Science March: Spät aber wichtig

Der March for Science war längst überfällig, jedoch nicht erst seit Donald Trump. Um den besonderen Status wissenschaftlichen Wissens zu sichern, sind Unabhängigkeit und Forschungsfreiheit unerlässlich. Doch diese Güter stehen seit Jahrzehnten unter Beschuss, nicht erst seit dem Erstarken radikaler Populisten. Im Folgenden berichte ich erst wesentliche Standpunkte vom March for Science in Amsterdam und komme ich dann auf eine allgemeinere Kritik des Wissenschaftsbetriebs.

“Wissenschaft ist nicht bloß Meinung.” Unter diesem Slogan könnte man den March for Science zusammenfassen, der am 22. April stattfand. In Reaktion auf Kürzungen der Trump-Administration, die bestimmte Forschungszweige bedrohen, demonstrierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit für die Forschungsfreiheit. Klimawandel war eines der Kernthemen. Daher wurde der Tag auch als “Earth Day” bezeichnet.

Der Hauptorganisatorin, Aleksandra Badura vom Niederländischen Institut für Neurowissenschaftlelin in Amsterdam, gratulierte der Moderator (rechts) zu einer neuen Nature-Publikation. Die Forscherin wollte davon aber nichts wissen und widmete den Tag ausschließlich den Besucherinnen und Besuchern sowie der Wissenschaft. Alle Vorträge wurden simultan in Gebärdensprache übersetzt (links). Bild: S. Schleim

Ich besuchte die Veranstaltung in Amsterdam. Forschende aus dem nördlichen Landeszipfel Groningen kamen wegen Bahnarbeiten mit Bussen; in Maastricht, dem südlichen Ausläufer, organisierte man einen eigenen March. Dass es somit nur zwei Orte im ganzen Land zum Demonstrieren gab, dürfte nicht nur an der überschaubaren Größe der Niederlanden liegen. Wenn in dem Ballungsgebiet mit und um Amsterdam fast die Hälfte der Bevölkerung und so gut wie alle Universitäten angesiedelt sind, hätte sich eine Konkurrenzveranstaltung wohl kaum gelohnt.

Kundgebungen in 609 Städten

Anders als es der Name suggeriert und für die Hauptveranstaltung in Washington geplant war, wurde in Amsterdam jedoch nicht marschiert. Man fand auf dem Museumplatz zwischen Rijks- und Van Gogh-Museum zueinander. Dort standen die Haupttribüne sowie zwei Zelte, in denen verschiedene Aktivitäten über Wissenschaft informierten. Insgesamt dürften zwischen 500 und 1000 Besucherinnen und Besucher gekommen sein. Das passt auch zu den Anmeldungen auf Facebook.

Das Rijksmuseum lieferte das Panorama für den March for Science in Amsterdam. Davor sieht man das “Entdeckungszelt”, eines von zwei Zelten, in denen Besucherinnen und Besucher über Wissenschaft informiert wurden. Bild: S. Schleim

Laut dem Orga-Team hat es in 609 Städten weltweit Marches for Science gegeben. Damit könnte die Initiative die bisher größte konzertierte Aktion von sonst nicht gerade für politischen Aktivismus bekannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um den Globus gewesen sein. Die Unabhängigkeit der Forschung stehe unter Druck; und man dürfe den Umgang von Populisten mit “alternativen Fakten” nicht unwidersprochen hinnehmen.

Umwelt, Gesellschaft, Mensch und Gehirn

Das Programm startete gleich mit drei bekannten Größen aus der Forscherwelt: Dem noch jungen Professor für Paläo-Ozeanographie Appy Sluijs von der Universität Utrecht. Er beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltmeere. Die als “Königin der (niederländischen) Sozialwissenschaften” vorgestellte Amsterdamer Professorin für empirische Soziologie Pearl Dykstra sprach über die Bedeutung der Sozialwissenschaften für die Gesellschaft. Mit Peter Hagoort rundete der “Mr. Neurowissenschaft” der Niederlande die erste Serie ab: Er ist Direktor am MPI für Psycholinguistik in Nijmegen und Gründungsdirektor des dortigen Donders-Instituts für Hirnforschung.

