Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus?

Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)

Eine Nachbemerkung vorab, in Reaktion auf die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern: Der Unterschied zwischen anlasslosen Untersuchungen auf der einen Seite und medizinischer Diagnostik bei konkreten Problemen auf der anderen sollte stärker berücksichtigt werden. Der folgende Artikel bezieht sich auf die anlasslosen Untersuchungen. Niemand, der ein körperliches oder psychisches Problem zu haben glaubt, soll von der Inanspruchnahme professioneller Hilfe abgehalten werden. Eine neuere Studie in der angesehenen Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine zeigte erst kürzlich, dass durch die Ausdehnung von Untersuchungen bei jüngeren Personen immer mehr Tumore gefunden werden – inzwischen tatsächlich sogar mehr als doppelt so viele wie Anfang der 1990er. Die Sterblichkeit durch Tumore bleibt allerdings konstant. Vereinzelte Ausnahmen, zum Beispiel beim Darm- oder Gebärmutterhalskrebs, werden mit einem ungesünderen Lebenswandel in Zusammenhang gebracht.

Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.

Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der “harten Naturwissenschaft”. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.

Der im Untertitel genannte “Statistik-Papst” bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine “Unstatistik des Monats”, zum Beispiel bei der Übertreibung von Risiken des Alkoholkonsums oder von COVID-Impfungen.


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Beispiel Mammografie

Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.

Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch “Prävalenz”.)
  • Wenn eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)
  • Wenn eine Frau keinen Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)

Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wirklich Brustkrebs hat? (Auflösung unten)

  1. 90 Prozent
  2. 81 Prozent
  3. 9 Prozent
  4. 1 Prozent

Bedingte Wahrscheinlichkeiten

Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.

Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.

Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.

Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen “nur” 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.

Finanzielle Interessen

Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:

“Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.” (Gigerenzer, 2026, S. 367)

Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!

Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.

Fazit

Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.

Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf keine Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.

Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.

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Quellen:

  • Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, & A. Florack (Eds.), The Routledge handbook of communication and social cognition (pp. 367-387). Routledge.
  • Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., & Gigerenzer, G. (2005). How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities. Statistical Science, 223-230.

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38 Kommentare

  1. doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.

    Mein Verdacht ist, die Zeit, die für Vorsorgeuntersuchungen drauf geht, ist höher als die durchschnittliche Lebensverlängerung. Es stellt sich die Frage ob das für Vorsorgeuntersuchungen ausgegebene Geld nicht zweckmäßigerweise für die Behandlung von Kranken eingesetzt wird. Auch die Zeit, die Ärzte mit Vorsorgeuntersuchungen verbringen, fehlt bei der Behandlung von Kranken.

  2. Stephan Schleim (26. Jan. 2026):
    > […] Bedingte Wahrscheinlichkeiten […] Sensitivität [… vs. Spezifität …]
    > […] Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89

    … wobei 990 * 9 % vernünftig auf ganze Individuen gerundet wurde. Diese kleine Hürde ließe sich zwar umgehen, wenn z.B. insgesamt 10000 anstatt 1000 Getestete zugrundegelegt würden. Andererseits wäre dann eine pädagogische Gelegenheit verschwendet. …

    > = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis.

    Ganz recht.

    > Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.

    Mein Vorschlag einer sorgfältigeren Formulierung:
    “Doch nur bei 9 der 98 Fälle von positiven Test-Befunden ist damit tatsächlich die getestete Erkrankung verbunden/indiziert, bei den restlichen 89 jedoch nicht”.

    Es ist jedenfalls richtig, definitive Diagnosen von den Ergebnisse nicht unbedingt perfekt sensitiver und spezifischer Tests zu unterscheiden.

    p.s.
    Wer — wie ich — die Beurteilung “falsch” bzw. “stimmt nicht” etc. nur auf ausdrücklich genannte Aussagen anwenden möchte,
    könnte die Formulierungen “unspezifisch-positiv” (anstatt “falsch-positiv”) bzw. “unterempfindlich-negativ” (anstatt “falsch-negativ”) brauchbar finden.

  3. @Uwe: Medizin ist wichtig – aber es geht oft eben nicht nur um die Gesundheit, sondern auch ums Geld. Vielleicht wäre das ein guter Kompromiss?

    In Deutschland würde ich wahrscheinlich monatlich vier bis fünfmal so viel für die Krankenversicherung bezahlen müssen als hier in den Niederlanden. Für Neuankömmlinge ist das System oft ein Kulturschock. Aber wenn man es verstanden hat, hat es auch Vorteile.

    P.S. Ich wurde in meinen jungen Jahren, in Deutschland, auch von Arzt zu Arzt geschickt. Man hätte mir auch erklären, dass vieles “normal” ist. Aber dann hätte man an mir auch schlechter verdient.

  4. @Wappler: Das kann man als alternativen Wortgebrauch so stehenlassen.

    Begriffe wie “falsch-positiv, falsch-negativ” sind in der Wissenschaft ziemlich etabliert. Daher kommt das hier – und ich finde es immer noch passend.

  5. Die Aussagen hier sind sachlich gesehen korrekt was die Statistik betrifft, die Bemerkungen zu den finanziellen Interessen der Industrie und der Ärzte sind aber problematisch, weil es damit zu einem voreiligen Abschreiben des Sinns von Vorsorgeuntersuchungen kommt.

