Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig

Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?

Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien “zu komplex” und würden die Ergebnisse verzerren.

In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort “Komorbidität”, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.

Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.


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Nicht zu viel Variabilität

In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.

Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.

Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen nicht teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: “Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?” Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.

Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also “die Pille” nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.

Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.

Repräsentativität

Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT “dem Gehirn beim Denken zuzuschauen”, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.

Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.

Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die “WEIRD People” (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.

Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur “idealen Personen” verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass jede Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.

Neue Studie

Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar vorab online in der wichtigen Fachzeitschrift World Psychiatry.

Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.

Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den spezifischen Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.

Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.

Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report

Die schwersten Probleme

Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten mit den schwersten Depressionen aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.

Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.

Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens schon 2018 thematisiert.

Begriff der Antidepressiva

In den letzten Jahren wurde der Begriff “Antidepressiva” auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer “dramatischen Erweiterung” die Rede:

“Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.” (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)

Anders gesagt: Weil diese Mittel “Antidepressiva” heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von “Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern” zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.

Darüber, was sie mit der Psyche der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.

Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.

Mehr zum Thema

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In der Summe

Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,

Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und “Mental Health Awareness”, die Probleme verringern, ist naiv.

Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva? aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die “Antidepressiva” absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.

Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:

“Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.” (Hamina et al., 2026, S. 117 & 123)

Alternativen

Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur ein Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen “Antidepressiva” groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.

Das Thema “Abnehmen” wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:

Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.

Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.

Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.

Quelle


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14 Kommentare

  1. Die beste Lösung für die Zunahme von Depressionen, Übergewicht und viele andere gesundheitlichen Störungen besteht für mich in der Tat weder in einer besseren Medikation, noch in mehr Psychotherapie, sondern in einer Umorientierung, einer Lebensumstellung also. Oder auch in dem, was man als Heilung bezeichnet, womit gemeint ist, dass man eine Krankheit definitiv hinter sich lässt, ähnlich wie ein bei einem Skiunfall gebrochenes Bein irgendwann ausgeheilt ist und keine Probleme mehr macht.

    Zunehmendes Übergewicht mit Medikamenten behandeln beispielsweise bedeutet tatsächlich eine Verbesserung der Gesundheit, denn weniger Übergewicht bedeutet Entlastung für Herz, Kreislauf und Gelenke. Doch geheilt ist man deswegen nicht. Sobald man die Medikamente absetzt geht das Ganze wieder von vorne los, man nimmt wieder zu und muss schliesslich wieder GLP-1 Medikamente einnehmen, die einem den Appetit nehmen, nicht selten mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen, alles Symptome, die man nur akzeptiert, um wieder für ein halbes Jahr in Form zu kommen, worauf das ganze dann wieder von vorn losgeht.

    Ganz ähnlich ist es oft mit Behandlungen für depressive Symptome. Auch hier bringen Medikamente oder auch Gespräche vielleicht Linderung, aber im eigentlichen Sinn heilen sie nicht. Bei Depressionen kommt noch etwas hinzu, was es bei Übergewicht nicht gibt. Übergewicht lässt sich einfach bestimmen, ja messen, quasi objektivieren. Bei Depressionen ist das viel weniger der Fall. Man bekommt letztlich eine Diagnose verabreicht, verpasst und muss dann der Rest des Lebens damit leben und ist für immer ein Klient von Medizinern, Psychotherapeuten und Apothekern. Auch bei Depressionen wäre es also wünschenswert, definitiv geheilt zu werden, anstatt in einem labilen Zustand zu verharren der nur durch permanente Interventionen aufrecht erhalten werden kann und wo immer der Absturz in die nächste Depression droht.

    Kurzum: Lasst uns Heilungen finden anstatt lebenslange Therapien.

  2. @Holzherr: Heilung ist ein großes Wort

    Na, meine ich in Ihrem Kommentar einen großen Konsens zwischen unseren Sichtweisen zu erkennen, nachdem wir hier am Anfang öfter Dissense hatten?

    Aber Heilung ist ein großes Wort. Woran denken Sie beim Thema Depressionen?

