Kritik der Neurowissenschaft

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

Blick auf MontréalDie Macht der Bilder; Hirnforschung als Leitwissenschaft; Reduktion des Menschen auf sein Gehirn; „Neurosexismus“ und die „Neurorevolution“ – am Institut für Transkulurelle Psychiatrie der McGill Universität in Montréal fand gerade ein internationaler Workshop statt, auf dem die politischen, kulturellen und medialen Aspekte der Neurowissenschaft besprochen wurden.

Die Gastgeber, Suparna Choudhury aus Montréal und Jan Slaby von der Universität Osnabrück, wiesen in ihrem Eröffnungsbeitrag auf eine Reihe problematischer Entwicklungen mit dem Fortschritt der Hirnforschung hin. Es gebe ein objektivistisches Missverständnis der „zweiten Natur“, den Produkten der Menschheit, als etwas von Natur Gegebenes, Unveränderliches. Dabei würde vergessen, dass die im Labor untersuchten Phänomene sozialen und ethnographischen Bedingungen unterliegen, nicht zuletzt deshalb, weil die Forscher bestimmte Hintergrundüberzeugungen hätten. Der objektivistische Irrtum könne gar bestimmten ideologischen Interessen dienen, welche den Blick auf die Welt verzerrten. Choudhury wies insbesondere mit Blick auf die Versuche, kriminelle Veranlagungen im Gehirn zu entdecken, auf das Risiko hin, die Rolle der Kultur in der Psychiatrie und sozialen Neurowissenschaft zu vergessen. Wahrnehmung und Gefühle seien nämlich durch die Kultur geprägt.

Cornelius Borck: HirnströmeCornelius Borck, Professor für Geschichte der Medizin und Wissenschaft aus Lübeck, untersuchte die „Neurorevolution“ aus der historischen Perspektive. Die Versprechen der Hirnforscher würden sich seit nunmehr 200 Jahren stets wiederholen: Wissenschaftler aus diesem Bereich hätten schon zuvor behauptet, der große Durchbruch zum Verständnis des menschlichen Geistes, des Bewusstseins und der geistigen Erkrankungen stehe kurz bevor. Dabei würden die „neuen Erkenntnisse“ oft nur bereits Gewusstes reproduzieren, wenn man beispielsweise an die – nun neurowissenschaftlich gestützte – Empfehlung denke, Kinder sollten möglichst früh mit dem Lernen von Fremdsprachen beginnen. Auffällig sei auch die Sprache der Hirnforscher: Die funktionelle Magnetresonanztomographie untersuche beispielsweise physiologische Prozesse; viele Studien, welche diese Methode verwendeten, würden ihre Ergebnisse jedoch nicht in physiologischen, sondern aus der Alltagswelt entstammenden Begriffen erklären.

Die neuen Bücher über das „Gehirn der Teenager“ wurden geschrieben, um den Eltern die Verantwortung zu nehmen: Nicht weil sie schlechte Eltern sind, verhalten sich ihre Kinder so komisch, sondern wegen der mangelnden Reife der „Teenager-Gehirne“. (Laurence Kirmayer, 16. Juli 2008)

Laurence KirmeyerLaurence Kirmayer, Professor für Transkulturelle Psychiatrie an der McGill Universität, machte die Verlockung der bildgebenden Hirnforschung für viele Psychiater deutlich: Sie böte die Chance, sonst verborgene psychiatrische Erkrankungen sichtbar zu machen und sie so mit technologischen Verfahren und Mitteln der Erkenntnis zu verknüpfen. Entsprechend der Logik, „Sehen bedeutet Glauben“, könnten die neuen Verfahren die Realität dieser Erkrankungen legitimieren. Kirmayer relativiert diese Hoffnung jedoch insofern, als eine bloße Bestätigung der bereits durch Verhaltensuntersuchungen bekannten Unterschiede wenig neues über die Erkrankungen biete. Die derzeitigen Entwicklungen seien insbesondere mit Blick auf das Entstehen des neuen Diagnosemanuals für psychiatrische Erkrankungen relevant: Das so genannte Diagnostic and Statistics Manual (DSM) des nationalen Psychiatrieverbandes der Vereinigten Staaten würde für 2012 erwartet. Neben den Hoffnungen für neurowissenschaftliche Erklärungen hege man ähnliche für die Genetik. Das DSM, das zwar nur für die Vereinigten Staaten ein offizielles Diagnosewerk sei, würde jedoch faktisch in der ganzen Welt angewandt. Auf kulturelle Unterschiede würde darin aber nur in Ansätzen eingegangen.