    Klar gibt es finanzielle Interessen von Pharmaunternehmen und auch von Ärzten, aber es gibt ja auch noch „offizielle“ Empfehlungen von Gremien, Fachgesellschaften und Gesundheitsbehörden und das nach umfangreichen Studien in denen auch wirtschaftliche Betrachtungen einfliessen, die nicht allein von den Interessen der Ärzte und Pharmafirmen bestimmt sind, sondern die vom Interesse der nationalen Gesundheitsbehörden und den Interessen des Staates mitgeformt werden, der am Schluss all das zahlen muss. Mit anderen Worten: Sie unterstellen dem System der Vorsorgeuntersuchungen, es sei vor allem von den Interessen der Pharmaindustrie und der Ärzte getrieben, während in Wirklichkeit auch Interessen derjenigen, die die Untersuchungen zahlen müssen, in die Empfehlungen eingehen. Und hier gilt wohl der Grundsatz: Die Krankenkassen und der Staat wollen nur Vorsorgeuntersuchungen empfehlen, deren Effekt und Vorteil in einem vernünftigem Verhältnis zu den Kosten steht.

    Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Punkt, der in ihren Ausführungen zu kurz kommt. Ein positiver Befund bei einer Mammographie führt nicht unmittelbar zu einer Diagnose mit anschliessender Behandlung, sondern er stösst erst den eigentlichen Diagnoseprozess an. Meist kommen als nächstes Ultraschall, MRT und Biopsie als weitere Untersuchungen und wenn dann die Diagnose feststeht, dann ist die Fehlerquote nur noch sehr gering.

  6. Martin Holzherr
    26.01.2026, 23:46 Uhr

    Die Aussagen hier sind sachlich gesehen korrekt was die Statistik betrifft, die Bemerkungen zu den finanziellen Interessen der Industrie und der Ärzte sind aber problematisch, weil es damit zu einem voreiligen Abschreiben des Sinns von Vorsorgeuntersuchungen kommt.

    Das sie den finanziellen Interessen der Industrie und der Ärzte dienen ist doch unstrittig oder? Sie können ja gar nicht anders. Wird ja Geld damit verdient weil wir uns so organisiert haben, oder?
    Ich stelle mal die Frage: Was wäre denn der Sinn von Vorsorgeuntersuchungen? Ich würde sagen, das sie die durchschnittliche Überlebenszeit verlängern. Tun sie das?

    Klar gibt es finanzielle Interessen von Pharmaunternehmen und auch von Ärzten, aber es gibt ja auch noch „offizielle“ Empfehlungen von Gremien, Fachgesellschaften und Gesundheitsbehörden und das nach umfangreichen Studien in denen auch wirtschaftliche Betrachtungen einfliessen, die nicht allein von den Interessen der Ärzte und Pharmafirmen bestimmt sind, sondern die vom Interesse der nationalen Gesundheitsbehörden und den Interessen des Staates mitgeformt werden, der am Schluss all das zahlen muss.

    Was wären denn die Interessen des Staates? Wenn man ihn denn als Subjekt mit Interessen sehen will? Denn er zahlt ja nicht, das mache unter anderem ich …
    Aus meiner subjektiven Sicht kann ich Dir sagen das er sich bei meiner Alkohol Reha fast ein Jahr lang abgestrampelt hat um die nicht bezahlen zu müssen.
    Was mich fast umgebracht hätte.
    Da darf ich ein bischen Zweifel an der Motivation haben wenn es um die Mammographie oder Prostatakrebs die hier genannt wurden geht, oder?

    Mit anderen Worten: Sie unterstellen dem System der Vorsorgeuntersuchungen, es sei vor allem von den Interessen der Pharmaindustrie und der Ärzte getrieben, während in Wirklichkeit auch Interessen derjenigen, die die Untersuchungen zahlen müssen, in die Empfehlungen eingehen.

    Es wird aber nicht sowas wie eine ausgewachsene Verschwörung unterstellt, da sind wir uns einig oder? Was wären denn jetzt konkret die Interessen derer die die Sache bezahlen? Und werden sie auch bedient?

    Und hier gilt wohl der Grundsatz: Die Krankenkassen und der Staat wollen nur Vorsorgeuntersuchungen empfehlen, deren Effekt und Vorteil in einem vernünftigem Verhältnis zu den Kosten steht.

    Das der Staat und die Krankenkassen das wollen setzen wir jetzt mal als gegeben. Ist das mit dem Effekt und den Kosten denn so? Vor allem mit dem Effekt?

    Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Punkt, der in ihren Ausführungen zu kurz kommt. Ein positiver Befund bei einer Mammographie führt nicht unmittelbar zu einer Diagnose mit anschliessender Behandlung, sondern er stösst erst den eigentlichen Diagnoseprozess an. Meist kommen als nächstes Ultraschall, MRT und Biopsie als weitere Untersuchungen und wenn dann die Diagnose feststeht, dann ist die Fehlerquote nur noch sehr gering.

    Wenn ich das jetzt mal böse formuliere: Die Vorsorgeuntersuchungen sind zwingend nötig um den Rest der Wertschöpfungskette am Laufen zu halten.

  7. Die Themen „Gesundheitskosten“, „Vorsorgemedizin“ , betreffen ein heikles ethisch/religiöses Thema. Es geht darum, tun wir absolut alles für das Überleben, (ohne Rücksicht auf die Kosten) oder es reicht ein nur „maximal“ (oder „optimal“) „ökonomisches Handeln“.

