Lassen sich Willenstäuschungen erzeugen? – Kritik an „Die Neurogesellschaft“ (Teil 1)

Kuno Kirschfeld, früherer Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen Im ersten Teil seiner Replik diskutiert der Neurowissenschaftler Kuno Kirschfeld ein Experiment, in dem das Gehirn eines Patienten elektrisch stimuliert wurde. Lässt es sich so deuten, dass die Reizung eine Willensempfindung hervorrief?

In seinem Buch Die Neurogesellschaft kritisiert Stephan Schleim Aussagen von mir als fehlerhaft. Im ersten Teil meiner Stellungnahme werde ich meine Auffassung begründen. Im zweiten Teil geht es dann um die grundsätzliche Frage, welche Rolle unser Gehirn spielt, z.B. wenn wir moralische Entscheidungen treffen. Dieser Teil Zwei ist auch ohne den ersten verständlich; der Leser, der sich nicht mit den Details von Teil Eins belasten will, kann also mit dem zweiten beginnen.

Teil Eins: Die Interpretation der Experimente von José Delgado

Stephan Schleim schreibt (S.6):

Ein ähnlicher Fehler passiert Kuno Kirschfeld,…

Aber was ist mein angeblicher Fehler? Schleim schreibt, Kirschfeld

verweist auf einen Patienten von José Delgado … Der Patient, dem mit einer Elektrode die innere Kapsel … angeregt wurde, bewegte darauf Kopf und Körper. Kirschfeld erklärt nun, fragte man den Patienten nach dem Grund seiner Bewegung, „so antwortete er nicht nur, er habe dies so gewollt“ …

und dies, so Schleim, wäre nicht korrekt. Schauen wir uns den Originaltext von Delgado an, auf dem meine Behauptung beruht:

In one of our patients, electrical stimulation of the rostral part of the internal capsule produced head turning and slow displacement of the body to either side with a well- oriented and apparently normal sequence, as if the patient were looking for something. This stimulation was repeated six times on two different days with comparable results. The interesting fact was that the patient considered the evoked activity spontaneous …

“…the patient considered the evoked activity spontaneous” habe ich übersetzt als: er (nämlich der Patient) habe dies (sich zu bewegen) so gewollt.

Wo liegt hier ein Fehler vor? Später schreibt Schleim:

Damit ist auch die Schlussfolgerung Kirschfelds, … „es gäbe ein Gehirnareal, dessen Aktivierung einer Versuchsperson die Vorstellung vermittelt, sie hätte etwas gewollt, während es in Wirklichkeit jeweils der Experimentator war“, hinfällig.

Aber auch hier ist meine Behauptung doch korrekt: schreibt doch Delgado, dass bei sechsmaliger Wiederholung an zwei verschiedenen Tagen, genau dies jeweils passierte.

Allerdings schreibt Schleim außerdem:

Delgado selbst räumt jedoch ein, das Versuchsergebnis nicht eindeutig interpretieren zu können.

Um erkennen zu können, was Delgado damit meint, müssen wir auch hier den Originaltext ansehen. Ich wiederhole den letzten, oben zitierten Satz und verlängere das Zitat:

The interesting fact was that the patient considered the evoked activity spontaneous and always offered a reasonable explanation for it. When asked “What are you doing?” the answers where, “I am looking for my slippers,” “I heard a noise,” “ I am restless,” and “I was looking under the bed.” In this case it was difficult to ascertain whether the stimulation had evoked a movement which the patient tried to justify, or if an hallucination had been elicited which subsequently induced the patient to move and to explore the surroundings.

Ich denke aus diesem Wortlaut wird klar: Delgado hat nicht in Frage gestellt, dass durch die Reizung dem Patienten die Vorstellung vermittelt wurde, er (der Patient) habe sich bewegen wollen, Delgado war sich nur nicht sicher, ob der Reiz womöglich direkt zur Bewegung führte, und der Patient für diese Bewegung eine Erklärung suchte, indem er sagte, er suche nach den Schuhen usw. Was Delgado auch für möglich hielt war, dass die Reizung zu einer Halluzination geführt hat, die den Patienten dazu brachte, sich zu bewegen. Was doch aber klar ist, weil der Patient es sechsmal an zwei Tagen wiederholte: der Patient empfand sich auf jeden Fall als Autor der Bewegung, d.h. er, der Patient, wollte sie ausführen, obwohl es jeweils der Experimentator war, der das "Wollen“ durch Knopfdruck ausgelöst hatte.

Schleim interpretiert Delgados Text (S. 6) so:

Das heißt, die Versuchspersonen haben die Bewegungen gerade nicht als gewollt erlebt.

Möglicherweise übersetzt Schleim den Ausdruck "spontaneous" mit „von sich aus“, d.h. ohne Mitwirkung des Patienten. Es kommt also darauf an, was "spontaneous" bedeutet. Ein Wörterbuch hilft da nicht weiter, man muss nachschauen, wie "native english speakers" den Ausdruck spontaneous verwenden.

Daniel M. Wegner (The Illusion of Conscious Will, MIT press 2002, S. 46) interpretiert den oben zitierten Abschnitt "The interesting fact…" wie folgt:

This observation suggests, at first glance, that there is indeed a part of the brain that yields conscious willed action when it is electrically stimulated …

d.h. Wegner übersetzt "spontaneous" mit "conscious willed action". Und allgemein wird in der Literatur "spontaneous" in Zusammenhang mit "decision" verwendet. So z.B. bei Björn Brembs (Towards a scientific concept of free will… Proc. Roy. Soc. B, Jan 19, S. 5):

…, the tethered flies still made spontaneous decisions to turn one way or another.

Diese Bedeutungen entsprechen auch meiner Interpretation. Ich muss aber zugeben, Delgado hat sich missverständlich ausgedrückt, und sowohl Schleim als auch ich hatten so die Möglichkeit, ihn so zu interpretieren, wie es am besten zu unseren eigenen Vorstellungen passt, eine interessante Selbsterkenntnis!

Grundsätzlich sollte man den oben besprochenen Bericht Delgados nicht zu hoch bewerten, schließlich handelt es sich nicht um eine Originalarbeit, die in einer hochrangigen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Trotzdem ergibt sich die Frage, warum Stephan Schleim so viel daran liegt, die Möglichkeit auszuschließen, dass durch Hirnreizung eine Willensempfindung ausgelöst werden kann. Ich denke es liegt daran, dass die Tatsache, falls sie zuträfe, ein Beleg für den Primat des Gehirns im Vergleich zum Willen wäre, was Schleims Vorstellung widerspricht. Für den Primat des Gehirns gibt es sehr viel gewichtigere Gründe als die Versuche Delgados. Hiervon handelt der zweite Teil meines Kommentars.

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Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

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