  3. Mein Verdacht ist, dass Übergewicht, Diabetes und einige gesundheitliche und auch soziale Probleme in erster kulturell-gesellschaftliche Probleme sind. Das ist die einfachste und überzeugendste Erklärung etwa dafür, dass in den USA und in Europa noch um 1960 herum, Übergewicht selten war und dass etwa auf der Pazifikinsel Nauru mit vorwiegend einheimischer Bevölkerung fast alle Einwohner extrem übergewichtig geworden sind und viele jetzt an Diabetes leiden. Zitat Wikipedia: Pro Kopf hat Nauru mit die höchsten Anteile an Diabetes, Nierenversagen und Herzkrankheiten der Welt.
    Zudem wird nirgends mehr geraucht als auf Nauru.
    Begonnen haben die Gesundheitsproblene Naurus mit seinem enormen wirtschaftlichen Erfolg: Der Phosphatabbau spülte viele Millionen in die Staatskasse und Nauru wurde zu einem der reichsten Länder. Mit dem Reichtum kam aber auch eine andere Lebensweise mit Überkonsum, Rauchen, etc.
    Kurzum: Die Kultur bestimmt weitgehend wie, wann und was man isst, ob man raucht, trinkt und wie man mit psychischen Problemen umgeht. Denn Kultur ist nichts anderes als die Art wie man lebt und sich bewegt.

  4. @Holzherr: Ich hatte Sie spezifisch nach Ihrer Meinung zu Depressionen gefragt. Übergewicht ist ja relativ einfach.

    Auf meinen Indienreisen habe ich übrigens oft diese “Strichmännchen” gesehen, die es bei uns wohl zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg gab. Und dann rede ich noch nicht einmal von den Armen und Kranken, die auf der Straße leben.

    In der Mittelklasse wird man dann in etwa dick, wenn die eigenen Kinder erwachsen sind, das ist da im Alter von so um die 45-50 Jahren; dann kann man sich’s leisten. Die haben insgesamt zwar weniger Probleme mit Übergewicht – sterben dann aber im Mittel sicher zehn(?) Jahre früher wegen der Umwelt-, vor allem Luftverschmutzung und schlechteren Versorgung.

    Irgendwie geht’s uns unterm Strich doch gut, auch wenn wir als Gesellschaft immer kränker werden und viele psychische Probleme haben.

  5. @ Holzherr

    Wir reden hier seit Jahren über biopsychsozial.
    Verstehen Sie das auch als kulturel? Welchen Kulturbegriff haben Sie dann?
    Und wie müsste man dann Kulturen heilen?

  6. Ich habe gerade im 2024 publizierten Buch “Psychopharmaka reduzieren und absetzen” folgenden interessanten Abschnitt (S. 64) gelesen:

    “In ihrem Bestreben als vollwertiger Zweig der Medizin angesehen zu werden hat die Psychiatrie immer wieder behauptet, dass sie körperliche Störungen behandelt, die auf Vererbung, genetische Prädisposition, Funktionsstörungen des Gehirsn oder biochemische Ungleichgewichte im Gehirn zurückzuführen sind. Wie bereits erwähnt hat das britische Royal College of Psychiatrists die Behauptungen über das biochemische Gleichgewicht des Gehirns vor mehr als zwei Jahrzehnten fallen gelassen, obwohl psychiatrisch Tätige diese Theorie bei der Verschreibung der Antidepressiva gegenüber Betroffenen weiterhin als Begründung verwenden.”

    Es trifft wohl auf das ganze Problemfeld der Behandlung von Menschen mit Psychopharmakazu, wenn man es so formuliert: man schießt (im übertragenen Sinne) mit Kanonen nach Spatzen oder auch mit einer Schrotflinte auf ein winziges Insekt … bzw. auf ein unklares Ziel.
    Es ist meiner Meinung nach noch am ehesten die sedierende Wirkung die bei diesen Medikamenten auf die Symptome des Krankheitsbildes wirkt. Da wäre es einfacher und etwas sicherer (wegen der Nebenwirkungen) auf die Benzos zurückzugreifen, die nicht den Dopamin- und/oder Serotonin-Haushalt durcheinanderbringen können und die auch nur bei einer Minderheit zu Abhängigkeit führen, die man laut einem Hochschul-Prof. und Leiter einer Psychiatrie, mit dem ich mal sprach, relativ leicht auch bei Abhängigkeit wieder loswerden kann.

