Zukunft – Meine politische Prognose:

    Rente: Staatliche Rente wird abgeschafft. Wer will, kann private Rentenversicherung nutzen, und zu selbstgewähltem Zeitpunkt in „Rente“ gehen. Damit alle ermüdenden Diskussionen um staatliche Rente und Erhöhungen von Eintrittsaltersgrenzen vom Tisch.

    Steuer: Langfristig reines Konsumsteuer(=Mehrwertsteuer)modell. Übergangsphase: Modell der negativen Einkommenssteuer, heißt: Jeder zahlt einen einheitlichen Steuer(prozent)satz, jeder erhält aber auch ein einheitliches Grundeinkommen. Milton Friedman hat das bereits in den 60er vorgeschlagen. ([Sehr]Grober Anhalt: 2.000 Milliarden BIP, 50% Steuer, ergibt: 1.000 Milliarden => ca. 1.000 Euro BGE pro Nase)

    Gerechtigkeit: Bedeutet heute Einzellfall(un)gerechtigkeit. Zopf der Bürokratie wird abgeschnitten, durch einheitlichen Steuersatz (Wegfall aller Ausnahmen, Schlupflöcher, Subventionen, Oasen etc.) und einheitliches bürokratiefreies Grundeinkommen. Grundsatz: Steuern müssen nicht erhöht oder gesenkt werden, Steuern müssen gezahlt werden.

    Bundeswehr: Verkleinert und professionalisiert. Langfristig abschaffen. [Am Rande: Ich war mal Offizier]

    Sozialsystem: Wird in seiner heutigen Form abgeschafft. Wegfall von: Hartz IV, Wohngeld, Kindergeld, BAföG, Studienkrediten, „Herdprämien“, Betreuungsgeld, Elterngeld, „Tafeln“ (diskriminierendes „Naturalien-GE“), Midi-Jobs, 400-Euro-Jobs, Aufstocker, Kombilohn, Finanzielle Existenzängste bei Trennung/Scheidung, Renten-Aufstocker unter Hartz IV, Sozialhilfe, Essens-Gutscheine… [Ich könnte endlos so weitermachen] – Kurz: Alle Bürokratie unterhalb des BGE wird abgeschafft. Oberhalb BGE wird natürlich weitergezahlt, aber (wie bisher) auf Antrag, z.B. Schwerbehinderte/kranke. [=> Alte Rentenansprüche oberhalb BGE werden natürlich auch weitergezahlt, für eine Übergangsphase gibt es zwei Systeme parallel]

    Arbeit: Mit BGE ist jeder erarbeitete Euro meiner! Keine Umrechnung/Anrechnung/Verrechnung mit „Sozialhilfen“. Jeder erarbeitete Euro kommt immer obendrauf! – Der sogenannte „Niedriglohnbereich“ kann auf einmal „Nein“ sagen. „Phantasie“-Anregende Beispiele: Wenn bei der Deutschen Bank die Putzfrauen nicht mehr kommen, macht der Vorstand die Toiletten alleine sauber. Da aber mit BGE nicht m e h r Geld da ist, hier ein [verkürztes] Beispiel wie sich die Löhne ändern: Arzt verdient 10.000 Euro, Angestellte 1.000 Euro. Mit BGE hat Angestellte 1.000 sicher, macht Lohnverhandlung, heißt: Arzt jetzt 9.000 Euro, Angestellte 2.000 Euro, Gesamtsumme bleibt gleich.

    Weitere Gedanken/Ideen:

    Grundgesetz: Verfassungsverbesserungen gesamtgesellschaftlich online schreiben (Vorbild Island)

    Weltwikipediatag: Analogie zu Weltfrauentag & Co. An Universität/Schule werden Prof./WiMi/Lehrer gebeten ihr Fachwissen in Wikipedia zu schreiben, dort das Niveau zu erhöhen und alle teilhaben zu lassen.

    Entwicklungshilfe: Sollte als BGE gezahlt werden. Damit nicht die Hälfte des Geldes beim Diktator versickert, für Waffen ausgegeben oder in unsinnige Großprojekte/Bauruinen verschwendet wird. [Stichwort: Jean Ziegler] – Da wo (Basis)Kaufkraft ist, liefern Unternehmen auch (lebenswichtige) Güter hin – Anmerkung für quasi-diktatorische Systeme: Wer BGE hat, kann auf einmal „Nein“ sagen.

    Weitere Ideen, auch zu Verbesserung/Zukunft der Lehre im nächsten Kommentar.

  35. @Stephan Goldammer: Teils zu kurz

    Rente: Staatliche Rente wird abgeschafft.

    Kennen Sie das hier: Jacques Nikonoff, La Comédie des fonds de pension, 1999. Ist leider nicht übersetzt, aber ein Kenner der Szene legt dort sehr überzeugend dar, warum private Rentenversicherung immer schlechter sein muss als staatliche oder genossenschaftliche Umlagesysteme: Insbesondere weil sie Unternehmens-Gewinne erwirtschaften muss, weil auch auf diesem Wege nur die jeweils aktuelle Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft verteilt werden kann und weil dann immer mehr Geld da ist, dem eben auch entsprechende Schulden gegenüberstehen müssen!
    Dann lieber Verteilung über ein BGE, da gibt es diese Probleme nicht.

    Steuer: Langfristig reines Konsumsteuer(=Mehrwertsteuer)modell.

    Ist in der Sache gut – weil es Steuerflucht unterbindet. Problematisch ist seine Ungerechtigkeit, daher gibt es insofern schon bessere Vorschläge. Wichtig ist nämlich eine angemessene Besteuerung der exklusiven Ressourcen – wie etwa Boden und Bodenschätze. Außerdem eine gewisse Steuerfreiheit für einen personellen Sockelbetrag.
    Die Steuerfreiheit würde sich mit einem BGE ebenfalls erledigen, das Problem der Exklusiven Ressourcen bleibt aber bestehen.

    Sozialsystem: Wird in seiner heutigen Form abgeschafft.

    Ist völlig unproblematisch, wenn es ein angemessenes BGE gibt.
    Erhalt darüberliegender Sozialsysteme scheint mir (außer in einer Übergangszeit) nicht sinnvoll. Allein notwengid ist die schon jetzt bestehende Arbeits-Unfallversicherung.

