Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft

Warum sie für die Gesellschaft so wichtig sind
Wissenschaft und Journalismus haben mindestens ein Ziel gemeinsam, nämlich das der Wahrheitssuche. Schon in der Präambel des Pressekodex des Deutschen Presserats findet sich der Passus, dass Journalisten ihre Arbeit “nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen” wahrnehmen sollen.
Darauf folgt, in Ziffer 1, Wahrhaftigkeit: “Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.”
Demgemäß geht es in Ziffer 2, Sorgfalt, weiter. Die Recherche sei unverzichtbar und ihre Ergebnisse seien “mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.” Ziffer 3, Richtigstellung, enthält den Auftrag, Fehler “unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.”
Und analog dazu heißt es im ersten Artikel der Globalen Ethik-Charta der Internationalen Vereinigung der Journalisten: “Der Respekt vor den Fakten und dem Recht der Öffentlichkeit auf Wahrheit ist die oberste Pflicht des Journalisten.” Von Fakten und der Treue zu ihnen ist in der Charta ganze sechsmal die Rede.
Transparenz
Die folgenden Gedanken will ich am Beispiel des 1995 gegründeten Telepolis-Magazins entwickeln. Da ich dort in der Zeit vom 27. Januar 2005 bis zum 27. Juli 2022 stolze 283 Artikel veröffentlichte, kann ich in der Sache natürlich nicht ganz unbefangen sein.
Indem ich diese Information voranstelle, können die Leserinnen und Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen. Wer will, kann diesen Text also besonders kritisch lesen.
Geld
Am Anfang haben wir von den hehren Werten und Zielen des Journalismus gelesen. Nun wissen wir aber alle, dass diese mit eher weltlichen Werten und Zielen in Konflikt stehen: nämlich dem Gewinnstreben. Der weltlichste aller Werte ist das Geld.
Nun hat gerade das Internet mit seinen überall verfügbaren Gratis-Inhalten zu einer Gratis-Mentalität bei Leserinnen und Lesern geführt, die klassische Medien in die Bredouille brachte: Warum soll man schließlich für etwas zahlen, das man überall kostenlos bekommt? Klammern wir im Folgenden die Öffentlich-Rechtlichen aus, auch wenn darüber viel zu sagen wäre; warum zum Beispiel deren Intendanten dafür, dass sie anderen bei der Arbeit zugucken, zwischen 250.000 und 415.000 Euro im Jahr (Zahlen für 2023) verdienen müssen – exklusive Aufwandsentschädigung und Sachbezüge, versteht sich.
Auf dem freien Markt aber muss es zu dem kommen, was man in Marketingsprache “conversion” nennt: Damit ist kein Glaubenswechsel gemeint, sondern der Wechsel vom klickenden und lesenden zum zahlenden Kunden. Kurzum, ein Verlag kann in der Regel kein reines Hobbyprojekt sein, sondern muss Inhalte anbieten, für die genug Leute Geld springen lassen – oder zumindest über Werbung Dienstleistungen oder Produkte kaufen.
Interessenkonflikte
Die eingangs erwähnten Pressekodizes äußern sich darüber, wie Journalisten arbeiten sollten. Sie verraten aber nicht, wie das profitabel sein kann. Und so sind Journalisten und Redakteure, die Inhalte bereitstellen, oft im arbeitsrechtlichen Sinne an Weisungen des Chefredakteurs und Herausgebers gebunden. Über all dem steht schließlich der Verleger, dem das alles gehört.
Wer den Entscheidungen von oben nicht Folge leistet, dem droht die Entlassung; und ein Verlag, der nicht profitabel ist, steht vorm Konkurs. Das sind die Selektionsmechanismen des Marktes, die dafür sorgen, dass sich die jedenfalls bei den Verlagshäusern verfügbaren Inhalte unterm Strich gut genug verkaufen müssen. Je weniger das durch die direkte Vermarktung an die lesenden Kunden passiert, desto wichtiger wird der Werbemarkt. Und das führt dann zu einer Abhängigkeit von den Werbekunden.
Noch zwei Gedanken am Rande: Vergessen wir nicht, dass die Multimilliardenunternehmen wie Alphabet (mit u.a. Google) und Meta (mit u.a. Facebook und Instagram; WhatsApp soll bald auch Werbung bekommen) überhaupt erst durch personalisierte Werbung riesengroß wurden. Und auch in der Wissenschaft steht das Ideal der Unabhängigkeit aufgrund von Wettbewerb und Mittelkürzungen unter dem realen Druck des Drittemittelzwangs.
Aus der Marktlogik ergibt sich der Interessenkonflikt – und zwar sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – zwischen unabhängiger Wahrheitssuche und abhängiger Profitfindung. Wer bei Letzterer durchfällt, wird in fast schon Darwin’scher Manier ausselektiert. Wir erinnern uns, dass die Sozialdarwinisten diese Logik auf die gesamte Gesellschaft übertrugen und das für das natürliche Ideal hielten. (Kein Wunder: Mit ihrem Wohlstand standen sie ganz oben – und wollten dort auch bleiben.)
Die Heise Gruppe
Die Marktlogik müssen wir also im Hinterkopf behalten. Wenn, wie ich es aus eigener Erfahrung oft genug erlebt habe, vom (Chef-) Redakteur die Antwort kommt, der angebotene Inhalt sei nicht geeignet, nicht zielgruppenkonform oder schlicht nicht gut genug, kann sich dahinter viel verbergen. Vielleicht ist es so, wie man gesagt bekommt. Vielleicht ist das aber auch eine Chiffre, die Geheimsprache dafür, dass der Inhalt nicht profitabel genug ist – oder nicht zu dem Bild passt, das die Führungsebene vor Augen hat.
(Der größte Witz meiner publizistischen Tätigkeit war ein Chefredakteur einer großen Wochenzeitung, der meine Replik zur Frage, ob der Kapitalismus die Menschen krank macht, trotz meiner höflichen Nachfragen so lange ignorierte, bis er sie mit der Begründung ablehnte, der Text sei inzwischen zu alt. Auch so erhält man die “Qualität” aufrecht.)
Das müssen wir alles mitdenken, wenn wir uns jetzt mit den Vorgängen von Telepolis beschäftigen, einer Tochter der Heise Gruppe GmbH & Co. KG, der – unter anderem – auch die Computerzeitschriften c’t und iX sowie Technology Review und mehrere Buchverlage gehören. Nebenbei: Der c’t bin ich seit August 1996 als zahlender Leser treu.
