“Sitzenbleiben ist sinnlos”

Bekenntnis eines Sitzenbleibers. Oder: Wer entscheidet die Zukunft von Kindern?

Heute muss ich eine Lanze brechen. Und zwar fürs Sitzenbleiben.

Vielleicht wussten Sie es noch nicht: Sie lesen hier im Blog eines überzeugten Sitzenbleibers.

Jedoch erst noch einmal einen gedanklichen Schritt zurück:

Letzte Woche reiste ich zurück aus Deutschland, wo ich dem Öffentlichen Rundfunk ein Interview gegeben hatte, in die Niederlande. Im Zug war es voll. Es war ein Freitag. Und viele fuhren für ein Wochenende in Amsterdam in dieselbe Richtung.

Willkommen bei den MENSCHEN-BILDERN. Schön, dass Sie vorbeischauen. Ein Gruß aus den Niederlanden. Foto: Maayke Klaver

Selbstgewisse Studienrätinnen

Ich hatte mit Mühe einen Sitzplatz gefunden, da hörte ich schon das Gespräch dreier Mitreisender. Es waren junge Studienrätinnen, also Lehrerinnen, die Sich über den Nutzen des Sitzenbleibens unterhielten. Eine von Ihnen, die mir schräg gegenüber saß, wiederholte mehrmals laut und deutlich: “Sitzenbleiben ist sinnlos.”

Ich spürte den Drang, mich in das Gespräch einzumischen und vehement zu widersprechen; gleichzeitig war ich aber auch froh, endlich zu sitzen. Also vereinbarte ich mit mir selbst, wenigstens über das Thema zu schreiben und die Lehrerinnen in Frieden zu lassen.

Ein Milliardenschaden?

In den letzten Jahren gab es immer wieder diese Diskussionen über Kosten und Nutzen des Sitzenbleibens. Bringt das Wiederholen eines Schuljahres den Betroffenen überhaupt etwas? Zieht es womöglich die Leistung von Mitschülerinnen und -Schülern nach unten? Was kostet das Ganze überhaupt?

In den Niederlanden veröffentlichte 2015 das Büro für ökonomische Politikanalysen (wörtlich übersetzt heißt es eigentlich: “Zentrales Planungsbüro”, doch das hört sich wohl zu sehr nach China an), ein Institut des Wirtschaftsministeriums, Sitzenbleiben koste die Gesellschaft jährlich 500 Millionen Euro. Auf die Bevölkerung von Deutschland hochgerechnet ginge es damit um 2,5 Milliarden! Mit Verweis auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2009 kursiert hierfür jedoch die Zahl von “nur” einer Milliarde.

Mit dem Rotstift regieren

Es ist klar, welche politischen Forderungen sich in Zeiten forcierter Ressourcenknappheit an solche Berichte anschließen: Abschaffen! In den Niederlanden sollen die betroffenen Schülerinnen und Schüler in Sommerschulen ihren Leistungsrückstand aufholen. Auch in Deutschland diskutiert man den Vorschlag, mit dem Geld lieber “Problemschüler” individuell zu fördern, als sie ein Jahr widerholen zu lassen.

Über den Hintergrund der ökonomischen Berechnungen wird sehr wenig verraten. Ich erinnere noch einmal an meine Analyse von Krankheitskosten vor nicht allzu langer Zeit (Verursachen psychisch Kranke finanziellen Schaden?): Ergebnis war, dass diese Kosten vor allem auf dem Papier existieren, beziehungsweise sich volkswirtschaftlich an anderer Stelle wieder herausmitteln.

Unerwartete Kosten

Gefährlich ist an solchen Zahlen vor allem, dass sie suggerieren, das Geld ließe sich durch eine Verwaltungsvorschrift ganz einfach sparen. Dabei wissen wir nicht im Geringsten, was es die Gesellschaft kosten würde, wenn Schülerinnen und Schüler nicht sitzen bleiben könnten – und im Zweifelsfall eben von der Schule fliegen.

Dabei kann auch ein Schulabbruch die Gemeinschaft teuer zu stehen kommen. Wenn Menschen aufgrund schlechter Qualifikation keine Arbeit finden, wenn sie sich nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen ausgegrenzt fühlen, wenn sie aufgrund fehlender Bildung für Manipulationen anfällig sind, wenn sie sich schließlich vielleicht sogar radikalisieren, dann verursacht das nicht nur finanzielle Kosten. Nein, das Bildungssystem hat auch eine soziale und integrative Funktion.

Wie man testet, beeinflusst Ergebnis

Dazu kommt, dass der festgestellte Nutzen des Sitzenbleibens davon abhängt, wie man eben testet. So hieß es in der Psychologie-Zeitschrift Gehirn&Geist noch 2013, die “Ehrenrunde” bringe nichts (Schlechtes Zeugnis für die Ehrenrunde). In der aktuellen Ausgabe steht aber unter Berufung auf eine repräsentative Längsschnittstudie von mehr als 1300 Schülerinnen und Schülern und unter Beteiligung der Ludwig-Maximilians-Universität München: “Sitzenbleiben wirkt aus psychologischer und schulischer Sicht oft durchaus positiv.”

Ja, was denn nun? Bis diese Frage endgültig geklärt ist, bitte ich alle Bildungspolitikerinnen und -Politiker eindringlich, die Finger vom Sitzenbleiben zu lassen! Welche Reform seit dem PISA-Schock wäre denn erfolgreich gewesen, einschließlich Bologna (Fünfzehn Jahre Bologna-Erklärung – eine Polemik)? Dass diese Entscheidungen von oben für die Betroffenen dramatische Auswirkungen haben können, dessen ist man sich wohl kaum noch bewusst.

Theoretische Sicht

Ich möchte im Folgenden erst als theoretischer Psychologe und danach persönlich etwas zum Nutzen des Sitzenbleibens zu bedenken geben:

Ganz allgemein gesagt ist das Verhalten eines Organismus das Ergebnis der Interaktion von Körper und Umwelt: V = K x U. Das gilt auch für das Schulverhalten. Wir neigen aber dazu, vor allem in unseren westlichen Kulturen mit ihrer Praxis individueller Verantwortlichkeit, in erster Linie auf den einzelnen Menschen zu schauen, also das K oder hier konkret ein Schulkind, und den Beitrag der (auch sozialen) Umwelt zu übersehen.

Neue Umwelt

Das Sitzenbleiben ist eine Intervention, die das Schulkind in eine (begrenzt) andere Umwelt versetzt: Neue Mitschülerinnen und -Mitschüler, neue Lehrerinnen und Lehrer. Die Chance, einen neuen ersten Eindruck zu erwecken, wird durch das Stigma “Sitzenbleiben” geschmälert.

Wenn jemand, wie die eingangs zitierte Studienrätin, felsenfest davon überzeugt ist, dass die Maßnahme sowieso sinnlos ist, dann steht das Urteil bereits im Voraus fest; ganz ähnlich, wie sich ein vermeintlicher Unterschichtenname wie Chantal oder Kevin schlecht auf die Note auswirken kann. Und schon in den 1960er Jahren haben Psychologen festgestellt, dass die Erwartungen der Lehrenden den Erfolg ihrer Schülerinnen und Schüler beeinflussen.

Verzerrte Wahrnehmung

Diese Beispiele zeigen, nebenbei bemerkt, wie Faktoren außerhalb des Individuums das sichtbare Verhalten beeinflussen, eben V = K x U. Dennoch geben wir üblicherweise jemandem die Schuld, wenn er oder sie sitzen bleibt; oder loben wir den- oder diejenige für ein sehr gutes Zeugnis.

Diese in der Psychologie Attributionsfehler genannte Verzerrung ist seit Jahrzehnten bekannt; dennoch urteilen wir tagtäglich so, ohne dass dies vielen von uns auffiele. Was wir tatsächlich mit individueller Kritik oder individuellem Lob tun, ist immer auch die Bestätigung der herrschenden Gesellschaftsordnung und ihrer Regeln.

Individuum oder Umgebung?

Zurück zum Sitzenbleiben: Dieses wäre nur dann von vorneherein sinnlos, wenn die Ursache für das schlechte schulische Funktionieren (nahezu) ausschließlich im Schulkind läge, also im K; dann könnte keine Änderung der Umwelt einen positiven Effekt erzielen. Solche Fälle gibt es sicher, dass jemand schlicht auf der falschen Schulform gelandet ist, dass jemandes Talente auf einem anderen Gebiet liegen, als es etwa das Gymnasium oder die Realschule erfordert.

Wie können wir das aber mit Sicherheit sagen? Wo wir doch nur das Verhalten insgesamt sehen und es großer wissenschaftlicher Bemühungen bedürfe, K und U sorgfältig auseinanderzudividieren? Die Debatte darüber, ob man als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt und wie viel genetisch prädeterminiert ist (engl. “Nature vs. Nurture”), wird doch schon seit dem 17. Jahrhundert geführt, ohne dass sich ein eindeutiges Ergebnis abzeichnet.

Im Zweifel für das Schulkind

Sollten wir uns im Zweifelsfalle also für die verengte ökonomische Effizienz entscheiden, die viele andere Aspekte von Kosten und Nutzen außen vorlässt, weil man sie nicht so leicht quantifizieren kann? Oder im Zweifelsfalle für das Schulkind, das eine zweite Chance in einer neuen Umgebung vielleicht doch besser nutzen kann als die erste? Und das in einem Land, das so früh wie kaum ein anderes über die schulische Zukunft entscheidet, nämlich im Alter von nur neun bis zehn Jahren.

