Neuro-Psycho-Erkrankungen?

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Was ist eine psychiatrische Erkrankung? Was unterscheidet sie von einer neurologischen? Mit dieser Frage beschäftigten sich schon Urväter der Psychiatrie wie Emil Kraepelin (1856-1926), der große Fortschritte zur Unterscheidung der Erkrankungen brachte, oder Alois Alzheimer (1864-1915), als er die Forschung der nach ihm benannten Gehirnerkrankung vorantreib. Sie kann auch 100 Jahre später noch nicht als gelöst gelten.

Wird man eines Tages psychiatrische Erkrankungen wie hier dargestellt im Gehirn sichtbar machen können?Würde es helfen, Erkrankungen des zentralen (Gehirn, Rückenmark) und des peripheren Nervensystems (die Nervenbahnen, die von dort ausgehen) zu trennen? Oder betreffen psychiatrische Erkrankungen eher das Gemüt und das Denken, während ihre neurologischen Pendants sensorische und motorische Störungen umfassen? Wie wäre es damit, von einer neurologischen Erkrankung zu sprechen, wenn es sich bei ihrer Ursache um eine umgrenzte neuronale Schädigung oder Übertragungsstörung handelt? Letzteres scheint die Konsequenz zu beinhalten, dass eine zuvor psychiatrische plötzlich zu einer neurologischen Krankheit würde, wenn man ihre genauen Ursachen herausfände. Damit wäre es von unserem Wissensstand abhängig, in welches Gebiet eine Erkrankung gehört.

Doch zeigt ein Blick in die Medizingeschichte, dass genau so etwas passieren kann. Ein Beispiel hierfür ist die Epilepsie, die man anfangs für eine psychiatrische Erkrankung gehalten hatte, als ihre genauen Ursachen noch unbekannt waren. Nachdem der Jenenser Medizinprofessor Hans Berger (1873-1941) die EEG-Kurven des menschlichen Gehirns entdeckt hatte, fand man bei einer Epilepsie-Patienten zufällig starke Auffälligkeiten. Der Medizinhistoriker Cornelius Borck von der Universität Lübeck fasst dies wie folgt zusammen:

Die im EEG beobachtete Störung der Hirnelektrik formte das gesamte Krankheitsbild der Epilepsien um. Aus einer Geistesstörung, die in die Zuständigkeit der Psychiatrie fiel, wurde eine neurologische Gehirnkrankheit (Borck 2005: 18).

Cornelius Borck: HirnströmeDas Beispiel scheint auf eine absurde Konsequenz zu deuten, wenn man sich einen gegenwärtigen Trend der Psychiatrieforschung vor Augen führt: Die meisten psychiatrischen Erkrankungen werden durch Gespräche, Beobachtung und Fragebögen diagnostiziert. Das hat zwar den Vorteil, dass sich Psychiater nun im Großen und Ganzen darüber einig sind, welche Erkrankung ein Patient hat, bleibt oft jedoch vage und unbefriedigend. Man wünscht sich eine Art Lackmustest, der ein handfestes Diagnosekriterium darstellt. In etwa: Färbt sich das Röhrchen rot, ist der Patient krank, ansonsten geht es ihm gut. Der offensichtliche Ort, nach biologischen Merkmalen psychiatrischer Erkrankungen zu suchen, ist das Gehirn. Nun versuchen Forscher schon seit mehr als 30 Jahren beispielsweise für die Schizophrenie mithilfe der bildgebenden Hirnforschung neuronale Begleitumstände zu finden – mit sehr bescheidenem Erfolg (vgl. Walter & Wolf 2002). Bei anderen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen sieht es nicht wesentlich besser aus.