Qualitätsoffensive
Nun startete Telepolis nach dem Wechsel des Chefredakteurs – 2021 folgte Harald Neuber auf den in den Ruhestand gehenden Florian Rötzer – eine “Qualitätsoffensive”. Zunächst erhielten alle Artikel aus der Rötzer-Zeit einen Warnhinweis, dass sie möglicherweise nicht mehr den neuen Qualitätsstandards genügen. Heute lauter der Disclaimer: “Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards.”
Ich selbst beendete nach meinem Artikel vom 27. Juli 2022 die Zusammenarbeit. Man muss hier keine schmutzige Wäsche waschen. Wenn man sagt, dass es menschlich nicht mehr so harmonierte, würden dem vielleicht beide Seiten zustimmen. Auch viele andere Autorinnen und Autoren hörten damals auf. Weil ich die Art des Abschieds nach wohlgemerkt 17 Jahren(!) problemloser Zusammenarbeit schade fand, schrieb ich dem Mutterverlag noch eine E-Mail – und erhielt darauf keine Antwort. Das bestätigte mich in meinem Entschluss.
Dieser sollte mir die Verlegenheit ersparen, als aktiver Autor zu der zweiten, noch viel einschneidenderen Stufe der “Qualitätsoffensive” direkt Stellung beziehen zu müssen: Zum 6. Dezember 2024 verschwanden über 70.000 zuvor schon gebrandmarkte Telepolis-Artikel aus 25 Jahren Internetgeschichte mit der Erklärung “Qualitätsoffensive: Telepolis überprüft historische Artikel” einfach so vom Netz. So liefen auch unzählige Links anderer Webseiten, darunter Wikipedia, und journalistischer wie wissenschaftlicher Fachliteratur auf einmal ins Leere.
Meines Wissens wurde keiner der betroffenen Autoren hierüber im Voraus informiert – nicht einmal der frühere Chefredakteur Florian Rötzer, der in den Jahren 1995-2020 viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben muss. Ironischerweise wurden sogar die alten Artikel vom neuen Chefredakteur von diesen Schritten miterfasst: erst deklassiert, dann ganz entfernt.
Wiederauferstehung
Wir wissen natürlich nicht, welche Vorgaben Verleger und Herausgeber hier gemacht haben, und ich will darüber auch nicht spekulieren. Aber Harald Neuber musste sie als weisungsgebundener Angestellter umsetzen – oder vielleicht gehen. Das bedeutete, sogar seine eigenen Beiträge mit dem Disclaimer zu versehen (z.B. hier) und vom Netz zu nehmen. Wir wissen nur, wie die Redaktion ihre Schritte nach außen rechtfertigte.
Die über 70.000 Artikel sind nun, nach einem guten halben Jahr, wieder von den Toten auferstanden. Im Interview vom 30. Juni erklärte der neue Chefredakteur: “Es war von Anfang an so geplant – und da muss ich selbstkritisch sagen, das hätten wir deutlicher kommunizieren müssen. Es war aber auch nirgendwo angekündigt, dass wir diese Artikel offline nehmen und sie nie wieder auftauchen. Beides ist Quatsch. Es wurde nur hineininterpretiert.”
Wenn man das aber mit der erwähnten Erklärung vom 6. Dezember 2024 vergleicht, kommen Fragen auf. Darin hieß es nämlich: “Viele Archivperlen werden neu erscheinen.” Und: “Wir werden die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten. Essays und Fachaufsätze haben dabei Vorrang, tagesaktuelle Texte aus der Vergangenheit nicht. Schrittweise sollen die vielen Perlen aus dem Archiv wieder zugänglich gemacht werden …”
Das klingt für mich so, als wollte man nur die Inhalte einiger ausgewählter Autorinnen und Autoren wieder veröffentlichen. In der Folge wird dann auch eine Positivliste “herausragender Autoren” genannt: Stanislaw Lem, Cory Doctorow, Jaron Lanier, Evgeny Morozov, Mark Amerika, Douglas Rushkoff, Michael Goldhaber, Martin Pawley, Christoph Butterwegge sowie Christian Hacke. Und für ganz am Ende der Liste hat man sogar noch zwei Frauen gefunden: Margot Käßmann und Antje Vollmer.
Der Artikel schließt mit dem Versprechen: “Freuen Sie sich also darauf, diese Inhalte demnächst überarbeitet und in neuer Aufmachung bei Telepolis wiederzufinden.”
Wunsch und Realität
Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, wie die Ankündigung vom Ende 2024 und die Schritte vom Sommer 2025 zusammenpassen: Dem Anschein nach wurde nichts überarbeitet oder in neuer Aufmachung neu veröffentlicht, sondern schlicht der Zustand von vorm Dezember 2024 wiederhergestellt. Artikel aus der Zeit der alten Redaktionsleitung sind mit der genannten Distanzierung versehen.
Doch eine wichtige Ausnahme gibt es: Die Texte bestimmter Autoren sind jetzt in ein neues “Telepolis Archiv” verschoben. Dort heißt es: “Das Telepolis Archiv enthält Beiträge bis 2021. Diese sind nicht mehr Teil des aktuellen Angebots, bleiben aber über Direktlinks weiterhin erreichbar.” Ein wichtiger Unterschied: Bei der Suche auf der Hauptseite heise.de erscheinen diese nicht mehr als Resultat. Außerdem wurden alle Abbildungen entfernt. Neuber erklärt, dass diese urheberrechtlich problematisch sein und die Gefahr von Abmahnungen mit sich bringen könnten.
Formal stört sich der neue Chefredakteur an der seiner Meinung nach unzureichenden Trennung von journalistischen Inhalten und Meinungsartikeln bei den alten Texten. Laut seinem Artikel vom 5. Juli sind ihm insbesondere Publikationen aus “Krisenzeiten wie nach 9/11, während der sogenannten Flüchtlingskrise oder der Corona-Pandemie” ein Dorn im Auge.
Wie es weitergeht
Er stellt die Frage, “Wie weiter mit tendenziell problematischen Inhalten?”, und antwortet nach meinem Verständnis etwas kryptisch: “Noch nicht entschieden haben wir, ob wir die unserer Meinung nach problematischen Inhalte … nach der Umstellung von Telepolis auf ein neues Contentmanagementsystem in diesem Jahr weiter zur Verfügung stellen. Doch auch wenn wir die Links nicht weiter anbieten, bleiben sie bestehen. Verlinkungen funktionieren wieder und sie sind über gängige Suchmaschinen auffindbar.”
Wie können Links bestehen bleiben, wenn man sie nicht weiter anbietet? Da Recherche für gute journalistische Arbeit ebenso unerlässlich ist wie – laut Neuber selbst – das Einholen unterschiedlicher Sichtweisen, habe ich den neuen Chefredakteur selbst gefragt. Seit Montagmorgen, den 7. Juli um 5:30 Uhr konnte er mir darauf (noch) keine Antwort geben.