Wenn sich freilich durch das Sitzenbleiben weder K noch U der Gleichung signifikant ändern und die Maßnahme zu einer reinen Warteschleife verkommt, dann ist es tatsächlich sinnlos, reine Zeit- und Geldverschwendung – und zwar aller Beteiligten! Darum ist es aber wichtig, nicht alle über einen Kamm zu scheren: Tumbes Wiederholen ist pädagogisch ebenso wenig sinnvoll wie ein generelles Wiederholungsverbot.

Mit anderen Worten: Eine maßgeschneiderte Intervention, die berücksichtigt, wo das Hauptproblem liegt, kann dem Schulkind eine wichtige zweite Chance geben. Eine hierfür förderliche Umwelt kann dann nicht nur das gewünschte Verhalten begünstigen, sondern langfristig auch den Menschen, das K in der Formel, in positiver Weise prägen, wie es schließlich der Sinn einer humanistischen Bildung ist.

Aus persönlicher Sicht

An diesem Punkt möchte ich mit meiner persönlichen Erfahrung enden. Ich werde das Gespräch mit einem Lehrer, nennen wir ihn Herrn P., auf dem Schulhof an einem sonnigen Tag im Frühjahr 1997 nie vergessen. Das Ende des Schuljahres näherte sich und es zeichnete sich ab, dass meine Versetzung gefährdet war.

Herr P., der mich schon jahrelang als Klassenlehrer und Tutor protegiert hatte, sprach mir Mut zu: Wenn ich den Lehrerinnen und Lehrern meinen guten Willen zeigen würde, dann könne er sich noch einmal für mich einsetzen. Ich wollte aber nicht mehr; dieses ewige “weiter so”, es gerade so zu schaffen, das fühlte sich nicht mehr gut an. Etwas musste sich ändern. Und das Sitzenbleiben schien mir dafür eine gute Gelegenheit.

Per Konferenzbeschluss vom 14. Juli 1997 wurde ich mit null Punkten in zehn von dreizehn Fächern nicht zur zwölften Klasse des Gymnasiums zugelassen. Ich blieb sitzen. Und das war gut so.

Auf dem Tiefpunkt meiner Schullaufbahn: Wegen Schulverweigerung erhielt ich in fast allen Fächern null Punkte. Die Zeit hatte ich mir stattdessen in der Stadt- oder Landesbibliothek oder der damals gerade entstehenden Onlinewelt vertrieben. Ich bekam eine zweite Chance in der Schule – und nutzte sie. Entscheidend dafür war aber auch eine andere Umwelt. Nur drei Jahre später würde ich das Gymnasium mit sehr guter Durchschnittsnote abschließen. (Namen und Unterschriften Dritter sind aus Gründen des Persönlichkeitsrechts unkenntlich gemacht.)

Neue Umgebung, neue Chance

Das wiederholte Jahr war oft langweilig, gab mir aber auch eine Verschnaufpause und Zeit zum Nachdenken. In der neuen Umgebung kannte man mich nicht als Schulversager. Die Jungs hatten Gerüchte aus wilden Zeiten gehört und daher Respekt vor mir. Ende des Jahres zog ich aus, im Alter von 17. Die neue Umwelt war zwar nicht unbedingt dem Lernen förderlich, wie bei manchen Klassenkameradinnen und Kameraden, hatte aber viel weniger Hindernisse.

Wer hätte damals gedacht, dass ich fünfzehn Jahre später W3-Universitätsprofessor (auf Zeit) sein würde? Ohne den Gymnasialabschluss wäre das nicht möglich gewesen. Und ohne mein Studium hätte ich wohl nie diese Texte geschrieben, von denen Sie gerade einen lesen.

Den Lehrerinnen und Lehrern, die mich damals nicht völlig abgeschrieben haben, bin ich bis heute unendlich dankbar.

Ungerechtes Bildungssystem

Deutschland ist international bekannt für sein sozial ungerechtes Bildungssystem, und zwar schon seit vielen Jahrzehnten: Wohlstand und Bildungsstatus der Eltern bestimmen in großem Maß den Bildungserfolg der Kinder. In den Worten des Bildungsforschers René Krempkow:

Zwar schaffen schon es schon von der Grundschule bis zur Hochschule nur etwa halb so viele Nichtakademiker-Kinder wie Akademiker-Kinder… Wie unsere Analyse zeigt, hört aber danach die soziale Selektivität keineswegs auf: Bis zum Master verändert sich die Relation der beiden Herkunftsgruppen weiter, und zwar auf knapp 1:6. Das heißt, auch innerhalb des Hochschulsystems sind die Chancen bis zum Masterabschluss für Nichtakademiker-Kinder nicht besser. Die Chancen an den Hochschulen sind vielmehr bis zum Master sogar nur rund ein Drittel so hoch wie für Akademiker-Kinder und damit insgesamt geringer als im Schulsystem.

Auf die politische Agenda

Auf der politischen Agenda brauchen wir keine hundertste als ökonomische Effizienzsteigerung getarnte Ausgrenzungsmaßnahme sozial Schwächerer, sondern dringendst Anpassungen im Sinne der sozialen Gerechtigkeit. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat. Nicht mehr und nicht weniger.

Aus bildungsfernen Familien schafft nur einer von Hundert einen Doktorgrad. Das sind zehnmal weniger als aus Akademikerfamilien. Und dennoch gibt es sie. Sie lasen gerade einen Text von einem.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

66 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Positiv interpretiert kann Sitzenbleiben bedeuten, dass einfach ein Jahr verlorengeht und die Zukunft so offen steht wie vor dem Sitzenbleiben. In Alternativen zum Sitzenbleiben: Die Finnen spinnen nicht liest man dazu: “Eine Ehrenrunde ist also vor allem eine Niederlage für die Schule und weniger für den Schüler. Da alle Kinder bis zur neunten Jahrgangsstufe eine gemeinsame Grundschule besuchen, kann man Schwächere nicht einfach in eine andere Schulform abschieben, etwa vom Gymnasium in die Real- oder Hauptschule. “

    Schulreformen sind heute die Regel nicht die Ausnahme. Länder mit der Möglichkeit des Sitzenbleibens zweifeln am Sinn und ändern es in einer “Reform” und Länder, in denen es diese Möglichkeit kaum gibt, gehen in die andere Richtung und nennen es eine “Reform”. Doch Reformen sind für den Schulerfolg weit weniger wichtig als von heutigen Schulpolitikern angenommen. Viel wichtiger sind die Lehrer, wie Bildungsforscher wie John Hattie in umfangreichen Studien gezeigt haben.

  2. Sitzenbleiben im bundesdeutschen Schulsystem könnte gar auf eine Art Tugend hindeuten, der Schreiber dieser Zeilen blieb selbstverständlich im hier gemeinten Sinne ebenfalls sitzen, er hatte sich die Feindschaft eines Mathematiklehrers zugezogen, weil er politisch linke Meinung, zugegebenermaßen : aggressiv, abgelehnt hat und einen seiner Söhne hat es vergleichbar erwischt, in der BRD.
    Die BRD erzieht ja zu Gleichförmigkeit. Auch deshalb ist remigriert [1] worden.

    Hmmm [2], ansonsten muss ein in Selektion machendes Bildungssystem nicht ungerecht sein, es erwischt idR im kognitiv-intellektuellen Sinne Minderbemittelte, dies ist ihr Wesen.
    Es soll in diesem Sinne sitzengeblieben werden!

    Hier – ‘Aus bildungsfernen Familien schafft nur einer von Hundert einen Doktorgrad. Das sind zehnmal weniger als aus Akademikerfamilien. Und dennoch gibt es sie. Sie lasen gerade einen Text von einem.’ – steift Dr. Webbaer ein wenig ab, u.a. auch deshalb, weil Sie, lieber Herr Dr. Schleim, über ein geradezu unglaubliches Talent und über eine besondere Auffassungsgabe verfügen.
    Dr. Webbaer, aus einer alten Pädagogenfamilie stammend, rät an keine Gegensätzlichkeiten aufzubauen.

    MFG + schöne Restwoche noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Für Nicht-Altsprachler wird gerne wie folgt verwiesen, dieser Begriff ist ja, auch die Suchmaschinen des Webs meinend, wenig bereit stehend :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Remigration

    [2]
    Das ein wenig näselnde “Hmm” des Harald Schmidt darf sich an dieser Stelle gedacht werden.

    • *
      dies ist [sein] Wesen

      MFG
      Dr. Webbaer (der durchaus bemerkt hat, dass hier, bei den scilogs.de, nun weder strukturierte Kommentierung, noch sogenannte Permalinks möglich sind; Sie selbst, lieber Herr Dr. Schleim, hatten womöglich bereits ähnlich gefordert)

  3. Bonuskommentar hierzu :

    Eine von Ihnen, die mir schräg gegenüber saß, wiederholte mehrmals laut und deutlich: “Sitzenbleiben ist sinnlos.”

    Ich spürte den Drang, mich in das Gespräch einzumischen und vehement zu widersprechen; gleichzeitig war ich aber auch froh, endlich zu sitzen.

    Solider Gag, der hier bemerkt worden ist.

    Ja, es sind solche Bemerkungen, die aussagen, über Personen.
    Gerne demnächst wieder die Idee von Bildungssystemen vorrangig bearbeiten.

    • Vor den “Gegensätzlichkeiten” dermaßen leichtfertig zu kapitulieren ist zwar realitätsnah/systemrational, aber im Sinne der Vernunftbegabung zum Verstand der zweifelsfrei-eindeutigen / wirklich-wahrhaftigen Menschlichkeit, ist das doch sehr bewusstseinsschwach, gebildet!?

  4. “… sondern dringendst Anpassungen im Sinne der sozialen Gerechtigkeit.”