    Arbeit: Mit BGE ist jeder erarbeitete Euro meiner!

    Sicher – aber mehr Arbeit gibt es darum nicht. Vielmehr bleibt das bisherige Problem der Konjunkturzyklen bestehen und der Möglichkeit Geld zurückzuhalten. Und irgendwann kann dann der Staat auch das BGE nicht mehr finanzieren.

    Daher ist es viel sinnvoller das Geld selbst zu reformieren. Dazu gibt es schon seit ca. 100 Jahren Vorschläge (siehe Geldreform) und sogar erfolgreiche Experimente (Wunder von Wörgl). Alle staatliche Intervention erübrigt sich damit – Geld wird ganz von allein investiert und zwar in gesellschaftlich produktive Unterfangen. Und in Verbindung mit dem BGE stimmt dann auch das von den Ökonomen immer beschworene Modell eher – gearbeitet wird nur, wenn die Arbeit aus individueller Perspektive mehr einbringt als das Müßigsein oder Denken, Malen, Musizieren…

    Entwicklungshilfe: Sollte als BGE gezahlt werden.

    Entwicklungshilfe in Geld ist immer unproduktiv, denn die Schöpfung der Werte erfolgt dann weiterhin im Ausland oder für das Ausland. Wirkliche Entwicklungs-Hilfe gibt es nur durch Lehrer im Land – also hinziehen und dort wirken. Aber es würde schon reichen, wenn der Westen die meisten Länder nicht so ausbeutete – ist allerdings ein weites Feld. Materielle Hilfe macht aber immer abhängig, daher nur in absoluten Notzeiten sinnvoll.

  36. @Mo: Kritik und Macht

    Ich habe niemandem verboten, seine/ihre Meinung zu sagen; ich warne nur Menschen davor, sich von den Zukunftsforschern einlullen zu lassen. Die Gründe stehen im Text. Wenn die ihre Meinung verbreiten dürfen, dann gilt das doch ebenso für meine.

    Macht macht Langeweile und mitunter auch sehr einsam, wussten Sie das nicht?

    Auch Drogensucht kann einsam machen – und das Leben ohne Kick langweilig. Dennoch zeichnet es sie gerade aus, dass Menschen immer wieder in den selbst- bzw. fremdzerstörerischen Rausch begeben.

  37. Herr Schleim,

    ich habe versucht mich in meinem Kommentar neutral auszudrücken.

    “Wenn die ihre Meinung verbreiten dürfen, dann gilt das doch ebenso für meine.”

    Genau das habe ich doch geschrieben.

  38. Herr Goldammer

    Sehr vernünftige Ideen (von der Abschaffung der Wehrfähigkeit einmal abgesehen), erfrischender Gastbeitrag bei Dunkelmunkel zudem.

    Allerdings sind das Zukunftsmöglichkeiten und weniger Zukunftsforschung, zudem ist es politische Meinung.

    MFG
    Dr. W (der gerade auch das BGE für notwendig hält, vielleicht kommt’s ja aus der Not wenn das Euro-System zu Ende gewirtschaftet worden ist)

  39. Herr Atiga

    Entwicklungshilfe in Geld ist immer unproduktiv, denn die Schöpfung der Werte erfolgt dann weiterhin im Ausland oder für das Ausland. Wirkliche Entwicklungs-Hilfe gibt es nur durch Lehrer im Land – also hinziehen und dort wirken. Aber es würde schon reichen, wenn der Westen die meisten Länder nicht so ausbeutete (…)

    Entwicklungshilfe als “BGE” wäre Alimentierung, andere Entwicklungshilfe a la nettocash geht rein praktisch oft Richtung Korrumpierung.

    Wenn Sie schon schulen wollen, also die sittliche Verfassung heben und die Infrastruktur, warum schreiben Sie dann davon, dass der “Westen” ausbeutet? Wie hörte sich sowas an, wenn ein vom “Westen” entsendeter Schulender derart vorträgt?

    Helfen kann man dagegen recht gut, wenn man kulturelle Standards empfiehlt.
    Zurückgebliebene Länder schaffen den Anschluss übrigens gerne auch alleine, und zwar nachdem sie sich von ihren kaputten Systemen gelöst haben.

    MFG
    Dr. W

  40. @Dr. Webbaer

    Wenn Sie schon schulen wollen, also die sittliche Verfassung heben und die Infrastruktur, warum schreiben Sie dann davon, dass der “Westen” ausbeutet? Wie hörte sich sowas an, wenn ein vom “Westen” entsendeter Schulender derart vorträgt?

    Nun, sicher befreiend für die Betroffenen. Und es entspricht leider der Realität: Die ganze Idee einer privaten Altersvorsorge basiert nämlich implizit darauf, im weniger entwickelten Ausland zu ‘investieren’, um dann von dort ein Altenteil abzuzweigen. Einfach weil man Kapitalismus exportiert indem man den Einwohnern Kredite gewährt, die sie dann indirekt zur Arbeit für den Kreditgeber zwingen – Verschuldung war schon immer das beste Mittel gegen Selbstbestimmung.

    Allerdings meinte ich mit Lehren im Land weder sittliches noch kulturelles Dozieren. Vielmehr ginge es eher um Vermittlung technischer oder medizinischer Fähigkeiten oder einfach auch besserer Allgemein-Bildung der Kinder in ihrer Kultur – schon bei wirtschaftlichen Fragen ist Lehren sehr problematisch. Denn viele dieser Länder haben eine ganz andere Einstellung zum Leben und diese ist nicht schlechter als unsere, sondern oft sogar lebenswerter. Der Ökonom Marglin verweist sehr treffend darauf, dass das westlich-ökonomische Denken die Gemeinschaft unterwandert und auch den Genuss einfacher Freuden (The Dismal Science: How Thinking Like an Economist Undermines Community): Denn warum soll man sich denn zwei Ziegen anschaffen, wenn man mit einer ausreichend leben kann und doch noch Zeit für den Sonnenuntergang hat?