Die Soziologin Dykstra erkälrte, dass der Nutzen der Sozialwissenschaften so offensichtlich sei, dass man ihn häufig übersähe. Als Beispiele nannte sie Statistiken über die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt oder die Ökonomie. So habe eine britische Studie gerade gezeigt, dass die Einführung des Mindestlohns die Anzahl depressiver Erkrankungen reduziert habe. Auf höchster Ebene berate sie selbst mit anderen Forschenden lokale Regierungen und die EU zu Fragen des technologischen Wandels. Oft stünden Fragen der technischen Sicherheit im Vordergrund. Was es aber für die Menschen bedeute, überall einen digitalen Fingerabdruck zu hinterlassen, lasse sich mit Methoden der Sozialwissenschaften erforschen.

Grundlagenfragen und Grundlagenforschung

Peter Hagoort ging in seinem Vortrag ans Eingemachte: Er bemühte keinen Geringeren als Albert Einstein. Dieser habe vor hundert Jahren die Gravitationswellen vorhergesagt, jedoch auch behauptet, sie seien zu klein, um gemessen zu werden. Wie wir seit vergangenem Jahr wüssten, hätte Einstein sich bei der zweiten Voraussage geirrt, mit der ersten aber Recht behalten. Diese Wellen seien die größte Entdeckung der Wissenschaft im Jahr 2016 gewesen.

Besucherinnen und Besucher vor der Haupttribühne, auf der die Vorträge gehalten wurden. Bild: S. Schleim

Die Wissenschaft zeichne aus, dass es ausschließlich um Beweise nach allgemeinen Regeln gehe und nicht darum, wer ihn führt. Dabei sei aus zweierlei Gründen Grundlagenforschung unerlässlich: Erstens könne man mit dem Wissen von heute gar nicht vorhersagen, welches Wissen in Zukunft einmal wichtig sein wird; zweitens seien Forschung und Wissen das Immunsystem einer Gesellschaft.

Wissen für Gegenwart und Zukunft

So kritisierte er, dass kurz vor den Anschlägen vom 11. September das Institut für Arabistik der Universität Amsterdam geschlossen wurde, weil man es für nutzlos gehalten habe. Nach den Anschlägen habe man plötzlich händeringend nach Expertinnen und Experten dieses Fachs gesucht. Der Hirnforscher schloss mit einem politischen Aufruf: Wenn in ein paar Jahren immer noch ein March for Science nötig sei, dann müsse man auf dem Dam demonstrieren, dem Zentrum der niederländischen Hauptstadt.

Später kam unter anderem noch der Professor für Integration und Migration Jaco Dagevos von der Universität Rotterdam und der Vorsitzende der Studierendengewerkschaft Jarmo Berkhout zu Wort. Dagevos berichtete von seiner eigenen Forschung, dass türkischstämmige Niederländerinnen und Niederländer nach und nach immer besser ausgebildet seien als ihre Eltern. Das sei ein Erfolg der Integration.

Gleichzeitig würden aber immer mehr Jugendliche den Bezug zu den Niederlanden verlieren. Das liege nicht nur an Erlebnissen von Ausgrenzung, dem mitunter radikalen Ton öffentlicher Debatten, sondern auch an Bemühungen der türkischen Regierung. Zufälligerweise zog gegen Ende von Dagevos’ Vortrag eine Demonstration von Erdogan-Gegnern am Museumsplatz vorbei, die beispielsweise auf den von der türkischen Regierung bis heute geleugneten Völkermord an den Armeniern aufmerksam machte.

Strukturprobleme der Wissenschaft

Der Studierendenvertreter Berkhout war überraschenderweise der Einzige, der die strukturellen Probleme der Wissenschaft jenseits von Trump offen ansprach. Es gelte, den unmenschlichen Arbeitsdruck unter Forschenden und Dozierenden zu reduzieren. Die Politik müsse dringend mehr in die Hochschullehre investieren, denn Wissenschaft sei kein linkes Hobby, sondern die “Lebensader der Wahrheit.”

Einen direkten Bezug zu Donald Trump stellte auch dieser Demonstrant dar: You can’t grab science by the pussy! Bild: S. Schleim

In ähnlicher Weise halte ich es für bezeichnend, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit erst jetzt auf die Straße gehen, wo die Gegnerschaft der Forschungsfreiheit ein Feindbild bekommen hat: nämlich das Gesicht Donald Trumps. Der schleichende Ausverkauf der Wissenschaft der letzten Jahrzehnte, der zu systematischen persönlichen wie strukturellen Defiziten geführt hat, rief jedoch bisher keine übergreifende Gegenbewegung auf den Plan.