    Anpassungen?, an den nun “freiheitlichen” Wettbewerb um …?, wo es doch ziemlich offensichtlich ist, dass dieser Wettbewerb KEIN gesundes Konkurrenzdenken generiert (global/globalisierend) und URSACHE aller Probleme ist???

    Gerechtigkeit ist, wenn Mensch abwertende / illusionäre Worte wie “sozial” nicht mehr braucht, wenn Schinder und Spitzbuben diese Welt- und “Werteordnung” nicht mehr ausbeuten, konfusionieren, menschenUNwürdig bestimmen!!!

  5. Vorab: Kompliment an Maayke Klaver!

    Zur Sache:

    Du bist ja nun nicht der so typische „Sitzenbleiber“ (schrecklicher Begriff, übrigens). Wer sich während der Schulzeit eine Auszeit gönnt, muss halt das Versäumte nachholen. Insofern und angesichts des beruflichen Erfolgs, kann man sich leicht dazu bekennen. Wem allerdings eine berufliche Karriere versagt bleibt und wer allein wegen mangelnden Leistungen nicht versetzt wurde, der oder die hat da schon eher ein Päckchen zu tragen.

    Ein Schulsystem, das Kindern solche Demütigungen, die mit einer Nichtversetzung verbunden sein können, erspart, wäre wirklich wünschenswert.

    Zur theoretischen Sicht:

    Wenn die Formel V = K x U zutrifft, dann wäre also die Umwelt für Deine Fehlstunden mitverantwortlich gewesen. Zu wieviel Prozent etwa, was meinst Du?

    (Deine Fehlstundenzahl lässt die meines Nachwuchses in ganz anderem Licht erscheinen…)

  6. @Balanus: typischer Typisierer

    Bist du etwa typischer Biologe oder warum liegt dir so viel daran, die Welt sauber in Kategorien einzuteilen?

    Was unterscheidet denn den typischen vom atypischen Sitzenbleiber? Bitte nicht aus heutiger, sondern aus damaliger Sicht; ex-post-Konstruktionen sind ja einfach.

    Und wieso ist “Sitzenbleiber” ein schlimmes Wort? Finde ich überhaupt nicht. Ich bin damals auch in die Schule gegangen, um mir das Zeugnis abzuholen. Diesen Tag wollte ich nicht verpassen, obwohl mir die Direktorin brieflich “anheimgestellt” hatte (das Wort habe ich damals im Duden nachgeschlagen), zuhause zu bleiben.

    Wie ich im Text schon schrieb, lassen sich K und U nur sehr schwer trennen; dazu kommt, dass K auch eine Funktion von U ist (denken wir an Epigenetik – aber nicht nur daran) und umgekehrt K auch seine Umwelt formt und/oder wählt.

    Es gab eben Hindernisse, wie ich schon schrieb. Die milderen davon könnten so etwas gewesen sein wie Lehrer, die sich leichte Opfer fürs Mobbing gesucht hatten, oder Schulpsychologinnen, die mehr von ihren eigenen Problemen erzählten und ihren Klienten schon nach einer Woche nicht mehr wiedererkannten.

    Einen guten Vergleichsrahmen bilden vielleicht die Fehlzeiten nach dem Sitzenbleiben: 51, 64, 39, 74, 64 und 19 Fehlstunden. Wenn wir das letzte Halbjahr weglassen, weil es wohl kürzer war, kämen wir im Mittel auf 58 Stunden. Demnach wären rund 80% der Fehlstunden (218h) in jenem Halbjahr der Umwelt zuzurechnen.

    • @Stephan Schleim

      Na dann wären die verbleibenden 20% spannend, im Sinne von Freiem Willen und Bewusstseinsentwicklung!?

  7. Balanus,
    ….Ein Schulsystem, das Kindern solche Demütigungen, die mit einer Nichtversetzung verbunden sein können, erspart, wäre wirklich wünschenswert.

    Das ist die Idealvorstellung. Jetzt zur Praxis. Es gibt Schüler, zum Glück sehr wenige, die wollen Sitzenbleiben um ihre Eltern zu bestrafen.
    Es gibt Schüler, zum Glück sehr wenige, die führen einen Machtkampf mit dem Lehrer indem sie die Leistung verweigern.
    Es gibt Schüler, zum Glück noch weniger, die brauchen zum Lernen etwas länger.
    Wenn das Schulsystem glaubhaft bleiben will , dann muss es die Möglichkeit zum Sitzenbleiben geben.
    Wenn der Lehrer intelligent und einsichtig ist, das sind die meisten, dann macht er von dieser letzten Möglichkeit nur sehr selten Gebrauch.
    Ich habe in meiner 40 jährigen Dienstzeit, höchsten 4 Schüler sitzengelassen. Bei etwa 1200 Schülern in 40 Jahren sind das etwa 3,3 Promille.

  8. Solider Bart btw, angemessene Bekleidung, nette Beleuchtung und die Visage, der Gesichtsausdruck, stimmte ebenfalls.
    Was würde Dr. Webbaer, Sitzenbleiber a.D. sozusagen, dafür geben noch einmal so jung zu sein?!

    MFG + schöne Restwoche noch,
    Dr. Webbaer

  9. @ Kommentatorenkollege ‘Bote17’ :

    Wenn das Schulsystem glaubhaft bleiben will , dann muss es die Möglichkeit zum Sitzenbleiben geben.

    Sie sind auch schon ein “alter Knacker”, woll?!, tja, es muss diese Möglichkeit geben, Bildungssysteme konstituieren sich aus der Selektion heraus, allerdings wird dort oft nicht das geeignete Subjekt gefunden, der wirkliche “Dumpf”.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Dr. Webbaer,
      …..Selektion,
      die wurde früher von den Lehrerern bzw. von den Schülern und deren Noten selbst geregelt.
      Was vielfach vergessen wird, in BW z.B. ist die Selektion in die Hände der Eltern verlagert worden, nachdem die Bildungsempfehlung der Schule zu richtigen Wahl der Schulart für die Eltern nicht mehr bindend ist. Wenn ein Elternpaar der Meinung ist, ihr Filius gehört ins Gymanasium, dann kommt er auch dorthin.
      Die Lehrer müssen sich dann später mit diesen Kindern herumplagen und die Kinder müssen sich mit den abgehobenen Wünschen ihrer Eltern abplagen. Ob das so ideal ist?
      Die “Stunde der Wahrheit” ist dann nur aufgeschoben worden.

    • eine Milliarde,
      ohne Offenlegung der Berechnungsart sind solche Aussagen plakativ.
      Die Kultusminister finden den Betrag zu hoch, die Finanzminister zu niedrig.

  10. @ Herr Dr. Schleim :

    Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund mag Sie, ansonsten war natürlich zynisch angemerkt, ‘ursisch-zynisch’, um präzise zu sein, es besteht insofern keine Gefahr i.p. Fanatismus.
    Dr. Webbaer ist auch sehr normal, Extravaganzen ergaben sich bevorzugt im Web und rein sprachlich.
    Wissen Sie ja auch.

    Diese Umformung der Kommentierungs-Möglichkeit ist ein Desaster, keine Permalinks und so, keine Struktur, oder?

    MFG
    Dr. Webbaer (der bei Gratis-Angeboten natürlich nicht undankbar werden soll, allerdings ist das Web, Stichwort : Dr. Webbaer, per se gratis, dem Dank verpflichtet und soll darüber hinaus gehend nicht sonderlich belastet werden)

  11. “Wir neigen aber dazu, vor allem in unseren westlichen Kulturen mit ihrer Praxis individueller Verantwortlichkeit, in erster Linie auf den einzelnen Menschen zu schauen (…) und den Beitrag der (auch sozialen) Umwelt zu übersehen.”

    Bin ich so schief gewickelt, dass ich da einen ganz anderen Eindruck habe? Nämlich dass für die… nennen wir es mal vorsichtig Nichtleistung oder suboptimale Leistung eines Schulkindes vielmehr Hinz und Kunz verantwortlich gemacht werden — nur nicht das Schulkind? Es waren wahlweise die Eltern (speziell die Mütter), die Lehrer oder “Die Gesellschaft”. Eigenverantwortung scheint mittlerweile schon fast zum Schimpfwort geworden zu sein.

    Ich sag’s mal wie’s ist: Mein Sohn, Jahrgang 2006, hat nach super Zeugnissen in der Grundschule das erste Jahr am Gymnasium aus reiner Faulheit und übermäßiger Selbstsicherheit so dermaßen gründlich in den Sand gesetzt, dass uns Eltern schon zum Halbjahr klar war: Er wird a) die Schulform wechseln und b) das Schuljahr trotz Erprobungsstufe wiederholen. Das ist unsererseits keine Bestrafung, sondern die wie ich hoffe vernünftige Konsequenz daraus, dass der Lütte einfach noch nicht reif und diszipliniert genug ist für eine Schule, an der er richtig ranklotzen muss, um weiter mitzukommen. (Statt wie bisher ohne Anstrengung mitzusegeln.) Ich bin heilfroh, dass es diese Möglichkeit gibt, denn den Kurzen auf Biegen und Brechen ins nächste Schuljahr weiter zu schleifen, wäre für ihn die reinste Quälerei. Auch die Lehrer fanden das völlig in Ordnung. Je nachdem, wie sich das entwickelt, kann er später wieder wechseln. Oder eben auch nicht. Unser Sohn war zunächst geschockt, ist aber inzwischen erleichtert und sagt sogar selbst, dass er sicher ist, dass es diesmal viel besser laufen wird.