    Es ist die Frage, ob die Ärzte mit „einem Fuß im Knast stehen“, weil Staatsanwälte der Auffassung sein können, „wer das Leben um auch nur eine Sekunde verkürzt, ist ein Mörder“.

    Das ist einerseits ein Risiko für die „Medizinindustrie“, andererseits eine „Goldgrube“.

    Dieses grundsätzliche „Werteproblem“ betrifft nicht nur die Medizin, letztlich auch die Frage der Zuwanderung, oder ob fleißig für die WHO, oder fast die ganze Welt gespendet oder geforscht wird und die Bevölkerung im eigenen Land hat nichts davon…… aber eine Gruppe, die „unsere Werte“ höchst erfolgreich „ausnutzt“, macht Kasse.

    D. Trump ist aufgefallen, dass mit der „Werte- Und Ethikmasche“ Amerika finanziell in den Abgrund geführt wurde.

    Als kleiner Junge wurde mir das „Ethikproblem“ bei einem Krankenhausbesuch einer Verwandten mit meiner Mutter recht traumatisierend, bewusst. Ich hörte Geräusche und habe in einem Zimmer nachgesehen. Drinnen stand ein „Netzbett“, „eingesperrt“ war ein alter, extrem abgemagerter Mann, er hat gejammert und wollte mit seinem Kopf durch die etwas zu kleinen Maschen, entweder flüchten, oder sich aufhängen….

  8. @Holzherr: Kurzschluss

    Sie unterstellen dem System der Vorsorgeuntersuchungen, es sei vor allem von den Interessen der Pharmaindustrie und der Ärzte getrieben, während in Wirklichkeit auch Interessen derjenigen, die die Untersuchungen zahlen müssen, in die Empfehlungen eingehen.

    Ich wüsste nicht, wo ich das täte. In dieser Richtung gab es ein Zitat Gigerenzers, der darin eine Beobachtung teilt, nachdem er zwei Jahre mit Ärzten zusammengearbeitet hat. Wenn Sie es genauer wissen wollen, lesen Sie doch seinen Artikel.

    Es gibt natürlich Richtlinien für die Kostenübernahme der Krankenkassen. Die sind aber nicht in Stein gemeißelt und es gibt immer wieder auch neue Untersuchungen, die zu einer anderen Einschätzung des Nutzens kommen.

    Mein Artikel ist ein Plädoyer dafür, a) die mögliche psychosoziale Mehrbelastung durch zu viele Untersuchungen ebenso wie b) die großen finanziellen Interessen in diesem Bereich mitzuberücksichtigen. Wenn Sie daraus etwas anderes machen, kann ich das nicht ändern.

  9. @Schoppe: Vorsorgeuntersuchungen

    Was wäre denn der Sinn von Vorsorgeuntersuchungen? Ich würde sagen, das sie die durchschnittliche Überlebenszeit verlängern. Tun sie das?

    Das ist ein komplexes Thema, das ich hier nur angeschnitten habe. Es gibt da eine so interessante wie ernüchternde Abbildung in Gigerenzers Artikel (abrufbar hier), Abbildung 31.3, die ich nicht einfach so kopieren konnte.

    Aber auch das wird nicht das letzte Wort sein. Und neben dem nackten Überleben sollte man auch die Lebensqualität mitbedenken.

  10. @Realo: Vorsorge

    Du sprichst auch das Thema der (oft sehr teuren) lebensverlängernden Maßnahmen von unheilbar Kranken an. Da würde ich wieder auf den Gedanken zurückkommen, die Lebensqualität nicht aus den Augen zu verlieren.

    Hier im Artikel geht es ja eher noch um die Vermeidung dieses Zustands durch rechtzeitiges Eingreifen. Gibt es hier jemanden, der dem Folgenden nicht zustimmt (gerade @Holzherr):

    Mein Artikel ist ein Plädoyer dafür, a) die mögliche psychosoziale Mehrbelastung durch zu viele Untersuchungen ebenso wie b) die großen finanziellen Interessen in diesem Bereich mitzuberücksichtigen.

  11. “Vorsorge”untersuchung ist für mich ein Euphemismus, geht es hier ja um Früherkennung. Echte Vorsorge (also Prävention) ist in unserem westlichen Gesundheitssystem aber kaum vorgesehen (abgesehen von der Empfehlung, sich “gesund” zu ernähren, nicht zu rauchen, nicht zu trinken und Bewegung zu machen).

  12. @ Stephan Schleim 27.01.2026, 09:52 Uhr

    Zitat: „Du sprichst auch das Thema der (oft sehr teuren) lebensverlängernden Maßnahmen von unheilbar Kranken an. Da würde ich wieder auf den Gedanken zurückkommen, die Lebensqualität nicht aus den Augen zu verlieren.
    ……
    Mein Artikel ist ein Plädoyer dafür, a) die mögliche psychosoziale Mehrbelastung durch zu viele Untersuchungen ebenso wie b) die großen finanziellen Interessen in diesem Bereich mitzuberücksichtigen.“

    Beidem stimme ich „begeistert“ zu. Ich bin für „optimale Ökonomie“, auch im Gesundheitswesen.

    Wird das nicht berücksichtigt, kommt das “Elend”, spätestens wenn die „Eintreiber“ der Schulden vor der Türe stehen….