Sich über die Ursachen dieser Situation Gedanken zu machen, würde einen eigenen Artikel erfordern. Ich möchte hier nur noch den Gedankengang der oben erwähnten „absurden Konsequenz“ abschließen: Nehmen wir an, Forscher fänden eines Tages die neuronalen Ursachen für psychiatrische Erkrankungen – würden diese dann, wie wir es am Beispiel der Epilepsie gesehen haben, zu neurologischen Erkrankungen werden? Wenn wir die Ursachen nicht nur auf der Ebene der Nervenzellen erkennen, sondern auch behandeln könnten, bräuchten wir dann noch Psychiater? Persönlich glaube ich zwar, dass Psychiater noch für lange Zeit eine wichtige Rolle spielen werden aber scheint mir die Logik der neuesten Forschungstrends den Gedanken einer Abschaffung der Psychiatrie zu beinhalten. Vielleicht ist es die plausibelste Antwort, dass sich zusammen mit dem neuen Wissen über die Erkrankungen auch die Psychiatrie ändern würde.

Lesen Sie in einer der kommenden Folgen darüber, wie sich Psychiater gerade auf die nächste Generation der Diagnose psychiatrischer Erkrankungen einigen. Kürzlich fand übrigens eine Klausurwoche zum Thema statt, an der ich auch teilgenommen habe. 

Quellen:
Borck, C. (2005). Hirnströme. Eine Kulturgeschichte der Elektroenzephalographie, Göttingen.

Walter, H. & Wolf, R. C: (2002). Von der Hypofrontalität zur dynamischen Dysfunktion. FMRT-Studien bei Patienten mit Schizophrenie. Nervenheilkunde, 21: 392-9.

Grafiken: Gehirn: selbst; Buch: Cornelius Borck

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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2 Kommentare

  1. @Neuro-Psycho-Erkrankungen?

    Das ein sehr guter Artikel hier, ich selber bin bekennender Legastheniker und Legasthenieforscher. Und es hasse mich natürlich auch mit verschiedenen Themen in diesem Bereich. Auch in meinem Bereich der Legasthenie streiten sich so einige Wissenschaftler ob die Legasthenie nun ein neutrales oder psychiatrisches Problem ist.

    Die Legasthenie ist nach meiner Auffassung, kein psychiatrisches. Sondern ein Neurales und ein pädagogisch didaktisches.

    Bis heute behauptet man in der Psychotherapie, dass die Legasthenie eine psychische Störung und Erkrankung sei. Das ist aber eindeutig falsch.

    Die Legasthenie ist eine andere Form der Wahrnehmung und Intelligenz. Durch diese kann es zu unterschiedlichen Fehler in den Bereichen der Aufnahme und Wiedergabe, von geschriebenen, gesprochenen, gelesenen, gehörten und anderen sehr unterschiedlichen Bereichen kommen.

    Und da kommt gerade das Thema “Neuo” ins Spiel. Man hat schon vor einigen Jahren in den Neuronen Wissenschaften nachgewiesen, dass die Hörner von legasthenen anders vernetzt sind. Also ist dies ganz klar keine psychische Erkrankung, sondern ist eine andere Form der neutralen Vernetzung legasthener Gerhine.

    Wenn man hier genau von der primär Legasthenie spricht, braucht man auch in diesem Falle keinen Psychiater. sondern den didaktisch pädagogischen Bereich.

    Die Psychotherapie, hat bis heute aufgrund der falschen Sichtweisen viele Menschen ins abseits gebracht, und sie von wirklicher Chancengleichheit abgehalten. Nur weil bestimmte Fachleute behaupten das die Legasthenie eine psychische Erkrankung sei.

    Das ist normal ein Denkanstoß, der gut zu ihren Beitrag passt, vielleicht kann man das Thema mal zusammen genauer ausbauen, wenn Interesse da ist…

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    Legasthenie ist keine Schande

  2. Das wird auch

    nie so richtig Funktionieren. Natürlich kann man irgendwann möglicherweise die Folgen von Depressionen in einem bildgebenden Verfahren oder durch andere vergleichbare Testverfahren herausfinden, das zeigt aber vielmehr die Folgen beispielsweise einer durch Beziehungsstörungen entstandenen Depression.

    Es kann doch überhaupt keine klare Linie geben?

    Oder bin ich nur zu sehr Laie?

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