    So, und dann haben wir die andere Seite: Anno Domini 1982 ist meine Mutter gestorben, war auch vorher lange krank. Da wäre ich – damals gerade 13 Jahre alt – meinerseits fast sitzen geblieben. Es ging einfach gar nichts mehr, zumal ich daheim auch noch den halben Haushalt an der Backe hatte, da mein Vater nach Feierabend immer erstmal ins Krankenhaus fuhr. Mein Vater hätte eine Ehrenrunde OK gefunden. Meine Lehrer haben es durch extrem wohlwollende Notenvergabe dann aber doch noch verhindert, weil sie der Ansicht waren, dass es nach allem, was schon passiert war, nur noch ein weiterer Schlag für mich sein würde, wenn ich auch noch die Klassengemeinschaft verliere. Sie waren davon überzeugt, dass ich mich schon wieder berappeln würde. Und genau das ist auch passiert; es hat nicht mal ein Jahr gedauert. Alle weiteren Klassen durchlief ich ohne Probleme, war beim Abi unter den ersten 10% des Schuljahrgangs.

    Meiner Meinung nach wäre daher die dümmste und kostenintensivste Lösung, Sitzenbleiben pauschal zu verbieten oder pauschal zu verordnen. Es muss jeweils eine Einzelfallentscheidung möglich sein. Nur so ist gewährleistet, dass der Schüler sein Bestes geben kann. Denn das ist doch eigentlich das Ziel, hoffe ich.

  12. @Stephan // 27. Juli 2017 @ 18:58

    » …warum liegt dir so viel daran, die Welt sauber in Kategorien einzuteilen?«

    Mir liegt an der Differenzierung.

    Ich habe einfach mal unterstellt, dass Du bloß wegen anderer, außerschulischen Interessen zu Deinen Fehlstunden gekommen bist (dreimal mehr, als ich in meiner Family erlebt habe). Es gibt natürlich viele Gründe, den Schulbesuch nachhaltig zu verweigern.

    Als „typischen“ Sitzenbleiber bezeichne ich den, der aufgrund schlechter (nicht fehlender) Noten das Klassenziel nicht erreicht, der gegen das „Sitzenbleiben“ angekämpft und es dennoch nicht geschafft hat. Zum Sitzenbleiben gehört typischerweise das Scheitern.

    Für schlechte Noten gibt es natürlich viele unterschiedliche Gründe, aber nach meinem Empfinden ist Sitzenbleiben typischerweise eben mit der Erfahrung einer Niederlage verbunden.

    Schlimm finde ich die Etikettierung, die mit dem Begriff „Sitzenbleiber“ verbunden ist, so, als hätten wir es mit einer besonderen Eigenschaft der so bezeichneten Person zu tun.

    »Einen guten Vergleichsrahmen bilden vielleicht die Fehlzeiten … 80% …«

    Wow, wie schön, das lässt sich also tatsächlich (näherungsweise) quantifizieren… 🙂

    • Balanus,
      ….Für schlechte Noten gibt es natürlich viele unterschiedliche Gründe, aber nach meinem Empfinden ist Sitzenbleiben typischerweise eben mit der Erfahrung einer Niederlage verbunden.
      Genau das ist der Grund , dass ich im Zweifelsfall gegen das Sitzenbleiben bin. Der eine steckt das locker weg, weil er bewusst die Leistung verweigert hat, der andere leidet ein Leben lang an diesem Trauma.
      Noch bedenklicher ist es, wenn die Lehrkraft den Schüler nicht aus sachlichen Gründen schlecht benotet, sondern aus einer persönlichen Aversion heraus, aus politischen Vorurteilen heraus (ein kommunistisches Arbeiterkind gehört nicht auf Gymansium) oder aus völligem Unverständnis für familäre Probleme.
      Anmerkung: alles selbst erlebt.

  13. Mit Blick auf das U – die Umwelt – bei Arbeiterkindern nehme ich eine Herausnahme aus der Familie für die folgende Betrachtung als ausgeschlossen an – auch wenn sie wohl mit eine der größten möglichen Veränderungen der Umwelt bedeuten könnte.

    Nun denn:
    Was für Arbeiterkinder wohl die typischere Variante ist?
    Auf der einen Seite Ihr Weg – Sitzenbleiben, Studium abschließen, promovieren und habilitieren. Betrachten sollten wir aber schon in Anbetracht der absoluten Zahlen der Habilitationen und auch noch der Promotionen wohl eher die Studienabschlüsse, geht doch die Zahl der promovierten Arbeiterkinder eines gesamtgesellschaftlichen Geburtsjahrganges wohl im statistischen Fehlerrauschen unter.
    Auf der anderen Seite die Versetzung und das Scheitern im Studium.

    Ich weiß nicht, was der typischere Weg ist. Aber relevant ist definitiv auch die Frage, ob nicht versetzte Arbeiterkinder dann auch am Gymnasium bleiben – oder unter nahezu vollständiger Veränderung der schulischen Umwelt in ander Schulzweige wechseln, gegebenenfalls mit einer “Querversetzung”.

    Wenn das Wiederholen einer Klassenstufe nicht in Frage kommt bleibt nur ein solcher Wechsel zu Real- oder Gesamtschule.
    Und selbst wenn die Schulzeit des Arbeiterkindes ohne Nicht- oder Querversetzung abläuft und es zuletzt zur “Allgemeinen Hochschulreife” reicht: Gleichbedeutend mit der Reife zum eigenständigen Lernen, wie es an Hochschulen nötig ist, ist das noch nicht.
    Es kann schon mal ein gesamtes Bachelorstudium dauern, bis klar wird, auf was es ankommt. Die Schule bescheinigt also schon auch mal eine Reife, die es nicht gibt.
    Natürlich lässt sich das unter “lebenslanges Lernen” einordnen. Aber um überhaupt jemals von Lerntechniken und Lernkonzepten zu hören ein Lehramtsstudium beginnen müssen – das kann nicht Sinn der Sache sein. Immerhin lernt ein Arbeiterkind dort dann aber auch, warum es solche Probleme hatte, sich zwischen den Stammhaltern akademisch geprägter Eltern einzuordnen. Aber auch das ist nicht Grund der Einrichtung von Lehramtsstudiengängen. Studiengang verfehlt? Hätte man sich ja mal informieren können? Ja, hätte man können. Wenn denn irgendwer gewusst hätte wo, wie oder bei wem. Hochschulen sind da schon mal ein anderer Kosmos.

    Die Lösung des Problems ist also nicht primär eine Frage der Versetzung, sondern eine Frage der erfolgreichen Bewältigung (nicht Abschaffung!) sozialisatorischer Unterschiede und möglicher nicht aus Elternhaus, KiTa oder Grundschule eingebrachter Kenntnisse zum Lernen. Das wäre noch keine Chancengleichheit. Aber es wäre eine Annäherung.
    Sekundär gibt ein wiederholtes Schuljahr natürlich Zeit für eine Konzentration auf ebensolche Bewältigungsaufgaben – aber dafür braucht es auch die entsprechende Förderung, was wohl nur mit kleineren Klassen möglich wäre. Aber mit kleineren Klassen sollte solche Förderung eigentlich auch ohne Nichtversetzungen möglich sein. Wiederholungsklassen scheitern an diesem Anspruch jedoch – die Sozialisation könnte nur untereinander erfolgen, und Nichtversetzungen sind nicht immer darin bedingt.
    Und an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz und die Diskussion greift in die Politik, da es um Ressourcen geht.

  14. @Balanus: Verschiedenes

    Wunsch nach Differenzierung – ist das vielleicht eine psychische Störung oder noch normal?

    Schlimm finde ich die Etikettierung, die mit dem Begriff „Sitzenbleiber“ verbunden ist, so, als hätten wir es mit einer besonderen Eigenschaft der so bezeichneten Person zu tun.

    Du meinst, wie der Eigenschaft, sitzen geblieben zu sein?

    Wow, wie schön, das lässt sich also tatsächlich (näherungsweise) quantifizieren…

    Ich dachte mir schon, dass dich das freut!

  15. @Gerhardt: Eigenverantwortung etc.

    Bin ich so schief gewickelt, dass ich da einen ganz anderen Eindruck habe? Nämlich dass für die… nennen wir es mal vorsichtig Nichtleistung oder suboptimale Leistung eines Schulkindes vielmehr Hinz und Kunz verantwortlich gemacht werden — nur nicht das Schulkind? Es waren wahlweise die Eltern (speziell die Mütter), die Lehrer oder “Die Gesellschaft”. Eigenverantwortung scheint mittlerweile schon fast zum Schimpfwort geworden zu sein.

    Wenn Sie das so wahrnehmen, dann ist das erst einmal so.

    Ich nehme war, dass sich die Selbsthilfeliteratur aufs Individuum eingeschossen hat: Mach das Beste aus dir selbst (Körper, Gehirn, Geist optimieren). Ich habe Studierende, die sagen, der Sinn des Lebens sei, die beste Version seiner selbst zu kreieren. Über den Neoliberalismus wird allgemein gesagt, Verantwortung von der Gemeinschaft auf den Einzelnen zu verlagern: Jeder ist seines eigenen Glückes (und damit aber auch Pechs) Schmied, der Staat zieht sich zurück.

    Ihr Sohn war mit dem Übergang aufs Gymnasium scheinbar überfordert; Sie haben hingegen die Schule gemeistert, trotz traumatischer Erfahrungen.

    Wissen Sie, gerade unter traumatischen Umständen leisten Kinder und Jugendliche manchmal Unvorstellbares. Das geht aber auch zulasten der Kindheit und zollt seinen Preis, wenn jemand später Schwierigkeiten hat, aus diesem “Überlebensmodus” wieder herauszufinden.

    Meinen Glückwunsch, dass Sie die Schule so gut geschafft haben. Was mich interessieren würde: Was denken Sie, rückblickend, wie viel Ihres Lebensglücks davon abhing?