    @Stephan hat dieses Problem oben mit seinem Verweis auf Russells Lob des Müßiggangs auch angesprochen. Nur kann man das in einem reinen Effizienz-Denken (wie es heute existiert) nicht umsetzen, denn mit Aufteilung von Arbeit auf mehrere Personen wird diese Arbeit zwar menschlicher, aber auch teuerer. Und nur das Ökonomische lässt sich objektiv messen. Man müsste also vom Messen weggkommen – und das ginge nur über wirklich freie Entscheidung für oder gegen bestimmte Arbeit, also mangels privater Kleingärten mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

  41. Herr Atiga

    Allerdings meinte ich mit Lehren im Land weder sittliches noch kulturelles Dozieren. Vielmehr ginge es eher um Vermittlung technischer oder medizinischer Fähigkeiten oder einfach auch besserer Allgemein-Bildung der Kinder in ihrer Kultur – schon bei wirtschaftlichen Fragen ist Lehren sehr problematisch. Denn viele dieser Länder haben eine ganz andere Einstellung zum Leben und diese ist nicht schlechter als unsere, sondern oft sogar lebenswerter.

    Glückliche Leute in fremden Ländern oder zumindest in ihrer möglichen Glücklichkeit bereits gut angelegt. [1]
    Und technische Fähigkeiten meinen begrifflich auch den Bau von Massenvernichtungsmitteln.

    Es erklärt sich dem Schreiber dieser Zeilen nicht wie jemand anderen lehren will, der an nichts glaubt. [2]

    Dass realiter die Entwicklungshelfer so eingestellt sind, kann durchaus sein, aber sie leisten dann eben auch wie beobachtet.

    Ja, schwierig, kulturalistische Sichten gehen nicht, so dass sich wohl die Länder letztlich selbst helfen müssen.
    Im ehemaligen Ostblock ging das recht locker, gell.

    MFG
    Dr. W

    [1] Glück, wenn auch nicht für alle, ohne Menschenrecht sozusagen
    [2] außer eben daran, dass es OK ist an alles zu glauben

  42. @Dr. Webbaer: Glauben vs. Vorgeben

    Es erklärt sich dem Schreiber dieser Zeilen nicht wie jemand anderen lehren will, der an nichts glaubt.

    Nun, ich glaube an sehr vieles – nur eben nicht daran, dass mein oder irgendein Glaube allgemeinverbindlich ist. Ich verstehe aber, dass es schwer fällt diesen Unterschied zu verstehen 😉

    Aber gerade aus solcher Sicht scheint mir wirkliche Hilfe bei der Entwicklung möglich: Kann man doch die Kultur des jeweiligen Landes aufzunehmen versuchen, fortzuschreiben und als Ausländer anzuerkennen. Das gibt den jeweiligen Völkern mehr Selbstvertrauen als jede Vorgabe, wie sie zu sein hätten. Und mit Selbstvertrauen können sie dann sowohl Technik als auch Kultur und Wirtschaft der Fremden kritisch hinterfragen. Insofern kann ihnen Bildung gerade helfen, sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen – wie es im ehemaligen Ostblock geschah. Dort hat man nämlich das westliche System meist sehr unkritisch übernehmen müssen…

    Und technische Fähigkeiten meinen begrifflich auch den Bau von Massenvernichtungsmitteln.

    Sicher – aber das dürfte in Entwicklungsländern nicht deren erste Beschäftigung sein. Und wenn – haben sie nicht genausoviel und genausowenig Recht dazu wie wir?

  43. So werden

    Dr. Webbaer und Kommentatorenfreund Atiga wohl nie miteinander warm werden:

    Insofern kann ihnen Bildung gerade helfen, sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen – wie es im ehemaligen Ostblock geschah. Dort hat man nämlich das westliche System meist sehr unkritisch übernehmen müssen…

    Wieso ‘müssen’? Merken Sie eigentlich noch etwas?

    Und technische Fähigkeiten meinen begrifflich auch den Bau von Massenvernichtungsmitteln. (Dr. Webbaer)

    Sicher – aber das dürfte in Entwicklungsländern nicht deren erste Beschäftigung sein. Und wenn – haben sie nicht genausoviel und genausowenig Recht dazu wie wir?

    Hat ein Irrer das Recht oder nicht das Recht eine Waffe zu tragen wie ein Polizist?

    MFG
    Dr. W (der sich nun ausklinkt)

  44. @Dr. Webbaer: War zu erwarten

    ‘Müssen’ eben nicht als Folge von Zwang, sondern als Folge von Unwissenheit – haben Sie mal über die verschiedenen Formen von Macht sinniert? Wenn nicht, so ist sicher das empfehlenswert: Byung-Chul Han, Was ist Macht?

    Hat ein Irrer das Recht oder nicht das Recht eine Waffe zu tragen wie ein Polizist?

    Und wer ist hier der Irre? Sie sind sicher der Meinung, dass wir das sind, oder?

  45. @Stephan Schleim

    “Ich kann Ihnen aber auch nicht “den Weg” dorthin predigen.”

    – DOCH, das müssen sie als Mensch sogar, und wenn ich sehe der Weg ist ok / Menschlichkeit fusionierend, dann folge ich sogar gerne und somit stärkend!

    Wer sich aber immer auf die “Experten” / Fachidioten des Systems verläßt, offensichtlich sogar “verdammtnochmal” fordernd / auf Teufel komm raus, der ist von Verantwortung im Sinne der uns alle gegebenen / evolutionär erlangten Vernunftbegabung sehr fern.

    Ehrlich gesagt: Ich sehe in ihrem (wie ich finde elitären und besonders “individualbewußten”) Text keine Kritik, nichteinmal eine Meinung, sondern nur den zeitgeistlich-geformten Populismus durch irgendeine Umweltbewegung wie die Grünen, die im Sinne der systemrationalen Konfusion für den “braven” Bürger auch nur in ihrer Angst gesteuert funktionieren und wie automatisch systemrational verkommen – Beispiele dafür könnte ich namentlich reichlich nennen.

    “Wenn die nur Gerechtigkeit versprechen, …”

    – dann ist das genau die Dummheit die die Masse sich mit ihrer immernoch leichten Verführbarkeit verdient hat!

