Ritalin & Co: Niederländische Regierung will gegen Gehirndoping vorgehen

Zweckentfremdung von Medikamenten sei unter Studierenden besorgniserregend. Gefährliche Entwicklung oder doch nur der nächste Hype? Und wofür werden die Aufputschmittel wirklich verwendet?

Welcher Student liebt kein Ritalin? Stimulanziengebrauch erschreckend hoch!” Und: “Studierende müssen damit aufhören, Ritalin als Studierpille zu verwenden.

Mit diesen Titeln berichtete unsere (unabhängige) Groninger Universitätszeitung im März beziehungsweise November 2021 übers Gehirndoping. Nicht weniger als 16 Prozent der Erstsemester würden Methylphenidat nehmen, den Wirkstoff im ADHS-Medikament Ritalin. Was ist dran an der Behauptung?

Die Regierung schreitet ein

Im November wendete sich dann sogar der Staatssekretär des niederländischen Gesundheitsministeriums, Paul Blokhuis, mit einem Brandbrief an das Parlament: Der zweckentfremdete Medikamentenkonsum sei ein dauerhaftes und wachsendes Problem. Spätestens zum März 2022 sollen neue Forschungsergebnisse vorliegen. Das klingt nach großer Dringlichkeit.

Der Spitzenpolitiker erklärt: “Solche Medikamente werden, vor allem in stressigen Perioden, zur Leistungssteigerung oder Erhöhung der Konzentration verwendet. Das ist eine unerwünschte Situation.” Oha. “Ich,” fährt er fort, “habe daher damit angefangen, eine Reihe von Maßnahmen in Gang zu setzen, um die Verwendung solcher Mittel zu entmutigen.” Oh nein!

Der Brief zitiert dann – ebenso wie die Artikel aus der Universitätszeitung – eine neue Studie meines Kollegen Anselm Fuermaier. (Wir arbeiten in getrennten Abteilungen und haben noch nie zusammen geforscht.) Anselm untersucht seit vielen Jahren die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsforschung ADHS und hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, ob man die Symptome dieser psychischen Störung vortäuschen kann.

Die Antworten von 1.071 Studierenden unserer Uni, genauer gesagt unserer Fakultät, sollen hergeben, dass die jungen Leute heute Ritalin & Co. “lieben”. Ob die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums diese angebliche Schlussfolgerung selbst gezogen oder aus unserer Uni-Zeitung abgeschrieben haben, kann ich nicht sagen. Aber ich kann mir die Daten anschauen.

Verzerrte Darstellung

Und tatsächlich haben 170 der 1.071 Studierenden geantwortet, mindestens einmal im Leben Stimulanzien wie Ritalin ohne Rezept genommen zu haben. Daher kommen die genannten 16 Prozent. Wenn man aufrundet.

Schaut man aber genauer hin, dann fällt einem Folgendes auf: Nur 1 Prozent sagt, das regelmäßig zu tun. 58 Prozent machen das, laut eigenen Angaben, ab und zu. Das bezieht sich, wohlgemerkt, auf die 170, nicht die 1.071.

Mit anderen Worten: Von den 1.071 (nicht-repräsentativ) antwortenden Studierenden sind ganze zwei Personen (also nur 0,2 Prozent!) regelmäßige Konsumenten von stimulierenden Medikamenten, ohne Rezept. Die Schlagzeilen, die manche Journalisten oder Staatsbeamte daraus machen, habe ich oben zitiert.

Ich forsche nun schon seit 2005 zum Phänomen Gehirndoping. 2006 entschied ich mich dagegen, darüber eine Doktorarbeit zu schreiben, weil ich nach einer ersten Sichtung der pharmakologischen Studien von einem unbegründeten Hype ausging. Nun sind wir schon unvorstellbare 16 Jahre weiter. Wie die Medien das Phänomen beschreiben, habe ich seitdem immer wieder diskutiert.

Zu den dargelegten Interpretationsproblemen kommt ein Weiteres hinzu: Aus welchen Gründen nehmen die Menschen denn solche Mittel? Auch das hat Anselm Fuermaier erhoben: Rund 60 Prozent taten es “zum Spaß”, etwas weniger in einem “akademischen Kontext”.

Damit ist die Schlussfolgerung in der Uni-Zeitung und des Staatssekretärs also schon doppelt falsch. (Wortwörtlich schreibt Letzterer: “So hat Forschung der Universität Groningen ergeben, dass 16% der 1.071 befragten Studenten ohne Rezept das Medikament Ritalin zum Studieren verwendet.”)

Warnung vor Nebenwirkungen

Der Staatssekretär fürchtet, dass ein Studium “mit Pille” normal werden könnte. Das sei nicht nur gesellschaftlich unerwünscht, sondern der Medikamentenkonsum könne auch zu körperlichen Nebenwirkungen führen.

So könnten Studierende, die Ritalin nehmen, Herzrasen, Schlafstörungen oder verminderten Appetit haben. (Hinweis: Wegen Letzterem werden Methylphenidat und Amphetamin auch zum Abnehmen verwendet, insbesondere von Frauen.)

Auch könne man davon ruhelos werden, Stimmungsschwankungen haben, Übelkeit oder gar Panikanfälle erfahren. Langfristiger Gebrauch könne zu einem Burnout führen, da die Konsumenten permanent aktiv blieben und der Körper dann zu wenig Ruhe bekomme.

Das stimmt im Grunde. Menschen unterscheiden sich aber darin, welche Nebenwirkungen sie beim Substanzkonsum in Kauf nehmen. Ich persönlich bin sehr zurückhaltend. Andere weniger. Insbesondere bei bestimmten Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf- und Lebererkrankungen oder der Neigung zu Psychosen sollte man mit den Stimulanzien aufpassen.

Ärztinnen und Ärzte würden diese Mittel aber nicht massenweise zur Behandlung von ADHS verschreiben, wenn man dadurch gleich tot umfiele. In den Niederlanden lag die Verschreibungsquote von Ritalin & Co. für Kinder und Jugendliche zeitweise sogar über der von den USA, die absolut gesehen mehr Methylphenidat und Amphetamin verbrauchen als der ganze Rest der Welt zusammen.

ADHS-Diagnose in der Kritik

Interessanterweise kritisiert der Staatssekretär nun auch die zu häufige Diagnose von ADHS sowie deren “Überbehandlung”. Die Weltgesundheitsorganisation warnte schon in den 1990ern(!) vor dem dramatischen Anstieg der Medikamentenverschreibungen für Kinder und Jugendliche.