Selbst in den Naturwissenschaften sind Reduktionen äußerst selten. Wer könnte beispielsweise behaupten, die Festkörperphysik lasse sich auf die Teilchenphysik reduzieren? (Ian Gold, 16. Juli 2008)

Ian GoldDer Neurophilosoph Ian Gold berichtete per Videokonferenz aus Canberra, Australien, über den Begriff der Reduktion und die Reduktion psychiatrischer Erkrankungen auf vermeintlich fundamentalere genetische oder neurobiologische Prozesse. Selbst in der Physik, die oft als Paradebeispiel für die Naturwissenschaften herhalten müsse, seien Reduktionen sehr selten. Das klassische Verständnis der Reduktion nach Ernest Nagel setze voraus, dass die Begriffe einer Theorie über so genannte Brückengesetze durch die Begriffe einer anderen Theorie ersetzt werden könnten. Selbst wenn es so etwas wie psychologische oder psychiatrische Gesetze gebe, sei bei weitem noch nicht abzusehen, wie Gesetze aus der Genetik oder Neurobiologie ihre begriffliche Rolle übernehmen könnten. Gold betonte dabei jedoch die großen Erfolge der Hirnforschung; allerdings tendierten manche dazu, die Fortschritte im Mikrokosmos, wenn es um einzelne Zellen und ihre Funktionsweise gehe, im Hinblick auf den Makrokosmos – das menschliche Verhalten – zu interpretieren. Bis dahin müssten aber noch viele Brücken gebaut werden.

Schließlich nahm Cordelia Fine vom Institut für Angewandte Philosophie und Öffentliche Ethik der Universität Melbourne in Australien die jüngsten Veröffentlichungen zu hirnphysiologischen Geschlechterunterschieden aufs Korn. Nicht nur wenn Journalisten über Hirnforschung schrieben, sondern selbst bei Büchern, die von Wissenschaftlern stammten, würden sich eklatante Fehler nachweisen. Fine konzentrierte sich auf The Female Brain von Louann Brizendine, einen internationalen Bestseller. In dem Buch würden zahlreiche Thesen über hirnphysiologisch bedingte Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgestellt und dafür reihenweise wissenschaftliche Belege angeführt. Ginge man diesen jedoch auf den Grund, stellten sie sich oft als Überinterpretationen oder schlicht falsche Zitate heraus. So sei es auch nicht verwunderlich, wenn Forscher in dem renommierten Magazin Nature Neuroscience über das Buch schrieben: Es sei enttäuschend, wie es selbst die grundlegendsten Standards wissenschaftlicher Genauigkeit und Ausgewogenheit verletze. Behauptungen der Autorin Brizendine wie diejenige, Frauen seien besser zur Empathiefähig, weil sie mehr „Spiegelneuronen“ besäßen, entpuppen sich daher als überzogen. Ein besonders fragwürdiges Beispiel ist, wenn die Ergebnisse einer Verhaltensstudie als Beleg dafür herangezogen würden, dass nur weibliche Psychotherapeuten ihre Patienten spiegeln – Cordelia Fine hat bei ihrer Quellenanalyse herausgefunden, dass sich die Buchautorin hier auf eine Studie berufe, die ausschließlich Frauen untersucht habe und daher prinzipiell keine vergleichenden Aussagen zwischen den Geschlechtern zulasse. In einem besonders fragwürdigen Licht erscheine das Buch auch deshalb, weil sich Brizendine im Vorwort zur Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit bekenne und vollmundig ankündige, dafür im Zweifelsfalle auch die Regeln der politischen Korrektheit zu verletzen.