  13. @Cornelius: Guter Punkt. Auf dem Gesundheitsmarkt verdient man an Krankheit. An echter Prävention hat keiner der Marktakteure ein Interesse – mit Ausnahme der Patient*innen und der Krankenversicherungen. Im Gegenteil, echte Prävention ist sogar umsatzschädigend!

    Darüber sollte man einmal nachdenken.

  14. @Realo: Quantifikation

    Abgesehen von den schon genannten Marktmechanismen spielt herein, dass man das Lebensende perfekt messen kann, die Lebensqualität aber nicht. Daher spielt Letztere in den ökonomischen Gleichungen eine geringere Rolle.

  15. Krebsvorsorge führt nicht zu einem Anstieg der Lebenserwartung in der Bevölkerung

    Oslo – Eine Früherkennung auf Brust-, Darm-, Prostata- und auch Lungenkrebs rettet zweifellos vielen Patien­ten das Leben rettet und randomisierte Studien konnten einen Rückgang der krebsspezifischen Sterblichkeit dokumentieren. Dennoch konnten günstige Auswirkungen auf die Gesamtsterblichkeit aller Gescreenten bisher nicht zweifelsfrei belegt werden, wie eine Metaanalyse in JAMA Internal Medicine zeigt (2023; DOI: 10.1001/jamainternmed.2023.3798).

    Q.:ht*tps://www.aerzteblatt.de/news/krebsvorsorge-fuehrt-nicht-zu-einem-anstieg-der-lebenserwartung-in-der-bevoelkerung-5daed580-871c-4837-8a92-24bc630b834a
    Statt an Krebs zu sterben, stirbt man an etwas anderem.
    Das Essen von Knollenblätterpilzen reduziert übrigens auch die krebsspezifische Sterblichkeit.

    die Lebensqualität aber nicht. Daher spielt Letztere in den ökonomischen Gleichungen eine geringere Rolle.

    Mit der Verbesserung der Lebensqualität lassen sich prima dubiose Massnahmen und Mittelchen bewerben und verhökern.

  16. @Uwe: “Mit der Verbesserung der Lebensqualität lassen sich prima dubiose Massnahmen und Mittelchen bewerben und verhökern.”

    In dieser Frage würde ich den Betroffenen aber durchaus die Kompetenz zuschreiben, das für sich beurteilen und beantworten zu können.

    Tatsächlich begründet Psychiatrieprofessor und Pharmakologie-Experte David Healy so seinen Vorschlag, die sogenannten “Antidepressiva” rezeptfrei in Apotheken anzubieten: Wenn die Betroffenen sie frei nehmen und – seiner Erwartung nach – mehrheitlich nach wenigen Wochen wieder damit aufhören könnten, weil die Wirkung nicht überzeugt, sei das unterm Strich besser für alle.

  17. wg.: Vorsorge oder Früherkennung?
    Die Vorsorgeuntersuchungen haben ihren Namen bekommen, als in den etwa 60-Jahren des 20 Jahrhunderts die Kosten für den Pap-Test ( https://de.wikipedia.org/wiki/Pap-Test ) von den Krankenkassen übernommen wurden. Dabei wurde die Methode nach George Nicholas Papanicolaou eingesetzt, um Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses zu finden. Die dabei erkennbare schwere Dysplasie ist eine fakultative Krebsvorstufe und das Carcinoma in Situ eine obligate Krebsvorstufe. Hier handelt es sich um eine wirkliche Vorsorge. Bei den später hinzugefügten anderen Untersuchungen wurde der Name Vorsorge beibehalten, was nur noch zum Teil stimmt (zum Beispiel für die Suche nach Adenomen, die häufig Darmkrebsvorstufen sind.

  18. @Ludger: Danke für diese interessante historische und begriffliche Fußnote.

    Haben Sie eine Antwort auf die Frage, wo die Grenze zwischen sinnvoller Vorsorge und übertriebenem “Screening” verläuft?

  19. @Stephan Schleim,
    diese Grenze wird ständig vom G-BA ausgehandelt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands ( https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsamer_Bundesausschuss ). Manchmal ist der G-BA sehr langsam und brauchte z.B. für die Einführung des Gestationsdiabetes-Screenings Jahrzehnte. Manchmal gibt es gar nicht die nötigen Daten für den Nachweis einer Lebensverlängerung durch die Vorsorge-/Früherkennungsuntersuchung. Viele Krebsentstehungen brauchen länger als 10 Jahre und bis zum krebsbedingten Todesfall nochmal so lange. Dann kommen zwischendurch neue und effektive Medikamente auf den Markt und man beobachtet dadurch auch Lebensverlängerungen bei Leuten, die nie bei einer Vorsorge waren. Weiter braucht man für eine valide Aussage Statistiken mit ausreichender Power. Das ist beim Mammographiescreening schwierig, weil nicht ausreichend viele Frauen hingehen. Bei der Mammographie (und auch sonst) gibt es immer die Entscheidung zwischen Sensitivität und Spezifität. Gegeneinander aufgetragen ist das eine Hyperbel. Eine höhere Sensitivität führt zwingend zu einer schlechteren Spezifität. Ein Vergleich zwischen Programmen verschiedener Zentren/Länder wird dadurch schwierig.
    Ich bin seit 10 Jahren im Ruhestand und halte meine private Meinung für nicht weiterführend. Ich zitiere lieber:
    vom RKI (aus 2016)
    https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/3264/28oaKVmif0wDk.pdf?sequence=1&isAllowed=y#p212
    vom G-BA (aus 2025)
    https://www.g-ba.de/downloads/62-492-3860/oKFE-RL-2025-05-15-iK-2025-07-22.pdf
    Zusammengefasst:
    Die offiziellen Vorsorgeprogramme sind sinnvoll, die Teilnahme aber nicht zwingend.
    Bei den individuellen Vorsorgeprogrammen weiß man es nicht.