Zur Veranschaulichung: Nach der Warnung der Weltgesundheitsorganisation explodierten die hier gezeigten Produktionszahlen für Amphetamin (oder “Speed”, rot) und Methylphenidat (z.B. im Ritalin, blau) in den USA erst so richtig in den 2000ern. Der Anstieg von 1990 bis zum Höhepunkt im Jahr 2014 entspricht in etwa einer Versechsundvierzigfachung. Auch wenn die jährliche Produktionsmenge der beiden Stimulanzien seitdem von über 140 auf knapp 100 Tonnen sank, ist das pro Jahr immer noch mehr als in der ganzen Dekade der 90er. (Die gelbe Linie zeigt den Anstieg der Patienten in den USA, die zur Behandlung von Depressionen sogenannte Antidepressiva verschrieben bekamen, in Millionen; zu Vergleichszwecken.) Quelle: US Drug Enforcement Agency; US Federal Register.

In den meisten anderen Ländern entwickelten sich die Medikamentenverschreibungen ähnlich, wenn auch auf niedrigerem Niveau (z.B. in Dänemark, Großbritannien und den deutschsprachigen Ländern). Führt man sich aber vor Augen, wie viel Stimulanzien in den letzten 30 Jahren für “medizinische” Zwecke auf den Markt kamen, dann wirken die Zahlen für die “zweckentfremdete” Nutzung doch recht bescheiden.

Klinische Psychologen und Psychiater verteidigten sich jahrelang damit, sie würden nun endlich all die vorher unentdeckten Fälle richtig diagnostizieren (Die größten Missverständnisse über die Aufmerksamkeitsstörung ADHS). Dabei liegt es im Auge des Betrachters, welches kindliche und jugendliche Verhalten man als normal oder gestört ansieht (Nein, Ihr Kind ist nicht krank!).

Wäre ich zehn Jahre später geboren worden, hätte man mir wohl auch diesen Stempel aufgedrückt. ADHS war in Deutschland in den 1980ern/1990ern aber noch nicht so populär. Die “Generation Ritalin” kam erst danach.

So blieb es in meinem Fall bei einer unschuldigeren “Anpassungsstörung”. Und ja – an diese Gesellschaftsform will ich mich gar nicht anpassen!

Der Staatssekretär Paul Blokhuis (führendes Mitglied der ChristenUnie) verweist noch auf den zunehmenden Leistungsdruck und psychischen Stress für junge Menschen. Vor Kurzem schrieb ich hier noch darüber, wie das in seiner Regierungszeit aufrechterhaltene Kreditsystem die Studierenden stresst. Manche sitzen nämlich beim Einstieg in die Arbeitswelt schon auf einem Schuldenberg von 20.000 bis 30.000 Euro und haben dann auch noch eine schlechtere Chance auf eine gute Wohnung.

Das realistischere Bild

Es ist natürlich eine interessante Erfolgsstrategie für Politiker, ein Problem erst zu schaffen, um sich anschließend als Problemlöser zu inszenieren. Anstatt das Gehirndoping-Gespenst alle Jahre wieder austreiben zu wollen, könnte man doch einfach mal den Leistungsdruck und Stress anpacken; dieser hat natürlich soziale Ursachen.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder übers Gehirndoping – oder “Neuro-Enhancement”, wie es die Mehrheit meiner Kollegen nun lieber nennt – geschrieben. Dabei habe ich auch immer wieder Übertreibungen in den Medien thematisiert.

Nach dem Medientheoretiker Marshall McLuhan “is the medium the message”. Das könnte hier bedeuten, dass (jedenfalls die meisten) Medien immer nur übers Gehirndoping schreiben, wenn der Verbrauch als dramatisch hoch und/oder steigend dargestellt wird. Andere Meldungen sind einfach nicht interessant genug.

So hat auch unsere Uni-Zeitung über Jahre hinweg immer wieder meine Vorschläge abgewiesen, einmal neutraler über das Phänomen Gehirndoping zu schreiben. Die Fehler mit den 16 Prozent wollte sie auch nicht korrigieren. Es lebe die redaktionelle Freiheit!

Mit einem Züricher Kollegen aus der Pharmakopsychologie, Boris Quednow, habe ich schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass es für diese Behauptungen – die massenhafte Verbreitung oder den Anstieg – keine wissenschaftliche Basis gibt. Zudem sind die Medikamente sowieso keine Wunderpillen: Sie steigern zwar subjektiv den Eindruck, bessere Leistung zu erbringen; im Experiment ließ sich eine tatsächliche Leistungssteigerung bisher aber nicht überzeugend nachweisen – jedenfalls bei gesunden Versuchspersonen, um die es beim Gehirndoping ja primär geht.

Besserer Unterricht statt Pillen?

Die Details habe ich in meiner Gehirndoping-FAQ zusammengefasst, die immer noch aktuell ist. Wahrscheinlich fühlen sich Menschen unter Einfluss der Stimulanzien vor allem motivierter, um stereotypische oder gar langweilige Aufgaben zu erledigen.

Da könnte man aber auch den Unterricht interessanter gestalten. Wenn jedenfalls meine Studierenden massenweise Medikamente (oder Drogen; die Grenze ist sowieso willkürlich) brauchen, um meine Kurse auszuhalten, sollte ein Anderer besser meinen Job übernehmen.

Natürlich merken die Studierenden selbst, dass Ritalin & Co. sie nicht wirklich schlauer machen – und hören dann nach einem oder allenfalls ein paar Versuchen überwiegend wieder auf. Das zeigen ja auch die Daten meines Kollegen Anselm Fuermaier. Wenn man die inzwischen über 100 Studien zur Verbreitung des Gehirndopings kritisch liest, kommt man auf eine einstellige Prozentzahl der regelmäßigen oder gelegentlichen Konsumenten.

Und genau das berichtet auch eine großangelegte neue niederländische Studie, die in etwa zeitgleich mit dem Brandbrief des Staatssekretärs erschien: Das angesehene Trimbos-Institut hat dafür fast 30.000 repräsentativ ausgewählte Studierende zu ihrem Substanzkonsum während der Corona-Lockdowns befragt. Ein Schwerpunkt war dabei die Zweckentfremdung stimulierender Medikamente.

Demnach haben 1.139 von 28.442 Studierenden – das sind 4 Prozent – innerhalb der letzten zwölf Monate mindestens einmal konzentrationserhöhende Mittel ohne Rezept verwendet: junge Männer etwas häufiger als junge Frauen; außer Haus wohnende in etwa doppelt so häufig wie die, die noch bei den Eltern lebten; und Studierende mit Konzentrations-, Lese- oder Rechenproblemen mehr als doppelt so häufig wie der Rest.