So bleibt ein weiteres Fragezeichen der redaktionellen Arbeit im Raum stehen.
Schuss nach hinten?
Alles in allem wirkt es so auf mich, als sei man von der “Qualitätsoffensive” in eine Kommunikationsdefensive geraten. Die alten Inhalte sind wieder da, offenbar ohne Überarbeitung, doch zum Teil ohne Bilder und ausgeschlossen von der Suchfunktion des Verlags.
Was schrittweise geschehen sollte, passierte plötzlich. Übrigens scheint mir die Ankündigung, alte Texte von zum Teil gar nicht mehr lebenden Autoren in neuer Überarbeitung zu veröffentlichen, rechtlich nicht unproblematisch.
Kommunikative Defizite hat Neuber selbst eingeräumt. Beim Vergleich der Erklärungen vom Dezember 2024 und Sommer 2025 ergeben sich Widersprüche. Man kann sich schon fragen, wozu das alles, wenn die alten Texte angeblich nur noch drei Prozent des Online-Verkehrs ausmachen? Und wenn man sich unbedingt von deren Inhalten distanzieren will, hätte dann der Disclaimer nicht gereicht?
Leserkontakt
Ein Teil der “Qualitätsinitiative” besteht übrigens darin, Diskussionen nur noch bei einem Teil der Artikel zuzulassen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen die Diskussionsforen zu manchen Texten mitunter vierstellige Kommentarzahlen erreichten. Verglichen damit geht es heute sehr ruhig zu.
Es stimmt zwar, dass in den letzten Jahren immer mehr Verlage ihre Kommentarbereiche einschränkten oder gleich ganz schlossen. Das hat meiner Meinung nach aber die Unzufriedenheit vieler Leserinnen und Leser nur noch vergrößert: Niemand lässt sich gern von seiner Redaktion den Mund verbieten.
Wenn, wie laut Neuber, zur Moderation ungenügend Ressourcen zur Verfügung stehen, könnte man auch überlegen, ob man zu viel moderiert. Warum entscheidet man sich nicht im Zweifel für die Meinungsäußerungsfreiheit und entfernt nur strafrechtlich relevante Inhalte?
Jedenfalls ist der Ton im Netz nicht dadurch weniger rau geworden, dass diese User nun auf X oder in Telegram-Kanälen kommunizieren müssen; wahrscheinlich sogar eher im Gegenteil.
Das letzte Wort
Ich fing mit journalistischen Standards an und uns sollte jetzt klar geworden sein, wer hier das letzte Wort hat: der Chefredakteur, über ihm der Herausgeber und über dem der Verleger – im Rechtsstaat natürlich im Streitfall über allem die Gerichte. Die “Qualitätsoffensive” von Telepolis führt uns vor Augen, dass weite Teile des Internets unter dem Vorbehalt kommerzieller Anbieter und ihrer Interessen stehen.
Unabhängigkeit, Neutralität, Faktentreue, Wahrheitsfindung – das sind alles hehre Ziele. Als Orientierung sind sie – sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft – trotzdem wichtig, weswegen die eingangs zitierten Pressekodizes auch sinnvoll sind. Auf dem Markt einer kapitalistischen Gesellschaft stehen sie aber letztlich unter dem Vorbehalt der Profitabilität.
Man muss nicht aktiv lügen, um eine Aussage zu verfälschen. Man kann auch durch die Selektion oder bestimmtes Framing von Fakten die Botschaft verbreiten, die einem gefällt. Das fängt schon bei der Auswahl von Redaktionen an, was sie für berichtenswert halten, welche Quellen sie einbeziehen und welcher Sichtweise sie wie viel Raum geben. Bei den klassischen Medien ist die politische Ausrichtung klar, ist die FAZ etwa eher als rechtskonservativ, die taz eher als linksprogressiv und die Bild vor allem als plakativ bekannt. Wenn das allen bewusst ist, lässt sich das eher einordnen.
Fazit
Sogar in der Wissenschaft gibt es keine reine Objektivität: Schon bei der Bewertung von Seminararbeiten gehen die Meinungen auseinander, Teile der Naturwissenschaften vielleicht ausgenommen. Das wichtige Vieraugenprinzip (peer review) kann nur so gut sein, wie die Gutachter, die man einbezieht. Und auch die Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) lassen sich zum Beispiel durch die Einschlusskriterien und Vorauswahl von Versuchspersonen beeinflussen, in ähnlicher weise die Meta-Analysen.
Der berühmte kanadische Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking (1936-2023) sagte einmal auf einer Tagung: Nach Objektivität sollte man zwar streben, doch nicht so viel darüber reden. Auch das Streben nach mehr Qualität in den Medien ist redlich. Nach meinem Ergebnis wirkt die “Qualitätsoffensive” von Telepolis bisher jedoch eher übereilt und chaotisch. Aber sie gab uns immerhin den Anlass, über wichtige Prinzipien in Journalismus und Wissenschaft nachzudenken.
Was bleibt nun von der “Offensive”? Ein Warnhinweis. Die Kommunikation der Redaktion ließ nach eigenem Bekunden zu wünschen übrig. Über 70.000 Artikel, die ohnehin kaum aufgerufen werden, waren vorübergehend offline. Ein Teil ist jetzt im getrennten Archiv, das wie ein Giftschrank funktioniert.
Die Grenzziehung wirkt dabei willkürlich: Beispielsweise sind die Artikel des früheren Chefredakteurs Florian Rötzer bis zum 31.12.2020 jetzt im Giftschrank verschwunden (z.B. hier). Nachdem sich der Zeiger über die Grenze zum Neujahr schob, erfüllten Rötzers Artikel dem Anschein nach auf einmal die neuen Qualitätsstandards (z.B. hier). Diese (angeblich) die Qualität sichernde Maßnahme verordnete der neue Chefredakteur seinen eigenen Artikeln allerdings nicht (z.B. hier). Und das, obwohl sie unter der Aufsicht des jetzt gebrandmarkten Vorgängers veröffentlicht wurden.
Das entfernen der Abbildungen im Archiv ist übrigens so unschuldig nicht: Artikel, in denen diese eine argumentative Funktion erfüllten, sind jetzt nicht mehr nachvollziehbar.
Ob der Stichtag 1.1.2021 den Beginn eines Qualitätszeitalters markiert, mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Was das mit dem eingangs erwähnten journalistischen Auftrag zur Wahrheitsfindung zu tun hat, erschließt sich mir jedenfalls nicht.
Neu: Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community PsycheUndMensch auf Reddit (gratis).