  20. @Ludger: Also Ruhestand oder nicht – ich finde Ihre Ausführungen sehr hilfreich!

    Über den Zusammenhang zwischen Sensitivität und Spezifizität muss ich noch einmal genauer nachdenken. Ich hatte mich damit nur einmal am Rande beim Thema “Lügendetektion” mit fMRI-Scannern beschäftigt.

  21. @Stephan Schleim
    Ich habe wegen Zusammenhanges zwischen Sensitivität und Spezifizität mal Chat-GPT gefragt. Ich hatte angenommen, dass es sich um eine hyperbolische Beziehung handet. Chat-GPT hat da widersprochen:

    Sensitivität und Spezifität sind unabhängige Eigenschaften eines Tests, die durch unterschiedliche Fehlerarten (falsch negative vs. falsch positive) bestimmt werden.
    Je nach Schwelle oder Kriterium kann man eine Tendenz beobachten: Wenn man die Schwelle so anpasst, dass mehr positives Ergebnis kommt, steigt oft die Sensitivität und sinkt die Spezifität – das zeigt eine gegensätzliche Tendenz, aber nicht eine feste mathematische Hyperbel zwischen ihnen.
    In der Praxis lassen sich Sensitivität und Spezifität zwar graphisch gegen die Schwelle plotten (Receiver Operating Characteristic, ROC-Kurve). Dort zeigt sich jedoch eine Kurve, deren Form durch die Verteilung der Messwerte des Krank-/Gesund-Gruppen beeinflusst ist, und nicht eine einfache hyperbolische Beziehung zwischen den beiden Größen selbst.

    Für eine beispielhafte ROC-Kurve hat Chat-GPT sogar ein Phython-Script geschickt, um eine solche Kurve auszuplotten. Allerdings habe ich es nicht zum Laufen gebracht (Fehlermeldung von IDLE). Außerdem übersteigen die Bedeutung und Anwendung von ROC-Kurven mein Wissen. Jedenfalls: es ist keine einfache reziproke Beziehung.

  22. @Ludger: Sensitivität vs. Spezifizität

    Danke für Ihren Input – und auch Ihre Offenheit, die eigenen Annahmen zu hinterfragen.

    Ja, das war genau meine logische Intuition, dass es mir nicht zwingend notwendig erschien, dass ein (annähernd perfektes) Testverfahren nicht sowohl sehr sensitiv als auch sehr spezifisch sein kann.

    Aber ich kann mir vorstellen, wenn man ein bestehendes System hat, z.B. zur “Erkennung von Terroristen” an einem Bahnhof, dass je weiter man die Maschen öffnet, um auch ja keinen Terroristen zu verpassen, man dadurch immer mehr Nicht-Terroristen ins Fangnetz bekommt. Aber dann ist es ja so, dass man nicht das System an sich verbessert, sondern nur die Filter adjustiert: Will man halt mehr falsch-negative oder falsch-positive Funde in Kauf nehmen?

  23. Es gibt Untersuchungsverfahren, die eine exzellente Sensitivität aber eine miese Spezifität haben. Das ist z.B. so beim Mamma-MRT. Deswegen wäre eine Brustkrebsvorsorge allein mit dem Mamma-MRT schädlich, weil es zu sehr vielen Gewebsproben bei gesunden Frauen führen würde. Die Diagnostik beruht auf relativ standardisierten Durchblutungsmessungen, die von Hormonen oder Entzündungen beeinflust werden können. .
    Bei der Mammographe schauen sich zwei Menschen unabhängig voneinander die Bilder an. Da spielt sicher das Temperament der Diagnostiker eine Rolle. Trotzdem ist die Sensitivität schlechter als beim MRT, die Spezifität aber viel besser.

  24. @Martin Holzherr

    Ein positiver Befund bei einer Mammographie führt nicht unmittelbar zu einer Diagnose mit anschliessender Behandlung, sondern er stösst erst den eigentlichen Diagnoseprozess an. Meist kommen als nächstes Ultraschall, MRT und Biopsie als weitere Untersuchungen und wenn dann die Diagnose feststeht, dann ist die Fehlerquote nur noch sehr gering.

    Die Zahl der Untersuchungen verringert nicht zwingend die Fehlerquote. Jede Untersuchungsmethode hat ihre eigene Sensitivität und Speziffität. Zwei Untersuchungsergebnisse können über eine Bayes-Analyse miteinander verknüpft werden. Dabei zeigt sich, dass, wenn man einen starken Test mit einem schwachen verifizieren, man hinterher weniger weiß, nicht mehr.

  25. Bei meiner Frau wurde beim Mammographie-Screening eine auffällige Stelle entdeckt, die sich dann mittels gleich durchgeführter Biopsie (muss unangenehm gewesen sein) als Krebs herausstellte.
    Der Tumor wurde bald darauf per OP entfernt und meine Frau musste/sollte bis heute ein Hormon-Medikament nehmen, das einen erneuten Tumor vermeiden soll.
    In diesem Fall hat die Vorsorge-Untersuchung tatsächlich geholfen.

