Neuro-Enhancement: Optimierung des Gehirns?

PillengehirnUlrich Eibach hat nicht nur jahrelang über Themen der Bio- und Medizinethik geforscht, sondern auch als Seelsorger viele Menschen in schwieriger Lage begleitet. Aus seiner theoretisch sowie praktisch informierten Perspektive unterzieht er einige grundsätzliche Argumente des Memorandums einer Kritik.


Das Memorandum „Das optimierte Gehirn“ stellt ein Plädoyer für eine ethische und rechtliche Billigung der Optimierung von Leistungen des Gehirns durch chemische Mittel dar.

I. Der Ausgangspunkt entscheidet über das Ergebnis!

Ausgangspunkt ist der liberale Standpunkt, nach dem es ein Recht jedes „entscheidungsfähigen Menschen ist, über sein persönliches Wohlergehen, seinen Körper und seine Psyche selbst zu bestimmen.“ Begründungsbedürftig sei daher nicht der Gebrauch von Mitteln zur Steigerung psychisch-geistiger Leistungen, sondern eine Einschränkung der Freiheit des „mündigen“ Menschen, solche Mittel zu verwenden. Man wendet sich damit zugleich gegen ein pessimistisches „negatives Menschenbild“, das dem Menschen nicht zutraut, „eigenverantwortlich“ mit solchen Mitteln umzugehen.

Diese liberale Position geht davon aus, dass der Inhalt des Begriffs Menschenwürde im Grundgesetz (Art. 1) primär oder gar nur in der Selbstbestimmung (Autonomie) zu sehen ist, dass der Mensch „Besitzer“ seines Lebens ist und deshalb ein uneingeschränktes Verfügungsrecht über sein leib-seelisches Leben hat. Daraus folgt, dass der Mensch selbständig darüber entscheiden darf, welche Hirnleistungen und davon abhängige Persönlichkeitsmerkmale er verbessern und welche Mittel er dazu gebrauchen will, und dass man sie ihm in legaler Weise zur Verfügung stellen muss, sofern er darin für sich einen Nutzen sieht und anderen dadurch nicht schadet.

Dieser Ansatz führt zu einer individual-utilitaristischen Ethik, die alle grundsätzlichen Einwände verwerfen und alle, die Selbstbestimmung des Einzelnen möglicherweise eingrenzenden sozialen Argumente durch ein Herunterspielen der Probleme und Gefahren für andere entkräften muss. Das Memorandum ist von diesem Bemühen gekennzeichnet und tut dies, indem es die Gegenargumente fast nur in ihren Schwachpunkten aufgreift und dann geschickt zu entkräften versucht.

Mit der liberalen Grundentscheidung ist vorweg entschieden, dass es dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen widerspricht, ihm den Gebrauch dieser Mittel vorzuenthalten, auch dann, wenn dies für alle Menschen gilt, ja es gibt geradezu eine Pflicht, ihm die Mittel anzubieten. Man fragt also erst gar nicht, ob die Wünsche und Bedürfnisse nach Gebrauch solcher Mittel nicht erst durch das auf ökonomischen Gewinn ausgerichtete Angebot der Mittel erzeugt wurden, warum wir den Menschen solche Mittel überhaupt anbieten sollen oder gar müssen und was die Ziele solcher Angebote sind. Muss und soll auch das jeder für sich selbst bestimmen? Entscheidet dann nicht letztlich die bloße technische Machbarkeit und ökonomische Ausbeutung solcher Mittel darüber, ob sie auch legal zur Verfügung gestellt werden, obwohl die Folgen, vor allem die langfristigen Folgen für den Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt kaum abschätzbar sind? Man vertraut darauf, dass der Mensch schon Wege findet, in „verantwortlicher Weise“ damit umzugehen, und lehnt dahingehende kritische Zweifel als Ausdruck eines pessimistischen Menschenbilds ab.

Würde man einen übergreifenden sozialethischen und verantwortungsethischen, die Zukunft allen Menschenlebens bedenkenden Ausgangspunkt wählen, so wäre zunächst einmal zu fragen, was uns eigentlich nötigt, die Mittel zum Neuro-Enhancement herzustellen und anzubieten, und was die möglichen Folgen des Gebrauchs solcher Mittel im übergreifenden sozialen Kontext des Lebens und seiner Zukunft sind. Je unabsehbarer und problematischer solche Folgen sein können, umso eindeutiger gut müssen die Ziele des Gebrauchs der Mittel für möglichst alle, wenigstens aber die Mehrzahl der Menschen sein.

Das Memorandum schweigt weitgehend über die Ziele, scheint vorauszusetzen, dass die Steigerung der Selbstverfügung über das Leben, des Wohlbefindens, des Glückserlebens, der Leistungsfähigkeit, des Erfolgs, des Verdienstes und des darauf gründenden Ansehens des einzelnen Menschen hinreichende Rechtfertigungsgründe für die legale Zulassung von Mitteln zum Neuro-Enhancement sind. Oder setzt man einfach voraus, dass die Anforderungen der technischen Zivilisation an den Menschen immer größer werden, sodass viele oder alle Menschen solche Mittel brauchen, um diesen Anforderungen gewachsen zu sein? Damit würde man aber einer „pessimistischen Sicht“ des „naturgewordenen“ Menschen recht geben und einräumen, dass wir einen „besseren“ bzw. „robusteren“ Menschen brauchen, um den zivilisatorischen Produkten, die der Mensch hervorgebracht hat, noch gewachsen zu sein. Dann müsste man zugleich einräumen, dass der Mensch immer weniger Herr der Produkte seines Handelns ist, dass sie den Menschen und nicht der Mensch sie bestimmt, er im Gebrauch dieser Mittel „Opfer“ seiner „Machsale“ ist. Daraus folgt dann, dass es leichter ist, den Menschen in seiner „Natur“ chemisch und technisch den Anforderungen der immer komplexeren technischen und ökonomischen Zivilisation anzupassen als diese der „Natur“ des Menschen. Geht man aber davon aus, dass unsere Zivilisation unserer natürlichen Beschaffenheit angepasst sein sollte und sie zu bewahren ist, so setzt man notwendig andere Ziele und Prioritäten und kommt zu anderen ethischen Urteilen.