Schlechtere Arbeitsbedingungen

In den letzten zwanzig Jahren haben sich nämlich die Arbeitsbedingungen auf dem akademischen Arbeitsmarkt zunehmend verschlechtert. Dahinter stecken nicht nur ökonomische Faktoren, die mit der Globalisierung zu tun haben, sondern auch politische Entscheidungen. So führt die zunehmende Fokussierung auf Drittmittelforschung zu immer mehr Forschungsprojekten mit begrenzter Dauer – und für die sind eben flexibel anzustellende, doch hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler notwendig.

Ein Übersichtsartikel in Nature zeigte, dass sich die Anzahl der Postdocs, also Forschende nach der Promotion, in den USA von 1979 bis 2012 verdreifachte. Dabei haben Postdocs in der Regel nicht nur befristete Verträge, sondern verdienen auch nur in etwa die Hälfte.

Warum eigentlich für die Wissenschaft auf die Straße gehen? Es fällt mir leichter, zu sagen, warum ich es lieber nicht sollte. Denn die Forschung und Lehre an Hochschulen finde ich oft ziemlich schlecht: die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse, die strikten Hierarchien, die allgegenwärtige Vetternwirtschaft, die schlechten Aussichten auf Arbeitsstellen, die Benachteiligung von Frauen, Migranten und sozial Unterprivilegierten… (Kommentar des Berliner Postdocs Thomas Grohmann auf ZEIT Online)

Billige Arbeitskräfte

Zusammen mit den Doktorandinnen und Doktoranden sind sie, ökonomisch gesehen, damit vor allem eins: billige Arbeitskräfte, deren hoch spezialisierte Tätigkeiten (noch) nicht automatisiert werden können. In den Lebenswissenschaften, wo rund zwei Drittel der Postdocs arbeiten, wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben: So bekommen Forschende in der Medizin in Deutschland die Arbeitszeit für ihre Doktorarbeit teilweise gar nicht vergütet. Ich habe im eigenen Bekanntenkreis genügend solcher Exemplare gehabt, die fast zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Laborleitung bereit standen.

Warum aber Drittmittelforschung? Zum einen wegen Kürzungen öffentlicher Mittel. Es war ein ausdrücklicher Wunsch der Wissenschaftspolitik etwa auch in der Bologna-Erklärung von 1999, dass Forscherinnen und Forscher im Wettbewerb zueinander stehen. Konkurrenzkampf sichere die Qualität. Zum anderen sind Drittelmittel auch zu einem Maßstab für Qualität geworden.

Auswuchernde Qualitätskontrolle

Das bringt mich auf einen anderen Punkt, nämlich die Qualitätssicherung. Auch dies Stand so schon in der Bologna-Erklärung. Dazu kam die Anforderung der Standardisierung. Diese dient wiederum der besseren Vergleichbarkeit von Forschenden und Disziplinen untereinander. Dabei war und ist es oft genug egal, ob man Äpfel mit Birnen vergleicht, so lange man nur vergleicht – und das heißt vor allem: quantifiziert.

Es geht um den Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Forschungsansätzen, deren Leistungen und den vergleichenden Bewertungen derselben. Manche Leistungsmaße (z.B. wirtschaftliche Verwertbarkeit, Publikationsanzahl, Zitationsindex) sind so beschaffen, dass mit ihnen bestimmte Forschungsansätze systematisch bevor- bzw. benachteilt werden. Dies ergibt sich schlicht aus den strukturellen Eigenarten der jeweiligen Ansätze. … Wenn diese Evaluationspraxis um sich greift und wenn deren Ergebnisse wissenschaftspolitische Entscheidungen lenken, dann führt dies in der Psychologie zu einer starken Engführung ihres Erkenntnisfeldes. Dies hat massive Kompetenzverluste zur Folge, verbunden mit wichtigen berufspolitischen Konsequenzen. (Der inzwischen lang emeritierte Psychologieprofessor Uwe Laucken hat die erkenntnisschädigenden Folgen der heutigen Qualitätssicherung bereits in einem Aufsatz aus dem Jahr 2002 vorhergesehen.)

Faktisch gibt es im Konkurrenzkampf also einen Drittemittelzwang. In meinen Arbeitsverträgen, die dank des Einsatzes der Gewerkschaften hier in den Niederlanden für die nachfolgenden Generationen entschärft wurden, stand das so auch ausdrücklich drin: Wer keine Gelder einwirbt, der fliegt raus. Damit werden Forschende aber nicht nur unter Druck gesetzt, sondern auch von externen Einflüssen abhängig, eben den Geldgebern.