    Ich kann über mich selbst nur sagen, wenn es nach meinen Erziehungsberechtigten gegangen wäre, dann wäre ich wohl von der Schule verwiesen worden und hätte mir einen Ausbildungsplatz suchen müssen. Wer weiß, vielleicht wäre das gar nicht einmal schlecht gewesen…

    In der Schlussfolgerung sind wir uns aber einig:

    Meiner Meinung nach wäre daher die dümmste und kostenintensivste Lösung, Sitzenbleiben pauschal zu verbieten oder pauschal zu verordnen. Es muss jeweils eine Einzelfallentscheidung möglich sein. Nur so ist gewährleistet, dass der Schüler sein Bestes geben kann. Denn das ist doch eigentlich das Ziel, hoffe ich.

    • “Was mich interessieren würde: Was denken Sie, rückblickend, wie viel Ihres Lebensglücks davon abhing?”

      Schwer zu sagen, ohne Kontrollgruppe und aus so großer zeitlicher Distanz. Es hätte wohl unter anderem auch davon abgehangen, in was für eine Klasse ich beim Sitzenbleiben geraten wäre, wie die Lehrer mir begegnet wären, usw. Das U in Ihrer Formel eben. Insgesamt bin ich schon ganz froh, dass ich das Jahr nicht verloren habe, und auch stolz darauf, mich relativ schnell wieder aus dem Sumpf gezogen zu haben. Dabei habe ich viel über mich und meine Leistungsfähigkeit gelernt, und das ist viel wert.

      Aber wie gesagt: Ich habe ja keinen direkten Vergleich zum alternativen Szenario. Das wäre reine Spekulation.

  16. @Stephan // „Sitzenbleiber“

    »Du meinst, wie der Eigenschaft, sitzen geblieben zu sein?«

    Eine Klasse zu wiederholen ist ein einmaliges Ereignis. Warum soll der, der das gemacht hat, lebenslang mit dem pejorativen Etikett „Sitzenbleiber“ herumlaufen müssen? Und erzähle mir nicht, diesen Begriff könne man auch positiv verstehen. Niemand tut das. Positiv wäre, eine Sache zu wiederholen. So wie Ute Gerhardts Sprössling, der ist nicht „sitzengeblieben“, der hat einen zweiten Versuch gestartet, hat die Klasse wiederholt. Nicht umsonst hast Du oben den Begriff „Bekenntnisse“ gewählt.

    Zugespitzt könnte man sagen, ‚Sitzenbleiben‘ ist ein Begriff aus der schwarzen Pädagogik.

  17. @ Ute Gerhard

    Ich sag’s mal wie’s ist: Mein Sohn, Jahrgang 2006…“

    Mein Sohn, Jahrgang 1999, ist mit knapp 6 eingeschult worden und war beim Übertritt ins Gymnasium auch noch nicht reif genug, sich aus eigenen Stücken anzustrengen. Wir beschlossen aber, ihn durchzuziehen und zu soweit zu unterstützen, bis er selbständig arbeiten gelernt hat, was etwa 2 Jahre später eintrat. Vor kurzem hat er ein respektables Abitur auf einem bayerischen humanistischen Gymnasium abgelegt.
    Ich glaube, ein Schulwechsel „von unten nach oben“ wäre weit anstrengender gewesen als ein bisschen häusliche Nachhilfe in Mathe, Latein und Physik.

    • @fegalo Zitat: “wäre weit anstrengender gewesen als ein bisschen häusliche Nachhilfe in Mathe, Latein und Physik.”

      Wenn es mal nur die Fächer gewesen wären… Dann hätten wir das sicher auch probiert. Es waren aber fast alle. Bis auf Mathematik, wo er eine wirkliche Begabung hat. Der Zeugnisdurchschnitt insgesamt lag nur knapp über einer 5.

      Da haben sich so viele Wissenslücken und so viel Frust angehäuft, dass wir im Mitschleifen keinen Sinn gesehen haben. Er hätte ja nicht nur aufholen, sondern gleichzeitig auch noch den Stoff der darauffolgenden Klasse lernen müssen. Dazu der reguläre Nachmittagsunterricht an 2 Tagen pro Woche, fast keine Zeit mehr für Hobbys — und das mit nur 10 Jahren… Das wollten wir nicht. An der Realschule gibt es nun erstmal mindestens ein Jahr lang gar keinen Nachmittagsunterricht, das Pensum ist auch nicht so heftig, der Schulweg wesentlich kürzer. Was später kommt, werden wir sehen, aber akut muss erstmal der Druck raus. Zumal seine Schwester (Jahrgang 2005) auf dasselbe Gymnasium geht und da in sämtlichen Fächern bei denselben Lehrern mühelos mitsegelt, als wäre es ein Kinderspiel. Das permanent vor Augen zu haben, war noch ein weiterer Frustfaktor, der nun erstmal wegfällt. In der Grundschule hatten wir das seinerzeit schon geahnt und berücksichtigt und die Kinder direkt an verschiedenen Schulen eingeschult. Gymnasien gibt es aber hier nicht so viele, da hatten wir diese Möglichkeit leider nicht. Wir dachten auch, inzwischen sei die Konkurrenz zwischen den beiden nicht mehr so schlimm.

      Obendrein ist unser Sohn nun auch in seiner eigentlichen Altersklasse angekommen. Sein Geburtstag lag damals 9 Tage hinter dem Stichtag, er ist also streng genommen vorzeitig eingeschult und war somit bisher überall der Jüngste & Kleinste. In der Grundschule waren die Klassen bzw. Kinder in der pers. Entwicklung so heterogen, dass das nicht weiter auffiel. Am Gymnasium hingegen fand er sich unvermittelt in einer ganz anders gestrickten Gruppe wieder. Ich hätte es schlimm gefunden, wäre unser Sohn gezwungen gewesen, mit all dem “Gepäck” in die nächste Klasse aufzurücken, nur weil der Gesetzgeber das vorsieht. Sowohl fachlich als auch vom Umfeld her war Sitzenbleiben bzw. Wiederholen hier unseres Erachtens wirklich die bessere Wahl. Ich verstehe aber auch, wenn die Eltern anderer Kinder nach bestem Wissen und Gewissen andere Entscheidungen für ihre Kinder treffen.

  18. @bote17 // Subjektive Notengebung

    »Noch bedenklicher ist es, wenn die Lehrkraft den Schüler nicht aus sachlichen Gründen schlecht benotet, sondern aus einer persönlichen Aversion heraus,…«

    Es muss noch nicht mal eine richtige „Aversion“ sein, um eine Bewertung schlechter ausfallen zu lassen, als sie sein müsste. Lehrer neigen dazu, die Herkunft der Schüler (Arbeiter/Akademiker) in die Bewertung mit einfließen zu lassen.

    Ich erzähle immer wieder gerne die selbsterlebte Anekdote, dass ein kurzes Elterngespräch mit dem Bio-Fachlehrer mal genügt hat, um die zukünftige Notengebung positiv zu beeinflussen, genauer, wieder ins rechte Lot zu bringen. Der Lehrer hat unser Kind nach dem Gespräch mit anderen Augen gesehen, da bin ich mir sicher.

    • Balanus,
      überhaupt sollte ein persönliches Verhältnis zwischen Lehrkraft und Eltern vorhanden sein.
      Wenn die Eltern ehrzeizig sind, dann kann man von dem Kind mehr verlangen.
      Wenn die Eltern mehr die praktische Seite bevorzugen, dann sollte man nicht erwarten, dass die Kinder den Magister anstreben. Aber, Ausnahmen bestätigen die Regel.

    • @balanus

      Zitat: Es muss noch nicht mal eine richtige „Aversion“ sein, um eine Bewertung schlechter ausfallen zu lassen, als sie sein müsste. Lehrer neigen dazu, die Herkunft der Schüler (Arbeiter/Akademiker) in die Bewertung mit einfließen zu lassen. Zitat Ende

      Deshalb wird ein vernünftiger Lehrer sich erst wenn ein unerwartbares Problem, bei dem die Herkunft eine Rolle spielen könnte, auftaucht über ebendiese des betreffenden Schülers informieren.

  19. @Arbeiterkind: Arbeiterkinder

    Ich sehe das ja heute als Universitätsdozent, dass da ein kluger Kopf sitzt, der sich (noch) nicht so gut ausdrücken kann oder sich nicht traut. Das kann Akademikerkindern natürlich genauso gehen, doch die finden sich meiner Erfahrung nach im Mittel schneller zurecht.

    Gerade erst vor einem Jahr hatte ich so einen beeindruckenden Fall, bei dem vom 1. bis zum 3. Jahr ein beachtlicher Leistungsanstieg festzustellen war; ich wurde gebeten, ihm ein Empfehlungsschreiben auszustellen, und habe daher das Notenbild sehr gut gesehen.

    Leid tut mir, dass er bei der Bewerbung um Masterplätze schlechtere Chancen hatte, weil heute im Bachelor eben alle Leistungen ab dem ersten Jahr zählen und sein Schnitt darum niedriger war; dabei waren diese relativ schlechten Leistungen meiner Erfahrung nach für den jungen Menschen am Ende des Studiums nicht mehr repräsentativ.

    So werden soziale Nachteile, die am Anfang des Studiums bestehen, wieder in die nächste Runde “vererbt”; und das zeigen ja auch die Zahlen, dass die soziale Benachteiligung von 50% beim Hochschuleintritt auf 17% beim Master und 10% beim Doktorgrad ansteigt.

    Die Lösung des Problems ist also nicht primär eine Frage der Versetzung, sondern eine Frage der erfolgreichen Bewältigung (nicht Abschaffung!) sozialisatorischer Unterschiede und möglicher nicht aus Elternhaus, KiTa oder Grundschule eingebrachter Kenntnisse zum Lernen. Das wäre noch keine Chancengleichheit. Aber es wäre eine Annäherung.