II. Zu den abgelehnten grundsätzlichen Argumenten gegen „Neuro-Enhancement“

Die Verfasser/innen lehnen das Argument ab, dass perfektionierende Eingriffe ins Gehirn der „Natur des Menschen“ widersprechen. Das Argument gründet letztlich in theologischen Überlegungen, vor allem in der Vorstellung, dass der Mensch Geschöpf Gottes, dass sein Leben Gabe Gottes ist, die ihm zum verantwortlichen Gebrauch vor Gott, Menschen und der gesamten Schöpfung anvertraut ist, die aber dennoch nicht sein Besitz ist, über den er beliebig verfügen darf. Unter dieser Voraussetzung ist es begründungsbedürftig, dass der Mensch durch chemische und technische Mittel direkt verändernd in seine „natürliche Beschaffenheit“ eingreift, insbesondere wenn seine seelisch-geistigen Fähigkeiten dadurch verändert werden.

„Natur“ – Ein ethisch untauglicher Begriff?

Der Mensch greift sicher immer in seine Natur ein, z.B. um Krankheiten zu heilen. Die vorfindliche Natur ist in der christlichen Tradition nie mit der guten Schöpfung Gottes gleichgesetzt worden. In der Natur sind die das Leben ermöglichenden Ordnungen (gute Natur) und die es zerstörenden „chaotischen Kräfte“ (Unnatur) immer zugleich gegeben. Es ist uns geboten, diese zerstörerischen Kräfte zu bekämpfen, um das Leben zu bewahren und zu heilen. Die Tatsache, dass die Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit fließend sind, besagt nicht, dass wir zwischen „normalen“ Lebenszuständen und ihrer Perfektionierung einerseits und Krankheiten und ihrer Heilung andererseits meist nicht sehr gut unterscheiden können.

Zwischen der Therapie von seelischen Krankheiten mit auf das Gehirn einwirkenden Medikamenten und der Einnahme von die Hirnleistungen gesunder Menschen steigernden Stoffen bestehen also eindeutige Unterschiede. Das Memorandum spielt diese Unterschiede ebenso herunter, wie die Unterschiede zwischen dem Gebrauch von anregenden Genussmitteln (z.B. Kaffee) oder die Seele beeinflussenden Körpertechniken wie Meditation und dem Gebrauch von chemischen Stoffen zur gezielten Steigerung bestimmter seelisch-geistiger Leistungen, ja es geht sogar soweit zu suggerieren, dass die Methoden der Erziehung, mit der der Mensch die Hirnleistungen wie die Intelligenz ausbildet, im Grunde fast auf derselben Stufe stehen wie die Einnahme solcher Stoffe. Dabei wird verkannt, dass die Erziehung sozial in einen mitmenschlich-kulturellen und individuell in einen ganzheitlichen leib-seelischen Kontext eingebettet ist und den Menschen langsam wachsen und reifen lässt. Sie ist dem Menschen als personalem und kulturellem Wesen gleichsam „natürlich“ und zielt nicht darauf, nur einzelne Eigenschaften möglichst schnell gezielt und bedarfsgerecht zu optimieren.

Die Nivellierung dieser und anderer Unterschiede dient eindeutig dazu, die Bedenklichkeit der Mittel zum Neuro-Enhancement herunterzuspielen.

Welches Menschenbild und welche Ziele leiten das Memorandum?

Sicher ist das natürliche Leben dem Menschen nicht nur vorgegeben, sondern auch aufgegeben. Aber weder I. Kant, noch A. Gehlen, H. Plessner u.a haben dabei an verbessernde direkte Eingriffe in den menschlichen Körper wie erst recht nicht ins Gehirn gedacht, sondern an die moralische Vervollkommnung des Menschen durch Bildung und den Ausgleich der leiblichen und seelischen Unvollkommenheiten durch dem Menschen äußerliche Technik.