Letzteres ist wieder im Zusammenhang mit der Diagnose psychischer Störungen interessant, deren Grenzen sowieso fließend sind. Nicht jeder will zum Psychologen oder Psychiater gehen, wo er einen Stempel aufgedrückt bekommt, der bei Krediten, Versicherungen oder bestimmten Berufslaufbahnen negative Auswirkungen haben kann.

Manche besorgen sich die Mittel dann lieber auf eigenes Risiko (und eigene Kosten). Bei anderen ist das Problem schlicht leicht unter der klinisch relevanten Schwelle.

Instrumenteller Substanzkonsum

Allen dürfte aber gemein sein, die Mittel zu einem bestimmten Zweck zu verwenden. Manche wollen Stress reduzieren, andere aufmerksamer sein, wieder andere gut gelaunt – und wir alle gut funktionieren? Das hat der Psychiater und Erlanger Professor für Suchtmedizin Christian P. Müller in einer lesenswerten Serie über instrumentellen Substanzkonsum genauer ausgeführt.

Insbesondere junge Menschen experimentieren eben auch mal mit unterschiedlichen Mitteln. Bei den Meisten ist das eine vorübergehende Phase. Diejenigen, die wirklich abhängig werden und bei denen der Konsum problematisch wird, haben hierfür meist individuelle Risikofaktoren (wie traumatische Erlebnisse, genetische Veranlagung).

Das kann sich nicht nur in Substanzkonsum, sondern auch in einer salopp so genannten Arbeits-, Ess-, Internet-, Sex- oder Spielsucht äußern. In der Psychologie spricht man von “Bewaltigungsstrategien” – die meist aber nur eine Zeit lang gut gehen, wenn man an den zugrundeliegenden Problemen nichts tut.

Dass unter Studierenden keine außergewöhnliche Pillenkultur herrscht, sieht man auch an einem anderen Aspekt der ausführlichen Studie des Trimbos-Instituts: Rund 74 Prozent der Befragten gaben nämlich an, dass der Gebrauch konzentrationserhöhender Mittel im Zusammenhang mit Klausuren in ihrem Umfeld eher nicht toleriert würde. Rund 16 Prozent waren demgegenüber neutral eingestellt und nur 10 Prozent meinten, das wäre in ihrem Freundeskreis okay.

Also, liebe Politikerinnen und Politiker: Erzeugt nicht so viel Stress, dann müssen die Bürgerinnen und Bürger auch nicht so viel zur Stresskompensation tun. In der Coronapandemie haben sich die Muster des Substanzkonsums tatsächlich verändert – dazu aber beim nächsten Mal mehr.

Was das Gehirndoping betrifft, wäre auch ein Blick in die Geschichte hilfreich: Schon in den 1930er Jahren gab es Berichte zum Konsum stimulierender Mittel unter Studierenden in den USA und den Niederlanden. Da ging es um Amphetamin; Ritalin wurde erst etwas später entdeckt.

Wie schon Kokain zuvor, wurden diese und ähnliche Mittel in verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen, vom Fernfahrer zum Regierungsbeamten, vom Soldaten zum Arzt oder Wissenschaftler, für ihre Zwecke verwendet. Demnach ist es gut möglich, dass Gehirndoping in den 1950ern bis 1970ern sogar häufiger vorkam als heute.

Dann dämonisierte man die Mittel drogenpolitisch im “War on Drugs” – um sie etwas später mit einem medizinischen Anstrich wieder einzuführen.

Zum Weiterlesen: mehr Artikel über Gehirndoping/Neuroenhancement

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik: Pexels auf Pixabay.

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46 Kommentare

  1. Da kann ich ihnen einmal voll zustimmen: nur weil etwas in den Nachrichten kommt und Thema in den sozialen Medien ist, heisst das noch lange nicht, dass es einem echten Problem im realen Leben entspricht. Oder kürzer: Worüber geredet wird muss nicht das sein woran man leidet. Aber es passt natürlich bestens zur heutigen Zeit, dass Thematisiertes über Reales gewinnt. Wir leben schliesslich im Zeitalter des Metaverse.

  2. Aktualisierung: Zur Veranschaulichung des Anstiegs der medizinischen Verwendung von Amphetamin (“Speed”) und Methylphenidat (z.B. “Ritalin”) habe ich noch eine Grafik und einen Absatz eingefügt.

    Wenn man sich das zum Vergleich anschaut, dann wirkt der “zweckentfremdete” Gebrauch dieser Mittel doch überhaupt nicht mehr hoch.

  3. @Stephan Schleim: Heute müssen Journalisten vor allem dafür sorgen, dass sie gelesen werden.
    Nun, vielleicht war das auch früher schon so. Nur war früher das Publikum viel stärker an dem interessiert was wirklich passierte, heute aber ist es stärker daran interessiert wie Dinge dargestellt werden und wer in welchem Lager sich durchsetzt. Diese Verrückung der Prioritäten lässt sich auch exemplarisch daran ablesen, dass das Spiegel Magazin nicht mehr durch investigativen Journalismus auffällt, sondern dadurch, dass in den Texten der „richtige“ Geist weht. Dafür sorgte etwa der Spiegel-Journalist Claas Relotius mit seinen prämierten, aber erfundenen Geschichten. Prämiert wurden seine Geschichten, weil sie eben eine Welt ablieferten wie man sie sich vorstellte – wie sie aber leider nicht war. Schlimm für die Welt. Schlimm, sich anders zu verhalten, als man es sich ausmalt..

  4. @Holzherr: Probleme des Journalismus…

    …gibt es viele. Das Internet erhöht seit inzwischen rund 20 Jahren den finanziellen Druck.

    Das Spiegel-Beispiel ist sicher extrem und weist auch auf die Karrieregeilheit von jemandem (“Fake it till you make it.”). Dazu in Kürze mehr.

    Aber es liegt auch daran, dass man dem Gegenüber heute schnell unterstellt, “Troll” zu sein oder “Verschwörungstheoretiker”. Was nicht ins Weltbild passt, wird psychologisch-emotional zugedeckt. Auch das fördert die Einseitigkeit der Darstellung.