  7. @Richter: Psychopharmaka reduzieren und absetzen. Praxiskonzepte für Fachkräfte, Betroffene, Angehörige

    Aber hallo!

    “Lange haben Patientinnen und Patienten ärztlich verschriebene Psychopharmaka nur heimlich abgesetzt, ohne die Tücken des Entzugs zu kennen. Oder sie wurden von ihren Ärzten und Ärztinnen weggeschickt, wenn sie um Beistand baten. Doch psychiatrisch Tätige können sich Absetzwünschen nicht länger verschließen. Auch angesichts der oft fehlerhaften Herstellerinformationen müssen sie wissen, wie man beim Reduzieren und Absetzen risikoarm vorgeht.” (aus der Buchbeschreibung)

  8. @Stefan Schleim: ich verstehe nicht was Sie mit dem Zitat meinen.
    Wollten Sie wissen warum ich gerade dieses Buch lese, deshalb das Zitat?

    Klar, diesen Textabschnitt habe ich auch gelesen. Aber in meinem Zitat ging es erstmal um die organische Wirkung der Psychopharmaka entsprechend Ihrem obenstehenden Text und dann um meine Meinung zur Wirkung dieser Medikamente.

  9. @Richter: Peter Lehmann

    Ich war noch am Staunen – und noch nicht fertig mit dem Reagieren.

    Den Satz, den Sie zitiert haben, über die Rolle des Körpers (eher: Gehirns) für die Psychiatrie, findet man sinngemäß auch in meinem Buch über die Depressions-Epidemie.

    Ich denke, ich verstehe, was Sie mit dem Bild Schrotflinte/Insekt meinen; aber ich würde eher sagen, dass man mit der Schrotflinte auf einen Geist schießt. Man behandelt ja gar nicht “die Depression” im Gehirn, um ein Beispiel zu nennen, sondern bestimmte psychische Zustände, die häufig mit der Diagnose einhergehen.

    Also ich persönlich würde eher Benzodiazepine nehmen als SSRIs – ich habe übrigens beides im Haus, aber noch nie benutzt –, doch hörte auch von schwerer Abhängigkeit bei Ersteren. Viel hängt, vermute ich, auch von der Dosis und Dauer der Einnahme ab.

    Wie dem auch sei: Danke für den Hinweis auf Lehmann. Den könnte man einmal für ein Interview einladen.

  10. @Stefan Schleim: Okay, nun habe ich Sie verstanden und wie es aussieht habe ich als Laie eine ähnliche Sicht auf Psychopharmaka wie Sie.
    Das mit der möglichen Abhängigkeit bei den Benzos und wie man sie loswerden kann (worüber dieser von mir hier bewußt namentlich nicht Genannte – aber bekannte- Psychiater sprach) ist ja hier kein Thema.
    Ja, Lehmann scheint sehr viel zu Psychopharmaka zu wissen und im genannten Buch werden zudem viele Studien zitiert, wobei es auffällt, dass die Studienlage nach wie “dürftig” ist.

  11. Ich habe einen durchaus originellen Zugang zum Thema Depressionen.

    Einerseits aus meinem ehemaligen Beruf, der mit Informationsverarbeitung zu tun hatte, andererseits als „Küchenpsychologe“. Aus dieser Sicht beobachte ich mich durchaus sehr neugierig selber, aber auch gerne meine Umwelt.

    Mich als Techniker, hat es ehemals zufällig in eine 68er WG mit Psychologiestudenten verschlagen. In der Wohnküche wurde sehr viel diskutiert. Studenten aus ganz Europa wollten ein Praktikum, in einer „Anstalt mit berühmten Namen“ absolvieren.

    Von denen habe ich sehr viel gelernt, zumal mir die „Psychologendenke“ damals neu war.

    Meine anderen Quellen waren ein Psychologie Taschenlexikon und ein ganz berühmtes Buch über Kommunikationspsychologie: Eric Berne „Spiele der Erwachsenen“. Letzteres war sozusagen meine „Bibel“.