  26. @Richter: Danke für Ihren Beitrag. Die 9,2% richtig-positiven Befunde in dem Beispiel sind ja nicht null.

    In so individuellen Fällen sollte man besser nicht philosophieren. Aber aus wissenschaftlicher Sicht gibt es hier ja keine Kopie Ihrer Frau, bei der der Tumor nicht entfernt wurde – zum Vergleich.

  27. Wolfgang Richter
    31.01.2026, 20:22 Uhr

    Das ist ja gerade das Vertrackte: Der individuelle Nutzen bei einer Früherkennungsuntersuchung ist ausgesprochen hoch wenn das Ergebnis richtig positiv ist.

    Ich habe das auch nicht so verstanden das es darum geht die Früherkennung abzustellen da sie ja offensichtlich eine sinnvolle Ergänzung zu einer eigentlichen Risikosenkung ist.
    Wenn ich mir ansehe das etwa ein Viertel der Brustkrebsfälle durch einen umfassend gesunden Lebensstil vermeidbar wäre (findet man zB beim CCC München TUM Klinikum München wenn ich das richtig verstanden habe. Ich muss mir Links sorgfältiger abspeichern ^^ ): Wäre es dann nicht sinnvoll bei beschränkten Ressourcen mehr Aufwand in Vorsorge und nicht in Früherkennung zu stecken?

  28. @Schoppe, Richter: gesund Leben

    Das ist ja das Paradoxe: Wir erlauben uns so viel Wissenschaft und Medizin, wovon sie in Entwicklungsländern nur träumen – und gleichzeitig einen Lebensstil, der uns krank macht.

    Der Schlüssel liegt meiner Meinung nach nicht in immer mehr Gesundheitsinformationen, die viele Leute auch überfordert. Die Lebensumstände müssen gesundes Verhalten nicht nur zulassen, sondern auch fördern (z.B. nicht zu viel Stress; gesunde Nahrung nicht nur als Ausnahme, sondern in der Regel; attraktive und gut erreichbare Angebote für ausreichend Bewegung).

    Aber wie es bei mir im Blog schon öfter hieß (zuletzt hier im Nachgang zu Depressionen): Die großen Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt verdienen weder an Gesundheit noch an Vorbeugung, sondern nur an – idealerweise – chronischer Krankheit. Und was haben wir immer mehr? Chronische Krankheit! Gesundheit ist gerade deren Albtraum.

  29. Die großen Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt verdienen weder an Gesundheit noch an Vorbeugung, sondern nur an – idealerweise – chronischer Krankheit. Und was haben wir immer mehr? Chronische Krankheit! Gesundheit ist gerade deren Albtraum.

    Dazu gibt es bestimmt reichlich anekdotische Einzelfallevidenz. Aber: wer lange Zeit gesund gelebt hat, wird seine teuren Behandlungen aufgrund chronischer Erkrankungen erst später im Leben brauchen. Eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz z.B. lässt sich nicht durch noch so viel Müsli verhindern. Und die Krankenkassenbeiträge könnte man drastisch senken, wenn man die Gesundheitskosten für die letzten 6 Lebensmonaten vermeiden könnte.

    Zurück zu Sensitivität und Spezifität: Bei der Mammographie hängt die Indikation zu einer Biopsie auch am Temperament der Untersucher. Wird man einen winzigen Herd mit gruppiertem Mikrokalk in 6 Monaten mammographisch kontrollieren oder die Patientin zur stereotaktischen Stanze schicken? Wie hoch ist das Risiko, den winzigen Herd dabei zu verfehlen? Da gibt es einen Ermessensspielraum.
    Zum Verständnis der Beziehung zwischen Spezifität und Sensitivität finde ich eine Messung mit Cut-off-level einfacher. Beispiel: Viele werdende Eltern wollen gerne wissen, ob ihr Kind ein Down-Syndrom hat. Heute werden dazu Tests des embryonalen Genoms angeboten, die aus dem peripheren mütterlichen Blut möglich sind. Davon rede ich jetzt nicht.
    Vor 20 Jahren hat man im Ultraschall nach Markern gesucht, man hat z.B. die Nackentransparenz gemessen ( https://de.wikipedia.org/wiki/Nackentransparenz#Messwerte) und auch bestimmte Blutwerte gemessen. Bei einer Dicke der Nackentransparenz von 3 mm oder mehr wurde zur Sicherung ja/nein eine invasive Untersuchung angeboten (Fruchtwasseruntersuchung / Chorionzottenbiopsie). Diese Untersuchungen waren mit einer gewissen Fehlgeburtengefahr belastet (zusätzlich ca. 0,5% zum natürlichen Fehlgeburtenrisiko in der entsprechenden Schwangerschaftswoche). Die Inzidenz für ein Down-Syndrom des Kindes steigt mit dem Alter der Mutter und mit der Dicke der Nackentransparenz. Wo legt man jetzt den Cut-off-Wert fest?
    Bei 3mm wird es einige Kinder mit Down >Syndrom geben, die nicht erkannt werden, weil sie nur eine Nackentransparenz von 2,8mm hatten. Bei 3,1mm wird es aber auch viele Frauen geben, die ein völlig gesundes Kind tragen, wegen der “auffälligen” Nackentransparenz eine invasive Untersuchung machen lassen und deswegen eine Fehlgeburt erleiden.
    Die Festlegung einer mm-Zahl ist die Entscheidung darüber, welche Sensitivität man haben will und welche damit fest verbundene Spezifität man damit in Kauf nimmt.
    Solche Schwellenwertprobleme ( https://de.wikipedia.org/wiki/Testtrennwert ) gibt es in der Medizin häufig (z.B. beim prostataspezifischen Antigen (abgekürzt PSA).
    Aus dem Dilemma heraus hilft nicht die Verfeinerung der bestehenden Methode ( zum Beispiel der Mammographie ) sondren nur eine Stufenuntersuchung Screening —-> Verifikation.