Ende der Unabhängigkeit

Das können sowohl öffentliche Institutionen sein als auch private Stiftungen oder die Industrie. Das klingt vielleicht unschuldig, bedeutet aber in der Praxis, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mehr selbst ihre Agenda bestimmen können. Das führt gerade in der Gesundheits- und Pharmaforschung, in der es um Milliarden gehen kann, zu problematischen Interessenskonflikten.

Dabei stehen viel zu wenig Drittmittel zur Verfügung. In den wichtigsten Runden ist es nicht unüblich, dass die Erfolgsquoten zwischen gerade einmal zehn und zwanzig Prozent liegen. Und auch diese Bedingungen verschlechterten sich mit der Zeit: Einem anderen Nature-Bericht zufolge fielen die Erfolgquoten bei den amerikanischen National Institutes of Health etwa zwischen 1985 und 2014 auf die Hälfte.

Sozialdarwinismus oder fairer Wettbewerb?

Selbst wenn man hier die harte Konsequenz zieht, dass dies eben Sozialdarwinismus ist und der Wettbewerb der Qualitätssicherung dient, kosten diese Bemühungen Zeit, die nicht für Forschung verwendet werden kann. Gemäß einer Umfrage unter Forschenden bleibt nicht einmal mehr 40% der Zeit zum Forschen. Allein ein Fünftel fällt demnach für Drittmittelanträge und Verwaltung an.

Was hierbei noch gar nicht berücksichtigt wurde, ist die Fairness des Wettbewerbs. Drittmittelanträge werden genauso wie Publikationen von externen Gutachterinnen und Gutachtern beurteilt, den sogenannten Peer Reviewern. Zwar glaube ich prinzipiell an das Gute im Menschen, doch selbst wenn die Kolleginnen und Kollegen nicht unter starkem Zeitdruck stehen, wie es meistens der Fall ist, kann hier viel schief gehen.

Begutachtung mit Interessenkonflikt

Natürlich spricht viel für eine unabhängige Begutachtung, wieder das Stichwort Qualitätssicherung. Das Prädikat “Wissenschaft” soll Erkenntnisse auf besondere Art und Weise auszeichnen. Genauso argumentierten auch viele Demonstrierende auf dem March of Science. Fehler, ob absichtlich oder versehentlich, können schlimme Folgen haben, wenn wir etwa an die Medikamentensicherheit oder komplexe Technologien denken.

In der Praxis haben aber die Peer Reviewer, manchmal auch mit Blick auf neutrale Schiedsrichter auch als Referees bezeichnet, in der Regel einen Interessenkonflikt: Entweder besitzen sie die nötige Fachkenntnis; dann sind sie aber wahrscheinlich Freunde des Forschenden oder aber Konkurrenten und damit in beiden Fällen nicht neutral. Oder sie sind Fachfremde und müssten sich unter großem Zeitaufwand, der in aller Regel nicht entschädigt wird, erst in die Materie einarbeiten. Eine Bekannte erzählte sogar einmal, von einem befreundeten Wissenschaftler habe sie ihr eigenes, anonymisiertes Paper zur Begutachtung zugeschickt bekommen – weil der andere es wegen Zeitdrucks nicht bearbeiten konnte.

Kapital- und Aufmerksamkeitsinteressen

Dabei ist die wichtigste Instanz auf dem Wege ins Peer Review noch gar nicht genannt: der Editor. Viele sind sich nicht im Klaren darüber, dass die Editors häufig Angestellte gewinnorientierter Unternehmen sind, nämlich der Verlage, gerne mit Niederlassung in den USA oder Großbritannien. Sie haben zwar wahrscheinlich selbst eine wissenschaftliche Ausbildung, arbeiten aber nicht mehr in der Wissenschaft, sondern in der Privatwirtschaft.

Bei ihnen landen alle unveröffentlichten Forschungsideen; in ihren Händen liegt es, eine Forschungsarbeit gleich abzulehnen oder an Gutachterinnen und Gutachter zu schicken. Dabei muss allen klar sein, dass man durch die Auswahl der Peer Reviewer den Erfolg einer Begutachtung entscheidend beeinflussen kann. Die Fachzeitschriften stehen aber in Konkurrenz untereinander, wer die Arbeiten publiziert, die am meisten zitiert werden.