In der christlichen Tradition ist der irdische Mensch immer als endliches, begrenztes, unvollkommenes und auf die helfende Liebe anderer Menschen angewiesenes Geschöpf Gottes, als „Ebenbild Gottes im Fragment“ verstanden worden, der, wenn er sich aus sich selbst und durch sich selbst vervollkommnen will, sich selbst verliert, Opfer seines Größen- und Machbarkeitswahns wird. Nun kann man mit F. Nietzsche der Meinung sein, dass, weil Gott tot ist oder für tot erklärt wurde, der Mensch sein eigener Schöpfer sein muss, er sich selbst nach seinem eigenen Bilde als „Kunstwerk“ erschaffen muss. Die Beherrschung der Natur dient damit nicht zuletzt der Emanzipation des Menschen von seiner eigenen Natur, der Herstellung einer neuen Natur durch den Menschen selbst. Die Möglichkeiten, die natürliche Beschaffenheit des Menschen zu verbessern, nicht zuletzt durch biochemische und technische Eingriffe ins Genom und das Gehirn, lässt diese Vision Nietzsches näher rücken, bis dahin, dass – wie „transhumanistische“ Strömungen es propagieren – der Mensch sich als abhängiges Geschöpf anderer selbst überwindet. Die Frage ist nur, ob der Mensch mit einer derart biotechnisch eroberten Freiheit gegenüber seiner Natur wirklich freier, glücklicher und vor allem menschlicher wird, oder – anders ausgedrückt – ob dieser Fortschritt in der technischen Beherrschung der Natur schon in sich mit einem humanen Fortschritt gleichzusetzen ist oder ob der Mensch, wenn er die Grenzen seines Geschöpfseins stetig erweitert, sich als „Mensch“ und damit als begrenztes und in dieser Welt immer unvollkommenes Geschöpf nicht um so mehr verliert, je mehr er sich als sein eigener Schöpfer etabliert, sich als Geschöpf selbst überwindet. Nietzsche hat geahnt, dass der Mensch, indem er in dieser radikalen Weise Herr des eigenen biologischen Lebens wird, er zwar dem von „einem Gott“ oder der Natur gefügten Schicksal entrinnt, aber damit doch nur ein noch unfreieres Opfer der „Machsale“ (O. Marquard) der von ihm hervorgebrachten technischen Zivilisation wird.

Es soll nicht behauptet werden, dass die Verfasser/innen des Memorandums mit der Betonung der Autonomie des Menschen derart weitgehende Ziele im Blick haben und rechtfertigen wollen. Aber indem sie es unterlassen, objektivierbare Grenzen zu ziehen und diese weitestgehend der Selbstbestimmung des Menschen überlassen, setzen sie sich dem Verdacht aus, dass diese Grenzen stetig gemäß dem Angebot und den durch sie erzeugten Erwartungen und Nachfragen von Menschen hinausgeschoben und zuletzt aufgehoben werden. Dass solche Wünsche nach Manipulationen der Hirnleistungen erst durch das Angebot von Mitteln zu ihrer Erfüllung erzeugt werden, nimmt man billigend in Kauf und hofft, dass der „autonome Mensch“ mit derlei Angeboten schon hinreichend verantwortlich für sein Leben wird umgehen können. Die Behauptung setzt voraus, dass der Mensch sich gesellschaftlichen Trends entgegenstellen kann. Die Gewöhnung an solche Methoden wird aber schleichend geschehen, ihr Gebrauch wird – wie der von heute bekannten Drogen – kaum zu kontrollieren sein, wird – insbesondere wenn die Mittel allgemein angestrebte Bedürfnisse wie das Glückserleben, die Lern- und Leistungsfähigkeit, den Wohlstand und das von ihnen abhängige Ansehen zu steigern versprechen – einen Sog zur Anwendung auslösen, der ökonomisch gewinnträchtig verstärkt und ausgebeutet werden kann und wird. Die Autonomie des Einzelnen wird in diesem Strom schnell zusammenbrechen. Wer will so rückständig sein, dass er sich – wenn er sich das finanziell leisten kann – dem „Fortschritt“ entgegenstemmt und sich dabei für sich und seine Kinder nur Nachteile einhandelt?

Die hier gestellte Frage nach den Grenzen der Verfügbarkeit der menschlichen Natur ist identisch mit der nach den heilsamen Grenzen menschlicher Freiheit und der Erkenntnis, dass eine Vernunft und Freiheit, die ihr Geschöpfsein, ihre Eingebundenheit in die und Abhängigkeit von der Natur leugnet, nur Willkürfreiheit sein kann. Wahre Freiheit bewährt sich gerade in der Anerkennung von Grenzen, viel mehr im Verzicht auf das Machen des Machbaren als in der stetig erweiterten Unterwerfung der Natur unter die menschliche Verfügungsgewalt. Insofern wirft das Memorandum mit seinem Verständnis von Freiheit als Freiheit zur Perfektionierung des Menschen unabweisbar die Frage nach dem Menschenbild auf, das uns in der Erforschung und Anwendung von Mitteln zur Veränderung der „natürlichen Beschaffenheit“ des Menschen leiten soll.

LINKTIPPS: Informationsseite von Stephan Schleim zum "Cognitive Enhancement".
Gehirn&Geist-Sonderseite "Neuro-Enhancement" mit zahlreichen Artikeln und weiteren Informationen zum Thema


Ulrich EibachProf. Dr. theol. Ulrich Eibach, Geb. 1942, Studium und Staatsexamen in Biologie, Philosophie, Ev. Theologie; 1981-2007 Pfarrer am Universitätsklinikum Bonn und Beauftragter der „Evangelischen Kirche im Rheinland“ für Fortbildung und Fragen der Ethik in Biologie und Medizin; apl.-Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Theologischen Fakultät der Universität Bonn; Arbeitsschwerpunkte: Bio- und Medizinethik, Naturwissenschaften und Theologie, theologische Fragen der Krankenseelsorge.

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Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei diesem Beitrag fühle ich mich zu Haus. Das antiquierte christliche Menschenbild von ururvorgestern, es hat uns heute noch vieles zu sagen, wie ich finde. Aber der Trend den Menschen im Namen der Freiheit auszubeuten, der wird wohl nicht aufzuhalten sein.