  46. Korrektur

    “… auch nur in ihrer Angst gesteuert …”

    – da muß ich mich selbst noch einmal korrigieren, denn es muß lauten:

    … auch nur auf unserer Angst steuernd (bewußtseinsschwache Surfer auf dem Zeitgeist) …

  47. Herr Schleim,

    Ihr Schleim ist eklig, da er jeglichen gesunden Menschenverstand widerspricht.

    Ist ja elig, was da aus Ihrem Maul herausfault, es nist alles falsch, wnn man einmal NACHDENKT, aber gerade dieses NACHDENKEN it nicht ihre sache, gell???????

  48. @ Martin Holzherr

    Jein .Ich stimme zu , daß die “verweigerte” De-Indutrialisierung ein richtiger Weg war , anders als etwa GB , daß sich zu sehr auf seine Finanzmärkte verläßt.

    Ein erheblicher Teil der deutschen Wettbewerbsfähigkeit existiert aber nur scheinbar , weil sie auf der Ausweitung des Niedriglohnsektors beruht und auf der Erhöhung des Drucks auf die Arbeitnehmer insgesamt.

    Das ist keine substanzielle wirtschaftliche Stärke und wird auf Dauer so nicht durchzuhalten sein , außerdem ist es höchst fragwürdig , seine Wettbewerbsfähigkeit auf Kosten der Menschen (scheinbar) auszubauen.

    Deutsche Forderungen nach einer Übertragung deutscher Verhältnisse auf andere Länder mögen an den Chancen der Südländer etwas verbessern , aber nur – wie bei uns auch – was die Verbesserung der offiziellen Wirtschaftsdaten angeht , die Menschen im Land werden dabei nicht mitgenommen , es geht dabei quasi um eine Korrektur nach unten .

  49. @DH: D übertrifft qualitativ Nachbarn

    Der in gewissen politische Kreisen beliebte Spin, D sei nur wettbewerbsfähiger wegen unsozialen Billiglohnsektor, den auch sie in ihrem Kommentar aufgreifen, ist falsch. Richtig dagegen ist, dass D die EU-Konkurrenten in der Wertschöpfung und in der Qualität der hergestellten und exportierten Produkte übertrifft und das bei – da gebe ich ihnen recht – sicher nicht überhöhten ,eher bescheidenen Facharbeiterlöhnen. Dazu kommt eine höhere Arbeitsflexibilität in D, was bedeutet, dass in D dann mehr gearbeitet wird, wenn es mehr Arbeit gibt und dann weniger, wenn die Auftragslage schwach  ist. Ganz anders als selbst in Frankreich, wo streng nach Abmachung die Leute an der Arbeitsstelle bereitstehen oder in die Ferien gehen völlig unabhängig von der Auftragslage. D hat zudem mehr als 100 KMU’s, welche Weltmarktführer in ihrer Nische sind.
    Der deutsche Billiglohnsektor verbessert die Wettbewerbsfähigkeit D’s nur gering. Er senkt aber die Arbeitslosigkeit und vermindert einige der zugehörigen sozialen Probleme. Selbst “bessergestellte” EU-Länder wie Frankreich und Italien haben dagegen eine Jugendarbeitslosigkeit über 25%, von Spanien und Griechenland mit über 50% gar nicht zu sprechen.
    Viele Leute, die über die Verhältnisse in D klagen wissen wenig wie die Verhältnisse in Italien, Frankreich oder in den Peripherieländern sind. In Italien z.B gibt es wie das auch von Deutschland behauptet wird eine Generation Praktikum und viele befristete Anstellungen.  Zusätzlich aber gibt es noch eine tendenziell steigende Arbeitslosigkeit und ein seit 10 Jahren sinkendes Pro-Kopf -BIP.

  50. Was natürlich

    den Euro killen wird:

    Selbst “bessergestellte” EU-Länder wie Frankreich und Italien haben dagegen eine Jugendarbeitslosigkeit über 25%, von Spanien und Griechenland mit über 50% gar nicht zu sprechen.

    Da macht es auch den Braten nicht fett, dass die Schweizer vielleicht 12% mehr arbeiten p.a. als Deutschland und die Franzosen vielleicht 5-7% weniger.

    Wo bleiben eigentlich die Zukunftsforscher um hierzu festzustellen? Keine Forschungsgelder, gell.

    MFG
    Dr. W

  51. Arbeit um jeden Preis

    “Er senkt aber die Arbeitslosigkeit und vermindert einige der zugehörigen sozialen Probleme.”

    Senkung der Arbeitslosigkeit um jeden Preis ,das kann nicht Zweck der Übung sein, Arbeiten ist nicht von Natur aus etwas Göttliches , so wie es in Deutschland so häufig dargestellt wird.

    Wenn Märkte nicht in der Lage sind , höhere Löhne abzuwerfen , sind sie halt obselet.
    Diese repressive Arbeitsmarktpolitik wird uns über kurz oder lang auf die Füße fallen , spätestens , wenn die Exporte mal zurückgehen (was aufgrund des hohen Niveaus irgendwann absehbar ist) und wir auf unseren schwachen Binnenmarkt zurückgeworfen werden .

    Oder die Menschen entziehen dieser Vorgehensweise das Vetrauen , auch das ist absehbar.

  52. Ganz süsse Katzenphotos!! Hier =>

    Bevor ich mein Zukunftsmodell der Universität erkläre, möchte ich noch einige BGE Aspekte herausgreifen:

    Mit BGE kann man den risikoreichen Weg Bachelor, Master, Dissertation, Postdoc, Habilitation, Professor gehen, ohne ständige Sorgen, wie ernähre ich mich oder meine Familie (Denn Frau und Kind erhalten ja auch das BGE). Das BGE ist wie eine feste, monetäre Eisschicht, die mich nicht ins kalte Wasser der Existenzangst einbrechen lässt. [Der Gedankengang lässt sich auch auf freie Journalisten übertragen].