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Folgen Sie Stephan Schleim auf Twitter/X oder LinkedIn. Titelgrafik: geralt Lizenz: Pixabay
Stephan Schleim,
eine gelungene Darstellung der Gesamtsituation Presseethik versus Meinungsfreiheit.
Ergänzend, eine weitere Gefahr liegt in der Konzentration der Printmedien in die Hände weniger Verleger. Negativbeispiel Rupert Murdoch, der sogar die Polizei bestochen hat.
@Doe: Ja, darüber wird zu selten gesprochen.
Von Telepolis habe ich vor allem die Feeds über den Ukraine-Krieg gelesen, die mir Windows anbot – überprüfen Sie mal, ob es nicht von Russia Today aufgekauft wurde. Intellektuelle sind oft intellektuell damit überfordert, wie dumm die Welt sein kann, wenn dummdreiste Gier deutscher Bauerntrampel auf die dummdreiste Gier eines brutalen russischen Gangsters trifft. Ein Problem mit der Wahrheit ist oft, sie passt auf ein Post-it. Denn dann müssen Sie in alle Ewigkeit um den heißen Brei herumreden, um Woche für Woche Zeitungen zu verkaufen, jeder muss seinen schlauen Senf dazu geben, um bezahlt zu werden, und das Post-it wird von einem nie endenden Tornado heißer Luft in Fetzen gerissen.
Kapitalismus macht die Menschen nicht krank, die Menschen machen sich krank, und haben mit dem Kapitalismus ein sehr wirksames Werkzeug geschaffen, das aber so funktioniert, wie ein Dschinn oder ein Computer: Er tut, was Sie ihm sagen, nicht, was Sie von ihm wollen. Wenn Sie gesund sein wollen und ihm sagen, er soll Sie krank machen, tut er das halt.
Eines der beliebtesten Spiele der Menschheit ist, dem Mitmenschen einen Hundekuchen zu geben, wenn er auf den Teppich pinkelt, ihn treten, wenn er es sein lässt und ihm dann eine Szene machen, weil er ständig auf den Teppich pinkelt. Sie können Fehler im System nur sehr eingeschränkt durch Tugendhaftigkeit der Beteiligten kompensieren.
Tugendbolde entstehen wie Genies, als Sonderform des Wahnsinns – wir gehen halt manchmal so kaputt, dass uns die Störung zufällig mehr nützt als schadet. Wollten Sie so viele Tugendbolde haben, um eine Gesellschaft auf ihnen aufzubauen, müssten Sie diese Gesellschaft komplett in den Wahnsinn treiben. Das heißt, Sie müssen mit Normalos auskommen – Menschen, die schwach sind, leicht zu verführen, gern auch faul, die gern tugendhaft wären, es aber nur dann schaffen, wenn die Welt um sie herum sie nicht allzu sehr herausfordert. Normalos sind käuflich und werden bereitwillig Tugendbolde simulieren, wenn Sie sie dafür bezahlen, wie Äffchen für Bananen Kunststückchen vorbringen – sie machen’s als Job. Und was Ihr Job ist, definieren Zuckerbrot und Peitsche, nicht die Jobbeschreibung.
Es ist einfach harte Forschungs-, Entwicklungs- und Ingenieursarbeit – seit Jahrtausenden setzen wir eine Gesellschaft nach der anderen in den Sand, weil wir’s nie richtig hinkriegen. Wir scheitern sowohl an der Kontrolle, wie daran, in großen Bereichen auf sie zu verzichten. Ist doch logisch – Sie kontrollieren lieber das Wehrlose, doch eigentlich müssten Sie das kontrollieren, was die Macht hat, Sie zu kontrollieren.
Wahrheit tut weh und macht stark. Lügen machen schwach, doch bringen Linderung. Deswegen bauen sich Menschen Welten, die mit Lügen gepolstert sind, sonst könnten sie das Leben nicht aushalten. Und in diesem Spektrum zwischen ihrer Rolle als Sinnesorgan und Märchenonkel, zwischen Auge des Volkes und Opium fürs Volk, müssen sich auch die Medien zurechtfinden.
In einer Welt, die meint, das Wetter kontrollieren zu können, indem sie über den Wetterbericht abstimmt, steht Wahrheit jedenfalls nicht hoch genug im Kurs, um Zeitungen zu verkaufen. Selbst die Lügner sind längst auf ihre eigenen Lügen hereingefallen.
Die Qualität der Qualitätsoffensive bei Telepolis spricht für eine gewisse Qualitätsallergie ihrer Macher. Aber das ist typisch für sterbende Welten – weil alte Gewissheiten nichts mehr mit neuen Wahrheiten zu tun haben, werden sie zu Lügen, aber ihre Hohepriester kriegen das nicht mit und verteidigen sie zunehmend rabiat – wenn der Papst immer Recht hat und die Fakten ihm widersprechen, können es ja nicht die Fakten sein, oder?
Und so landen wir in einer Welt, in der es nichts gibt als Wahnsinn: Wir sind wahnsinnig, weil unsere Gewissheiten nicht mehr zur Realität passen, die Realität ist wahnsinnig, weil sie nicht mehr zu unseren Gewissheiten passt. Ich frage mich, ob eine solche Welt eine Extraportion Einsteins und Schweitzers herausspucken wird?
Wahrheit braucht einen Sponsoren, der nur an der Wahrheit interessiert ist, und warum sollten die Menschen für Schmerzen bezahlen? Ein Milliardär könnte vielleicht Journalisten um die Welt reisen lassen, ihnen Qualitätsstandards auferlegen und sie dann das berichten lassen, was sie für wahr halten ob’s sich verkauft oder nicht, ob’s ihm gefällt oder nicht, und die Reportagen einfach im Internet veröffentlichen. Viele Leser würde die Seite nicht haben. Aber vielleicht würde sie sich einen soliden Ruf erarbeiten, sodass die Lügner und Pfuscher ihr zumindest ungern widersprechen würden.
Dessen sollten wir uns stets bewusst sein, dass wir zwar nach Objektivität … streben sollten, aber wir als Subjekte in keinem Fall ‘objektiv’ sein können, weil es zu viele variable Parameter gibt, die wir nicht hinterfragen können. Es ist die Kunst in der Wissenschaft, die ‘richtigen’ Parameter zu vernachlässigen und die anderen ‘richtigen’ Parameter zu messen, ohne dann zu vergessen, dass wir Vereinfachungen vorgenommen haben.
Ihr Beitrag hebt sich erfrischend von solchen ab, die hypophystischen Thymotismus als Gegensatz eines monistischen Dualitismus erklären.
@Paul S: Krieg
Also mir ist das zu billig, jeden mit einer anderen Meinung als X-Versteher oder Verschwörungstheoretiker abzutun. Ich führe auch keine Qualitätsoffensive durch.