  2. @ Martin: Urur…

    Also auch wenn Herr Eibach ein respektables Alter hat, habe ich bei mehr als einer Gelegenheit erfahren müssen, dass weder seine Argumente noch seine Argumentationslust Schnee von gestern sind.

    Ich teile seine Meinung nicht in allen Punkten aber finde es schon einmal interessant, dass er auf die positive Voreingenommenheit des Memorandums verweist. In meinem Text werde ich das noch weiter belegen.

  3. @ Schleim

    Ich meinte gar nicht das Alter von Ulrich Eibach, sondern das christliche Menschenbild, welches er vertritt. Und das wird heutzutage von einigen Leuten – meist bezeichnen die sich selbst als aufgeklärte – als antiquiert und nicht mehr zeitgemäß betrachtet.

  4. @ Martin: “christliches” Menschenbild

    Okay; es würde mich aber nicht wundern, wenn beispielsweise auch in der Theologie im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Vorstellungen zum Menschenbild existiert hätten.

    Auch wenn das von manchen Religionsgegnern gerne geleugnet wird, gibt es nämlich auch in den Religionswissenschaften eine Weiterentwicklung.

  5. @ Schleim

    Natürlich gab es da auch Veränderungen beeinflußt durch den Zeitgeist und wie man weiß, haarsträubende Fehlentwicklungen, die sich christlich nannten, aber es gar nicht mehr waren, weil sie mit dem “Christus” nichts mehr gemein hatten.

    Ich meine dieses hier:

    “In der christlichen Tradition ist der irdische Mensch immer als endliches, begrenztes, unvollkommenes und auf die helfende Liebe anderer Menschen angewiesenes Geschöpf Gottes, als „Ebenbild Gottes im Fragment“ verstanden worden, der, wenn er sich aus sich selbst und durch sich selbst vervollkommnen will, sich selbst verliert, Opfer seines Größen- und Machbarkeitswahns wird.”

    Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch. Das mögen einige als Einschränkung, als Begrenzung sehen. Aber man kann es auch als frei machende Botschaft verstehen. Ich bin Mensch und darf Mensch bleiben. Soll heißen, ich darf meine Grenzen annehmen.

    Wobei das Thema nun auch etwas kompliziert wird, wenn ich das weiter ausführen darf. Wir Menschen sind Ebenbild Gottes. Wir sind hoch veranlagt, doch es sind oftmals wenig genutzte Gaben. Gott selbst will uns dazu verhelfen ihm immer ebenbildlicher zu werden. Es liegt also nicht an unsere menschliche begrenzte Kraft, sondern an der Kraft Gottes über seine Grenzen hinauszuwachsen. (Wenn man böse ist könnte man das als göttlichen NE bezeichnen. 😉 ) Wobei es dar gar nicht um hohe Erkenntnisse geht, sondern eigentlich immer um die sich aufopfernde Liebe für Gott und die daraus resultierende Liebe für andere Menschen.

  6. @ Martin: noch einmal Menschenbild

    Gut, aber für die Überzeugung, dass der Mensch zwar einerseits dieses Potenzial zur Entfaltung hat, andererseits aber auch ein bedürftides Mängelwesen ist (und wahrscheinlich immer bleiben wird), brauche ich keinen Gott und keine Gottesebenbildlichkeit.

    Ich finde, etwas gesunder Menschenverstand und Lebenserfahrung führt auch zu diesem Ergebnis. Wem das nicht reicht, der findet ähnliche Ansichten in der philosophischen Anthropologie.

    Damit widerspreche ich dir freilich nicht — ich wollte nur explizit machen, dass es durchaus andere Wege zu diesem Ergebnis gibt.

  7. Perfektion und Natur

    Es gibt keine “Natur”. Ein grundlegender Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die Fähigkeit zur Manipulation. Alles was wir anfassen, muss als manipuliert betrachtet werden.

    Es bleibt bei Einwänden die von der Realität überholt werden. Ethik kann nur eine Dimension von vielen sein, die zu Entscheidungen herangezogen wird, daher wird Neuro-Enhancement trotzallem zur Normalität.
    Die Atombombe lässt grüßen. Obwohl es zur Katastrophe kommen kann,wird niemand technische Neuerungen aufhalten können, nur weil man keinen Masterplan für den Umgang zur Hand hat. Der Mensch lässt sich nicht so einfach vom Erdenrund tilgen entgegen aller Torheit.

  8. @ Eibach

    Seufz.

    Ich hab’ meinen Beruf verfehlt. Ich hätt’ Theologe werden sollen. Wenn ich’s recht verstanden habe, argumentiert der Herr Professor Eibach prinzipiell entlang der nämlichen Linien, die auch ich zu zeichnen versuchte.

    Wie gesagt: Theologe, das wär’s. Wenn da nur nicht diese verflixte Ungläubigkeit wäre…gibt’s da Pillen?