    Diese „Ausbildung“ hat mich sehr stark geprägt und ich bin mit meinen eigenen (und auch fremden psychischen „Problemchen“, besser „Spielchen“) bestens zurecht gekommen….

    „Problemchen“ gab es höchstens mit einer gleich gesinnten Psychologiestudentin, die aus dem Lehrerberuf kam und später tatsächlich zur Psychologin „umgesattelt“ hat. Wir haben einfach zu viel „psychologisiert“ über bestimmte „Spielchen“……

    Einem anderen Mädel ist aufgefallen, dass ich so gut mit ihren „Macken“ umgehen könne. Fuchsteufelswild wurde sie, als sie erfuhr, dass derartige „Problemlösungsstrategien“ letztlich aus der Psychiatrie stammen….

    In „psychologischen Angelegenheiten“ wusste ich mir bestens selbst zu Helfen. Einerseits habe ich autosuggestive Methoden (Jogis als Vorbild) gelernt, kann mir in meiner Phantasie bestens vorstellen und mich hineinsteigern, wie wunderbar eine Landschaft ist, wie „super“ ich drauf bin, z.B. Kopfschmerzen „verschwinden“ einfach, wenn man sich intensiv vorstellt, dass man sie sich einfach mit den Fingern aus dem Kopf „wischt“….

    Andererseits habe ich einen sehr „lockeren Umgang“ auch mit den eigenen Gedanken entwickelt, ähnlich wie die Profipsychologen. Man wundert sich sozusagen gelegentlich über eigene Gedanken und wie man sich die „aufgerissen“ haben könnte, analysiert alles ganz locker und „switcht“ einfach um.

    Ich kann nicht sagen, ob meine Erfahrungen mit Psychologie allgemein gültig sind, mir persönlich haben die Kenntnisse bestens geholfen, mich recht gut „durchs Leben zu schlagen“, ich könnte nicht glücklicher sein…..

  12. @Elektroniker: Hack your mind

    Interessant, wie Sie sich sozusagen Ihre Psyche selbst “gehackt” haben.

    Teils höre ich heraus, was man “kognitive Defusion” nennt: sich nicht zu sehr mit seinen Gedanken zu identifizieren; teils Autosuggestion.

    Diese Verfahren können einem schon Nutzen – sie stoßen aber auch an ihre Grenzen. Nicht alle Kopfschmerzen kann man einfach so “wegwischen”. Und man sollte es auch nicht immer, denn die können ja auch auf eine schwere Krankheit hinweisen.

    Oder wenn man eine wirklich schwere depressive Phase hat, dann kann man sich die Welt auch nicht einfach schöndenken. Aber vielleicht findet man doch noch eine Abzweigung, der man folgen kann, damit es einem wieder besser geht.

  13. @ Stephan Schleim 21.01.2026, 12:03 Uhr

    „Hack your mind“ das gefällt mir, sehr kreativ….

    Psychologen mussten ehemals hunderte Fallgeschichten studieren und lernen sie zu interpretieren. Kommen dann noch die vielen Fallgeschichten aus der Praxis dazu, so wundert mich nicht, dass sie sich von belastenden Gedanken distanzieren wollen. Gedanken sind mentale Ereignisse (Worte, Bilder) die kommen und gehen, keine absolute Wahrheiten…..

    Die Psychologen bewundere ich deswegen, weil mir z.B. aufgefallen ist, dass eine Frau die bei einem Unfall ihre ganze Familie verloren hat, durch eine Therapie wieder erstaunlich zuversichtlich geworden ist.

    Da könnte ich mir nichts „schöndenken“. Schöndenken habe ich auch gelernt, weil mir das andauernde, eigentlich unnötige „Schlechtdenken“ bei „Depressiven“ aufgefallen ist. Habe einfach versucht, „anders herum“ zu denken…..

    Statistisch gesehen hat man auch „Glück“ und „Freude“. Es ist einem etwas im Leben gut gelungen. Diese „Momente des Glücks“ kann man „genießen“, manche leben gerne dafür….. auch Tiere.

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