  5. Irgendwie wieder so eine verheuchelte Doppelmoral dieser MInister : Die Niederlande versinken langsam im Drogensumpf bzw. in Drogenkriegen und über ein relativ harmloses Medikament wird medial gestritten als wäre es die Ultima Ratio. Was ist “Gehirndoping” ? Kaffee oder Alkohol, sind auch Gehirndoping da sie den Dopaminspiegel erhöhen. Man dopt sich in einer Leistungsgesellschaft um Leistung zu bringen, um nicht durchs Raster der Luser zu fallen. Vielleicht ist eine solche Einstellung krank, dann sind aber auch die gesellschaftlichen Werte krank die so etwas provozieren. Diese ADHS Diagnose scheint mir in der kognitiven Psychologie nicht zu funktionieren da sie bestimmte psychische Abläufe aus dem Zusammenhang reißt und nur selektiv betrachtet .
    Zu M. Holzherr und Relotius. Betrachten sie die deutsche Geschichte. Die jeweils herrschende Ideologie hat solche Art von Schreiberlingen stets produziert. Im Dritten Reich waren heroische Soldatengeschichten von der Front gewünscht und speichelleckende Journallisten lieferten dieses in Massen. In der DDR wurde der neue sozialistische Mensch von solchen Typen in erfundenen Geschichten gepriesen. Dieser Untertanengeist funktioniert also immer noch.

  6. @Golzower: ja, spontan dachte ich auch an die Erfindung von Problemen um von den echten Problemen abzulenken: Opium für (die Betäubung) das Volk, wobei das neue Opium nicht mehr das klassische Betäubungsmittel ist, sondern die spannende, ungeheure Geschichte von den Hirn- Dopern, die es zwar nicht gibt, die sich aber gut in einer Netflix-Serie machen würden. Und ja: was kann es besseres geben als dass unsere langweilige Realität in eine Netflix-Serie mit Themen wie Gehirn-Doping verwandelt wird.

  7. Golzower,
    erinnert sei an Adolf Hennecke, der „Held der Arbeit „ in der DDR.
    Wir haben immer noch solche Helden, da gibt es den Sportler des Jahres , da gibt es den Bambi.
    Und daraus leitet sich die Frage ab, wer ist jetzt schlimmer, der Bürger, der Konsument oder die Manager, die die Bedürfnisse und die Sensationslust bedienen.

    Was den Journalismus betrifft, da ist die Antwort eindeutig, die werbefinanzierte Medienlandschaft ist schuld.
    Den Tageszeitungen steht das Wasser bis zum Hals. Was sollen die tun, seriös berichten und dem Skandaljournalismus den Weg frei machen , oder selbst dem Mainstream folgen.

  8. @Stephan / 15.01.2022, 09:25 Uhr

    »Aber es liegt auch daran, dass man dem Gegenüber heute schnell unterstellt, “Troll” zu sein oder “Verschwörungstheoretiker”.«

    So ist es leider, derlei Unterstellungen haben sich inzwischen wohl als die ultimative Rechthaber-Strategie in Web-Diskussionen bewährt. Und wie schnell das geht, habe ich beispielsweise jüngst nebenan bei Michael Blume gerade erleben dürfen: Auf meine legitime Frage danach, welche wissenschaftl. zitierfähigen Quellen er zu seiner beharrlichen Rede von “japhetitischen Alphabeten” eigentlich konsultiert hat, ist er sogleich in den ad hominem-Modus gegangen. Blumes Problem dabei ist halt, dass er solche Quellen offenkundig gar nicht nennen kann, weil die schlicht nicht existieren, womit er nonchalant alles ignoriert, was von sprach- oder bibelwissenschaftl. kompetenter Seite dazu schon publiziert worden und e.g. mittels scholar.google auch relativ leicht auffindbar ist

    Insofern sind die angesprochenen Probleme gewiss nicht auf den Journalismus beschränkt, sondern unsere gesamte Diskussionskultur ist davon mehr oder minder betroffen.

  9. [Gelöscht. Sie haben hier Hausverbot. Halten Sie sich dran. Übrigens wollten Sie selbst dem Blog fernbleiben. Wenn Sie sich nicht an die Hausregeln halten, dann doch wenigstens an Ihre eigenen. S. Schleim]

  10. @Golzower, Holzherr: Drogenpolitik

    Die Niederlande haben ein Drogenkriminalitätsproblem, ja. Allgemein wird nun gesagt, das liege a) an der nur halbherzigen “Legalisierung” von Cannabis vor vielen Jahrzehnten, die den Kriminellen einen lukrativen Markt ließ (nämlich beim Anbau der Pflanzen) und b) an Kürzungen im Polizeiapparat bzw. bei den Gemeinden, die mafiöse Strukturen begünstigten (nach dem Motto: der Staat zieht sich zurück, es übernehmen Kriminelle).

    Ich weiß schon, Menschen mit sehr konservativen Ansichten gefällt das nicht; es ist nun einmal aber so, dass eine konsequente Legalisierung der eher harmlosen Substanzen (mit gleichzeitiger Suchtprävention und Aufklärungsarbeit) für alle die beste Lösung ist.

  11. @Chrys: Vernunft

    Das schlimme am VT-Vorwurf ist meiner Meinung nach, dass man das Gegenüber nicht mit Argumenten widerlegt, es nicht einmal versucht, sondern eigentlich in den Bereich des Pathologischen rückt: “Du bist wahnsinnig dumm und/oder hast Wahnvorstellungen.” Letztere sind charakteristisches Kennzeichen psychotischer Störungen.

    Ich kann und will mich inhaltlich nicht zur Arbeit anderer SciLogger äußern. Das wäre auch nicht gut fürs Klima hier. Bei manchen Beiträgen über Ergebnisse der Hirnforschung muss ich auch die Zähne zusammenbeißen (und meine eigenen Kommentare werden auch nicht überall freigeschaltet; Kritik an der Charité scheint beispielsweise nicht erwünscht, vor allem, wenn man dort arbeitet). Aber was soll’s, man kann zum Beispiel jüngeren Leuten auch mal gönnen, das auf ihre eigene Weise zu machen, mit ihren eigenen Standards. Vielleicht kommen sie irgendwann selbst dahinter, wie oberflächlich bis naiv ihre Darstellungen mitunter sind.

    Vom menschlichen Standpunkt aus sollte man einsehen, dass Blogs eben auch Hobbyprojekte sind. Wenn sich ein Blogbetreiber partout nicht mit einer bestimmten Perspektive beschäftigen will, kann man ihn meiner Meinung nach nicht dazu zwingen, sondern sollte das akzeptieren. Nichts hindert einen ja aber daran, irgendwo im Netz eine Rezension zu veröffentlichen, um nur ein Beispiel zu nennen; die sollte aber freilich in der Sache gut begründet sein.

    In einer bekannten Zeitschrift für Psychologie und Hirnforschung wurde kürzlich ein Buchkapitel aus einem neuen Buch über VTs abgedruckt, von zwei Autorinnen; habe die Namen schon wieder vergessen. Als mir aber ins Auge stach, dass man als beispielhafte VT die These anführte, das Coronavirus sei im Labor entstanden, verging mir die Lust zum Lesen. Das haben doch vor Kurzem sogar noch Institutionen der USA offiziell untersucht. Mich interessiert die Frage übrigens eher nicht. Fakt ist, das Virus ist da – und verschiedene Staaten gehen unterschiedlich damit um.