  9. Überzeugungen @St.Schleim M. Huhn

    St.Schleim schrieb:
    [Für eine entsprechende Überzeugung] “brauche ich keinen Gott und keine Gottesebenbildlichkeit…etwas gesunder Menschenverstand und Lebenserfahrung … [genügen oder man] findet ähnliche Ansichten in der philosophischen Anthropologie.“

    Klar, das alte Problem: Alle entsprechenden Überzeugungen lassen sich auch ohne theologische Begründung herleiten. Und können sich auch ohne Gott bewähren. Aber das bleibt doch oft nur eine individuelle Sache: Sie werden durch anthropologische/philosophische Überlegungen zumeist nur bei Einzelnen oder in kleinen Überzeugungsgruppen verankert. Das Handwerkszeug, Überzeugungen auch für eine breite Masse und mit einer breiten Masse wirksam zu praktizieren, sie zu internalisieren und nachhaltig zu pflegen – das liegt eben seit Hunderten von Generationen in den verschiedensten Religionen bereit (und wurde da immer wieder modifiziert!): Durch Riten, Gebete, gemeinsame Bekenntnisse… Sicher mit Risiken und Nebenwirkungen. Aber diese „kulturelle[n] Schatzkammern der Menschheit“ (Schmidt-Salomon im Manifest! ) sollte man gerade bei solchen Fragen wie Drogen nicht außer Acht lassen – siehe das bei Blume Diskutierte: http://www.chronologs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/philosophische-fragen/2009-10-09/neuro-enhancement-erfahrungen-der-religionen.
    Der „gesunde Menschenverstand“ ist noch leichter manipulierbar als die meisten Religionen – wurde ja auch schon mal das „gesunde Volksempfinden“ draus gemacht. Und „die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern“(K.Marx). Es bleibt eine wichtige Frage, wie gute theoretische Einsichten zu gesellschaftlicher Wirklichkeit werden. Die tools dazu haben die Philosophen schlicht (noch) nicht parat. Man könnte auf ihre Einwirkungen auf Pädagogen und damit auf den Schulunterricht verweisen. Aber wie geht es weiter? Bis ins Alter…?
    Deshalb: Bis die Menschen selbstverantwortlich und kritisch, mit solchen Dingen wie Drogen umgehen können, die Folgen für sich und andere abschätzen (und den Verlockungen der Pharma-Industrie widerstehen) kann man auch froh sein an den Beschränkungen, die durch bisherige Religionen, bisherige bürgerliche oder andere Moral, bisherige Gesetze… gezogen werden.

  10. @Eibach: Teil I

    “Diese liberale Position […] führt zu einer individual-utilitaristischen Ethik, die alle grundsätzlichen Einwände verwerfen und alle, die Selbstbestimmung des Einzelnen möglicherweise eingrenzenden sozialen Argumente durch ein Herunterspielen der Probleme und Gefahren für andere entkräften muss.”

    Nein. Eine liberale Position der Selbstbestimmung impliziert weder den apriorischen Vorrang der Belange des Individuums, noch eine konsequentialistische Ethik: Insofern Selbstbestimmung durch Artikel I GG überhaupt ausbuchstbiert wird, geht es um eine Selbstbeschränkung des Staates, was nicht identisch ist mit einer Nachrangigkeit der Belange der Gemeinschaft. Zweitens gibt es keinen Implikationszusammenhang zwischen der Betrachtung von Individuen als sujet und der Ablehnung deontologischer Theorien der normativen Ethik. Deontologische Ansätze verpflichten gerade Individuen entweder mit Hilfe einer Tugendlehre oder z.B. durch Universalisierbarkeitskriterien als Test für normative Regeln.

    Ich frage mich, ob Sie wenigstens Wikipedia lesen.

    “Das Memorandum ist von diesem Bemühen gekennzeichnet und tut dies, indem es die Gegenargumente fast nur in ihren Schwachpunkten aufgreift und dann geschickt zu entkräften versucht.”

    Aha. Na, dann wissen wir ja gleich, vor wem wir uns in Acht nehmen müssen.

    “Mit der liberalen Grundentscheidung ist vorweg entschieden, dass es dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen widerspricht”

    Sie wiederholen sich und was Sie sagen, ist immer noch falsch.

    “Man fragt also erst gar nicht, ob die Wünsche und Bedürfnisse nach Gebrauch solcher Mittel nicht erst durch das auf ökonomischen Gewinn ausgerichtete Angebot der Mittel erzeugt wurden, warum wir den Menschen solche Mittel überhaupt anbieten sollen oder gar müssen und was die Ziele solcher Angebote sind.”

    Haben Sie das Memorandum überhaupt gelesen? Bitte wiederholen Sie ihre Lektüre von Seite 3: “Richtig und notwendig ist hier allerdings ein Prinzip der Vorsicht: Eingriffe in die komplizierte und weitgehend unverstandene Natur lebendiger Wesen, vor allem des Menschen selbst, dürfen nur mit äußerster Sorgfalt erfolgen. Die Metapher von der evolutionären Weisheit der Natur ist gerade im Hinblick auf das menschliche Gehirn eine berechtigte, pragmatische Mahnung.”

    “Ein weiterer Vorbehalt gegen NEPs betrifft ein Risiko, das insbesondere mit ihrer regelmäßigen und längerfristigen Anwendung verbunden sein könnte: Die Substanzen könnten süchtig machen. Das kann sich zunächst auf die Gefahr einer körperlichen Abhängigkeit beziehen, die sich etwa darin äußern würde, dass eine immer höhere Dosis eingenommen werden muss und dass nach dem Absetzen der Substanz Entzugserscheinungen auftreten. Hätten NEPs solche Suchtpotenziale, wäre das ein triftiger Grund gegen ihre Nutzung, zumal das Steigern der Dosis meist auch das Risiko für unerwünschte Wirkungen erhöht.”