    100% Chancengleichheit kann es nicht geben, wohl aber qualitative Unterschiede im Bereich zwischen 0 und 100.

    Früher haben sich die Sozialwissenschaften noch viel mehr auf sozial Benachteiligte konzentriert; heute sehe ich vor allem Forschung zur Hochbegabung. Diejenigen, die bereits Vorteile haben, werden weiter gefördert. Das wird sich sicher irgendwann auch einmal wieder ändern.

  20. @Gerhard: Sitzenbleiben

    Das U in Ihrer Formel eben. Insgesamt bin ich schon ganz froh, dass ich das Jahr nicht verloren habe, und auch stolz darauf, mich relativ schnell wieder aus dem Sumpf gezogen zu haben. Dabei habe ich viel über mich und meine Leistungsfähigkeit gelernt, und das ist viel wert.

    Darauf können Sie auch stolz sein.

    Bei mir hätte das ohne den Umweltwechsel nicht funktioniert; bestenfalls hätte ich dann ein wesentlich schlechteres Abitur hinbekommen, wenn ich nicht ganz von der Schule geflogen wäre.

    Aber wie gesagt: Ich habe ja keinen direkten Vergleich zum alternativen Szenario. Das wäre reine Spekulation.

    Wenn einem nichts anderes übrig bleibt, dann dürfen Sie hier gerne spekulieren.

  21. @Balanus: Stigmata

    Ich mache mir eher Sorgen darüber, dass Menschen, die einen Fehltritt begangen haben, vielleicht einfach nur Pech hatten, und dann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, womöglich ein Leben lang als “Verbrecher” geführt werden. (Und damit sage ich nicht, dass die Strafe ungerechtfertigt ist, sondern dass man Menschen nach der Bestrafung einen ehrlichen Neuanfang ermöglichen sollte.)

    Für mich ist “Sitzenbleiber” keine Beleidigung, sondern ein Teil meiner Geschichte; dazu stehe ich. Es gibt schon mehr als genug Selbstverleugnung auf dieser Welt.

    Nicht umsonst hast Du oben den Begriff „Bekenntnisse“ gewählt.

    Ach, das ist doch Rhetorik. Ich fand, dass sich das im Untertitel schön anhört; und ich hatte Lust auf ‘was Persönliches. Dass der Text sogar von Telepolis akzeptiert wird und dort im Forum auf viel Zuspruch stößt, hätte ich nicht gedacht.

    Zugespitzt könnte man sagen, ‚Sitzenbleiben‘ ist ein Begriff aus der schwarzen Pädagogik.

    Man kann es zuspitzen; man kann es auch lassen.

    • @Stephan Schleim

      VERBRECHER: Ja, die Kriminalisierung beginnt oft schon mit der “Sozialisierung” für dieses verbrecherische System des “Zusammenlebenlebens” 😎

  22. @Balanus: Kinder

    Der Lehrer hat unser Kind nach dem Gespräch mit anderen Augen gesehen, da bin ich mir sicher.

    Gut möglich.

    Und gut, dass deine Kinder nicht bei mir studieren. Dann könnte ich es denen für die langjährigen Widerworte ihres Vaters ja einmal heimzahlen…

    Nein, im Ernst: Wo ich kann, benote ich die Studierenden pseudonym (d.h. ich sehe nur die Matrikelnummer), und wundere mich darüber, dass das nicht überall Standard ist.

  23. @Stephan // Stigmata und Kinder

    »Für mich ist “Sitzenbleiber” keine Beleidigung, sondern ein Teil meiner Geschichte; dazu stehe ich.«

    Man kann die Vergangenheit nicht ändern, und ein positiver Umgang mit ihr ist sicherlich gut fürs Gemüt.

    Aber wie gesagt, Du hast leicht reden und zu „bekennen“ aus Deiner aktuellen Umwelt heraus.

    » Ich fand, dass sich das [„Bekenntnis“] im Untertitel schön anhört…«

    Natürlich, weil es passt!

    »Und gut, dass deine Kinder nicht bei mir studieren…«

    Das Studium ist mittlerweile auch beim zweiten Kind Geschichte. Während das ältere einen bravurösen Durchmarsch hingelegt hat, ist das jüngere im Mittelfeld mitgeschwommen und hatte eher wenig Lust auf Schule. Die Abi-Durchschnittsnote hatte gerade noch eine 2 vor dem Komma, womit ein später angestrebtes Psychologiestudium in Deutschland nicht möglich war. Doch glücklicherweise konnte er in Groningen seinen Bachelor und danach in Leiden seinen Master machen.

    Du hast Deine Chance auf Rache knapp verpasst… 😉

  24. Früher haben sich die Sozialwissenschaften noch viel mehr auf sozial Benachteiligte konzentriert; heute sehe ich vor allem Forschung zur Hochbegabung. Diejenigen, die bereits Vorteile haben, werden weiter gefördert. Das wird sich sicher irgendwann auch einmal wieder ändern.

    Hmm, wenn ich mir die immerhin fünf hochbegabten Kinder unserer Familie angucke, haben zumindest zwei davon bestimmt keine Vorteile gehabt. Zitat: “Solche Kinder haben an einer normalen Schule sowieso nichts zu suchen.” Der Spruch ist sicherlich nicht Standard, aber die Einstellung, Hochbegabung mit Krankheit gleichzusetzen, ist mir im Alltag so häufig begegnet, dass ich dieses Wort fürchte, “wie der Teufel das Weihwasser”. Hochbegabtenforschung hin, Kinderakademien und ähnliche (häufig Alibi-)Initiativen her.

    Was ich damit sagen will: Individuelle Förderung, notwendig aus welchen Gründen auch immer, wäre das, was eigentlich jedem Kind zustehen sollte. Und Gründe, die Förderung besonders notwendig machen, können eine Fehlpassung aufgrund einer Hochbegabung sein, eine Konzentrationsstörung, wenig schulische Förderung durch das Elternhaus, das “falsche” Geschlecht usw. usw. usw. Bitte keine Vorurteile fördern.

    Sagt diejenige, deren einer hochbegabte Sohn gerade sitzen geblieben ist – und die darin sowohl Vor- als auch Nachteile sieht.

  25. Sitzenbleiben ist ein traumatisches Ereignis für alle die, die vor allem systembedingt durch alle “Netze”/Raster fallen und kaum eine Chance haben!

    Sitzenbleiben ist ÜBERWIEGEND sinnlos, so wie auch das Gegenteil in diesem System des “Zusammenlebens” sinnlos ist.

  26. Aus bildungsfernen Familien schafft nur einer von Hundert einen Doktorgrad. Das sind zehnmal weniger als aus Akademikerfamilien.

    Hier gerne mal eine Quellenangabe.
    Auch die Definition von ‘bildungsfern’ betreffend.

    Ansonsten ist es schon so, dass unterschiedlich gebildete Gruppen auf bestimmtem Gebiet nicht ähnlich oder gleich performieren (“performen”) müssen.
    Dies ist der sozusagen agnostische Ansatz, der ohne ‘soziale Gerechtigkeit’ und ohne der Aussage auskommt, dass eine Art von Unterdrückung vorliegen müsse, wenn ähnliche oder gleiche Performance nicht vorliegt.

    Ansonsten fällt auf, dass es i.p. “Sitzenbleiben” in der BRD oft talentierte, aber unangepasste Jungen erwischt.
    Dass es Sie ebenfalls erwischt hat, Herr Dr. Schleim, amüsiert; Dr. Webbaer hat es erwischt, weil er einen Mathematiklehrer und dessen politisch linke Aussagen kritisierte – dies ist so gut wie sicher, auch wenn er es nicht beweisen kann.
    Dies war kurz vor der Abitur-Prüfung, den Fehler unzureichend präsent zu sein, hat Dr. Webbaer nicht gemacht.

    “Sitzenbleiben” macht natürlich Sinn, weil ein Bildungssystem bestimmte Lernziele haben muss und diese nicht anders als durch Selektion und insbesondere durch Androhung derselben sicherzustellen.

    Statt also das “Sitzenbleiben” zu kritisieren, wäre die Alternative das “Sitzenbleiben” als normal herauszustellen, dass dies passieren kann und dass diesbezüglich, die Person betreffend, auf keine weiteren Mängel geschlossen werden soll, als dass eben die Lernziele vom Schüler (momentan) nicht ausreichend erreicht werden konnten.

    Besondere Förderung Einzelner hält der Schreiber dieser Zeilen in diesem Zusammenhang nicht für erforderlich, denn einerseits verdienen es einige “Sitzenbleiber” “sitzenzubleiben” und andererseits sind es eben oft Talentierte, die aus irgendwelchen Gründen im Schüler-Leben (zu) unangepasst agierten.
    Hier entsteht keine Schuld der Gesellschaft.

    MFG
    Dr. Webbaer (den es streng genommen deshalb erwischt hat, weil er an die Berufsehre von Lehrern dummerweise generell glaubte)

    • @Dr. Webbaer

      Ihr erster Beitrag, in dem auch etwas sinnvolles in verständlicher Sprache steht. Schade, daß Sie anscheinend meinen, je unverständlicher die Formulierung, umso intelligenter wirkt der Text.

  27. @ Foxi :

    Sagt diejenige, deren einer hochbegabte Sohn gerade sitzen geblieben ist – und die darin sowohl Vor- als auch Nachteile sieht.

    Hat nur Nachteile, die Verweildauer in einem System wird erhöht, das letztlich nur alphabetisiert und sozialisiert. Wobei das Nur natürlich gemein-gesellschaftlich nicht schlecht ist, die Menge meinend.