Aber das hier ist ein Blog für Philosophie und Wissenschaft, nicht für Politik. Ich möchte Ihnen aber (ganz persönlich) gerne einmal dieses Gespräch mit Julian Nida-Rümelin ans Herz legen, einem der führenden politischen Philosophen des Landes, früher Dekan an der LMU München. Ich habe es mir trotz der Länge zweimal angeschaut. Wenn Ihnen dafür die Geduld fehlt, suchen Sie mal nach Stichworten wie NATO und Russland im Transkript.
Danke, Herr Maier. War nicht eigentlich mit Poppers Fallibilismus und Falsifikationismus das Wesentliche gesagt? Das ist jetzt bald 100 Jahre her.
Vielen Dank für diesen beeindruckend fundierten und pointierten Beitrag. Der Artikel beleuchtet mit großer Klarheit die oft widersprüchlichen Spannungsfelder zwischen publizistischem Ideal und marktwirtschaftlicher Realität. Besonders wertvoll sind die persönlichen Einblicke und die kritische Reflexion der Entwicklungen bei Telepolis – ein wichtiges Zeitdokument zur Lage des Journalismus im digitalen Zeitalter
Stephan Schleim schrieb (08. Juli 2025):
> Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft […]
> Der berühmte kanadische Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking (1936-2023) sagte einmal auf einer Tagung: Nach Objektivität sollte man zwar streben, doch nicht so viel darüber reden.
Anstatt wohlfeile Plattitüden über (das Streben nach) Objektivität noch platter zu klopfen, deshalb hier ein paar konkrete Sach-dienliche Empfehlungen:
(1) Falls ein experimenteller Versuch mit zwei Uhren zu beschreiben ist, in dem die eine Uhr länger (d.h. über eine größere Dauer ihrer Versuchsbeteiligung) ging als die andere, und beide Uhren dabei gleich schnell (d.h. mit gleichen Gangraten) gingen, so dass die erstgenannte Uhr im Verlaufe ihrer Versuchbeteiligung auch weiter (d.h. mit größerer Differenz zwischen dem Ablesewert ihrer Anzeige zum Versuchsende und dem Ablesewert ihrer Anzeige zum Versuchsanfang) gegangen war als die andere Uhr,
dann sage bzw. schreibe man entsprechend, dass die erstgenannte Uhr in diesem Versuch länger gegangen war als die andere;
und nicht etwa
– dass die erstgenannte Uhr in diesem Versuch “schneller gegangen” wäre als die andere, oder
– dass “es schiene als ob” die erstgenannte Uhr in diesem Versuch schneller gegangen war als die andere.
(2) Falls ein experimenteller Versuch mit einem Bahnsteig und einem (“entlang des Bahnsteiges durchfahrenden”) Zug zu beschreiben ist, in dem der Zug länger (d.h. mit größerer Distanz zwischen Kuhfänger der ziehenden Lokomotive und dem Schlusspuffer des abschließenden Bremswagens) als der Bahnsteig (d.h. die Distanz zwischen den beiden End-Kanten dieses Bahnsteigs) ist,
dann sage bzw. schreibe man, dass die betreffenden Distanzen entsprechend ungleich waren, und nicht etwa dass die Distanz zwischen den beiden End-Kanten des Bahnsteigs “die Länge des Zuges darstellt”.
(3) Falls das Hervorrufen eines bestimmten experimentellen Befundes (bekanntes Beispiel: synchrone Interferenz-“Chirp-Muster” mehrerer Interferometer auf der Erde) verschieden modelliert werden kann (insbesondere: “wegen Passage einer astro-physikalisch ausgelösten Stoßwelle” vs. “wegen Passage einer astro-physikalisch ausgelösten Gravitationswelle”), dann kann dieser Befund (alleine) nicht als “Nachweis” ausschließlich nur eines dieser Modelle gelten.
> Die “Qualitätsoffensive” von Telepolis […] Ein Teil der “Qualitätsinitiative” besteht übrigens darin, Diskussionen nur noch bei einem Teil der Artikel zuzulassen.
Spätestens (absehbar) wenn Berichte über Ergebnisse der ACES-Experimente und der (anfänglichen) LISA-Messungen (also mit lediglich drei Interometer-Armen) vorliegen, wären diese zu kommentieren und (insbesondere hinsichtlich der o.g. Empfehlungen (1) bzw. (3)) ggf. öffentlich zu loben, oder zu kritisieren.
Hoffentlich (und wie gewohnt) wird das sogar Barriere-frei (also insbesondere in SciLogs-Kommentaren, oder “im anderen Laden”) möglich sein.
p.s.
Stephan Schleim schrieb (08.07.2025, 23:33 Uhr):
> […] War nicht eigentlich mit Poppers Fallibilismus und Falsifikationismus das Wesentliche gesagt?
??? K. Popper hat doch (wissenschaftliche) Theorien für experimentell prüfbar bzw. falsifizierbar gehalten; es also für denkbar gehalten, dass experimentelle Befunde ausgerechnet denjenigen Begriffen und Definitionen (insbesondere von Messgrößen) (oder sogar daraus herleitbare Konsequenzen, Theoremen) widersprechen könnten, die zum Zwecke der Gewinnung (Ermittlung) dieser Befunde überhaupt erst festgesetzt und angewendet wurden.
Dem Popperschen Theorie-“Falsifikationismus” ist wohl noch nicht oft und deutlich genug widersprochen worden; insbesondere mit dem Dagegensetzen von Modell-Falsifikationismus (also dem Aufstellen von Modellen als Zusammenfassungen von bereits vorhandenen Befunden und von bestimmten, einschränkenden Erwartungen, Vorhersagen, Prognosen über Befunde aus weiteren Versuchen, und dem anschließenden Prüfen und ggf. Falsifizieren und Verwerfen solcher Modelle anhand von tatsächlich ermittelten weiteren Befunden).
Frank Wappler,
Eine Plattitüde ist nur etwas für Fachleute. Der naive Laie kennt das Wort gar nicht. Und wenn er es kennt, dann ist das eine Form einer Meinungsäußerung, die gerade wegen ihres “greifbaren” Wahrheitsgehaltes verwendet wird.
Also eine immer scharfe Waffe in der Feder des Journalisten.
Wenn man Wahrheit meint in der Umgangssprache, dann geht es auch um den Anschein.
In den Naturwissenschaften meint Wahrheit ein korrekt richtiges und nachprüfbares Ergebnis. Auch gegen den Anschein, oder offensichtliche Logik.
Nur wenn Journalisten eine naturwissenschafftliche Grundbildung haben kann man von ihnen verlangen sich ihrer Aussagen bewusst zu sein.