    … und Seite 4: “Viele Kritiker befürchten, pharmazeutisches
    Neuro-Enhancement könne zu noch mehr Leistungsdruck führen und jene
    benachteiligen, die die Verwendung solcher Mittel ablehnen, aus welchen
    Gründen auch immer.”

    “Vielmehr sollten wir ernst machen mit der oft beschworenen
    ‘Work-Life-Balance’:”

    “Die einschlägigen Ideale lauten: gelingendes Leben, innerer Reichtum,
    humane Gesellschaft. Daran muss sich auch Neuro-Enhancement messen lassen.
    Pillen allein zu dem Zweck, Managern das Arbeiten rund um die Uhr und so
    das Ausstechen ihrer Konkurrenten zu ermöglichen, sind moralisch ohne
    Wert.”

    Bitte finden Sie die übrigen einschlägigen Textstellen durch selbständige Lektüre.

  11. @Eibach: Teil II

    “Würde man einen übergreifenden sozialethischen und verantwortungsethischen, die Zukunft allen Menschenlebens bedenkenden Ausgangspunkt wählen”

    Wie bitte? Wir sollen uns von dem Vertreter einer Religion, die es als ihre Pflicht empfindet, den Menschen beizubringen, daß sie mit einem schwarzen Fleck der Schuld auf ihrer Seele zur Welt gekommen sind, weil Adam und Eva vor mehr als 700 Generationen angeblich Mist gebaut haben, etwas über Verantwortung erzählen lassen? Und “ethisch” noch dazu Von einer Religion, die so eifersüchtig ist, daß ihr erstes Gebot lautet “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir?” und der erst nach dem Gebot der Feiertagsheiligung einfällt, daß es ja eigentlich nicht so schick ist, wenn sich die Menschen untereinander umbringen?

    Hallo?

    Egal, wie der ganz religiöse Fummel wirklich funktioniert – auf Basis was für einer bodenlosen Ungerechtigkeit der Kollektivschuld hier mit hoch erhobenem moralischen Zeigefinger herbeigeeilt wird …. eine unglaubliche Doppelmoral! Wenn ich aufgrund der Tatsache, daß ich unverschuldeterweise in Deutschland geboren wurde, eine historische Verantwortung aufgrund des Holocaust habe, dann hat ein Theologe auch eine historische Verantwortung für Kreuzzüge und Jahrhunderte von überflüssiger Furcht, die die Menschheit durchwandert hat. Was Sie hier tun, hat mit der Demut, die ich von einem Theologen aus diesen Gründen erwarte, nichts zu tun.

    Also: Ich warte.

    “Das Memorandum schweigt weitgehend über die Ziele, scheint vorauszusetzen, dass die Steigerung der Selbstverfügung über das Leben, des Wohlbefindens, des Glückserlebens, der Leistungsfähigkeit, des Erfolgs, des Verdienstes und des darauf gründenden Ansehens des einzelnen Menschen hinreichende Rechtfertigungsgründe für die legale Zulassung von Mitteln zum Neuro-Enhancement sind.”

    Was sind denn das für “Windmühlen”? Wie kommen Sie darauf? In dem Memorandum steht kein Wort davon. Warum denken Sie sich das aus? Es ist gerade ein Manko des Memorandums, daß “hinreichende Rechtfertigungsgründe” für irgendeine Art von Einzelfallentscheidung fehlen. Vielleicht sind Sie es ja gewohnt, den bösen Hedonismus zu geißeln, aber was hat das mit NE zu tun? Das ist es, was wir wissen wollen – nichts anderes.

    “Das Argument gründet letztlich in theologischen Überlegungen, vor allem in der Vorstellung, dass der Mensch Geschöpf Gottes, dass sein Leben Gabe Gottes ist, die ihm zum verantwortlichen Gebrauch vor Gott, Menschen und der gesamten Schöpfung anvertraut ist, die aber dennoch nicht sein Besitz ist, über den er beliebig verfügen darf.”

    Was geht denn hier ab? Selbst wenn diese theologische Überlegung eine von möglichen Quellen der Vorstellung einer mentalen Natur des Menschen ist, wieso ist es die einzige Quelle? Ohne daß sie die einzige Quelle ist, ist das Verbot über mich selbst zu verfügen, einfach nonsense. Wenn eine NE-Pille zu schlucken, nichts und niemanden sonst tangiert als mich selbst, warum soll ich mir von irgendwem was vorschreiben lassen? Wird Gott damit um die Gebete gebracht, von denen er sich erhährt?

    “Die Tatsache, dass die Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit fließend sind, besagt nicht, dass wir zwischen ‘normalen’ Lebenszuständen und ihrer Perfektionierung einerseits und Krankheiten und ihrer Heilung andererseits meist nicht sehr gut unterscheiden können.”

    Oha … jetzt wird’s politisch: Wir können also trotz changierender Grenzen wenigstens die extremen Abweichungen des Normalen intuitiv erkennen, ja? So, so: Was darf’s denn sein, um das “Normale” ohne weitere Argumentation zu finden Häufigkeit? Sind dann z.B. Leute mit sexuellem Fetisch krank? Oder Schwule? Sind die dann gleich pervers? Oder geht auch Gottgefälligkeit als Kriterium, so daß Ungläubige oder Atheisten wie ich gerettet werden müssen, weil sie unzurechnungsfähigerweise selbst über ihr Leben bestimmen wollen?