    Im Übrigen kann ich nach vielen Jahren sagen, dass du einer der besten Diskutierenden hier im Forum bist und dass ich es sehr schade fände, wenn du irgendwann nicht mehr kämst.

  12. @Stephan Schleim bezüglich Drogenkriminalität in den Niederlanden.
    Der Skandal ist doch der, dass in den Niederlanden Presse und Politik vor den Drogenbossen kuschen. Der Skandal ist der, dass Drogenbosse regieren und in der Lage sind den Staat in Geiselhaft zu nehmen. Dagegen ist die Frage wie man dem begegnet (z.B. mit Drogenlegalisierung) zweitrangig.
    Hier ein Beispiel zur Herrschaft der Drogenbosse in den Niederlanden:

    Floskelhaft klang die Erklärung von Ministerpräsident Mark Rutte, der den kaltblütigen Anschlag auf de Vries als «Angriff gegen die Pressefreiheit» bezeichnete, während sein Justizminister verkündete: «Wir werden das nicht hinnehmen.» Verhindern konnten sie jedoch nicht, dass der Fernsehsender RTL nach dem Mord erstmals entschied, eine Sendung nicht auszustrahlen, in der de Vries ein regelmässiger Kommentator gewesen war. Laut Polizeiangaben war zuvor eine anonyme Bombendrohung bei dem Sender eingegangen.

  13. @Holzherr: Dafür, dass die Presse kuschen soll, habe ich hier aber recht viele Berichte gesehen.

    Tatsache ist: Wegen ihrer Arbeit wurden hier Journalisten, Anwälte und Zeugen ermordet und Politiker ernsthaft bedroht, die dann Personenschutz brauchten.

    Wenn ein ernsthaftes Risiko besteht, dass ein Verbrecher mit einer Panzerfaust ins Studio schießt o.ä., dann kann man eine Sendung schon auch mal verschieben.

    P.S. Ich würde mich freuen, wenn wir im Folgenden näher am Thema des Blogs bleiben (Gehirndoping).

  14. Zitat:

    Der Staatssekretär fürchtet, dass ein Studium “mit Pille” normal werden könnte. Das sei nicht nur gesellschaftlich unerwünscht, sondern der Medikamentenkonsum könne auch zu körperlichen Nebenwirkungen führen.

    Konsens ist ja, dass Ritalin beim Gesunden keine Leistungssteigerung bewirkt. Die Aussage des Staatssekretärs macht aber nur Sinn, wenn er entweder davon ausgeht, Studenten könnten in der Tat ihre Lernleistung mit Ritalin steigern oder aber sie nähmen die Pille aus der falschen Meinung sie nütze ihnen und seien zu dumm um zu merken, dass sie nichts bringt.

    Doch letztlich kommt es gar nicht so drauf an, was er meint, wenn es doch in Wirklichkeit so wenige sind, die die Pille regelmäßig einnehmen.

  15. @Holzherr: Ritalin & Co…

    …haben halt eher subjektive Effekte: Man wird dadurch nicht messbar schlauer, fühlt sich aber so; Arbeiten macht mehr Spaß; die Motivation nimmt zu; und so kann man wohl auch ein Stück weit Müdigkeit kompensieren. (Weiß ich aus Studien, nicht eigenem Konsum.)

    Zudem kann man eine ADHS-Diagnose wahrscheinlich so leicht erhalten, dass es doch viel eleganter ist, das Mittel vom Arzt zu bekommen; dann ist es sogar gratis. Wer konsumiert denn die 100 Tonnen legales Amphetamin und Methylphenidat (USA) pro Jahr?

    P.S. Hatten Sie nicht den Netflix-Hinweis gebracht? Es gibt dazu meines Wissens keine Serie, wohl aber eine Dokumentation: Take Your Pills (2018).

  16. @Stephan / 15.01.2022, 18:52 Uhr

    Der in den vergangenen fast 200 Jahren erreichte technologische Fortschritt in puncto Kommunikation hat jedenfalls nichts daran geändert, dass Schopenhauers Die Kunst, recht zu behalten (1830) so aktuell ist wie eh und je. Manche Grundmuster bleiben uns eben erhalten.

    Und völlig einverstanden, zu einem bestimmten Diskurs kann man niemanden zwingen. Ein erhobener Anspruch auf Wissenschaftlichkeit beinhaltet nach meinem Verständnis aber auch eine erkennbare Bereitschaft, die eigenen Argumente auf Nachvollziehbarkeit für andere zu überprüfen — und, falls erforderlich, so etwas auch vom Gegenüber einzufordern. Wo eine solche Bereitschaft fehlt, kann schwerlich ein vernünftiger Diskurs gedeihen, dann ist die Sache gelaufen und man kann einpacken.

    Vielen Dank für Deine anerkennenden Worte, das kann ich Dir in gleicher Weise retournieren. Mein Respekt für Dein Engagement als Blogbetreiber wird Dir, wie ich mal annehme, auch zuvor schon nicht ganz entgangen sein. Auch daran hat sich nichts geändert.

  17. @Chrys: Menschlichkeit (auch in Diskussionen)

    Gregor Gysi hat gerade im Interview mit dem früheren Hedgefondsmanager Florian Homm (rund 45:00 Minuten) eine tolle Definition von “Menschlichkeit” formuliert, die sich wunderbar auf unsere Diskussionen übertragen lässt:

    Menschlichkeit ist, dass man seinem Gegenüber, das man nicht ausstehen kann, die gleichen Rechte zubilligt, wie sich selbst.

    Das ist doch mal ein Wort zum Sonntag für MENSCHEN-BILDER.

  18. Menschlichkeit

    Es bleibt ja nicht dabei. Wenn wir uns als Naturwesen verstehen, dann ist schon zu fragen,wie der Gegenüber und die zumindest geistige Gegensätzlichkeit entsteht oder entstehen könnte.
    Im Stofflichen haben wir z.b. die Chirialität.
    Wir müssen ja nicht stehen bleiben und Gegensätze als solche festhalten,sondern sich vielleicht fragen,wenn uns schon im weitergehenden ein Körper eint,darin Chirialität vorkommt,wie Gegensätze zusammen gehören.

  19. Betrachten wir die letzten 2000/200 Jahre,dann geht es im Wesentlichen um Ziele und Methoden.
    Die einen sind nur neugierig,wie die Welt funktioniert,andere sehen darin nur Nutzen.
    Die einen möchten Weltgeltung,die anderen sehen den lediglich Pluralismus.
    Wir stellen fest,dass es meistens um Kontrolle von eigentlich freien Kooperationsmöglichkeiten geht.
    Wer bestimmt?
    Die zentrale Frage real oder trasdenzent.
    Wer bestimmt?