Und erst dann ist “Wahrheit” die Krönung des Journalismus.
Doe schrieb (09.07.2025, 12:25 Uhr):
> […] Wenn man Wahrheit meint in der Umgangssprache, dann geht es auch um den Anschein.
Wer “dem Anschein nach” zu urteilen gezwungen ist, sollte sich vergewissern, wonach eigentlich fachlich zu urteilen wäre.
> In den Naturwissenschaften meint Wahrheit ein korrekt richtiges und nachprüfbares Ergebnis. Auch gegen den Anschein
Wer sich in seinem Urteil “vom Anschein trügen” ließ, weiß, wie er Gewissen-hafter hätte urteilen können.
> oder [gegen] offensichtliche Logik.
Wohl eher: auch gegen verbreitete Vorurteile bzw. hartnäckige Fehlschlüsse.
> Nur wenn Journalisten eine naturwissenschaftliche Grundbildung haben, kann man von ihnen verlangen […]
Nicht zuletzt daher die Kompromiss-losigkeit der Auseinandersetzungen um Didaktik; besonders um Didaktik der Physik; Beispiel-haft um Didaktik der Relativitätstheorie(n).
War nicht eigentlich mit Poppers Fallibilismus und Falsifikationismus das Wesentliche gesagt? Das ist jetzt bald 100 Jahre her.
Das mag sein, aber ich oute mich hier mal als Gelegenheitsphilosophieleser ( wie jetzt auch, wegen Fallibilismus und Falsifikationismus ), ich habe einen naturwissenschaftlich-technischen Hintergrund ( also eher technisch ) und habe das, was ich geschrieben habe, selbst ‘erdacht’ ( wobei ich natürlich nicht weiß, wie viel Information anderer Art in mein Denken eindiffundiert ist ) und stelle bei solchen Gelegenheiten fest, dass andere vor mir ähnlich gedacht haben – was ich allerdings in Rechnung stelle, denn wenn mir etwas ein-/auffällt, sollte es doch schon vielen vor mir ein-/aufgefallen sein, da ich kein Genie bin.
Ich denke aber, dass man es nicht oft genug sagen/wiederholen kann, dass jede naturwissenschaftlich-technische Erkenntnis nur so lange anwendbar ist, wie sie Ereignisse in der Zukunft innerhalb der Messgenauigkeit zutreffend vorhersagen kann bzw. beim Rückblick in die Geschichte ( Erde, Evolution und auch Historie ) durch neue Informationen anders interpretiert werden muss. Aus diesem Grund stehe ich auch dem Begriff ‘Wahrheit’ ( so, wie er gerne verwendet wird ) äußerst kritisch gegenüber, denn wenn etwas ‘wahr’ ist, wie könnte es denn durch weitere Erkenntnis noch ‘wahrer’ werden?
So sollten wir uns bewusst sein, dass ‘wir’ zwar schon viel wissen, dass aber die Menge des Nichtwissens ( Nochnichtwissens ) sehr, sehr viel größer ist und, wie bei den mathematischen Unendlichkeiten, immer sehr viel größer bleiben wird.
Insofern verstehe ich das dem Heraklit zugeschriebene ‘panta rhei’ ( “Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln” ) für alles.
@Maier: Wahrheit…
…gibt es, streng genommen, nur in Logik und Mathematik – und da ist sie gewissermaßen eine Frage der Definition (der Axiome).
Aber wie es im Text über Objektivität heißt: Man sollte mehr danach streben, als zu versuchen, sie zu definieren.
@Stephan Schleim
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Auf den ersten Blick macht er einen sehr vernünftigen Eindruck.
Dann aber finde ich so etwas von ihm:
“Es sei zwar legitim, die Ukraine in ihrem Verteidigungskrieg gegen Russland auch mit Waffen zu unterstützen. “Aber wir wollen keine Eskalation zu einem Welt- oder Nuklearkrieg.”
Eine Eskalation will Niemand. Einen Nuklearkrieg auch nicht. Dafür brauchts nicht die Ermahnung eines Philosophen.
Waffenlieferungen an die Ukraine widerspricht er anscheinend nicht. Warnt aber gleichzeitig vor “Eskalation”….
Wie ist das zu interpretieren? Sollen wir jetzt weniger Waffen liefern? Wir liefern sowieso schon so Wenige, dass wir der Ukraine nur gerade so das Überleben ermöglichen.
Was also sollten wir seiner Meinung nach jetzt tun?
Wie interpretieren Sie das, Herr Schleim?
“Viele würden glauben, dass der Westen und Europa, das auch mit Putin machen könnten. “Das ist naiv und hochgefährlich”, warnt Nida-Rümelin.
Dass “der Westen” in Russland einmarschiert, glauben oder fordern ganz bestimmt nicht Viele. Das ist eine geradezu unverschänte Unterstellung, die exakt der Putinpropaganda entspricht. Er sollte eigentlich wissen, dass wir nichts Anderes beabsichtigen und hoffen, als der Ukraine das Überleben in Freiheit zu ermöglichen; und Putin von zukünftigen Angriffen gegen weitere Länder abzuschrecken.
@Frankfurter
10.07.2025, 02:19 Uhr
Was jetzt erst mal zu belegen wäre. Äußerungen von Politikern die eigentlich darauf hinweisen dass man Fakten schaffen will und dafür eine Eskalation in Kauf nimmt sind selten explizit.
Es gibt jedoch vereinzelt politische Stimmen, die argumentieren, dass eine Schwächung der russischen Militärmacht ein indirekter Gewinn sein könnte. Was gerade nicht impliziert das auf russischer Seite nur Pazifisten rumlaufen ^^
Das das generelles Konfliktziel ist, ist so natürlich erst mal nur russisches Narrativ um von seiner eigenen aggressiven Politik abzulenken.
Zumindest Russland hat in den letzten Jahren seine nukleare Rhetorik verstärkt und die Schwelle für einen möglichen Einsatz von Atomwaffen gesenkt. ich finde es schwierig zu behaupten, dass nicht zumindest Russland daran interssiert wäre.
Im Gegensatz zu den Behauptungen russischer Politik betont allerdings die NATO grundsätzlich, das ein Atomkrieg niemals geführt werden sollte.
https://en.wikipedia.org/wiki/Nuclear_risk_during_the_Russian_invasion_of_Ukraine
Gerade darüber nachzudenken ist unter Anderem sein Job. Finde ich.
@Uli Schope
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Nein, zu belegen wäre dieser Vorwurf.