Das bedeutet also: Entscheidungen darüber, wer etwa in Deutschland, den Niederlanden, in Schweden und so weiter Professorin oder Professor wird, hängen von Kapital- und Aufmerksamkeitsinteressen ab – und von den konkreten Handlungen privatwirtschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den englischsprachigen Ländern.

Blindes Vertrauen

Der wichtigste Schritt sowohl beim Veröffentlichen von Artikeln als auch beim Einwerben von Drittmitteln hängt entscheidend von Personen ab, die weder demokratisch legitimiert sind, noch öffentlich arbeiten. Die Arbeit der Editors ist in der Regel ebenso geheim wie die Namen der Peer Reviewer. Wenn diese nicht gut arbeiten, steht und fällt die Wissenschaft mit der persönlichen Integrität von Personen, die häufig genug nicht der Forschung, sondern ihren Geldgebern verpflichtet sind.

Wenn man bedenkt, wie viel Macht, Geld, Einfluss und Erfolg an den Entscheidungen solcher Personen hängt, dann ist es äußerst merkwürdig, dass ihnen schlicht vertraut wird. Man denke kurz an die Dopingfälle des Sports oder Korruptionsskandale von Firmen, denen man jahrelang blind vertraute. In jedem Fall ist damit klar, dass das System des Peer Reviews nicht den Kriterien eines fairen und rechtsstaatlichen Gerichtsverfahrens genügt.

Öffentliches wird geheim entschieden

Dabei könnte diese kulturelle und in ihrem Wesen selbst philosophisch-rechtswissenschaftliche Errungenschaft der modernen Wissenschaft durchaus als Vorbild dienen, nämlich mit Richterinnen und Richtern als unabhängigen Urteilsinstanzen und der Möglichkeit einer Berufung. Zur Fairness gehört auch die Akteneinsicht. Man könnte also den ganzen Prozess des Peer Reviews zumindest öffentlich machen, damit die essentiellen Entscheidungen einer ohnehin auf Veröffentlichung ausgerichteten Wissenschaft nicht länger im Geheimen getroffen werden.

So wichtig der March for Science war, so sehr hat mir diese selbstkritische Komponente gefehlt. Gerne wurde gesagt, dass Wissenschaft auf Fakten basiert, nicht auf Meinungen; aber auch Fakten beruhen auf der Interpretation von Theorien und Daten. Deshalb gibt es ja auch gerade Meinungsverschiedenheiten unter Forschenden: weil sie unterschiedlicher Ansicht darüber sind, wie etwas zu messen oder zu beschreiben sei und wie die unter einer Messung oder Beschreibung entstandenen Beobachtungen und Daten zu verstehen sind.

Nicht nur an Trump denken

Trump und seine Administration bieten genügend Gründe zum Protest; es gibt aber auch genügend Gründe, kritisch im eigenen Bereich zu sein: Für Kritik ist aber oft kein Platz, schlicht weil Forschende erfolgreich sein müssen und es sich dabei nicht leisten können, sich mit der Scientific Community (sprich: den möglichen Peer Reviewern) anzulegen.

Wer es bereits auf eine gute Stelle geschafft hat, beherrscht offensichtlich die Spielregeln und ist vielleicht auch schon so angepasst, dass von ihm oder ihr kein Impuls für eine Veränderung mehr zu erwarten ist. Der große Rest, wie das oben genannte Heer an Postdocs, muss im Interesse der eigenen Karriere schlicht gute Miene zum bösen Spiel machen.

Ideale

Forschung als Tätigkeit ist Suche nach neuen Erkenntnissen. Diese entstehen aus einer stets durch Irrtum und Selbsttäuschung gefährdeten Verbindung von Systematik und Eingebung. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und gegenüber anderen ist eine Grundbedingung dafür, dass neue Erkenntnisse – als vorläufig gesicherte Ausgangsbasis für weitere Fragen – überhaupt zustande kommen können. ‘Ein Naturwissenschaftler wird durch seine Arbeit dazu erzogen, an allem, was er tut und herausbringt, zu zweifeln, … besonders an dem, was seinem Herzen nahe liegt.’ (aus der DFG Denkschrift zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis)

Denken wir also beim nächsten March for Science daran, dass wir die Strukturen für eine gute Wissenschaft überhaupt erst wieder herstellen müssen. Dass wir auch zurzeit (noch) so viel gute Wissenschaft haben, liegt vor allem am Idealismus vieler Forschender. Das System selbst belohnt aber nicht unbedingt die Idealisten, sondern eher die Opportunisten.