    Ein anderes Beispiel: Nach BGE (z.B. 1.000 Euro) können wir sicher sein, jede Prostituierte macht das weil sie w i l l , nicht weil sie m u s s. Auch hier bitte bedenken, das Kinder und Frau/Mann auch das BGE erhalten. Aus Not wird sich also niemand mehr hinstellen müssen, sondern „nur“ des Geldes wegen, was natürlich ok ist (aus Sicht: (Echt) freiwilliger Entscheidungen)!

    Aus meiner Erfahrung als Offizier möchte ich diesen Gedanken mit einbringen: Ein BGE in Entwicklungsländern (Stichwort: Entwicklungshilfe, siehe dazu meinen letzten Kommentar) führt zum Wegfall des wichtigsten Faktors um Dritte-Welt-(Banden)Kriege führen zu können, die Massenrekrutierung von einfachen Fußsoldaten. Diese werden derzeit aus einem großen Pool von Menschen angeworben, die in dauerhafter existenzieller Not und Hunger leben und ein Soldatenleben als würdevoller empfinden als ihren hoffnungslosen Zustand, trotz des Risikos als Soldat das eigene Leben zu verlieren. (Konsequenz: Dann müssen die Generäle und Diktatoren s e l b s t gegeneinander kämpfen, oder würden Sie mit genügend hohem, Menschenwürde ermöglichenden BGE, ihr Leben [Sinnlos] riskieren und auf einen (Fußsoldaten)-Feind schießen der ja auch (!) BGE hat, also dasselbe denkt wie Sie [Im Sinne von: “Was mach ich hier eigentlich?”]? Damit Diktatoren sich später alles einkassieren? Einfach mal weiterspinnen den Gedanken…)

    Weiterer Aspekt: Bei Naturkatastrophen wie Tsunamis (z.B. Fukushima), Erdbeben, Überschwemmungen (z.B. Deutschland, Oderflut), Hurrikan, LangzeitEvakuierungen wie Tschernobyl usw. wären meine Familie und ich, mit einem BGE handlungsfähig (und bleiben es). Natürlich können und sollen trotzdem Hilfsorganisationen und Rettungsdienste helfen, aber die Betroffenen wären weniger abhängig von äußerer Hilfe. Auch wenn die Betroffenen in die umliegenden Städte kommen, sind sie nicht die „mittellosen, obdachlosen Flüchtlinge“ die nur „Kosten“ verursachen, sondern durch die Kaufkraft des BGE natürlich herzlich willkommen. Die Grundbedürfnisse wären erst mal gesichert und die Betroffenen könnten viel schneller durchstarten und ihre Regionen wieder aufbauen, weitgehend ohne Bürokratie und Zettelkram und Abhängigkeit auf existenziellem Niveau. Ähnliches gilt auch bei persönlichen Katastrophen wie z.B. Haus/Wohnung explodiert/abgebrannt aufgrund z.B. eines Gasleck etc.

    Noch ein Zitat von Warren Buffet, das ich ergänzt habe:

    “Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer keine Badehose anhat.”

    Mit BGE haben wir alle eine Badehose an!

    So, jetzt aber wirklich die Zukunft der universitären Lehre, im nächsten Kommentar! Hoffe ich schaff das bis morgen.

  53. @DH:Auf lange Sicht wir alle arbeitslos

    In Abwandlung eines Spruches von John Maynard Keynes und als Antwort auf ihren Kommentarsatz: “Senkung der Arbeitslosigkeit um jeden Preis ,das kann nicht Zweck der Übung sein”
    sage ich: Auf lange Sicht sind wir alle arbeitslos
    Keynes ursprünglicher Satz heisst:
    Auf lange Sicht sind wir alle tot

    Lohnarbeit nimmt ab. Vor allem für wenig wenig Qualifizierte. Denn das Ziel war schon immer mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel zu erreichen. Die zunehmende Automatisisierung/Roboterisierung wird Arbeit früher oder später von der Pflicht zur Kür machen. Schon heute erhalten Wenig-Qualifizierte nur noch Mickerlöhne. In Bangladesh beispielsweise 30 Euro pro Monat. Für 500 Euro pro Monat könnte heute schon eine Maschine die gleiche Arbeit erledigen. Und bald schon wird es wohl ein Grundeinkommen ohne jede Arbeit geben und das früher oder später weltweit.
    Glauben sie nur nicht, dass das eine glücklichere Welt sein wird. Es gibt dann einfach andere Probleme – nicht unbedingt einfacher lösbare.

  54. Das bedingungslose Grundeinkommen

    Das BGE ist wie eine feste, monetäre Eisschicht, die mich nicht ins kalte Wasser der Existenzangst einbrechen lässt.

    …kann nur die Bedürftigkeit bearbeiten, nicht soziale Mindeststandards einer besonderen Güteklasse setzen und Millionen von Bürgern glücklich machen.

    Denn jemand muss es ja auch zahlen.

    Die Bedürftigkeit dagegen kann durch das BGE ganz hervorragend bearbeitet werden, so kann der Sozialapparat stark abgeschmolzen werden und die Effizienz der Bearbeitung der Bedürftigkeit deutlich gesteigert werden. Zudem gehört das Hinzuverdiente abzüglich Steuern dem Verdienenden, was Kräfte zu wecken in der Lage ist. Der Ist-Zustand dagegen, naja, …

    Ein wichtiges Argument für die Einführung des BGE ist aber die Annahme, dass die Bedürftigkeit durch das BGE nicht ansteigt.

    Als Wohlfühlkissen ist das BGE also nicht geeignet.

    MFG
    Dr. W

  55. @Stephan Goldammer

    “Ein BGE in Entwicklungsländern …”

    – wie kommen sie denn auf deeen Bolzen, die “Idee” des BGE wäre eine für die Globalisierung???

    Das BGE wird vielleicht, aber nur sehr vielleicht, eine nationalsozialistische Umsetzung erfahren, aber SICHER wird es wegen der kreislaufenden Symptomatik des Wettbewerbs und seines Aktienhandels KEINE für den “Rest der Welt” – aber wirklich-wahrhaftig NACHHALTIG die Resourcen schonend für die Profitler dieses Systems!!!