    Wie wird sogenannte Hochbegabung eigentlich festgestellt? – Durch sog. Intelligenz-Tests, woll?!

    Nun, die sog. Intelligenz, die vor vielleicht 100 Jahren erfunden worden ist, ist eine solide, weil messbare, wissenschaftliche Größe, hier sind auch Zwillingsstudien interessant, die die Erblichkeit prüfen, dummerweise sind allerdings mit der sog. Intelligenz nicht bspw. die Abgefeimtheit (“Bauernschläue”), die Klugheit, die Verständigkeit und die Weisheit gemeint, oder was es da sonst noch alles gibt, sondern es liegt ein abstrakter Begriff vor, von dem niemand genau weiß, was er meint.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich hier recht wohlfühlt, hauptsächlich unter “Sitzenbleibern”)

  28. @Webbär: Quelle & Zwillingsstudien

    Die Zahlen für die Benachteiligung von Nicht-Akademikerkindern (Hochschulzugang: 50%, Master 17%, Promotion 10%) finden Sie im verlinkten Post vom Bloggerkollegen René Krempkow.

    Zwillingsstudien sind mit großer Vorsicht zu genießen, denn sie beruhen auf einer Reihe unzutreffender Annahmen. Insbesondere die Annahme gleicher Umwelten bei nicht-eineiigen Zwillingen lässt sich nicht halten. Damit beruht die Interpretation der Ergebnisse (wie Konkordanzraten) letztlich auf Spekulation.

    Das Problem mit der Intelligenz ist nicht, dass sie sich nicht gut messen ließe, sondern dass sie sich auf hundert Weisen definieren und messen lässt.

    Über die letzten beiden Themen bei anderer Gelegenheit mehr; sie gehören in jedem Fall zum soliden Grundstudium aller Verhaltens-, Sozial- und Lebenswissenschaften.

  29. Es liegt die Studie, ‘die im Herbst erscheint‘, im Moment also nicht vor.
    Kann insofern momentan weder zur Kenntnis genommen, noch nicht kritisiert werden.

    Mit Aussagen der Güteklasse – ‘Leistung entscheidet? Nein, für den Bildungserfolg ist das Elternhaus viel wichtiger.’ + ‘Aber die familiäre Herkunft sollte nicht das Kriterium sein, das darüber entscheidet.’ kann hier nicht gepunktet werden, denn selbst wenn es so ist, wie angedeutet, muss dies nicht auf eine Soziale Ungerechtigkeit hinweisen.

    Es ist in etwa genau so dull zu behaupten, dass da einige nicht könnten, wenn sie auf bestimmte Art und Weise sozialisiert worden sind, wie zu behaupten, dass eine Art Unterdrückung vorliegen muss, wenn sie nicht ähnlich oder gleich leisten, weil sie auf bestimmte Art und Weise sozialisiert worden sind.

    Ist dieser “agnostische” Ansatz verstanden worden?! [1]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Dies ist Dr. Webbaer ein zentraler Punkt, bei besonderem Bedarf werden konkrete Beispiele beigebracht.

  30. Intelligenz, die sich nicht ausschließlich auf die EINE Wahrheit von Verstand zu geistig-HEILENDER Vernunft und selbst- / massenbewusster Weisheit definieren lässt, taugt sicher für ein Studium aller “individualbewusster” Verhaltens-, “Sozial”- und SYSTEMRATIONALER Lebenswissenschaften, ist “Bewusstseinsentwicklung” von und zu gebildeter Suppenkaspermentalität in konfusionierter Verantwortungslosigkeit 😎

  31. hto.
    ……Eine Wahrheit,
    das ist der Knackpunkt. Jeder intelligente Mensch scheint eine andere Wahrheit entdeckt zu haben und kann das auch begründen.
    Wo nimmst Du Deine Wahrheit her?
    Ich nehme an aus persönlichen Erfahrungen!

  32. @Bote17

    Das Problem dieser Intelligenz, habe ich oben zwar schon beschrieben, ist BEGRÜNDET auf der stets gleichbleibenden Basis von IMPERIALISMUS und FASCHISMUS, da waren ALLE “Veränderungen” tatsächlich nur stumpf-, blöd-, schwach- und wahnsinnige Anpassungen, an den kreislaufenden Zeitgeist im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” eben 😎

    “Persönliche Erfahrungen”, die gibt es SICHER nicht, die EINE Wahrheit haben schon viele vor mir erkannt, es mangelt einzig an konsequent-kompromissloses Verantwortungsbewusstsein für das Menschsein OHNE … “geht nicht”, gibt es nicht! 😎

  33. @ Ute Gerhard

    Wenn es mal nur die Fächer gewesen wären…

    Worüber ich bei Ihrem Ausgangskommentar gestolpert bin, ist die Diskrepanz zwischen den „Superzeugnissen“ in der Grundschule und dem Komplettversagen im Gymnasium.

    Das riecht danach, dass nicht Ihr Sohn sich in seiner Einstellung geändert hat, sondern dass die Bewertungsmaßstäbe in seiner Grundschule aus ideologischen Gründen komplett verzerrt waren, mithin die Superzeugnisse Ihres Sohnes eine Erfindung der Klassenlehrerin waren, weil alle solche Superzeugnisse bekommen haben.

    Nur so eine Vermutung…

    • @fegalo

      Der Gedanke liegt in der Tat nahe, aber wir kennen ja unser Kind und hatten obendrein einen direkten Vergleich: Meine Tochter, die mit nur einem Jahr Vorsprung eine andere Grundschule besuchte, aber denselben Lehrplan (des Landes NRW) hatte.

      Aber ich möchte die Diskussion hier nicht für eine Schilderung der konkreten Fähigkeiten oder Lehrer meines Sohnes missbrauchen. Mir ging es nur darum, darzulegen, warum Sitzenbleiben bzw. das Wiederholen einer Klasse tatsächlich eine Chance sein kann und in vielen Fällen dem Kind gerechter wird als Mitschleifen auf Biegen und Brechen aufgrund irgendwelcher Sozialromantik und Stigmabefürchtungen. Dauerhaft der Schwächste zu sein, kann nämlich ebenfalls ein Stigma sein – welches womöglich noch schwerer loszuwerden ist. Zumal es in den Zeugnissen auch noch dokumentiert wird.

      Wer wirklich sozial und gerecht sein will, muss also den Einzelnen und seine Umstände sehen. Er darf nicht alle Schüler über einen Kamm scheren und ihnen allen dieselben Bedürfnisse unterstellen, nur weil irgendein Pädagogikprofessor das vielleicht in seinen Vorlesungen predigt. Darum ging es mir.

  34. hto,
    einen faschistisch-imperialistisch freien Raum gibt es nicht. (Fast)Alle Menschen sind infiziert davon.
    Die Zeit der Eremiten ist vorbei, weil es keine Pilger mehr gibt, die ihnen Nahrung bringen.

    • @Bote17

      Von einem freien Raum habe ich ja auch nicht geschrieben – ja, die Infizierung / Korrumpierung ist schon durch Kompromissbereitschaft gewährleistet 😎

      Eremiten: Die “Individualisten / das Individualbewusstsein”, in der zeitgemäßen ignoranten Arroganz …!? 😎

  35. fegalo,
    ….Superzeugnisse,
    die Lehrer dürfen in die Beurteilung der Schüler keine negativen Aussagen machen (auch wenn sie wahr sind), sie sollen das aufführen, was die Schüler können aber nicht, was sie nicht können. Früher war das umgekehrt.
    Das ist jetzt kein Witz oder Ironie, das wird dem Lehrer nahegelegt.
    Im Gymnasium dagegen wird “abgespeckt” durch hohe Anforderungen und scharfe Benotung.
    Das ist wirklich ein Widerspruch.
    Aber selbst das hilft nicht, das Bildungsniveau breitflächig zu heben. Die Unis sind mit den Leistungen der Abiturienten nicht zufrieden.
    Anmerkung: Das geht auch gar nicht, weil man Qualifikationen nicht ideologisch herbeireden kann.

  36. Ein sehr schöner Artikel, in dem viel Wahrheit steckt. Ich empfinde das hiesige Bildungssystem ebenfalls als ungerecht, und dabei geht es nicht nur um die Unterschiede zwischen Akademikerfamilien und bildungsfernen Familien, sondern auch um weitere Faktoren. Familiären und daraus folgenden psychischen Problemen stehen viele Lehrer leider völlig hilflos gegenüber. Kinder aus schwierigen Familien bräuchten dringend Unterstützung, aber manchmal trauen sie sich nicht, sich diese von allein zu suchen. Vielleicht ist ihnen auch gar nicht bewusst, dass sie sie benötigen würden. Wenn diese dann nicht von außen durch Lehrer oder Eltern an sie herangetragen wird, so müssen sie sich ganz allein durch ihre Schwierigkeiten beißen. Das kann schwerwiegende Folgen für ihr Leben haben, und ihre Fähigkeiten und Potentiale bleiben eventuell ungenutzt. Dem könnte eine stärkere psychologische Betreuung von schulischer Seite entgegenwirken.

    (Das kann ich zumindest aus eigener Erfahrung berichten)

  37. Die Zukunft von Kindern wird entschieden, wenn ihr Bewusstsein für das Leben erstmals gebrochen wird.
    Es ist allerdings schon alles vor ihrer Geburt entschieden, solange die Wirklichkeit von einer Funktionalität in “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” verunstaltet wird!