Der Workshop in Montréal war nur ein Startschuss für das Projekt der kritischen Neurowissenschaft. Die Beiträge, wenn auch zu vielen verschiedenen Themen, haben aber eines unisono deutlich gemacht: Es ist ein Projekt, das seine Notwendigkeit nicht erst beweisen muss.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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8 Kommentare

  1. @ Schleim – Rückzugsgefecht in Montreal

    (Polemik)

    Wahrheiten, in Jahrhundertem zu Plattheiten verschliffen, Rückzugsgefechte, Schützengräben an einer verlorenen Front. Nur weil ihr, in den “Humanities”, den “Natural Scientists” ihren Erfolg neidet. Weil ihr so akkurat sein wollt wie sie, so vorhersagend, so “wirklich”, so technisch, weil ihr in ihren Autos einherfahrt, und Spass daran habt, in ihren Fliegern zu Konferenzen zu eilen, um dort kolletiv schlau sein zu können, und weil deren SSRIs Euch von Euren Depressionen befreien.

    Ich versteh’ Euch nicht, ich versteh’ Euch wirklich nicht. Da habt ihr die Geltungsbereiche all dessen, was WIRKLICH interessant ist – Mensch, Welt, Gott – und ihr lasst Euch darauf ein, Euch ein Wirklichkeitsmodell aufzwingen zu lassen, dass nur auf Vorhersage, Überprüfbarkeit, und Technologisierbarkeit beruht?

    Ihr, ihr Philosophen im Speziellen, ihr habt einen üblen Fehler gemacht: ihr habt geglaubt, dass man auf die metaphysische Rede verzichten könne. Aber sie kehrt zurück, in Form von esoterischem Gelaber und kreationistischem Geschwätz.

    Verdammt noch mal: wieso werdet Ihr da draussen, in den “Humanities”, in der Theologie, nicht endlich mal offensiv?
    Wenn Ihr das nicht packt, dann kann ich Euch leider auch nicht helfen. Wittgenstein: Euer Totengräber.

    (Ende Polemik, Beginn experimenteller Text)

    Und eigentlich hab’ ich eigentlich auch gar nicht vor, Euch zu helfen. Eure Sache (die der Geisteswissenschaften) ist lange verloren. Meine Sache (die Naturwissenschaften, für die ich ausgebildet wurde) auch. Denn beide gehen an der Sache, am Sinn der Veranstaltung, vorbei.

    Und der Sinn ist: “Wirklicher zu sein als die Wirklichkeit” (Nicht von mir, aus unbekannter Quelle geklaut).

    Von mir aus, damit die Symmetrie gewahrt bleibt: “…nichtiger zu sein als das Nichts”.

    Wir sind hier, um ein Kunststück zu vollbringen, denn die oben zitierte Definition aus unbekannter Quelle ist die von “Kunst”.

    Aporien, lauter Aporien, lauter Weglosigkeiten. Aber könnte nicht die Welt ein Ort der Weglosigkeit sein?

  2. öhmm…

    Hallo,
    resümierend wohl mal wieder ein von Wissenschaftskritik geprägter Beitrag.

    Diese sind aber nun auch mal nur Menschen. Das merkwürdigste ist wohl, dass man als Mensch, die eigene Komunikation für gehaltvoller einschätzt.

    Mir erscheint es als Komunikationsphänomen, dass der reine “wahre” Inhalt von Aussagen bei 30-40% des Komuniziereten liegt. Diese Zahlen werden scheints noch schlechter, wenn großen Gruppen unbedingter Wahrheitsgehalt vermittelt werden soll.
    Das ganze lässt sich derart reduzieren, das nur noch Konsens und Emphatie transportierende Hüllen, im wissenschaftlichem Deckmäntelchen, transportiert werden.
    Output scheint mühelos, Input machts auf den ersten Blick oft keine Mühe.
    Für mich hat das aber oft den Karakter eines Mückenschwarms.
    Aussagen, Bilder, Wahrheiten, Empfindugen und wie die kleinen Tierchen
    alle heissen, wusseln durch die Luft und man wird Ihnen mit Schlägen nicht Herr.

    Seriösität ist weder stets beabsichtigt, noch stets gewünscht.