Was hätten wir denn auch von einem Krieg, bei dem es nur unzählige Milliarden zu verlieren, aber nichts zu gewinnen gibt? Ziel der Verteidigung der Ukraine ist ja schließlich nicht der Gewinn neuen Territoriums, sondern lediglich Erhalt des status quo und Schutz der Bevölkerung vor ständigem Beschuss.
@Frankfurter, Schoppe: Was soll das eigentlich, nachdem ich gerade explizit auf die wissenschaftlich-philosophische Natur dieses Blogs verwiesen habe, und dass es gerade um keine politischen Diskussionen geht, jetzt dieses Politikum Ukraine-Krieg hier breit zu treten? Halten Sie sich bitte an die Diskussionsregeln.
Dass ich viel von dem, was Nida-Rümelin in dem Gespräch sagt, für vernünftig halte, heißt übrigens nicht, dass ich jeder seiner Aussagen zustimme – und das wäre auch meine Privatmeinung und nicht relevant für diesen Blog.
@ Stephan Schleim 10.07.2025, 08:43 Uhr
Ich meine, die Frage „Krieg und Frieden“ im Zusammenhang mit Darwins „Auslesekonzept“, es scheint verrückt daran zu zweifeln und den ethischen Fragen einer drohenden gegenseitigen Ausrottung durch die neue Waffentechnik, wäre eigentlich schon eine typisch philosophische Frage?
Objektivität und Wahrheitssuche in Journalismus und Wissenschaft wäre der wichtigste Ausgangspunkt zur Diskussion dieser Frage.
Allerdings wirklich realistisch scheint es nicht, Objektivität zu erwarten?
Eine Kleinigkeit fehlt noch
die Quelle, der Urheber, der eigene Standpunkt.
Eine Religionsgemeinschaft kann/darf eine andere Meinung vertreten als ein Verteidigungsminister.
Beispiele gibt es genug. zum Verhältnis Tibet / China, Gaza/Israel, Rußland/Ukraine/UNO
@Realo, Doe: Ja, dann diskutieren Sie das doch einfach in einem passenderen Forum.
Hier geht es um Standards für Wahrheit/Objektivität und die “Qualitätsoffensive”.
Stephan Schleim,
Die Standarts existieren schon und haben ihren Nierschlag in den Gesetzen gefunden.
Was neu ist, die Berichterstattung ist international geworden.
Und dabei muss man bedenken, dass Nachrichten aus dem Internet die jeweilige dortige Sicht der Lage darstellen.
Und…….dass die ausländischen Nachrichtendienste eine andere Auswahl treffen als die deutschen Nachrichtendienst.
Das soll keinerlei Kritik an ihren Zielen sein,, die Qualität von Nachrichten zu kontrollieren.
Stephan Schleim schrieb (09.07.2025, 21:57 Uhr):
> […] Wahrheit … gibt es, streng genommen, nur in Logik und Mathematik […]
Wahr, falsch, oder was sonst:
??
Frank Wappler,
Wahrheit und Journalismus ist ein Spannungsfeld.
Wahrheit und Logik lässt wenig Spielraum für Spekulationen, außer bei den Paradoxien.
Dein Beipiel mit den Schwänen ist noch nicht entschieden , ob die heute noch leben.
@Stephan Schleim
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Sie hatten auch das Gespräch mit Nida-Rümelin (…Ukraine & Russland) verlinkt und explizit “ans Herz gelegt”, in dem dieser recht provokante politische Aussagen machte. Und auch dazu aufgefordert, nach “Stichworten wie NATO und Russland” zu suchen.
Nicht verwunderlich, wenn daraufhin gänzlich “unphilosophische” Reaktionen folgen.
@Frankfurter: Na ja, man kann die Aussage, dass manche Schwäne schwarz sind, empirisch bestätigen, ja.
Wenn man hier von Wahrheit sprechen will, das war mein Gedanke, dann kommt man halt auf erkenntnistheoretisch schwieriges Terrain, braucht man eine Wahrheitstheorie usw.
Das müssen wir jetzt hier nicht ausdiskutieren, oder?
Für die Zwecke dieses Artikels reicht es doch, dass es etablierte Kriterien zur Wahrheitsfindung hat, sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft.
Doe schrieb (10.07.2025, 17:29 Uhr):
> […] Dein Beipiel mit den Schwänen
… siehe 10.07.2025, 15:41 Uhr. Das war übrigens nicht zufällig gewählt, denn:
Wer “(Poppers) Fallibilismus und Falsifikationismus” für diskutabel hält (so wie Stephan Schleim (08.07.2025, 23:33 Uhr) wird dieses Beispiel wohl (er)kennen und diskutieren können;
und sollte dabei nicht davor zurückschrecken, die Worte Falsch(heit) oder Wahr(heit) zu verwenden.
Im Übrigen möchte ich anhand dieses Beispiels insbesondere die
K. Popper-sche, auf Theorien gerichtete Falsifikationismus-Variante diskutieren und in Frage stellen
(also: “Das Auffinden eines lebenden schwarz-gefiederten Schwans am 9.07.25 falsifiziert die zur Bestimmung festgesetzte und angewandte Theorie: d.h. insbesondere [[Zoologie#Morphologie.und.Anatomie]]”) und
die auf Modelle bezogene Falsifikationismus-Variante dagegensetzen
(also: “Das Auffinden eines lebenden schwarz-gefiederten Schwans am 9.07.25 falsifiziert das antike Standard-Modell über das Vorkommen von Schwänen in der Welt.”)
…
> ist noch nicht entschieden
Aber: entscheidbar ?? Und falls so:
Sofern demnächst entschieden (entweder nachgewiesen, oder widerlegt),
zumindest dann entweder wahr oder falsch ??
> , ob die heute noch leben.
Welche Arten von Schwänen heute, 11.07.25, auf der Erde leben (falls irgendwelche) ist doch gar nicht Gegenstand meines o.g. Beispiels.
(Trotzdem: Danke — ich habe mir aufgrund dieser Bemerkung erlaubt, das in meiner ursprünglichen Formulierung benutzte Wort “gestern” durch das damals gemeinte konkrete Datum zu ersetzen: 9.07.25)
Frank Wappler,
“wahr oder falsch”
Herrn Schleim geht es mehr um die Wahrheitsuche, also um Journalismus im engeren Sinne. Der Sinn des Journalismus liegt auch bei der Information der Öffentlichkeit.
Damit die einfacheren Gemüter auch Zeitungen kaufen oder hier mitbloggen, beschäftigt sich der Journalismus auch mit Sensationen, Heiratsgerüchten und seit Neuestem mit schwarzen Schwänen .
Und in diesem Bereich, der auch eine Form von Entertainement darstellt, sind Genauigkeit und Stichhaltigkeit von Informationen zweitrangig, es kommt darauf an,, dass dem Leser “die Spucke wegbleibt.”