“Make Earth Great Again.” Und denkt daran, dass die Größe der Wissenschaft auch vom Einhalten ihrer Ideale abhängt. Bild: S. Schleim

Wo sollte es aber denn sonst überhaupt noch Raum für Ideale geben, wenn nicht in der Wissenschaft, wo man so gerne Begriffe wie Fakten, Objektivität, Erkenntnis und Wahrheit in den Mund nimmt?

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hört sich nach der gleichen Entwicklung an wie in anderen Gesellschaftsbereichen- ein längerfristiger linearer Übergang vom sozialdarwinistisch geprägten Kapitalismus hin zu offenen Varianten des faschistischen Denkens, die dann irgendwann ganz offen die Macht übernehmen.

  2. Klimawandel war eines der Kernthemen. Daher wurde der Tag auch als „Earth Day“ bezeichnet.

    Der 22. April ist schon seit Anfang der 1970er der ‘Earth Day’. U.a unterstützt durch den damaligen UN-Generalsekretär. Kann man auch in der deutschen Wikipedia nachlesen.

  3. Der “individualbewusste” Imperialismus des “freiheitlichen” Wettbewerbs um …, im “gesunden” Konkurrenzdenken von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” – WETTBEWERB, die URSACHE aller spalterisch-konfusionierenden Probleme / aller Überproduktion von symptomatischem Kommunikationsmüll unseres bewusstseinsbetäubten “Zusammenlebens”!!!

  4. Wie fast immer ist im dankenswerterweise vom werten hiesigen Inhaltegeber bereit gestellten WebLog-Artikel Vieles zustimmungsfähig, auch dass dieser “Marsch” nicht an Donald J. Trump aufgehängt werden sollte, auch wenn gerade dies mobilisiert.

    Das Dilemma der Wissenschaft besteht genau darin, dass ‘Forschungsfreiheit und Unabhängigkeit’ wünschenswert wären, auch gerade aus Sicht der Gesellschaft, dass aber die wissenschaftliche Veranstaltung ebenfalls finanziert sein will.

    Dieses Dilemma kann nur diskursiv bearbeitet werden, schrittweise, gemeinsam mit der Gesellschaft, am besten ohne bestimmte politische Gruppen herabzusetzen.

    So wie es diesen Diskurs im Positiven geben muss, muss es ihn auch im Negativen geben: wissenschaftskritisch.
    Wissenschaftler werben nicht für die Sache, wenn sie politisch aktivistisch werden.
    Denn dann grummelt den Steuerzahler, der hier eben “nicht ganz” unbeteiligt ist, und politische Richtungen, die dann nachtretend und witzigerweise noch als populistisch bezeichnet werden, gewinnen “auf einmal” Wahlen.

    Natürlich sind bestimmte nur dull zu nennende Reaktion bspw. aus dem Lager der US-Republikaner, den Klimawandel und dessen wissenschaftliche Bearbeitung meinend, auch eine Reaktion auf derart aktivistische Machwerke. [1]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Ein besonders mieses expertokratisches i.e. undemokratisches Stück, wie einige finden.

  5. Bonuskommentar und fettes +1 hierzu :

    Wissenschaft ist nicht bloß Meinung.

    Gerne wurde gesagt, dass Wissenschaft auf Fakten basiert, nicht auf Meinungen; aber auch Fakten beruhen auf der Interpretation von Theorien und Daten.

    Die Wissenschaft folgt regelmäßig der (skeptizistischen) szi­en­ti­fischen Methode (“Scientific Method“) und generiert wissenschaftliche Meinung, diese ist aber besondere Meinung.
    Für die Naturwissenschaften gilt dies fast durchgängig, anderswo manchmal nicht, Beispiele können sich gedacht werden.

    Das mit den Fakten ist auch ein “heißes Eisen”, denn die Messung erfolgt näherungsweise, ausschnittsartig und an die Interessen (!) der Forschenden gebunden, wie ebenfalls auch die anfallende Theoretisierung näherungsweise, ausschnittsartig und an die Interessen (!) der Forschenden.