    Es ist immer wieder erschütternd, wie oberflächlich / ignorant-arrogant, zeitgeistlich und egozentriert (“individualbewußt” konsum- und profitautistisch) die Wohlstandsmenschen der westlichen Welt- und “Werteordnung” funktionieren – eben die gutbürgerliche Bildung zu SKM auf SBS, im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies”!? 😉

  56. @Horst: Wege predigen

    Ich fürchte eben, dass Leute damit aufhören, selbst zu denken, wenn man ihnen “Wege” predigt, zumal einfache Wege. Ich wünsche mir, dass wir alle kritisch bleiben und nachfragen, auch gegenüber dem, was ich hier schreibe.

    Als ich dazu eingeladen wurde, diesen Blog zu beginnen, ging es mir nie um politische Meinungsbildung. Das Gebiet ist für mich gewissermaßen neu und ich habe mich dem langsam und zögerlich genähert. Einige gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen machen es mir aber persönlich schwierig, hier nicht über bestimmte (auch politische) Probleme zu schreiben.

    Ehrlich gesagt: Ich sehe in ihrem (wie ich finde elitären und besonders “individualbewußten”) Text keine Kritik, nichteinmal eine Meinung…

    Nun, da Sie das scheinbar nicht nur an meiner gehobenen Sprache festmachen, die ich mir eben im Laufe der akademischen Laufbahn angeeignet habe, sondern auch an meinem Inhalt, würde ich mich tatsächlich darüber freuen, wenn Sie mir dies genauer erklären. Sie schreiben ja, “Beispiele dafür könnte ich namentlich reichlich nennen”.

  57. @Holzherr: Hartz IV und Billiglohn

    Begonnen durch die rot-grüne Bundesregierung, für die ich 1998 gewählt zu haben mich heute schäme, gab es einige Zwangsmaßnahmen, die tendenziell ärmere und weniger wettbewerbsfähige Menschen stärker unter Druck setzen:

    Ein Beispiel ist die staatliche Bezuschussung von Arbeit, die zum erzielen eines existenzsichernden Minimum-Lohns unzureichend ist, sogenannte “Aufstocker”. Die Regierung profitiert dadurch, dass diese Menschen nicht mehr in Arbeitslosenstatistiken auftauchen; für die Unternehmen wird die Arbeit dieser Menschen dann noch billiger (d.h. noch wettbewerbsfähiger). Volkswirtschaftlich gesprochen ist dies eine staatliche Subventionierung von Billigarbeit, die durch staatliche Kontroll- und Zwangsmaßnahmen begleitet wird, die Deutschland “wettbewerbsfähiger” machen als andere EU-Länder.

    Eine Konsequenz durch Maßnahmen wie diese und weitere (z.B. entwürdigende staatliche Kontrollen zuhause oder auch auf Facebook), werden Menschen nicht nur verängstigt und ausgegrenzt, sondern auch alle diejenigen, die eigentlich eine existenzsichernde Arbeit haben, werden verängstigt; weil sie verstehen, dass es ihnen eines Tages genauso gehen könnte (z.B. nicht aufgrund selbst zu verantwortender Fehler, sondern aufgrund von Schicksalsschlägen oder Fehlentscheidungen von Managern, Investoren, Spekulanten usw.).

    Dass die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern so erschreckend hoch ist, ist für mich nur ein weiteres Beispiel für die Benachteiligung jüngerer. Ich kenne viele jüngere Menschen, die für gleiche oder sogar höherwertige Arbeit weniger Geld bekommen, einfach nur deshalb, weil sie später in die Arbeitswelt eingestiegen sind als andere. Das ist unsolidarisch und ungerecht.

    Um diesen Aspekt ging es mir primär im Beitrag. Die jüngeren Menschen von heute sind nicht von den älteren zu beneiden, sofern sie nicht mehr in den Genuss von Privilegien kommen, das für vorherige Generationen noch selbstverständlich waren (sichere Anstellung, geregelte Arbeitsbedingungen, ordentliche Studienbedingungen etc.).

  58. @Schleim:D ist eine gerechtere Gesellsch

    Sie haben einem wichtigen Anliegen einen gutgeschriebenen Beitrag gewidmet. Das Traurige daran ist aber, dass ihr Adressat, Deutschland und seine östlichen und nördlichen Nachbarländer besser abschneiden als die Süd- und Krisenländer wenn es um Generationengerechtigkeit geht. In Ländern mit rigidem, stark regulierten Arbeitsmarkt, wie Italien, Frankreich, aber auch Spanien werden Menschen, die Arbeit haben vor denen geschützt, die neu in den Arbeitsmarkt kommen. Deshalb die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenstaaten und deshalb zum Teil überhaupt die hohe Arbeitslosigkeit, denn wenn eine Firma niemanden entlassen kann, sondern gleich sofort beim ersten Einbruch Konkurs anmelden muss, wird niemand gern eingestellt.
    Sicher könnte es in Deutschland’s Arbeits- und Studenten- “Markt” gerechter und besser zugehen. Es könnte aber ohne Weiteres auch noch Schlechter sein – dafür gibt es genügend reale Beispiele.

  59. @Holzherr: gut vs. schlecht gehen

    Das ist ja gerade mein Punkt: Warum denken wir nicht einmal darüber nach, wie es unseren Nachbarn und uns gut gehen kann, anstatt darauf zu verweisen, dass es uns ja noch viel schlechter gehen könnte und anderen auch tatsächlich schlechter geht. Ihren Einwand finde ich in dieser Hinsicht genauso einlullend wir das “Wir beneiden euch” der Zukunftsforscher.

    Diese tun ja so, als ob es uns nichts anginge, dass die Situation in Griechenland, Spanien und Italien so dramatisch ist. Falls Europa auseinanderbricht und falls es in diesen Ländern (wieder) Diktaturen gibt, dann wird das auch Deutschland betreffen.

    Dass diejenigen, die sich im Namen der freien Marktwirtschaft dermaßen verzockt haben, sich auf gesellschaftliche Kosten freikaufen konnten, wird die Generationen der Zukunft auf lange Zeit verfolgen. Bei jedem Vorschlag, den wir machen, wird man uns sagen: Sorry, dafür haben wir kein Geld übrig. Ohne faire Beteiligung derjenigen, die jahrelang vom System profitieren konnten, wird es daher in Zukunft nicht gerecht zugehen.