    Gruß Uwe Kauffmann

    (*Ja ich gebe es zu ein Saure-Gurken-Beitrag :-)*)

  3. Interpretations-Sache

    Die bildgebende Neurologie untersucht Erregungszustände des Gehirns, nachdem ein Denkprozess stattgefunden hat. Die gemessenen Änderungen werden interpretiert und ausgewertet, um ein Ergebnis zu erhalten.
    Das Ergebnis hängt also von der Qualität der Messgeräte und der Phantasie des interpretierenden Wissenschaftlers ab.
    => mit dieser Vorgehensweise hat man schon wesentliche Erkenntsisse über die Funktion von Gehirnen erzielen können.
    Viele Menschen profitieren davon; z.B. durch bessere ärztliche Behandlung oder durch Anwendungen der Verhaltenspsychologie.

    Um so bedauerlicher ist es, dass der lebende Mensch für die Forschung teilweise unerwünscht ist.
    Denn die sogenannten Nahtod-Erfahrungen liegen in mehreren tausenden Erlebnisberichten vor. Diese Berichte werden immer noch ignoriert, statt sie auf ihre Grundstruktur zu abstrahieren und auszuwerten.
    Bei den Nahtod-Erfahrungen erlebt man LIVE und selbstbeobachtbar, wie das eigene Gehirn arbeitet: Erinnerungen des episodischen Gedächtnisses werden durchsucht und mit dem aktuellen Verstand (Eigenverständnis) neu bewertet.

    Es ist schade, dass die Gehirnforschung diese Erlebnisse lebender Menschen nicht auswertet. Man könnte viel über den Ablauf von Denkprozessen lernen – und möglicherweise könnte man sogar verstehen, wie mathematische Prozesse ablaufen. (Der Engländer David Tammet ist Synergetiker, er kann LIVE sehen und beschreiben, wie mathematische Prozesse in seinem Gehirn ablaufen.
    Wenn man die Nahtod-Erlebnisse analysieren und verstehen würde, dann könnte man eventuell auch seine Beschreibungen auswerten.)

  4. Kommentar 4

    Ha! Ertappt! Helmut Wicht treibt seine Scherze mit uns, der alte Schelm! Ha! Ha! Und der Artikel ist arm. Blabla bla bla bla bla bl… .

  5. @ Adalbert Dreyer/Kommentar 4/3x

    Boaaaah!
    Steilvorlage!
    In den Lauf!
    Und nun: Hackentrick, Körpertäuschung, ein geschickt eingesetzter okkulter Fallrückzieher in den altgiechischen Zitatenschatz:

    “dis kai tris to kalon!”

    “TOOOR!”

    Nein, Scheisse, abseits.

    “Dis kai tris to kakon…”

    Scherze? Hier scherzt keiner. Alles todernst. Der Tod ist ein schlechter Scherz. (

  6. Kritische Naturwissenschaft Fordern

    Wünschenswert wäre, dass solche Analysen der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen von Wissen und ihres Einflusses auf das Wissen viel intensiver und auch für weitere naturwissenschaliche Bereiche auch in Deutschland stattfinden würden. Statt dessen wird hier versucht Geistes- und Sozialwissenschaften auf Akzeptanzbeschaffung zu reduzieren.

    Die Naturwissenschaften müßten sich endlich auch modernisieren und als kritische Wissenschaften aufstellen und nicht weiter dogmatisch epistemologisch auf dem Stand des vorletzten Jahrhunderts verharren.

    Siehe dazu: http://www.ak-anna.org/naturwissenschaftskritik_alternativen/naturwissenschaften_kritik.htm

  7. Ach Herr Schleim

    Vielleicht bedient sich die Hirnforschung in ihrem Übereifer und der Freude über den Erkenntnisgewinn derzeit noch nicht zugelassener Methoden. Aber die Grundaussage, “dass kein menschlicher Gedanke ohne ein neuronales Korrelat existiert” und “unser Bewusstein eine Illusion ist” wird sich irgendwann durchsetzen. So schmerzhaft das für Philosophen und Theologen sein wird. – Es ist nur eine Frage der Zeit.

    rk

  8. @ Müller: Erkenntnis statt Schmerzen

    Na, und aus welcher zuverlässigen Quelle beziehen Sie Ihre Wahrheit?

    Es geht doch nicht darum, ob eine Erkenntnis schmerzhaft ist, sondern ob für eine These auch gute Gründe angeführt werden. Je stärker die These, desto besser müssen die Gründe sein.

    Den Rest können wir als Glaubenssätze markieren.

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