    Es kann also diese bösen “alternativen Fakten” geben, es soll sie geben, ihre Gewinnung wie Theoretisierung sind wichtiger Teil der Veranstaltung. [1]

    MFG + schönen Sonntag noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Einstein soll dies gesagt haben, die Quelle ist dem Schreiber dieser Zeilen im Moment nicht zur Hand :
    ‘Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.’ (Andere meinen, dass dies die szientifische Methode meint, vs. ‘Wahnsinn’.)

  6. Wo sollte es aber denn sonst überhaupt noch Raum für Ideale geben, wenn nicht in der Wissenschaft, wo man so gerne Begriffe wie Fakten, Objektivität, Erkenntnis und Wahrheit in den Mund nimmt?

    Im Privaten.

    Sittlich unbestimmt oder zumindest nicht monetär verleitet, vgl. :
    -> http://www.duden.de/rechtschreibung/Idiot (gemeint hier: die Etymologie ohne Metaphorik)


    Veranstaltung meinend können pers. ‘Ideale’ kaum gesellschaftlich durchgesetzt werden, was auch gut so ist, womöglich aber nicht durchgängig oder ganz sicher nicht.
    Die Wissenschaft bleibt Veranstaltung.

    Der in dieser Beziehung womöglich gemeinte Idealismus ist sozusagen tot.
    Wird ursisch-zynisch gelegentlich retourniert.

    MFG
    Dr. Webbaer

  7. Wie könnte denn ein Finanzierungssystem aussehen, das einerseits echten und guten Wissenschaftlern den nötigen Freiraum für ihre Arbeit lässt und andererseits den Missbrauch von Forschungsgeldern in einem erträglichen Rahmen hält? Die Steuerung der Wissenschaft durch Geldgeber ist gewiss problematisch; einfach jedem Geld in die Hand zu drücken, der sich Wissenschaftler nennt, wäre es andererseits aber auch. Nach welchen Kriterien also könnte man ein Forschungsbudget in die richtigen Hände lenken und was hieße überhaupt richtig?

    • Nach welchen Kriterien also könnte man ein Forschungsbudget in die richtigen Hände lenken und was hieße überhaupt richtig?

      Oder anders gefragt :
      Wann war es in der Vergangenheit ‘richtig’ -die Richtigkeit müsste, wenn der Staat beteiligt ist, politisches Interesse meinen, und wenn Private beteiligt sind, privates oder wirtschaftliches Interesse- bestimmte Forschung finanziert zu haben?

      Private Investoren müssten hier für sich selbst entschieden haben und womöglich kam oft auch deren Empfängerzufriedenheit heraus, bestimmte Produkte meinend, die auf dem Markt “durchschlugen”, allgemein nachvollziehbar muss dies nicht sein.
      Staatliche Förderer haben’s dagegen schwer, sie konkurrieren mit anderen Staaten und sind nur sehr indirekt wirtschaftlich tätig.
      Wo es politisch geklappt haben könnte, wäre bei der Raketen-Entwicklung und dem Manhattan-Projekt. Was allerdings so einige nicht direkt begeistern wird. – Bei bspw. Gender und so, wo wohl staatlicherseits zunehmend gefördert wird, scheiden sich die Geister wohl endgültig.

      MFG
      Dr. Webbaer

  8. @Türpe: Finanzierung

    Das ist eine wichtige Frage. Die betrifft aber nicht die Wissenschaft, sondern unsere Gesellschaftsordnung.

    Es geht erst einmal um Personalmittel. Da könnte man klein anfangen; und ich habe auch nichts gegen Zielvereinbarungen, sofern diese nicht nur von oben diktiert werden und für alle gleich gelten, was wiederum zu sinnlosen Folgen führt (etwa vom Grundlagenwissenschaftler bereits nach zwei oder drei Jahren große Entdeckungen zu erwarten), sondern die Betroffenen ein Mitspracherecht haben.

    Als ich in die Wissenschaft einstieg, hatte ich mir vorher keine Gedanken übers Gehalt gemacht. “Wird schon reichen”, dachte ich mir. Dass es dann aber gerade einmal 1000 Euro netto waren (als Doktorand) für offiziell 20, wirklich oft 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche und ich nebenbei arbeiten musste, um meine Lebensversicherung und Forschungsmaterial (Bücher, Laptop) zu bezahlen, war dann aber doch eine Ernüchterung. An Urlaub war erst gar nicht zu denken.

    Für Forschung, die auf teure Geräte angewiesen ist, bräuchte man freilich ein anderes Modell. Ich würde mir wünschen, dass Bürgerinnen und Bürger dabei mitbestimmen.

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