  60. @Schleim: mehr lokale, reg. Initiativen

    Die nationalen Grenzen, Mentalitäten, Regulationen und Denkverbote machen es schwierig, die Lenenssituation von Menschen ùber Landesgrenzen hinweg zu ändern.
    Als Außenstehender fällt es leicht, Fehlentwicklungen festzustellen, aber denjenigen, die diese Fehlentwicklungen mitverantwortet haben, fällt es schwer dies einzugestehen und etwas zu ändern. Ein paar Beispiele: In Frankreich machen 85% das Abitur und die Hälfte studiert anschliessend. Eine Lehre oder berufsbegleitende Ausbildungen gibt es nicht. Jede manuelle Tätigkeit hat in Frankreich deshalb das Stigma des schulischen Versagens. Französische Politiker und Bürger sind aber bis jetzt stolz darauf, dass das von Napoleon kreierte Ausbildungssystem, das auf die Bildung einer Elite abzielte nun allen zugänglich ist. In Frankreich kann nun jeder zur Elite gehören. Doch das Fehlen eines Mittelbaus in der Ausbildung, die Existenz nur zweier Extrems, dem Studierten und demjenigen, der überhaupt keine Ausbildung hat ist von außen gesehen ein schwerwiegender Fehler.
    Beispiel 2 Deutschland: Deutschland scheint das Exportieren in den Genen zu haben und ist immer noch Vizeweltmeister im Export. Doch im Euroverbund ist diese Exportfixierung problematisch.Viel besser wäre es für die übrigen Euroländer, wenn die Deutschen mehr konsumieren und mehr importieren würden.
    Doch sowohl Frankreich als auch Deutschland wird sich in dieser Beziehung nicht schnell ändern.
    Die starke nationale Ausrichtung der Euroländer verhindert das gegenseitige Lernen. Vielleicht wäre ein Europa der Regionen besser als ein Europa der Nationen. Regionen könnten sich dann grenzüberschreitend gegenseitig inspirieren und die Charakterfehler der Nationen würden nicht mehr so lähmend wirken.

  61. @ Martin Holzherr

    “Auf lange Sicht sind wir alle arbeitslos”

    Schöne Ableitung , allerdings hilft sie denen nicht , die im Moment strukturell gedrückt werden.

    “Denn das Ziel war schon immer mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel zu erreichen. “

    So ist es , und dieses Ziel ist geradezu überlebensnotwendig.

    Jahrhundertelang hat die Menschheit davon geträumt , der bis vor ganz kurzer Zeit noch in großen Teilen sehr schweren Arbeit zu entrinnen.
    Jetzt nähern wir uns diesem Ziel und plötzlich wird der Traum als Problem begriffen.

    Ich stimme Ihnen zu , aufgrund der – hoffentlich weitergehenden – Rationalisierung der Arbeit werden andere Formen des Einkommens gefunden werden müssen , in der Diskussion in diesem Thread wurde viel Interessantes dazu geäußert.

    “Glauben sie nur nicht, dass das eine glücklichere Welt sein wird. Es gibt dann einfach andere Probleme – nicht unbedingt einfacher lösbare.”

    Sehe ich genauso , das Paradies wird nicht ausbrechen ,allein die heraufziehende ökologische Krise dürfte uns intensiv beschäftigen (ist aber auch eine Chance) .

  62. Verantwortung & Alternative

    1. Also der einfachste Weg, weil “einfach gewohnt”, ist die Übertragung durch Kreuzchen auf dem Blankoscheck – in diesem Sinne ist das Denken in der Realität des geistigen Stillstandes abgeschaltet, für das herkömmliche Tititainment im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um …!

    2. Mit namentlicher Bennenung habe ich hauptsächlich die “Treuhänder” der SCHEINBAR alternativen Politik gemeint!

    3. Wenn man ihren “ärgerlichen” Text über diese “Zukunftsforscher” liest, dann haben sich aber doch auch ein predigendes Sendungsbewußtsein, allerdings OHNE ein eindeutiges Bewußtsein für … – das ist doch typisch für Bildung in SKM auf SBS!? 😉

  63. @Stephan Schleim

    “Warum denken wir nicht einmal darüber nach, wie es unseren Nachbarn und uns gut gehen kann, anstatt darauf zu verweisen, dass es uns ja noch viel schlechter gehen könnte und anderen auch tatsächlich schlechter geht.”

    In diesem Zusammenhang, möchte ich NACHDRÜCKLICH auf meinen Beitrag vom 23.05.2013, 19:48 hinweisen, solange einer wie ich dies noch kann, ohne wie schon geschehen ans Kreuz genagelt zu werden!!!

  64. Gutgehen

    Kann damit

    Warum denken wir nicht einmal darüber nach, wie es unseren Nachbarn und uns gut gehen kann, anstatt darauf zu verweisen, dass es uns ja noch viel schlechter gehen könnte und anderen auch tatsächlich schlechter geht.

    …zusammenhängen, dass das Gut-Gehen undefiniert ist, also beliebig, während der Vergleich Datenlagen (“Fakten”) bemüht und demzufolge vglw. fest ist.

    Zufriedenheit entsteht im Vergleich. [1]

    MFG
    Dr. W

    [1] Also: grundsätzlich: in D anscheinend nicht, dort geht es den Leutz gut und es wird gejammert und der Grund scheint gerade der zu sein, dass ‘wir (…) darüber nach[denken], wie es unseren Nachbarn und uns gut gehen kann’ – hier also ein wohl wichtiger Krisengrund liegt: Man ist zu schlau.

  65. “So, jetzt aber wirklich die Zukunft der universitären Lehre, im nächsten Kommentar! Hoffe ich schaff das bis morgen.” … hatte ich am 25.Mai geschrieben … Wow 🙂 Es ist ein bisschen später geworden 😉

    Das Zukunftsmodell gibt’s jetzt hier:

    https://plus.google.com/106110585362718948544/posts/gnchJTNbcQ3

    @Stephan Schleim: Es gibt (so wird man mir sicher zustimmen können) Defizite in der Vermittlung von Wissen über Wirtschaft, Geld (+ “Beliebiges anders Thema”) in die Öffentlichkeit. Sehen Sie hier einen Ansatz durch eLearning (speziell Online-Vorlesungen) eine Verbesserung herbeizuführen?