  30. @Ludger: Gesundheitskosten

    Aber die hohen Behandlungskosten am Lebensende dürfte es doch in jeder Gesellschaft geben, die sich das leistet. Den umwelt- und verhaltensbedingten Spielraum sehe ich vor allem in den mehr oder weniger gesunden Jahren davor.

    Würden Sie denn widersprechen, dass es einen finanziellen Anreiz gibt, immer mehr chronische Probleme immer früher zu behandeln? Ich konzentriere mich hier im Blog natürlich vor allem auf den Bereich der psychischen Gesundheit. Und da sehen wir seit vielen Jahren einen großen Anstieg der Diagnosen.

    Ich erinnere gerne an eine Sonderausgabe des British Medical Journal aus dem Jahr 2011, die ich als Beispiel für meinen universitären Unterricht verwendet habe: Diese Gesundheitsforscher*innen begründeten die Notwendigkeit einer neuen Definition von Gesundheit gerade mit dem Anstieg der Diagnosen chronischer Erkrankungen. Hintergedanke war, dass die sehr breite Gesundheitsdefinition der WHO impliziert, dass jemand dann nie mehr als “gesund” gelten könnte.

    Der Alternativvorschlag dieser Gruppe lief darauf hinaus, Gesundheit als Fähigkeit zur Anpassung zu verstehen.

  31. @Ludger: Screening

    Danke für die interessanten Beispiele. Die Aussage

    Aus dem Dilemma heraus hilft nicht die Verfeinerung der bestehenden Methode ( zum Beispiel der Mammographie ) sondren nur eine Stufenuntersuchung Screening —-> Verifikation.

    kann ich aber, wie beim Beispiel Sensitivität/Spezifizität, nur praktisch nachvollziehen: Gäbe es eine Möglichkeit, die Mammographie weiter zu optimieren, hätte man das wahrscheinlich schon gemacht. Dann bleibt ein stufenweises Vorgehen als sinnvolle Alternative bzw. Ergänzung.

  32. @Stephan Schleim
    Die Formulierung:”die großen Anbieter verdienen…” kam mir wie eine negative Kritik vor. Deswegen habe ich hierzu oben einige Sätze geschrieben. Mein Hinweis auf die Kosten am Lebensende sollten nur Ihre Behauptung mit dem Verdienst an den chronischen Krankheiten relativieren. Und klar: je besser die Vorsorge um so älter werden die Leute und um so mehr chronische Krankheiten bekommen sie, deren Betreuung bezahlt werden muss. Ich habe allerdings praktisch nur Erfahrung mit somatischen Erkrankungen. Bei Erkrankungen der Psyche mag das anders sein.

    Zur Mammographie: natürlich wird die ständig verbessert. Der Brennpunkt der Roentgenstrahlenerzeugung wird immer kleiner und damit das Schattenbild immer schärfer. Das Bild wird nicht mehr auf Film in Form von Silberkörnchen gespeichert sondern von einem elektronischen Chip als digitaler Datensatz. Die Bilder werden mit KI auf kleinste Herde von Mikrokalk untersucht und der befundende Arzt kann auf riesige Vergrößerungen gehen. Das ändert aber nichts am Grunddilemma: veranlasse ich zur Sicherheit eine Biopsie oder kontrolliere ich in 1/2 Jahr.
    Anders war das bei den beschriebenen Verfahren der genetischen Untersuchung des Embryo aus Resten zerfallener Lymphozyten, die durch die Plazenta hindurch einen Besuch bei der Mutter gemacht haben. Dabei ist die Spezifität fast 100%. Das war ein Paradigmenwechsel.

  33. @Ludger: Chronisch

    Das wird oft gesagt, ja: höheres Alter = mehr chronische Erkrankungen. Das ist ja auch nicht falsch.

    Ich kann dazu sagen: Die “Epidemie” psychischer Störungen ist vor allem eine der arbeitenden Bevölkerung. Zuletzt ging es hier um das Beispiel ADHS. Seit der COVID-Pandemie war der Anstieg bei den erwachsenen Frauen so stark, dass der übliche Geschlechtsunterschied (ca. 3:1 m:w) hier völlig verschwunden ist, obwohl sich die Diagnose bei den erwachsenen Männern auch verdreifachten!

    Zu Ihrem Punkt: Die Lebenserwartung in Deutschland stieg seit den 1990ern um ca. 5 Prozent. Im selben Zeitraum verdreifachten (also +200 Prozent) sich die Gesundheitsausgaben pro Kopf, von rund 2000 auf 6000 Euro!

    Um das für die somatischen Erkrankungen besser nachvollziehen, kann ich Sie, bei Interesse, nur zu eigenen Recherchen anregen.

  34. Beispiel ADHS. Seit der COVID-Pandemie war der Anstieg bei den erwachsenen Frauen so stark, dass der übliche Geschlechtsunterschied (ca. 3:1 m:w) hier völlig verschwunden ist, obwohl sich die Diagnose bei den erwachsenen Männern auch verdreifachten!