  38. Hedwig,
    psychische Probleme,
    Als Lehrer war ich da überfordert. Wie soll ein Mann die Probleme einer Frau verstehen können?
    Bei meinen ehemaligen Kolleginnen kann ich nur sagen, dass die teilweise gefühlskalt reagiert haben , vielleicht weil sie das Getue als Schauspielerei abgetan haben oder weil sie selbst unfähig waren zu helfen.
    Weiß ich bis heute nicht.
    Stärkere psychologische Betreuung. Da habe ich meinen Erwartungshorizont auch schon heruntergeschraubt.
    Diese Leute sind meistens keine ausgebildeten Psychologen sondern waren normale Lehrkräfte mit psychologischer Ausbildung.

  39. @Hedwig: Familien und Hilfe

    Sie sprechen wichtige Punkte an.

    Wenn man als Kind in einer “kaputten” Familie aufwächst, woher soll man dann wissen, dass es anders “normal” wäre? Das versteht man, wenn überhaupt, erst Jahre hinterher; diejenigen, die es nicht verstehen, wiederholen es wahrscheinlich genauso.

    Ich stimmte Ihnen zu aber denke, dass die Möglichkeiten immer praktisch begrenzt sein werden. Das Kinderkriegen kann man niemandem verbieten; die Alternative wäre wohl die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, übrigens mit Placet zahlreicher Wissenschaftler, wenn nicht gar aufgrund deren Bestrebungen, praktizierte Zwangssterilisation. In so einer Welt wollte ich nicht leben.

    Also wird es immer mehr Kinder geben als gute Eltern. Um diese Nachteile abzufedern, müssten die Behörden viel mehr unternehmen; und übrigens nicht nur für Mädchen.

    • “… müssten die Behörden viel mehr unternehmen; …”

      Als “braver” Bürger bleibt man also besser vage in Vorstellungen und Forderungen, denn wenn die Behörden die delegierte Verantwortung im verdammtnochmal gewünschten Stil des GUTMENSCHENTUMS “ganzheitlich” unternehmen (nicht nur für Mädchen UND …!), dann ist das nämlich ziemlich deutlich Faschismus und …, SOMIT schließt sich wieder ein Kreis!?

      Ich habe übrigens den Hauptschulabschluss an einer Schule gemacht, wohin Lehrer zur “Rehabilitation” strafversetzt wurden, mannoman waren da Bratzen bei, aber wir haben ja alle unsere ganz speziellen Probleme mit Kommunikationsmüll!? 😎

  40. @Webbär: Studien zur Bildungsungerechtigkeit

    Die Studie in diesem konkreten Fall wird erst in Kürze erscheinen, ja.

    Denselben Punkt können Sie aber, vielleicht mit leichten Variationen, in den Sozialerhebungen des Studentenwerks feststellen.

    Seit wann gibt es diese? Seit den 1950ern?

    Als guter Webbär werden Sie sich natürlich umgehend auf den Stand der Diskussion bringen.

    Ich schrieb darüber schon einmal 2013: Wie sich ein Akademiker ein ungerechtes System zurechtbiegt

  41. @bote17: Klassendenken

    Bei meinen ehemaligen Kolleginnen kann ich nur sagen, dass die teilweise gefühlskalt reagiert haben , vielleicht weil sie das Getue als Schauspielerei abgetan haben oder weil sie selbst unfähig waren zu helfen.

    Ich denke, dass Klassendenken hierfür auch eine Rolle spielt.

    Kinder aus der “Unterschicht” haben bestimmte Probleme, für die man nicht sensibilisiert ist, wenn man selbst einen bürgerlichen Hintergrund hat.

    Und aus welchem Milieu kommen unsere Studienrätinnen und Studienräte vor allem? Als Hochschulabsolventen?

    Womit sich der Kreis wieder schließt.

  42. Eine Bitte an @alle!

    Ich sehe, dass der Kommentarzähler steigt, aber nicht, welche Kommentare neu sind. Benutzt etwa immer noch jemand die “Antwort”-Funktion?

    Würden Sie bitte eine E-Mail mit folgendem Text an die SciLogs-Redaktion schicken:

    An: redaktion@scilogs.de
    Betreff: Kommentare bei den SciLogs

    Sehr geehrte SciLogs-Redaktion,

    seit Einführung der Vorschau-Funktion sind die Zeitstempel und Permalinks verschwunden. Diese Informationen waren sehr wichtig, um die Diskussionen nachzuvollziehen. Zurzeit ist es sehr schwierig, den Überblick zu behalten.

    Vielleicht könnten Sie auch die “Antworten”-Funktion deaktivieren, da sie die zeitliche Abfolge der Kommentare durcheinander bringt.

    Mit freundlichen Grüßen

  43. Auch wenn ich @Stephan Schleim gern zustimme, ist die Frage, ob Sitzenbleiben sinnlos oder sinnvoll ist, nicht einfach zu beantworten, denn die Entscheidung hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab. Vor Jahren hätte ich es mir noch einfacher gemacht und gesagt: die notwendige intellektuelle Voraussetzung gegeben, macht Sitzenbleiben bei fehlender Reife oder aus Gründen vorübergehender psychischer oder physischer Belastungen durchaus Sinn.

    In Zeiten der Inklusion weiß ich nicht mehr, woran man Entscheidungen festmachen soll: Bei einem Kind mit Trisomie 21, das mit anderen Kindern z. B. die Hauptschule besucht, macht Sitzenbleiben m. E. überhaupt keinen Sinn, denn man reißt das Kind aus der ihm gewohnten und vertrauten Gemeinschaft mit seinen Klassenkameraden, ohne dass gewährleistet ist, dass es im kommenden Jahr die Hürde nimmt. Inwiefern in diesen Fällen die Binnendifferenzierung sinnvoll ist, darüber habe ich noch nichts gelesen.

    Was die eigenen Erfahrungen betrifft: Von meinen vier erwachsenen (funktional denkenden) Kindern haben drei zusätzlich die ADHS-Variante. Während das Kind ohne ADHS seine Schullaufbahn von Anfang bis Ende mit Bestnoten absolviert hat, haben die drei anderen wiederholen müssen, das älteste sogar dreimal – trotz weit überdurchschnittlicher Intelligenz (wir haben ihn testen lassen, u.a. Hamburg-Wechsler für Kinder) . Dennoch haben auch sie alle ihr Abi, und unsere Söhne, die sich am schwersten getan haben, haben heute Spitzenpositionen in der Wirtschaft und verdienen ein S…geld. So gesehen zahlen sie an Steuern das Geld, das ihre Wiederholungen gekostet haben, wieder an den Staat zurück.

    ADHS gilt inzwischen als Behinderung, mit dieser Diagnose wird Kind nun inkludiert. Hätte es diese Diagnose damals schon gegeben, hätten wir unsere Kinder in die Sonder- bzw. Förderschule geben müssen – was für eine Entscheidung wäre das für ihre Zukunft gewesen?
    Da bisher die sogenannte Ursache der vermeintlichen Störung nicht bekannt ist, frage ich mich, in welcher Weise diese Kinder denn nun eigentlich geeignet unterrichtet werden sollen, ob sie sitzenbleiben dürfen, ob die Wiederholung überhaupt noch vorgesehen ist, oder was man denn nun anders machen will, um Sitzenbleiben zu vermeiden.

    @bote 17: ich bin mir nicht sicher, dass das Ziel darin besteht, das Bildungsniveau zu anzuheben. Der ehemalige Präsident des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, Josef Kraus schreibt in seinem Buch “Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt”, dass man die Dummen nicht klüger, aber die Klugen dümmer machen könne. Und das geht nur durch Absenkung des Niveaus, wenn es sein muss so weit, dass Sitzenbleiben kein
    Thema mehr ist.

    Trice, 01. August, 2017, 15.44 Uhr

  44. Trice,
    ……Ziele der Bildung,
    Unser Schulsystem steckt in einem Zielkonflikt. Einerseits soll sie Integrieren am besten auch noch die Bildungsschwachen nicht ausschließen, andererseits muss sie selektieren, damit die Universitäten die Leute bekommen, die sie brauchen.
    Wir sind ein Land ohne Rohstoffe, wir leben vom KnowHow, gute Ausbildung ist die Voraussetzung.Das Bildungsniveau bleibt ein Thema.

  45. Boah, 276 Fehlstunden. Das ist mehr, als auf meinem Abganszeugnis.

    Das da noch irgendwer ein gutes Wort für sie einlegen wollte, glaube ich ihnen nicht.

    Mein Jahrgangsleiter hatte damals zu mir gesagt, er erwähne es jetzt einmal und nie wieder, das ich zu viele Fehlstunden habe. Denn er meinte, dass das Widerholen wenig Sinn mache. Klare Ansage wenigstens.

  46. Zur Problematik über das Sitzenbleiben:
    Wenn Lehrer sich darüber einig sind, das sie den Schüler nicht länger als nötig auf der Schule haben wollen, dann tun sie sich selbst den Gefallen, ihn nicht widerholen zu lassen. Druchwinken, weil wegen desinteresse und eigenem Wohbefinden oder gar Dissymphatie. Aber sie tun dem Schüler eben kein Gefallen.

    Mich zum Beispiel hätte man früh in der Schulllaufbahn durchaus widerholen lassen müssen. Aber das tat man nicht. Und auch sonst bin ich ziemlich “unbehelligt” durch die Schulzeit gekommen. Auch, was die Beteiligung am Unterricht angeht. Ich brauchte fast nichts im Unterricht tun. Ich war eher so eine Randerscheinung – schon in der Grundschule.
    Inzwischen ist mir da ein Grund für diese Seltsamkeit im Sinn, der es in sich hat. Aber ich kann deswegen leider wohl nichts einklagen oder irgendwie einen Neuanfang verlangen. Zeit ist da eher unhintergehbar – sie vergeht und das wars dann. Leben kann man nur einmal. Egal, wie sehr einem das unmöglich gemacht wurde.

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