  66. @Goldammer:

    Interessante Ideen, vielen Dank. Da ich keinen Google-Plus-Account habe beziehungsweise diesen nicht benutze, kann ich Ihnen nur hier antworten.

    Ihre Liste mit Vorschlägen für das eLearning habe ich mit großem Interesse gelesen. Bitt bleiben Sie am Thema dran.

    Meine größte Sorge über eLearning ist eigentlich eine Persönliche: Was man online sagt und schreibt, das ist potenziell für immer dort. Nun könnte man erwidern, dass das ja beim Bloggen nicht anders ist und man das bewusst in Kauf nimmt. Eine 90-minütige Vorlesung ist aber eine Live-Performance und man kann anders als in einem Text nicht (theoretisch) beliebig lange über jeden Satz nachdenken.

    Nun gibt es leider manche Leute, die nur darauf warten, sich auf irgendeinen Fehler oder sei es nur eine Uneindeutigkeit zu stürzen (ich schreibe ja selbst gerne kritische Leserbriefe). Hinter dem, was ich in meinen wissenschaftlichen Publikationen oder auch in meinen Blogposts schreibe, stehe ich voll und ganz; es muss aber auch einen Raum geben, in dem man Ideen etwas freier ausdrücken kann, ohne dass man dafür gleich öffentlich abgeschlachtet wird.

    Negative Erfahrungen habe ich damit gemacht, dass Dritte Kommentare aus (Blog-) Diskussionsforen aufgreifen und darum herum eigene Posts stricken. Wohlgemerkt, sie hätten ja die Freiheit, sich an der Diskussion im Forum zu beteiligen, für alle auf Augenhöhe, bringen die Sache stattdessen aber auf die Titelseite, in der Form: “Der Schleim hat gesagt…” Auch wenn ich denke, das ich mich in den drei Fällen, an die ich mich erinnere, erfolgreich verteidigt habe, waren das doch zeitraubende Aufgaben.

    Wenn ich jetzt meine Vorlesungen online stelle, wird mir das gegenwärtig wenig Lob oder Vorteil verschaffen, potenziell aber heute und auch noch in Jahren Arbeit und Ärger bereiten. Da ich ja auch weiterhin blogge und diskutiere, sehen Sie, dass ich mich von so einem Risiko nicht generell abschrecken lasse; aber die Balance muss eben stimmen. Die Online-Diskussionskultur ist doch im Allgemeinen unter aller Sau; ob die Perlen darunter den Aufwand rechtfertigen, ist eine Frage, die ich mir seit gut zehn Jahren immer wieder stelle.

    Da mich Studierende aus dem Ausland angeschrieben haben, die meiner Vorlesung folgen wollten, habe ich nun zum ersten Mal die Audiodateien online gestellt (ohne Garantie für Tonqualität und Service). Mal schauen, ob die Studierenden darauf in der Evaluation reagieren.

    Derweil probiere ich immer wieder neue Sachen aus. Der Versuch, die Studierenden zu einem Essay darüber einzuladen, was ihrer Meinung nach im Studium besser sein könnte, war kein Erfolg (beim ersten Mal kamen 5%, auf den Aufruf für eine freiwillige vertiefende Sitzung reagierten nur 0,5%).

    Demnächst biete ich mit einer Doktorandin einen Mini-Kurs über Gender-Theorie an, was an unserem Institut leider nicht gelehrt wird. Der Deal: Keine Note, keine Credits, nur aus Interesse mitarbeiten. So etwas gibt es heute an den Unis ja kaum noch. Im Übrigen kriege ich dafür auch keine Credits (sogenannte dagdelen, über die meine Aufgaben abgerechnet werden); wenigstens konnte ich der Doktorandin aber für ihre Zeit einen Hilfskraftvertrag verschaffen.

    Schließlich möchte ich den Studierenden eine Open Class anbieten, eine Art Gruppensprechstunde, in der sie aktuelle Fragen zu meinem Kurs oder auch dem Studium im weiteren Sinne diskutieren können. Ich denke da an eine Stunde alle zwei Wochen. Abwarten, ob Leute dann kommen (in meine reguläre Sprechstunde kommt ja so gut wie nie jemand und wenn, dann meistens nur zur Einsicht in die Klausur, um die Note für die Wiederholung zu verbessern).

    Ich werde sehen, wie sich das entwickelt, und bei Gelegenheit darüber berichten. Zurzeit freue ich mich insbesondere, dass wir in meiner Vorlesung “Philosophy of Psychology” (Wahlpflichtfach im dritten Jahr im Bachelor Psychologie) endlich einmal etwas Diskussion haben; und zwar meine ich damit Fragen, die zeigen, dass die Studierenden selbst ein, zwei Schritte weiterdenken.

    Schönes Beispiel: In meine Vorlesung über das Leib-Seele-Problem kamen in der Einheit über Descartes’ Dualismus die Rückfrage, wie es denn passe, dass Descartes den Tieren eine Seele absprach, wo doch auch Tiere über eine Zirbeldrüse verfügen (die Zirbeldrüse ist der Ort, an dem Descartes die Interaktion zwischen Seele und Körper vermutete). Damit wurde zwar nicht gerade ein Widerspruch in Descartes Philosophie aufgedeckt aber immerhin ist es doch eine berechtigte Frage, wie das zueinander passt; eine Frage, die mir selbst nie gekommen war.

    Hochschullehre als Tabu-Bereich: Lehre ist in Deutschland insofern ein Tabu, als unter Professor/innen nicht darüber kommuniziert wird. Bei geschlossener Seminartür geht es weder die Kolleg/innen noch das Rektorat/Präsidium etwas an, was inhaltlich im Seminar passiert. Professor/innen reden nur unter ganz bestimmten Bedingungen auch untereinander über Schwierigkeiten der eigenen Lehre. Ein noch heikleres Tabu ist der Besuch der Veranstaltung eines Kollegen. Warum ist dies so? (Tabus an der Hochschule)

    Vielleicht sehen wir uns dort! 🙂

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