  20. Zum blog ‘Sprache und Sprechen’ interdisziplinär: Sprache ist Stimmung und Stimme. Warum und wie entsteht eine Stimme? Wie steht Stimme zu Meinung un Sprache und Wahl und Stimmabgabe?
    Mir macht es manchmal den Eindruck,diese fundamentalen Fragen spielen keine Rolle mehr in einer durchkommunizierten Welt. Nur noch ‘gehört werden’…

  21. @Mussi: Ich kann Ihnen leider nicht folgen. (Verstehen Sie das bitte nicht als Einladung, es mir besser zu erklären.)

    @Chrys: Danke für den tollen Link.

    In Streitgesprächen geht es nicht um Wahrheitsfindung, sondern allein darum, Recht zu behalten. Dazu kann man sich verschiedener Kunstgriffe bedienen, von Täuschung und Suggestion über spitzfindige Wortverdrehungen, Scheinargumente und bewusste Fehlschlüsse bis hin zu persönlichen Beleidigungen des Gegners.

    Ganz so pessimistisch (Grüße an Schopenhauer) würde ich das nicht sehen; nicht zuletzt nach 15 Jahren Blogerfahrung würde ich aber sagen, dass es größtenteils stimmt. Leider.

    Daher immer wieder meine Beteuerung: In der Philosophie geht es nicht darum, wer (also welche Person) Recht hat, sondern nur um das beste Argument.

    Viele scheinen diesen Unterschied nicht zu verstehen.

  22. @Schleim
    Macht nichts. Ich habe Sie nicht persönlich angesprochen.
    Ich bin,wenn man es verfolgen möchte,ein fan der Gleichzeitgkeit von Doismus uns Komplementarität.
    Der Duplizität von westlicher und östlicher Philosophie. Auf jeweils ihrer eigenen Weisen.
    Eine Frage der Achsenzeit.

  23. @Stephan / 16.01.2022, 15:10 Uhr

    Sagen wir mal, idealerweise sollte es in philosoph. Diskussionen — und gewiss doch auch in demokratisch-politischen Debatten e.g. um Gehirndoping — um das beste Argument gehen. In der Praxis wird dieser ideale Anspruch aber so gut wie nie erfüllt. Da geht es dann tatsächlich vielmehr darum, die jeweils gegenerische Position um jeden Preis zu disqualifizieren.

    Ich schätze, Schopenhauers Eristische Dialektik ist nicht zuletzt zu verstehen als eine Abrechnung mit Hegel, dem selbsternannten “Professor der Professoren”, und dem in seinem geistigen Umfeld praktizierten Stil der Argumentation.

  24. @Chrys: Argumente und Werte

    Ja – und wie die Argumente nicht mehr hin reichen (hinreichen), da auch über Werte, mit Sicherheit in gesellschaftspolitischen Debatten.

    Und Schopenhauer, tja… Solche Werke haben idealerweise einen aktuellen Bezug und einen zeitlosen Kern. Dann kann man sie auch Jahrhunderte später immer noch mit Gewinn lesen.

  25. Die Frage des „Gehirndoping“ hat 2 wesentliche Komponenten. Die medizinische Sicht und die Realisierung unter den gegebenen Umständen.

    Vielleicht wäre es tatsächlich zweckmäßig, wenn Studenten ganz selten, z.B. bei wichtigen Prüfungen, auf ein leichtes Gehirndoping mit Medikamenten setzen und womöglich auch noch den Placeboeffekt nutzen um ihre „Gehirnleistung“ steigern.

    Das Problem aber ist das „Konkurrenzdenken“ in der Gesellschaft, weil genau deswegen ein unkontrollierter Drogenkonsum schnell entarten würde.

    Wie z.B. in Amerika, wo der Drogenkonsum aus purem Gewinnstreben immens angefeuert wird. Jeder ist für sich selber verantwortlich wenn er als Junkie existenzunfähig in der Gosse landet.

    Ich finde es zwar durchaus positiv, wenn aus Konkurrenzgründen die Verkaufsläden „übervoll“, die Qualität der Güter und die Preise „in Ordnung“ sind, aber beim Drogenproblem ist ein Chaos zu erwarten.

    Eine konsequente Legalisierung auch eher harmlosen Substanzen würde das Angebot stark steigern, aber an einer gleichzeitigen Suchtprävention und Aufklärungsarbeit sind die Anbieter die nur „Gewinn“ wollen, nicht interessiert. Im Gegenteil, sie werden dies möglichst verhindern wollen und sind nicht sehr zimperlich mit ihren Methoden um ihren Willen durchzusetzen.

    Die „Sucht“ ist meistens stärker als die Vernunft.

  26. @Elektroniker: gelegentliches Gehirndoping

    Für einen “gelegentlichen Konsum” habe ich auch noch mehr Verständnis, als wenn jemand solche Mittel tagtäglich nimmt. Das ist jetzt erst einmal nur eine Meinung, noch kein Argument. Ich könnte mir das am ehesten noch bei großen Staatsexamina (wie beim Medizin- oder Jurastudium) vorstellen.

    Mal inhaltlich gedacht soll man mit Prüfungen ja unter Beweis stellen, was man kann. Wenn man die Mittel so oft nimmt, dass man eher beweist, was man unter Einfluss der Substanzen kann, dann verzerrt das das Bild.

    Nimmt man nun noch die Annahme dazu, dass bei längerem Konsum die negativen Effekte stärker werden (u.a. weil man die Dosis steigern muss), dann kann man daraus durchaus ein Argument gegen Gehirndoping ableiten.

    (Noch abgesehen davon, dass man mit seinem Verhalten die anderen unter Druck setzt, ebenfalls solche Mittel zu verwenden.)

    P.S. Schön, dass Sie hier einmal wieder vorbeikommen.

  27. @Elektroniker: Leistungsgesellschaft, Europa vs. USA

    Wie z.B. in Amerika, wo der Drogenkonsum aus purem Gewinnstreben immens angefeuert wird. Jeder ist für sich selber verantwortlich wenn er als Junkie existenzunfähig in der Gosse landet.

    Wir stammen, glaube ich, aus unterschiedlichen Generationen; und ich sehe jetzt hier an der Uni schon wieder die nächste Generation.

    Also so große Unterschiede sehe ich zwischen dem Leistungszwang in den USA und Nordwesteuropa auch nicht mehr. Wir haben im Schnitt noch weniger Schulden (die natürlich Druck für den Schuldendienst bewirken) und etwas mehr Sozialleistungen.

