Neuroethik mal Holländisch

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Kürzlich war ich auf einer Neuroethik-Konferenz an der TU Delft in Holland – der ersten Neuroethik-Konferenz im Lande, wie es hieß. Aus den Vereinigten Staaten waren drei Experten eingeladen, darunter William Uttal, ein emeritierter Kognitionswissenschaftler, der in etwa die These vertrat, die bildgebende Neuroforschung sei vor allem eines: Blödsinn. Unter den schlappen sieben Büchern, die er in den letzten fünf Jahren geschrieben hat, befindet sich auch The New Phrenology, in dem er seine provokante These verteidigt. Wenigstens hat Uttal seine Meinung mit Humor vertreten und gab den anderen eine Extremposition, gegen die sie – meist einmütig – argumentieren konnten.

The Ethics of NeuroimagingDann war da noch Henry Greely, Professor an der Stanford Law School. In den letzten Jahren hat er sich hauptsächlich mit den legalen Implikationen der Biotechnologie beschäftigt, doch widmet er sich in jüngster Zeit immer öfter auch den Neurowissenschaften. Gerade ist im American Journal for Law and Medicine ein Artikel erschienen, in dem er zusammen mit Judy Illes, eine der „Mütter“ der neuen Neuroethik-Debatte und jetzt Professorin an der University of British Columbia, auf ganzen 55 Seiten den Stand der Forschung zur Lügendetektion mit dem Hirnscanner schildert und diskutiert. In Greelys Rundumschlag durch die rechtlichen Aspekte der Neuroforschung hatte so auch die Frage nach der Lügendetektion eine besondere Rolle eingenommen. Er fordert, es solle eine Regierungsinstitution geben, welche die Verwendung von Hirnscannern als Lügendetektor reguliere und festlege, ab wann diese Technologien marktreif seien.

Insgesamt waren sich die Sprecher auf der Tagung darüber einig, dass die Forschung in diesem Bereich noch nicht fortgeschritten genug ist. So haben auch die Kölner Juristin Karla Schneider und meine Wenigkeit in einem gemeinsamen Vortrag erst die verfassungsrechtlichen Implikationen eines solchen Lügendetektors diskutiert und anschließend neurophilosophisch gezeigt, dass die Forschungsdaten sehr vorläufig sind und auf naiven Annahmen beruhen. Beispielsweise sind die neurokognitiven Modelle der Lügen, die in den Experimenten verwendet würden, äußerst einfach: Jemand repräsentiert (automatisch) innerlich die Wahrheit, unterdrückt die wahre Antwort und antwortet stattdessen mit einer Lüge. Es ist aber davon auszugehen, dass man es in der wirklichen Welt mit viel komplexeren Formen der Täuschung zu tun hat.

Dies war übrigens der einzige Punkt, in dem William Uttal mit den anderen Vortragenden einer Meinung war: In seinem Vortrag hat er kurz gezeigt, wie inkonsistent die bisherigen Funde zum „lügenden Gehirn“ sind: Auf einer schematischen Sicht des Hirns hat er dafür die Aktivierungspunkte aller Studien eingezeichnet, die Täuschung mit dem Kernspintomographen untersucht haben. Das Ergebnis zeigte zahlreiche Punkte mehr oder weniger über das gesamte Gehirn verteilt. Von einem „Lügen-Zentrum“ kann man also nicht sprechen.

Insgesamt war die Stimmung in Holland recht kritisch. Beinahe schon zu kritisch – und das kommt, wohlgemerkt, aus dem Mund eines beinahe schon notorischen Kritikers. In de Volkskrant vom 29. September, einer niederländischen Tageszeitung, schließt ein Artikel über die Konferenz mit einem Zitat von Serge Rombout, dem Direktor des Institute for Brain in Cognition in Leiden. Dort heißt es, man könne in einem Gehirn zwar sehen, ob jemand denke aber nicht, was. Die Gedanken blieben bei einem selbst, wie fortgeschritten die Computer und Scanner auch sein würden. Dieser Meinung schloss sich auch Gert-Jan Lockhorst an, Philosoph und holländischer Vorreiter der Neuroethik an der TU Delft. Ich möchte hier mit einem Verweis auf den Titel eines James Bond-Filmes antworten: „Sag niemals nie!“

Ein paar Impressionen des Workshops finden sich hier: http://picasaweb.google.com/saskia.polder/TheEthicsOfNeuroimaging

Grafik: Rainer Scheichelbauer 

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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2 Kommentare

  1. Interessanter Bericht

    Sonst bekommt man ja kaum Berichte zu solchen Veranstaltungen zu lesen.

    Allerdings frage ich mich, was für ein Nutzen der Vortrag der Juristin hatte. Die Veranstaltung war international und der Vortrag bezog sich wohl auf das GG der Bundesrepublik Deutschland. Wird sind zwar Exportweltmeister, aber unser GG will sicher nicht jeder haben. 😉
    Konnten die anderen Teilnehmer etwas damit anfangen? Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und ihre Methoden sind allgemeingültig, aber das gilt ja für die Juristerei noch lange nicht.

  2. GG auch international interessant

    Lieber Herr Isegrim,

    danke für Ihre Rückmeldung; ich hatte durchaus den Eindruck, dass der Bericht von Frau Schneider für die anderen Teilnehmer von Interesse war. Vor allem der US-amerikanische Rechtsprofessor Henry Greely hat sich für die deutschen Urteile sehr interessiert. Davon abgesehen ist Holland ja nicht so weit von Deutschland entfernt. Darüber hinaus kann eine Reflektion über die Frage der Zulässigkeit wissenschaftlicher Verfahren oder der Menschenwürde doch auch unabhängig vom konkreten Recht von Interesse sein.

    Wir planen eine Zusammenfassung unseres Beitrags für Gehirn&Geist. Dann können Sie diese Frage vielleicht selbst beurteilen — so die Redaktion will.

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

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