    Da machen wohl viel mehr niedergelassene Kollegen als früher eine zielgerichtete Diagnostik !? Auch bei der klinischen Untersuchung (bedeutet: man benutzt seine 5 Sinne und einfaches Instrumentarium wie z.B. ein Stethoskop) gibt es natürlich auch die Sensitivität, die Spezifität und den Positiven Vorhersagewert PPV. Gibt es dazu Daten?

  35. @Ludger: “… eine zielgerichtete Diagnostik !?”

    Die ADHS-Diagnose in der heutigen Form (bzw. so ähnlich) gibt es seit 1980 (DSM-III). Schon länger kennt man die hyperkinetische Störung. Früher nannte man das Minimal Brain Damage bzw. Minimal Brain Dysfunction (MBD).

    Es gab damals neurologische Hypothesen zu den Ursachen, z.B. einem Sauerstoffmangel des Babys bei der Geburt. Die ließen sich alle nicht bestätigen. Noch heute gilt ADHS als neuronale Entwicklungsstörung, also spezifische Problematik der Kindheit und Jugend. Einen Gehirn-Scan oder anderen biologischen Test gibt es auch nach bald 100 Jahren nicht.

    Da machen wohl viel mehr niedergelassene Kollegen als früher eine zielgerichtete Diagnostik !?

    Also wer glauben will, dass ausgerechnet in der COVID-Pandemie, als die Ärztinnen und Ärzte sicher ganz andere Sorgen hatten, die ADHS-Diagnostik grundlegend verbessert wurde (wie denn?) und dann endlich all die Fälle richtig diagnostiziert wurden, die vorher jahrzehntelang von allen übersehen wurden – da fehlen mir die Worte.

    Auch bei der klinischen Untersuchung (bedeutet: man benutzt seine 5 Sinne und einfaches Instrumentarium wie z.B. ein Stethoskop) gibt es natürlich auch die Sensitivität, die Spezifität und den Positiven Vorhersagewert PPV. Gibt es dazu Daten?

    Kann ich mir vorstellen. Das ist aber jetzt zu weit weg von meiner Expertise.

  36. Da machen wohl viel mehr niedergelassene Kollegen als früher eine zielgerichtete Diagnostik !?

    Das war von mir weniger eine Hypothese sondern eher ein diffuses, aus anekdotischen Evidenzen entstandendes und fälschlicherweise von mir extrapoliertes Gefühl.
    Als ich mit dem geburtshilflichen Farbdoppler anfing, gab mir ein befreundeter Kinderarzt den Rat, ich solle aufpassen, dass ich mit der Methode aufgrund einer Anfangseuphorie nicht am laufenden Meter Überdiagnosen produziere.
    Halten Sie denn den Inzidenzanstieg für real und durch die COVID-Pandemie ausgelöst?

  37. @Ludger: “Halten Sie denn den Inzidenzanstieg für real und durch die COVID-Pandemie ausgelöst?”

    Ich denke, dass es a) tatsächliche Aufmerksamkeitsstörungen gibt und auch immer schon gab (aber sie sich in einer weniger “digitalisierten” Gesellschaft weniger äußerten) und b) mehr Menschen mit psychischen Schwierigkeiten gibt.

    Wir hatten schon in den frühen 2000ern viel Aufmerksamkeit für Depressionen, Burn-out und dann auch Autismus. Letzteres habe ich damals in meinem direkten Bekanntenkreis mitbekommen.

    Was man als Laie vielleicht nicht erwarten würde: Die Überlappung der Störungsbilder mit den ADHS-Symptomen ist groß. Bei depressiven Störungen geht es ja z.B. auch um ein Konzentrationsdefizit, das zusammen mit einer schlechten Stimmung und Motivationsproblemen auftreten kann. Dann hat man schon drei Depressions-Symptome, einschließlich der beiden Hauptsymptome.

    ADHS wird sicher von vielen als weniger schlimme Diagnose gesehen als Depressionen. Umgekehrt wurden die heute häufig verschriebenen Stimulanzien früher als echte Antidepressiva gesehen, weil sie die Stimmung und Motivation verbessern können. Und bei Depressionen verschreibt man oft Noradrenalin-Verstärker, während auch die Stimulanzien neben Dopamin auch Noradrenalin beeinflussen.

    In diesem Sinne: Auf der klinischen Seite gibt es viele Überlappungen, sowohl bei den Diagnosen als auch der Pharmakologie. Die Pandemie hat viele gestresst und erschöpft, was wiederum typische ADHS- und Depressions-Symptome verstärken kann. Dass der Anstieg sehr viel stärker bei Frauen und jüngeren Erwachsenen sichtbar ist, darf man auch nicht vergessen.

    Noch eine Paradoxie: Die Psychiatrie will ja seit über 200 Jahren eine echte naturwissenschaftliche Medizin sein und daher zuverlässige diagnostische Biomarker finden. Das ist bisher für keines der Störungsbilder gelungen. Gerade die Abwesenheit solcher Biomarker erlaubt es ja, die Störungen immer wieder neu zu definieren, zu deuten und nach subjektiver Einschätzung zu diagnostizieren – zufällig vor allem dann, wenn sie stark in den Medien und sozialen Medien behandelt werden?

    Diese 200-jährige Geschichte habe ich übrigens in meinem neuen Buch über Depressionen gerade noch einmal pointiert zusammengefasst.

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