    Ich warte immer noch.

  12. @Eibach: Teil III – ich habe fertig!

    “Das Memorandum spielt diese Unterschiede ebenso herunter, wie die Unterschiede zwischen dem Gebrauch von anregenden Genussmitteln (z.B. Kaffee) oder die Seele beeinflussenden Körpertechniken wie Meditation”

    Nö. Blödsinn. Wenn das wahr wäre, dann würde Memorandum auch beim Gebrauch von Kaffee persönlichkeitsverändernde Folgen thematisieren oder Kaffee als Leistungsverstärker mit Leistungsdruck und vielleicht sozialer Kälte in Zusammenhang bringen. Tut es aber nicht.

    Sie haben sich soweit von der Textgrundlage entfernt, daß das Stadium des freien Assoziierens erreicht ist. Ist vielleicht ok, wenn man sich privat Leute zu sowas einlädt. Um einer Debatte in der Gesellschaft Schützenhilfe zu leisten, ist es ungeeignet.

    Wie kommt es, daß ein Prof das nicht beachtet? Wissen Sie das nicht?

    “und den Menschen langsam wachsen und reifen lässt.”

    “Wahre Freiheit bewährt sich gerade in der Anerkennung von Grenzen, viel mehr im Verzicht auf das Machen des Machbaren als in der stetig erweiterten Unterwerfung der Natur unter die menschliche Verfügungsgewalt.”

    Pfhhh, wird ja immer härter: Was passiert denn mit denen, die sich bewußt gegen eine Erfüllung Ihrer “Reifekriterien” entschieden haben? Sind die unnatürlich, weil sie lieber selbst denken, anstatt dem mainstream zu folgen? Sind die Denker bald Verfüher? Und die Satiriker Apologeten des Teufels?

    Was hier an Material für eine nutzlose Polarisierung der Diskussion um NE in oberflächster Weise geliefert wird, ist wirklich unübertroffen. Was Stephan in seinem blog duldet, ist seine Sache. Ich bedaure, daß dieser Artikel erschienen ist und das ein Titan von Aufklärer wie Kant hier erwähnt wird, ist nun definitiv der blanke Hohn.

    Wer die Naturalismusdiskussion, die hier kürzlich gelaufen ist, verfolgt hat, wird wie ich erwarten, daß sich nun genug Mahner aufmachen, um mich zu raison zu bringen. Bitte. Ich kann das nicht verhindern. Aber denkt darüber nach, ob der nächste Schritt in der Richtung dieses Artikels nicht darin besteht, daß wir nicht nur aufhören, selbst zu denken, sondern es auch hinnehmen, wenn diejenigen, die den Mund aufmachen, um ihre vielleicht sogar falsche Meinung zu sagen, zum Schweigen gebracht werden: Intoleranz den Intoleranten. Und das war mein letztes Wort in dieser Sache, bevor mir endlich schlecht wird!

  13. @ Diederichs: tolerante Ausgrenzung?

    Was Stephan in seinem blog duldet, ist seine Sache. Ich bedaure, daß dieser Artikel erschienen ist und das ein Titan von Aufklärer wie Kant hier erwähnt wird, ist nun definitiv der blanke Hohn.

    Ich dulde diesen Beitrag nicht nur, sondern ich habe Herrn Eibach persönlich darum gebeten und freue mich sehr, dass er es so kurzfristig noch geschafft hat (er ist, glaube ich, seit letzter Woche verreist).

    Aber denkt darüber nach, ob der nächste Schritt in der Richtung dieses Artikels nicht darin besteht, daß wir nicht nur aufhören, selbst zu denken, sondern es auch hinnehmen, wenn diejenigen, die den Mund aufmachen, um ihre vielleicht sogar falsche Meinung zu sagen, zum Schweigen gebracht werden: Intoleranz den Intoleranten.

    Bei aller Liebe zur Freiheit und unter Vernachlässigung deiner zahlreichen ad hominem-Argumente gegen Herrn Eibach (ich habe nicht mehr alles gelesen) wundert mich das doch sehr: Einerseits willst du dich hier für Toleranz stark machen, andererseits bist du es aber gerade, der Herrn Eibach ausgrenzen will — und zwar, wie ich finde, nicht nur mit sachlichen Argumenten, sondern mit ziemlich viel Provokation und Polemik.

    Für mich bedeuten Freiheit, Aufklärung und Demokratie gerade, auch demjenigen zuzuhören, der einen anderen Standpunkt vertritt und mich zu fragen, was an meinem vielleicht falsch ist und ich von seinem lernen kann.

    Daher war es mir wichtig, ein paar Beiträge aus verschiedenen Perspektiven einzuwerben. Ich wusste vorher nicht, was die Autoren schreiben würden. Ich war mir jedoch sicher, dass es eine Vielfalt an verschiedenen Meinungen ergeben würde, die sich interessant diskutieren lässt.

  14. @ Castellio: Macht statt Inhalt?

    Sie wollen mir weismachen, Schmidt-Salomon habe Religionen als “kulturelle Schatzkammern der Gesellschaft” bezeichnet? Sein Manifest habe ich jetzt schon dreimal gelesen — aber angesichts Ihres Zitats kippe ich fast vom Stuhl.

    Was Ihren Beitrag insgesamt betrifft: Sie scheinen hier implizit das Thema zu wechseln. Vielleicht war ich in meinem Statement aber auch etwas zu ungenau.