    Man denke auch einmal an: Fördern und Fordern; oder dass der König bei seiner Thronbesteigung Abschied vom “Wohlfahrtsstaat” genommen hat.

    (Ich habe zurzeit übrigens immer mal wieder Zwölf- bis Dreizehnstundentage, gerade jetzt auch vor den Klausuren, u.a. um die gestiegenen Anforderungen und auch den Ausfall eines Kollegen mit Familie aufzufangen. Vor Kurzem hätte ich auch für eine Kollegin im Schwangerschaftsurlaub einspringen sollen, doch da musste ich echt mal passen. Vielleicht hätte ich auch gerne mal Familie? Na ja.)

  28. @ Stephan Schleim 16.01.2022, 15:10 Uhr

    Zitat: „Daher immer wieder meine Beteuerung: In der Philosophie geht es nicht darum, wer (also welche Person) Recht hat, sondern nur um das beste Argument.“

    Diese Aussage gefällt mir, weil Sie das Wort „Wahrheit“ vermieden haben.

    Ich vermute, dass es eigentlich gar keine „wirklich absolute Wahrheit“ gibt. Höchstens die Mathematiker haben sich (eigens) „Objekte“ der Mathematik/Logik geschaffen um die Existenz „einer Wahrheit“, zwar nur unter „eng eingeschränkten Umständen“, aber doch real, tatsächlich zu begründen.

    Religionen/Ideologien haben einfach „Wahrheiten“, so etwas wie „Tautologien“, geschaffen die „kaum falsch“ sein können. Allerdings hatte das Christentum z.B. „Pech mit der Weltscheibentheorie“, die man mit dem damaligen Wissen eigentlich kaum für „falsch“ hätte halten können.

    Andererseits waren Religionen mit ihrem „Leib – Seele Konzept“, der Wissenschaft mit ihrer „Hardware – Software Sicht“ weit voraus.

    Vermutlich haben Religionen die Wissenschaften „ausgelagert“ weil, sie sich das „Elend mit den Updates“ nicht antun konnten. Ihre „Schäfchen“ wären verrückt geworden, was heutzutage angesichts der Pandemie gut nachvollziehbar scheint……

  29. @Elektroniker: Wahrheit…

    …ist in der Tat etwas für eine idealisiert, abstrakte Welt; je mehr man sich den konkreten Dingen nähert, desto weniger absolute Wahrheiten wird man finden.

    In der Welt gibt es auch keine echten Kreise. Man kann aber trotzdem viel damit anfangen, wenn man so tut, als ob. Im praktischen Sinne ist das Wahrheit genug.

    P.S. Mit Religion & Wissenschaft haben wir uns ja vor einer Weile schon sehr ausführlich beschäftigt. Es wäre mal Zeit für ein Update; doch dafür fehlt mir gerade die Zeit.

  30. @ Stephan Schleim 17.01.2022, 14:13 Uhr

    Das mit den „Generationen“ stimmt.

    Auch lebe ich jetzt „auf einer Insel der Seligen“ (in Österreich und am Land), wie es ein Papst einmal formuliert hat.

    Wegen Ihrer überragenden Leistungskraft, ihrer scharfsinnigen Argumentation und dafür, neben den anspruchsvollen Job auch noch ein derartig großes und offenbar beliebtes Forum zu betreuen, bewundere ich Sie sehr.

  31. Elektroniker
    aus der TU Dresden : Wahrheit ist sprachübergreifend: Wenn der Wahrheitsbegriff nicht in allen Sprachen derselbe wäre, dann ließen sich die Sätze der verschiedenen Sprachen nicht ineinander übersetzen.

    Da gibt es nichts hineinzugeheimnissen, nichts wegzulassen, wenn man zu fett ist, ist man zu fett.
    Das ist die Wahrheit wenn man mit 1,60m 200 Kg schwer ist.

    Herr Schleim verdient ein Lob, weil er „heiße Eisen“ anpackt, er muss sich dabei aber auch Kritik von Seiten der Weiblichkeit gefallen lassen, weil er eine Wahrheit, die Benachteilung der Frauen opfert, um eine andere Wahrheit, die Benachteiligung einer Gruppe von Männern public zu machen.

  32. Ritalin und Modafinil werden scheinbar beide missbräuchlich als Wachhalter und Mittel zur Steigerung der Konzentration benutzt.

    Beispiel: Wer die ganze Nacht durchgemacht hat und am nächsten Tag studieren soll, der kann das eventuell, wenn er Ritalin einwirft.

    Eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit im Sinne einer Verbesserung der Denkkraft und Kreativität ist am ehesten noch mit Modafinil erreichbar, weniger mit Ritalin. Letztlich aber gibt es heute keine wirksamen Mittel, die etwa die Aufnahmefähigkeit, das Gedächtnis oder das logische Denken steigern. Wenn schon bewirken Ritalin und Modafinil, dass man wieder näher an die normale geistige Leistungsfähigkeit herankommt, wenn diese wegen Müdigkeit oder wer weiss was noch eingeschränkt ist.

    Ritalin und Modafinil passen also in ein Umfeld in dem alles per Druckknopf reguliert und ausgeglichen werden soll. Und einzelne Durchhänger lassen sich mit diesen Medikamenten wohl tatsächlich überwinden, ganz ähnlich wie das Kaffetrinken bis zu einem gewissen Grad tun kann.

    Regelmässiger Ritalin- und Modafinilkonsum passen am ehesten noch zu einem Lebensstil, der immer wieder zu extremer Ermüdung, Abgespanntheit und Leistungsschwäche führt. Ritalin und Modafinil können dann die konsumierende Person wieder näher an den Normalzustand heranführen. Allerdings wird das wohl immer schwieriger, wenn das immer häufiger nötig wird.

  33. @Holzherr: ja und nein

    Man kann mit unterschiedlichen Mitteln die Effekte von Ermüdung reduzieren (u.a. mit Schlaf).

    Für eine realistische Einschätzung der Effekte der genannten Substanzen aufs Denken verweise ich noch einmal auf die Schach-Studie, die hier beschrieben wurde: Gehirndoping: Um welche Mittel geht es eigentlich?

  34. Stephan Schleim schrieb (16.01.2022, 13:53 Uhr):
    > […] eine tolle Definition […]
    >
    »Menschlichkeit ist, dass man seinem Gegenüber, das man nicht ausstehen kann, die gleichen Rechte zubilligt, wie sich selbst.«

    Das ist fraglos menschlich; sogar nur allzu menschlich.
    Ob man sein Gegenüber ausstehen kann, oder nicht, definiert sich entsprechend insbesondere dadurch, in wie fern man auch dessen Wahrnehmung und Verwirklichung von zugebilligten Rechten nicht nur ggf. dulden würde, sondern zu fördern sucht, wie für sich selbst.