Wenn also Herr S. schreiben würde, “es gibt auch blaues C. dann würden die Raucher von C. aufhorchen und fragen was ? wo ? wie ?
Frank W. damit verabschiede ich mich, für einige Zeit, es gibt noch eine Welt außerhalb von scilogs.
Stephan Schleim schrieb (11.07.2025, 10:06 Uhr):
> […] Wenn man […] von Wahrheit sprechen will, das war mein Gedanke, dann kommt man halt auf erkenntnistheoretisch schwieriges Terrain, braucht man eine Wahrheitstheorie usw.
Welche “erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten” mögen das wohl sein ??
Gäbe es Gründe, ausgerechnet diejenige Definition (eines Begriffes) zu verwerfen, die dazu benutzt wurden, um die eventuellen “erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten” überhaupt erst zu formulieren ??
Im Übrigen gilt doch recht Grund-sätzlich:
> Das müssen wir jetzt hier nicht ausdiskutieren, oder?
Wo/Wie denn sonst ?! (Und bevorzugt Barriere-frei, wie in SciLogs-Kommentaren gewohnt.)
> Für die Zwecke dieses Artikels reicht es doch, dass es etablierte Kriterien zur Wahrheitsfindung hat, sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft.
Offenbar macht es keine besonderen Schwierigkeiten das Wort “Wahrheitsfindung” zu benutzen …
Und wieso müssten (und wie überhaupt könnten) irgendwelche Kriterien von vornherein “etabliert” ? — Ist es ausreichend (Etablierung), dass Kriterien nachvollziehbar (bzw. in den Worten N. Bohrs) mitteilbar wären ??
Wahrheit … gibt es, streng genommen, nur in Logik und Mathematik – und da ist sie gewissermaßen eine Frage der Definition (der Axiome).
Und auch in jeder Religion und jeder Ideologie.
Wenn ich da mal spotten darf: Das klingt nach ‘der Kater beißt sich in den Schwanz’, der Versuch, in einem Heraklit-Fluss einen ‘Standpunkt’ definieren zu wollen.
Ich kann gut mit Axiomen leben, sofern man diese für ein spezielles Fachgebiet benötigt, um ein widerspruchsfreies Konstrukt zu erstellen, siehe Mathematik. Aber diese kann man nicht essen – wohl können aber einige gut davon leben. Aber man sollte sich stets daran erinnern, dass es ein Konstrukt ist. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wer ‘Koch’ und wer ‘Kellner’ ist, betrachtet man Mathematik und Physik.
@Stephan Schleim
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???
Ich nehme an, der post ist falsch addressiert….?
Über Schwarze Schwäne oder Wahrheitstheorie hatte ich mich nicht geäußert.
@Frankfurter, Wappler: Ja, es ging hier durcheinander. Wenn sich alle ans Thema des Blogartikels halten, dann funktioniert das hier auch besser.
@Frankfurter: Mir ist dann nicht klar, was Sie sonst mit “wissenschaftlich-philosophische Natur dieses Blogs” meinten.
Wenn es nicht konkret um diesen Blogartikel geht, lassen Sie es dann lieber im Raum stehen.
Ich weiß nicht ob Dir das auch wieder zu weit vom Thema ab ist, aber ich war schon gelinde gesagt überrascht las ich eben interessehalber mal KI nach der Offensive gefragt habe. Perplexity hat man wohl überzeugt:
“Die Qualitätsoffensive von Telepolis ist als umfassende und notwendige Maßnahme zur Sicherung und Steigerung journalistischer Standards zu bewerten. Sie umfasst sowohl die Überprüfung und zeitweise Sperrung des historischen Archivs als auch strukturelle Veränderungen im Leserforum und eine stärkere Ausrichtung auf Transparenz, Fehlerkultur und Qualitätskontrolle.”
Meint Perplexity.
Was viel über KI sagt.
Dem Ganzen fehlt zuallererst von Anfang an das, was Du zuerst auf die Tapete gebracht hast: Transparenz.
Darum bleibt für mich auch sofort der Verdacht haften, dass es im Grunde um die Sicherung von Gewinn und Umsatz geht indem man versucht im Internet Vergessen zu organisieren was ja micht so ganz einfach ist.
Weil man eine der eigenen Meinung nach profitablere Zielgruppe im Auge hat.
Der ganze Vorgang ist nicht auch nur im Ansatz neutral und das ist noch nicht mal nachvollziehbar.
Persönlich sehr schade finde ich dann auch das das Interview mit dem “Plagiatsjäger” heute für mich nur noch der Versuch von Agenda setzen ist.
Früher (vor der “Qualitätsoffensive”) hätte ich das unter”Darf man bei Telepolis eben auch sagen” eingeordnet. Und sogar positiv aufgenommen. Eben als Meinungsäußerung zu der jeder das Recht haben sollte.
Nach der Offensive stinkt das für mich. Das finde ich nicht toll sondern bedauerlich. Also das die Veröffentlichung dieses Artikels mich anpinkelt…
Du bist da eher der Fachmann: Ist das bei mir irgendwie Reaktanz weil ich das Gefühl habe das mein Freiheitsrahmen durch die offensichtliche Bevorzugung bestimmter Standpunkte eingeschränkt wird?
Dann wäre die Offensive wirklich ein Bärendienst wenn sie dazu führt das auf einmal alle möglichen Menschen (um nicht ehrlicher zu sagen: ICH ^^ ) das Bedürfnis entwickeln jetzt dann auch andere Meinungen bei Seite geschoben zu sehen …
P.S.: DIe Fragestellung an Perplexity war bei mir:
“wie ist die qualitästoffensive von telepolis zu bewerten”
Sollte man zur Transparenz schon dabei sagen, sorry.
@Schoppe: Perplex
Danke! Das ist doch mal kreativ.
Da hätte ich mir ja meinen Artikel auch sparen können… Noch Fragen? *Zwinkersmiley*
@Stephan Schleim
13.07.2025, 14:19 Uhr
Bitte nicht, meine Welt wäre ärmer 🙂
“Wissenschaft und Journalismus haben mindestens ein Ziel gemeinsam, nämlich das der Wahrheitssuche.”
(s.o)
Chemie-Professor bei der Suche nach Gründen, warum dieses hehre Ziel im Zusammenhang mit den mod-RNA-Impfstoffen anscheinend keine Rolle mehr spielte und der übliche wissenschaftliche Diskurs nicht mehr möglich war:
“Trojaner im Blut – Die mRNA-Gefahr – Austausch mit Prof. Dr. Schnepf – 14.07.2025”
https://www.youtube.com/watch?v=tfIh8E9G7-A