    Jedenfalls glaube ich nicht, dass die Wege zur Erkenntnis beliebig sind — ich habe schon bestimmte Ansichten darüber, was gute Gründe sind und was nicht; daher setze ich im Zweifelsfall eher auf meine Erfahrung und auf die philosophische Anthropologie als auf ein christliches Menschenbild.

    Aber worum es Ihnen nun zu gehen scheint, das ist doch wohl die Durchsetzung bestimmter Ansichten nicht aufgrund von Gründen, sondern aufgrund von Macht. Wieso Sie dabei Religionen mehr vertrauen als einem Rechtsstaat, das leuchtet mir nicht ein.

  15. Nix weismachen – nicht bloß weiß waschen

    @ Stephan Schleim. Na, mit dem Schmidt-Solomon Zitat wollte ich gerade Sie nicht vom Stuhl kippen oder aus den Socken kippen. Im Nachwort zur zweiten Auflage steht es auf S.161f. Im Internet unter http://hpd.de/node/82.
    Es war natürlich auch nicht ganz fair, es so verkürzt zu zitieren. Ausführlicher heißt es: “Selbstverständlich enthalten sämtliche Religionen als kulturelle Schatzkammern der Menschheit neben einem Arsenal fehlerhafter Seinserkenntnisse und inhumaner Sollenssätze viele wertvolle Elemente, die auch heute noch erhaltenswert sind.” Ich merkte es mir, denn ich dachte auch an dieser Stelle: Aha, der MSS weiß ganz schön zu differenzieren. Und da können sich ein paar seiner Freunde eine Scheibe davon abschneiden. Wollte aber die Scheibe nicht als Wurfgeschoss verwenden – könnte zum Bumerang werden.
    Die Theologen könnten sich auch ein paar Scheiben abschneiden bzw. Lichter aufstecken lassen. Ist ja – vermutlich seit Kant – ein bekanntes Bonmot: Die Philosophie als „ancilla theologiae“ trage der Theologie nicht mehr die Schleppe hinterher, sondern das Licht voraus.
    Und ich weiß natürlich auch, dass in den „Schatzkammern“ sehr kritisch zu differenzieren ist. Man könnte es auch mit einem Bergwerk vergleichen: viel Geröll und dann doch ein paar Fundstücke.
    Thema gewechselt? Mir ging es tatsächlich weniger um die Pillen. Es ging mir um Ihr Argument, dass gute Argumente auch völlig un-theologisch entwickelt werden können. Natürlich! Auch theologische Argumente lassen sich zumeist auf natürliche Wurzeln zurückführen: eben auf Jahrtausende alte Lebenserfahrungen – mit allen Irrungen und Wirrungen, siehe MSS. Aber auch mit Weiter-Entwicklungen – *wenn* Theologen auf „weltliche“ Empirie und Einsichten zu achten bereit sind. Und das kommt ja bei Eibach außerordentlich deutlich heraus!
    Worum es mir geht? Weniger um Macht, mehr um das Machbare. Ich hätte auch sagen können: Operatonalisierung: Wie werden konkrete Schritte daraus? Nicht nur gescheite Gedanken haben, sie auch nicht nur möglichst breit streuen; sondern aus Gedanken Lernschritte machen – Internalisierung… Auch daran scheint Schmidt-Salomon zu arbeiten. Und das halte ich für beachtenswert. Natürlich geht es auch um das Problem der Macht: Die Macht der Pharma-Industrie habe ich angedeutet. Die selbstbestimmte Entscheidungsfähigkeit der Pillen-Schlucker scheint mir von sehr vielschichtigen Machtverhältnissen her eingeschränkt. Das haben gerade Sie in Ihrem „Hoch oben im Elfenbeinturm“-Beitrag, besonders unter „Chance verspielt“ und „wie frei ist frei?“, beeindruckend ausgeführt.
    Sie sind doch auch froh an gewissen Beschränkungen, damit diese neue Welle nicht ungebremst zum Tsunami wird. Und ich wollte nicht Religionen gegen den Rechtsstaat ausspielen. Deshalb mit Bedacht die Aufreihung: „…Beschränkungen, die durch bisherige Religionen, bisherige bürgerliche oder andere Moral, bisherige Gesetze… gezogen werden“. Dabei bin ich für so etwas wie Gewaltenteilung: Nicht nur die Religionen, auch der Rechtsstaat oder die allgemeine Moral sollten totalitär wirken dürfen. Und wenn schon die Machtfrage bei den Christen angesprochen wird: Da möchte ich daran erinnern, dass es im christlichen Bereich immer auch um die „Macht von unten“ ging – z.B. 1989 in der DDR; z.B. in der Reformationszeit. In vielen Ketzerbewegungen. Mit gewisser verfestigter Macht gerade in kirchlichen (oder anderen ideologischen) Zentren möchte ich nichts zu tun haben, ich jedenfalls nicht. Ich möchte aber auch nicht, dass man bei der Erwähnung gewisser ideengeschichtlicher oder religiöser Zusammenhänge zu schnell mit den Machenschaften in den Machzentren in einen Topf geworfen wird. Oder die Verlautbarungen/Dogmen ideologischer Beton-Köpfe zum alleinigen Beurteilungsmaßstab entsprechender Ideen macht. Ideen können auch fruchtbarer wahrgenommen und eingesetzt werden.

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