  35. @Wappler: Fördern

    Das klingt “auf dem Papier” sehr schön; so idealistisch. Und auf dieser Ebene stimme ich Ihnen auch zu.

    Im echten Leben haben wir es eben aber auch mit solchen Konstellationen zu tun, zum Beispiel:

    1) Menschen, die uns verletzen (psychisch und/oder körperlich) und sich überhaupt nicht für unsere Perspektive interessieren. Dann steht für uns erst einmal der Selbstschutz im Vordergrund.

    2) Menschen, die für sich selbst Freiheiten beanspruchen, die sie uns nicht gewähren. (Die etwa dem Gegenüber verbieten zu reagieren; gerade miterlebt.)

    3) Menschen, die prinzipiell Grundregeln der Menschlichkeit ablehnen. (Denken sie an Gerichtsurteile zum Umgang mit Rechtsextremen: Die freie Gesellschaftsordnung muss sich vor den Menschen schützen können, die selbst keine freie Gesellschaftsordnung wollen, jedenfalls nicht für alle Menschen.)

  36. Man staunt ja immer wieder wie die Medien ihre Regierungen so darstellen müssen oder sollen. “Die Regierung schreitet ein” , klingt schon mal sehr martialisch, sehr :Hoppla, jetzt kommen wir und räumen auf….Und mit einem Brandbrief kommen sie überall medial gut rüber da solcher Art von Aktionismus bei der Bevölkerung immer gut ankommt. Sehr gut macht sich auch “Wir fordern” oder “Das müssen wir ändern “, oder Hinweise auf irgendwelche Studien . Sehr gut dass man auch den Begriff “Gehirndooping” verwendet denn hiermit signalisiert man ein gewisses akutes Gefahrenpotential für alle denkenden und nicht mitdenkenden Gehirne die dann in Ängste verfallen können und sollen. Und wenn ein Staatsekretär schon “fürchtet” dann muss das für die Allgemeinheit schon WAHR sein denn Politiker fürchten sich ja sonst nur vor Putin oder einer Wahlniederlage .So gesehen sind nicht nur Drogen /Medikamente eine Art von Gehirndooping sondern auch manipulative Worthülsen bzw. mitleidende Medien die unsere Gehirne vor Fremddooping schützen wollen.
    Zu h Wied: “Wenn man zu fett ist ist man zu fett .Das ist die WAHRHEIT wenn man 1,60 m 200 kg….” Das ist wohl die Wahrheit der Deutschen die mit ihrem ewigen Missionarsdrang die Welt nach ihren Vorstellungen verbessern und mit ihren Fünfsterne- Kochkünsten veredeln wollen, denn min Polynesien sind Fette angesehen bzw. Zeichen von Wohlstand.

  37. Golzower,
    in Polynesien hat man ein anderes Schönheitsideal. Das Wort fett ist wahrscheinlich auch positiv gemeint. Das ist auch wahr.
    Als Ex-Lehrer habe ich auch den Missionsdrang, auch wahr.
    Und dass mittlerweile schon die Impfgegner vor den Krankenhäusern protestieren, so daß sich die Krankenschwestern zusammenrotten um eine Gegendemonstration machen, ist auch wahr.
    Und dass sich Sandy die Seele aus dem Leib schreit ist auch wahr.
    Um jetzt mal beim Thema zu bleiben. Leute, wenn ihr dopen müsst, dann läuft etwas falsch. Dann nehmt euch die Polynesier zum Vorbild, die dopen nicht, die müssen ihre Heimat verlassen, weil die dopenden Amerikaner und Briten und Chinesen in ihrem Produktionswahn das Klima verändern, das ist auch wahr. Ob die Chinesen dopen, das weiß ich nicht.

  38. @Schleim: fördern vs beherrschen

    Robert Sapolsky ist dieser Frage in ‘Gewalt und Mitgefühl’ nachgegangen.
    Eine Analyse zwischen Genen und Bewusstsein.
    Im Angesicht der zunehmenden Gewaltbereitschaft zur Durchsetzung seiner Ziele/Ansichten stellt sich mir die Frage, wie wir mit Identitätspolitik und Charakterbildung umgehen?
    Mir scheint,es gilt der momentanen Identitätsdebatte eine der Charakterbildung entgegen zu halten.

    In dem Sinne stelle ich mal die Frage wie Gehirndoping und Charakter,nicht Identität,zusammenhängen und damit Politik?

  39. @Schleim:Dysfunktionialiät
    In der Psychartie,somit Psychologie,auch Philosophie wird gerne die Dysfunktionalität herbeigezogen.
    Fragt sich,was die Funktionanialität ist.
    Liegt Sie konkret in der Komplementarität zwischen Mitgefühl und Gewalt?
    Ich halte Komplementarität=Dichotonomie=Antagonismen=Antonyme=Wechselwirkung für die Funktion.
    Was ist dann Dysfunktion und warum ‘brauche’ ich Hirndoping?

  40. @Schleim: Wechselwirkung

    Physikalismus und Philosophie der Funktion der Komplementarität ist ein Chance.
    Der Zeitpfeil manchmal eine Hure… 🙂 …

  41. einer,
    die dopen nicht mit Ritalin.
    Vor rituellen Tänzen nehmen die sicherlich pflanzliche Stoffe zu sich um in die richtige Stimmung zu bringen.
    Ob man das dann als Doping bezeichnen soll, eher nicht, das Rauchen von Opium ist ja eher das Gegenteil von Doping, außer, man dopt das Schlafzentrum. Übrigens schläft ein Teil der Kaffeetrinker danach ein oder schläft besser. Dazu gehöre ich.
    (noch einer)

  42. @all: “Doping”…

    …ist ein vielseitiger Begriff. Einen Vorteil von “Gehirndoping” sehe ich darin, dass auch “Durchschnittsmenschen” schnell verstehen, worum es geht.

    Es kommt immer auch auf die Zwecke an. Opium (bzw. der Stoff Morphium) steht garantiert auf der Dopingliste, weil es ein starkes Schmerzmittel ist – und aus diesem Grund von Sportlern zur Leistungssteigerung verwendet werden kann, indem sie dann Schmerzen unterdrücken. Aus demselben Grund steht meines Wissens auch Cannabis (THC) auf der Liste.

    Und allgemein kann man sagen, dass nicht nur Aufputschmittel, sondern auch Beruhigungs- und dämpfende Mittel indirekt die Leistung steigern können, weil man dann schneller “erholt” ist, um wieder mehr zu leisten.

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